Was ist eigentlich eine Webreportage?

Natürlich kann man im Web gute Reportagen erzählen. Man hat Töne, Bilder, Filme zur Verfügung und kann mit ihrer Hilfe den Text anreichern, Eindrücke greifbar und Geschichten lebendig werden lassen. “Multimedia” ist das Schlagwort für diese Art der Erzählung, die Slideshows und Videos produziert, die häufig den Titel “Webreportage” tragen. Der Reporter-Preis sucht unter diesem Titel jedes Jahr preiswürdige Geschichten, die aktiv die Möglichkeiten des digitalen Erzählens nutzen (gerade sind die Nominierungen für das Jahr 2012 veröffentlicht worden).

In diesem Jahr haben mich die Initiatoren eingeladen, in der Vorjury die eingereichten Webreportagen zu bewerten. Gemeinsam mit Richard Gutjahr, Ole Reißmann und Ariel Hauptmeier habe ich mich durch bewegende, spannende und leider manchmal auch erwartbare Multimedia-Erzählungen geklickt. Das war erstaunlich und erfreulich, es hat aber auch ein Defizit offengelegt: die interaktive Dimension des Web geht den meisten dieser Webreportagen ab. Sie verstehen sich als Mulitmedia-Erzählform, die oft auch über einen Fernsehkanal verbreitet werden könnte. Das Einzigartige, das nur im Web möglich ist – nämlich mit dem Leser zu reden, Geschichten fortzuentwickeln und zu verändern – nutzen sie in den seltensten Fällen.

Warum ist das so? Warum sind Beispiele wie die Live-Reportage von Michalis Pantelouris oder das Losgehen von Richard Gutjahr während des Arabischen Frühlings so selten? Warum verstehen wir Web-Reportage immer von ihrem Resultat und so selten von ihrem Prozess her? Warum rücken wir den Reporter, der im Web ja zur greif- und ansprechbaren Figur wird, nur in Seminaren und Vorträgen in den Mittelpunkt, aber so selten in seinen eigenen Geschichten?

Ich habe diese Fragen im Rahmen der Vorjury-Sitzung thematisiert. Ich habe vorgeschlagen, den Preis umzuwidmen und einen Webreporter/Webreporterin auszuzeichen, der seine Arbeit offenlegt, der ansprechbar wird und der seine Experimente dokumentiert. Denn hier liegt – nicht nur weil ich es gerade auf einem anderen Feld probiere – die Chance für das digitale Erzählen: die Möglichkeiten des interaktiven Web zu nutzen. Dass es dabei weit weniger um Selbstdarstellung geht als Kritiker annehmen mögen, zeigen diese beiden Beispiele, die Paul Lewis vom Guardian in diesem TED-Talk darlegt. Für mich sind auch diese Geschichten genau das: Webreportagen.



Wer die Möglichkeiten der Recherche im Web nutzt (wie in der Guardian-Geschichte), wer (wie Michalis in der Live-Reportage) den Leser in Echtzeit am Scheitern und Gelingen seiner Arbeit teilnehmen lässt, wer sich auf den Weg macht und mit den Mitteln des Netzes (wie Richard es in Ägypten getan hat) erzählt, was er erlebt – wer also das Web in seinen Möglichkeiten nutzt, der schafft eine gute Webreportage. Denn das Netz verflüssigt die Reportage und erweitert sie um ihren Verfasser. Das Netz schafft so mehr Möglichkeiten, die es abzubilden – und womöglich auch auszuzeichnen gilt. Denn Preise sind ja nicht nur Lob, sie sind auch Ansporn, Dinge neu zu denken. Deshalb freue ich mich, dass ich vom Reporter-Forum (und auch der Vorjury) Signale erhalten habe, im kommenden Jahr vielleicht tatsächlich, den Preis für einen Webreporter/Webreporterin zu vergeben.

Für dieses Jahr aber zunächst mein herzlicher Glückwunsch an die nominierten Webreportagen für das Jahr 2012 – die Jury wird am 3. Dezember ermitteln, wer schlussendlich ausgezeichnet wird:

>> Anne Backhaus /Roman Höfner: Japan – Ein Jahr nach der Katastrophe

>> Manuel Bauer / 2470media: Flucht aus Tibet

>> Fabian Biasio / Michael Hagedorn: Auf den Everest

>> Uwe H. Martin: Killing Seeds

>> Annika Bunse / Julius Tröger: DDR-Flüsterwitze

>> Joanna Nottebrock: Von Griechenland nach Deutschland

>> Robert Schöffel/ Max Hofstetter: “Auch in meinem Leben gibt es Lärm”

>> Marc Röhlig: Die Unperfekten

>> Amrai Coen / Bernhard Riedmann, Nicht von Gott gewollt

>> Ralph Sondermann / Bernd Thissen Mobile Blues Club


Update: Der Kollege Matthias Eberl hat auf meinen Eintrag reagiert – hier nachzulesen. Matthias war nicht nur gemeinsam mit mir in der Journalistenschule, er ist vor allem Mitglieder der Jury des Reporter-Forums, die über die Gewinner entscheidet!

Open Journalism = Better Journalism

“It’s better journalism,” Rusbridger says, “if, as well as Michael Billington [the Guardian’s theatre critic], you can harness the views and judgements of 800 other people in the audience at the same time. Is the same true of science, foreign, investigative reporting? The answer, I think, is always yes.

In einem lesenswerten Porträt des Guardian-Chefs Alan Rusbridger im New Statesman wird dieser als The quiet evangelist vorgestellt. Der Text enthält nicht nur einen historischen Abriss über die Entwicklung der britischen Tageszeitung zu einer weltweiten Marke, er beschreibt auch die Antworten, die Rusbridger auf die Herausforderungen der Digitalisierung sucht: der Oberbegriff ist Open Journalism, der auf Austausch und Interaktion mit den Lesern beruht und Bezahlschranken ablehnt.

Ob Rusbridger damit auch finanziell Erfolg haben wird, stellt der Text in Frage. Wie er überhaupt die finanziell schwierige Situation des Guardian ausführlich beschreibt. Zeitung und Chef werden lesenswert porträtiert. Alan Rusbridger kommt am Ende zu dem Schluss:

The job is so different from when I started. Things move and change so fast that you can never settle.

via

Morgen wird alles besser

Don Drapper hat ein Problem mit Musik. In der fünften Staffel der legendären Serie Mad Men plagt das coole Werbe-Genie die Beschleunigung des Lebens. Er tut sich erkennbar schwer damit, Anschluss zu halten an die Welt dessen, was auf einmal als cool gilt: Pop-Musik zum Beispiel bleibt ihm verschlossen.

Ich weiß nicht, wie sich dieser Erzählstrang in der Serie entwickelt (beim Guardian kann man das Live Protokoll der verrückten Männer nachlesen), er zeigt aber, wie die Beschleunigung der Welt auch vor denen nicht Halt macht, die eben ihre Fähigkeit zu Geld machen, Entwicklungen und Trends nutzbar zu halten. Eine ganz und gar nicht neue Entwicklung. Die Pop-Musik der 1960er Jahre ist den Serien-Erzählern dafür ein taugliches Bild. Denn Musik ist ein soziales Gut. Das gilt nicht nur in der fiktionalen Vergangenheit, sondern auch heute bzw. wenn man der „TV-Legende“ Ray Cokes glauben darf, eben gerade nicht mehr. Er ist unlängst zu dieser Gegenwartseinschätzung gelangt, die auch von Musik und auch von einem Nicht-Verstehen eines alternden Mannes geprägt ist:

Bisher hatte jede Generation ihre große Bewegung. Aber heute? Nichts davon! Stattdessen ist alles in ganz unterschiedliche Gruppen aufgesplittet. Ein großes gemeinsames Ding gibt es da nicht. Früher haben die Jungen gegen ihre Eltern rebelliert, haben Drogen genommen und anderen Unsinn gemacht. Das scheint heute alles nicht mehr so wichtig. Die Bedeutung der Musik wurde durch Facebook-und Twitter-Profile abgelöst. Es gibt auch keine Protestsongs mehr.

Vielleicht muss man so urteilen, wenn man den Status „TV-Legende“ erhalten will. Und vielleicht war es ja früher auch besser. Ich weiß es nicht genau. Ich ahne nur, dass das große gemeinsame Ding, das Cokes vermisst, in Wahrheit so groß und präsent ist, dass er es einfach übersieht. Ich kann mir jedenfalls kaum eine Bewegung vorstellen, die größer ist als die Digitalisierung und ihre Folgen. Sie wirkt auf Cokes offenbar wie die Pop-Musik auf Don Draper.

Neu scheint also nicht das Prinzip, sondern der Grad der Beschleunigung, den der britische Autor Charlie Brooker unlängst sehr lesenswert am Beispiel des charmanten Unwissens von David Cameron über die korrekte Bedeutung der Abkürzung LOL zusammenfasste:

Things change so rapidly these days it’s easy to get left behind, no matter how powerful you are.

Er beschreibt dabei, wie leicht er den Anschluss verloren hat an Pop-Kultur und das, was bei Don Draper die Grundlage seiner Arbeit ist: Trends und Stimmungen der Gesellschaft. Erstaunlich ist dabei, dass Brooker jeden Anklang von Kulturpessimismus oder Überhöhung der Vergangenheit vermeidet. Er beendet seinen Text sogar mit der Einschätzung:

I’ve been left behind by popular culture for weeks now, but boy am I looking forward to getting back up to speed. It’s not regressing. It’s not. LOL.

Aber was würde das konkret heißen „getting back up to speed“? Eine Idee davon bekam ich als ich ein Interview las, das Sibylle Berg dem österreichischen Standard über ihr Schreiben, über Twitter und die grundsätzliche Beschleunigung der Welt gegeben hat. Sie benennt darin Beobachtungen wie …

ich merke, die absurde Hoffnung, dass ich, wenn ich älter werde, mehr Zeit habe, mehr Zeit zum Nachdenken, mehr Zeit, um Stoff zu entwickeln, erfüllt sich nicht. Das Gegenteil passiert. Ich muss eigentlich immer schneller produzieren.

… wird dabei aber überhaupt nicht kulturpessimistisch, sondern sagt so kluge Dinge wie:

Es ist zum Arbeiten blöd, wenn man kein Internet hat. Ich denke mir immer: Wie hat man das früher gemacht? Da ist man in Büchereien gegangen. Das war ja total umständlich. Da ist das Internet großartig. Wenn man es großartig findet, muss man auch damit leben, dass es eine totale Beschleunigung ist.

Denn womöglich würde man es eh nicht stoppen können.

Aber darum geht es mir nur indirekt, ich habe den lange Weg von Draper über Cokes, Brooker und Berg gebraucht um festzustellen, dass in der Bewertung dessen, was da gerade mit uns, unseren Medien und der Gesellschaft in Gänze passiert, viel zu sehr die Perspektive Don Drapers dominiert, viel zu selten die Einsicht Sybille Bergs Raum gewinnt und fast nie die Haltung zu Wort kommt, die die Beschleunigung nicht bloß akzeptiert, sondern mit offenen Armen empfängt.

Sehr platt formuliert, heißt das: Wir hören viel zu oft „Früher war alles besser“ und so gut wie nie „Morgen wird alles besser“.

Im aktuellen Spiegel schreibt Elke Schmitter ein Essay mit dem Titel „Dateien kann man nicht lieben“, der weniger weinerlich daher kommt als der Titel vermuten lässt, aber doch einen Niedergang beschreibt: von der Musiktruhe aus der Zeit des Don Draper zu den digitalen Datensätzen der Gegenwart. Diese sind für die Autorin weniger wertig als ein „sinnlicher Träger“. Sie „lösen keine Gefühle aus – keinen Besitzerstolz, keine Erinnerung, keinen Genuss beim Betrachten, Verschönern, Pflegen, Verschenken.“

Das klingt schlau, aber stimmt es auch? Bleibt man tatsächlich so sachlich bei der Nutzung eines Datensatzes – wenn man einen alten Song aus dem Laptop abspielt, wenn man beim Sichern alter Daten Fotos aus einer längst vergessenen Vergangenheit entdeckt oder wenn man plötzlich einen alten Film wieder findet?

Elke Schmitter kommt zu dem Schluss „Die alten Träger der Aura sind jedenfalls Futsch.“

Da ist er wieder der Reflex. Eben weil es aus der Perspektive Don Drapers so schwer vorstellbar ist, dass es besser werden kann. Dass Aura zum Beispiel auch in Datensätzen entstehen kann. Ihn treibt vielmehr die Verteidigung dessen an, was ihn geprägt, was er gelernt hat, was er gut kann. Aus dieser Haltung kann man sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass etwas funktionieren kann (und vielleicht sogar besser funktionieren kann), was den gelernten Regeln widerspricht. Er lässt sich nur widerwillig auf das Unbekannte ein, kann deshalb auch die neuen Mechanismen, die dort gelten, nicht beobachten, aufnehmen und gestalten. Stattdessen werden alte Debatten in neuen Räumen geführt bzw. die Erinnerung an etwas wach gehalten, was unter anderen Vorzeichen galt.

In seinem kurzen Beitrag Why Sharing Will Never Be Stopped beschreibt Glyn Moody wie der technologische Fortschritt, Probleme aufbringt, die vorher vollkommen unrealistisch erschienen. Zu einer Zeit da das Maximum an Speicherkapazität bei 10 MB lag, konnte sich niemand vorstellen, dass in gar nicht ferner Zukunft Menschen ganze Lieder speichern würden. Heute erscheint es ebenso unrealistisch, dass in ebenfalls nicht ferner Zukunft, jedermann Speicherkapazität für die gesamte Spotify-Bibliothek mit sich herumtragen kann (derzeit 15 Millionen Songs). Es ist dies aber absehbar. Und wenn es so kommt, wird es den Blick auf die Frage von Filesharing und Teilen von Musik grundlegend verändern. Wer die gesamte Spotify-Bibliothek stets bei sich trägt, braucht keine Cloud, er und sie kann offline kopieren und weiterreichen – und sich damit auch allen geplanten Web-Überwachungen gegen das illegale Kopieren entziehen.

Es ist naheliegend, diese Prognose mit der oben beschriebenen Beschleunigung und den gelernten Reaktionsmustern zusammen zu bringen. Denn ich glaube, man wird nur dann Geschäftsmodelle für Kultur im digitalen Raum finden, wenn man sich auf diesen einlässt (und nicht dem Vergangenen nachtrauert bzw. es mit härteren Strafen erhalten will). Wenn man die digitale Kopie, die Verfügbarkeit von digitalisierten Werken und ihre Verbreitung akzeptiert und mit offenen Armen empfängt. Dann erst kann das Nachdenken darüber beginnen, wie die Geschäftsmodelle der Zukunft funktionieren werden – auf Basis der digitalen Kopie: ihr Möglichkeiten nutzend und ihre Probleme kompensierend. Wenn digitalisierte Daten allgegenwärtig und speicherbar sein werden sind, wenn sich ihr Fluss kaum stoppen lässt, folgt daraus, dass die Verknappung dieser Daten nicht mehr ausschließlich zu künftigen Geschäftsmodellen taugen kann. Vielmehr müssen die Daten Grundlage und Werbung für neue Ideen werden – und Träger für Emotionalität.

Das klingt für die Don Drapers der Digitalisierung vielleicht bedrohlich, es ist aber in Wahrheit ganz und gar nicht neu. Wer sich ein wenig mit der Geschichte der Musik und ihrer Aufnahme befasst, wird feststellen, dass das Radio für das Hören von Musik eine ebensolche Erschütterung bedeutete wie die Digitalisierung für den Besitz von Musik. Denn übers Radio wurde etwas möglich, was vorher auch unvorstellbar erschien: Menschen konnte ohne direkte Bezahlung Musik hören. Das muss für diejenigen, die vorher mit dem bezahlten Abspielen von Musik ihr Geld verdienten wie Diebstahl gewirkt haben. Genauso wie es heute wie Diebstahl wirken mag, wenn Menschen Daten tauschen. Aber tun sie dabei etwas anderes als die frühen Radiohörer? Es klingt skandalös, aber vielleicht ist Filesharing im Kern gar nichts anderes als Radio hören. Es basiert auf einer technologischen Neuerung, die den Menschen Musik bekannt macht, es führt Menschen an Musik heran.

Beim Radio kam man in Folge dessen auf die Idee, dem Hören von aufgenommener Musik den Besitz dieser Musik auf analogen Tonträgern zu ergänzen – auch weil dies technologisch möglich wurde. Wer unkontrolliert stets und ständig Musik hören kann (im Radio), dem muss man etwas anders anbieten: die Mystifizierung des Besitzes von aufgenommener Musik zeigt sich in der Zurschaustellung des eigenen Musikgeschmacks in Form einer Plattensammlung. Schmitter klagt im Spiegel, die digitalisierten Songs seien „Musik ohne Eigenschaft“, die kein Besitzgefühl mehr auslöse, „denn es gibt keinen langen Weg der Aneignung mehr.“ Wenn der Besitz und der Weg der Aneignung nun also dem vergleichbaren Kontrollverlust ausgesetzt sind, wie das Hören, liegt die Herausforderung vermutlich darin, der Musik einen Wert zu ergänzen, der sich wie der Besitz zum Hören verhält. Ich ahne, dass dieser Wert sich aus dem ableiten lässt, was wir heute Social Media nennen. Aus dem gemeinschaftsstiftenden Element, aus dem, was ich weiter oben „soziales Gut“ genannt habe. Das unüberwindbare Problem dabei: Man wird dieses vermutlich nur dann finden, wenn man sich in die neuen Räume begibt und dort auch neuen Debatten folgt. Wenn man erkennt, dass man auch Dateien lieben kann. Wenn man sich von der Verteidigungshaltung verabschiedet und das Neue, Unbekannte nicht nur akzeptiert, sondern beobachtet, aufnimmt und gestaltet. Wenn man die Digitalisierung also mit der Haltung betrachtet: „Morgen wird alles besser“.

Vielleicht stimmt es ja sogar.

Die Medien-Mitgliedschaft

Das da oben ist Philipp Köster. Er ist Chefredakteur des tollen Magazins 11 Freunde. In dem Clip stellt er die Dauerkarte des Magazins vor. Ein Mitgliedsausweis, der das konkret umsetzt, was Alan Rusbridger am Wochenende beim Guardian Open Weekend angekündigt hatte (siehe dazu den sehr lesenswerten Beitrag von Mercedes Bunz in der heutigen Print-SZ): Leser und Nutzer nicht als zahlende Kunden zu verstehen, sondern als Mitglieder einer Gemeinschaft. Jennie Gibson, die mit der US-Version des Guardian Nordamerika erobern möchte, bringt es so auf den Punkt:

We are trying to make [the audience] feel they are part of the international army of Guardian readers.

Spannend sind daran zwei Punkte: Zum einen betont eines solche Mitgliedschaft das Verbindende, das durch die Lektüre einer Zeitung bzw. durch die Zugehörigkeit zu einer Medienmarke entstehen kann (dazu habe ich unter dem Schlagwort Community hier bereits viel geschrieben). Zum anderen ist dies aber auch ein sehr spannender Ansatz für Pay-Modelle. Denn es ist mehr als rein sprachlicher Unterschied, ob man zahlender Kunde und zahlendes Mitglied ist. Am Beispiel der Wikipedia-Spende war diese sprachliche Fassung dessen, was man Geld-Transfer nennen würde, bereits Thema.

Vielleicht hängt Bezahlen im Internet nicht unwesentlich auch davon ab, wie man es nennt? Denn aus anderen Begriffen leitet sich auch eine andere Haltung ab.

Der schwarze Spiegel

Gestern riefen die Universalcode-Kollegen Richard Gutjahr und Markus Huendgen den Tod des Fernsehens aus. Gestern sah ich eher durch Zufall wie lebendig Fernsehen sein kann.

Ich habe keine Ahnung vom Fernsehen. Ich schalte es dann und wann ein, aber wie es gemacht wird, weiß ich nur vom Zuschauen. Deshalb kann ich eigentlich nicht beurteilen, ob stimmt, was Richard und Markus behaupten. Das Fazit jedenfalls ist vermutlich nicht falsch:

Die Art und Weise, wie wir fernsehen, wird sich radikal wandeln. Und das in nicht allzu ferner Zukunft.

Allerdings muss man nicht die One-Percent-Regel bemühen, um festzustellen: weite Teile des Fernsehens werden auch bleiben wie sie sind. Vor allem wenn sie so gut sind wie Black Mirror, eine dreiteilige britische Serie aus der Feder von Charlie Brooker.

Der Guardian-Kolumnist und TV-Macher hatte zum Attentat von Oslo einen beeindruckenden Text geschrieben und strahlt mit seinen pointierten Beobachtungen bis auf den Kontinent. So las ich auch mit großem Interesse, dass er einen Dreiteiler konzipiert hat, der auf klassische Art wie Fernsehen funktioniert. Drei Episoden mit je 45 Minuten, die sich mit der Frage befassen, wie die digitalisierten Medien und die von ihnen (und den aktiven Rezipienten) geschaffene sich verändernde Öffentlichkeit unsere Perspektive auf das Leben verändern. Das klingt nach einem Essay-Thema, Brooker schafft es aber, diese Fragen auf eine zeitgemäße filmische Art zu stellen, die mindestens die Intensität eines guten Textes erreicht.

Ich kann das alles behaupten, weil ich gestern durch einen glücklichen Zufall die National Anthem genannte erste Folge sehen konnte und noch immer begeistert bin. Denn Black Mirror ist für mich die Art von Fernsehen, die den gemeinschaftsstiftenden Sinn von Storytelling erfüllt. Eine Geschichte, die einer sich im Wandel befindenen Gesellschaft hilft, sich selbst zu vergewissern, ihre Vorgaben und Regeln zu überprüfen und die Gemeinsamkeiten aufdeckt bzw. sichtbar macht. Und all das gelingt durch nichts anderes als durch herausragendes dramaturgisches Erzählen.

In der offiziellen Presseverlautbarung sagt Brooker über die Serie:

It combines satire, technology, absurdity, and a pinch of surprise, and it all takes place in a world you almost – almost – totally recognise. It changes each week – like the weather, but hopefully about 2000 times more entertaining.

Was das konkret heißt: Der fiktive britische Premierminister soll sich öffentlich demütigen lassen (es geht um einen Geschlechtsakt mit einem Schwein, der live im Fernsehen übertragen werden soll). Das fordert ein Entführer, der eine Prinzessin des englischen Königshauses in seiner Gewalt hat. Nicht nur die Grundsituation erfüllt alle von Brooker genannten Kriterien, auch die Entwicklung der Geschichte zeigt, wie sich medialisierte Öffentlichkeit verändert. Wie gelingt es, das Erpresser-Video zu unterdrücken, wenn es zum Zeitpunkt, an dem es in Downing Street 10 ankommt, bereits mehrere tausend Mal auf YouTube angeschaut wurde? Wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Versuche, Berichterstattung zu beeinflußen? Und vor allem wie ist das mediale Ökosystem gestrickt, wenn ein Lösegeld in Form von öffentlicher Demütigung gezahlt wird?

All diese Frage werden auf eine Art und Weise durchgespielt, die mich beeindruckt hat. Und das ist vermutlich die wegweisendste Veränderung an dieser neuen alten Art des Fernsehens: Es ist trotz aller Geoblocking-Grenzen globaler als wir denken. Es beschränkt sich nicht auf das nationale Sendegebiet öffentlich-rechtlicher Anstalten, sondern ist weböffentlicht. Wenn daraus für die Anbieter hierzulande der Druck erwachsen würde, ein Vorbild wie Black Mirror (oder unlängst Sherlock Holmes) zur Inspiration zu nutzen wäre für mich als Zuschauer schon viel gewonnen.

Am kommenden Sonntag läuft übrigens der zweite Teil von Black Mirror:



Der gläserne Gatekeeper

Andrew Culf ist “a deputy news editor for the Guardian“. So steht es auf seiner Profilseite der britischen Zeitung. @andrewculf “hat noch nichts getwittert”. So steht es auf seiner Profilseite bei Twitter. Von Bedeutung ist das wegen dieser Seite hier.

http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist?CMP=twt_gu

Sie trägt den Titel “An experiment in opening up the Guardian’s news coverage” und ist nach allem, was ich bisher über Nachrichtenjournalismus und Zeitungsmachen weiß eine mindestens kleine Revolution. Im Bereich “UK News” trägt Andrew Culf heute die Verantwortung für die Nachrichtenlage beim Guardian. Das vermerkt diese Übersicht, die der Guardian künftig ebenso öffentlich macht wie die internationale und die Wirtschafts-Nachrichtenlage.

Abgeschaut haben sich die Guardian-Macher dieses Konzept des gläsernen Gatekeepers bei der schwedischen Zeitung Norran, die den Gedanken der Transparenz im digitalen Raum auf die nächste Ebene hebt. Dadurch dass man jetzt auch beim Guardian, den Versuch unternimmt (ja, es ist ein Quasi-Beta-Experiment), bekommt die Idee des offenen Blattmacherns einen neuen Schub: Journalisten in ganze Europa sind plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert, ihre Arbeit offener und transparenter zu gestalten.

Was heißt das konkret? Andrew Culf muss künftig nicht nur die aktuellen Meldungen seines News-Tickers im Auge behalten. Er muss auch einen Blick auf das werfen, was die Guardian-Leser unter dem Hashtag #opennews auf Twitter schreiben. Zudem ist jetzt auch der Guardian-Newsroom auf Twitter vertreten. Denn Öffnung heißt für die neuen Nachrichtenmacher auch Dialog. Sie sind ansprechbar und unter dem genannten Hashtag offen für Kritik – aber eben auch für neue Themenvorschläge. Sie schaffen so für die passiven Leser eine große Nähe zu ihrem Lieblingsprodukt und für die aktiven Rezipienten einen direkten Weg an den Newsdesk der Redaktion.

Nebenbei verändert der Guardian damit den Blick auf die Blackbox Nachrichtenredaktion. Diese kulturelle Veränderung könnte zu mehr werden als zu einer kleinen Revolution. Denn wenn das Guardian-Experiment gelingt, wird dies Folgen auch für andere Journalisten haben. Transparenz könnte auf Mainstream-Ebene zu einer Grundanforderung an glaubwürdigen Journalismus werden (was sie heute in bestimmten Märkten sicher schon ist). Nicht mehr ausschließlich das finale Produkt würde dadurch zum Beurteilungsgegenstand journalistischer Arbeit, sondern auch der Weg dorthin (siehe dazu die Metaphorik des Nachrichtenfluß). Soweit ich das absehen kann, ist das grundlegend neu (in Deutschland). Es würde Produktionsbedingungen, Ausbildungswege und das Selbstverständnis journalistischer Arbeit in einer Art und Weise verändern, die wir heute nur in Ansätzen absehen können.

Allein deshalb sollten wir sehr genau beobachten, wie Andrew Culf in den kommenden Woche so arbeitet.

P.S.: Wo wir schon über den Guardian sprechen, hier das Werbe-Video für die iPad-Version der Zeitung, die in den kommenden Tagen veröffentlich werden soll.

P.P.S.: Weil es mich gerade im Rahmen meiner eigenen journalistischen Arbeit betrifft: Der SZ-Kollege Alex Rühle unternimmt gerade für eine Reportage ein kleines (transparentes) Twitter-Experiment. Unter Alex Rühle kann man ihm auf Twitter folgen – mehr zum Hintergrund steht hier.

“Call him pathetic; a nothing!”

Der mit Abstand beste Text, den ich in den vergangenen Tagen zu den Geschehnissen in Oslo gelesen habe, stammt aus dem Guardian. Charlie Brooker hat ihn mit einer spürbaren Mischung aus Wut und Menschlichkeit geschrieben. Er trägt den Titel The news coverage of the Norway mass-killings was fact-free conjecture und behandelt neben der Frage, wie die Arbeit von Terror-Experten zu bewerten sei, vor allem das Thema, wie Medien über den Attentäter zu berichten haben:

Presumably he wanted to make a name for himself, which is why I won’t identify him. His name deserves to be forgotten. Discarded. Deleted. Labels like “madman”, “monster”, or “maniac” won’t do, either. There’s a perverse glorification in terms like that. If the media’s going to call him anything, it should call him pathetic; a nothing.

Das ist eine sehr emotionale Herleitung dessen, was W&V-Chefredakteur Jochen Kalka hier sehr rational herleitet:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war.

Das Gegenteil geschieht gerade – wie Ronnie Grob beobachtet hat:

Sie drucken seine Fotos dankbar ab, setzen ihn inklusive Waffe auf die Titelseite, versehen ihn mit Namen: “blonder Teufel” (Bild), “Teufel von Oslo” (tz), “Bestie” (Express), “Mord-Maschine” (Berliner Kurier).

Ich frage mich: Was wäre eigentlich, wenn man bei aller Grausamkeit den PR-Plan des Täters als solchen durchschaut, benennt und seinem Marketing nicht folgt? Es klingt vor dem Hintergrund der vielfachen Tode und der Trauer vielleicht zynisch, aber medial betrachtet, will hier jemand Werbung für seine menschenverachtende Sache machen. Er nutzt dafür die Mechanismen der Medien, die man vielleicht an den alten angelsächsischen Satz erinnern sollte:

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising.”

Ist der Name des Täters Teil der News? Gehört sein Bild dazu? Und die Bilder, die er offenbar vorher selber hat anfertigen und aufbereiten lassen? Nur weil sie nicht von einer PR-Agentur verschickt werden, sind sie noch lange kein werbefreies Material. Man könnte doch auch über seine Beweggründe berichten, ohne ihn zu zeigen, ohne auf seine Pressemappe zurückzugreifen, ohne seinen Namen zu nennen. So wie man – man entschuldige den etwas weit hergeholten Vergleich – auch über Fußball im Münchner Stadion berichten kann, ohne den zu Werbezwecken vermarkteten Namen der Arena zu nennen.

Stellen wir uns vor, man könnte das so genannte Manifest des Täters irgendwo kaufen, als Papierbuch oder gar als anderen Konsumgegenstand. Würde man dann auch so ausführlich über ihn und seinen “Produkt” berichten? Oder würde man dann sagen: “Nein, dafür wollen wir keine Werbung machen? Da würde ja jemand aus unserer Berichterstattung finanziellen Profit schlagen?” Würde man vielleicht sogar auf Ziffer 7 des Pressekodex Bezug nehmen (“achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken”).

Nimmt man die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internet zum Maßstab, ist es sicher nicht unangemessen, davon zu reden, dass hier jemand werbliche Interessen verfolgt: Der Täter verkauft seine menschenverachtenden Thesen und die oben zitierten Titelseiten helfen ihm. Dabei ist es unerheblich, ob Geld fließt oder nicht. Darum geht es nicht. Dem Täter geht es darum, dass sein Gedankengut in die Mitte der Berichterstattung gerückt wird. Es geht ihm darum, dass große Medienseiten im Netz ihn verlinken, ihm PageRank und Aufmerksamkeit schenken. Selbst wenn niemand auf die von Google als relevant eingestuften Links auf den Nachrichtenseiten klickt, die Folgen sind dennoch verheerend: Die verlinkten Seiten gewinnen an Algorithmus-Bedeutung. Sie werden in der Google-Suche hochgestuft, bleiben auch Wochen nach der Berichtestattung im Fokus.

Ich denke nicht, dass man verschweigen sollte, welchen Plan der Täter hatte. Ich halte es für richtig, zu analysieren, was ihn trieb und antrieb. Das muss natürlich öffentlich geschehen – und eine offene Gesellschaft muss diese Debatte führen. Aber nicht nur in Fragen der Verlinkung scheint hier eine neue Debatte über journalistischen Regeln (im Web) nötig – denn den Mechanismus hat (spätestens jetzt) nicht nur der norwegische Täter verstanden.

P.S.: Wie zum Beweis lese ich gerade von der Operation UnManifest, mit der Anonymous, den Plan des Täters nach Aufmerksamkeit genau zerstören will. Der Gegen-Plan:

1. Find the Manifest
2. Change it, add stupid stuff, remove parts, shoop his picture, do what you like to…..
3. Republish it everywhere and up vote releases from other peoples, declare that the faked ones are original
4. Let him become a joke, such that nobody will take him serious anymore

Update: Auf Twitter weist publictorsten auf die Figur des Herostratos hin, die mir bisher nicht bekannt war.

Update 2: Der Tagesspiegel hat das Manifest offenbar als Download auf seine eigenen Servern veröffentlicht. Diese Entscheidung wird mit Arguemten für und
gegen die Veröffentlichung begleitet. In dem Kontra-Text schreibt Sara Schurmann:

Jeder, der möchte, wird die Schrift Breiviks finden, jeder Fanatiker aber auch jeder normale Bürger. Aber es ist ein Hohn für die Opfer der Anschläge und ein Triumph für den Attentäter, dass ihm eine deutsche Zeitung hilft, sein Propagandaziel so problemlos zu erreichen.

Hacker-Kultur

Bei jetzt.de habe ich über den Angriff von LulzSec auf die Webseiten von Murdoch gestern Nacht geschrieben – in dessen Verlauf die Hacker auf diese Forderung kamen. Ich denke, da könnte was dran sein:

Diesen Widerstands-Charakter des Umleitungs-Hacks darf man nicht unterschätzen. Denn genau diese Haltung gegen das Establishment, gegen “die da oben” und konkret den bösen Murdoch, lässt den Angreifern die Sympathie zumindest aus dem Netz zufliegen. Sie macht zu weiten Teilen auch den Zauber aus, der viele Twitter-Nutzer heute Nacht wie eine spannende TV-Übertragung bannte. Nimmt man die hohe Anzahl an Retweets als Maßstab, muss man annehmen, dass nicht wenige Menschen mit dabei waren. als LulzSec dem mächtigen Murdoch demonstrierten, dass sie auch Macht haben – zumindest diejenige, eine seiner Webseiten für eine Weile umzuleiten.
(…)
Ob man diese Form des Protests gut heißen mag oder nicht, sicher scheint: Die Nacht zum 19. Juli 2011 markiert einen wichtigen Schritt im Wachsen einer neuen Protest-Kultur im Internet. Und es wird nicht ausreichen, im Umgang damit auf die Unrechtmäßigkeit ihres Tuns zu verweisen.

Den ganzen Text mit dem Titel Hacken als Live-Spektakel in Echtzeit gibt es bei jetzt.de

“The switch to digital has occurred”

Ich kann mich daran erinnern, dass nicht gerade wenige Menschen in meinem Umfeld die These vertreten haben “Lange Texte liest man nicht am Bildschirm”. An diesen Satz musste ich jetzt denken als ich den Guardian-Text What digital readers mean for business – natürlich am Bildschirm – las. Er fasst eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen zusammen. Denn offenbar scheint nicht nur die obige Annahme überholt, offenbar stimmt auch die These nicht mehr, dass Menschen mehr in Zeitungen/Magazine (auf Papier) schauen als in Bildschirme.

Nun sollte man dafür zunächst klären, was als Bildschirm zu gelten hat. Es ist dies nämlich nicht nur der Monitor des Computers oder Laptops, es sind Tablet-Bildschirme genauso wie jene der Smartphones. Auf all die schauen die Befragten jedenfalls im täglichen Durchschnitt fünfzehn Minuten länger als auf Papier-Medien. Allerdings sehen sie auf den Schirmen dann nicht nur klassischen Nachrichten, sondern vor allem Mails, Netzinhalte und Videos. Auf Platz vier erst kommen “branded media”.

Daraus (und aus einigen anderen Zahlen) schließt der Guardian:

1 There is still a long way to go for applications to match browser adoption; it is mostly a question of interface quality.
2 People expect real-time news, including in applications, or the added value needs to be outstanding.
3 Digital editions carry more of the brand attributes; but as long as they are not supported by better applications, and able to provide real time news updates, they will remain a relatively small market.
4 The advertising model needs a bigger dose of creativity: a large chunk of readers would agree to more ads as long as their publication remains free – which paves the way to reinventing the sponsoring model for digital editions or for encapsulated contents.