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Schokolode für Nachrichten

Vergangene Woche habe ich über Buzzfeed und Jonah Perettis Ansatz geschrieben, Nachrichten im Netz konsequent sozial zu denken. Gerade höre ich im Deutschlandradio diese Einschätzung zur Frage, wie sollten Nachrichten aufbereitet werden. Sie lautet:

“Der Lebertran der Information sollte mit Schokolade überzogen werden, dann schluckt es sich leichter.”

Sie stammt nicht aus der Social-Media-Welt, sie stammt von Robert Lembke, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Lembke steht nicht im Verdacht, sich für eine Verflachung einzusetzen, seine Einschätzung lässt sich allerdings sehr genau auf den Ansatz von Buzzfeed lesen.

Wir haben doch keine Zeit!

Im WDR gibt es künftig eine Talkshow mit Helge Schneider. Sie heißt “Helge hat Zeit” und alleine dafür sollte man Schneider loben. Denn schon die Wahl des Titels zeigt, dass der Mülheimer etwas Besonderes ist. Wer hat heute schon Zeit? Und vor allem: Wer sagt das auch noch laut?

Wenn ich über Twitter spreche (und das mache ich – spätestens seit ich Anfang des Jahres bei der SZ die Aufgabe “Social Media/Innovation” übernommen habe – ziemlich häufig), höre ich jedenfalls immer das Gegenteil: dass man überhaupt gar keine Zeit hat; und schon gar nicht für Twitter und Facebook und all den anderen Kram. Das ist verständlich und vermutlich dem allgemeinen Hang zur Zeitlosigkeit geschuldet. Es ist aber auch erstaunlich falsch.

Neben der unterschwelligen Botschaft (“Ihr, die Ihr da auf Twitter rumturnt, scheint ja Helge Schneiders des Müßiggangs zu sein, ich hingegen bin eine Angela Merkel der Anforderung, ich kann mir das nicht leisten”) ist das Zeitargument nämlich vor allem zu kurz gedacht: Für Twitter haben nur diejenigen (Journalisten) keine Zeit, die nicht ausreichend effizient ihren Nachrichtenkonsum strukturieren.

Es ist ein wenig so, einen Flug von Berlin nach München mit dem Argument auszuschlagen, dass man dafür nun wirklich keine Zeit habe, weil man ja gestern erst von Hamburg nach Berlin gelaufen sei und deshalb heute sehr viel abarbeiten müsse – bevor man dann morgen nach München laufen könne.

Was ich damit sagen will: Natürlich kostet es Zeit (aber vor allem und viel wichtiger Interesse!) sich auf neue Wege des Nachrichtenkonsums einzustellen. Wer allerdings dabei stehen bleibt, blendet aus, dass diese neuen Methoden auch unfassbar viel Zeit sparen können.

Deshalb spreche ich immer zuerst über Twitter, wenn ich von den Möglichkeiten und Chancen des Dialogjournalismus (sehr verallgemeinernd auch “Social Media) spreche. Twitter ist organisierter Small-Talk, der die kleinen Randbemerkungen und Hinweise, die helfen und erfreuen, sinnvoll und effizient aufbereitet. Twitter macht es möglich, eine längere Zugreise nicht mit dem zufällig zugestiegenen ehemaligen Judofreund zu verbringen, der viel redet und wenig zu sagen hat (das ist Facebook). Twitter versetzt uns in die Lage, auf der langen Zugreise zufällig nur genau mit den Leuten zu sprechen, deren Beobachtungen, Bemerkungen und Links uns das Leben einfacher und fröhlicher machen.

Twitter füllt die “leere Zeit” mit Inhalt, der deshalb wertvoll ist, weil man ihn selbst steuern und befördern kann – in dem man nur denjenigen Menschen folgt, die man für spannend, deren Bemerkungen man für geistreich und sinnvoll hält. Womit wir beim zweiten Missverständnis sind: Wer Twitter für eine Quatschbude hält, urteilt damit weniger über den Microblogging-Dienst als vielmehr über sich: Er folgt einfach den falschen Leuten. Der Wert des Telefons als segensreiche techniche Errungenschaft bemisst sich schließlich auch nicht an dem, was der Judofreund da gerade in sein Handy redet.

Ich bin nicht der Meinung, dass ein jeder Journalist twittern muss. Ich bin aber sehr wohl der Meinung, dass sich jeder mit Twitter (und dialogischem Journalismus) auseinander setzen sollte – so wie mit dem Telefon. Ob und wie er (oder sie) das dann nutzt, muss jeder selber wissen. Das eigene Desinteresse aber mit mangelnder Zeit zu verschleiern, ist nicht hilfreich. Es legt nur offen, dass man sich noch nicht ausreichend mit der Frage befasst hat, wofür man Twitter eigentlich einsetzen sollte – unter anderem um Zeit zu sparen!

Transparenzhinweis: Ich habe über den Wert von Twitter ein Interview mit Raphael Honigstein geführt, ich habe nie Judo gemacht, aber aufgeschrieben, wie ich selber zum Twittern kam

Yours to discover: das neue Twitter

Twitter bekommt ein neues Gesicht. Der Nachrichtendienst wird in den nächsten Tagen (und Wochen schrittweise) gerelauncht. Es wird einen veränderten Zugang, eine veränderte Gestaltung und vor allem eine angeblich einfachere Bedienbarkeit geben. Nachlesen kann man das auf fly.twitter.com, wo die Twitter-Macher erläutern, was sie umtreibt. Dort kann man auch diesen kleinen Werbespot anschauen:



Schwerpunkt der neuen Twitter-Positionierung ist der Slogan “Yours to discover”, was man mit “Gehe auf Entdeckungsreise – Folge Deinen Interessen jetzt noch schneller und einfacher” auf deutsch übersetzt hat. Diese Schärfung des Profils ist einerseits sicher eine Reaktion auf Googles Aktivitäten unter Google Plus. Andererseits geht Twitter damit aber einen Weg konsequent weiter, der mit der Umbenennung der Einstiegsfrage begann und in der neuen Aufforderung “Yours to discover” seinen nächsten Schritt erreicht (ich hatte im September 2010 in der Süddeutschen Zeitung drüber geschrieben). Es geht den Machern nun nicht mehr in erster Linie um Menschen, die aktiv Tweets schreiben. Es geht darum, in und über Twitter Nachrichten zu konsumieren. Twitter soll zum Zugang zur Welt der Information werden – in Echtzeit.

In der Woche, in der Flipboard seine iPhone-App vorstellt, lohnt es sich auf diesen Wandel hinzuweisen. Die Debatte rund um Twitter dreht sich nicht mehr um Oversharer oder um private Daten in öffentlichen Nachrichten. Die Debatte um Twitter (und soziales Wissen in Gänze) dreht sich mittlerweile um Zeitersparnis. So jedenfalls muss man den Spot verstehen, mit dem Flipboard seine tatsächlich sehr gute iPhone-App bewirbt:



Das ist erstaunlich, denn dadurch löst sich Twitter (völlig zurecht) von einer Debatte, die eh ein Scheingefecht war. Hier geht es schon lange nicht mehr darum, ob irgendwer vermeintlichen Quatsch verbreitet. Hier geht es um die Art und Weise, wie Menschen zeitgemäß durchs Netz navigieren, wie sie Nachrichten finden und verbreiten. Twitter will sich genau an dieser zentralen Stelle positionieren – und nach allem, was ich derzeit sehe, scheint das zu gelingen.

In Konkurrenz zu Google Plus und Facebook kommt dem Dienst der unschätzbare Vorteil der Einfachheit entgegen. Es geht weiterhin um das Lesen und Verbreiten von Meldungen von 140 Zeichen Länge. Dieser simple Ansatz ist der Kern von Twitter, der Zauber entfaltet sich durch all das, was drumherum geschieht.

Mehr zum neuen Twitter beim Guardian, Mashable und in der New York Times

Genau hier ist die Schnittstelle für guten, dialogfähigen Journalismus. Er sollte Antworten suchen auf die Frage: Wie können wir diese Ökosystem nutzen? Und dabei stehen wir – man vergisst es vor lauter Umbauten fast – noch ganz am Anfang: Twitter ist in diesem Jahr erst fünf Jahre alt geworden.

Die Zukunft!

Nehmen wir die Mensch-Maschine Sascha Lobo. Der schreibt in seiner Provokations-Kolumne auf spiegel.de über die Zukunft und über das Lösen von Problemen (die er allerdings nicht benennt, weshalb man nicht beurteilen kann, ob er recht hat). Dabei verweist er auf das schon etwas ältere, aber fraglos tolle Video dieser zweijährigen iPad-Versteherin

Es dient ihm als Einstieg in einen Seitenaspekt der andauernden (eher grundsätzlichen) Debatte um die Zukunft und die Digitalisierung. Dazu liefert AllThingsD ebenfalls heute einen Hinweis auf das angekündigte Aggregations-Angebot News.me, das vielen (bis auf Meedia) als Zukunft der Nachricht im Netz gilt.

Ob News.me das wirklich ist, kann ich nicht beurteilen. Ich würde aber eine Einschätzung versuchen, in dem ich es mit einer weiteren Meldung dieser Woche zusammenbringe, die Richard Gutjahr aufgebracht hat (und die wir auf jetzt.de fortgeführt haben): Es geht um die Twitter-Aktivitäten beim ZDF. Die basieren auf einer Undercover-Aktion von Marco Bereth und Michael Umlandt, die sich unautorisiert zwei ZDF-Accounts aufbauten und anschließend auf den Mainzer Lerchenberg einbestellt wurden:

Doch zur Überraschung der beiden jungen Männer verläuft das Gespräch anders als erwartet. Anstatt ihnen die Twitter-Konten abzunehmen, oder gar mit einer Klage zu kommen, bietet man den beiden etwas anderes an: einen Arbeitsvertrag.

Dafür hat das ZDF – zurecht wie ich finde – viel Lob bekommen in den vergangenen Tagen, seit Richard dies publik machte. Und es ist in der Tat ein kluger Schachzug der ZDF-Verantwortlichen. Gleichzeitig steckt in der Einschätzung der zuständigen Redakteurin ein kleiner Schönheitsfehler, der uns zurück zum obigen iPad-Video führt. Tina Kutscher wird mit folgenden Worten zitiert:

“So professionell wie die Zwei twittern, könnten wir das gar nicht.”

Abgesehen davon, dass in dem Begriff “professionell” ein schöner Seitenaspekt der ebenfalls andauernden Debatte über Amateure im Journalismus angesprochen wird (warum sollten eigentlich Amateure professioneller kommunzieren als ZDF-Redakteure!?), steckt in dem Satz der Hinweis darauf, dass das, was von Vielen als Zukunft der Medien debattiert wird, offenbar deren Gegenwart ist. Wenn im ZDF niemand in der Lage ist so professionell zu twittern wie die beiden in der Tat sehr guten Marco und Michael könnte ich empörte GEZ-Zahler durchaus verstehen, die jetzt ihr Geld zurück wollen. Anders formuliert: Es geht bei Angeboten wie News.me vielleicht gar nicht darum, ein in ferner Zukunft liegendes Problem zu lösen, sondern die sehr gegenwärtige Herausforderung zu bewältigen, die Informationsflut an Facebook-Einträgen und Tweets zu sortieren.

Ob News.me dies gelingt, kann ich nicht beurteilen (ich kann es ja noch nicht nutzen), ich kann aber sagen, dass dieses Problem eines ist, das diejenigen, die heute Twitter und Facebook als Nachrichtenkanäle nutzen (“wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden”), lösen möchten. Vermutlich wird jemand in naher Zukunft ein Angebot liefern, über das die Medienverantwortlichen dann sagen: “So professionell wie die könnten wir das gar nicht lösen.”

Wirklich?

Geburt einer neuen Art von Journalismus

Der Ausschuss Kultur und Medien hat sich gestern mit Qualitätsproblemen im Journalismus und ihren Ursachen beschäftigt. Der Zeit-Kollege Wolfgang Blau hat dabei fulminant sieben Mythen über den Online-Journalismus widerlegt. Dabei sagt er unter anderem:

Sie können im Netz versuchen, die in ihrem Genre beste Website zu werden oder die reichweitenstärkste. Beides sind legitime Ziele. Diese beiden Ziele schließen sich aber aus.

Das kann man in der Aufzeichnung anschauen. Die Mythen lauten:

Mythos 1: Blog stellen eine Gefahr für traditionelle Medien dar.
Mythos 2: Google ist Schuld am Niedergang der Tageszeitungen.
Mythos 3: Nur Print- und Broadcastmedien können für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Meinungspluralismus sorgen.
Mythos 4: Der Online-Journalismus hat noch kein Geschäftsmodell.
Mythos 5: Als Medienplattform begünstigt das Internet eine Boulevardisierung des Journalismus.
Mythos 6: Würde es die öffentlich-rechtlichen Online-Auftritte nicht geben, hätten die kommerziell betriebenen Websites in Deutschland sehr viel bessere Chancen, profitabel zu werden.
Mythos 7: Mit dem wirtschaftlichen Niedergang einiger klassischer Medien droht auch das Ende des Journalismus und eine substanzielle Gefahr für die Demokratie.

In seinem Fazit sagt er: ” Ja, die Zukunft des Journalismus ist ungewiss. Ja, es werden vorraussichtlich viele Arbeitsplätze in der Branche verloren gehen und das ist eine sozialpolitische Aufgabe.” Blau sieht aber auch deutliche Hinweise auf “dass wir gerade dabei sind, die Geburt einer neuen anderen Art von Journalismus zu erleben”.

Die Klaviatur des Preises: Bezahlen mit Piano

Es sind dies vermutlich die beiden wichtigsten Herausforderungen, vor denen Journalismus im Netz gegenwärtig steht: Wie sortiert man und wie finanziert man Informationen im Netz? Das Thema Paid Content war hier im Blog immer mal wieder Thema (unlängst auch im Gespräch mit Stefan Münker) und wird wenn man die Meldungen von heute liest, auch noch an Bedeutung gewinnen. Deshalb habe ich mich gefreut als sich – nach meinem Beitrag über das slowakische Startup Piano vergangene Woche – die Möglichkeit ergab, mit Gründer Tomas Bella über seine Vorstellungen vom Bezahlen im Web zu sprechen:

Du hast deinen Job als Chefredakteur bei der Website einer großen slowakischen Zeitung gekündigt, um dich selbstständig zu machen. Hast du keine Angst vor der Medienkrise?
Ich habe ein Drittel meines Lebens bei der Zeitung und ihrer Website verbracht und es hat mir viel Spaß gemacht. Es war einer der bestmöglichen Jobs, um einem Redakteur (mir) die Möglichkeit zu geben, mit 25 Kollegen 1,5 Milionen Unique Visitors monatlich zu erreichen. Aber ich hatte das Gefühl, etwas Neues tun zu müssen und ganz ehrlich: Über die Krise habe ich mir dabei wenig Sorgen gemacht. Denn vielleicht gibt es nicht so viele Jobs für Print-Journalisten, für Online-Spezialisten gibt es – glaube ich – keine Probleme, einen Job zu finden – zumindest ein Ländern wie der Slowakei.
Während meiner Zeit bei SMK hatten wir mehrere Versuche unternommen, unsere Leser zum Bezahlen im Netz zu bewegen. Wir scheiterten kläglich und gewannen lediglich ein paar Dutzend Abonennten. In den letzten Jahren habe ich dann mehrere Versuche meiner Chefs abgewehrt, Paywalls aufzubauen.

Warum?
Ich glaube, dass eine einzelne Zeitungswebsite nicht in der Lage ist, ein System aufzubauen, dass groß genug und bequem genug ist, um die Leser zu überzeugen. Deshalb sah ich es als Chance, als ich hörte, dass Etarget ebenfalls an einem System arbeitete, das meiner Idee ähnelte. So ergab sich die Möglichkeit, an etwas zu arbeiten, das größer ist als alles, was man bei einem einzelnen Medienhaus machen könnte.


Piano in Aktion, Screenshot von dem neuartigen Bezahlsystem:

Kannst du dieses etwas beschreiben? Also: Was ist die konkrete Idee von Piano?
Traditionell speisen sich die Einnahmen von Zeitungen und Print-Titeln aus zwei Quellen: Es gibt die Erlöse im Werbemarkt und die Einnahmen aus dem Lesermarkt. Im Internet gibt es derzeit nur den Werbemarkt. Aber es stellt sich zunehmend heraus, dass der nicht groß genug ist, um Umsätze zu generieren, die ausreichen, um Inhalte der Art und Qualität zu produzieren, die wir gerne sehen würden. Also haben wir zwei Möglichkeiten: entweder wir akzeptieren, dass die Qualität sinkt oder wir müssen als Leser Wege finden, wie wir für gute Inhalte, hohe Qualität und Service bezahlen. Das ist die Idee von Piano.

Das ist nicht wirklich neu. Aber Bezahlmodelle haben bisher – vielleicht mit Ausnahme vom Wall Street Journal – nicht funktioniert, oder?
Piano ist anders. Wir wollen kein klassisches Micropayment erfinden: Das funktioniert meiner Meinung nach nicht, weil die mentalen Kosten für den Leser – also die Entscheidung ob er für einen Artikel zahlen will oder nicht – zu hoch sind. Zudem gibt es zu viele kostenfreie Alternativen, nicht jede Website hat so exklusive Informationen wie das Wall Street Journal. Deshalb setzt unsere Idee auf die Kombination von Inhalten von verschiedenen Websites. Dadurch wird der Wert gehoben, den die Leser von diesem Online-Abo haben.

Alle, die sich für Paid Content im Web interessieren, blicken gespannt auf die Entwicklungen bei der New York Times. Ganz naiv gefragt: Wenn deren Metric System sich durchsetzt, braucht man Piano dann überhaupt noch?
Ich bin auch gespannt, was bei der NYT passieren wird. Ich hoffe sehr, dass deren neues Modell erfolgreich wird. Aber selbst wenn es das ist, wird es keine Lösung sein, die für alle Medien gleichermaßen adaptierbar sein wird. Denn dann müsste der Leser dafür immer noch viele unterschiedliche Abos auf vielen unterschiedlichen Seiten abschließen. Das ist unbequem und die Zahl der Websites, für die man bezahlen will, ist vermutlich begrenzt. Da greift unsere Idee: Wir wollen Abos kombinieren. Leser können so auch für Seiten bezahlen, die sie eher unregelmäßig besuchen – weil es keine Einstiegshürden gibt.

Wie funktioniert das genau?
Aus der Perspektive des Nutzers ist das System sehr simpel: Wenn ein Leser auf eine Seite kommt, die Piano integriert hat, wird er aufgefordert (siehe Screenshot oben), 2,90 Euro als monatliche Gebühr zu zahlen. Wenn er zahlt, kriegt er sofort vollständigen Zugriff auf die Seite. Wenn er dann eine andere Seite – und es sei es ein Konkurrenzangebot – besucht, erhält er dort ebenfalls vollen Zugriff, ohne sich vorher angemeldet zu haben. Piano erkennt den Nutzer wieder und gewährt ihm Zugang. Der Nutzer kann so also mit einem einmaligen Bezahlvorgang Zugang zu allen Premium-Inhalten eines Landes erwerben.

Und wie wird der Betrag von 2,90 Euro im Monat aufgeteilt?
Der erste Teil (rund 40 Prozent) verbleiben bei dem Medium, auf dessen Seite der Nutzer das Abo abgeschlossen hat. Der übrige Teil wird unter all den Medien aufgeteilt, die an Piano teilnehmen. Dabei wenden wir einen Schlüssel an, der sich an der Zeit orientiert, die ein Nutzer auf einer Seite verbringt. Im Detail ist das recht kompliziert, der entscheidende Parameter ist aber die Zeit. Piano als das zugrunde liegende System bekommt einen Anteil von zwischen 15 und 30 Prozent des Gelds. Der Betrag bezieht sich auf die Bezahlabwicklung, Überweisungsgebühren und solche Dinge.

Ihr wollt im April starten. Gibt es schon Partner für den Launch von Piano?

Wir stehen derzeit in Verhandlungen. Sechs Seiten, darunter das beliebteste Nachrichtenportal der Slowakei, beteiligen sich an dem Projekt, sechs weitere überlegen derzeit noch. Wenn das klappt, decken wir den Großteil des slowakischen Marktes ab. Ich kann noch nichts Genaueres sagen, aber wir planen zum Start 70 Prozent der slowakischen Internet-Nutzer mit Piano zu erreichen.

Und warum habt Ihr das System eigentlich Piano genannt?
Naja, wie du auf einem Klavier auch mit einem Finger eine Taste anschlagen kannst, aber nur dann Musik entsteht, wenn alle Finger zusammenspielen, wollen wir mit unsere Idee eben auch alle Partner zusammenbringen.

15 Fragen zum 15. Webgeburtstag der New York Times

An diesem Samstag ist es 15 Jahre her, dass Peter H. Lewis den Beitrag The New York Times Introduces a Web Site in Netz stellte. Damit kündigte die Gray Lady an, im Web präsent sein zu wollen. Es lohnt sich, den Beitrag heute nochmal zu lesen, denn zum einen schauen alle Zeitungsmacher auf die große Tageszeitung aus New York (zumal dieser Tage erste Meldungen über das für das Frühjahr 2011 angekündigte Bezahlmodell bekannt wurden). Zum anderen zeigt der Tonfall des Textes, dass fünfzehn Jahre auf eine Art eine verdammt kurze Zeit sind. So endet der Text zum Beispiel mit den Worten:

With its entry on the Web, The Times is hoping to become a primary information provider in the computer age and to cut costs for newsprint, delivery and labor. Companies that have established Web-based information sites include television networks, computer companies, on-line information services, magazines and even individuals creating electronic newspapers of their own.

und ein Branchen-Experte wird mit der Prognose zitiert:

“The market is booming for newspapers on the World Wide Web”

Stimmt das? Käme man heute zu dem gleichen Urteil?

Die Antwort darauf liefert die New York Times vermutlich selber in den nächsten Monaten, in dem sie zeigt, ob ihr neues Modell funktioniert oder nicht. Aber allein die Tatsache, dass die Webwelt so interessiert nach New York schaut, zeigt: Das sehr junge Medium Internet ist noch immer im Wandel.

Deshalb notiere ich hier (mehr für mich selbst) 15 Fragen zum 15. Webgeburtstag der New York Times, die man sich aufzuheben sollte, um sich in 15 Jahren zu wundern, worüber man 2011 nachdachte:

1. Was ist das Alleinstellungsmerkmal einer Zeitungswebsite?
2. Nachrichten?
3. Braucht man eine Redaktion oder zwei?
4. Ist Online-First eine Strategie?
5. Wie ist das Verhältnis zum Leser definiert?
6. Gibt es ein Bezahlmodell für Inhalte?
7. Wie misst man Aufmerksamkeit?
8. Wie ist das Verhältnis zu Google?
9. Und zu Facebook?
10. Sind Apps eine Lösung?
11. Oder doch eher: mobile Version der Site?
12. Warum eigentlich nochmal Multimedia?
13. Wie ist das Verhältnis zum Fernsehen?
14. Braucht man eine Social-Media-Redaktion?
15. Muss jeder alles können?

Der Medien-Doctor

Ken Doctor, Autor des Buchs Newsonomics war zu Besuch in Deutschland. Dabei hat er nicht nur über Werbung gesprochen, sondern auch Werbung gemacht – für sich. kress.de hat seine Thesen zusammengefasst, wasmitmedien hat ihn genauso interviewt wie Ulrike Langer und auch dem Kollegen Alexander von Streit hat er bei Focus Online Fragen beantwortet. Dabei sagt er durchaus spannende Dinge (die natürlich in Wahrheit nicht wirklich neu sind). Er verkennt aber einen entscheidenden Punkt in der Debatte um Medien im digitalen Raum: dass es vielleicht gar nicht nur um Nachrichten geht.

Angesprochen auf die Zukunft von Paid Content im Netz sagt er:

Es geht um die Frage, wofür die Leser zu bezahlen bereit sind. Die menschliche Natur ist gar nicht so schwer zu ergründen: Sie werden für das bezahlen, was sie wertvoll finden und nicht woanders kostenlos bekommen. Daher werden Angebote wie überregionale Wirtschaftsmedien oder lokale Wochenpublikationen mit umfassenden, tiefgehenden und eigenen Inhalten in der Lage sein, von ihren Lesern Geld zu verlangen. Sehr viel schwerer werden es Medien mit kostenfreien Konkurrenzangeboten haben, wie zum Beispiel Großstadt-Tageszeitungen in den USA.

Was er nicht sagt: Warum diese Medien es schwerer haben werden? Die Antwort lautet meiner Meinung nach: Weil sie sich (auch weil Menschen wie Doctor ihnen das raten), einzig auf Nachrichtentransport konzentrieren. Ich glaube, Medien tun viel mehr als Informationen von A nach B zu bringen. Sie versammeln Leserschaften, die miteinander verbunden sind. Diese Verbindung abzubilden, führt dazu, dass man nichtkopierbare Ereignisse schafft. Es führt dazu, dass man ein Produkt bekommt, das nicht an jeder Ecke auch umsonst finden kann. Es führt dazu, dass man sich einer Gruppe zugehörig fühlt, die sich versammelt, weil sie eine ähnliche Haltung/Ansicht/Lebenseinstellung teilt.

Vielleicht sollten wir mehr darüber reden, wie diese Haltung aussieht als über die Frage, wie man Nachrichten transportiert.