Die Blogger auf Island

Im Spiegel-Blog gibt es eine Antwort von Ralf Hoppe, auf die Fragen, die Alexander Svensson zu Hoppes Text “Volksreporter” aufgeworfen hatte. Hoppe schreibt von seiner eigenen Recherche und gesteht einen Fehler ein:

Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich von jenem Gerücht: Regierung und Banker wollten die Goldschätze außer Landes bringen, Startbahn oder Flughafen müssten blockiert werden. Ich nahm mir ein Taxi und fuhr zum Flughafen. Dort traf ich Isländer, die dort standen, weil sie verhindern wollten, dass die Regierung irgendwelche Schätze außer Landes fliegt. Sie waren da, um die Startbahn zu blockieren, sie standen vor dem Flughafen. Der Abend blieb mir in Erinnerung, denn die Leute schienen mir irgendwie typisch in ihrer gereizten Orientierungslosigkeit. Ich sprach mit einigen von ihnen, stand eine Weile frierend herum und fuhr dann wieder zurück ins Hotel. Dass sie ihr Vorhaben nicht umgesetzt haben, ist mir inzwischen klar geworden. Um so peinlicher, dass mir so ein Fehler in einem Text passiert, der sich mit der Genauigkeit von journalistischer Arbeit beschäftigt.

Das finde ich erstaunlich, weil ich das Wort Fehler hier fast zu hart finde. Dann kommt Hoppe zurück zu dem, wovon seine Kolumne eigentlich handele: zur Frage des Medienwandels.

Sie handelt etwa von der, wie ich es sehe, durch das Netz und die sozialen Medien beförderte Neigung, sich schnell, aber oberflächlich zu empören, irgendwas zu liken oder eben jemanden als Lügner und Arschloch abzustempeln. Was machen die sozialen Medien mit der Generation der Jungen? Wie modelliert das Netz ihre Kommunikation, ihr Denken, Fühlen?

Eine Antwort kann man wohl gerade nachlesen: Das Netz modelliert aus Publikation eine Form der Kommunikation. Und damit verändert sich auch das Berufsbild des Journalisten.

Update: Felix Schwenzel sieht das weniger milde als ich.

Crowdfunding im Journalismus: The Local Global Mashup

Am 15. Februar endet die Founding-Phase für The Local Global Mashup-Show. Die Macher von Latitudenews wollen bis dahin rund 44.000 Dollar für eine wöchentliche Radioshow einsammeln. Der Slogan für das Projekt lautet: “Get the inside edge on the stories that connect Americans to the world — in your ear every week.”

Es geht darum, globale Geschichten auf die lokale Ebene herunter zu brechen (wobei die amerikanische Perspektive schon eine sehr breite lokale Perspektive ist) und diese Geschichten in einem wöchentlichen Podcast zu versammeln. Das ist ein durchaus interessanter Ansatz – und ich bin gespannt, ob Maria Balinska das Ziel erreichen wird.

Bemerkenswert ist, dass in der Woche, in der The Local Global Mashup auf sein Ziel zusteuert, die Macher von Fortunas Legenden dieses mit einem überwältigende Erfolg erreicht haben. Der Düsseldorfer Fortuna-Fan-Film hat den Fundingrekord für Dokumentarfilme auf Startnext geknackt. Der Düsseldorfer Schauspieler Lars Pape hat gemeinsam mit Starter Holger Schürmann 1169 Supporter davon überzeugt, dass es sich lohnt in diesen Film zu investieren. Das Besondere dabei: Pape und Schürmann sind klar als Fortuna-Fans zu erkennen, sie erlangen ihr Glaubwürdigkeit gerade nicht über journalistische Unabhängigkeit, sondern über ihre sichtbare Verbundenheit mit dem Thema.

Vielleicht ist es Zufall, vielleicht lässt sich daraus aber auch etwas für journalistische Crowdfunding-Projekte ableiten. Zumindest dies: Wer Geld für ein Projekt einsammelt, muss begründen können, warum ausgerechnet er oder sie es bekommen soll. Ein Bezug zum Thema schadet dabei offenbar nicht.

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Der Spiegel, Blogs und eine Rollbahn in Island

Ich hatte vergangenen Woche hier über einen Text aus dem Spiegel geschrieben, dessen Haltung zu Blogs und zur Digitalisierung mir fragwürdig erschien. Gerade lese ich, dass der Text offenbar ganz andere Probleme hat.
Alexander Svensson hat sich auf die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte gemacht, die Ralf Hoppe in dem zitierte Text erzählt. Es geht dabei um das Aufkommen von Gerüchten in Blogs, um unfundierte Berichterstattung und unkalkulierbare Folgen. Konkret schreibt Hoppe über die Blog-Berichterstattung von Volksreportern, die zu folgendem Szenario geführt habe:

Aber die Isländer machten sich in der Nacht auf, blockierten ebenso tapfer wie sinnlos anderthalb Tage die Startbahn, bis alle steifgefroren waren. Der Erfinder dieses Gerüchts, der Blogger, wer immer es war, hat eine Menge kalter Füße und Blasenentzündungen zu verantworten

Ich hatte mich in meinem letzten Eintrag nicht weiter um diese Geschichte gekümmert, angenommen, sie habe sich so zugetragen. Alexander Svensson tut das nicht, er fragt nach:

Fragen wir Isländer. Und mit »wir« ist auch Bastian Brinkmann gemeint, Wirtschaftsredakteur bei Süddeutsche.de. Da ihn ebenfalls das Rollbahngoldfieber gepackt hat, fragt er Baldur Hedinsson, einen Mathematiker, der bei der renommierten NPR-Sendung »Planet Money« ein Praktikum gemacht hat. Hedinsson, der Island-Erklärer für NPR, sagt, dass er von der Geschichte noch nie etwas gehört hat: »I’d be amazed if it ever happened.« Er hat auch noch mal herumgefragt, ebenso erfolglos.

Guðjón Már Guðjónsson hat 2010 das Isländische Nationalforum nach der großen Krise mitorganisiert. Die Flughafenbesetzung? »I have never heard this story before«. Er fragt bei seinen Facebook-Freunden nach und erntet dafür 28 Likes und neun Smileys. (Einer schlägt vor, mir gephotoshoppte Bilder von eingefrorenen Demonstranten zu schicken. Das stößt auf Zuspruch.)

Wir können auch Isavia fragen, das ist die Gesellschaft, die Islands Flughäfen betreibt. Dort ziert man sich nicht, auf die merkwürdige Anfrage zu reagieren: Das sei eine großartige Geschichte, schreibt mir der Isavia-Sprecher sofort zurück, bedauerlicherweise ohne ein Fünkchen Wahrheit, aber dennoch großartig.

Was ist da los? Kann das sein, dass ausgerechnet die Beleg-Episode für die mangelnde Qualität von Blogs nicht zu belegen ist? Hat Alexander Svensson falsch gefragt? Handelt es sich um eine andere Rollbahn als um die, die von Isavia betreut werden?
In seinem Beipackzettel zum Spiegelblog schrieb Stefan Niggemeier im vergangenen September:

Der »Spiegel« leistet sich zum Beispiel eine Redaktion von über 80 Dokumentaren, die alle Texte prüfen. Dieser Aufwand bleibt dem oberflächlichen Betrachter verborgen. Teil der öffentlichen Diskussion zu werden, bedeutet daher nicht nur, sich (berechtigter oder unberechtigter) Kritik zu stellen, sondern auch, die eigenen Stärken erkennbar zu machen. Der »Spiegel« kann von einer Debatte, in der dieser Aufwand sichtbar wird, nur profitieren. Selbst dann, wenn das nicht immer dazu führt, jeden Leser zufrieden zu stellen.

Die journalistische Familie

In den vergangenen Tagen ist viel über Journalisten und ihre Rolle gesprochen worden. Diese Woche nun erschien im Spiegel ein Text, den man früher (als das ahnungslose Abwerten von Blogs noch üblicher war) vielleicht als Blog bezeichnet hätte. Im Spiegel läuft er unter der Kategorie “Homestory” und der Spiegel-Autor Ralf Hoppe erzählt darin von daheim. Er steigert sozusagen den Ansatz von Laura Himmelreich: hier ist nicht mehr der Journalist allein wichtigster Beleg seiner Thesen, hier dient die Familie als Bezugsrahmen, konkret der Sohn von Ralf Hoppe. Dieser ist offenbar der einzige oder zumindest der mit dem geringsten Aufwand zu recherchierende Vertreter einer fremden Generation, über die Hoppe schreiben möchte. Im Untertitel des “Volksreporter” überschriebenen Textes wird diese Generation unter Verwendung eines merkwürdigen “uns” und mit grammatikalisch falscher Tempus-Setzung so beschrieben: “Wie sich das Leben verändern wird, wenn unsere Kinder keine Zeitung mehr lesen.”

Was dann folgt ist ein Text, der sehr gegenwärtig beschreibt, dass der Sohn des Autors bereits heute keine Zeitung (auf Papier) liest.

Dabei verfällt der Text dem klassischen Fehler, Zeitung nicht über den Wert des darin produzierten Journalismus, sondern einzig mit dem Verbreitungsweg Papier zu definieren (ich hatte dazu hier bereits ausführlich geschrieben). Wenn dieses Papier verschwindet, so die These des Blog-Textes im Spiegel, wird es nur noch Blogs geben. Darin zeigt sich eine verquere Logik, denn diese Blogs, so der Blog-Text, seien per se schlechter. Was man ja an Island sehen kann. Wer jetzt erwartet, dass Ralf Hoppes Sohn wenigstens einen Bezug zu Island habe … aber egal. (Alexander Svensson hat sich die Mühe gemacht, den Text in dieser Sache detaillierter zu analysieren)

Ich will viel lieber über einen anderen Aspekt in dem online nicht verfügbaren Text sprechen: über die Rolle des Journalisten. Darum scheint es dem Autor nämlich auch zu gehen. Er benennt die Demokratisierung des Berufs sehr konkret mit einem plötzlichen Perspektiv-Wechsel auf ein vorher nicht erwähntes Wir, das den folgenden Satz einleitet:

Wir sind alle unsere eigenen Volksreporter : Das ist das Konzept, das hinter dieser Nachrichtenverbreitung steckt. Der Beruf, den ich mal vor langer Zeit ergriffen habe, nicht zuletzt, weil ich ihn für interessant (aber auch für krisensicher) hielt, sah einen Journalisten vor, der eine Ausbildung besitzt, eine Aufgabe hat, eine Mission, wie immer die auch aussieht. Dieser Journalist kommt in der neuen Art der Informationsübermittlung nicht vor.

Das muss er so schreiben, weil er vorher behauptet hatte, die Informationen im digitalen Nachrichtenstrom, an dem sein Sohn teilhat, seien sozusagen ohne Quelle, ohne medialen Bezug:

Nachrichten im sozialen Netz haben keinen Anfang, keinen Ursprung. Sie sind einfach plötzlich da. Erklärungslos, dafür meinungslastig, emotional.

Diese Behauptung ist einfach da, erklärungslos, meinungslastig, emotional. Sie deckt sich kaum mit dem, was Studien über die Verlinkung klassicher Medien im digitalen Raum zu Tage födern und noch viel weniger mit dem, was ich im sozialen Netz erlebe. Ich sehe dort Journalisten im angelsächsichen Raum, die sehr gebildet (und ausgebildet) ihre Quellen offenlegen, Bezüge herstellen, sachlich und zurückhaltend erklären.

Ich kann verstehen, dass es Journalisten gibt, die dieses Form der Autoritätsbegründung und Berufsausübung nicht mögen. Aber deshalb muss man sie ja nicht negieren. Wer den Datenstrom der sozialen Netze mit einer italienischen Piazza vergleicht, sollte schon anerkennen, dass dort sehr wohl auch professionelle Journalisten herumspazieren und den Dialog mit ihren Nutzern suchen. Von einem Artikel, der weniger “erklärungslos, meinungslastig und emotional” ein Thema bearbeitet, würde ich mir sogar erwarten, dass er diese Fakten in eine Analyse einfließen lässt. Denn hier liegt meiner Einschätzung nach der Hebel für eine digitale Ausgestaltung des Journalistenberufs einerseits und für Antworten auf die Frage, wie qualitativ hochwertiger Journalismus auch im digitalen Zeitalter funktionieren kann: in dem man seinen Wert benennt und nicht seinen Vertriebsweg. In dem man analysiert, wo er Menschen erreichen kann. In dem man nachschaut, wo er heute bereits praktiziert wird und nachfragt, warum das so ist.

Wer stattdessen lediglich seine Distanz und Verwunderung über die Digitalisierung festhält, beschreibt damit mehr die Entfernung von einer Lösung als die Suche danach. Ein Text, der sich aus dieser Ich-Perspektive der eigenen Familie bemächtigt, um daraus Schlüsse zu ziehen, ist viel weniger Zeitung als dem Autor vermutlich lieb ist. Ein solcher Text ist ein schlechtes Blog auf Papier, ohne dessen digitale Möglichkeiten auch nur zu erfragen.

#aufschrei – die journalistische Ebene

Der Satz, den alle lesen sollten, die sich für Journalismus in diesem Land interessieren, wurde heute Vormittag auf bild.de veröffentlicht. Er trägt einen Zeitstempel und entstammt einem “Protokoll” genannten sehr eigenwilligen Text, der versucht aus einem Pressegespräch im Jakob-Kaiser-Haus ein Event zu machen (“Bild.de war live vor Ort”).

10.39 Uhr: Himmelreich ist da, mit einem Kollegen! Sie trägt einen dunkelblauen Mantel, rotes Oberteil, grauer knielanger Rock, rote Wildlederstiefel.

Die Beschreibung bezieht sich auf Laura Himmelreich, Autorin des Porträts über Rainer Brüderle, das eine noch andauernde Debatte über Sexismus in Deutschland auslöste. Ich lag falsch als ich ihren Text vergangene Woche zum Beispiel für die Tatsache nahm, dass Journalistinnen und Journalisten die Rolle des Beobachters verlassen und zu Akteuren werden. Laura Himmelreich erlebt gerade die Steigerung dessen: Sie ist nun selber zum Gegenstand der Berichterstattung geworden. Sie sah sich diese Woche auf dem Cover der Bild-Zeitung abgebildet – neben Rainer Brüderle. Und das Land diskutiert plötzlich, ob der FDP-Spitzenkandidat sich bei ihr entschuldigen soll.

Natürlich geht es nicht nur darum: Die Diskussion um #aufschrei (hier ein paar Daten dazu) zeigt, dass der Text mehr ausgelöst hat. Ich glaube aber, dass er auch eine journalistische Ebene hat, die über die inhaltliche Debatte hinaus geht. Journalistinnen und Journalisten müssen sich überlegen, wie sich ihre Rolle, ihre Auftreten und ihr Anforderungsprofil ändert, wenn Geschichten wie die genannte häufiger werden (in der gleichen Woche war übrigens auf dem Cover der Zeit ein Journalist mit einem Kinderbild zu sehen – weil er seine eigene Geschichte erzählte).

Wie bereitet man sich auf die Folgen solcher Veröffentlichungen vor? Natürlich wird nicht jede und jeder erleben, dass ihr oder sein Text am Sonntag abend Thema der vermeintlich politischen Talkshow in der ARD wird. Aber die Frage: Muss ich meinen Text später erklären? scheint wichtiger zu werden. Muss die Journalistenausbildung darauf reagieren? Müssen Journalisten lernen, ihre Texte, Filme, Bilder zu erläutern? Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Redaktionen? Wie müssen sie ihre Autorinnen und Autoren vorbereiten und vielleicht auch schützen?

Wenn der merkwürdige wie sinnlose Graben der #aufschrei-Debatte überwunden wurde (Lektüre-Tipp: Kia Vahland in der SZ), wenn man mit Abstand auf diese Tage zurückblicken wird, wird man an den merkwürdigen Live-Ticker denken – und sich vielleicht daran machen, ein paar der genannten Fragen zu beantworten.

Live-Tweets: ein neues Betätigungsfeld für Journalisten?

Am Anfang dieser Woche ging in München die DLD genannte Digital-Life-Design-Konferenz zuende. Die Veranstaltung wurde (wie zahlreiche andere Konferenzen natürlich auch) von Live-Tweets begleitet. Konferenz-Teilnehmer twitterten ihre Eindrücke, aber eben auch die Veranstalter über den offiziellen DLD-Account. Nina Betz (Foto: privat) war eine derjenigen DLD-Mitarbeiterinnen, die den Account betreuten. Ich habe ihr ein paar Fragen zum Thema Live-Tweeten geschickt.

Du warst im Team, das den DLD live auf Twitter begleitet hat, war es anstrengend? Immerhin muss man allen Vorträgen folgen und in Echtzeit entscheiden, ob das jetzt ein zitierfähiges wichtiges Zitat war oder nicht?
Ich würde sagen anstrengend ist das falsche Wort. Natürlich ist es anspruchsvoll, da Session an Session gereiht ist, aber da wir zu sechst waren konnten wir uns die Sessions gut einteilen. Meistens waren wir zu zweit in einer Session, somit konnte sich einer/eine alleine auf’s Twittern und der/die andere auf den Blog-Post konzentrieren.

Bist du selber eine aktive Twitterin?
Nein, ich bin keine aktive Twitterin. Zumindest bis jetzt nicht gewesen. Ich glaube aber das ändert sich ab jetzt…

Wie kommt man zu so einem Job?
Die meisten von uns waren schon öfter bei der DLD als Live-Blogger- und Tweeter. Ich persönlich bin aufgrund meiner Vorkenntnisse im PR- und Social Media-Bereich und meines Interesses am Digitalen Markt dazugekommen.

Siehst du das Twittern vom Organisations-Account eher als Marketing-Tätigkeit oder ist nicht eher eine journalistische Tätigkeit?
Ich sehe es eher als eine journalistische Tätigkeit, da unsere Aufgabe ist die ‘Follower’ auf dem Laufenden zu halten und den jenigen das Geschehen näherzubringen, die nicht live dabei sein können.
Auf der anderen Seite kann man natürlich das Twittern auch als Marketing-Tätigkeit sehen, um zu zeigen, wie innovativ die Veranstaltung ist und um die Reichweite der DLD zu verbreiten und neue Unternehmen, aber auch Einzelpersonen zu gewinnen. Aus dieser Sicht habe ich es noch gar nicht gesehen. Ich bin eben doch mehr PR’lerin…

Ihr begleitet die Vorträge und reagiert auf Anfragen. Kannst Du sagen, wie die Arbeit etwa verteilt ist?
Wie gesagt, wir haben uns auf die verschiedenen Sessions aufgeteilt und haben uns davor auf jede einzelne kurz vorbereitet. Das schöne war, dass wir sechs eine gute Mischung waren mit verschiedenen Neigungen. Somit hatten wir meistens die Möglichkeit die Sessions zu besuchen, die jeden einzelnen am meisten interessiert haben. Jeder war dann auch für seine Session verantwortlich und ist auf die Anfragen dazu eingegangen.

Was muss man können, um live zu twittern? Beim DLD natürlich englisch, aber was noch?
Wie du sagst, Englisch muss man beherrschen. Und eine schnelle Auffassungsgabe haben, um die wichtigen Dinge, wie einschlägige Zitate oder Unerwartetes herauszufiltern und sofort weiterzugeben. Das Zehnfingersystem zu beherrschen ist ebenfalls sehr hilfreich…

Der Guardian hat letzten Herbst zehn Regeln über das Live-Twittern von einer Konferenz aufgestellt. Habt Ihr auch Regeln, die Ihr befolgen müsst/ die Ihr Euch selbst gegeben habt?
Im Grunde genommen hat der Guardian die wichtigsten Regeln fürs Live-Twittern genannt, an die man sich halten sollte und an die wir uns gehalten haben.

Gab es beim diesjährigen DLD einen Lieblings-Tweet?
Ich glaube die Lieblingstweets für’s Team sind immer die, die nach einem Event folgen. Die Danksagungen und das Lob der ‘Follower’. Dann merkt man, man hat seine Arbeit richtig und vor allem gut gemacht.

Worin sich individuelle von industrieller Kommunikation unterscheidet

Man kann sich ausführlich damit befassen, wie die technischen Veränderungen der Digitalisierung Darstellungsformen verändert und Inhalte multimedial machen. Die bedeutsame Veränderung der Digitalisierung liegt meiner Einschätzung nach aber darin, wie das Netz als Kommunikationsraum (im Gegensatz zu den klassischen Kommunikationsrampen) das Verhältnis zwischen Storytellern und der Öffentlichkeit verschiebt. Das Verhältnis zwischen Bühne und Publikum wird neu verhandelt, habe ich das in Bezug auf neue Bezahlmodelle genannt.

Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man den The Fickle Fame of Twitter betitelten Text lesen, der gestern auf Boing Boing veröffentlicht wurde. Michele Catalano erklärt darin, was es bedeutet, eine Million Follower auf Twitter zu haben und sie beschreibt, wie diese reine Zahl in ihr die Sorge erweckte, plötzlich auf einer Bühne zu stehen und statt wie vorher in einem Kommunikationsraum. Michele ist Autorin, mit dem Netz und seinen Besonderheiten vertraut, sie schreibt auf der Website von Forbes. Das sollte man vielleicht wissen, wenn man ihre Ausführungen nachliest, in denen sie am Beispiel der plötzlich wachsenden Follower-Zahl auf Twitter (sie landete auf der Liste der empfohlenen Nutzer in dem Dienst und erreicht so sehr schnell sehr viele Follower) die genannte Veränderung beschreibt. Drei Ausprägungen will ich dabei herausstellen:

1. Der Zauber des Viralen
Es ist die digitale Variante des alten Rockstar-Traums: Eine Idee, ein Bild oder ein Website geraten plötzlich in den Blick der Weböffentlichkeit und werden von jetzt auf gleich bekannt. Man kann das in Echtzeit beobachten. Bei Michele ist es der Zähler der Twitter-Follower, bei anderen sind es die Seitenzugriffe oder die auf einmal in die Höhe schießenden Verkaufszahlen. In diesen Geschichten steckt das, was ich seit einer Weile im Phänomeme-Blog für die SZ festzuhalten versuche, die zwiespältigen Augenblicke des Webruhms, in denen man merkt, was so gleichgültig wie regelmäßig behauptet wird: das Internet verbindet dein Schlafzimmer mit der ganzen Welt.
In der in Echtzeit messbaren Reaktion steckt ein Kommunikations-Element. Die Webwelt antwortet – mit Masse, mit Klicks. Das ist eine neue digitale Form der Kommunikation. Sie erzeugt einen besonderen Reiz, aber womöglich auch ein gewisses Grauen.

2. Freunde statt Publikum
“Plötzlich hatte ich ein Publikum”, schreibt Michele. Vorher schrieb sie für Freunde und Bekannte. Jedenfalls fühlte es sich für sie so an. Die ständig wachsende Zahl an Followern veränderte dieses Gefühl. Plötzlich schwand das Familiäre, das Gefühl von freundschaflicher Verbundenheit. Dafür erwuchs die Sorge, sich jetzt offiziell quasi amtlich äußern zu müssen. Vermutlich lässt sich dieser Kontrast am besten in der Unterscheidung zwischen einer persönlichen Botschaft einerseits und der Haltung eines Amtsblattes oder Generalanzeigers andererseits festmachen. Die Differenz ist nicht nur für den Leser erkennbar, sondern auch für den Autoren. Michel bringt das in dem Satz zum Ausdruck, in dem sie mit Bezug auf einen anderen Autoren (der mit dem Followerwachstum anders umging) feststellt: “Where @sween stayed true to his voice, I lost mine.”

3. Individuelle statt industrielle Kommunikation
Seiner Stimme treu bleiben, ist vermutlich die beste Zusammenfassung für das, was ich unlängst als Differenz zwischen individueller und industrieller Kommunikation beschrieb. Michele besinnt sich ihrer individuellen Stimme, ihrer persönlichen Färbung und ihres eigenes Humors. Sie verändert ihren Twitter-Namen und kehrt – trotz großer Followerzahl – zurück zu dieser ursprünglichen Idee der Kommunikation im Raum. Mit Erfolg. Der Hauptgrund dafür: Sie kommuniziert. Sie selber nennt das engagement und in der Beschreibung dieses Wandels lässt sich die Bandbreite der Herausforderung ablesen, vor der Storyteller im Netz stehen. Michele schreibt als Antwort auf die Frage, was ihr ursprünglich an Twitter gefallen habe:

Well, it was good for making friends, meeting new people, discovering how many talented people are hanging around the internet, getting to do stuff with some of those talented people, having friends to visit wherever we travel, telling offensive, horrible jokes and letting a million people know when I’ve gotten my period.

There it was. I joined twitter for the conversation, for the ability to connect with people who enjoyed the same warped sense of humor, people who liked hockey and baseball, people who enjoyed talking about music and people who liked to banter back and forth, to engage.

That was it. The engagement. When I got all those followers, I started thinking of myself as a one person twitter stand-up show (albeit one where the audience was often armed with tomatoes) and I forgot about the social engagement.

Wer diese Unterscheidung versteht, wer den Zauber nachvollziehen kann, den Michele hier beschreibt, hat glaube ich verstanden, worin die Veränderung besteht, die Social Media nach sich zieht: Journalisten müssen lernen, was im Englischen to join a conversation heißt.

Die Ausgaben des Jahres

Wer all die Rück- und Ausblicke*, all die “des Jahres”-Auszeichnungen und Fazit-Texte auf 2012 liest, kommt an dem Wort Zeitungskrise nicht vorbei. Es war auch hier im Blog Thema – damals versuchte ich mit einem Lob auf die Tageszeitung den Blick auf die Stärken des Mediums zu lenken. Der Text wurde breit rezipiert und diskutiert. Einige Male kam dabei die Frage auf, was denn ein solcher selbstbewusster Blick für konkrete Folgen haben könne? Als ich jetzt in den Rückblicks-Strudel geriet, bemerkte ich, dass in der Medienbranche zwar so allerhand ausgezeichnet wird, aber eines der Kernstücke der Tageszeitungsarbeit schlichtweg unter den Tisch fällt: die Ausgabe.

Und dabei zeigt sich in einem Detail, welche Folgen ein veränderter Blick haben kann.

Es gibt Journalisten des Jahres, Interviews des Jahres und Reportagen des Jahres. Wo aber sind die Ausgaben des Jahres? Wo ist die Auszeichnung für diejenige Zustammenstellung, die in den vergangenen Monaten herausgestochen ist – weil sie besonders zusammengesetzt war, weil einzelne ihrer Inhalte sich als prägend erwiesen haben oder weil sie sich einfach durch eine interessante Herangehensweise/Covergestaltung/Gesamtkomposition ausgezeichnet hat?


Ich habe nicht nur keine derartige Auszeichnung entdeckt, mir war es sogar nur mit Aufwand möglich, überhaupt der Ausgaben selber habhaft zu werden. Ich wollte überprüfen, ob diejenigen Ausgaben, die mir in Erinnerung geblieben sind, tatsächlich besonders waren. Ich machte mich auf die Suche nach der SZ-Wochenendausgabe vom 8. September (eine im neuen Layout), in der Hans Leyendecker und Ralf Wiegand über Bettina Wulff und ihr Aufbegehren gegen Google berichteten. Die exklusive Seite3-Geschichte war damals nicht mal Aufmacher der Ausgabe. Ich ergooglte die Titelseite der Ausgabe der Zeit vom 10. Mai, in der sich die Regeners und Kehlmanns dieses Landes ihrer Urheberschaft versicherten (das Feuilleton veröffentlichte damals den Wir sind die Urheber genannten Aufruf), was gar nicht auf dem Titel steht. Dafür wird dort das Merkel-Porträt angekündigt an das ich mich erinnern kann. Schließlich schaute ich (selbstverständlich) nach der FTD-Ausgabe vom 7. Dezember – der finalen, letzten Ausgabe des Blattes.

Drei Schlaglichter auf ein Jahr, in dem man sicher andere Schwerpunkte setzen könnte. Einzig: Wer setzt diese Schwerpunkte? Bei dieser Frage geht es mir nicht um Preise und um Auszeichnungen. Diese sind lediglich Symbol für die Haltung einer Branche. Mir geht es darum, dass wir einerseits beklagen, dass der Leser die Auswahlleistung in einer sich atomisierenden, digitalisierten Welt nicht mehr zu schätzen weiß. Dass wir andererseits genau diese Leistung aber kaum herausstellen. Dass es keinen Preis gibt, liegt ja zunächst mal daran, dass die Branche selber es nicht als preiswürdig ansieht, eine Ausgabe zusammenzustellen. Wobei die Doppeldeutigkeit im Wort “preiswürdig” durchaus auch auf den Paid-Content-Klang bezogen sein darf.

Jeden Tag gibt es schließlich eine neue Ausgabe und nichts ist älter als die von gestern (an dieser Stelle ein Lob auf die Titelgalerie bei Meedia) – wer mit dieser Haltung Zeitung macht, ist selber nicht davon überzeugt und wird andere nur schwer davon überzeugen können, dass der Wert einer Zeitung nicht nur in ihren Texten liegt. „All the news that’s fit to print“ steht ja nicht deshalb auf der Druckausgabe der New York Times, weil man den Platz nicht anders füllen könnte, sondern weil das “fit” ein Ausweis der journalistischen Kompetenz ihrer Macher ist. Was man bei der New York Times für printfähig hält, ist eben etwas anderes als bei anderen Blättern. Was man in einer Redaktion für “fit” hält, ist Grundlage für die langfristige Bindung eines Lesers an die Arbeit der Redaktion – unabhängig vom Verbreitungsweg. Mit etwas Jahresend-Pathos kann man hier von Haltung sprechen, von einem für diese Publikation bestimmenden Blick auf die Nachrichtenlage. Diese Haltung ist das verbindende Element zwischen Leser und Schreiber, dessen Texte lediglich eine Ausdrucksform der Haltung sind. Gestaltung, Titelei und der Kontext stellen ein Gesamtbild her, das vielleicht vergleichbar ist mit der Idee eines Musikalbums. Davon erscheinen das Jahr über auch unzählig viele, dennoch befassen sich Musikkritiker weltweit seit Ende November offenbar mit nichts anderem als Listen mit den “Alben des Jahres” zu erstellen.

Vielleicht wäre das auch ein für Zeitungsmacher heilsame Ratschlag: die eigenen Ausgaben wichtiger zu nehmen. Und dass sich dabei die zweite, die finanzielle Bedeutung des Begriffs schon den ganzen Text über aufdrängt, zeigt nur, dass wir vor lauter Ausgaben- und Kostenreduzierung viel zu wenig darüber nachdenken, dass es die Ausgaben sind, die den Wert einer Tageszeitung ausmachen.

* Wer sich tatsächlich für interessante Aus- und Rückblicke interessiert: bei Oreilly gibt es eine Erklärung für die Entwicklungen des Jahres 2012 und eine Prognose auf den sich verflüssigenden Journalismus des Jahres 2013

Journalistenschüler kuratieren “6 vor 9″

Morgen startet in der BILDblog-Rubrik bei “6 vor 9″ ein ungewöhnliches Experiment: BILDblog und die Deutsche Journalistenschule organisieren die Urlaubsvertretung von Ronnie Grob – Schüler der 50sten und 51sten Lehrredaktion der DJS werden in den nächsten Tagen täglich sechs besondere Links auswählen und im BILDblog und auf djs-online.de vorstellen.

Ich begleite das Projekt als Dozent und habe Ronnie Grob vorab ein paar Fragen zu der Rubrik und zum Phänomen des kuratierenden Journalismus gestellt:

Du wählst seit über 6 Jahren täglich sechs medienrelevante Links aus. Kannst überhaupt noch Texte einfach so lesen oder hast du ständig die 6vor9-Schere im Kopf?
Ich bin schon so daran gewöhnt, Texte auch auf ihre Verwertbarkeit zu prüfen, dass mir das beim Lesen fast nicht mehr auffällt.

Erzähl mal, wie das konkret geht: Du siehst einen Text und speicherst dir dann die URL in einen Read-it-later-Dienst?
Lange habe ich Delicious.com genutzt, um mir die einzelnen Storys zu speichern, doch als sich der Dienst von meinen Bedürfnissen entfernte, dauerte es keine drei Tage, bis ich mit allen Links zu Pinboard.in gewechselt bin – ein Dienst, den ich sehr empfehlen kann. Aktuell sind dort 17294 Links gespeichert, leider nicht öffentlich, sondern “private”.

Welche Dienste nutzt du, um den Überblick zu behalten?
Hauptsächlich lese ich RSS-Feeds im Google Reader, ich habe hunderte abonniert. Dazu öffne ich morgens traditionell einen Ordner mit etwa 30 Bookmarks. Da ist alles mögliche dabei: Medienseiten von Zeitungsportalen, Stichwortsuchen, YouTube-Abos, Rivva, etc. Und dann gibt es auch noch Newsletter und Google Alerts – erstere versuche ich zu meiden, letztere liefern kaum noch Brauchbares.

Wie wichtig sind Twitter und Facebook für deine Arbeit?
Sehr wichtig. Es ist zwar ermüdend, wenn immer und immer wieder die gleichen Links auftauchen, doch gerade abseitigere Links erhält man oft von klugen Menschen in der Timeline.

Und wie bedeutsam sind Empfehlungen von Lesern?
Noch viel wichtiger, denn anders als die üblichen Verdächtigen bei Twitter und Facebook haben Bildblog-Leser höchst unterschiedliche Medienkonsumgewohnheiten und liefern oft Links zu Medien, von denen ich noch nie etwas gehört habe.
Ich bin dankbar für jeden einzelnen Link, der meine Blase aufbricht und mir zeigt, dass es auch noch andere Meinungen, Geschichten, Probleme gibt als die im eigenen Umfeld. So auch mein Anspruch an “6 vor 9″. Die Umsetzung gelingt natürlich stets nur teilweise.

Wenn du die Links dann zusammengesucht hast: Wie gewichtest du?
Immer wieder anders, da gibt es kein klares Schema. Doch oft ist 1 der wichtigste Link und 6 der unwichtigste, dort landet manchmal auch Satire. Die Auswahl geschieht intuitiv, ideal ist ein Mix von Storys, die wichtig sind mit solchen, die sich gut lesen. Die besten Chancen haben medienkritische oder medienjournalistische Stücke, die relevant sind und unterhaltsam.

Ich habe den Eindruck, ein gewisses Muster bei den sechs Links zu erkennen: Es sind meist zwei ohnehin schon bekannte Stücke von sehr bekannten Autoren dabei, zwei ausländische (gerne auch aus der Schweiz), eine vorher ganz unbekannte Perle aus einem Spezialblog und ein lustiger Rausschmeißer. Ist das ein Muster, das Du tatsächlich bedienst oder bilde ich mir das ein?
Als Medienjournalist aus der Schweiz habe ich einen natürlichen Zugang zu Schweizer Storys, weshalb ich öfters welche verlinke – bisher hat sich noch nicht einmal jemand über einen Schweiz-Überhang beklagt, vermutlich aus purer Höflichkeit. Sollte die Rubrik zu viel Muster drin haben, bitte ich drum, mir das zu melden, denn “6 vor 9″ sollte schon eine Überraschungskiste bleiben. Doch wenn Blogger X oder Journalist Y Tag für Tag eine neue Hammerstory raushauen, dann muss man die eben auch verlinken. Ich werde doch keine schlechtere Story für eine bessere Story einwechseln, nur dass mal wieder eine neue Quelle da steht.

Eine besondere Herausforderung sind die kurzen Erklärtexte zu den Links. Du musst in wenigen Zeilen die Situation erklären, Zusammenhänge herstellen. Dabei schon mal in grobe Fallen getappt?
Das ist in der Tat recht heikel, und Bildblog ein Minenfeld mit vielen klugen Lesern, die nicht nur von Grammatik eine grosse Ahnung haben. Immerhin kriege ich nun nicht mehr jeden Tag E-Mails zur ß/ss-Problematik. Hat man alles richtig verstanden? Ist der Ausschnitt des Zitats sinnentstellend? Erklärt man ausführlich in fünf langweiligen Zeilen oder reicht eine knackige? Fehler habe ich schon einige gemacht, auf die ganz grosse Falle warte ich aber nach wie vor. Gerade bei noch unbekannten Medien ist man dazu gezwungen, dem Beitrag, den man gerne verlinken möchte, einen Vertrauensvorschuss entgegen zu bringen. Wenn ich um 8 Uhr eine Auswahl treffe, dann habe ich ja nur bedingt Zeit, die Plausibilität einer Geschichte zu prüfen. Sind die Zweifel zu gross, verzichte ich auch lieber mal auf eine Superstory. Um ganz sicher zu sein, müsste man ja vor jeder Verlinkung alles nachrecherchieren.

Hast du Vorbilder?
“6 vor 9″ wurde ohne konkretes Vorbild gegründet. Aber klar, es gibt viele grossartige Blogger und Journalisten, die ich mir auch gerne zum Vorbild nehme.

Welche?
Hm ja, es gibt so viele Vorbilder, die man sich nehmen kann, wenn man schreibt, angefangen von Honoré de Balzac über Niklaus Meienberg, Michèle Roten, Margrit Sprecher bis Stephan Herczeg, so dass jede Auswahl total willkürlich ist. Das naheliegendste im deutschsprachigen, medienjournalistischen Bereich ist natürlich Stefan Niggemeier, der macht seit sehr vielen Jahren sehr vieles richtig. Ob man das jetzt ins Interview aufnehmen soll? Ich weiss nicht recht… Wer wissen will, was ich aktuell lesenswert finde, liest am Besten “6 vor 9″ :)

Zum Abschluss ein Ratschlag für Deine Urlaubs-Vertreter?
Stets das Frische dem schon x-mal Gelesenen vorziehen. Und nur das schreiben, was zweifelsfrei ist, das ist nämlich schon gar nicht so einfach. Auch wenn die Uhr tickt und 8:54 Uhr schon vorbei ist.

Die BILDblog-DJS-Kooperation läuft bis 11. Januar. Wer sich mit Vorschlägen beteiligen möchte: einfach eine Mail an 6vor9@bildblog.de schicken!

Allen ist doch klar: Journalismus wird anders sein

Wir müssen über Crowdfunding reden. Eigentlich ging es mir bei meiner Idee, ein Buch zu schreiben, das die Leser an den Anfang und nicht ans Ende stellt, ganz und gar nicht um den aktuell sehr gehypten Begriff. Mir ging es darum, den Entstehungsprozess in den Blick zu nehmen. Dass ich damit jetzt mitten drin bin in einem Aufmerksamkeitsschub fürs Crowdfunding war so nicht geplant.

Aber es ist vielleicht auch gut. Vielleicht inspiriert dieses Interesse fürs Crowdfunding Menschen dazu, anders zu denken, Neues auszuprobieren. So wie Sebastian Esser es vor hat. Ihn lernte ich kennen, weil er mich für seine Website Kraut-Reporter interviewt hat. Gemeinsam mit Wendelin Hübner will er dort, journalistische Geschichten von der Community finanzieren lassen. Bisher läuft Kraut-Reporter in einer Vorschalt-Beta-Phase, trotzdem habe ich Sebastian Esser schon jetzt ein paar Fragen dazu gestellt, wie er Crowdfunding und Journalismus zusammenbringen will.

Crowdfunding ist der Hype der Stunde. Warum jetzt auch für den Journalismus?
Wir erleben gerade ein Medien-Massaker: DAPD und Frankfurter Rundschau haben Insolvenz angemeldet, die FTD ist zum letzten Mal erschienen, Redaktionen in Verlagen und Sendern werden überall zusammengestutzt. Insgesamt haben in diesem Herbst wahrscheinlich mehr als tausend festangestellte Journalisten ihren Job verloren. Das ist schlimm für die Kollegen, die nun ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Es ist aber auch schlimm für uns alle. Weniger Journalismus bedeutet: weniger Aufklärung, weniger Kritik, weniger verborgene Wahrheit, die jemand herausfindet. Das alles wirft die sehr grundsätzliche Frage auf: Wie wird Journalismus in Zukunft aussehen? Es gibt es eine Journalisten-Regel: Follow the money. In der ganzen Diskussion ist Crowdfunding eines der wenigen Experimente, das eine Antwort auf die entscheidende Frage verspricht: Wie finanzieren wir in Zukunft den aufwändigen, schwierigen, wichtigen Journalismus, wenn Verlage und Sender es nicht mehr tun?

Und was unterscheidet einen Kraut-Reporter von einem gewöhnlichen Reporter?
Grundsätzlich nichts. Jeder Reporter mit einer guten Geschichte hat beste Aussichten, Leute zu finden, die seine Arbeit finanziell und auf anderen Wegen unterstützen. Du musst Dich allerdings auf Deine Community einlassen, viel kommunizieren und für Deine Idee werben – etwas, was uns Journalisten erstmal fremd ist. Selbstvermarktung, das Werben für eine tolle Idee, das kommt früher oder später auf alle Journalisten zu. Nach dem Prinzip Frontalunterricht – einer spricht, alle anderen hören andächtig zu – funktioniert Journalismus heute ja eh nicht mehr.

Welche journalistischen Geschichten eignen sich fürs Crowdfunding und welche eher nicht?
Die besten Chancen haben Storys mit einer klaren Idee, einem besonderen Zugang. Zweitens solltest Du von Deiner Geschichte persönlich überzeugt sein, diese Leidenschaft auch vermitteln und Kompetenz nachweisen können. Und drittens – vielleicht der wichtigste Punkt – braucht die Story eine Community, eine Gruppe von Leuten, die sie wichtig oder interessant findet. Diese Crowd kann auch klein und speziell sein. Das ermöglicht Storys, die in Zeitungen, Magazinen oder Sendern keine Chance hätten, weil sie nicht massenkompatibel sind. Nicht geeignet sind Projekte, bei denen es allzu offensichtlich nicht darum geht, eine tolle Idee zu verwirklichen, sondern irgendwie an Geld zu kommen. Das sind sogenannte Finanzier-mein-Leben-Projekte: Ich brauch ‘ne neue Kamera, ich möchte gerne mal wieder was in New York machen, ich brauche Zeit, um mal gründlich über alles nachzudenken und so weiter.

Was passiert, wenn ich als Autor eine Geschichte bei Euch einstellen will?
Wenn Du ein Projekt bei Krautreporter finanzieren möchtest, musst Du zunächst zwei Kriterien erfüllen: Du verpflichtest Dich, dass Dein Projekt grundlegende journalistische Regeln der Wahrhaftigkeit, Unabhängigkeit und Transparenz respektiert, und Du Dich an die Grundsätze des Pressekodex gebunden fühlst. Und wir nehmen nur Projekte mit einem klaren Ziel – das konkrete Ergebnis Deines Projekts musst Du auf Deiner Projektseite veröffentlichen, um Deinen Unterstützern nachzuweisen, dass Du Deine Versprechen gehalten hast. Klingt vielleicht kompliziert, ist aber ganz einfach: Du klickst auf Starten, beschreibst Dein Projekt, stellst Fotos und ein Video online, legst Finanzierungsziel und Deadline fest, bietest Prämien an und speicherst schließlich das Projekt. Krautreporter entscheidet innerhalb von ein paar Tagen, ob das Projekt die Voraussetzungen erfüllt. Wahrscheinlich rufen wir Dich auch an und besprechen Details. Dann geht Dein Pitch online und Deine Kampagne kann losgehen.

Warum sollte ich das bei euch machen, es gibt doch auch andere Plattformen?
Jede Plattform steht für eine Community, eine bestimmt Zielgruppe. Und bei Krautreporter gibt’s Journalismus. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich die Besucher wirklich für Dein Projekt interessieren, wenn sie von Freunden und Bekannten auf ein Krautreporter-Projekt aufmerksam gemacht worden sind. Wir bemühen uns sehr, dass die Marke Krautreporter schon bald für tollen, berührenden, harten Journalismus steht, auch für neuartige Geschichten und Formate, die uns auf der Suche nach der Zukunft des Journalismus voran bringen.

Was passiert dann mit den Geschichten? Werden die auch bei Euch veröffentlicht oder verkauft der Autor sie anschließend an ein klassisches Medium?
Die Reporter verpflichten sich, das Ergebnis ihrer Arbeit auf Krautreporter zu veröffentlichen – einfach um zu beweisen, dass sie ihre Zusagen ihren Unterstützern gegenüber auch eingehalten haben. Darüber hinaus behalten sie sämtliche Rechte an ihrer Arbeit und veröffentlichen sie, wo sie wollen – bei Zeitungen, Sendern, auf der eigenen Webseite.

Und warum betreibt Ihr das Portal? Woran verdient Ihr?
Wir berechnen Reportern fünf Prozent der Finanzierungssumme, sollte ihr Projekt erfolgreich sein. Ist das Projekt nicht erfolgreich, entstehen auch keine Kosten. Mit diesen Einnahmen decken wir die Entwicklungs- und Serverkosten und den ganzen Kleinkram, der eben zusammenkommt. Unser Motivation ist aber, etwas zu unternehmen, das neuen Journalismus ermöglicht. Wir weigern uns, weiter die seit vielen Jahren immer gleichen Argumente auszutauschen und nichts tuend, aber Händer ringend dem Schwinden der Strukturen zuzusehen, die bisher Journalismus ermöglicht haben. Allen ist doch klar: Journalismus wird anders sein, möglicherweise von anderen betrieben und anders finanziert werden. Krautreporter ist ein Vorschlag, ein Experiment. Wir fragen die Journalisten, Fotoreporter und Dokumentarfilmer da draußen: Was ist die Geschichte, die Du immer schon machen wolltest?