Wie spät ist es?

Im Spiegel erscheint diese Woche eine Geschichte, die so Multi angekündigt war, dass ich alleine wegen dieser Multi-Geschichte 3,99 Euro ausgegeben habe, um sie jetzt zu lesen (bevor ich sie morgen gedruckt auf dem Schreibtisch liegen habe). Die Geschichte handelt von einigen Uhrmachern, die dazu befragt werden, welche Haltung sie zu diesen modernen digitalen Zeitanzeigern haben. Natürlich haben sie allesamt jede Menge Meinungen zu diesen Digital-Geräten und natürlich loben sie vor allem die alten traditionellen Uhren, die sie aus unterschiedlichen Gründen für besser halten.

Die Geschichte, auf die ich mich beziehe, handelt nicht von Uhren, sondern von Tageszeitungen. Dabei wäre es ganz toll, wenn man für einen Moment annehmen würde, dass wir von Uhr- und nicht von Zeitungsmachern reden. Sofort wäre eine Verzerrung in der Perspektive zu erkennen, die bei der Frage nach der Zukunft der Zeitung vielen nicht auffällt – auch den Autoren der Spiegel-Geschichte nicht.

Wir befinden uns mitten in einem tiefgreifenden Medienwandel. Dabei verändern sich gelernte Begriffe und neue entstehen. Kein Text über die Zukunft der Zeitung kommt ohne diesen Satz aus, die darin enthaltene Erkenntnis fehlt dennoch oft. Denn obwohl wir um den Wandel wissen, lassen wir uns so sehr von dem bestimmen, was wir gelernt haben, dass wir – als Uhrmacher – glauben, diese neuen Digital-Dinger seien etwas anderes; etwas, das wir keinesfalls Uhr nennen dürfen. Wir – als Medienmacher – nennen es online oder digital; wir sprechen von Webseiten wo wir auch Zeitung sagen könnten.

Eine Tageszeitung war – und ist es auch heute noch – diese auf Papier gedruckte tägliche Portion an Informationen, für die Menschen sich begeistern (und auch Geld ausgeben). Eine Tageszeitung wird – und ist es zum Teil auch heute schon – eine auf anderen Wegen verbreitete Portion Information, für die Menschen sich begeistern (und auch Geld ausgeben).

Ich weigere mich, das Transportmedium Papier (das objektiv einige Nachteile hat) als bestimmendes Kriterium für eine Tageszeitung anzuerkennen. Ich weigere mich diese Haltung anzunehmen, weil ich glaube, dass sie betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Es gibt Menschen, die gerne eine Digitaluhr tragen wollen. Warum sollte ich als Uhrmacher ihnen erklären, dass es sich dabei gar nicht um eine Uhr handelt (und sie damit übrigens als Kunden verlieren)? Den Wert einer analogen Uhr stellt man nicht dadurch heraus, dass man digitale Zeitanzeiger schlecht redet oder ihnen gar den Titel „Uhr“ verweigert. Eine Uhr ist etwas, das mir verlässlich die Zeit ansagt. Eine Zeitung ist etwas, das mich verlässlich informiert.

In der Spiegel-Multistory ist der SZ-Kollege Stefan Plöchinger mit vielen klugen Einschätzungen zitiert. In einer sagt er, dass es gerade eine sehr gute Zeit sei um Journalismus zu machen. Ich würde das sogar noch konkretisieren: Es ist gerade eine sehr gute Zeit, um Journalismus ausgerechnet bei einer Tageszeitung zu machen (siehe dazu meinen Blogpost aus dem vergangenen Krisenherbst). Wir stehen kurz vor der Neudefinition des Begriffs Tageszeitung. Diese verlangt es, dass wir uns als Uhrmachern darauf konzentrieren, was unsere Stärke ist. Wir müssen herausfinden, was die Leute an unserer Arbeit schätzen statt darüber zu sprechen, was uns selber gut gefällt, weil wir es schon ewig so machen. Das ist anstrengend, aber keineswegs ungewöhnlich. Uhrmacher haben diese Frage beantwortet und auch die Buchbranche wird eine Antwort darauf finden: bisher unterscheidet man dort noch zwischen Buch und eBook – und nicht wenige glauben zweiteres sei in Wahrheit gar kein Buch.

Das alles heißt übrigens keineswegs, dass die Unterschiede zwischen der analogen und der digitalen Uhr aufgelöst würden. Im Gegenteil: Beide können „Uhr“ heißen und dennoch ihre spezifischen Stärken herausarbeiten. Diese Herausforderung – zu der für mich sehr dringend das konsequente digitale Denken gehört – sollten Tageszeitungen annehmen statt darüber nachzudenken, wie man diese digitalen Zeitanzeiger nun am besten nennen könnte.