Das Don-Draper-Dilemma: Vorärger!

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Am Sonntag startet die sechste Staffel der TV-Serie Mad Men. Die Frage zu stellen, woher ich das weiß, mutet merkwürdig an, man muss sie aber stellen um zu verstehen, warum ich das zwar wissen, die Serie aber nicht gucken darf bzw. noch nicht gucken darf.

Die Macher der Serie von AMC sprechen schon seit Wochen von nichts anderem als von dem kommenden Sonntag. Auf Facebook verfolgen sie mich mit der neuen Staffel und auf ihrer Website bieten sie mir – wie passend – sechs Wege an, meine Vorfreude zu kanalisieren. Mir gefällt all das, die Marketing-Maßnahmen treffen mich ziemlich genau, sie lösen jedoch das exakt umgekehrte Gefühl bei mir aus: statt Vorfreude empfinde ich wachsenden Vorärger.

Das Wort gibt es so nicht, aber neue Zeiten verlangen vielleicht auch neue Begriffe. Und Vorärger ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn einem zwar etwas in Internet-Geschwindigkeit (Sofort!) angeboten wird, man dies aber nur in Postkutschen-Geschwindigkeit erwerben kann.

Denn natürlich würde ich für Mad Men bezahlen, sogar sofort! Und alle, die sich Mad Men auf mittel-legalen Wegen trotzdem besorgen, erzählen mir, dass diese Wege keineswegs kostenfrei sind. Auch sie bezahlen, aber eben mittellegal. Der Auslöser für den Vorärger ist aber: Ich darf ja gar nicht zahlen. Mir ist kein Weg bekannt, wie ich erlaubter als mittellegal in die Lage versetzt werde, am Sonntag an dem globalen Pop-Erlebnis Mad Men S06E01 teilzunehmen. So lautet der Code für die erste Folge der sechsten Staffel – und Menschen werden (weil ich ihn jetzt erwähnt habe) auf der Suche nach diesem Stück Kultur auch auf diesem Blog landen und das Gefühl teilen, das ich hier beschreibe: Vorärger!

Sascha Lobo hat dieses Problem in seiner Spiegel-Kolumne mal so beschrieben:

In der Tat erscheint vielen Nutzern nicht einsichtig, wieso ein digitales Produkt nicht per Klick legal heruntergeladen werden kann. Zu den häufigst genannten Gründen für illegale Downloads gehört die mangelhafte legale Verfügbarkeit, will sagen: die Unmöglichkeit, etwas sofort zu bekommen, gefälligst in Echtzeit. Wenn man die Beobachtung des eigenen Verhaltens zumindest als Anhaltspunkt akzeptiert, dann scheint eine Nebenwirkung des Internet eine zunehmende Ungeduld mit den Dingen zu sein. Vorsichtig gesagt. Das süße Gift der Beschleunigung macht nicht nur süchtig, es lässt einem auch heute als langsame Zumutung erscheinen, was man gestern noch als flott empfand. Schneller als Echtzeit – jetzt, hier, sofort – geht nicht.

Daraus könnte man den sonntäglich klingenden, aber völlig unsinnigen Schluss ziehen, mal lieber nicht so ungeduldig zu sein. Über den Umgang mit Echtzeit (siehe dazu den Text “Terror des Jetzt” aus dem Jahr 2008) sollte man nicht nur wegen Douglas Rushkoffs Present Shock nachdenken, moralische Forderungen werden das Problem aber nicht lösen. Die Ursache dafür liegt nämlich woanders: in den Verwertungszyklen der Verwerter. Es erscheint noch immer lukrativer, die Serie Mad Men nicht in kleinen Folgen-Paketen an ungeduldige Einzelnutzer (wie z.B. mich!!) zu verkaufen, sondern im Staffel-Paket an einen anderen Verwerter, der dafür viel mehr bezahlt und dieses Geld durch eine weitere Schlaufe im Verwertungszyklus wieder reinholt.

Denn natürlich kann ich dieser Tage Mad Men auch ganz legal auf klassischem Weg anschauen. Das ZDF hat mich über den Twitter-Account von ZDFneo gerade letzte Woche erst drauf hingewiesen: Vor ein paar Wochen ist dort nämlich die vierte Staffel der Serie gestartet. Der Code dazu lautet Mad Men S04E01, was gerade vermutlich niemand sucht.

Wie also löst man dieses moralische Don-Draper-Dilemma? Ich weiß es nicht und ich halte auch wenig davon, diese Fragen moralisch anzugehen. Wenn man das aber tut, drängt sich das alte Konsumenten-König-Diktat auf. Überall sagt man uns: Der Verbraucher bestimmt durch sein Verhalten, wie Geschäfte sich entwickeln. Beim Amazon-Problem legte man dem Verbraucher deshalb sehr bald nahe, dort doch einfach nicht mehr zu bestellen. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn man das aber zuende denkt, heißt das doch, dass man – um den Voräger langfristig abzustellen – einfach nicht mehr beim ZDF gucken darf um den gelernten Verwertungszyklus zu durchbrechen und darauf zu hoffen, dass man künftig selber und ganz legal eine Folge bezahlen darf, oder?


Dieser Text erscheint als Crosspost auch im TV-Blog von Süddeutsche.de

loading: Jung und naiv

Tilo Jung stellt Politikern Fragen. Einfache, aber klare Fragen. Er selbst nennt das Jung&Naiv und liefert damit erstaunliche Interviews. Der Kollege Christian Helten schrieb über die Interview-Serie auf jetzt.de: “Die Gespräche wirken zum Teil, als wäre man sich gerade zufällig begegnet, wäre ins Plaudern gekommen und irgendjemand hätte die iPhone-Kamera und ein Mikro eingeschaltet. Das Faszinierende daran ist, wie konsequent Tilo vollkommen naiv bleibt.”

jungnaiv

Das will Tilo jetzt fortsetzen. Auf der Pitch-Seite bei Krautreporter erklärt er: “Postproduction ist bisher nicht möglich. Deshalb wende ich mich an euch. Helft mir “Jung & Naiv” weiterzumachen, auszubauen und es auf ein produktionstechnisches Niveau zu bringen, dass heutzutage locker möglich ist. Käme das Geld zusammen, verspreche ich 50 Folgen zu drehen und es auch als Audiopodcast zu veröffentlichen.”

Von den 2500 Euro, die als Fundingziel gesteckt wurde, hat das Projekt 13 Tage vor Ende bereits über 2000 Euro eingesammelt. Tilo Jung hat den loading-Fragenbogen beantwortet:

Warum “Jung & Naiv”?
Die Idee ist so ein bisschen aus der Not heraus geboren. Zum einen wollte ich anfangen, Interviews vor der Kamera zu üben. Dafür braucht ich einen Rahmen. Und da ich gerne spiele, wollte ich nicht die klassische Rolle des Journalisten einnehmen. Zum anderen bin ich mittlerweile gewohnt, wie ätzend es ist, mit Politikern öffentlich zu reden. Das meist Nichtssagende, Vorhersehbare und Abgestumpfte hat mich mehr und mehr angekotzt. Nicht nur bei eigenen Interviews, sondern auch bei der Vielzahl der Kollegen: Die Politiker wissen, welche Fragen sie zu erwarten haben, welche Antworten sie geben wollen, was sie sagen können. Der deutsche Journalist weiß ebenfalls, was er zu fragen hat. Was er hören will (Pressemitteilung wartet schon!). Und wann er mit dem Interview fertig ist. Das Hinterfragen ist für beide Seiten scheinbar obsolet geworden. Daher die Idee: Ich spiele einen interessierten, leicht begeistbaren, aber jungen und naiven Fragesteller, der von Interview zu Interview verschiedene Ahnungslosigkeiten pflegt.

Wer soll das anschauen?
Das ist mir egal.

Wie geht es weiter?
Da ich ein Ziel erklären musste, habe ich versprochen 50 Folgen zu drehen. Mit dem Crowdfunding will ich ein, zwei weitere Kameraeinstellungen und endlich eine Postproduction ermöglichen. Es kommt aber ganz drauf an, wie viel herauskommt. Mit dem Minimalziel von €2500 wäre zB eine GoPro und ein Rechner drin. Ich weiß allerdings nicht, wo das Ding hingehen soll und kann. Das liegt alles nur begrenzt in meiner Hand. Ich habe mir aber vorgenommen, wenn bis Folge 100 kein Weg gefunden ist, mit diesen Interviews, diesem Format Geld zu verdienen, ich “Jung & Naiv” als gescheitert ansehen werde. Dann habe ich 100 Folgen meinen Spaß gehabt und kann meinen Kindern irgendwann erzählen, womit ich mir die Freizeit um die Ohren gehauen habe. Und das war’s am Ende auch.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Sharing is caring.

>>>> Hier Jung und Naiv unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


loading: die Doku über den Pommes-Automat

Ueli Maurer ist Erfinder des Pommes-Frites-Automaten. Stephan Hille hat einen Dokumentar-Film über Ueli Maurer und über den Pommes-Automaten gemacht. Im Pitch-Video auf der Schweizer Crowdfunding-Plattform “We Make It” sitzen die beiden Männer vor dem Automaten und essen Pommes. Das ist so wunderbar, dass man gar nicht anders kann als Stephan Hilles Projekt zu unterstützen: Er will 24.000 Schweizer Franken einsammeln, um den Film, den er in den vergangenen fünf Jahren auf eigene Kosten und aus eigener Begeisterung gedreht hat, auf “Hochglanz zu putzen, um das Publikum zu begeistern und Sendeplätze zu finden.” Konkret geht es um “Vertonung und das Abmischen im Tonstudio, Sprecher, Untertitel, und, und, und…” Aktuell hat er fast 20.000 Franken zusammen – es würde mich freuen, wenn er die fehlende Summe in den nächsten 17 Tage noch zusammenkriegen würde.

Leider kann man den Trailer hier nicht einbinden, aber der Film hat eine eigene Website und kann auf Facebook verbreitet werden.

Stephan Hille (wie ich Absolvent der DJS, mir aber vorher nicht persönlich bekannt) hat den kleinen loading-Fragebogen beantwortet:

Was machst du?

Ich bin freier Journalist, Journalist seit ca 20 Jahren, frei, weil es einfach besser ist..

Warum (machst du es so)?
Ich bin in den Film reingeschliddert.. Filmfördermassnahmen schienen mir auszuscheiden, weil ich mich mitten in den Dreharbeiten fand; und ich finde es schön, andere und meine Freunde & Familie mit einzubeziehen; und weil ich das Geld brauche und es kaum einen schnelleren und effektiveren Weg gibt, Menschen (nicht Experten) zu überzeugen..

Wer soll das anschauen?
Alle, die eine gute Geschichte schätzen, der Film ist eine Hommage an einen Mann, der an sich und an sein Ziel glaubt – und dadurch ungeheure Energien entwickelt, vielleicht ein modernes Märchen..?

Wie geht es weiter?
Kampagne erfolgreich zu Ende bringen, mit sehr viel Werbeaufwand verbunden – den Film zu Ende machen und ihn auf die Leinwand und ins TV bringen

Was sollten mehr Menschen wissen?
Vieles ist möglich, wenn man nur dafür lebt und dafür kämpft. Mein Motto: wo ein Hille, da ein Weg…

>>>>>>>Man kann den Film hier unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Videotext trifft auf Social Media: Teletwittern

Vergangene Woche machte die Redaktion von quer, dem satirisch-kritischen TV-Magazin im Bayerischen Fernsehen ein Experiment: sie verheiratete Zuschauerfeedback auf Twitter mit dem Videotext. Ausgewählte Tweets wurden auf der Videotext-Seite 888 des Bayerischen Fernsehens angezeigt. Deef Pirmasens, Onlineredakteur von “quer”, hat die Aktion begleitet – und ein paar Fragen zum Teletwittern beantwortet, die ich ihm gemailt habe.

Wie kommt man darauf, einen eher alten Kanal wie den Teletext mit einem eher neuen Kanal wie Twitter zu verbinden?
Wenn man Tweets ins Fernsehen bringt und das mit Inserts – also für alle sichtbare Einblendungen – löst, nervt man diejenigen Zuschauer, die sich nicht für Twitter und Zuschauerkommentare interessieren. Deshalb haben wir die Tweetdarstellung über den Teletext gelöst. Öffnen Zuschauer während der Sendung die Bayerntext-Seite 888, so sehen sie das normale Fernsehbild, in das am unteren Bildrand nacheinander Tweets eingeblendet werden. Zuschauer können frei wählen, ob sie den Teletext einschalten oder nicht, so dass keiner – wie bei der Insert-Lösung – gestört wird.

War das ein einmaliges Experiment oder passiert das jetzt immer, wenn Quer im Fernsehen läuft
Es war ein Experiment, das so gut funktioniert hat, dass wir es fortführen wollen.

Warum muss Twitter überhaupt ins Fernsehen?
Es muss nicht, aber es ist ein Mehrwert für manche Zuschauer. Menschen, die Twitter nicht auf dem Rechner nutzen, haben durch Teletwittern die Möglichkeit, live Meinungen von anderen Fernsehzuschauern zu sehen. Aber auch viele versierte Twitterer freuen sich über Teletwittern, wenn ihr Tweet im Fernsehen erscheint. Bei der Sendung am Donnerstag hat jemand Screenshots davon gemacht und getwittert “Ich war im Fernsehen”.

Kann man messen, wieviele Leute während der Sendung den Teletext eingeschaltet haben?
Wir wissen, dass der Bayerntext pro Tag von durchschnittlich einer Million Menschen genutzt wird. Teletext ist – auch in Zeiten des Internets – ein sehr beliebtes Medium.

Genaue Zahlen zur Sendung kann man aber nur Twitter auslesen, oder? Kannst Du dazu was sagen?
Wir hatten über 150 Tweets mit @BR_quer bzw. #BR_quer, was fast eine Verdreifachung gegenüber bisherigen quer-Sendungen darstellt. Am nächsten Donnerstagabend werden wir sehen, ob das nur beim ersten Mal so war oder ob sich die Beteiligung noch steigert, wenn wir regelmäßig teletwittern.

Und wie waren die Reaktionen im Haus, also in der Quer-Redaktion und bei Dir? Haben sich Erwartungen erfüllt oder seid Ihr eher positiv/negativ überrascht worden?
Wir sind hocherfreut. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass so viele Twitterer daran interessiert sind, mit ihren Tweets ins Fernsehen zu kommen. Und wir waren in den deutschen “Trending Topics” bei Twitter. U.a. neben Justin Bieber – das ist doch mal was.

Ihr habt die Tweets gefiltert und von Hand für den Videotext freigeschaltet. Musstet Ihr viel löschen?
Wir veröffentlichen keine Beleidigungen u.ä. – aber es kamen auch keine. Es kam auch keine Kritik an quer, obwohl wir die veröffentlichen würden. Es geht beim Einpflegen der Tweets aber vor allem darum, die auszuwählen, die selbsterklärend sind und die zum gerade im Fernsehen gezeigten Themenkomplex gehören. Am Ende der Sendung einen Tweet zu zeigen, der einen Bericht vom Anfang der Sendung kommentiert, macht keinen Sinn.

Eigentlich wäre dieser Live-Videotext-Einblendung so etwas wie die Fernsehentsprechung zum Leserkommentar auf Online-Seiten. Könnte man das nicht für alle Sendung anbieten?
Es gibt Sendungen, bei denen ergeben sich bei Twitter von selbst regelmäßig Diskussionen, wie z.B. beim Tatort. Und es gibt Sendungen wie unsere, bei der wir seit 2009 mit unseren Zuschauern via quer-Blog, Facebook und Twitter intensiv diskutieren. Die Folge: Obwohl quer “nur” in einem dritten Programm läuft, hat unser Twitteraccount mehr Follower als @Tatort vom Ersten. Hätten wir @BR_quer nicht über Jahre aufgebaut, würde auch Teletwittern für quer nicht funktionieren. Teletwittern macht also für alle Sendungen Sinn, über die ohnehin viel getwittert wird oder die über einen starken Twitteraccount verfügen, mit dem man die Diskussion anschieben kann.

Teletwittern gibt es heute Abend wieder im Bayerischen Fernsehen – und sonntags im Ersten beim Tatort. Dort auf Videotext-Seite 777 im Ersten.

Pressefreiheit am Gericht


Die BR-Sendung quer berichtete gestern (im Rahmen einer vom so genannten Teletwittern begleiteten Sendung) über die Störversuche von Neonazis, die bei öffentlichen Sitzungen vor Gericht Journalisten in ihrer Arbeit behindern. Gerhard Zierl, Präsident des Amtsgericht München, wird in dem Beitrag von Max Ringsgwandl und Christoph Thees zu den Vorfällen befragt – auch dazu wie man angemessen reagieren sollten. Seine Antwort ab 4.33 Min in dem Beitrag:

Wenn Sie mich schon fragen, wie man solche Störungen zukünftig verhindern kann … ich will das eigentlich nicht … aber man müsste und könnte daran denken, im Gerichtsgebäude ein Film- und Fotografierverbot zu erlassen. Dann habe ich diese Problematik nicht mehr.

Mehr zum Thema auch in der NDR-Sendung Zapp

Allen ist doch klar: Journalismus wird anders sein

Wir müssen über Crowdfunding reden. Eigentlich ging es mir bei meiner Idee, ein Buch zu schreiben, das die Leser an den Anfang und nicht ans Ende stellt, ganz und gar nicht um den aktuell sehr gehypten Begriff. Mir ging es darum, den Entstehungsprozess in den Blick zu nehmen. Dass ich damit jetzt mitten drin bin in einem Aufmerksamkeitsschub fürs Crowdfunding war so nicht geplant.

Aber es ist vielleicht auch gut. Vielleicht inspiriert dieses Interesse fürs Crowdfunding Menschen dazu, anders zu denken, Neues auszuprobieren. So wie Sebastian Esser es vor hat. Ihn lernte ich kennen, weil er mich für seine Website Kraut-Reporter interviewt hat. Gemeinsam mit Wendelin Hübner will er dort, journalistische Geschichten von der Community finanzieren lassen. Bisher läuft Kraut-Reporter in einer Vorschalt-Beta-Phase, trotzdem habe ich Sebastian Esser schon jetzt ein paar Fragen dazu gestellt, wie er Crowdfunding und Journalismus zusammenbringen will.

Crowdfunding ist der Hype der Stunde. Warum jetzt auch für den Journalismus?
Wir erleben gerade ein Medien-Massaker: DAPD und Frankfurter Rundschau haben Insolvenz angemeldet, die FTD ist zum letzten Mal erschienen, Redaktionen in Verlagen und Sendern werden überall zusammengestutzt. Insgesamt haben in diesem Herbst wahrscheinlich mehr als tausend festangestellte Journalisten ihren Job verloren. Das ist schlimm für die Kollegen, die nun ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Es ist aber auch schlimm für uns alle. Weniger Journalismus bedeutet: weniger Aufklärung, weniger Kritik, weniger verborgene Wahrheit, die jemand herausfindet. Das alles wirft die sehr grundsätzliche Frage auf: Wie wird Journalismus in Zukunft aussehen? Es gibt es eine Journalisten-Regel: Follow the money. In der ganzen Diskussion ist Crowdfunding eines der wenigen Experimente, das eine Antwort auf die entscheidende Frage verspricht: Wie finanzieren wir in Zukunft den aufwändigen, schwierigen, wichtigen Journalismus, wenn Verlage und Sender es nicht mehr tun?

Und was unterscheidet einen Kraut-Reporter von einem gewöhnlichen Reporter?
Grundsätzlich nichts. Jeder Reporter mit einer guten Geschichte hat beste Aussichten, Leute zu finden, die seine Arbeit finanziell und auf anderen Wegen unterstützen. Du musst Dich allerdings auf Deine Community einlassen, viel kommunizieren und für Deine Idee werben – etwas, was uns Journalisten erstmal fremd ist. Selbstvermarktung, das Werben für eine tolle Idee, das kommt früher oder später auf alle Journalisten zu. Nach dem Prinzip Frontalunterricht – einer spricht, alle anderen hören andächtig zu – funktioniert Journalismus heute ja eh nicht mehr.

Welche journalistischen Geschichten eignen sich fürs Crowdfunding und welche eher nicht?
Die besten Chancen haben Storys mit einer klaren Idee, einem besonderen Zugang. Zweitens solltest Du von Deiner Geschichte persönlich überzeugt sein, diese Leidenschaft auch vermitteln und Kompetenz nachweisen können. Und drittens – vielleicht der wichtigste Punkt – braucht die Story eine Community, eine Gruppe von Leuten, die sie wichtig oder interessant findet. Diese Crowd kann auch klein und speziell sein. Das ermöglicht Storys, die in Zeitungen, Magazinen oder Sendern keine Chance hätten, weil sie nicht massenkompatibel sind. Nicht geeignet sind Projekte, bei denen es allzu offensichtlich nicht darum geht, eine tolle Idee zu verwirklichen, sondern irgendwie an Geld zu kommen. Das sind sogenannte Finanzier-mein-Leben-Projekte: Ich brauch ‘ne neue Kamera, ich möchte gerne mal wieder was in New York machen, ich brauche Zeit, um mal gründlich über alles nachzudenken und so weiter.

Was passiert, wenn ich als Autor eine Geschichte bei Euch einstellen will?
Wenn Du ein Projekt bei Krautreporter finanzieren möchtest, musst Du zunächst zwei Kriterien erfüllen: Du verpflichtest Dich, dass Dein Projekt grundlegende journalistische Regeln der Wahrhaftigkeit, Unabhängigkeit und Transparenz respektiert, und Du Dich an die Grundsätze des Pressekodex gebunden fühlst. Und wir nehmen nur Projekte mit einem klaren Ziel – das konkrete Ergebnis Deines Projekts musst Du auf Deiner Projektseite veröffentlichen, um Deinen Unterstützern nachzuweisen, dass Du Deine Versprechen gehalten hast. Klingt vielleicht kompliziert, ist aber ganz einfach: Du klickst auf Starten, beschreibst Dein Projekt, stellst Fotos und ein Video online, legst Finanzierungsziel und Deadline fest, bietest Prämien an und speicherst schließlich das Projekt. Krautreporter entscheidet innerhalb von ein paar Tagen, ob das Projekt die Voraussetzungen erfüllt. Wahrscheinlich rufen wir Dich auch an und besprechen Details. Dann geht Dein Pitch online und Deine Kampagne kann losgehen.

Warum sollte ich das bei euch machen, es gibt doch auch andere Plattformen?
Jede Plattform steht für eine Community, eine bestimmt Zielgruppe. Und bei Krautreporter gibt’s Journalismus. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich die Besucher wirklich für Dein Projekt interessieren, wenn sie von Freunden und Bekannten auf ein Krautreporter-Projekt aufmerksam gemacht worden sind. Wir bemühen uns sehr, dass die Marke Krautreporter schon bald für tollen, berührenden, harten Journalismus steht, auch für neuartige Geschichten und Formate, die uns auf der Suche nach der Zukunft des Journalismus voran bringen.

Was passiert dann mit den Geschichten? Werden die auch bei Euch veröffentlicht oder verkauft der Autor sie anschließend an ein klassisches Medium?
Die Reporter verpflichten sich, das Ergebnis ihrer Arbeit auf Krautreporter zu veröffentlichen – einfach um zu beweisen, dass sie ihre Zusagen ihren Unterstützern gegenüber auch eingehalten haben. Darüber hinaus behalten sie sämtliche Rechte an ihrer Arbeit und veröffentlichen sie, wo sie wollen – bei Zeitungen, Sendern, auf der eigenen Webseite.

Und warum betreibt Ihr das Portal? Woran verdient Ihr?
Wir berechnen Reportern fünf Prozent der Finanzierungssumme, sollte ihr Projekt erfolgreich sein. Ist das Projekt nicht erfolgreich, entstehen auch keine Kosten. Mit diesen Einnahmen decken wir die Entwicklungs- und Serverkosten und den ganzen Kleinkram, der eben zusammenkommt. Unser Motivation ist aber, etwas zu unternehmen, das neuen Journalismus ermöglicht. Wir weigern uns, weiter die seit vielen Jahren immer gleichen Argumente auszutauschen und nichts tuend, aber Händer ringend dem Schwinden der Strukturen zuzusehen, die bisher Journalismus ermöglicht haben. Allen ist doch klar: Journalismus wird anders sein, möglicherweise von anderen betrieben und anders finanziert werden. Krautreporter ist ein Vorschlag, ein Experiment. Wir fragen die Journalisten, Fotoreporter und Dokumentarfilmer da draußen: Was ist die Geschichte, die Du immer schon machen wolltest?

Annäherungen im Urheberrecht

Im Rahmen der Münchner Medientage hat der Bayerische Rundfunk eine Diskussionssendung zum Thema Urheberrecht aufgezeichnet, die heute abend auf BRalpha ausgestrahlt wird. Sie trägt den Titel “Neue Spielregeln für die Gratiskultur? Was ist der Film unserer Gesellschaft wert?” und beginnt 22.30 Uhr. Es diskutieren …

>> Bruno Kramm , streitbarer Urheberrechtsbeauftragter der Piratenpartei
>> Fred Breinersdorfer , Drehbuchautor, Jurist und Mitunterzeichner der Offenen Briefs der Tatort-Drehbuchautoren
>> Simon Verhoeven , Regisseur, Autor und Schauspieler
>> Albrecht Hesse, Juristischer Direktor und Stellevertretender Intendant des Bayerischen Rundfunks

… und sie diskutieren auf erstaulichem Niveau. Vielleicht muss ich das sagen, denn ich hatte die Aufgabe die Diskussion zu leiten. Wie mir das gelungen ist, kann man heute abend im Fernsehen selber beurteilen. Dabei wird man feststellen, dass trotz allen verbalen Rangeleien gerade zwischen Kramm und Breinersdorfer, eine erstaunliche Einigkeit zu erzielen ist. So stimmten alle Diskutanten darin überein, dass die bestehende Abmahnkultur einem legitimierten Urheberrecht nicht dienlich ist und dass es falsch ist, auf der Ebene der Privatnutzer gegen Urheberrechtsverletzungen vorzugehen. Es sei wichtig, die kommerziellen Anbieter vom Schlag kino.to und MegaUpload zu belangen. Darin waren sich alle vier Podiumsteilnehmer einige.

Allein das hat mich so erstaunt, dass ich die Sendung hier empfehlen will. Nach einer Phase der hitzigen Debatte scheint jetzt vielleicht die Zeit gekommen, Übereinstimmungen zu benennen und an konkreten Lösungen zu arbeiten! Schön wärs!!

Was ist eigentlich eine Webreportage?

Natürlich kann man im Web gute Reportagen erzählen. Man hat Töne, Bilder, Filme zur Verfügung und kann mit ihrer Hilfe den Text anreichern, Eindrücke greifbar und Geschichten lebendig werden lassen. “Multimedia” ist das Schlagwort für diese Art der Erzählung, die Slideshows und Videos produziert, die häufig den Titel “Webreportage” tragen. Der Reporter-Preis sucht unter diesem Titel jedes Jahr preiswürdige Geschichten, die aktiv die Möglichkeiten des digitalen Erzählens nutzen (gerade sind die Nominierungen für das Jahr 2012 veröffentlicht worden).

In diesem Jahr haben mich die Initiatoren eingeladen, in der Vorjury die eingereichten Webreportagen zu bewerten. Gemeinsam mit Richard Gutjahr, Ole Reißmann und Ariel Hauptmeier habe ich mich durch bewegende, spannende und leider manchmal auch erwartbare Multimedia-Erzählungen geklickt. Das war erstaunlich und erfreulich, es hat aber auch ein Defizit offengelegt: die interaktive Dimension des Web geht den meisten dieser Webreportagen ab. Sie verstehen sich als Mulitmedia-Erzählform, die oft auch über einen Fernsehkanal verbreitet werden könnte. Das Einzigartige, das nur im Web möglich ist – nämlich mit dem Leser zu reden, Geschichten fortzuentwickeln und zu verändern – nutzen sie in den seltensten Fällen.

Warum ist das so? Warum sind Beispiele wie die Live-Reportage von Michalis Pantelouris oder das Losgehen von Richard Gutjahr während des Arabischen Frühlings so selten? Warum verstehen wir Web-Reportage immer von ihrem Resultat und so selten von ihrem Prozess her? Warum rücken wir den Reporter, der im Web ja zur greif- und ansprechbaren Figur wird, nur in Seminaren und Vorträgen in den Mittelpunkt, aber so selten in seinen eigenen Geschichten?

Ich habe diese Fragen im Rahmen der Vorjury-Sitzung thematisiert. Ich habe vorgeschlagen, den Preis umzuwidmen und einen Webreporter/Webreporterin auszuzeichen, der seine Arbeit offenlegt, der ansprechbar wird und der seine Experimente dokumentiert. Denn hier liegt – nicht nur weil ich es gerade auf einem anderen Feld probiere – die Chance für das digitale Erzählen: die Möglichkeiten des interaktiven Web zu nutzen. Dass es dabei weit weniger um Selbstdarstellung geht als Kritiker annehmen mögen, zeigen diese beiden Beispiele, die Paul Lewis vom Guardian in diesem TED-Talk darlegt. Für mich sind auch diese Geschichten genau das: Webreportagen.



Wer die Möglichkeiten der Recherche im Web nutzt (wie in der Guardian-Geschichte), wer (wie Michalis in der Live-Reportage) den Leser in Echtzeit am Scheitern und Gelingen seiner Arbeit teilnehmen lässt, wer sich auf den Weg macht und mit den Mitteln des Netzes (wie Richard es in Ägypten getan hat) erzählt, was er erlebt – wer also das Web in seinen Möglichkeiten nutzt, der schafft eine gute Webreportage. Denn das Netz verflüssigt die Reportage und erweitert sie um ihren Verfasser. Das Netz schafft so mehr Möglichkeiten, die es abzubilden – und womöglich auch auszuzeichnen gilt. Denn Preise sind ja nicht nur Lob, sie sind auch Ansporn, Dinge neu zu denken. Deshalb freue ich mich, dass ich vom Reporter-Forum (und auch der Vorjury) Signale erhalten habe, im kommenden Jahr vielleicht tatsächlich, den Preis für einen Webreporter/Webreporterin zu vergeben.

Für dieses Jahr aber zunächst mein herzlicher Glückwunsch an die nominierten Webreportagen für das Jahr 2012 – die Jury wird am 3. Dezember ermitteln, wer schlussendlich ausgezeichnet wird:

>> Anne Backhaus /Roman Höfner: Japan – Ein Jahr nach der Katastrophe

>> Manuel Bauer / 2470media: Flucht aus Tibet

>> Fabian Biasio / Michael Hagedorn: Auf den Everest

>> Uwe H. Martin: Killing Seeds

>> Annika Bunse / Julius Tröger: DDR-Flüsterwitze

>> Joanna Nottebrock: Von Griechenland nach Deutschland

>> Robert Schöffel/ Max Hofstetter: “Auch in meinem Leben gibt es Lärm”

>> Marc Röhlig: Die Unperfekten

>> Amrai Coen / Bernhard Riedmann, Nicht von Gott gewollt

>> Ralph Sondermann / Bernd Thissen Mobile Blues Club


Update: Der Kollege Matthias Eberl hat auf meinen Eintrag reagiert – hier nachzulesen. Matthias war nicht nur gemeinsam mit mir in der Journalistenschule, er ist vor allem Mitglieder der Jury des Reporter-Forums, die über die Gewinner entscheidet!

Im wilden Raum!

Ein sehr glücklicher Zufall hat mich in dieser Woche mit Moritz Eggert zusammengebracht. Der Zufall heißt Andreas Bick, der uns für das das Projekt pasted interviewte, das am 13. Oktober 2012 im DeutschlandradioKultur ausgestrahlt wird. Diesen Termin sollte man sich notieren, weil Moritz Eggert sehr interessante und spannende Dinge zu erzählen hatte.

Wir sprachen über Verflüssigungs-Ideen, über Mashups, Shreds und die Möglichkeit von Kunst in Zeiten der Digitalisierung. Erstaunlich war an dem Gespräch, dass wir – obwohl aus unterschiedlichen Ecken der Kultur kommend – erstaunliche Überschneidungen festgestellt haben. Ich notiere das hier, weil Moritz bereits über unser Treffen geschrieben hat und die Idee des Auswählens und Kuratierens direkt in die Tat umgesetzt (dazu hier übrigens ein Interview) und den The Wire-Nachfolger “Tremé” ausgewählt und empfohlen hat!



Ich will das Gespräch aber auch deshalb festhalten, weil ich Moritz Eggert einen Begriff zu verdanken habe, der erstaunlich gut beschreibt, worum es mir beim Loben der Kopie geht. Moritz hat von einem “wilden Raum” gesprochen, in dem Referenz- und Bezugskultur möglich sein muss, um Kreativität zu fördern und Neues zu ermöglichen. Er beschreibt damit den Raum, in dem Warhol die Suppendose kopieren durfte, ohne dafür belangt zu werden. Er beschreibt damit den Raum, in dem Künstler Texte vertonen durften, ohne Lexikon-dicke Anträge bei Verwertern, Verwertungsgesellschaften und Urhebern abzugeben.

Kurzum: Mit dem Begriff des “wilden Raumes” beschreibt er die Keimzelle unserer Kreativität, die mithilft, aus dem, was wir erleben und wahrnehmen, Neues entstehen zu lassen. Technisch ist es in den vergangenen Jahren sehr einfach geworden, diesen Raum zu betreten. Juristisch hingegen ist es immer komplizierter geworden. Ein Dilemma, das wir endlich lösen sollten!

Vermutete Mehrheitsmeinungen

Stefan Raab will eine politische Talkshow machen. Am späten Sonntag abend – in Konkurrenz zum ARD-Flagschiff “Günther Jauch”. Raab will dabei einen anderen Weg gehen als die ARD, die neben Jauch noch vier andere Talkshow-Moderatoren (mit gleichem Konzept) beschäftigt. Der Sender ProSieben und sein Moderator Raab wollen die Sendung mit einer kompetitiven Spielkomponente verbinden: Die Diskutanten – “drei Berufspolitiker, ein Promi und ein Normalbürger” – wetteifern um die Gunst des Publikums und um 100.000 Euro Siegprämie. Es sollen vier unterschiedliche Themen je Sendung debattiert werden, die jeweils mit einer Abstimmung abgeschlossen werden. Die Diskutanten müssen somit Mehrheiten hinter sich vereinen. Wer die “Absolute Mehrheit” (so der Sendungstitel) hinter sich vereint, gewinnt.

Laut kress.de hat sich ARD-Chefredakteur Thomas Baumann zu diesen Plänen geäußert. Thomas Baumann befürchtet, die ausgesetzte Geldprämie könnte die Vorstellung von Politik verändern:

“Es besteht die Gefahr, dass Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln.”

Das sagt der Mann, der wenn ich das richtig sehe, verantwortlich ist für die Werbesendung Talkshow über das Buch “Digitale Demenz” von Manfred Spitzer, die Jauch vergangenen Sonntag veranstaltete. Damals hatte man Nilz Bokelberg als Studiogast geladen, der aber nach reiflicher Überlegung absagte. Seine Position als Vertreter einer jungen Generation (aus ARD-Perspektive heißt das offebar “unter 50″) blieb so unbesetzt. Es diskutierten also vier Menschen über 50 die “vermeintliche Mehrheitsmeinung”, die da lautet: “Das Internet macht dumm.”

Es wäre mir egal, was Thomas Baumann zu Stefan Raab meint, wenn ich mich an dem genannten Abend nicht genau darüber geärgert hätte, wie – um es mit den Worten von Thomas Baumann zu sagen – “Diskutanten einer vermuteten Mehrheitsmeinung hinterherhecheln”.

Manfred Spitzer liefert den willkommenen Anlass, schwer benennbare und kaum begründbare Ängste der Bevölkerung noch zu schüren. Ich will die Inhalte dieser anstrengenden und wenig zielführenden Debatte hier nicht wiederholen (wer sich dafür interessiert findet in Christian Schiffers kleinen Geschichte des Kulturpessimismus und in Martin Lindners Zwischenbilanz zu Spitzers “Digitale Demenz” ausreichend Argumente). Ich will nur meinen Ärger darüber festhalten, dass nun plötzlich vor einer vermuteten Mehrheitsmeinung gewarnt wird, wo es allein beim Thema Internet nicht geglückt ist, eine vermutete Mindermeinung überhaupt nur abzubilden.

Anders formuliert: Wie traurig ist es eigentlich, dass die ARD sich jetzt von ProSieben zeigen lassen muss, wie man eine politische Talkshow anders gestalten kann? Für all diejenigen, die in unterschiedlichen Formaten versuchen, die ARD zu verjüngen, muss das sehr deprimierend sein. Allein weil sie – so scheint es nach diesen Meldungen – eine vermutete Mindermeinung in der ARD vertreten, gilt es, sie zu stärken.