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Going over that cliff

Bestimmt ist es Zufall. Aber das hier ist ein Weblog und da ist es erlaubt, diesen Zufall zu nutzen und die Lektüre zweier Texte zu protokollieren, die vordergründig keinen Bezug haben, mir aber heute aufgefallen sind.

Es geht einerseits um die Aussagen der neuen ARD-Vorsitzenden Monika Piel (hier schon notiert) und andererseits um den Epilog des Buches “I live in the future an here’s how it works” von Nick Bilton (hier schon mal erwähnt). Bilton ist Autor bei der New York Times, Piel ist Chefin von 20.000 festangestellten Mitarbeitern, die 11 Fernseh- und 55 Hörfunk-Programme erstellen.

In ihren zahlreichen Interviews hat Monika Piel heute unter anderem mit Gabor Steingart über die Kostenlos-Kultur des Netzes gesprochen (was es mit dieser tatsächlich auf sich hat, erklärt Stefan Münker in diesem Gespräch). Darin antwortet die Frau, die wohlgemerkt die neue ARD-Vorsitzende ist, auf die Frage, ob Google eine Bedrohung sei für die gebührenfinanzierte ARD:

Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.

Warum das so ist, wird nicht nachgefragt und auch nicht erklärt. Stattdessen spricht Monika Piel davon, den Geburtsfehler des Internet (nämlich kostenlose Inhalte) beseitigen zu wollen. Wieso ausgerechnet die Chefin der gebührenfinanzierten ARD Inhalte, für die nicht direkt bezahlt wird, für falsch hält, wird ebenfalls nicht nachgefragt oder erklärt, stattdessen erläutert Frau Piel, wie sie diesen Geburtsfehler rückgängig machen will:

Ich kann mir zudem mit den Verlagen eine gemeinsame Internetplattform vorstellen. Dort könnten die Verlage und die Anstalten dann ihre kostenpflichtigen Qualitätsinhalte vertreiben. Es ist vieles denkbar, wenn wir uns mit den Verlegern auf diesem Gebiet endlich zusammenschließen.

Die Frage, wieso die bereits finanzierten Anstalten kostenpflichtige Inhalte verbreiten wollen, stellten die Interviewer Frau Piel nicht.

Später las ich dann das Schlusskapitel des grandiosen Buchs I live in the future & here’s how it works von Nick Bilton. Es ist als offener Brief an “CEO, Publisher, Producer, Editor, Author, Journalist, Advertising Director, Filmmaker” formuliert und richtet sich an “the entire business of storytelling—music, movies, television, newspapers, books, public relations, advertising, teaching“. Die zentrale Botschaft lautet: Die klassischen Konsumenten kehren nicht zurück. Gleiches gilt für die Zeiten vor der Digitalisierung.

Dieser Text – weiter unten ist er als Leseprobe eingebunden – gehört mit zu dem Besten, was ich bisher über die Digitalisierung und ihre Folgen gelesen habe. Bilton beschreibt auf den rund 260 vorhergehenden Seiten, wie die Digitalisierung unsere Vorstellung vom Storytelling verändert, weil sie Inhalte von Datenträgern löst, weil sie unkomplizierte und günstige Verbreitungswege gefunden hat. Er beschreibt, wie sich darüber die Gesellschaft vor unseren Augen verändert. Bei all dem spricht der Journalist jedoch nicht von Inhalten, sondern vom Storytelling. Er sagt, genau hier liege der Schlüssel für Verlage, Anstalten und Zeitungen, den Blick vom reinen Content-Vertrieb zu heben und auf das Storytelling zu richten:

As unsettling as it may sound, we need to accept that we are not simply selling content. We’re not selling the words on the page or the images on the screen; instead we’re selling an entire experience. The content we create and sell is just one segment of a thousand- piece jigsaw puzzle.

Natürlich ist Biltons Prognose weniger komfortabel als die Aussicht, die Welt wieder so zu gestalten wie sie vor dem vermeintlichen Geburtsfehler war. Ich glaube aber, dass sie unter anderem auch deshalb realistischer ist.

Before you panic any further, be assured that first and foremost we’re all driving off this cliff together. The entire business of storytelling—music, movies, television, newspapers, books, public relations, advertising, teaching—every business will be affected. We are all going through the same involuntary mutation. Some of us have already left solid ground, and others are heading toward the impending ledge. But one thing is for sure: We’re all going over that cliff. What happens at the bottom of the ravine is what we get to decide, and for some of the luckier ones the lessons of others will help us prepare.

Welche Lektionen können das sein? Anders als Nick Bilton lebe ich nicht in der Zukunft, deshalb kann ich auch nicht so sicher sagen, welche Schlüsse es sind. Ich bin mir aber fast sicher, dass der Kampf gegen die vermeintliche Kostenlos-Kultur nicht dazu gehört. Biltons Fazit jedenfalls lautet:

It’s time to reorganize, rethink, and get back to the business of storytelling.


Update 1: Marcel Weiss widmet sich bei Neunetz den Wirre Aussagen zum Medienwandel von der neuen ARD-Vorsitzenden und Christian Ciemalla schreibt: “Die Person, über deren Aussagen die meisten vermutlich gerade oberflächlich den Kopf schütteln, steht an der Spitze eines über 6 Milliarden Euro starken Imperiums. Eines gebührenfinanzierten Imperiums.

Update 2: Unter dem Titel Frau Piel, wir müssen reden schreibt Stefan Niggemeier einen langen aber sehr lesenswerten Brief an die ARD-Vorsitzende.

Update 3: Richard Gutjahr weist in den Kommentaren auf ein spannendes Interview mit Nick Bilton hin, dass er bereits im vergangenen Frühjahr mit ihm führte

Update 4: Stefan Niggemeier weist auf den Kommentar der ARD-Generalsekretärin Dr. Verena Wiedemann in seinem Blog. Sie schreibt: “Es wird wichtig bleiben, öffentlich wieder und wieder deutlich zu machen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein gesamtgesellschaftliches Anliegen ist. Denn er gehört uns allen.”

Doppelt bezahlt

Man ist offensichtlich von Seiten der Verlage auf dem Holzweg, wenn man journalistische Inhalte kostenlos anbietet. Diese Kostenloskultur kann nicht Ziel führend sein. Das kann für die Verlage nur heißen, man muss dahin kommen, die journalistischen Inhalte zu verkaufen. Da sind kostenpflichtige Apps der richtige Anfang. Bei diesen fühlen sich die Verleger jedoch im Markt behindert. Wenn der Verlegerverband die Apps kostenpflichtig macht, dann werde ich mich auch vehement dafür einsetzten, dass unsere öffentlich-rechtlichen Apps kostenpflichtig sind.

Seit diesem Jahr ist Monika Piel die amtierende Vorsitzende der ARD. In dieser Funktion hat sie zahlreiche Interviews gegeben. In dem mit der Frankfurter Rundschau hat sie die obigen Sätze gesagt. Neben der Tatsache, dass sie darin entscheidende Fragen der digitalen Verbreitung von Informationen missachtet (siehe dazu die Einschätzungen von Guardian-Chef Rusbridger sowie die Entscheidung von USA-Today zur Bepreisung ihrer iPad-App) stellt man erstaunliche Verbindungen fest, wenn man die anderen Interviews dazu quer liest. Im SZ-Gespräch sagt Piel mit Blick auf die Umstellung der Rundfunkgebühren:

Ich finde es aber angemessen, dass in einer Demokratie nicht nur Straßen mitbezahlt werden, ob man nun ein Auto hat oder nicht. Dass auch Information und deren Vermittlung ein Infrastrukturbeitrag ist, ist folgerichtig.

Ich bin kein Medien-Experte und verstehe sicher die öffentlich-rechtliche Gremien-Politik nicht ausreichend. Ich frage mich dennoch, wieso Frau Piel sich vehement dafür einsetzen möchte, dass Apple nochmal an Dingen verdient, die der Verbraucher bereits bezahlt hat. Gibt es niemanden unter den Millionen Gebührenzahler in diesem Land, der sich gegen diese Ansichten wehrt?

Update: Nach der Lektürer weiterer Piel-Interviews habe ich dann das hier geschrieben.

Gratis-Umfrage

Hier war an unterschiedlicher Stelle bereits die Rede von der so genannten Kostenlos-Kultur des Netzes (zuletzt im Interview mit Stefan Münker). Wiederholt ist dabei betont worden, dass es durchaus kompliziert ist, die Besonderheiten des digitalen Raums mit der einfachen Rede von der Kostenlos-Kultur zu greifen.

Wie kompliziert die Sache tatsächlich liegt, sieht man, wenn man diese Umfrage betrachtet, die ich dieser Tage auf tagesspiegel.de (nicht verlinkbar) gefunden habe.

Stefan Münker über das Bezahlen im Netz

Im Nachklang zum SpeedLab Journalism (mehr hier) Anfang Dezember in Berlin (wo er auf dem Podium mit Christoph Dowe (Zeit-Online) und Jochen Wegner diskutierte) hatte ich Gelegenheit mit dem Medienwissenschaftler Stefan Münker über sich wandelnde Geschäftsmodelle für den Journalismus im digitalen Raum zu sprechen. Derzeit vertritt der ZDF-Redakteur an der Universität Regensburg die Professur für Medienästhetik.


iTunes für Nachrichten würde nicht funktionieren

Der Medienwissenschaftler Stefan Münker über Paid-Content


Ich würde gerne mit Ihnen über Bezahlmodelle für Journalismus im Netz sprechen. Offline funktioniert das Geschäftsmodell bisher so: Ein Journalist verfasst einen Text, der wird auf Papier verbreitet und der Leser bezahlt für das Papier und für den Inhalt, der auf dem Papier steht.

Als Journalist werden Sie von Ihrem Verleger bezahlt. Und der Verleger verdient in den wenigsten Fällen sein Geld mit dem Verkauf von Informationen. Es stimmt schlicht nicht, dass Journalisten für die Inhaltsarbeit bezahlt würden. Bezahlt wurden und werden Verlage dafür, dass sie Anzeigen in die Welt gebracht haben. Und der Journalismus war immer schon das, was sie damit finanzieren konnten. Das Verkaufen von Informationen gehörte also traditioneller Weise noch nie zu den für sich genommen erfolgreichen Geschäftsmodellen. Eine Zeitung ohne Anzeigen kriegen Sie nicht finanziert. Um netzgemäße Ideen zu entwickeln, sollte man also zunächst mit diesen Mythen aufräumen.

Sehen Sie weitere?
Der andere Mythos ist, dass mit dem Internet eine Kostenloskultur in die Welt gekommen sei. Schuld daran ist, wenn überhaupt, die Einführung des dualen Fernsehsystems im Jahr 1984.


Wieso das?

Bis dahin gab es ausschließlich gebührenfinanziertes Fernsehen. Das ist nicht kostenlos, dafür muss man zahlen. Den ganzen Rest, den Sie gucken, kriegen Sie kostenlos – glaubt der Endkunde. Dass er bezahlen muss, indem er die Höchststrafe bekommt und sich Werbung angucken muss, wird ja nicht als Bezahlung wahrgenommen. Deshalb sind die Zuschauer gewohnt, dass es Fernsehen auch umsonst gibt.


Hinzu kommt, dass die Digitalisierung die Daten von Ihrem Träger befreit hat…

Das stimmt. Digitale Inhalte können Sie nur schwer unter Verschluss halten. Je nach dem, wie komplex diese sind, werden sie leichter oder schwerer in die Welt gebracht. Aber mittlerweile werden so ganze Kinofilme verbreitet und digital kopiert. Warum sollte das also nicht mit Texten funktionieren? Die bleiben nicht hinter einer Paywall versteckt, die kann ja jeder da herausholen und verbreiten.

Neben diesem technischen Problem gibt es auch ein inhaltliches: Wenn ich weiß, dass Bayern gestern Abend in der Champions Legaue gewonnen hat, ist die Nachricht ja keine mehr.
Niklas Luhmann hat diese sehr schlüssige und ganz simple Formel formuliert: Der Code der Massenmedien ist die Differenz von Information und Nicht-Information. Und das Prozessieren des Codes besteht darin, Information zu Nicht-Information zu machen. In dem Moment, wo etwas gedruckt oder gesendet und dann gelesen oder geschaut wird, ist es keine Information mehr. Und dann ist auch nichts mehr wert. Das ist der Unterschied zwischen Nachrichten und Musik. Und deshalb glaube ich nicht, dass ein iTunes für Nachrichten funktionieren würde.

Wieso nicht?
Weil ich nicht für ein Produkt zahle, dass ich danach nur einmal mit Genuss lesen kann. Ein Lied kann man kaufen und immer wieder anhören, aber die Information, wie ein Fußballspiel ausgegangen ist, werden Sie nicht noch mal und noch mal lesen, Sie wissen es ja bereits.

Es ist also nicht nur technisch, sondern auch strukturell schwierig, Informationen im Netz zu verkaufen. Was könnten denn stattdessen Möglichkeiten sein?
Lassen Sie uns mal so beginnen: Ich glaube der Journalismus – was auch immer das ist, das ändert sich ja gerade auch – hat insgesamt kein Akzeptanz- sondern ein Finanzierungsproblem. Die Leute mögen das schon, was Journalisten mit der Welt machen! Das ist – glaube ich – wichtig im Hinterkopf zu halten. Für netzgemäße Finanzierungsmodelle – wenn man sich klar macht, dass das Bezahlen von Informationen nicht dazu gehört – ist es wichtig, dass man Teil des Netzes wird, d.h. dass man sich anschmiegt an die Art und Weise, wie Nutzer sich im Netz verhalten. Nun ist das Netz ja insgesamt ein Ort, wo nur ganz wenige wirklich Geld machen. Die allerdings machen sehr viel Geld, aber in der Breite läuft das mit der Monetarisierung des Netzes ja nicht für viele richtig gut. Da bin ich mir auch nicht sicher, wie sich das entwickelt: ob die großen Player das alles übernehmen und wir eine Monopolisierung erleben, die es in Frühphasen solcher Medienumbrüche häufig gegeben hat, denn die Ausdifferenzierung kommt meist erst später. Und wir sind noch mitten drin in der Frühphase. Wir sehen gerade den Aufgang der digitalen Netzwelt. Das ist auch etwas, was in den Abwehrstrategien der traditionellen Medienunternehmen immer viel zu kurz kommt: Wenn die glauben, sie werden mit dem fertig, was jetzt ist, vergessen sie: Das Ganze beginnt ja erst!

Darin kann auch eine Chance liegen. Haben Sie Vorschläge, was funktionieren könnte?
Ich habe drei Ideen: Zum einen muss man die User partizipieren lassen. Partizipation ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Netzkultur. Amazon würde nichts verkaufen ohne Partizipation. Gleichzeitig zeigt Amazon aber auch, dass das, was die User durch ihre Partizipation machen, anderen nutzt. Man muss den Usern also zum zweiten auch nutzen. Wir müssen gucken: Was nutzt in Ihrem Fall den Lesern, in unserem Fall den Zuschauern wirklich? Und weil das eben nicht Information ist, müssen wir was anderes suchen, bei dem die Leser sagen: Das ist mein Mehrwert. Und das dritte ist: Ich glaube, man muss Grooming betreiben. Man muss also die soziale Leistung, die schon immer Teil des traditionellen Journalismus war, wo er nicht als reiner Journalismus daherkommt, verstärken. Die klassischen Medien setzten ja soziale Kräfte frei, indem sie ihren Lesern das Gefühl geben, dazu zugehören.

Sie meinen, dass man sich durch die Lektüre zum Beispiel einer Zeitung, in eine Gruppe einschreibt, die etwas verbindet …
…. und die mir etwas zurückgibt, genau. Ich glaube, dass man diesen sozialen Aspekt von Medien stärker in den Blick nehmen muss, um überhaupt noch ein interessanter Player zu bleiben. Wenn das gelingt, kann man viel eher die Frage stellen: Was wünschen sich die Leser von uns? Allerdings habe ich darauf auch noch keine abschließende Antwort. Und wenn ich die hätte und jemanden finde, der mir zuhört, wäre ich sicher auch ein gemachter Mann. Aber was glauben Sie?

Ich habe letztens einen Text von Danah Boyd gelesen, in dem sie von dem spricht, was Sie Grooming nennen. Sie versteht die Leserschaft als Gemeinschaft und vergleicht den Journalismus mit einem Restaurant, in dem sich die Leser treffen. Restaurants verlangen fast nie Eintritt, sondern leben von dem, was die Leute dort bestellen. Sie sagt: Eigentlich müssen wir den Alkohol für den digitalen Raum erfinden. Wir müssen also dafür sorgen, dass die Leser sich bei uns so wohl fühlen, dass sie ein zweites oder drittes Bier bestellen.
In einem Restaurant verdienen Sie auch nicht mit dem Wiener Schnitzel das Geld, das stimmt, sondern mit dem Wein. Auf den Journalismus übertragen würde das heißen: Sie verdienen nicht mit Nachrichten das Geld, sondern mit irgendwas, das darüber hinaus geht. Vielleicht sind das dann doch sehr gut gemachte Magazin-Apps fürs iPad – wobei man da auch sagen muss: Das müsste ja erstmal massenmedial werden. Aber wer weiß: Solche Magazine könnten ja so etwas werden, wie die liebevoll gemachten Alben und Booklets, die die Musikindustrie jetzt für teures Geld anbietet. Die kauft man sich ja auch nicht wegen der Musik – die hab ich eh schon auf dem iPhone –, sondern weil man dieses Produkt haben will. Und im nächsten Schritt müsste man für den Journalismus etwas erfinden, das funktioniert wie Konzerte für die Musikindustrie.

Weitere Interviews auf Digitale Notizen – mit Dieter Kassel (Call-In im Radio), Markus Hofmann (Klarnamen in Diskussionen), Christoph Dowe (Anforderung an einen Community-Manager) und mit Katharina Rathert (Leserkommentare bei stern.de).

Die Herausforderungen für den Online-Journalismus

We didn’t became journalists to sit back and relax, didn’t we?

Zu diesem Fazit kommt Mercedes Bunz in ihrem Beitrag zum “state of online journalism today”. Sie nimmt darin u.a. Bezug auf die Guardian-Meldung, die darlegt, dass die Paid-Content-Strategie der Times vor allem zu einem Rückgang des Leser-Interesses geführt hat. Ich finde das nicht verwunderlich. Denn die Menschen verlieren das Interesse an Inhalten, wenn diese hinter einer Bezahlwand liegen. Das liegt zum einen daran, dass es immer jemanden gibt, der ein vergleichbares Angebot kostenfrei liefert (wird man nicht ändern) und zum anderen daran, dass die Leser nicht wissen, was sie kaufen werden. Selbst wenn also die Texte, Bilder, Videos, die hinter der Wand sind, besser sind, erfährt der Nutzer es nicht.

Ich schreibe das hier auf, weil es ein schönes Beispiel dafür ist, wie wichtig sprachliche Genauigkeit ist, wenn man sich den Herausforderungen der digitalisierten Welt stellt. Wenn wir das Gegenteil von “sit back and relax” tun wollen, sollten wir das Feld sehr genau kennen, das wir bearbeiten. Das gilt für die Rede vom Diebstahl genauso wie für jene vom Verschenken. Die Times-Paywall zeigt, dass wir Inhalte nicht dann verschenken, wenn wir sie online stellen und dort vermarkten, sondern dann, wenn wir sie hinter einer Bezahlschranke parken. Dort werden sie nämlich kaum mehr wahrgenommen. Und ohne Aufmerksamkeit ist die ganze Mühe – verschenkt.

Es lohnt sich, die Sprache für diese veränderten Bedingungen zu schulen. Nur so wird man neue Ideen entwicklen, die dem digitalen Raum angemessen sind. In Massachusetts ist man jetzt zum Beispiel auf die Idee gekommen, Leser für fürs Kommentieren zahlen zu lassen. Dabei geht es zunächst um eine rein pragmatische Klarnamen-Abwicklung. Dahinter steckt aber mehr: Man nimmt den Gedanken ernst, dass das Web unsere Vorstellung vom journalistischen Produkt verändert. Dieses ist kein abgeschlossenes Gut mehr, das unverändert existiert und wie ein Brot verkauft werden muss. Es ist ein Prozess (und in diesem einen Zusammenhang akzeptiere ich die Buzz-Bezeichnung “Prozessjournalismus”) geworden, ein sich änderndes Verlaufsprodukt. Damit geht jede Menge Veränderung im Herstellungsprozess einher – und vielleicht auch im Verwertungsprozess.

Wie das konkret aussehen wird, finden wir nur heraus, wenn wir Begriffe finden für diese veränderten Bezugswelten. Das gilt nicht nur für die Musik und das Urheberrecht, sondern auch für die Zukunft des Online-Journalismus. Aber genau deshalb sind wir ja Journalisten geworden …

Journalistisches Freibier

Ich glaube nicht an die Umsonst-Kultur. Wenn die Medien alles verschenken, zerstören sie sich selbst. Eine Brauerei, die jeden Tag Freibier anzapft, kann zwar abends damit prahlen, dass sie viele Hektoliter unters Volk gebracht hat, aber das Ende dieser Firmenpolitik ist klar: Das Volk ist betrunken und die Brauerei pleite.

Im aktuellen Kress-Report gibt es ein Interview mit Gabor Steingart, dem neuen Chef vom Handelsblatt. Darin spricht er von der vielzitierten Umsonstkultur und bringt auch den Begriff des “Verschenken” ins Spiel.

Nicht nur, weil ich gerade diese Woche darüber schrieb: Ich glaube diese Analyse ist kontraproduktiv. Es ist dringend notwendig, neue Erlösmodelle für verlegerische Angebote im Netz zu entwickeln. Vermutlich wird das aber so lange nicht gelingen, wie dieses Missverständnis der Umsonst-Kultur im Raum steht – wie übrigens Marcel Weiss ebenfalls diese Woche aufgezeigt hat.

Mir ist niemand bekannt, der an diese Umsonst-Kultur glauben würde. Die gibt es nämlich nicht. Es ist vielmehr eine Kultur, die auf anderen Finanzierungsmodellen beruht als die klassische Bezahlkultur. Das zitierte Freibier ist im Netz nämlich nicht umsonst. Es ist werbefinanziert. Ein Sponsor verschenkt es und die Brauerei (zum Beispiel die USA-Today) glaubt, damit mehr einzunehmen als würde sie das Bier verkaufen – zum Beispiel deshalb weil mehr Leute an den Bierstand kommen, als wenn es sich um einen Stand handelte, an dem man auf klassischem Weg bezahlt.

Ich bin kein Wirtschaftsexperte. Ich kann nicht beurteilen, welche Modelle tragen und welche nicht. Ich kann aber sehen, dass auch die Begrifflichkeit des Verschenkens nicht ganz richtig ist. Denn dies setzt – so definiert Wikipedia – die

freiwillige Übertragung des Eigentums an einer Sache oder an einem Recht an einen anderen, ohne eine Gegenleistung

voraus. Ist das im Internet so? Wird mir der Zugang zu zum Beispiel einem Text ohne Gegenleistung ermöglicht? Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Freibier-Brauerei beim Ausschank sagt: “Du kriegst das Bier nur, wenn du dafür … diese Werbung anschaust, diese Google-Ads akzeptiert und vielleicht sogar anklickst”? Besteht also die Gegenleistung nicht gerade darin, dass neben dem Text Werbung angezeigt wird und ich direkt darunter eine Versicherung abschließen kann? Damit ist keine Leistung im klassischen Sinne beschrieben, aber davon zu sprechen, der Leser erhalte das journalistische Freibier gänzlich ohne Gegenleistung, erscheint mir (rein sprachlich) auch nicht ganz korrekt. Vor allem: Weil diese Gegenleistung für manche Medien auszureichen scheint, um darauf ein Geschäftsmodell aufzubauen.

Ich halte dies gar nicht mal aus wirtschaftlichen Erwägungen für interessant, sondern aus sprachlichen: Ähnlich wie die falsche Rede vom Diebstahl zeigt die vermeintliche Kostenlos-Kultur, dass es an den sprachlichen Mitteln fehlt, die Veränderungen der Digitalisierung zu fassen (siehe dazu zum Beispiel diesen und jenen Text). Vielleicht ist es tatsächlich so, dass wir die Revolution, die das Internet angestoßen hat, erst dann produktiv nutzen können, wenn wir Begriffe gefunden haben für das, was sich gerade verändert.

Kostenlos-Kultur: jetzt auch auf dem iPad

“It’s generating so many impressions, and we have such advertising demand for this that it would be a very poor business decision right now to put up a pay wall.”

Auf Advertising Age beschreibt David Hunke (President and publisher of USA Today) am Beispiel der iPad-App von USA-Today, woher die kolossale strategische Fehlentscheidung der vermeintlichen Kostenlos-Kultur des Internet kommt: USA-Today verdient offenbar mehr an der über die Aufmerksamkeit generierten Werbung als man es sich über verkaufte Apps vorstellen würde. Das sollte man sich merken, für den Fall, dass mal wieder jemand allgemein aufs Internet schimpft.

Rusbridger bei Charlie Rose

Good luck to him.

Der Guardian-Chef Alan Rusbridger ist im Interview bei Charlie Rose gewesen. Er spricht über die Zukunft der Branche, macht Werbung für seine Zeitung (“it’s serious and it is international”) und äußert sich zur Frage von Paid Content und den Pläne von Rupert Murdoch auf diesem Gebiet. Dazu sein obiges Zitat.

In dem interessanten Interview wird auch Matthias Döpfner mit dem Begriff des Webkommunismus zitiert. Rusbridger reagiert darauf mit britischer Höflichkeit, widerspricht aber – wie schon an anderer Stelle geschehen.

via

Paid Content und der Zufall

“Wenn wir Artikel bepreisen und uns dem Diskurs entziehen, würden wir uns umbringen.”

In der taz berichtet René Martens von einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Lead Awards in der vergangenen Woche in Hamburg. Dabei äußert sich Spiegel-Chef Mathias Müller von Blumencron nicht nur mit obigem Zitat zur laufenden Debatte um Paid Content (vergleiche dazu auch die Ausführungen von Guardian-Chef Alan Rusbridger). Er lobte auch den Zufallsvermittler Chatroulette.

Da mir dieses Lob wiederholt in journalistischem Rahmen untergekommen ist (der Guardian hat unlängst sogar die Applikation GuardianRoulette gestartet), sei der Hinweis in eigener Sache gestattet: Bei jetzt.de gibt es diese Funktion schon ewig. Sie heißt Zufallsbekanntschaft und ist über die Startseite aufzurufen. Viel Spaß!


Disclosure: Ich arbeite als Redaktionsleiter von jetzt.de und war Mitglied der Online-Jury beim Lead Award 2010