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Das Don-Draper-Dilemma: Vorärger!

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Am Sonntag startet die sechste Staffel der TV-Serie Mad Men. Die Frage zu stellen, woher ich das weiß, mutet merkwürdig an, man muss sie aber stellen um zu verstehen, warum ich das zwar wissen, die Serie aber nicht gucken darf bzw. noch nicht gucken darf.

Die Macher der Serie von AMC sprechen schon seit Wochen von nichts anderem als von dem kommenden Sonntag. Auf Facebook verfolgen sie mich mit der neuen Staffel und auf ihrer Website bieten sie mir – wie passend – sechs Wege an, meine Vorfreude zu kanalisieren. Mir gefällt all das, die Marketing-Maßnahmen treffen mich ziemlich genau, sie lösen jedoch das exakt umgekehrte Gefühl bei mir aus: statt Vorfreude empfinde ich wachsenden Vorärger.

Das Wort gibt es so nicht, aber neue Zeiten verlangen vielleicht auch neue Begriffe. Und Vorärger ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn einem zwar etwas in Internet-Geschwindigkeit (Sofort!) angeboten wird, man dies aber nur in Postkutschen-Geschwindigkeit erwerben kann.

Denn natürlich würde ich für Mad Men bezahlen, sogar sofort! Und alle, die sich Mad Men auf mittel-legalen Wegen trotzdem besorgen, erzählen mir, dass diese Wege keineswegs kostenfrei sind. Auch sie bezahlen, aber eben mittellegal. Der Auslöser für den Vorärger ist aber: Ich darf ja gar nicht zahlen. Mir ist kein Weg bekannt, wie ich erlaubter als mittellegal in die Lage versetzt werde, am Sonntag an dem globalen Pop-Erlebnis Mad Men S06E01 teilzunehmen. So lautet der Code für die erste Folge der sechsten Staffel – und Menschen werden (weil ich ihn jetzt erwähnt habe) auf der Suche nach diesem Stück Kultur auch auf diesem Blog landen und das Gefühl teilen, das ich hier beschreibe: Vorärger!

Sascha Lobo hat dieses Problem in seiner Spiegel-Kolumne mal so beschrieben:

In der Tat erscheint vielen Nutzern nicht einsichtig, wieso ein digitales Produkt nicht per Klick legal heruntergeladen werden kann. Zu den häufigst genannten Gründen für illegale Downloads gehört die mangelhafte legale Verfügbarkeit, will sagen: die Unmöglichkeit, etwas sofort zu bekommen, gefälligst in Echtzeit. Wenn man die Beobachtung des eigenen Verhaltens zumindest als Anhaltspunkt akzeptiert, dann scheint eine Nebenwirkung des Internet eine zunehmende Ungeduld mit den Dingen zu sein. Vorsichtig gesagt. Das süße Gift der Beschleunigung macht nicht nur süchtig, es lässt einem auch heute als langsame Zumutung erscheinen, was man gestern noch als flott empfand. Schneller als Echtzeit – jetzt, hier, sofort – geht nicht.

Daraus könnte man den sonntäglich klingenden, aber völlig unsinnigen Schluss ziehen, mal lieber nicht so ungeduldig zu sein. Über den Umgang mit Echtzeit (siehe dazu den Text “Terror des Jetzt” aus dem Jahr 2008) sollte man nicht nur wegen Douglas Rushkoffs Present Shock nachdenken, moralische Forderungen werden das Problem aber nicht lösen. Die Ursache dafür liegt nämlich woanders: in den Verwertungszyklen der Verwerter. Es erscheint noch immer lukrativer, die Serie Mad Men nicht in kleinen Folgen-Paketen an ungeduldige Einzelnutzer (wie z.B. mich!!) zu verkaufen, sondern im Staffel-Paket an einen anderen Verwerter, der dafür viel mehr bezahlt und dieses Geld durch eine weitere Schlaufe im Verwertungszyklus wieder reinholt.

Denn natürlich kann ich dieser Tage Mad Men auch ganz legal auf klassischem Weg anschauen. Das ZDF hat mich über den Twitter-Account von ZDFneo gerade letzte Woche erst drauf hingewiesen: Vor ein paar Wochen ist dort nämlich die vierte Staffel der Serie gestartet. Der Code dazu lautet Mad Men S04E01, was gerade vermutlich niemand sucht.

Wie also löst man dieses moralische Don-Draper-Dilemma? Ich weiß es nicht und ich halte auch wenig davon, diese Fragen moralisch anzugehen. Wenn man das aber tut, drängt sich das alte Konsumenten-König-Diktat auf. Überall sagt man uns: Der Verbraucher bestimmt durch sein Verhalten, wie Geschäfte sich entwickeln. Beim Amazon-Problem legte man dem Verbraucher deshalb sehr bald nahe, dort doch einfach nicht mehr zu bestellen. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn man das aber zuende denkt, heißt das doch, dass man – um den Voräger langfristig abzustellen – einfach nicht mehr beim ZDF gucken darf um den gelernten Verwertungszyklus zu durchbrechen und darauf zu hoffen, dass man künftig selber und ganz legal eine Folge bezahlen darf, oder?


Dieser Text erscheint als Crosspost auch im TV-Blog von Süddeutsche.de

Morgen wird alles besser

Don Drapper hat ein Problem mit Musik. In der fünften Staffel der legendären Serie Mad Men plagt das coole Werbe-Genie die Beschleunigung des Lebens. Er tut sich erkennbar schwer damit, Anschluss zu halten an die Welt dessen, was auf einmal als cool gilt: Pop-Musik zum Beispiel bleibt ihm verschlossen.

Ich weiß nicht, wie sich dieser Erzählstrang in der Serie entwickelt (beim Guardian kann man das Live Protokoll der verrückten Männer nachlesen), er zeigt aber, wie die Beschleunigung der Welt auch vor denen nicht Halt macht, die eben ihre Fähigkeit zu Geld machen, Entwicklungen und Trends nutzbar zu halten. Eine ganz und gar nicht neue Entwicklung. Die Pop-Musik der 1960er Jahre ist den Serien-Erzählern dafür ein taugliches Bild. Denn Musik ist ein soziales Gut. Das gilt nicht nur in der fiktionalen Vergangenheit, sondern auch heute bzw. wenn man der „TV-Legende“ Ray Cokes glauben darf, eben gerade nicht mehr. Er ist unlängst zu dieser Gegenwartseinschätzung gelangt, die auch von Musik und auch von einem Nicht-Verstehen eines alternden Mannes geprägt ist:

Bisher hatte jede Generation ihre große Bewegung. Aber heute? Nichts davon! Stattdessen ist alles in ganz unterschiedliche Gruppen aufgesplittet. Ein großes gemeinsames Ding gibt es da nicht. Früher haben die Jungen gegen ihre Eltern rebelliert, haben Drogen genommen und anderen Unsinn gemacht. Das scheint heute alles nicht mehr so wichtig. Die Bedeutung der Musik wurde durch Facebook-und Twitter-Profile abgelöst. Es gibt auch keine Protestsongs mehr.

Vielleicht muss man so urteilen, wenn man den Status „TV-Legende“ erhalten will. Und vielleicht war es ja früher auch besser. Ich weiß es nicht genau. Ich ahne nur, dass das große gemeinsame Ding, das Cokes vermisst, in Wahrheit so groß und präsent ist, dass er es einfach übersieht. Ich kann mir jedenfalls kaum eine Bewegung vorstellen, die größer ist als die Digitalisierung und ihre Folgen. Sie wirkt auf Cokes offenbar wie die Pop-Musik auf Don Draper.

Neu scheint also nicht das Prinzip, sondern der Grad der Beschleunigung, den der britische Autor Charlie Brooker unlängst sehr lesenswert am Beispiel des charmanten Unwissens von David Cameron über die korrekte Bedeutung der Abkürzung LOL zusammenfasste:

Things change so rapidly these days it’s easy to get left behind, no matter how powerful you are.

Er beschreibt dabei, wie leicht er den Anschluss verloren hat an Pop-Kultur und das, was bei Don Draper die Grundlage seiner Arbeit ist: Trends und Stimmungen der Gesellschaft. Erstaunlich ist dabei, dass Brooker jeden Anklang von Kulturpessimismus oder Überhöhung der Vergangenheit vermeidet. Er beendet seinen Text sogar mit der Einschätzung:

I’ve been left behind by popular culture for weeks now, but boy am I looking forward to getting back up to speed. It’s not regressing. It’s not. LOL.

Aber was würde das konkret heißen „getting back up to speed“? Eine Idee davon bekam ich als ich ein Interview las, das Sibylle Berg dem österreichischen Standard über ihr Schreiben, über Twitter und die grundsätzliche Beschleunigung der Welt gegeben hat. Sie benennt darin Beobachtungen wie …

ich merke, die absurde Hoffnung, dass ich, wenn ich älter werde, mehr Zeit habe, mehr Zeit zum Nachdenken, mehr Zeit, um Stoff zu entwickeln, erfüllt sich nicht. Das Gegenteil passiert. Ich muss eigentlich immer schneller produzieren.

… wird dabei aber überhaupt nicht kulturpessimistisch, sondern sagt so kluge Dinge wie:

Es ist zum Arbeiten blöd, wenn man kein Internet hat. Ich denke mir immer: Wie hat man das früher gemacht? Da ist man in Büchereien gegangen. Das war ja total umständlich. Da ist das Internet großartig. Wenn man es großartig findet, muss man auch damit leben, dass es eine totale Beschleunigung ist.

Denn womöglich würde man es eh nicht stoppen können.

Aber darum geht es mir nur indirekt, ich habe den lange Weg von Draper über Cokes, Brooker und Berg gebraucht um festzustellen, dass in der Bewertung dessen, was da gerade mit uns, unseren Medien und der Gesellschaft in Gänze passiert, viel zu sehr die Perspektive Don Drapers dominiert, viel zu selten die Einsicht Sybille Bergs Raum gewinnt und fast nie die Haltung zu Wort kommt, die die Beschleunigung nicht bloß akzeptiert, sondern mit offenen Armen empfängt.

Sehr platt formuliert, heißt das: Wir hören viel zu oft „Früher war alles besser“ und so gut wie nie „Morgen wird alles besser“.

Im aktuellen Spiegel schreibt Elke Schmitter ein Essay mit dem Titel „Dateien kann man nicht lieben“, der weniger weinerlich daher kommt als der Titel vermuten lässt, aber doch einen Niedergang beschreibt: von der Musiktruhe aus der Zeit des Don Draper zu den digitalen Datensätzen der Gegenwart. Diese sind für die Autorin weniger wertig als ein „sinnlicher Träger“. Sie „lösen keine Gefühle aus – keinen Besitzerstolz, keine Erinnerung, keinen Genuss beim Betrachten, Verschönern, Pflegen, Verschenken.“

Das klingt schlau, aber stimmt es auch? Bleibt man tatsächlich so sachlich bei der Nutzung eines Datensatzes – wenn man einen alten Song aus dem Laptop abspielt, wenn man beim Sichern alter Daten Fotos aus einer längst vergessenen Vergangenheit entdeckt oder wenn man plötzlich einen alten Film wieder findet?

Elke Schmitter kommt zu dem Schluss „Die alten Träger der Aura sind jedenfalls Futsch.“

Da ist er wieder der Reflex. Eben weil es aus der Perspektive Don Drapers so schwer vorstellbar ist, dass es besser werden kann. Dass Aura zum Beispiel auch in Datensätzen entstehen kann. Ihn treibt vielmehr die Verteidigung dessen an, was ihn geprägt, was er gelernt hat, was er gut kann. Aus dieser Haltung kann man sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass etwas funktionieren kann (und vielleicht sogar besser funktionieren kann), was den gelernten Regeln widerspricht. Er lässt sich nur widerwillig auf das Unbekannte ein, kann deshalb auch die neuen Mechanismen, die dort gelten, nicht beobachten, aufnehmen und gestalten. Stattdessen werden alte Debatten in neuen Räumen geführt bzw. die Erinnerung an etwas wach gehalten, was unter anderen Vorzeichen galt.

In seinem kurzen Beitrag Why Sharing Will Never Be Stopped beschreibt Glyn Moody wie der technologische Fortschritt, Probleme aufbringt, die vorher vollkommen unrealistisch erschienen. Zu einer Zeit da das Maximum an Speicherkapazität bei 10 MB lag, konnte sich niemand vorstellen, dass in gar nicht ferner Zukunft Menschen ganze Lieder speichern würden. Heute erscheint es ebenso unrealistisch, dass in ebenfalls nicht ferner Zukunft, jedermann Speicherkapazität für die gesamte Spotify-Bibliothek mit sich herumtragen kann (derzeit 15 Millionen Songs). Es ist dies aber absehbar. Und wenn es so kommt, wird es den Blick auf die Frage von Filesharing und Teilen von Musik grundlegend verändern. Wer die gesamte Spotify-Bibliothek stets bei sich trägt, braucht keine Cloud, er und sie kann offline kopieren und weiterreichen – und sich damit auch allen geplanten Web-Überwachungen gegen das illegale Kopieren entziehen.

Es ist naheliegend, diese Prognose mit der oben beschriebenen Beschleunigung und den gelernten Reaktionsmustern zusammen zu bringen. Denn ich glaube, man wird nur dann Geschäftsmodelle für Kultur im digitalen Raum finden, wenn man sich auf diesen einlässt (und nicht dem Vergangenen nachtrauert bzw. es mit härteren Strafen erhalten will). Wenn man die digitale Kopie, die Verfügbarkeit von digitalisierten Werken und ihre Verbreitung akzeptiert und mit offenen Armen empfängt. Dann erst kann das Nachdenken darüber beginnen, wie die Geschäftsmodelle der Zukunft funktionieren werden – auf Basis der digitalen Kopie: ihr Möglichkeiten nutzend und ihre Probleme kompensierend. Wenn digitalisierte Daten allgegenwärtig und speicherbar sein werden sind, wenn sich ihr Fluss kaum stoppen lässt, folgt daraus, dass die Verknappung dieser Daten nicht mehr ausschließlich zu künftigen Geschäftsmodellen taugen kann. Vielmehr müssen die Daten Grundlage und Werbung für neue Ideen werden – und Träger für Emotionalität.

Das klingt für die Don Drapers der Digitalisierung vielleicht bedrohlich, es ist aber in Wahrheit ganz und gar nicht neu. Wer sich ein wenig mit der Geschichte der Musik und ihrer Aufnahme befasst, wird feststellen, dass das Radio für das Hören von Musik eine ebensolche Erschütterung bedeutete wie die Digitalisierung für den Besitz von Musik. Denn übers Radio wurde etwas möglich, was vorher auch unvorstellbar erschien: Menschen konnte ohne direkte Bezahlung Musik hören. Das muss für diejenigen, die vorher mit dem bezahlten Abspielen von Musik ihr Geld verdienten wie Diebstahl gewirkt haben. Genauso wie es heute wie Diebstahl wirken mag, wenn Menschen Daten tauschen. Aber tun sie dabei etwas anderes als die frühen Radiohörer? Es klingt skandalös, aber vielleicht ist Filesharing im Kern gar nichts anderes als Radio hören. Es basiert auf einer technologischen Neuerung, die den Menschen Musik bekannt macht, es führt Menschen an Musik heran.

Beim Radio kam man in Folge dessen auf die Idee, dem Hören von aufgenommener Musik den Besitz dieser Musik auf analogen Tonträgern zu ergänzen – auch weil dies technologisch möglich wurde. Wer unkontrolliert stets und ständig Musik hören kann (im Radio), dem muss man etwas anders anbieten: die Mystifizierung des Besitzes von aufgenommener Musik zeigt sich in der Zurschaustellung des eigenen Musikgeschmacks in Form einer Plattensammlung. Schmitter klagt im Spiegel, die digitalisierten Songs seien „Musik ohne Eigenschaft“, die kein Besitzgefühl mehr auslöse, „denn es gibt keinen langen Weg der Aneignung mehr.“ Wenn der Besitz und der Weg der Aneignung nun also dem vergleichbaren Kontrollverlust ausgesetzt sind, wie das Hören, liegt die Herausforderung vermutlich darin, der Musik einen Wert zu ergänzen, der sich wie der Besitz zum Hören verhält. Ich ahne, dass dieser Wert sich aus dem ableiten lässt, was wir heute Social Media nennen. Aus dem gemeinschaftsstiftenden Element, aus dem, was ich weiter oben „soziales Gut“ genannt habe. Das unüberwindbare Problem dabei: Man wird dieses vermutlich nur dann finden, wenn man sich in die neuen Räume begibt und dort auch neuen Debatten folgt. Wenn man erkennt, dass man auch Dateien lieben kann. Wenn man sich von der Verteidigungshaltung verabschiedet und das Neue, Unbekannte nicht nur akzeptiert, sondern beobachtet, aufnimmt und gestaltet. Wenn man die Digitalisierung also mit der Haltung betrachtet: „Morgen wird alles besser“.

Vielleicht stimmt es ja sogar.

Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen

Im Oktober habe ich für jetzt.de ein Interview mit Björn Frommer von der Kanzlei Waldorf Frommer in München geführt. Er hat darin sehr anschaulich dargelegt, wie seine Kanzlei das umsetzt, was auf der Website mit den Worten “für ein neues Bewusstsein im Urheberrecht” beschrieben ist. Björn Frommers Kanzlei geht im Auftrag von Rechteverwertern gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vor. In dem Gespräch bezeichnete er seine Kanzlei als “eine der klagefreudigsten der Branche”.

Ich musste an das Gespräch denken, als ich unlängst die Meldung von Hollywood-Studios las, die genau wie eine holländische Verwertungsgesellschaft beim illegalen Nutzen von BitTorrent-Tauschbörsen ertappt worden sein sollen. Erstaunlich daran ist, dass die niederländische Verwertungsgesellschaft in einer Presseerklärung einen Reflex zeigt, den Björn Frommer in dem Gespräch als typisch beschreibt. Sie redet sich raus. Und zwar mit Hinweis auf einen Fehler/Hack in Bezug auf die IP-Adresse.

Das ist deshalb so erstaunlich, weil diese Unsicherheit in der Ermittlung von IP-Adressen auch in dem Interview thematisiert wurde. Auf mögliche Fehler in der für die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen dringend notwendigen Methode angesprochen, sagte Björn Frommer:

Mir ist aber kein Fall bekannt, bei dem es zu einem solchen Fehler kam.

Der Freisinger Rechtsanwalt Thomas Stadler, den ich als Vertreter der Gegenseite ebenfalls interviewte, sagte zu dem Thema:

Man kann vor Gericht durchaus bestreiten, dass der eigene Anschluss für einen Up- beziehungsweise Download genutzt wurde. So ein Fall ist in Gänze aber meines Wissens nach noch nie durchgestritten worden. Denn die Konsequenz wäre, dass ein vom Gericht bestellter unabhängiger IT-Sachverständiger die Software überprüft, mit deren Hilfe der Anschlussinhaber ermittelt worden ist. Und die Kosten eines solchen Sachverständigengutachtens übersteigen die übrigen Kosten voraussichtlich deutlich.

Nun sind die in der Meldung zitierten Fälle nicht in Deutschland angesiedelt. Und deshalb vielleicht hier auch nicht relevant. Doch als Ole Reißmann jetzt auf Spiegel Online den Fall Rentnerin ohne Computer muss wegen Raubkopie zahlen aufgriff, fühlte ich mich wieder an die Frage der IP-Ermittelung erinnert (dazu muss man sagen, dass es in den beiden genannten Fällen um unterschiedliche Erhebungsmethoden geht).

Zum fraglichen Zeitpunkt, an einem Morgen im Januar 2010 um kurz nach 9 Uhr, hat die Beklagte aber nach eigenen Angaben geschlafen. Einen Computer besaß sie damals nach eigenen Angaben seit einem halben Jahr nicht mehr – und auch keinen Router, der ein W-Lan oder einen Internet-Anschluss für jemand anderen hätte bereitstellen können. Die pflegebedürftige Frau hat noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Trotzdem soll sie über das “eDonkey2000″-Netzwerk einen Film heruntergeladen haben. Etwas mit Hooligans, mit extremen Gewaltszenen.

Vielleicht trügt der Schein, aber es wirkt so als handele es sich um einen Fehler in der Ermittlung. Rechtsanwalt Stadler hatte dazu in dem Interview gesagt:

Aber selbst dann, wenn diese Software nur eine Fehlerquote von einem Prozent hätte, wäre das viel zu hoch. Letztlich müsste sichergestellt sein, dass diese Programme vollständig fehlerfreie Ergebnisse liefern.

Das ist die juristisch-politische Haltung, die man zu der Frage einnehmen kann. Auf einer moralischen Ebene sehe ich aber ein viel größeres Problem. Die gängige Praxis, deren Ziel es ja ist sein sollte, dem Urheberrecht zu einer besseren Durchsetzung zu verhelfen, verliert dadurch ihre moralische Glaubwürdigkeit. Die Einsicht in dessen Notwendigkeit wird vermutlich nicht steigen, wenn der Verdacht, entsteht auf diese Art und Weise werden womöglich die Falschen bestraft.

Napster – der Film

Alex Winter hat angekündigt einen Film über Napster drehen zu wollen. Es soll eine Dokumentation über die Entstehung des ersten großen Filesharing-Netzwerks werden. Winter sagte:

“The rise and fall of Napster and the birth of peer-to-peer file-sharing technology created by Shawn Fanning (…) became an expression of youth revolt, and contributed to a complete shift in how information, media and governments work. And it is a fascinating human story, where this 18-year-old kid invents a peer-to-peer file-sharing system, and brings it to the world six months later.”

Nach dem ich zum zehnten Jubiläum dieses Eierkochers der Musik vor zwei Jahren ein wenig recherchiert habe, denke ich: das kann eine sehr spannende Dokumentation werden.

via Nerdcore/Die Fünf Filmfreunde

Wer macht eigentlich die Gesetze?

Vor ziemlich genau einem Jahr berichtete TorrentFreak über die Pläne der spanischen Regierung, das Urheberrecht zu reformieren. Im Sommer konnte man auf Billboard.biz nachlesen, dass die Spanish Govt Backs Anti-Piracy Proposals. Im Rahmen der Wikileaks-Veröffentlichungen kam jetzt – unter dem Kürzel “KIPR” (was offenbar für Copyright-Themen steht) heraus: das spanische Gesetz ist wohl unter aktivem Einfluß von amerikanischen Lobby-Verbänden entstanden.

Der kanadische Urheberrechts-Experte Michael Geist kommentiert die Veröffentlichungen wie folgt:

The fact that the U.S. is actively lobbying in foreign countries on intellectual property issues (particularly copyright) is not a secret, it’s a open strategy. The cables don’t really show that the U.S. wrote Spain’s copyright law, because they didn’t need to. Years of relentless lobbying pressure at the highest levels of government make it as clear as possible what the U.S. is looking for (plus they release the annual Special 301 report just in case anyone is still confused) so that when a government decides to reform its laws it invariably takes the U.S. position into account.

Und wenn es nur das ist, was Geist für wenig überraschend hält, so ist die Wikileaks-Veröffentlichung doch bedeutsam: Vielleicht ist es legitim, dass Interessengruppen Einfluß auf den Prozess der Gesetzgebung nehmen. Es ist aber sicher nicht in Ordnung, wenn diejenigen, die davon betroffen sind, nämlich die Nutzer, gar nicht befragt werden.

Wir brauchen eine Lobby-Organisation für Nutzerinteressen im digitalen Raum! Boing Boing berichtet jedenfalls von Protesten in Spanien, die diese Form der Gesetzgebung nicht akzeptieren wollen.

Filesharing in echt

Unter dem Titel Da steckt ein USB-Stick in der Mauer! habe ich bei jetzt.de ein Interview mit Aram Bartholl geführt, der gerade für Aufsehen sorgt, weil er USB-Sticks in Wände einmauert. Warum er das tut, erklärt er im Interview, in dem er aber auch einen Aspekt anspricht, der im Kontext mit Fragen der digitalen Kopie bedeutsam ist:

Bei den Daten-CDs mit Steuersünder-Dateien sieht man das ganz schön. Da heißt es dann in den Nachrichten immer: Jemand habe den Behörden diese CD verkauft und habe sie jetzt nicht mehr. Aber natürlich geht es überhaupt nicht um die CD und wenn der eine sie nicht mehr hat, heißt das ja nicht nicht, dass sie dann weg wäre. Daten sind kopierbar in alle Richtungen und das ist im Kern ja das Problem bei all den Urheberrechtsfragen und der Digitalisierung: dass alles überall gleichzeitig sein kann. Damit spielen die Dead Drops und das finde ich interessant.

Die Moral vom Filesharing

Das ist original die am wenigsten zielführende Diskussion, an der ich jemals teilgenommen habe.

Sascha Lobo kommt zu einem vernichtenden Fazit zu der Debatte, die er gestern mit Marcel Weiss in Berlin geführt hat. Ich habe nicht alle Debatten von Sascha verfolgt, würde ihm aber widersprechen. Denn trotz allem Durcheinander, der fehlenden Moderation, dem (technisch) etwas zu gleichwertigen Publikum (das ständig lautstark dazwischen reden konnte und durfte) muss ich sagen: Die gestern gescheiterte Debatte ist dringend notwendig (und allein der Versuch deshalb ehrenvoll). Denn alles Reinrufen und Unterbrechen hat vor allem gezeigt, dass hier eine gesellschaftliche Praxis vorliegt, die bisher viel zu wenig eingeordnet wird – und der Sascha und Marcel alleine auch nicht Herr werden.

Denn die entscheidende Frage wurde von einem nach wenigen Minuten vorhersehbaren rhetorischen Spiel verdeckt: Sascha wollte eine moralische Wertung der Tauschbörsen-Nutzung von Marcel, der zog sich auf eine rein wirtschaftliche Beschreibung zurück. Die Frage jedoch, wie man mit dem Filesharing umzugehen hat, wenn es denn – was Sascha behauptet – schlecht sei, wurde nicht gestellt. Abgesehen davon, dass es durchaus Studien gibt, die Saschas These in Zweifel ziehen, folgt der für mich entscheidende Schritt erst nach der Behauptung, Filesharing sei (weil es vermeintlich an die Stelle von Verkäufen tritt) schlecht.

Wenn das stimmt, muss man doch an Modellen arbeiten, die diese schlechte Praxis ersetzen. Leider wurde dieses Thema gar nicht angeschnitten (jedenfalls in der Phase, in der ich die Debatte verfolgen konnte), die Frage nämlich, wie man denn auf Filesharing reagieren soll. Und hier würde ich Saschas Zugang über den moralischen Vorwurf widersprechen. Selbst wenn er damit inhaltlich recht haben sollte: Ich glaube, dass die moralische Abwertung der Tauschbörsennutzung diese nicht beenden wird.

Abgesehen davon, wer das Faß mit der moralischen Bewertung des Teilens von Musik öffnet, muss sich hier durchaus die sprachliche Genauigkeit gefallen lassen, dass die Rede vom Diebstahl irreführend ist. Mehr noch: Wer die Bitte um eine Kopie einer Datei ablehnt, handelt damit gegen das in der Offline-Welt gelernte moralische Schema, dass man doch teilen soll. Außerdem gibt es keinen Grund, eine solche Bitte abzulehnen, denn es ist keinerlei persönliche Anstrengung damit verbunden. Damit sage ich nicht, dass ich eine vergütungsfreie Nutzung unterstützen möchte. Damit will ich lediglich sagen: Wer einzig moralisch über Filesharing spricht, muss akzeptieren, dass die moralischen Kategorien von schwarz oder weiß hier in zahlreiche Grautöne abrutschen.

Wenn man also konstatiert, dass die rein moralische Debatte über das Thema nicht wirklich zielführend ist, muss man nach anderen Modellen fragen: Wie also kann man auf die digitale Kopie reagieren, wenn man diese weder technisch noch moralisch kontrollieren kann? Vielleicht so wie man in den 1970er Jahren auf die Kopie auf Kassetten und Tapes reagiert hat: mit einer Pauschalabgabe.

Wenn wir die Leute nicht davon abhalten können, dass sie Kopien machen, müssen wir Wege finden, wie Künstler wenigstens indirekt bezahlt werden. Diesem Gedanken folgt die Idee der Leermedienabgabe, die wir alle selbstverständlich auf Kassetten gezahlten haben und noch heute zum Beispiel auf Rohlinge zahlen. Warum diskutieren wir nicht endlich darüber, wie man ein solches Modell in die digitale Welt übertragen kann, statt uns auf der Ebene der moralischen Wertung festzubeißen, die außer ein wenig Aufregung am Ende nichts ändert?

Mehr im Netz bei:

>>> Netzpolitik >>> presseschauer >>> carta

Filesharing legal in Spanien?

“P2P networks are mere conduits for the transmission of data between Internet users, and on this basis they do not infringe rights protected by Intellectual Property laws”

Dieses Zitat eines spanischen Gerichts kursiert an unterschiedlichen Stellen im Netz. Es bezieht sich auf einen Fall, der vor einem Gericht Barcelona verhandelt wurde. Dabei wollte die spanische Musikindustrie gegen die Filesharing-Site El RincondeJesus vorgehen. Die Hintergründe dieser Entscheidung erläutert Pedro Telles auf TheNextWeb in dem Text Did Spain Really Legalize File Sharing? Or Did It Really Just Move One Step Towards It?

Filesharing: Feels like free

While the recording industry continues to make threatening noises towards kids who swap music files among themselves, our real enemies, the illegal download sites that make money giving our music away for free, are disappearing off the radar into darknets.

This is a war that no one can win.

As the pirates always manage to stay one step ahead of the latest clampdown, the recording industry will continue to ask legislators for ever tighter sanctions, leading ultimately to an internet controlled by and for big business, which can only be accessed by those willing to pay.

The loss to the creative community would be catastrophic. The internet has made it possible for individual artists to make, distribute and promote their own works with the active support of P2P networks. For new artists to flourish, it is vital that the internet remain free to all.

We believe that this sense of freedom is the key to constructing a viable digital business model for the recording industry. The successful music sites such as MySpace, YouTube and Spotify all offer free access. The next step is to create “feels like free” services. We need legal networks licenced by record companies that give users access to all the music they want for a subscription fee. We need P2P communities that spread the word for new artists while offering advertising platforms so that an artist whose work is downloaded can receive reciprocal payment from advertising revenue.

Billy Bragg schreibt im Guardian über A better way to sink internet pirates und bezieht darin Position zur so genannte Three-Strikes-Debatte, die in England gerade ebenfalls sehr laut geführt wird.

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