Wish I Was There: Geoblocking vs. Crowdfunding

Diese Momente sind selten. Deshalb muss man festhalten, was gerade in den Kommentaren von Zach Braffs Crowdfunding-Projekt „Wish I Was Here“ auf Kickstarter passiert. Es ist eine Empörungswelle, die durch den Aufprall zweier Denkweisen entsteht. Es geht darum, aus welcher Perspektive man auf Kultur und deren Geschäftsmodell im digitalen Raum schaut. Da diese sich gerade sehr grundlegend ändert, lohnt es sich, diesen Moment genau zu beobachten. Einerseits weil er sehr ärgerlich ist, aber andererseits auch deshalb weil man vielleicht etwas lernen kann.

Die Art und Weise, wie Zach Braff im direkten Austausch mit seinem Publikum einen Film finanzierte, hatte ich hier bereits mehrfach erwähnt. Unter anderem auch wegen der guten Kommunikation, die mit dem Crowdfunding verbunden war – genau diese steht nun in der Kritik, denn niemand hatte den Unterstützern des Projekts vor diesem Wochenende gesagt, dass die groß angekündigte Option, den Film schon vor dem US-Start im Stream zu sehen, in Wahrheit gar nicht für jeden Unterstützer des Projekts gilt. Denn – so informierte mich ein Mitarbeiter des Streaming-Dienstleisters als ich den Film anschauen wollte:

Sorry, this weekend’s screening is not available in your region

Region, also Herkunft, ist eine Kategorie, die beim Start des Projekts keine Rolle spielte. Egal welchem Land die IP-Adresse zugeordnet war, mit der man auf die Crowdfunding-Seite kam: Man konnte bezahlen. Auch deshalb kam der Film zustande, es wurden besondere Aktionen für Menschen in Frankreich, Italien, Deutschland ins Leben gerufen, der englische Sprachraum erweitert. Überall auf der Welt sitzen Unterstützer von Zach Braff und seinem Film. Sie warteten darauf, den Film endlich sehen zu können – und anschließend ihren Freunden und Bekannten davon zu erzählen. Denn das Screening an diesem Wochenende ist für Fans etwas durchaus Besonderes: davon werden sie erzählen.

blocked

Doch statt des Films bekommen sie das hier: ein Stopp-Schild. Schuld daran ist eine falsche Herkunftsadresse beim Surfen. Wer versucht die Seite aus einem Land aufzurufen, das laut Nutzerkommentaren bei Kickstarter nicht USA, Großbritannien oder Australien heißt, erhält keinen Zugang. Das nennt man Geoblocking. Denn in diesen Ländern greifen offenbar Verwertungsverträge für den Film, die den Zugriff verweigern. Details zum konkreten Fall lassen sich derzeit nicht ermitteln. Man kann aber sicher sagen: Region, also Herkunft, ist eine Kategorie, die für Verwertungsketten von Filmen eine sehr große Rolle spielt. Deshalb gibt es unterschiedliche Start-Termine für Filme, die im weltweiten Netz aber natürlich schon zum meist am Anfang stehenden Start im größten Markt (USA) beworben werden. Dem Zuschauer außerhalb der USA wird also der Mund wässrig gemacht und gleichzeitig sagt man ihm, dass er aber noch drei Monate warten muss – ohne erkennbare Begründung. Denn das Essen steht ja auf dem Tisch, der Film ist verfügbar. Wie beim Bezahlen bei Zach Braffs Finanzierung gilt auch hier: Region als Kategorie spielt nur sehr einseitig eine Rolle. Nämlich da, wo sie dem Verwerter vermeintlich nützt.

Vermeintlich, denn ob diese Strategie, die Unterstützer durch Geoblocking erst in ein paar Wochen ins Kino zu locken, aufgeht, darf bezweifelt werden: Eine norwegische Studie belegte im vergangenen Jahr, dass es ein sehr logisches Mittel gegen illegales Kopieren von Inhalten im Netz gibt: Das beste Mittel gegen Piraterie sind legale Angebote. Mit Blick auf den aktuellen Fall formuliert: Wer einfache legale Angebote blockiert, züchtet sich seine eigene Piraterie. Dieser Nutzerkommentare belegt dies:

pirated

Ganz sicher züchtet ein solches Vorgehen aber einen Weitererzähl-Effekt, den jeder Filmverwerter eigentlich vermeiden sollte. Man muss das Wort Shitstorm gar nicht bemühen, um zu erahnen, dass den Fans, die ihren Freunden von diesem Film erzählen werden, im Moment nicht gerade Gutes einfällt.

Aber um diese Fans geht es denjenigen, die das Geoblocking zu verantworten haben, auch gar nicht. Und das ist der vermutlich bemerkenswerteste Punkt an dem Fall: Zach Braff hatte den Zugang zur Entstehung und den wirklichen Film an Menschen verkauft. Die Verwerter, mit denen er Verträge geschlossen hat (warum eigentlich auf diese Art?), interessieren sich erkennbar nicht für die Menschen, die den Film anschauen wollen. Sie interessieren sich für IP-Adressen. Und das macht den Aufprall gerade so laut und so lehrreich: Es sind zwei grundlegend verschiedene Perspektiven auf das Publikum, die hier zu Tage treten. Welche davon zukunftstauglicher ist, mag jeder selbst entscheiden.

Der Slogan des Films heißt übrigens: „Das Leben ist eine Gelegenheit, zeige dich ihr gewachsen.“ Besser kann man kaum beschreiben, was die Digitalisierung fordert.

Update: Bei Meedia gibt es ein paar Hintergründe zum Thema