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Shut up and take my money

Kennt irgendjemand bei den Krautreportern das auf Futurama basierende Meme „Shut up and take my money“? Know your Meme erklärt in Bezug auf das Bildmotiv und den zugehörigen Satz:

The phrase is often used on web forums and image boards to express a desire to obtain a certain product or invention, or to show approval for a proposed idea.

Im Rahmen der aktuell laufenden Diskussion zu der Frage wie es mit den Krautreportern weitergeht, ist das Meme der einzige Satz, den man den Crowdfundern zurufen will: Es wird seit Tagen über ihr Projekt diskutiert, Stefan Niggemeier erklärt seinen Ausstieg, Menschen erläutern warum sie ihr Abo verlängern oder nicht verlängern werden, es werden Interviews gegeben und Meinungen ausgetauscht. Einzig, das worum es jetzt gehen sollte, passiert nicht: Jedenfalls finde ich keinen Knopf auf der Seite, der mir hilft jetzt sofort das Abo zu verlängern. Und mal unter uns: Wenn es diesen Knopf nicht gibt, dann wird einfach niemand Geld fürs zweite Jahr geben können – völlig unabhängig davon, ob man die Krautreporter nun für relevant hält oder nicht. Sie sind ohne diesen Knopf einfach nur … kaputt!


Mehr zum Thema Krautreporter auch bei Thomas Knüwer, Marcus Schuler und Felix Schwenzel. Zur Frage von Wartezeiten für Bezahlangebote auch hier im Blog.

UDPATE: Der Knopf ist da!

kraut

Der Shopping-Club im Briefkasten

Es ist ein kleines, meist unbeachtetes Ritual: jeden Samstag trage ich einen Stapel Prospektpapier aus meinem Briefkasten direkt in die blaue Altpapiertonne. In den vergangenen Wochen habe ich mir die Mühe gemacht, zu lesen, was da Woche für Woche in die Briefkästen meiner Stadt (und auch in meinen) geworfen wird. Prospekte, Postwurfsendungen, Werbung. Aber vielleicht ist es auch viel mehr: Vielleicht sind es die kaum elaborierten Mitgliedshefte von zahlreichen Shopping-Clubs, die in meiner Stadt Filialen unterhalten. Super- und Baumärkte weisen mit diesen Prospekten auf ihre aktuellen Angebote hin, sie verteilen deshalb (mit Hilfe der Deutschen Post und einem Plastiküberzug) Unmengen an Papier, die nur ein Ziel verfolgen: Menschen in ihre Filialen zu bringen.

Über Prospekte gebloggt (URL in der Bio)

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

Das ist ein eher analogen Prinzip (alle Haushalte bekommen die exakt gleichen Prospekte/Angebote) und doch sind die Werbezettel greifbarerer Ausweis dessen, was sich auch digitale Shopping-Clubs im Web mit neuen Instrumenten zu nutze machen. Was ich damit meine: Das Blättern in der Prospekt-Ausbeute eines Wochenendes kann sehr lehrreich sein! Es zeigt einige Grundprinzipien der zielgerichteten Kommunikation – im Kampf um Aufmerksamkeit:

1. Aktualität: Es wird eine gefühlte Dringlichkeit in der zeitlichen Dimension erzeugt. Natürlich gibt es immer Getränke im Getränkemarkt, aber jetzt sind sie besonders … hier kann man zahlreiche Adjektive einsetzen. Ursprünglich war es einzig das Adjektiv günstig, es gibt aber noch sehr viel mehr.
2. Überraschung: Denn zahlreiche Prospekte werben zusätzlich mit Produkten, die man gewöhnlich nicht im Supermarkt findet. Sie sind nur für wenige Tage verfügbar, was einerseits auf die Aktualität einzahlt, andererseits aber auch eine Wundertüten-Funktion erfüllt. Man blättert den Prospekt, um sich überraschen zu lassen.
3. Verknappung: Da es diese überraschenden Produkte nur in dieser Woche gibt, entsteht sofort ein Verknappungsdruck, den man auch aus Shopping-Clubs im Netz kennt, die diese Prinzip personalisiert auf die Spitze treiben können. Das Grundprinzip des „jetzt sofort“-Impuls kann man aber auch auf den sehr analogen Papierprospekten erkennen.
4. Zugehörigkeit: Nicht kann so klar wie im Web, aber doch auch im Wochenend-Prospektwust erkennbar: Die angebotenen Produkte schaffen eine Gefühl der Zugehörigkeit, ja fast schon der Heimat.

monoqi

All das kennt man z.B. von Shopping-Clubs wie Monoqi (aus dessen Newsletter der Screenshot stammt), man kann es aber auch aus den Papieren im Briefkasten herauslesen.

Warum ich das aufschreibe? Weil ich mich gefragt habe, ob diese Prinzipien nicht auch für das „Produkt“ Journalismus anwendbar wären. Immerhin liegen die Prospekte im gleichen Briefkasten, aus dem ich auch meine Zeitung hole. Wäre es möglich, Nachrichten und redaktionellen Inhalte nach den vergleichbaren Prinzipien über das Thema „Aktualität“ hinaus, zu verknappen? Wie müssten man sie verpacken, damit sie ein Gefühl von Zugehörigkeit und „jetzt sofort“ entsteht? Könnte ein Shoppingclub also zum Vorbild für einen Leserclub werden?

Journalismus zum Lachen

Wer ein einmütiges Kopfnicken herbei führen will, sollte in einer Gruppe sich modern verstehender Journalisten den Namen „John Oliver“ fallen lassen. Sofort nickt es los. Denn seine Sendung „Last Week Tonight“ gilt bei vielen Kolleginnen und Kollegen als gute Kombination aus den Faktoren Recherche, Sprache und Witz. Spätestens seit seiner Sendung über Netzneutralität wird er auch hierzulande so ausgiebig geliked, dass durchaus erkennbar ist, wo Jan Böhmermann sich für seine „Eier aus Stahl“-Rubrik inspirierte.

In dieser Woche zog John Oliver einige Aufmerksamkeit auf sich, weil er Edward Snowden in Moskau interviewte. Eine Tätigkeit, die eher Journalisten als Komikern zuzuschreiben ist. Und so verwundert es auch nicht, dass der unlängst verstorbene David Carr den Journalisten Komiker Oliver schon im November 2014 mit der These konfrontierte, dass seine Sendung eine neue Form des Journalismus sei. John Oliver verneinte dies damals entschieden:

“We are making jokes about the news and sometimes we need to research things deeply to understand them, but it’s always in service of a joke. If you make jokes about animals, that does not make you a zoologist. We certainly hold ourselves to a high standard and fact-check everything, but the correct term for what we do is ‘comedy.’ ”

Das brachte ihm wiederum den Einwurf des Time-Magazin ein, dass er selbstverständlich ein Journalist sei. Ein im Kern mittelspannendes Hin und Her, das aber auf ein wichtigeres Thema verweist, auf die Frage nämlich welche Wege Journalismus sich in einer sich verändernden Medienwelt sucht.

Schon im Fall von Buzzfeed konnte man die Frage aufwerfen: Ist das Journalismus? Im Fall von John Oliver – oder hierzulande bei Böhmermann und der Anstalt ist sie ebenfalls mit „ja“ zu beantworten. Es ist eine sehr unterhaltende Art des Journalismus – eine, die sich dem Kampf um Aufmerksamkeit stellt. Der Kollege Christian Helten beschrieb das unter dem Titel „Witze sind die neue Nachrichten“ mal so:

Als Zuschauer weiß man irgendwann: Bei „Last Week Tonight“ kann ich mich zehn Minuten amüsieren. Und gleichzeitig lerne ich meistens etwas Relevantes, das ich noch nicht wusste.

Die ZDF-Satiresendung Die Anstalt am 31. März machte sich zum Beispiel die Mühe, Informationen, die durchaus auch in anderen Medien verfügbar sind, auf eine Art aufzubereiten, die so greif- und teilbar ist, dass sie Emotionen weckt und nutzt. Darüber kann man streiten, dass dieses Mittel dem Journalismus aber nicht fremd ist, kann man in jeder mittelguten Reportagen nachlesen.

Schon auf den Medientagen 2013 sagte Richard Gutjahr: „Das härteste politische Nachrichtenformat im Fernsehen ist derzeit die heute-show im ZDF“, und er schob nach: „Und das macht mir Angst.“ Angstvoll muss man das meiner Meinung nach nur dann betrachten, wenn andere davon nicht lernen. Und die Gefahr sehe ich vor lauter nickender Journalisten im Fall von John Oliver nicht.

Die Fähigkeit, sich irritieren zu lassen

Sascha Lobo hat in dieser Woche eine beeindruckende Rede gehalten. Es war die Würdigung des Lebenswerkes von Frank Schirrmacher im Rahmen der Verleihung „Journalisten des Jahres“ in Berlin. Posthum wurde der ehemalige FAZ-Herausgeber ausgezeichnet und Sascha Lobo stellte vor den anwesenden Journalisten vor allem Schirrmachers Mut heraus, sich berühren und irritieren zu lassen von dem Wandel, der sich Realität nennt.

Bei World Wide Wagner kann man die Laudatio nachhören, aus der ich besonders den „Mut, sich von der Welt beeindrucken zu lassen“ festhalten will:

Deshalb ist essentiell neben der Meinungskraft Frank Schirrmachers ebenso auch seine Bereitschaft zur Weiterentwicklung hervorzuheben. Auch das unterschied ihn von vielen anderen. Deutschland ist das Land des Rechthabens. Es reicht hier aber nicht recht zu haben, man muss auch schon immer recht gehabt haben. Das ist das exakte Gegenteil der Entwicklungsfähigkeit, die Frank Schirrmacher auszeichnete – und die wiederum eine direkte Folge des Mutes ist, die Welt auf sich wirken zu lassen, den eigenen Empfindungen überhaupt Beachtung zu schenken. (…) Emotionslose Unbeeindruckbarkeit – sich also nicht empören zu wollen, sich nicht begeistern zu wollen, sich nicht kopfüber in die eigenen Interessenfelder stürzen zu wollen – ist bei normalen Leuten schon schade, bei Journalisten ist es schlimm, bei großen Publizisten ist es fatal. Hier leuchtet Frank Schirrmacher jedem als journalistisches Vorbild.

Der Autor Christoph Kucklick (der hier übrigens mit Sascha Lobo spazieren geht) hat genau zu dieser Bereitschaft, sich berühren und irritieren zu lassen ein Kapitel in seinem empfehlenswerten Buch „Die granulare Gesellschaft“ verfasst. Darin schreibt er mit Blick auf beständigen Wandel:

„Es geht also nicht mehr – wie in der Moderne – darum, bekanntes Wissen miteinander zu verknüpfen und daraufhin Lösungen zu schmieden, sondern sich jenen Fragen zuzuwenden, für die es keine Lösungen gibt, außer man erfindet sie. Es geht darum, mit den Möglichkeiten zu spielen. (…) „Das Entscheidende“, sagt Lazlo Bock (Personalchef von Google), „ist die Fähigkeit, ständig dazuzulernen. Die Fähigkeit, disparate Informationspartikel zusammenzubringen.“
Darin besteht die granulare Begabung schlechthin. Sie erfordert nicht ein gesteigertes Wissen, sondern eine gesteigerte Irritierbarkeit, um sich von Dingen und Situationen anregen zu lassen und ergebnisoffen Prozesse zu starten. Die Irritation durch den Kommunikationsüberschuss auszuhalten und kreativ zu werden, ist die neue Kernkompetenz.“

Sascha Lobo sagte zum Abschluss der Würdigung von Frank Schirrmacher: „Sein Erbe liegt darin, sich die Freude, die Aufregung und die Lust an der Welt zu erhalten und sie in die Arbeit und in das Leben einfließen zu lassen.“

„Die Art wie wir Journalismus machen hat sich verändert“

Im Rahmen des DLD sprachen am Sonntag in München der französische TV-Journalist Bruno Patino, Jeff Jarvis und Focus-Chef Ulrich Reitz (moderiert von Jochen Wegner) unter dem Titel „Post Paris Journalism“ über die Folgen des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Die Frage, welche Schlüsse man aus den Ereignissen vom 7. Januar 2015 in Sachen Pressefreiheit oder Umgang mit Sicherheitsgesetzen ziehen muss, wird uns noch lange beschäftigen: Darüberhinaus hat das nachrichtliche Ausnahme-Situation #CharlieHebdo aber auch Erkenntnisse über die sich wandelnde Medienbranche zu Tage gefördert.

Der französischen TV-Journalist Bruno Patino hat dazu (ab ca 4.30 Min im Video) eine sehr bemerkenswerte Analyse in drei Unterpunkten geliefert, die ich hier (zusammenfassend, nicht Wort für Wort) übersetzt festhalten möchte:

1. Die Dinge, die wir mussten, deren Ausmaß wir aber noch nicht wirklich übersehen: Wir stellen fest, dass es schwierig ist mit Druckwerken wirklich viele Menschen zu erreichen. Die Probleme beim Vertrieb der ersten „Charlie Hebdo“-Printausgabe nach den Anschlägen zeigen, dass es schwierig ist, mit Print 100 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. (…) Zum zweiten ist uns die enorme Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Verbreitung von Nachrichten vor Augen geführt worden. Ich habe bereits erzählt, dass François Hollande von den Anschlägen via SMS erfahren hat. Vielleicht wissen Sie, dass einige der Terroristen GoPro-Kameras bei sich hatten und ihr Attentat filmten. Das Video von den Schüssen wurde über Facebook in die ganze Welt verbreitet, bevor es bei den traditionellen Medien ankam. Uns war das alles vorher klar, aber es kam in diesem Fall mit so einer Wucht, dass uns dabei das Ausmaß der Veränderung bewusst wurde.

2. Die Dinge, die die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben: Die Kraft der Sozialen Netzwerke als Mehrheits-Echokammer war uns vorher nicht klar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war in einer digitalen Redaktion als der 11. September 2001 passierte. Der Tag änderte digitalen Journalismus für immer. Ich war in einer Redaktion als die Anschläge in London und Madrid passierten und auch das veränderte den digitalen Journalismus, weil wir dabei die Beiträge, Bilder und Reaktionen der Bevölkerung beobachten und einbauen mussten. Aber in diesem Fall wurde auch die Arbeit ganz klassischer Redaktionen verändert. Es war das erste Mal, dass wir vierzig, fünfzig, sechzig Stunden Live-Berichte von den Geschehnissen im französischen Fernsehen zeigten. Und es war das erste Mal, dass ich beobachtete, wie ganz klassische Redaktionen nicht nur aufnahmen was über Twitter und Facebook kam, sondern tatsächlich auch auf das Publikum reagiert haben – im Live-Programm, nicht auf der Website oder in Apps, sondern im Live-Programm. Meiner Meinung nach war das das erste Mal, dass das Publikum so eine Rolle gespielt hat. Irgendwer hat das „augmented real time coverage“ genannt, aber es stimmt. Hier hat sich was verändert.

3. Die Fragen, die sich jetzt stellen: Eine solche Veränderung wirft Fragen der Verantwortung auf. Wir wissen, dass wir als Journalisten nicht immer alles zeigen. und dabei geht es nicht um die Zeichnungen, sondern um die Videos der Angriffe. Wir haben entschieden, dass wir die nicht zeigen wollen, aber sie sind auf Facebook. Wie zeigt man redaktionelle Verantwortung wenn man seinem Publikum Bilder nicht zeigt, die das Publikum aber schon kennt? Hier verändert sich ein journalistisches Paradigma – nicht in Bezug auf die Entscheidung, was man thematisiert, sondern auch in Bezug auf das, was man nicht thematisiert. Und die letzte Frage ergibt sich aus der Erkenntnis, dass wir nicht mehr über den Kontext bestimmen, in dem unser Inhalt (Content) wahrgenommen wird. Wir gehen in das Zeitalter des „out of Kontext“-Journalismus. Um es zusammenzufassen: ich bin mir nicht sicher, ob sich Frankreich nach den Anschlägen verändert hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Art wie wir Journalismus machen verändert hat.

Hier die Diskussion in Gänze anschauen:

Mehr zum #DLD15: Im Blog von Julius Endert, bei Daniel Fiene, Gründerszene und Heise.

#journo2014: Welche Regeln sollte man befolgen um ein guter Journalist zu sein?

In der Reihe „Kommunikationsberufe“ liefert das Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU München seinen Studierenden Praxisorientierung durch Gastvorträge von Menschen, die bereits in kommunikationswissenschaftlichen Berufen tätig sind. „Dabei sollen jeweils besondere Merkmale der einzelnen Berufsbilder angesprochen und mit den Studierenden diskutiert werden: Ausbildungsanforderungen, Möglichkeiten des Berufszugangs, besondere Tätigkeits- und Berufsmerkmale, Berufschancen, Arbeitsmarktlage.“ Am Mittwoch werde ich am IfKW sprechen, wo ich übrigens auch selber mal studiert habe, und mit den Studierenden über Merkmale des Journalistenberufs im Jahr 2014 diskutieren.

kommberufe

Zur Vorbereitung interessiert mich, welche Merkmale die Leserinnen und Leser dieses Blogs benennen würden. Deshalb hier ein Experiment: Sag mir deine Ratschläge für Journalismus im Jahr 2014! Welche Regeln sollte man befolgen, welche Ratschläge beherzigen um ein guter Journalist/gute Journalistin zu sein bzw. zu werden? Schreibe deine Tipps und Tricks in die Kommentare oder in den Hashtag #journo2014!*

Ich weiß nicht, ob irgendwer Interesse daran hat, Regeln und Ratschläge zu sammeln. Es würde mich aber freuen – und ich kann versprechen: Ich werde sie am Mittwoch am IfKW vorlesen!

UPDATE: Dank Hakan und Richard hat der Hashtag tatsächlich Fahrt aufgenommen – den beiden und allen, die sich beteiligen, vielen Dank.


Update 2: Der Kollege Bernd Oswald hat auf Journalisten-Training eine Zusammenfassung des Hashtags veröffentlicht

*Ja, ich finde „journo“ auch ein blöde pseudo-US-Abkürzung, mir ist aber keine besser eingefallen und womöglich ist das ja ein erster Ratschlag: Kompromissfähig sein …

Neuer Journalismus zur #WM2014

babb

In den vergangenen Tagen wurde viel über Googles Experiment zur Berichterstattung zur Fußball-WM diskutiert (hier der FAZ-Text). Dabei ist ein wenig in den Hintergrund getreten, dass diese WM tatsächlich auch ein Beispiel dafür ist, wie der Sportjournalismus digitalisiert wird. Dabei meine ich weniger Tortechnik oder 3D-Grafiken, sondern das, was gemeinhin als Internet-Quatsch bezeichnet wird.

Genau diesem Quatsch rund um den Fußball widmet sich seit Mai ein beachtenswertes Projekt des Telegraphs in Großbritannien: das Fußballblog Babb (Football, Fun, Games … then a bit more football) ist der erstaunliche Versuch, klassischen Sportjournalismus mit den Regeln des Social-Web zu verbinden. Es gibt auf der responsiv gestalteten Seite klassische Buzzfeed-Traffictreiber wie das Quiz „Welcher WM-Trainer bist du?“, es gibt Webfundstücke und WM-bezogene Meme, es gibt aber auch solche Beiträge, die erstaunliche Analysen auf digitale Art liefern: Anatomy of a drubbing ist der Beweis, dass man mit sehr einfachen und nicht nur ernst gemeinten Mitteln sehr gut erklären kann, warum Brasilien im Spiel gegen Deutschland unterlag:

Der Beitrag arbeitet mit einfacher Sprache und Screenshots der Fernsehübertragung, die mit schlichter Bildbearbeitung marktiert wurden. Dabei sieht man, dass man keine sich drehenden Kreise oder 3D-Animationen benötigt um zu analysieren, was Passgenauigkeit, Laufwege oder Verschieben bedeutet. Man scrollt lange runter und freut sich über diese (für mich) neue Form der Spielberichterstattung, die durch animierte Gifs aufgelockert ist. Das braucht Platz, das geht nur digital.

Zum Start des Blogs erklärte Alex Watson („Head of Product for mobile“ beim Telegraph) die Beweggründe für dieses Experiment so:

“We’re interested in trying to appeal to a new audience, and social is a really good way to do that because it breaks down lots of barriers and is an inherently fluid way for people to discover content.“


Jason Seiken
, der Ende vergangenen Jahres als Chefredakteur und Chief Content Officer beim Telegraph begonnen hat, zog dieser Tage ein postives Fazit zu dem Blog:

“Babb is a template for the innovation we’re seeing across all of our operations.“

Mein Geld, meine Hoffnung für Krautreporter

Menschen, die sich mit Crowdfunding befassen, nennen die Phase, in der das ambinitionierte Projekt Krautreporter gerade steckt, das Tal: die flache Ebene zwischen dem Start-Hype und der Schlussphase, in der jeweils sehr viele Menschen mitmachen. Mir war vorher klar, dass ich genau in diesem Tal meinen Beitrag zu dem Versuch leisten würde, Journalismus neu zu denken. Was mir vorher nicht klar war: wie wenig begeistert ich das tun würde.

krautreport1

Seit dieser Woche bin ich Mitglied bei den Krautreportern – dass sich dadurch aber nichts in meinem Verhältnis zu dem Projekt geändert hat, zeigt, warum mir Begeisterung fehlt. Ich hatte gedacht, es ginge hier ernsthaft um den Versuch, Journalismus nicht einzig über den Content, sondern über Kontext zu verkaufen. Ich hatte gedacht, hier würde ernst gemacht mit den Möglichkeiten des sozialen Netzes, mit den Dynamiken, die entstehen wenn viele das Gleiche wollen – auch abseits der bekannten Bühnen. Aber Viralität und soziale Dynamik werden von dem Projekt nicht gefördert. Krautreporter funktioniert – trotz gegenteiliger Bekundungen – derzeit noch immer in alter Prägung. Ich schreibe noch, weil ich hoffe, dass es sich zu einem tatsächlichen Experiment des Neuen wandeln könnte:

Hört auf, auf Online-Journalismus zu schimpfen und fangt an, den wirklichen Wert zu erkennen, den Krautreporter gerade hat: seine Leserinnen und Leser. Fast 6000 Leute haben dem Projekt Geld gegeben. Das ist erstaunlich großartig. Das sind fast 6000 Leute, die eine Rolle spielen (wollen). Das tun sie aber nicht. Sie tauchen auf der Seite nicht auf, ihr Interesse wird nicht genutzt. Sie werden lediglich als Multiplikatoren angesprochen, nicht als Teilnehmer.

Hört auf, auf Fernseh-Erwähnungen zu schauen und dämliche Aktivierungsaktionen für einige wenige anzuzetteln. Statt Facebook-Fans zu beschimpfen, die kein Geld geben, sollte ihr euch mit denen freuen, die mitmachen. Bindet sie ein, macht sie zu wirklichen Mitgliedern. Diskutiert mit ihnen, fragt bei ihnen nach und zeigt den Menschen, die noch nicht Mitglied sind, was ihnen entgeht.

Es klingt so blöd, aber fast will ich den Krautreporter zurufen: Macht endlich Crowdfunding und hört auf, einfach nur Geld einzusammeln!

>>> Hier kann man das Projekt unterstützen!

Mehr zur Debatte rund um Krautreporter bei Michalis Pantelouris, Thomas Knüwer, Daniel Fiene, Das Nuf – und natürlich auch hier und hier.

Artikel atomisieren: Onramp.it

Der Zeit-Kollege Martin Kotynek ist gerade in Kalifornien: Im Rahmen des Knight-Fellowships hat er Zeit, über das re-engineering des Journalismus nachzudenken. Was dabei entstanden ist, finde ich beeindruckend: die Idee onramp.it will lange Artikel in ihre Grundbestandteile, so genannte Artikel-Atome zerlegen. Bilder, Zitate, Absätze werden so neu rekombinierbar und erlauben wie beim Zusammensetzen von Lego-Steinen neue Versionen und neue Kontexte für jeden Leser. So bestimmt der Leser, an welcher Stelle er einsteigt, welches Vorwissen er nutzen kann und welche Atome er wie kombiniert.

Gemeinsam mit Alexa Schirtzinger stellt Martin onramp.it in diesem kurzen Video vor:

Wie Journalismus sich verändert (Mai 2014)

Nach den Beweggründen für das von ihr gegründete Techniktagebuch gefragt, antwortete Kathrin Passig unlängst:

„Zum einen vergesse ich, was ich wie gemacht habe, zum anderen vergisst man noch gründlicher und zuverlässiger, warum man die Sachen so gemacht hat“

Deshalb notiert sie gemeinsam mit 22 anderen Autorinnen und Autoren wie Technik das Leben und vor allem den Blick aufs Leben verändert. Ähnliches müsste man auch für den Journalismus sammeln, der sich kontinuierlich und in einer Art verändert, dass man nachher nicht mehr genau sagen kann, was man damals dachte: als die Krautreporter den Online-Journalismus für kaputt erklärten, als in der gleichen Woche FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem großen Interview Online-Journalismus in einem Atemzug mit Sklavenarbeit erwähnte …

Wir müssen hier gar nicht von Amazon-Lageristen sprechen. Wenn ich mir ansehe, unter welchen Bedingungen viele Online-Redakteure inzwischen arbeiten und wie sie bezahlt werden, wundere ich mich schon, wie wenig das thematisiert wird.

… als die New York Times ihre Chefredakteurin Jill Abramson entließ und ausgerechnet Buzzfeed anschließend ein Times-internes Dokument veröffentlichte, in dem vor der Gefahr neuer konsequent digitaler Angebote wie eben Buzzfeed oder Vox gewarnt wird. Joshua Benton bezeichnete das Papier anschließend als „Key document of the media age“. Als zentrale Erkenntnis des Innovations-Reports der New York Times (den Thomas Knüwer hier auf deutsch zusammengefasst hat) wurde anschließend der Satz: Die Homepage ist tot verbreitet. Weshalb The Atlantic anschließend fragte, wo der Traffic stattdessen herkommt:

If the clicks aren’t coming from homepages, where are they coming from? Facebook, Twitter, social media, and the mix of email and chat services summed up as „dark social“ (dark, because it’s hard for publishers to trace).

vox_stream
Es war zu dieser Zeit Mitte Mai 2014 als ich zum ersten Mal in dem thematischen Kontext der Veränderungen bei der New York Times das Vox-Format des „StoryStream“ (siehe Bild rechts) entdeckte. Es handelt sich dabei sozusagen um die konkrete Umsetzung der These, Nachrichten als Prozess nicht als Produkt zu verstehen. Vox versammelt im StoryStream Update zu laufenden Geschichten und stellt den Kontext ihres Inhalts dar – inklusive externer Aktualisierungen in Form von Tweets und Kommentaren.

Ist dir in vergleichbarer Weise aufgefallen, wie sich der Journalismus verändert? Schreib es mir gerne in die Kommentare!