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#cliptipp: Welche Videos schaust du?

Was haben LeFloid und Kevin Alloca gemeinsam? Sie mögen YouTube. Ersterer weil er dort tollen Clips sendet und zweitere weil er bei der Google-Tochter als “Head of Culture and Trends at YouTube” arbeitet. In dieser Funktion hat er auf der The Conference einen spannenden Vortrag über Viralität gehalten (danke Hakan für den Hinweis)

Sie haben noch etwas anderes gemeinsam: Ich schaue mir ihre Clips gerne an.

Wie aber findet man tolle Videos im Netz? Über die Staff-Picks von Vimeo? Über die YouTube-Startseite? Über Hinweise von Bekannten? Und ab heute über den Hashtag #cliptipp – der wird bisher eher sporadisch genutzt. Das sollten wir ändern – in dem wir einander gute Clips mit Hilfe dieses Schlagwortes empfehlen!

Dazu zählen für mich kurzes Tageskommentare wie von LeFloid genauso wie Vorträge wie der von Kevin Alloca oder Talks und Reportagen. Einfach alles, was videobewegt ist und so wertvoll, dass man es anschauen sollte.

Machst du mit? Würde mich freuen!

Geschichten erzählen im Digitalen

Unter dem Titel “Wie es euch gefällt” haben Ulrike Köppen, Patricius Mayer und Robert Schoeffel für den Bayerischen Rundfunk eine neue Form des Erzählens ausprobiert: #brtransmedia heißt das verbindende Schlagwort für die Beiträge in TV, Radio und Web, die sich mit “der digitalen Zukunft des Geschichtenerzählens” befassen.

Das Radiofeature läuft am Sonntag im Zündfunk-Generator (von 22.05 – 23.00 Uhr), der Fernsehbeitrag folgt am gleichen Tag ab 23.15 Uhr in KinoKino. Das Web-Special steht schon seit gestern im Netz und kann sogar eingebettet werden:

Ich empfehle diesen transmedialen Beitrag nicht nur, weil darin auch ein geheimer Link auf das Live-Schreibevent zu “Eine neue Version ist verfügbar” versteckt ist, sondern vor allem weil “Wie es euch gefällt” ein tolles Beispiel dafür ist, wie Geschichten erzählen im Digitalen funktionieren kann.

Dinge so machen, wie sie sein sollten

Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass an dem Tag, an dem der Spiegel eine Debatte über die Zukunft der Tageszeitung beginnt, eine Meldung öffentlich wird, die für mich auch ein Hinweis auf die Krise des deutschen Magazinjournalismus ist: Michalis Pantelouris ist künftig vor allem im Herzen Journalist, in der Realität macht er hochklassiges Olivenöl.

Die meisten Menschen kennen Michalis vermutlich, weil er manchmal im Fernsehen sitzt und kluge Dinge über Griechenland sagt. Würde es nach mir gehen, wäre er aber noch bekannter, weil er ein herausragender Magazinjournalist ist. Einer, der – ginge es nach mir – an erster Stelle genannt würde, wenn Stern oder Spiegel eine neue Chefredaktion suchen. Denen würde er jetzt vermutlich absagen, denn er schreibt, dass er künftig in einer anderen Branche “Dinge so macht, wie sie sein sollten.” Er macht jetzt ein echtes, ehrliches, großartiges, aufregendes, besonderes Olivenöl.

Für den Journalismus ist das nicht schön. Für Michalis hingegen schon. Denn in einem der Projekte, die wir zusammen machten – im Rahmen eines jetzt-Printmagazins zur beruflichen Orientierung – schrieb er diesen wunderbaren Text, den man nochmal lesen sollte. Es ging um die ständig gestellte Berufs-Perspektiv-Frage:

Die richtige Frage ist also nicht: Was willst du werden? Sondern: Was bist du? Diese Frage wird nicht gestellt. Man kann durch die Schul- und sogar die gesamte Universitätszeit gehen, ohne sie je zu hören. Es ist sogar noch fataler: Wer sie überhaupt je hört, der hört sie heute meistens in einem völlig anderen Zusammenhang. „Was bist du?“ hören Kinder von Einwanderern immer mal wieder, aber nur im Zusammenhang mit ihrer Nationalität. „Fühlst du dich mehr als Deutscher oder als Grieche?“ – das bin ich nicht so selten gefragt worden. Und die Antwort ist: Ich habe keine Ahnung. Woher soll ich wissen, wie sich irgendein anderer Grieche oder Deutscher fühlt? Die Realität ist: Ich bin beides, aber ich bin noch viel mehr etwas anderes – nämlich ich. Ich, mit dem, was ich tun will. Ich mit meiner Motivation.

Menschen, die einen solchen Satz schreiben und sagen können, nötigen mir Respekt ab. Das ist der Grund, warum ich das Ernst nehme, was Michalis ans Ende seines Blogpost schrieb und ihm hier öffentlich Glück wünschen will. Es ist nicht das Schlechteste Ich zu sein, “mit dem, was ich tun will. Ich mit meiner Motivitation.” Völlig egal, in welcher Branche!

loading: Spike Lee

Spike Lee will seinen nächsten Film über Crowdfunding finanzieren. Im Pitch-Video erklärt er: die Erfolge von Veronica Mars und von Zach Braff haben ihn darauf gebracht, diese Form des direkten Austausch zwischen Publikum und Film-Macher auszuprobieren.

Über den neuen Film (er soll von Blut handeln) verrät Spike Lee realtiv wenig. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er in der ersten Woche “nur” 360.000 Dollar einsammeln konnte. Sein Ziel sind 1.25 Millionen Dollar. Der Mitbegründer des New Black Cinema hat über eine halbe Million Twitter-Follower und ist extrem populär. Aufmerksamkeit bekam er in der vergangenen Woche als Steven Soderbergh das Projekt mit 10.000 Dollar unterstützte.

Ob das reichen wird, kann man Ende August auf der Kickstarter-Seite feststellen. Ganz sicher kann jedoch feststellen, dass Spike Lees Versuch ein weiterer Hinweis auf den Beginn einer geänderten Bezahlkultur im Netz ist.

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Zahlungsstreik

Seit einer Weile begleitet ich hier auf der Seite im Bereich loading kreative Projekte, die über gemeinsame Finanzierung funktionieren. Durch Marcel Weiss bin ich jetzt auf die Seite Zahlungsstreik gestoßen, die dieses Prinzip umdreht. Auf Zahlungsstreik bezahlen Menschen nicht – und das gemeinsam.

Es geht um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Über den schreiben die Zahlungsstreikenden:

Wir bestreiken eine Institution, die sich über den Auftrag der medialen Grundversorgung legitimiert und sich durch ihre Kritikresistenz von ihrem eigenen demokratischen Grundsatz entkoppelt hat. Die bestehenden öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sind alles andere als staatsfern, denn ihre Gremien sind parteipolitisch dominiert. Sie unterscheiden sich nicht mehr von privatwirtschaftlichen Akteuren, denn sie orientieren sich vornehmlich an der Einschaltquote. Strukturell wie inhaltlich erfüllen sie unsere medialen Interessen nicht.

Datenschutz ist digitaler Umweltschutz

Vielleicht wird dieses Interview des deutschen Innenministers zum Prism-Fall im Rückblick einen Wendepunkt in der Debatte um die systematische Überwachung unserer Kommunikation bilden: Hans-Peter Friedrich erinnert in diesem Gespräch im ZDF-Heutejournal nämlich daran, dass die Fragen von Datenschutz nicht nur auf der persönlichen Ebene zu beantworten sind – also über die Wahl der Kommunikationsanbieter und der Verschlüsselungstechnik. Spätestens dieses Interview erinnert daran: Datenschutz hat auch eine politische Ebene.

Diese politische Ebene zeigt sich zum Beispiel darin, dass es Friedrich wichtiger ist, dass er Joe Biden die Hand schütteln durfte als dass er sich für die Bürgerinnen und Bürger einsetzt, deren Kommunikationsdaten flächendeckend vom amerikanischen Geheimdienst gespeichert werden. Wenn das mit den Daten nicht so eine Sache wäre, hätte Friedrich in Washington ja durchaus die Rückgabe der Daten fordern können, die auch deutschen Bürgern durch das Überwachungsprogramm genommen wurden. Statt dessen kehrt er zurück mit dem guten Gefühl, dass hier für einen “edlen Zweck” überwacht worden sei.

antiprism

Die Reaktionen innerhalb der ersten Stunden nach diesem Interview lassen erahnen: mit diesem “edlen Zweck” hat Hans-Peter Friedrichs dem digitalen Umweltschutz einen großen Gefallen getan. Friedrich zeigt damit, welche Prioritäten er setzt und dass diese nicht unbedingt im Einklang sind mit denen, die diejenigen setzen, die nicht einverstanden sind mit der Prism-Überwachung – wie z.B. die Unterzeichner dieser Petition hier (Direktlink). An den deutschen Innenminister – soviel ist seit gestern klar – sollte man jedenfalls keine Erwartungen in Sachen digitalen Umweltschutz stellen. Manchmal bringt eine solche Erkenntnis erstaunliche Fortschritte …

Siehe zu dem Thema auch: ein Eintrag im TV-Blog auf Süddeutsche.de sowie eine Einschätzung zur Person Edward Snowden auf jetzt.de

loading: st_ry

Bei der republica wurde er als “Posterboy des crowdfunded Journalism” in Deutschland angekündigt: Daniel Brökerhoff will mit seinem Format st_ry neu denken. Auf der Startnext-Seite heißt es: “st_ry ist ein Web-Doku-Format, das von jungen, professionellen Fernsehmachern gestaltet und produziert wird. Im Mittelpunkt steht unser Reporter Daniel Bröckerhoff, der sich gemeinsam mit Euch auf die Suche nach Antworten macht.”

Daniel hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
“st_ry – deine doku” ist ein interaktives journalistisches Experiment. Über einen Zeitraum von sechs Monaten gehe ich einem großen Thema auf den Grund: “Ich will meine Daten zurück!” Nicht erst seit dem PRISM-Skandal der amerikanischen Staatsschnüffler fragen wir uns, wer eigentlich was genau von uns weiß. Das Thema Datensouveränität – also die Hoheit von uns Bürgern über das, was mit unseren Daten passiert – fängt schon bei der ganz alltäglichen Zalando-Werbung an, die uns seltsam genau kennt, oder bei der Bank, die uns nach einem Wohnortwechsel plötzlich weniger Dispo geben will.

Die Nutzer, also die Mitglieder der Crowd, sind von Anfang an dabei: Als Unterstützer des Projekts entscheiden sie mit, wo die nächste Recherchereise hingeht und welchen Weg meine Mission nimmt, welchen Fragen wir uns widmen und was ins Zentrum der Recherche gestellt wird. Wir gehen nicht los mit einer vorgefertigten Arbeitsthese. Wir wollen sehen, wie die Welt da draußen wirklich ist. (Das Konzept heißt “Open journalism” und ich habe es es auf der Internetkonferenz re:publica vorgestellt).

st_ry ist vor allem auch ein Crowdfunding-Projekt: Wir wollen die komplette Doku unabhängig finanzieren, direkt unterstützt von den Menschen, um die es geht: dem Publikum.

Warum (macht Ihr es so)?
Wichtigster Grund: Weil wir ausprobieren wollen, ob es auch so geht, wie wir es uns vorstellen. Und weil wir sehen wollen, ob aus der guten alten Tante Journalismus nicht doch ein frisches, junges Ding gemacht werden kann. Das Internet gibt uns mehr Möglichkeiten, als Journalisten sie jemals zuvor hatten – wir nutzen sie. Auf unserem bisherigen Weg haben wir allerdings schon festgestellt, dass das leichter gesagt als getan ist. Viele Interessierte haben sich von Anfang an mit großem Eifer an unserer offenen Arbeitsweise beteiligt. Das breite Publikum dagegen (das ja auch was von unserer Reportage haben soll) scheint noch etwas ratlos vor unserem Projekt zu stehen und sich zu denken: “Und was hab ich davon?”

Dieses legitime Interesse – einfach einschalten dürfen, zuschauen, und hinterher mehr wissen als zuvor – werden wir jetzt, nachdem wir in Absprache mit der Plattform startnext unser Crowdfunding-Projekt bis zum 16. August verlängert haben, mehr in den Fokus rücken. Im Juli werden wir eine erste komplette Ausgabe unserer Doku-Reihe produzieren. Damit wollen wir auch jedem ganz normalen Zuschauer, der keine Zeit oder keine Lust auf intensiven Mitmach-Journalismus hat, zeigen, dass ihn das Thema Datensouveränität jeden Tag betrifft und es sehr wichtig ist, ein gut recherchiertes Doku-Stück darüber zu produzieren.

Wer soll das anschauen?
Alle, die sich für Datenschutz interessieren, mehr darüber wissen wollen und sich nicht mit schwarz-weiß Antworten zufrieden stellen. Alle, die ein neues Stück Netzjournalismus mitgestalten möchten und dabei zusehen wollen, wie eine Reportage-Reihe entsteht, bei der sie mitreden dürfen. Alle, die in unserer von Daten regierten Welt leben; alle, die sich schon mal gefragt haben, warum sie welche Werbeanzeigen im Netz serviert bekommen und wer mit dem Wissen über ihr persönliches Leben jeden Tag Geld verdient.

Wie geht es weiter?
Wir werden bis spätestens Ende Juli die erste Ausgabe unserer Doku der Öffentlichkeit präsentieren und zeigen, was st_ry Tolles für das Fernsehen im Netz leisten kann. Bis zum 16. August 2013 sammeln wir die Finanzierung für unser Projekt auf startnext.de/strytv. Wenn die stolze Summe von 42.000 Euro – für 60 Minuten Doku, für ein Team von 15 erfahrenen Macherinnen und Machern, für ein dreiviertel Jahr intensiver Arbeit – zusammenkommt, werden wir die restlichen fünf Folgen st_ry bis Januar 2014 produzieren und jeden Monat etwa zehn neue Doku-Minuten ins Netz stellen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie Journalismus funktioniert, nach welchen Kriterien Journalisten entscheiden und auswählen, wie sie arbeiten und denken. Wie eine Reportage entsteht, was dabei beachtet werden muss und dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist, wie es Journalismus uns heute oft glauben machen will.

>>> Hier kann man Daniels Projekt unterstützen!

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Tagesschaum und die Piraten

Friedrich Küppersbusch muss den Piraten was husten. So beginnt der Tagesschäumer seinen Kommentar zum Thema Prism&Piratenpartei, den man in der Redaktion offenbar so gut fand, dass man ihn unter dem Titel “Chancentod Piratenpartei” als Single-Auskopplung veröffentlicht. Die Grundidee dabei: die bekannt gewordene Überwachungsaktion des NSA sind “ein nie dagewesenes Internet-Thema”, das der Piratenpartei eine “Steilvorlage” bieten könne, die diese aber nicht nutzt. Denn: die Umfragewerte der Piraten sind schlecht.
Auch wenn man die Verwendung des Begriffs Datendiebstahl durchaus diskutieren könnte (Bayerns Justizministerin Merk sieht das z.B. anders), ist die Beobachtung natürlich nicht falsch. Auch wenn man sich wünschen würde, dass zumindest angedeutet würde, wie die Piraten denn hätten besser reagieren können.

Dass sie Snowden fürs Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen haben, lässt Küppersbusch jedenfalls nicht gelten und meint stattdessen einen “Grundwiderspruch” der Piratenpartei ausgemacht zu haben, der so ägerlich ist, dass mich nun ausgerechnet die wunderbare Sendung Tagesschaum dazu bringt, ausgerechnet die gerade in der Tat ja nicht sonderlich wunderbare Piratenpartei zu verteidigen. Denn was Küppersbusch als “Grundwiderspruch” präsentiert, zeigt eine erschreckende Ahnungslosigkeit in Grundfragen der Netz- und Urheberrechtspolitik.

Friedrich Küppersbusch sagt, er verstehe nicht wieso die Piraten einerseits ein veraltetes Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum kritisieren, gleichzeitig aber die Bewahrung der Privatssphäre gegenüber staatlicher Überwachung fordern. Seiner Meinung nach geht das nicht zusammen und er glaubt, dass dieses Nicht-Verstehen ein Defizit der Piratenpartei sei. Wörtlich geht das dann so:

Wenn ich ein Buch schreibe, soll das nicht länger mein veraltetes geistiges Eigentum sein. Wenn ich aber eine Mail schreibe, dann – hey – passen die Piraten dufte auf mich auf. (…) Ihr behandelt mich als Urheber als hätte ich keine Rechte und dann staunt Ihr, dass Ihr als Bürger von Geheimdiensten so behandelt werdet.

Erstmal muss man den Tagesschäumern hier schlechte Recherche vorhalten. Denn Piratenpolitiker und Rechtsanwalt Markus Kompa hat ja genau das gemacht: Den britischen Geheimdienst wegen des Urheberrechtsbruchs bei der Überwachung seiner Kommunikation abgemahnt. Kompa hat das allerdings eher als Satire verstanden, als Hinweis auf die fragwürdigen Abmahnformen und als Kritik an der Überwachung.

Denn in Wahrheit ist dieser Beitrag von Küppersbusch nicht schlecht recherchiert, sondern Ausdruck eines grundlegenden Unverständnis: Küppersbusch suggeriert es gebe eine Verbindung zwischen den unfassbaren Überwachungen des NSA und den Reformbemühungen der Piratenpartei in Sachen Urheberrecht – womöglich sogar einen kausalen Zusammenhang.

Das ist sowohl in Fragen des Datenschutz als auch in Sachen Urheberrecht ärgerlich. Denn warum sollte das nicht gehen: ein anderes Urheberrecht fordern und sich gegen Überwachung wehren? Wobei Küppersbusch ja nicht das Wehren, sondern sogar schon das Staunen über die Überwachung kritisiert. Man muss nicht mal die Urheberrechtspositionen der Piraten teilen, um zu sehen, dass das nichts miteinander zu tun hat. Das ist eine unnötige Vermischung, die mich bei jedem anderen wütend machen würde. Bei Küppersbusch, dem ich ja abnehme, dass er wie in dem Clip behauptet zu den Guten gehören will, lässt sie mich zumindest verwirrt zurück: Hat der Mann wirklich niemanden, der ihm wenigstens den Unterschied zwischen öffentlichen (bzw. in dem Fall veröffentlichten) und privaten Daten hustet?

Das Don-Draper-Dilemma: Vorärger!

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Am Sonntag startet die sechste Staffel der TV-Serie Mad Men. Die Frage zu stellen, woher ich das weiß, mutet merkwürdig an, man muss sie aber stellen um zu verstehen, warum ich das zwar wissen, die Serie aber nicht gucken darf bzw. noch nicht gucken darf.

Die Macher der Serie von AMC sprechen schon seit Wochen von nichts anderem als von dem kommenden Sonntag. Auf Facebook verfolgen sie mich mit der neuen Staffel und auf ihrer Website bieten sie mir – wie passend – sechs Wege an, meine Vorfreude zu kanalisieren. Mir gefällt all das, die Marketing-Maßnahmen treffen mich ziemlich genau, sie lösen jedoch das exakt umgekehrte Gefühl bei mir aus: statt Vorfreude empfinde ich wachsenden Vorärger.

Das Wort gibt es so nicht, aber neue Zeiten verlangen vielleicht auch neue Begriffe. Und Vorärger ist das Gefühl, das sich einstellt, wenn einem zwar etwas in Internet-Geschwindigkeit (Sofort!) angeboten wird, man dies aber nur in Postkutschen-Geschwindigkeit erwerben kann.

Denn natürlich würde ich für Mad Men bezahlen, sogar sofort! Und alle, die sich Mad Men auf mittel-legalen Wegen trotzdem besorgen, erzählen mir, dass diese Wege keineswegs kostenfrei sind. Auch sie bezahlen, aber eben mittellegal. Der Auslöser für den Vorärger ist aber: Ich darf ja gar nicht zahlen. Mir ist kein Weg bekannt, wie ich erlaubter als mittellegal in die Lage versetzt werde, am Sonntag an dem globalen Pop-Erlebnis Mad Men S06E01 teilzunehmen. So lautet der Code für die erste Folge der sechsten Staffel – und Menschen werden (weil ich ihn jetzt erwähnt habe) auf der Suche nach diesem Stück Kultur auch auf diesem Blog landen und das Gefühl teilen, das ich hier beschreibe: Vorärger!

Sascha Lobo hat dieses Problem in seiner Spiegel-Kolumne mal so beschrieben:

In der Tat erscheint vielen Nutzern nicht einsichtig, wieso ein digitales Produkt nicht per Klick legal heruntergeladen werden kann. Zu den häufigst genannten Gründen für illegale Downloads gehört die mangelhafte legale Verfügbarkeit, will sagen: die Unmöglichkeit, etwas sofort zu bekommen, gefälligst in Echtzeit. Wenn man die Beobachtung des eigenen Verhaltens zumindest als Anhaltspunkt akzeptiert, dann scheint eine Nebenwirkung des Internet eine zunehmende Ungeduld mit den Dingen zu sein. Vorsichtig gesagt. Das süße Gift der Beschleunigung macht nicht nur süchtig, es lässt einem auch heute als langsame Zumutung erscheinen, was man gestern noch als flott empfand. Schneller als Echtzeit – jetzt, hier, sofort – geht nicht.

Daraus könnte man den sonntäglich klingenden, aber völlig unsinnigen Schluss ziehen, mal lieber nicht so ungeduldig zu sein. Über den Umgang mit Echtzeit (siehe dazu den Text “Terror des Jetzt” aus dem Jahr 2008) sollte man nicht nur wegen Douglas Rushkoffs Present Shock nachdenken, moralische Forderungen werden das Problem aber nicht lösen. Die Ursache dafür liegt nämlich woanders: in den Verwertungszyklen der Verwerter. Es erscheint noch immer lukrativer, die Serie Mad Men nicht in kleinen Folgen-Paketen an ungeduldige Einzelnutzer (wie z.B. mich!!) zu verkaufen, sondern im Staffel-Paket an einen anderen Verwerter, der dafür viel mehr bezahlt und dieses Geld durch eine weitere Schlaufe im Verwertungszyklus wieder reinholt.

Denn natürlich kann ich dieser Tage Mad Men auch ganz legal auf klassischem Weg anschauen. Das ZDF hat mich über den Twitter-Account von ZDFneo gerade letzte Woche erst drauf hingewiesen: Vor ein paar Wochen ist dort nämlich die vierte Staffel der Serie gestartet. Der Code dazu lautet Mad Men S04E01, was gerade vermutlich niemand sucht.

Wie also löst man dieses moralische Don-Draper-Dilemma? Ich weiß es nicht und ich halte auch wenig davon, diese Fragen moralisch anzugehen. Wenn man das aber tut, drängt sich das alte Konsumenten-König-Diktat auf. Überall sagt man uns: Der Verbraucher bestimmt durch sein Verhalten, wie Geschäfte sich entwickeln. Beim Amazon-Problem legte man dem Verbraucher deshalb sehr bald nahe, dort doch einfach nicht mehr zu bestellen. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn man das aber zuende denkt, heißt das doch, dass man – um den Voräger langfristig abzustellen – einfach nicht mehr beim ZDF gucken darf um den gelernten Verwertungszyklus zu durchbrechen und darauf zu hoffen, dass man künftig selber und ganz legal eine Folge bezahlen darf, oder?


Dieser Text erscheint als Crosspost auch im TV-Blog von Süddeutsche.de