Digitale Notizen

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Aus aktuellem Anlass nehme ich den Hinweis von Hakan auf dieses tolle Charlie Brooker Video hier auf:



Gestern riefen die Universalcode-Kollegen Richard Gutjahr und Markus Huendgen den Tod des Fernsehens aus. Gestern sah ich eher durch Zufall wie lebendig Fernsehen sein kann.

Ich habe keine Ahnung vom Fernsehen. Ich schalte es dann und wann ein, aber wie es gemacht wird, weiß ich nur vom Zuschauen. Deshalb kann ich eigentlich nicht beurteilen, ob stimmt, was Richard und Markus behaupten. Das Fazit jedenfalls ist vermutlich nicht falsch:

Die Art und Weise, wie wir fernsehen, wird sich radikal wandeln. Und das in nicht allzu ferner Zukunft.

Allerdings muss man nicht die One-Percent-Regel bemühen, um festzustellen: weite Teile des Fernsehens werden auch bleiben wie sie sind. Vor allem wenn sie so gut sind wie Black Mirror, eine dreiteilige britische Serie aus der Feder von Charlie Brooker.

Der Guardian-Kolumnist und TV-Macher hatte zum Attentat von Oslo einen beeindruckenden Text geschrieben und strahlt mit seinen pointierten Beobachtungen bis auf den Kontinent. So las ich auch mit großem Interesse, dass er einen Dreiteiler konzipiert hat, der auf klassische Art wie Fernsehen funktioniert. Drei Episoden mit je 45 Minuten, die sich mit der Frage befassen, wie die digitalisierten Medien und die von ihnen (und den aktiven Rezipienten) geschaffene sich verändernde Öffentlichkeit unsere Perspektive auf das Leben verändern. Das klingt nach einem Essay-Thema, Brooker schafft es aber, diese Fragen auf eine zeitgemäße filmische Art zu stellen, die mindestens die Intensität eines guten Textes erreicht.

Ich kann das alles behaupten, weil ich gestern durch einen glücklichen Zufall die National Anthem genannte erste Folge sehen konnte und noch immer begeistert bin. Denn Black Mirror ist für mich die Art von Fernsehen, die den gemeinschaftsstiftenden Sinn von Storytelling erfüllt. Eine Geschichte, die einer sich im Wandel befindenen Gesellschaft hilft, sich selbst zu vergewissern, ihre Vorgaben und Regeln zu überprüfen und die Gemeinsamkeiten aufdeckt bzw. sichtbar macht. Und all das gelingt durch nichts anderes als durch herausragendes dramaturgisches Erzählen.

In der offiziellen Presseverlautbarung sagt Brooker über die Serie:

It combines satire, technology, absurdity, and a pinch of surprise, and it all takes place in a world you almost – almost – totally recognise. It changes each week – like the weather, but hopefully about 2000 times more entertaining.

Was das konkret heißt: Der fiktive britische Premierminister soll sich öffentlich demütigen lassen (es geht um einen Geschlechtsakt mit einem Schwein, der live im Fernsehen übertragen werden soll). Das fordert ein Entführer, der eine Prinzessin des englischen Königshauses in seiner Gewalt hat. Nicht nur die Grundsituation erfüllt alle von Brooker genannten Kriterien, auch die Entwicklung der Geschichte zeigt, wie sich medialisierte Öffentlichkeit verändert. Wie gelingt es, das Erpresser-Video zu unterdrücken, wenn es zum Zeitpunkt, an dem es in Downing Street 10 ankommt, bereits mehrere tausend Mal auf YouTube angeschaut wurde? Wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Versuche, Berichterstattung zu beeinflußen? Und vor allem wie ist das mediale Ökosystem gestrickt, wenn ein Lösegeld in Form von öffentlicher Demütigung gezahlt wird?

All diese Frage werden auf eine Art und Weise durchgespielt, die mich beeindruckt hat. Und das ist vermutlich die wegweisendste Veränderung an dieser neuen alten Art des Fernsehens: Es ist trotz aller Geoblocking-Grenzen globaler als wir denken. Es beschränkt sich nicht auf das nationale Sendegebiet öffentlich-rechtlicher Anstalten, sondern ist weböffentlicht. Wenn daraus für die Anbieter hierzulande der Druck erwachsen würde, ein Vorbild wie Black Mirror (oder unlängst Sherlock Holmes) zur Inspiration zu nutzen wäre für mich als Zuschauer schon viel gewonnen.

Am kommenden Sonntag läuft übrigens der zweite Teil von Black Mirror:



Nachtrag vom Samstag:

via Scudetto

Vergangene Woche habe ich einen Text von Betabeat auf Twitter verlinkt. Dort wird Michael Lazerwo, CEO von Buddy Media, mit den Worten zitiert

“The days of, ‘Do we publish on Facebook? Do we tweet?’ are over. Either you do it, or you’re crushed. Do it or go out of business.”

Den Hinweis auf diesen Text hatte ich von Steffen Konrath bekommen, der auf meinen Tweet reagierte und fragte, was denn sei, wenn es auch ohne Facebook gelingen könne, erfolgreich zu sein?

Ich erzähle das hier, weil ich nach seinem Tweet eine Weile darüber nachdachte und diese Frage (leicht abgewandelt) heute offenbar auch beim Medienforum NRW auftauchte: Müssen wir tatsächlich alle twittern? Müssen wir alle Facebook nutzen?

Wie ich bei Was mit Medien nachlese, hat Richard Gutjahr offenbar das dortige Podium (und vor allem Monika Piel) ein wenig provoziert – und zu den folgenden Aussagen gebracht:

Es ist absolut irrelevant, ob wir twittern oder nicht. (Anke Schäferkordt)

Ich finde es auch völlig irrelevant, die Frage, wer von uns twittert. Es geht hier nicht um uns als Privatpersonen, da würde ich Ihnen auch nicht erzählen, ob ich twittere oder nicht, da können Sie nachgucken. Es geht darum, was wir in den Sendern machen. (Monika Piel)

Verdammt nochmal, ich will mir selbst aussuchen können, wie ich mich informiere, bei wem ich mich informiere, und dann mich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen: Du bist von gestern oder vorgestern. (Jürgen Doetz)

Die Aufregung war anschließend groß. Zumidest auf Twitter. Leider blieb es aber dabei (trotz guter Einlassungen z.B. von Christian Jakubetz und Jens Matheuszik) . Das ist schade, denn wenn mit solcher Vehemenz und Einstimmigkeit von privater wie öffentlich-rechtlicher Seite behauptet wird, etwas sei irrelevant (völlig bzw. absolut), kann man sich sicher sein: Es ist verdammt wichtig. Es ist so verdammt wichtig, weil die Frage so derart unbeantwortet im Raum steht: Gibt es tatsächlich eine Verpflichtung, sich mit diesem neuen Kram zu befassen?

Podien sind vermutlich die schlechtesten Orte, um solche Fragen zu beantworten. Trotzdem schade, dass (soweit ich das dem Transkript nach beurteilen kann) nicht mal der Versuch unternommen wurde. Denn ich glaube, dass die Antwort weniger staatstragend und groß ausfallen muss als der Vergleich mit den Facebook-Revolutionen in Nordafrika es nahelegt. Ich glaube, dass wir aus der großen Social-Media-Blase mindestens so viel Luft rauslassen müssen, bis das Wort “Dialog” übrig bleibt. Bis wir erkennen, dass es Bestandteil des Verwertungszusammenhangs (Schäferkordt) und des öffentlich-rechtlichen Auftrags (Piel) ist, diesen Dialog als Journalist (als Person) und als Sender (als Institution) anzunehmen und zu gestalten. Alan Rusbridger und Peter Horrocks haben das in England bereits umgesetzt.

Steffen Konrath hat mir übrigens einen Cappuccino versprochen für die Antwort, die ich ihm schlussendlich gab:

Twitter – und damit der netzbasierte Dialog – ist nichts anderes als das Telefon.

Nicht komplizierter, aber eben auch nicht unwichtiger. Man kann auch als Journalist oder als Sender ohne Telefon sehr erfolgreich sein. Dennoch würde niemand auf einem Podium behaupten, es sei absolut irrelevant, ob man telefoniere oder nicht.

Dem ZDF passiert gerade das beste, was dieses moderne Internet möglich machen kann: Es wird von einer anrollenden Sympathiewelle erfasst. Auslöser ist der Text Ich bin aber dieser Gegenkandidat von Claudius Seidl aus der FAZ. Darin schreibt er über die Wahl des ZDF-Intendanten und er schreibt über die Verwunderung, dass Programmdirektor Thomas Bellut offenbar ohne Gegenkandidat ins Rennen um die Nachfolge von Markus Schächter geht. Jetzt muss man nicht zehn Semester lang Politikwissenschaft studiert haben um festzustellen, dass eine Wahl ohne Gegenkandidat … aber lassen wir das, denn es gibt ja einen Gegenkandidaten: Claudius Seidl!

Ich bin aber dieser Gegenkandidat und möchte diese Zeilen nutzen, um ein paar Worte zu meiner Qualifikation und meinem Programm zu sagen: Ich habe früher fast täglich ferngesehen, gerne auch mal das ZDF; heute schaue ich gar nicht mehr fern, und beides, glaube ich, macht mich zum idealen Repräsentanten des Publikums. Ich habe, fast, immer die Gebühren gezahlt – und wenn man, anders als aus der Kirche, der Staatsbürgerschaft, ja selbst der Mafia, aus der Gebührenpflicht schon nicht austreten kann: dann möchte ich Verantwortung übernehmen und mitgestalten.

1173 Menschen (Stand Montag nachmittag) gefällt das. Sie geben Seidl ihre Facebook-Stimme bei der Wahl.

April 2011: Lena singt in der Sesamstraße: Bert oh Bert

Sommer 2008: Leslie Feist zählt bis vier – in der Sesamstraße:

April 2011: Zwei Jungs der Grömitzer Welle rappen unbeholfen am Wasser:

Frühjahr 2006: Die drei Jungs der Grup Tekkan rappen unbeholfen am Wasser:

Ab 6. September in Deutschland im Kino:

Bei 140z.de gibt es ein Interview über den Journalismus von morgen. Darüber spricht der Kollege Richard Gutjahr in diesem sehenswerten Video:



… heißt Northern Girls und stammt von Belleruche:


Beim Kölner “Abendblatt” wurde der junge Unternehmensberater Carsten Moll ermordet. Jemand hat ihn in dem Verlagshochhaus über eine Brüstung in den Abgrund gestürzt. Nur wenige Stunden zuvor hatte das Opfer noch eine Auseinandersetzung mit dem Leiter der Verlagsdruckerei Manfred Peters. Der gibt offen zu, Moll aus der Werkshalle geworfen zu haben, weil dessen Kontrollen für Unruhe unter der Belegschaft gesorgt hätten.

Unter Druck heißt die Tatort-Folge aus Köln, die am 9. Januar gesendet wird und von den Umwälzungen in der Zeitungsbranche handelt.

via