Digitale Notizen

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Anfang Oktober hatte Alan Rusbridger angekündigt, dass er Ende November eine Rede über den Zustand des Journalismus halten wird. Diese Rede ist jetzt unter dem Titel The splintering of the fourth estate veröffentlicht worden – und sie ist lesenswert.

Sie enthält neben vielen klugen Ansätzen auch diesen Satz über Twitter

But saying that Twitter has got nothing to do with the news business is about as misguided as you could be.

Rusbridger begründet dies mit 15 Punkte, die begründen Why Twitter matters for media organisations:

1. It’s an amazing form of distribution
2. It’s where things happen first
3. As a search engine, it rivals Google
4. It’s a formidable aggregation tool
5. It’s a great reporting tool
6. It’s a fantastic form of marketing
7. It’s a series of common conversations. Or it can be
8. It’s more diverse
9. It changes the tone of writing
10. It’s a level playing field
11. It has different news values
12. It has a long attention span
13. It creates communities
14. It changes notions of authority
15. It is an agent of change

Bereits Ende September hatte ich in der SZ über die gestiegene Bedeutung von Twitter für den Journalismus geschrieben und dabei auch Peter Horrocks zitiert, einen anderen britischen Chefredakteur, der den Wert von Twitter lobt. Doch spätestens seit dieser Rusbridger-Rede sollten auch die Twitter-Skeptiker, mal einen Blick in dieses Universum werfen.

Der Kollege Thomas Mrazek hat mich (wie auch Lorenz Lorenz-Meyer u.a.) für die Neuauflage der netzwerk recherche-Werkstatt interviewt, die Ende November erscheint. Das Interview erscheint dort unter dem Titel „Wir müssen uns auf die Gegebenheiten des digitalen Raums einlassen“. Thomas hat mir gestattet, es hier vorab zu veröffentlichen.

In der Publikation „Digitale Mediapolis“ werden Sie wie folgt zitiert : „Das Internet ist – richtig eingesetzt – ein äußerst positives Instrument. Es macht aus dem reinen Publizieren echte Kommunikation, es eröffnet die Option zum Dialog und bindet den vormals passiven Leser als aktiven Nutzer mit ein. Die Chancen, die in dieser Entwicklung stecken, sind erstaunlich groß.“ Schön und gut. Aber wo werden denn im deutschen Online-Journalismus diese Chancen genutzt, außer vielleicht auch bei Jetzt.de?
Es stimmt, Jetzt.de bindet seine Leser ein und gibt ihnen die Möglichkeit, sich als Nutzer aktiv zu beteiligen. Aber auch bei den Angeboten, die dies nicht bewusst fördern, bleibt der Leser keineswegs stumm – er sucht sich nur andere Kanäle, um seine Meinung öffentlich zu äußern. Wer Blogs, Twitter und Facebook aufmerksam verfolgt, stellt fest, dass die vormals passiven Rezipienten sich dort zu Wort melden. Darauf reagieren leider noch viel zu wenig klassische Medien angemessen. Ich bin aber davon überzeugt, dass sich dies sehr bald ändern wird: Wer Beispiele dafür sucht, kann die zahlreich im angelsächsischen Raum finden.

Wie hat sich das Genre des Online-Journalismus in den letzten Jahren entwickelt, wohin könnte es gehen?
Ich bin unsicher, ob wir Online-Journalismus überhaupt noch als Genre verorten können. Spätestens seit Facebook erleben wir vielmehr eine Entwicklung, das Offline-Leben auch online abzubilden. Der Journalismus steht hier vermutlich am Anfang eines größeren gesellschaftlichen Trends. In jedem Fall führt dies zu einer Auflösung der klassischen Trennung von Online- und Offline-Journalismus. Das Netz wird vielmehr zu einer Bühne, die für Journalisten aller Gattungen an Bedeutung gewinnt bzw. unumgänglich sein wird. Insofern würde ich den aktuellen Zustand als Übergang beschreiben. Ich persönlich verbinde die Hoffnung damit, dass es ein Übergang zu einem Online-Publizieren wird, das sich durch die gleichen Werte auszeichnet, die herausragenden Journalismus etwa in Print ausmacht und diese um netzspezifische Eigenschaften wie zum Beispiel den Dialog ergänzt. Ganz konkret:Das wichtigste Gut, das klassische Medien im digitalen Raum haben, ist ihre Glaubwürdigkeit. Alle Entwicklungen, die diese gefährden, halte ich für problematisch.

Wie könnte sich der Journalismus im Netz in Zukunft finanzieren lassen — sowohl bei „größeren“ (etwa Focus Online) als auch bei „kleineren“ (lokaler Einmann-Blogger) Medien?
Ein Finanzierungsmodell, das wird in der Debatte um Paid-Content oft vergessen, ist das über Displaywerbung. Das gibt es bereits und nicht nur Google lebt ganz gut damit. Darüber hinaus stehen größere wie kleinere Medien vor der Herausforderung, die Vorgaben des digitalen Raumes zu interpretieren und daraus Schlüsse für neue Geschäftsmodelle zu ziehen. Zentral steht dabei für mich die Frage nach dem Leser und Nutzer: Wofür ist er oder sie bereit zu zahlen? Und damit meine ich nicht nur die Produktkategorie „Content“. Es gibt Entwicklungen im Bereich der Musik, an denen wir sehen können, dass Menschen nicht für die Datei zahlen, die ein Lied enthält, sondern für die Nähe auf Konzerten und im digitalen Raum.

Was halten Sie von der unter anderem vom ehemaligen Focus Online-Chefredakteur Jochen Wegner gerne lancierten Feststellung, dass Journalisten zu Unternehmern werden müssten; wie könnte dies im Online-Bereich aussehen?
Jochen Wegner hat sich das ja nicht ganz alleine ausgedacht. Im angelsächsischen Raum gibt es diese These schon länger und ich halte sie insofern für richtig, dass sich damit ein kultureller Wandel verbindet. Journalismus wird im Netz zu einem Dialog. Wir werfen unsere Inhalte nicht mehr einfach über den Lesern ab und fliegen dann einfach weiter, sondern werden als Dialogpartner greifbar. Wir sollten darauf reagieren und das Publizieren als Kommunikation verstehen. In der Frage, ob das journalistische Unternehmertum auch die Tatsache einschließt, dass man sich selber als Marke verstehen und vermarkten soll, bin ich unschlüssig. Diese Behauptung liest man aber auch immer häufiger.

Besteht nicht gerade im Online-Bereich mittlerweile die Gefahr, dass das Primat der Ökonomie den gutrecherchierten Journalismus verdrängt?
Ich glaube nicht, dass Verleger in der reinen Offline-Welt von früher aus bloßer Menschlichkeit Publikationen herausgegeben haben. Auch vor dem Internet mussten privatwirtschaftliche Medien sich tragen, soll heißen: Das Primat der Ökonomie ist nicht wirklich neu. Durch die Digitalisierung haben sich aber die Bedingungen verändert. Nicht nur zum Besseren, das stimmt. Ich bin davon überzeugt, dass hier noch einiges getan werden kann, um sie auch aus klassischer journalistischer Perspektive zum Besseren zu wenden. Dafür müssen wir uns auf die Gegebenheiten des digitalen Raums einlassen und mehr Mut als bisher beweisen.

Welche Rolle spielt die Nutzerbeteiligung im Online-Journalismus jetzt und in Zukunft?
Gegenfrage: Wodurch unterscheiden sich die großen Nachrichtenportale (nicht nur) in Deutschland? Alle setzen auf Geschwindigkeit und News. Einige mit mehr Bildern, andere mit mehr Hintergrund. Ein wirkliches Unterscheidungskriterium sucht man aber vergebens. Am Ende wird dies auch darin liegen, welche Leser auf der jeweiligen Seite sind. Das Internet hilft uns, die unausgesprochene Verbindung zwischen den Lesern und Autoren einer Publikation abzubilden. Durch das Internet werden Medien zu Räumen, vergleichbar mit einem Club oder einer Bar: Da geht man hin, weil es dort Speisen und Getränke gibt, klar. Aber man geht auch deshalb dorthin, weil man dort bestimmte Leute trifft und andere eben nicht. Diesen Aspekt haben viele Medien überhaupt noch nicht in den Blick genommen.

Wird die Arbeit als Onlinejournalist nicht immer schwieriger, unüberschaubarer etwa durch Angebote wie Wikileaks, die sozialen Netzwerke, die wachsende PR-Industrie?
Natürlich. Deshalb müssen wir immer besser werden. Aber ohne diese Herausforderung würde der Beruf doch keinen Spaß machen.

Und welche Rolle spielt Google: Was halten Sie davon, dass Journalisten ihre Texte suchmaschinenoptimiert schreiben; bis zu einem gewissen Maß mag das ja sinnvoll sein, aber wo wird es Ihrer Meinung nach gefährlich? Und immer noch nicht geklärt ist die Frage: Ist Google Freund oder Feind der Journalisten?
Google bietet Instrumente, die für uns als Journalisten sehr hilfreich sein können – auch in der Vermarktung und Verbreitung unserer Inhalte im Netz. Wie bei allen Instrumenten, sollten wir jedoch die Kosten und Nutzen sehr genau abwägen. Nur weil das Angebot von Google ohne direkte Bezahlung angeboten wird, ist es ja nicht kostenlos. Darüber sollten wir Journalisten uns bewusst werden – auch bei der Ausrichtung auf Suchmaschinen. Darüber hinaus sollten wir vor lauter Konzentration auf Google nicht vergessen, dass wir gerade erleben, wie dem Suchen nach Inhalten ein zweiter Kanal beigefügt wird, über den Menschen an Nachrichten kommen: über Hinweise von Freunden und Bekannten in sozialen Medien. Dabei geht es nicht mehr darum, dass jemand bewusst nach einer Meldung oder einem Thema sucht, sondern sich durch Hinweise leiten lässt. Die Bedeutung dessen haben wir – glaube ich – noch nicht annähernd eingeordnet.

Welche Qualifikationen sollte ein Onlinejournalist angesichts des rasanten Medienwandels mitbringen, muss er in allen möglichen sozialen Netzwerken aktiv sein, welche multimedialen Techniken sollte er beherrschen? Wird in der journalistischen Aus- und Weiterbildung dafür gut genug ausgebildet?
Wir erleben derzeit einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, der nicht nur unseren Beruf verändert. Ich würde mir wünschen, dass mehr Journalisten aktiv mithelfen, diese Veränderungen zu gestalten. Das gilt auch für die Aus- und Weiterbildungseinrichtungen. Man muss aber auch sagen: Züge, in denen man sitzt, kann man schlecht beim Fahren beobachten. Soll heißen: In manchen Fällen wissen wir noch gar nicht, was richtig und was falsch sein wird. Gerade deshalb ist aber eine erhöhte Wachsamkeit für den Wandel notwendig.

Inwieweit berühren neue Ausspielkanäle wie Tablets den Online-Journalismus – zeichnen sich da neue ökonomische Perspektiven ab, werden neue multimediale journalistische Erzählweisen entstehen?
Darauf hoffe ich. Die Pläne von Amazon, für den Kindle eine spezielle Länge für Texte zuzulassen, ist ein Schritt in diese Richtung. Multimediale Erzählformen werden hinzukommen. Wir sollten darüber aber nicht den Blick dafür verlieren, was die Basis für herausragenden Journalismus ist, egal über welche Kanäle er verbreitet wird: sauber recherchierte, verlässliche Inhalte. In Zeiten der Digitalisierung wird dies wichtiger denn je.

Mike Bracken erklärt, wie man beim Guardian mit Innovationen umgeht. Sehenswerter Clip zur Präsentation Controlling innovation in media organisations (and other myths)

Wir sollten uns aber lieber darauf konzentrieren, wie es mit dem Journalismus weitergeht. Sollten uns mit den Werten des Journalismus auseinandersetzten, als uns immer wieder den Kopf zu zerbrechen, auf welcher Plattform dieser erscheint.

Der Guardian-Chef Alan Rusbridger hat in einem Interview in dieser Woche mal wieder sehr kluge Dinge über die Zukunft des Journalismus gesagt.

„Wir reden von Medienkrise, und in Wahrheit erreichen alle Traditionstitel von ,Bild’ über ,Spiegel’ bis zum ,Handelsblatt’ doppelt so viele Menschen wie vor Einführung des Internets.“

Der Satz stammt von Gabor Steingart, dem Chef des Handelsblatt. Er plädiert dafür, die Chance des Netzes in den Vordergrund zu stellen, nicht die Risiken. Vor ein paar Monaten hatte Herr Steingart in einem Interview noch die Kostenlos-Kultur des Netzes kritsiert und gemahnt, Inhalte zu nicht zu verschenken.

Im Sommer hatte ich bereits hier notiert, dass ich das Bild des Verschenkens für falsch halte. Denn es ist ein Spezifikum des digitalen Raums, dass Inhalte hier zwar ohne Bezahlung zugänglich gemacht, aber deshalb trotzdem nicht verschenkt werden. Sie werden über Anzeigen finanziert – vielleicht nicht in dem Maße, das sich manch einer wünscht, aber auch nicht so beiläufig, dass man es nicht sehen könnte. In diesen Tagen feiert das Anzeigenmodell Google Adwords zehnten Geburtstag. Diese Idee der Online-Werbung ist nicht gerade unerfolgreich, sie basiert auf dem Prinzip des Verschenkens. Bezahlt wird hier mit Aufmerksamkeit.

Es mag wie eine Detailfrage klingen, ich glaube aber, dass wir so lange Probleme damit haben werden, die Besonderheiten des digitalen Raums zu verstehen und anschließend auch zu gestalten, wie es uns nicht gelingt, diese sprachlich zu fassen. So lange wir das Verschenken kritisieren, werden wir enorme Schwierigkeiten haben, Modelle im Netz zu finden, die helfen, einen hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Und die Verschenk-Annahme ist so tief verwurzelt, dass sie selbst ausgewiesene Experten wie unlängst Stephan Weichert und heute auch Christian Jakubetz verwenden. Er schreibt mit Blick auf Murdochs Paywall:

Wenn sich zehn Eisverkäufer nebeneinander aufstellen und neun verschenken ihr Eis, wird es der Zehnte mit seiner Paywall für Eis etwas schwer haben.

Ich glaube das Problem stellt sich anders da, wenn man nicht vom Verschenken spricht und auch die möglichen Lösungen sehen dann anders aus. Gleiches gilt übrigens für das (von Christian ebenfalls angesprochene) Problem des Überangebots an Informationen. Was wäre, wenn das so gar nicht stimmt? Vielleicht hat ja Michael O’Malley recht, der in seinem lesenswerten Text Attention and Information sagt:

Peo­ple often argue that we have too much infor­ma­tion and too lit­tle atten­tion; that this is a con­di­tion of being “mod­ern.” But the oppo­site may be true: that atten­tion is a human con­stant and that it con­stantly seeks new forms.

Ich glaube, dass wir um den digitalen Raum zu verstehen, auch unsere Sprache und Bilder überprüfen müssen. Wir dürfen – wie das Beispiel des Diebstahl-Dilemmas zeigt – nicht den naheliegenden Metaphern vertrauen, wir müssen akzeptieren, dass in einem Raum, in dem die Kosten für den Vertrieb auf Frost-Temperatur fallen andere Bedingungen herrschen als in einem, in dem diese Kosten sommerliche Grad-Zahlen erreichen. Peter Glaser hat seinen großartigen Text Der ganze Planet eine Technosphäre in LeMonde diplomatique unlängst mit der Feststellung begonnen:

Wer online ist, nimmt teil an dem größten kulturellen, ökonomischen und sozialen Experiment des 21. Jahrhunderts.

Ich glaube, dass diese Diagnose stimmt – sogar für diejenigen, die nicht online sind (bzw. glauben, dass sie das nicht sind) Dieses Experiment stellt viele gelernte Dinge in Frage, es fordert uns heraus und neue Ideen. Diese werden wir nur formulieren können, wenn wir die Sprache dafür finden. Das klingt so banal, dass man “geschenkt” sagen möchte. Ist es aber nicht.

Wir müssen über Zeitungen reden. Und dieser Film hier ist nur der optisch schönste Anlass dafür:

Gegen Ende des Beitrags erklärt die Lehrerstimme, der Beruf des Zeitungsjournalisten erfordere großen Mut. Dazu werden Bilder von Unwettern und Feuer gezeigt.

Dass Journalismus auch heute noch ein mutiges Metier ist, erkennt man, wenn man die Beiträge durchliest, die in den vergangenen Tagen zum Zustand der Zeitung veröffentlicht wurden (hier eine kleine Auswahl): Im New Yorker New Museum läuft eine Ausstellung namens The Last Newspaper, Paul Starr schreibt in New Republic ein Goodbye To The Age Of Newspapers (via), der Romanschreibende Exjournalist Tom Rachman (“Die Unperfekten”) erklärt im Interview mit der Welt:

Jetzt sieht es gerade sehr hässlich für die Zeitung aus. Sie haben Angst, dass die Qualität im Journalismus verschwindet.

und auch der Kollege Christian Jakubetz schreibt in seinen Zehn Thesen zur Zukunft der Zeitung vom Ende der Zeitung.

Doch selbst wenn einige dieser Indizien stimmen mögen: Ich glaube nicht, dass die Zukunft so düster ist wie sie derzeit gemalt wird. Christians Thesen zum Beispiel kranken an einem logischen Widerspruch (entweder Zeitungen sterben oder sie leben in einer Nische, beides wird nicht gleichzeitig gehen), der beispielhaft belegt, warum wir uns mit den Veränderungen so schwer tun, die die Digitalisierung angestoßen haben: Zeitungen werden sich verändern, aber sie werden nicht untergehen. Was sterben wird, ist vielleicht unsere heutige Perspektive auf Nachrichtentransport und -auswahl, aber nicht die Zeitung als glaubwürdige Institution.

Denn einen unschätzbaren Vorteil der Zeitung (neben anderen) verkennen wir vor lauter Schreckensszenarien oft: Eine Zeitung hat einen Anfang und ein Ende. Wer sie liest, nimmt einen aus dem Fluss der Informationen herausgelösten, abgeschlossenen Teil wahr, der seinen Wert allein daraus gewinnt, dass er sich dem ständigen Fließen der Web-Information entzieht. Eine Zeitung schafft eine Pause, eine Unterbrechung. Sie ist herausgehoben aus der Vernetzung des Web. Das kann ein Nachteil sein, vielleicht ist es aber eben auch ein besonderer Luxus, der eine Zukunftsperspektive bietet, sich aber sehr wohl vom heutigen Bild einer Zeitung unterscheidet.

Auch Tom Rachman sieht im oben zitierten Gespräch eine Chance für Zeitungen, deren Ausgestaltung er noch nicht kennt:

Es wird weiter einen Markt für gute Artikel geben, und deswegen wird auch an die Stelle der Zeitung etwas Neues treten, das das Gute am Printjournalismus bewahrt.

Wie spannend wäre das, nicht vom Niedergang der Zeitung zu lesen, sondern Texte, Thesen und Ansätze, die stattdessen den Versuch unternehmen, dieses “Gute am Printjournalismus” zu benennen und womöglich sogar auf den digitalen Raum zu übertragen Was hätte dann zum Beispiel aus der gerade gestarteten Zeitungsneugründung (ja sowas gibt es) namens “i” werden können, die man beim britischen Independent heute auf den Markt gebracht hat. (Wer das neue Blatt übrigens virtuell durchblättern mag: Der Guardian hat eine Galerie ins Netz gestellt – besonders gefällt mir dabei das zuschauerorientierte Fernsehprogramm der neuen Publikation).

Dieses Nachdenken über die Zukunft der Nachrichten im digitalen Raum bekommt – ebenfalls heute – ausgerechnet von Google neuen Antrieb. Im offiziellen Google-News-Blog wird angekündigt, Innovationen im digitalen Journalismus mit 5 Millionen Dollar zu fördern. Für Nicht-Amerikaner besonders interessant, im Rahmen der Knight News Challenge 2011 werden Projekte auch außerhalb der USA gesucht und gefördert. Die Ausschreibung gibt es deshalb sogar auf deutsch.

If tablets are the future, publishers need to reverse the sinking number of downloads, and make sure apps aren’t just a fraction of the “wheezing, old” print magazine.

Matt Kinsman liefert im Folio-Mag A Reality Check For Magazine Sales On the iPad und kommt zu dem Schluss:

Don’t expect the iPad to revamp your business just yet.

Im heutigen Tagessspiegel am Sonntag erscheinen in der Rubrik Zu meinem Ärger Antworten von mir – unter anderem zum It Gets Better Project mit Barack Obama:

Im Rahmen des World Editors Forum erklärte Giovanni di Lorenzo:

„Die Zeitung der Zukunft zeigt nicht den Informationsfluss, sondern die Ufer.”

Er hat dort wohl auch über “Ideologie des Internet” gesprochen, aber mich interessiert hier die Metaphorik des Flusses sehr viel mehr. Denn die Berkman- und Microsoft-Wissenschaftlerin Danah Boyd hat ebenfalls in dieser Woche einen erstaunlichen Text zur gleichen Metaphorik unter dem Titel Flow of Information through Social Media veröffentlicht. Darin geht sie genau auf das Fluss-Bild ein:

The metaphor implied by “streams” is powerful. The idea is that we are living inside the stream: adding to it, consuming it, redirecting it. The stream metaphor is about being in flow. It’s also about restructuring the ways in which information flows in modern society. Those who are most enamored with social media services like Twitter talk passionately about feeling as though they are living and breathing with the world around them, peripherally aware and in tune, adding content to the stream and grabbing content when appropriate. But this state is delicate, plagued by information overload and weighed down by frustrating tools.

Sie erläutert, worin die grundlegende Unterscheidung zwischen Broadcast-Medien auf der einen Seite und vernetzten Medien auf der anderen Seite besteht und beschreibt, wie mittels der Techniken des sozialen Web Information von einer Destination zu einem sich verflüssigende Gegenstand wurde. Das alles, schreibt sie weiter, scheint nicht neu, gelangt nun aber in den Mainstream:

But now that Web 2.0 is going mainstream, we’re seeing all sorts of folks get into the game. (…) If people are going to try to get in flow with information, we must understand how information flows differently today.

Darauf aufbauend entwickelt sie anhand von vier Schlagworten Thesen darüber, wie sich das vom “model of distribution to a model of attention” verschiebende Nachrichtengeschäft verändern wird (ja, sie geht später auch aufs Geschäftsmodell ein, bitte weiterlesen!). Die Thesen lauten …

democratization; stimulation; homophily and power.

… und gehen indirekt sogar auf die unlängst hier besprochene Auseinandersetzung zwischen Malcolm Gladwell und Clay Shirky um die gesellschaftsverändernde Kraft von Twitter ein. Mit Hilfe der Thesen leitet Boyd Anforderungen an sozial versierte Journalisten ab (die die Techniken des Dialog-Web zu nutzen verstehen) und stellt Fragen an das Geschäftsmodell, das sich ebenfalls ändern muss:

Finally, we need to rethink our business plans. Frankly, I doubt the cultural shift we’re witnessing will be paid for by better advertising models. Advertising is based on capturing attention, typically by interrupting the broadcast message or by being inserted into the content itself. Being in flow with information is not about being interrupted. Advertising does work when it’s part of the flow itself.

Doch anders als Giovanni di Lorenzo spricht Boyd dann nicht von Paid Content, sie wählt stattdessen eine neue Metapher um herzuleiten, wo die Herausforderung für vernetzes Publizieren liegt. Sie vergleicht Medien hier mit den Betreiber von Bars und Restaurants, die ebenfalls soziale Räume zur Verfügung stellen ohne direkt für deren Nutzung bezahlt zu werden:

Think about how we monetize sociality in physical spaces. The most common model involves second-order consumption of calories. Venues provide a space for social interaction to occur, and we are expected to consume to pay rent. Restaurants, bars, cafes—they all survive on this model. But we have yet to find the digital equivalent of alcohol.

Eine spannende Aufgabe, diesen Alkohol für den Journalismus von morgen heute zu finden. Und wenn man sie mittels dieser Metapher beschreibt, wird sie vielleicht sogar sehr attraktiv – auch für jene, die dem Netz noch skeptisch gegenüber stehen.

Kostenlos ist nicht nur ein Geschäftsmodell, sondern tatsächlich auch eine „Kultur”. Kultur wächst und gedeiht durch (Mit-)teilen, Weitergeben, Empfehlen und dadurch, dass sie allen gleichermaßen zur Verfügung steht. Erst durch Mund-zu-Mund- Propaganda entsteht Popularität, die sich dann wiederum zu Geld machen lässt. Ohne jede „Empfehlungs-Kultur” ließen sich Musik, Filme oder Serien auf Dauer schwer verkaufen.

Bei screen.tv schreibt Felix Schwenzel über die auch hier schon häufiger thematisierte Kostenlos-Kultur. Das ist lesenswert, wird aber durch eine merkwürdige Aufteilung auf mehrere Seiten schwieriger gemacht als nötig.