Alle Artikel mit dem Schlagwort “journalismus

Die Fähigkeit, sich irritieren zu lassen

Sascha Lobo hat in dieser Woche eine beeindruckende Rede gehalten. Es war die Würdigung des Lebenswerkes von Frank Schirrmacher im Rahmen der Verleihung “Journalisten des Jahres” in Berlin. Posthum wurde der ehemalige FAZ-Herausgeber ausgezeichnet und Sascha Lobo stellte vor den anwesenden Journalisten vor allem Schirrmachers Mut heraus, sich berühren und irritieren zu lassen von dem Wandel, der sich Realität nennt.

Bei World Wide Wagner kann man die Laudatio nachhören, aus der ich besonders den “Mut, sich von der Welt beeindrucken zu lassen” festhalten will:

Deshalb ist essentiell neben der Meinungskraft Frank Schirrmachers ebenso auch seine Bereitschaft zur Weiterentwicklung hervorzuheben. Auch das unterschied ihn von vielen anderen. Deutschland ist das Land des Rechthabens. Es reicht hier aber nicht recht zu haben, man muss auch schon immer recht gehabt haben. Das ist das exakte Gegenteil der Entwicklungsfähigkeit, die Frank Schirrmacher auszeichnete – und die wiederum eine direkte Folge des Mutes ist, die Welt auf sich wirken zu lassen, den eigenen Empfindungen überhaupt Beachtung zu schenken. (…) Emotionslose Unbeeindruckbarkeit – sich also nicht empören zu wollen, sich nicht begeistern zu wollen, sich nicht kopfüber in die eigenen Interessenfelder stürzen zu wollen – ist bei normalen Leuten schon schade, bei Journalisten ist es schlimm, bei großen Publizisten ist es fatal. Hier leuchtet Frank Schirrmacher jedem als journalistisches Vorbild.

Der Autor Christoph Kucklick (der hier übrigens mit Sascha Lobo spazieren geht) hat genau zu dieser Bereitschaft, sich berühren und irritieren zu lassen ein Kapitel in seinem empfehlenswerten Buch “Die granulare Gesellschaft” verfasst. Darin schreibt er mit Blick auf beständigen Wandel:

“Es geht also nicht mehr – wie in der Moderne – darum, bekanntes Wissen miteinander zu verknüpfen und daraufhin Lösungen zu schmieden, sondern sich jenen Fragen zuzuwenden, für die es keine Lösungen gibt, außer man erfindet sie. Es geht darum, mit den Möglichkeiten zu spielen. (…) “Das Entscheidende”, sagt Lazlo Bock (Personalchef von Google), “ist die Fähigkeit, ständig dazuzulernen. Die Fähigkeit, disparate Informationspartikel zusammenzubringen.”
Darin besteht die granulare Begabung schlechthin. Sie erfordert nicht ein gesteigertes Wissen, sondern eine gesteigerte Irritierbarkeit, um sich von Dingen und Situationen anregen zu lassen und ergebnisoffen Prozesse zu starten. Die Irritation durch den Kommunikationsüberschuss auszuhalten und kreativ zu werden, ist die neue Kernkompetenz.”

Sascha Lobo sagte zum Abschluss der Würdigung von Frank Schirrmacher: “Sein Erbe liegt darin, sich die Freude, die Aufregung und die Lust an der Welt zu erhalten und sie in die Arbeit und in das Leben einfließen zu lassen.”

“Die Art wie wir Journalismus machen hat sich verändert”

Im Rahmen des DLD sprachen am Sonntag in München der französische TV-Journalist Bruno Patino, Jeff Jarvis und Focus-Chef Ulrich Reitz (moderiert von Jochen Wegner) unter dem Titel “Post Paris Journalism” über die Folgen des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Die Frage, welche Schlüsse man aus den Ereignissen vom 7. Januar 2015 in Sachen Pressefreiheit oder Umgang mit Sicherheitsgesetzen ziehen muss, wird uns noch lange beschäftigen: Darüberhinaus hat das nachrichtliche Ausnahme-Situation #CharlieHebdo aber auch Erkenntnisse über die sich wandelnde Medienbranche zu Tage gefördert.

Der französischen TV-Journalist Bruno Patino hat dazu (ab ca 4.30 Min im Video) eine sehr bemerkenswerte Analyse in drei Unterpunkten geliefert, die ich hier (zusammenfassend, nicht Wort für Wort) übersetzt festhalten möchte:

1. Die Dinge, die wir mussten, deren Ausmaß wir aber noch nicht wirklich übersehen: Wir stellen fest, dass es schwierig ist mit Druckwerken wirklich viele Menschen zu erreichen. Die Probleme beim Vertrieb der ersten “Charlie Hebdo”-Printausgabe nach den Anschlägen zeigen, dass es schwierig ist, mit Print 100 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. (…) Zum zweiten ist uns die enorme Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Verbreitung von Nachrichten vor Augen geführt worden. Ich habe bereits erzählt, dass François Hollande von den Anschlägen via SMS erfahren hat. Vielleicht wissen Sie, dass einige der Terroristen GoPro-Kameras bei sich hatten und ihr Attentat filmten. Das Video von den Schüssen wurde über Facebook in die ganze Welt verbreitet, bevor es bei den traditionellen Medien ankam. Uns war das alles vorher klar, aber es kam in diesem Fall mit so einer Wucht, dass uns dabei das Ausmaß der Veränderung bewusst wurde.

2. Die Dinge, die die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben: Die Kraft der Sozialen Netzwerke als Mehrheits-Echokammer war uns vorher nicht klar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war in einer digitalen Redaktion als der 11. September 2001 passierte. Der Tag änderte digitalen Journalismus für immer. Ich war in einer Redaktion als die Anschläge in London und Madrid passierten und auch das veränderte den digitalen Journalismus, weil wir dabei die Beiträge, Bilder und Reaktionen der Bevölkerung beobachten und einbauen mussten. Aber in diesem Fall wurde auch die Arbeit ganz klassischer Redaktionen verändert. Es war das erste Mal, dass wir vierzig, fünfzig, sechzig Stunden Live-Berichte von den Geschehnissen im französischen Fernsehen zeigten. Und es war das erste Mal, dass ich beobachtete, wie ganz klassische Redaktionen nicht nur aufnahmen was über Twitter und Facebook kam, sondern tatsächlich auch auf das Publikum reagiert haben – im Live-Programm, nicht auf der Website oder in Apps, sondern im Live-Programm. Meiner Meinung nach war das das erste Mal, dass das Publikum so eine Rolle gespielt hat. Irgendwer hat das “augmented real time coverage” genannt, aber es stimmt. Hier hat sich was verändert.

3. Die Fragen, die sich jetzt stellen: Eine solche Veränderung wirft Fragen der Verantwortung auf. Wir wissen, dass wir als Journalisten nicht immer alles zeigen. und dabei geht es nicht um die Zeichnungen, sondern um die Videos der Angriffe. Wir haben entschieden, dass wir die nicht zeigen wollen, aber sie sind auf Facebook. Wie zeigt man redaktionelle Verantwortung wenn man seinem Publikum Bilder nicht zeigt, die das Publikum aber schon kennt? Hier verändert sich ein journalistisches Paradigma – nicht in Bezug auf die Entscheidung, was man thematisiert, sondern auch in Bezug auf das, was man nicht thematisiert. Und die letzte Frage ergibt sich aus der Erkenntnis, dass wir nicht mehr über den Kontext bestimmen, in dem unser Inhalt (Content) wahrgenommen wird. Wir gehen in das Zeitalter des “out of Kontext”-Journalismus. Um es zusammenzufassen: ich bin mir nicht sicher, ob sich Frankreich nach den Anschlägen verändert hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Art wie wir Journalismus machen verändert hat.

Hier die Diskussion in Gänze anschauen:

Mehr zum #DLD15: Im Blog von Julius Endert, bei Daniel Fiene, Gründerszene und Heise.

#journo2014: Welche Regeln sollte man befolgen um ein guter Journalist zu sein?

In der Reihe “Kommunikationsberufe” liefert das Institut für Kommunikationswissenschaft der LMU München seinen Studierenden Praxisorientierung durch Gastvorträge von Menschen, die bereits in kommunikationswissenschaftlichen Berufen tätig sind. “Dabei sollen jeweils besondere Merkmale der einzelnen Berufsbilder angesprochen und mit den Studierenden diskutiert werden: Ausbildungsanforderungen, Möglichkeiten des Berufszugangs, besondere Tätigkeits- und Berufsmerkmale, Berufschancen, Arbeitsmarktlage.” Am Mittwoch werde ich am IfKW sprechen, wo ich übrigens auch selber mal studiert habe, und mit den Studierenden über Merkmale des Journalistenberufs im Jahr 2014 diskutieren.

kommberufe

Zur Vorbereitung interessiert mich, welche Merkmale die Leserinnen und Leser dieses Blogs benennen würden. Deshalb hier ein Experiment: Sag mir deine Ratschläge für Journalismus im Jahr 2014! Welche Regeln sollte man befolgen, welche Ratschläge beherzigen um ein guter Journalist/gute Journalistin zu sein bzw. zu werden? Schreibe deine Tipps und Tricks in die Kommentare oder in den Hashtag #journo2014!*

Ich weiß nicht, ob irgendwer Interesse daran hat, Regeln und Ratschläge zu sammeln. Es würde mich aber freuen – und ich kann versprechen: Ich werde sie am Mittwoch am IfKW vorlesen!

UPDATE: Dank Hakan und Richard hat der Hashtag tatsächlich Fahrt aufgenommen – den beiden und allen, die sich beteiligen, vielen Dank.


Update 2: Der Kollege Bernd Oswald hat auf Journalisten-Training eine Zusammenfassung des Hashtags veröffentlicht

*Ja, ich finde “journo” auch ein blöde pseudo-US-Abkürzung, mir ist aber keine besser eingefallen und womöglich ist das ja ein erster Ratschlag: Kompromissfähig sein …

Neuer Journalismus zur #WM2014

babb

In den vergangenen Tagen wurde viel über Googles Experiment zur Berichterstattung zur Fußball-WM diskutiert (hier der FAZ-Text). Dabei ist ein wenig in den Hintergrund getreten, dass diese WM tatsächlich auch ein Beispiel dafür ist, wie der Sportjournalismus digitalisiert wird. Dabei meine ich weniger Tortechnik oder 3D-Grafiken, sondern das, was gemeinhin als Internet-Quatsch bezeichnet wird.

Genau diesem Quatsch rund um den Fußball widmet sich seit Mai ein beachtenswertes Projekt des Telegraphs in Großbritannien: das Fußballblog Babb (Football, Fun, Games … then a bit more football) ist der erstaunliche Versuch, klassischen Sportjournalismus mit den Regeln des Social-Web zu verbinden. Es gibt auf der responsiv gestalteten Seite klassische Buzzfeed-Traffictreiber wie das Quiz “Welcher WM-Trainer bist du?”, es gibt Webfundstücke und WM-bezogene Meme, es gibt aber auch solche Beiträge, die erstaunliche Analysen auf digitale Art liefern: Anatomy of a drubbing ist der Beweis, dass man mit sehr einfachen und nicht nur ernst gemeinten Mitteln sehr gut erklären kann, warum Brasilien im Spiel gegen Deutschland unterlag:

Der Beitrag arbeitet mit einfacher Sprache und Screenshots der Fernsehübertragung, die mit schlichter Bildbearbeitung marktiert wurden. Dabei sieht man, dass man keine sich drehenden Kreise oder 3D-Animationen benötigt um zu analysieren, was Passgenauigkeit, Laufwege oder Verschieben bedeutet. Man scrollt lange runter und freut sich über diese (für mich) neue Form der Spielberichterstattung, die durch animierte Gifs aufgelockert ist. Das braucht Platz, das geht nur digital.

Zum Start des Blogs erklärte Alex Watson (“Head of Product for mobile” beim Telegraph) die Beweggründe für dieses Experiment so:

“We’re interested in trying to appeal to a new audience, and social is a really good way to do that because it breaks down lots of barriers and is an inherently fluid way for people to discover content.”


Jason Seiken
, der Ende vergangenen Jahres als Chefredakteur und Chief Content Officer beim Telegraph begonnen hat, zog dieser Tage ein postives Fazit zu dem Blog:

“Babb is a template for the innovation we’re seeing across all of our operations.“

Mein Geld, meine Hoffnung für Krautreporter

Menschen, die sich mit Crowdfunding befassen, nennen die Phase, in der das ambinitionierte Projekt Krautreporter gerade steckt, das Tal: die flache Ebene zwischen dem Start-Hype und der Schlussphase, in der jeweils sehr viele Menschen mitmachen. Mir war vorher klar, dass ich genau in diesem Tal meinen Beitrag zu dem Versuch leisten würde, Journalismus neu zu denken. Was mir vorher nicht klar war: wie wenig begeistert ich das tun würde.

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Seit dieser Woche bin ich Mitglied bei den Krautreportern – dass sich dadurch aber nichts in meinem Verhältnis zu dem Projekt geändert hat, zeigt, warum mir Begeisterung fehlt. Ich hatte gedacht, es ginge hier ernsthaft um den Versuch, Journalismus nicht einzig über den Content, sondern über Kontext zu verkaufen. Ich hatte gedacht, hier würde ernst gemacht mit den Möglichkeiten des sozialen Netzes, mit den Dynamiken, die entstehen wenn viele das Gleiche wollen – auch abseits der bekannten Bühnen. Aber Viralität und soziale Dynamik werden von dem Projekt nicht gefördert. Krautreporter funktioniert – trotz gegenteiliger Bekundungen – derzeit noch immer in alter Prägung. Ich schreibe noch, weil ich hoffe, dass es sich zu einem tatsächlichen Experiment des Neuen wandeln könnte:

Hört auf, auf Online-Journalismus zu schimpfen und fangt an, den wirklichen Wert zu erkennen, den Krautreporter gerade hat: seine Leserinnen und Leser. Fast 6000 Leute haben dem Projekt Geld gegeben. Das ist erstaunlich großartig. Das sind fast 6000 Leute, die eine Rolle spielen (wollen). Das tun sie aber nicht. Sie tauchen auf der Seite nicht auf, ihr Interesse wird nicht genutzt. Sie werden lediglich als Multiplikatoren angesprochen, nicht als Teilnehmer.

Hört auf, auf Fernseh-Erwähnungen zu schauen und dämliche Aktivierungsaktionen für einige wenige anzuzetteln. Statt Facebook-Fans zu beschimpfen, die kein Geld geben, sollte ihr euch mit denen freuen, die mitmachen. Bindet sie ein, macht sie zu wirklichen Mitgliedern. Diskutiert mit ihnen, fragt bei ihnen nach und zeigt den Menschen, die noch nicht Mitglied sind, was ihnen entgeht.

Es klingt so blöd, aber fast will ich den Krautreporter zurufen: Macht endlich Crowdfunding und hört auf, einfach nur Geld einzusammeln!

>>> Hier kann man das Projekt unterstützen!

Mehr zur Debatte rund um Krautreporter bei Michalis Pantelouris, Thomas Knüwer, Daniel Fiene, Das Nuf – und natürlich auch hier und hier.

Artikel atomisieren: Onramp.it

Der Zeit-Kollege Martin Kotynek ist gerade in Kalifornien: Im Rahmen des Knight-Fellowships hat er Zeit, über das re-engineering des Journalismus nachzudenken. Was dabei entstanden ist, finde ich beeindruckend: die Idee onramp.it will lange Artikel in ihre Grundbestandteile, so genannte Artikel-Atome zerlegen. Bilder, Zitate, Absätze werden so neu rekombinierbar und erlauben wie beim Zusammensetzen von Lego-Steinen neue Versionen und neue Kontexte für jeden Leser. So bestimmt der Leser, an welcher Stelle er einsteigt, welches Vorwissen er nutzen kann und welche Atome er wie kombiniert.

Gemeinsam mit Alexa Schirtzinger stellt Martin onramp.it in diesem kurzen Video vor:

Wie Journalismus sich verändert (Mai 2014)

Nach den Beweggründen für das von ihr gegründete Techniktagebuch gefragt, antwortete Kathrin Passig unlängst:

“Zum einen vergesse ich, was ich wie gemacht habe, zum anderen vergisst man noch gründlicher und zuverlässiger, warum man die Sachen so gemacht hat”

Deshalb notiert sie gemeinsam mit 22 anderen Autorinnen und Autoren wie Technik das Leben und vor allem den Blick aufs Leben verändert. Ähnliches müsste man auch für den Journalismus sammeln, der sich kontinuierlich und in einer Art verändert, dass man nachher nicht mehr genau sagen kann, was man damals dachte: als die Krautreporter den Online-Journalismus für kaputt erklärten, als in der gleichen Woche FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem großen Interview Online-Journalismus in einem Atemzug mit Sklavenarbeit erwähnte …

Wir müssen hier gar nicht von Amazon-Lageristen sprechen. Wenn ich mir ansehe, unter welchen Bedingungen viele Online-Redakteure inzwischen arbeiten und wie sie bezahlt werden, wundere ich mich schon, wie wenig das thematisiert wird.

… als die New York Times ihre Chefredakteurin Jill Abramson entließ und ausgerechnet Buzzfeed anschließend ein Times-internes Dokument veröffentlichte, in dem vor der Gefahr neuer konsequent digitaler Angebote wie eben Buzzfeed oder Vox gewarnt wird. Joshua Benton bezeichnete das Papier anschließend als “Key document of the media age”. Als zentrale Erkenntnis des Innovations-Reports der New York Times (den Thomas Knüwer hier auf deutsch zusammengefasst hat) wurde anschließend der Satz: Die Homepage ist tot verbreitet. Weshalb The Atlantic anschließend fragte, wo der Traffic stattdessen herkommt:

If the clicks aren’t coming from homepages, where are they coming from? Facebook, Twitter, social media, and the mix of email and chat services summed up as “dark social” (dark, because it’s hard for publishers to trace).

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Es war zu dieser Zeit Mitte Mai 2014 als ich zum ersten Mal in dem thematischen Kontext der Veränderungen bei der New York Times das Vox-Format des “StoryStream” (siehe Bild rechts) entdeckte. Es handelt sich dabei sozusagen um die konkrete Umsetzung der These, Nachrichten als Prozess nicht als Produkt zu verstehen. Vox versammelt im StoryStream Update zu laufenden Geschichten und stellt den Kontext ihres Inhalts dar – inklusive externer Aktualisierungen in Form von Tweets und Kommentaren.

Ist dir in vergleichbarer Weise aufgefallen, wie sich der Journalismus verändert? Schreib es mir gerne in die Kommentare!

Krautreporter und der “Almost Famous”-Moment

William Miller ist 15 Jahre alt, er muss die Stimme verstellen als der Rolling Stone ihn anruft. Die Szene stammt aus dem Film “Almost famous” und sie beschreibt wie Popularität in der Welt vor dem Netz funktionierte. Cameron Crowes Film aus dem Jahr 2000 erzählt die Geschichte von Pop und Journalismus im vergangenen Jahrhundert.

Im aktuellen, dem digitaleren Jahrhundert würde ein Filmemacher den jungen William natürlich nicht am Telefon zeigen. Die Popstars der Gegenwart sitzen vor Computerbildschirmen und beobachten, wie Werte hochgezählt werden: Reichweite, Zugriffe, Bestellungen – die Werte wachsend minütlich.


Genau einen solchen “Almost Famous”-Moment erleben die Macher der heute gestarteten Plattform Krautreporter gerade. Während ich das hier schreibe, haben sie mit ihrem Angebot die Grenze von 100.000-Euro überschritten. 1667 Unterstützer haben für ihre Idee eines werbefreien Webmagazins durchschnittlich 60 Euro vorausgezahlt. Das ist beeindruckend! Und ich an ihrer Stelle würde spästestens jetzt so ein Gesicht machen wie William Miller in Almost Famous.

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Neun der kommenden dreißig Tage müssten so laufen wie der heutige 13. Mai – an dem das Projekt von Der Zeit und Der Welt, über die taz und Netzpolitik bis zum Standard verlinkt war und die Timelines zahlreicher Was-mit-Medien-Menschen dominierte. 900.000 Euro rufen die Macher auf – ohne genau zu sagen wofür sie das Geld im Detail ausgeben werden. Das macht den Start doppelt beeindruckend. Denn in Wahrheit gibt die Seite (bisher) auch keine sonderlich konkrete Antwort auf die Frage, was sie mit dem Geld dann machen wollen. Umso genauer sagen sie, was sie nicht machen wollen: das, was die anderen machen. Sie halten gar den ganzen Online-Journalismus für kaputt.

Ich kann mir viele Kontexte vorstellen, in denen ein solcher Satz für großen Protest gesorgt hätte. Dass die Krautreporter (“aus den besten Redaktionen Deutschlands”) so etwas pauschal behaupten können, ohne dass sie auf die zahlreichen bemerkenswerten Projekte des Online-Journalismus hingewiesen werden (schaut euch mal den diesjährigen Springer-Preis-Gewinner an), zeigt dass sie – völlig zurecht – auf eine hohe Reputation bauen können.

Es sind (Disclosure: ich habe mich persönlich davon überzeugt) großartige Leute in dem Team, das hier mit hohen Ambitionen und großem Pathos ans Werk geht. Allein weil ich spätestens seit Andrew Sullivan denke, dass das jemand in Deutschland probieren sollte, hoffe ich, dass sie sich nicht übernehmen – mit Pathos und Ambition. Ich wünsche dem Projekt, dass es nicht Almost Famous bleibt und bin gespannt auf das, was noch kommen kann und wird – in Sachen Inhalt und Konkretisierung, aber auch in Sachen Transparenz. Dass lediglich die letzten 60 Unterstützer anzeigt werden, finde ich merkwürdig – denn einer der besondere Momente beim Crowdfunding ist doch nachzuschauen: Wer ist noch dabei?

Mehr zum Krautreporter-Start bei Stefan Niggemeier, don alphonso, Lorenz Matzat und in einem Text, in dem Karsten Wenzlaff mich (glaube ich) eine Rampensau nennt.

loading: Crowdspondent

Steffi Fetz und Lisa Altmeier sind Crowdspondent. Mit dem Kofferwort beschreiben sie ihre ungewöhnliche Kombination von Korrespondenten-Tätigkeit und Leser-Kontakt. Im vergangenen Jahr berichteten sie auf diese Art aus Brasilien, für diesen Sommer haben sie sich eine Deutschland-Reise vorgenommen, die sie nun mit Hilfe ihrer Leser finanzieren wollen.

Ich* habe den beiden den loading-Fragebogen zugeschickt.

Was macht Ihr?
Wir sind eure persönlichen Reporter und recherchieren mit euch im Team drei Monate lang alles, was ihr wissen wollt. Auf crowdspondent.de entsteht so eure persönliche Deutschland-Reportage. Wir filmen, machen Radio und schreiben Texte. Und das alles mit euch zusammen. Ihr sagt uns über Facebook, Twitter und unseren Blog wo es hingeht und was wir da machen sollen. Getestet haben wir das letztes Jahr in Brasilien, ein Jahr vor der Fußball-WM. Jetzt soll es in die zweite Runde gehen.

Warum macht Ihr es (so)?
Weil wir einerseits ziemlich begeistert davon sind, wie gut man mit seinen Lesern und Zuschauern im Team zusammen arbeiten kann und wie viel die Crowd einem immer wieder zurückgibt. Aber auch, weil wir andererseits mit der Themenauswahl und -setzung in den so genannten klassischen Medien oft unzufrieden sind. Warum werden manche Geschichten wochenlang hochgeschrieben und verschwinden dann, so als wäre nie darüber gesprochen worden? Wieso hört man aus bestimmten Regionen immer wieder dieselben Sachen? Und wieso arbeiten Journalisten und Leser gerade online häufiger gegeneinander als miteinander? Da geht noch was!

Wer soll sich dafür interessieren?
Jeder, der Ideen hat und der uns seinen eigenen Blick auf Deutschland verraten will. Jeder, der sich in der Themenauswahl klassischer Medien nicht vertreten fühlt und der neugierig auf die Geschichten des Landes ist, die er noch nicht kennt. Auch jeder, der bereit ist, seine Vorurteile über bestimmte Regionen zu überdenken.

Wie geht es weiter?
Unser Crowdfunding ist gerade angelaufen und wir durften unser Projekt auf der re:publica in Berlin vorstellen. Wenn alles klappt, starten wir Anfang Juli zur großen dreimonatigen Deutschlandtour. Natürlich mit euren Themen im Gepäck.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Guter, unabhängiger Journalismus kostet Geld. Das sollen unsere Leser auch ruhig wissen. Unser Ziel ist es nicht nur, neuen Journalismus auszuprobieren, sondern auch gemeinsam mit der Crowd herauszufinden, wie man diesen neuen Journalismus bezahlen kann. Und: Im Minutentakt News herauszuhauen und dem hinterherzurennen, worüber alle anderen Medien auch berichten, reicht einfach nicht mehr.

>>> Hier Crowdspondent auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:




* Disclosure: Ich habe das Projekt bereits finanziell unterstützt und Steffi und Lisa vorab beraten

“In einer früheren Version” vs. “Das versendet sich”

Von Clay Shirky stammt der Satz Publizieren sei kein Job mehr, sondern ein Knopf. Diese Satz ist die Grundlage der Demokratisierung der Publikationsmittel: Jeder kann veröffentlichen. Das fordert Journalisten überall auf der Welt heraus, verlangt eine Neudefinition von Autorität und bildet die Grundbedingungen für digitales Publizieren.

Was aber heißt das eigentlich “Publizieren”? Diese Frage hat heute der Kollege Hakan Tanriverdi in einem Blogpost bei Kleiner3 aufgeworfen. Der Text trägt den Titel “*In einer früheren Version dieses Artikels” und gefällt mir nicht nur wegen des Versions-Gedankens. Beachtlich finde ich ihn vor allem, weil er sozusagen der Gegenentwurf zu einem anderen journalistischen Satz ist: “Das versendet sich”.

Beide Sätze stehen für die Endpunkte des Spektrums auf dem sich journalistisches Publizieren bewegt – von analog nach digital. Digitales Publizieren ist ein dialogisches Publizieren, es ist geprägt von einem Grundgefühl der Rückmeldung. Hakan beschreibt dies so:

die ersten fünf Stunden sind immer schwierig. Nachdem der Artikel online ist, also für alle zu lesen, beobachte ich Reaktionen. Unter dem Artikel, Feedback per E-Mail, auf Twitter, wenn der Artikel auf der Facebook-Seite gepostet wird, dann auch dort.

Peter Horrocks hat genau dies zum Grundbestandteil journalistischen Arbeitens erklärt: zu verfolgen was mit den Inhalten passiert, die wir veröffentlichen. In Zeiten von Twitter und Facebook ist für jeden erkennbar was dies bedeutet: die Folgen des eigenen Publizierens sind öffentlich. Das war nicht immer so.

Es lohnt sich, daran zu erinnern: “Das versendet sich” gibt es nicht mehr.