Google und Gerüchte

Dass die Funktion der Automatischen Vervollständigung der Suchmaschine Google (und nicht nur von der wie Felix Schwenzel darlegt) gerade in der Debatte steht, ist aus vielerlei Gründen gut. Michalis Pantelouris weist darauf hin, dass diese Debatte fragwürdige Moralvorstellungen offenlegt, Stefan Niggemeier erklärt, warum es in dem diskutierten Fall weniger um den gerne zitierten Streisand-Effekt und vielmehr um die merkwürdigen Praktiken der Wulff-Gegner geht.

Dem ist eigentlich wenig hinzuzufügen und zu dem von Michael Spreng genutzten netzkritischen Großargument Rundumschlag:

Es wäre ein zivilisatorischer Rückschritt, wenn es im Internet weiter erlaubt würde, die Regeln unseres Zusammenlebens außer Kraft zu setzen.

will ich mich fast nicht äußern. Diese gefühlt jahrhundertealte Debatte, die konsequent die Ursachen und deren Ausprägungen eines Übels vermischt, langweilt mich in diesem Zusammenhang – auch weil Felix Schwenzel das wirkliche Problem schon sehr lesenswert offengelegt hat.

Viel spannender ist doch hier die Rolle der Suchmaschinen. Vor lauter Leistungsschutzrechtdebatte ist ein wenig aus dem Blick geraten, dass Google und Co Öffentlichkeitsakteure sind, die die Öffentlichkeit nach den gleichen Regeln in die Pflicht nehmen muss, wie wir das von Radio, Fernseh und Zeitungen gewohnt sind.

“Larry und Sergey, legt eure Filter-Mechanismen offen, gebt uns Zugang zu den Daten.”

hat Eli Paris in seinem Ted-Vortrag bereits im Mai 2011 gefordert. Leider ist sein Buch Filter Bubble in Deutschland so kaum gelesen worden, aber es ist meiner Meinung nach vor allem die Aufforderung an Google, Facebook und andere Filterer ihre Kriterien offenzulegen.

Erstaunlicherweise war die Funktion des automatischen Vervollständigen zudem in einer zweiten zentralen Google-Debatte auch der erste Diskussionspunkt: in der Frage der nach Urheberrechtsbrüchen gefilterten Suche. Felix Stalder hat gerade erst darauf hingewiesen, dass wir aktuell miterleben, wie Google seinen Character verändert.

In einer netzpolitisch wachen und geschulten Öffentlichkeit würden wir dies nicht nur miterleben, sondern mitgestalten. Wir würden Forderungen an Google stellen – zum Beispiel die, seine Suchfilter offenzulegen. Die im ersten Link in diesem Beitrag angedeutete Erklärung finde ich jedenfalls ein wenig dürftig:

Mit Ausnahme der möglicherweise vorgeschlagenen Google+ Profile wurden alle vervollständigten Suchanfragen in der Dropdown-Liste zuvor von Google-Nutzern eingegeben oder erscheinen im Web.

ACTA in der Kritik

Am 11. Februar wird es europaweit Proteste gegen das ACTA abgekürzte Anti-Counterfeiting Trade Agreement geben. Prof. Dr. Axel Metzger aus Hannover hat der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW) ein Interview gegeben (PDF) weil er eine Eingabe verschiedener europäischer Jura-Professoren gegen das Abkommen eingeleitet hat. Im Interview erklärt er:

ACTA regelt einseitig Sanktionen, ohne adäquate Rechtsschutzmöglichkeiten vorzusehen. Dies ist in unseren Augen einer der Hauptkritikpunkte an dem Abkommen.

Obwohl 22 Mitgliedsstaaten der EU den Vertrag in dieser Woche unterzeichnet haben, bleibt Metzger optimistisch, dass ein Protest gegen das Abkommen Erfolg haben kann:

ACTA muss bis 2013 von mindestens sechs Verhandlungspartnern ratifiziert werden, um in Kraft zu treten. Dieser Prozess kann angesichts der kleinen Gruppe verhandelnder Staaten auch scheitern, gerade wenn die EU ausschert. Im Europäischen Parlament regt sich erheblicher Widerstand, auch weil die Kommission das Mitspracherecht des Parlaments nicht gewahrt hat. Die Initiative kann also durchaus Erfolg haben.

Auch bei Avaaz gibt es eine Kampagne gegen ACTA

Präsidiales Gegenarbeiten

So weit ist es gekommen. Der Bundespräsident muss sich Ratschläge von Boris Becker erteilen lassen. Der twitternde Tennis-Star thematisiert etwas über Bande was der stellvertretender SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach in der morgigen Süddeutschen Zeitung so auf den Punkt bringt:

Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß.

Das Erstaunliche daran ist aber nicht nur die demokratietheoretische Dimension des Anrufs. Erstaunlich finde ich, dass Wulff derart unpolitisch agiert. Man will sich gar nicht ausmalen, wie der Mann reagiert, wenn es mal um eine wirkliche Staatsaffäre geht, in der nicht bloß seine Finanzen, sondern das Wohl und Wehe dieses Landes verhandelt werden. Womöglich hätte dafür sogar Boris Becker mehr Gespür.

Dass das Erstaunliche in dem Fall aber offenbar Methode hat, zeigt sich, wenn man an diese Äußerungen des Bundespräsidenten aus dem Sommer 2010 erinnert. Damals hatte Wulff dem Deutschlandradio (MP3 nicht mehr verfügbar) gesagt, dass es ihm manchmal durchaus schwerfalle gelassen zu bleiben – wenn Zeitungen Berichte planen:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen

Der Begriff des “Gegenarbeitens” erscheint im Lichte der Meldungen des heutigen Tages in einem neuen Licht …

P.S.: Der Kollege Michalis Panteluris hat in seinem lesenswerten Post Kai Diekmann beschimpfen übrigens klar gestellt, dass Boris Becker vielleicht doch nicht ganz recht hat mit seiner obigen Einschätzung. Es lohnt sich, den Text zu lesen und diesen Beitrag aus der WDR5-Sendung “Politikum” zu hören.

WDR5 Politikum – Der AB von Diekmann by Malotki

Danach bleibt eigentlich nur eine Frage: Wer hat in den letzten Tagen eigentlich alles bei Herrn Gauck angerufen? Dessen Mailbox würde ich jetzt gerne mal abhören …


Update: ich habe für jetzt.de ein Interview mit der Stimme von Christian Wulff geführt

“Call him pathetic; a nothing!”

Der mit Abstand beste Text, den ich in den vergangenen Tagen zu den Geschehnissen in Oslo gelesen habe, stammt aus dem Guardian. Charlie Brooker hat ihn mit einer spürbaren Mischung aus Wut und Menschlichkeit geschrieben. Er trägt den Titel The news coverage of the Norway mass-killings was fact-free conjecture und behandelt neben der Frage, wie die Arbeit von Terror-Experten zu bewerten sei, vor allem das Thema, wie Medien über den Attentäter zu berichten haben:

Presumably he wanted to make a name for himself, which is why I won’t identify him. His name deserves to be forgotten. Discarded. Deleted. Labels like “madman”, “monster”, or “maniac” won’t do, either. There’s a perverse glorification in terms like that. If the media’s going to call him anything, it should call him pathetic; a nothing.

Das ist eine sehr emotionale Herleitung dessen, was W&V-Chefredakteur Jochen Kalka hier sehr rational herleitet:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war.

Das Gegenteil geschieht gerade – wie Ronnie Grob beobachtet hat:

Sie drucken seine Fotos dankbar ab, setzen ihn inklusive Waffe auf die Titelseite, versehen ihn mit Namen: “blonder Teufel” (Bild), “Teufel von Oslo” (tz), “Bestie” (Express), “Mord-Maschine” (Berliner Kurier).

Ich frage mich: Was wäre eigentlich, wenn man bei aller Grausamkeit den PR-Plan des Täters als solchen durchschaut, benennt und seinem Marketing nicht folgt? Es klingt vor dem Hintergrund der vielfachen Tode und der Trauer vielleicht zynisch, aber medial betrachtet, will hier jemand Werbung für seine menschenverachtende Sache machen. Er nutzt dafür die Mechanismen der Medien, die man vielleicht an den alten angelsächsischen Satz erinnern sollte:

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising.”

Ist der Name des Täters Teil der News? Gehört sein Bild dazu? Und die Bilder, die er offenbar vorher selber hat anfertigen und aufbereiten lassen? Nur weil sie nicht von einer PR-Agentur verschickt werden, sind sie noch lange kein werbefreies Material. Man könnte doch auch über seine Beweggründe berichten, ohne ihn zu zeigen, ohne auf seine Pressemappe zurückzugreifen, ohne seinen Namen zu nennen. So wie man – man entschuldige den etwas weit hergeholten Vergleich – auch über Fußball im Münchner Stadion berichten kann, ohne den zu Werbezwecken vermarkteten Namen der Arena zu nennen.

Stellen wir uns vor, man könnte das so genannte Manifest des Täters irgendwo kaufen, als Papierbuch oder gar als anderen Konsumgegenstand. Würde man dann auch so ausführlich über ihn und seinen “Produkt” berichten? Oder würde man dann sagen: “Nein, dafür wollen wir keine Werbung machen? Da würde ja jemand aus unserer Berichterstattung finanziellen Profit schlagen?” Würde man vielleicht sogar auf Ziffer 7 des Pressekodex Bezug nehmen (“achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken”).

Nimmt man die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internet zum Maßstab, ist es sicher nicht unangemessen, davon zu reden, dass hier jemand werbliche Interessen verfolgt: Der Täter verkauft seine menschenverachtenden Thesen und die oben zitierten Titelseiten helfen ihm. Dabei ist es unerheblich, ob Geld fließt oder nicht. Darum geht es nicht. Dem Täter geht es darum, dass sein Gedankengut in die Mitte der Berichterstattung gerückt wird. Es geht ihm darum, dass große Medienseiten im Netz ihn verlinken, ihm PageRank und Aufmerksamkeit schenken. Selbst wenn niemand auf die von Google als relevant eingestuften Links auf den Nachrichtenseiten klickt, die Folgen sind dennoch verheerend: Die verlinkten Seiten gewinnen an Algorithmus-Bedeutung. Sie werden in der Google-Suche hochgestuft, bleiben auch Wochen nach der Berichtestattung im Fokus.

Ich denke nicht, dass man verschweigen sollte, welchen Plan der Täter hatte. Ich halte es für richtig, zu analysieren, was ihn trieb und antrieb. Das muss natürlich öffentlich geschehen – und eine offene Gesellschaft muss diese Debatte führen. Aber nicht nur in Fragen der Verlinkung scheint hier eine neue Debatte über journalistischen Regeln (im Web) nötig – denn den Mechanismus hat (spätestens jetzt) nicht nur der norwegische Täter verstanden.

P.S.: Wie zum Beweis lese ich gerade von der Operation UnManifest, mit der Anonymous, den Plan des Täters nach Aufmerksamkeit genau zerstören will. Der Gegen-Plan:

1. Find the Manifest
2. Change it, add stupid stuff, remove parts, shoop his picture, do what you like to…..
3. Republish it everywhere and up vote releases from other peoples, declare that the faked ones are original
4. Let him become a joke, such that nobody will take him serious anymore

Update: Auf Twitter weist publictorsten auf die Figur des Herostratos hin, die mir bisher nicht bekannt war.

Update 2: Der Tagesspiegel hat das Manifest offenbar als Download auf seine eigenen Servern veröffentlicht. Diese Entscheidung wird mit Arguemten für und
gegen die Veröffentlichung begleitet. In dem Kontra-Text schreibt Sara Schurmann:

Jeder, der möchte, wird die Schrift Breiviks finden, jeder Fanatiker aber auch jeder normale Bürger. Aber es ist ein Hohn für die Opfer der Anschläge und ein Triumph für den Attentäter, dass ihm eine deutsche Zeitung hilft, sein Propagandaziel so problemlos zu erreichen.

Apple, think different!

Das mobile Telefon ist nicht erst seit der Erfindung des Smartphones zu einem wichtigen Bestandteil der Popkultur geworden – und das liegt keineswegs nur an den zahlreichen kleinen Programmen, die seine Verwendungsmöglichkeiten erweitern. Es liegt daran, dass es stets und überall dabei ist. Auf Konzerten zum Beispiel hat das Handy-Display mittlerweile das Feuerzeug als Hochhalte-Instrument abgelöst. Wo immer etwas auf einer Bühne passiert, finden sich mindestens ein paar Zuschauer, die Fotos oder Filme mit hochgerecktem Arm machen. Noch.

Think Different aufgenommen von Flickr-User bourgeoisbee unter CC-Linzenz

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Denn wenn man dieser Meldung aus der Sun Glauben schenken darf, könnte dieses Bild bald der Vergangenheit angehören. Angeblich arbeitet die Firma Apple (vormaliger Slogan: Think different!) an einer Technologie, die es ermöglicht, von der Bühne aus, die iPhone-Geräte im Auditorium filmunfähig zu machen:

The leading computer company plans to build a system that will sense when people are trying to video live events — and turn off their cameras.

Begründet wird dieser Zensur-Eingriff in die Rechte der Kamera-Käufer mit Verweis aufs Urheberrecht. Da vermeintlich zu viele Menschen bei Live-Events ihre Taschenkamera zücken und aufnehmen, was sie sehen, will Apple offenbar den Organisatoren und Rechte-Verwertern entgegen kommen. Die Sun schreibt:

The new technology is seen as an attempt to protect the interests of event organisers and broadcasters who have exclusive rights to concerts.

Ich weiß nicht, ob diese Meldung stimmt. Aber dass man sie überhaupt verbreitet und niemand kopfschüttelnd abwinkt und sagt: “Nee, sowas würde Apple doch nie machen”, zeigt, was aus Think different geworden ist.

Dass öffentliche Veranstaltungen mittels einer zentral von der Bühne gesteuerten Überwachungstechnologie derartig kontrolliert werden können, dass Anwesende sie nicht mitschneiden oder mitfilmen können, klingt wie ein diktatorisches Schreckensszenario, es scheint aber die Realität in Zeiten des angeblich aufgeweichten Urheberrechts zu sein.

Wie gesagt, ich weiß nicht, ob die Meldung stimmt. Aber dass man sie überhaupt verbreitet und niemand kopfschüttelnd abwinkt und sagte: “Nee, sowas würden die Rechte-Verwerter aus demokratischem Anstand doch nie wollen”, zeigt was aus dem Urheberrecht geworden ist.

Ich glaube, dass in Zeiten der digitalen Kopie die Vervielfältigung zu einem Bestandteil der Meinungsäußerung geworden ist. Deshalb habe ich für Mashup ein Lob der Kopie angestimmt. Denn Beispiele wie die obige Apple-Meldung zeigen, wie sich die Maßstäbe verschieben. Es ist unverhältnismäßig, das Recht auf freie Meinungsäußerung in dieser Form einschränken zu wollen. Denn wer es für gerechtfertigt hält, die Aufzeichnung von Musikdarbietungen technisch zu unterbinden, öffnet damit Tür und Tor für politisch weitreichendere Begehrlichkeiten. Warum nicht auch das Filmen von politischen Veranstaltungen unterbinden?

Aus dem gleichen Grund, der gegen den oben genannten möglichen Apple-Plan spricht: Es ist einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig.

Meine Internet-Verteidigung

In der jetzt.de-Redaktion haben die Meldungen von falschen lesbischen Bloggerinnen, die in Wahrheit ältere Herren sind, eine kleine Kontroverse ausgelöst. Ich habe dazu eine Internet-Verteidigung beigsteuert:

Wir alle müssen gerade Schwimmen lernen, während das Wasser mit hoher Geschwindigkeit ins Becken gefüllt wird. Wir haben nicht viel Zeit und vor allem keinen, der es vor uns gelernt hat. Es gibt keine Schwimmflügel und erst recht keine Lehrer. Deshalb kommt es vor, dass wir ab und an Wasser schlucken oder dass ein Idiot vorbeischwimmt und uns unter Wasser drückt. Das Becken heißt Internet und es ist ganz sicher kein Spaßbad. Aber es gibt keine Alternative: Wer nicht schwimmt, geht unter.

Das ist unfair. Aber es ist auch faszinierend. Wir erleben gerade, wie die Schwimmregeln festgeschrieben werden, die in diesem Becken gelten sollen (die allermeisten gelten übrigens im Wasser genauso wie am Rand). Davon können wir irgendwann mal unseren Enkeln erzählen. Wir müssen aber umgekehrt auch sehr gut aufpassen, dass die Bademeister der Politik ihre eigene Unsicherheit im Umgang mit dem Wasser nicht dazu nutzen, jegliche Freiheit zu unterbinden. Die „Nicht vom Beckenrand springen“-Schilder, die Nicolas Sarkozy und Hans-Peter Friedrich ständig vor sich hertragen (Cyberwar = Arschbombe?), mögen ihnen Beliebtheit im Nichtschwimmer-Becken garantieren, sie bedrohen aber auch die Freiheit der Schwimmer.

Daten(schutz) vorausahnen

Der Schritt zum integrierten Lebensmanagement ist das erklärte Ziel von Google. Das Telefon soll vorausahnen, was wir als nächstes tun wollen und Vorschläge unterbreiten – inklusive Werbebeimischungen. Ich halte das durchaus für eine realistische Vision. Der Computer, der uns durch unser Leben begleitet, wird dann eben nicht die weise, freundliche Science-Fiction-Intelligenz, die wir ins Vertrauen ziehen können, sondern ein werbefinanzierter Online-Dienst, der unsere Daten verwertet.

In der taz gibt es ein lesenswertes Interview mit CCC-Sprecher und Datenfresser-Mitautor Frank Rieger. Darin fordert er die Reform des Datenschutzes:

Ich würde es sehr begrüßen, wenn das Hauptaugenmerk bei einer Runderneuerung auf einer Stärkung der User-Rechte liegt, die Firmen und Behörden also zur Transparenz gezwungen werden, mitzuteilen, was sie an Daten speichern, verkaufen und wofür und an wen die Daten übermittelt werden. Das kann man auch gut automatisieren und an die aktuellen Userinterfaces und Vernetzungsmethoden anpassen.

Frauen: selber Schuld!

Heute ist Weltfrauentag. Deshalb veröffentlichen die Blätter für deutsche und internationale Politik das Eingangskapitel des als “Streitschrift” angekündigten Buchs „Die Feigheit der Frauen. Rollenfallen und Geiselmentalität“, in dem die ehemalige taz-Chefredakteurin Bascha Mika Thesen rausbläst, die sie in der taz-Konferenz offenbar nicht durchgebracht hat. Sie schreibt:

Nach 40 Jahren Geschlechtertheater müssen wir feststellen: Wir selber haben’s vermasselt. Wir Frauen. Wir reden und schreiben und regen uns auf und verfluchen unsere Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Strukturen – aber wie handeln wir denn Tag für Tag?

Wir lassen dieses System nicht nur zu. Wir machen mit. Wir selbst halten es am Leben. Warum sonst wohl sind unsere bisherigen Veränderungsstrategien meist wirkungslos? Weil wir keine Gegnerinnen des Systems sind, sondern Komplizinnen!

Ja, das ist provokant. Das ist streitbar und verkaufsfördernd. Aber der Sache der Frauen der Gleichberechtigung ist es keinesfalls dienlich – und ich halte Bascha Mika für so smart, dass sie das auch selber weiß. Sie hat (als Komplizin des medialen Systems) in so vielen Talkshows gesessen, dass ihr bewusst ist, dass die Reduzierung eines gesellschaftlichen Problems auf persönliches Fehlverhalten allenfalls als provokante Verkürzung tauglich ist, aber nicht als relevanter Debattenbeitrag.

Die Frage, wie Frauen und Männer zusammenleben wollen, wie man Familie gleichberechtigt organisiert und wie unser Land mit Kindern umgeht, ist keine, die man in der Mika-Art beantworten kann. Wer ernsthaft öffentlich schreibt: “Frauen, wir sind selber Schuld!” schadet einer gleichberechtigten Politik vermutlich ebenso wie diejenigen, die von Frauen und Herd als naturgegebener Einheit reden oder jene, die Barbusige auf die Seite eins ihrer Zeitungen drucken.

Ja, das Private ist politisch (und wird zunehmend medial ausgewertet), aber das Politische in diesem Land ist eben nicht einzig privat zu lösen: Kinderbetreuung, Teilzeit-Arbeitsverhältnisse und gleicher Lohn für gleiche Arbeit sind keine Themen, die “wir feigen Frauen” alleine und für uns privat lösen können.

Wer solches suggeriert, befindet sich selber in einer bösen Rollenfalle.

Geburt einer neuen Art von Journalismus

Der Ausschuss Kultur und Medien hat sich gestern mit Qualitätsproblemen im Journalismus und ihren Ursachen beschäftigt. Der Zeit-Kollege Wolfgang Blau hat dabei fulminant sieben Mythen über den Online-Journalismus widerlegt. Dabei sagt er unter anderem:

Sie können im Netz versuchen, die in ihrem Genre beste Website zu werden oder die reichweitenstärkste. Beides sind legitime Ziele. Diese beiden Ziele schließen sich aber aus.

Das kann man in der Aufzeichnung anschauen. Die Mythen lauten:

Mythos 1: Blog stellen eine Gefahr für traditionelle Medien dar.
Mythos 2: Google ist Schuld am Niedergang der Tageszeitungen.
Mythos 3: Nur Print- und Broadcastmedien können für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Meinungspluralismus sorgen.
Mythos 4: Der Online-Journalismus hat noch kein Geschäftsmodell.
Mythos 5: Als Medienplattform begünstigt das Internet eine Boulevardisierung des Journalismus.
Mythos 6: Würde es die öffentlich-rechtlichen Online-Auftritte nicht geben, hätten die kommerziell betriebenen Websites in Deutschland sehr viel bessere Chancen, profitabel zu werden.
Mythos 7: Mit dem wirtschaftlichen Niedergang einiger klassischer Medien droht auch das Ende des Journalismus und eine substanzielle Gefahr für die Demokratie.

In seinem Fazit sagt er: ” Ja, die Zukunft des Journalismus ist ungewiss. Ja, es werden vorraussichtlich viele Arbeitsplätze in der Branche verloren gehen und das ist eine sozialpolitische Aufgabe.” Blau sieht aber auch deutliche Hinweise auf “dass wir gerade dabei sind, die Geburt einer neuen anderen Art von Journalismus zu erleben”.

“Wir können die wissenschaftliche Arbeit einstellen”

Der Kölner SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach hat heute eine erregte Rede im Bundestag gehalten. Der Gesundheitspolitiker (und habilitierte Mediziner) sagte:

Ich zitiere aus dem Brief an die Universität Bayreuth: Er habe zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht. Ja, was ist denn das, wenn nicht eine weitere Lüge, die jetzt noch im Raume steht? Das Problem ist doch nicht, dass der Verteidigungsminister betrogen und gelogen hat. Das ist Problem ist, dass er es weiter tut und trotzdem glaubt, im Amte bleiben zu können.
(…)
Er hat in Reiseführern abgeschrieben, bei Studenten, bei Politikern, bei Professoren, bei Zeitungen, in der Einleitung, in jedem Teil seiner Doktorarbeit. Zwanzig Prozent dieser Doktorarbeit sind nicht echt. Und da will uns der Minister hier erzählen, es habe sich um handwerkliche Fehler gehandelt. Wer glaubt denn das hier im Saal?
(…)
Jeder Richter, jeder Bürgermeister, jeder Lehrer, jeder Siemens-Manager hätte nach einem solchen unglaublichen Betrug sofort seine Kündigung gesehen. Aber für den Minister sollen hier Sonderregelungen gelten.
(…)
Was soll ich denn dann meinen Studenten noch erklären, wenn jedes Plagiat automatisch eine Nutzung ist? Wir können die wissenschaftliche Arbeit einstellen. Ich kann doch niemals mehr einem Studenten irgendetwas vorwerfen, wenn wir das hier durchgehen lassen.
(…)
Der einzige Arbeitsplatz, wo man trotz Abschreiben, trotz Plagiat, seinen Arbeitsplatz nicht verliert, ist im Kabinett Merkel. Überall sonst fliegt man raus.
(…)
Daher bitte ich Sie, Frau Schawan, (…) verschonen Sie uns mit Geschwätz von der Exzellenz, von der Bildungsrepublik. (…) Ich will doch von Ihnen nichts mehr zur Wissenschaft hören, wenn hier alles erlaubt ist. Wenn der Minister betrügen und lügen darf, wie er möchte und kommt ohne Strafe davon. Das wird langfristig den Wissenschaftsstandort in Deutschland massiv beschädigen.
(…)
Es geht nicht wie Sie es darstellen, um eine Kleinigkeit. Sondern es geht um die Grundlage unserer Demokratie. (…) Und es geht um die Grundlage unserer Wissenschaft.

Mehr zum Thema: Der Offene Brief von Prof. Dr. Robert Stockhammer und Kollegen sowie der hier erwähnte Text auf Carta.info.

Ergänzung: Lauterbach hat der taz ein interessantes Interview gegeben. Seine These: die Affäre wird weitergehen.