Digitale Notizen

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Für das jetzt.de-Jubiläumsheft zum Thema “Es müsste immer Internet da sein” habe ich mich an der Beantwortung der Frage Was ist jetzt? versucht. Dabei geht es natürlich weniger um das gleichnamige Magazin als vielmehr um die Frage, wie wir Gegenwart in Zeiten von Echtzeit-Druck definieren (vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich dazu schon mal was geschrieben).

Die Zeitspanne, die wir als alltägliche Gegenwart empfinden, scheint stetig kürzer zu werden. Ein S-Bahn-Waggon ist vielleicht Jahrzehnte im Einsatz, ein Handymodell überdauert nicht mal die Laufzeit des Telefonvertrags, und eine Website verliert schon nach wenigen Monaten ihren Charme. Obwohl das Jetzt selten so dominant und präsent war wie heute, in einer auf Aktualität und Live-Erlebnisse fixierten Medienrealität, scheint es gleichzeitig extrem flüchtig geworden zu sein. Kein Medium zuvor ist der Gegenwart so zu Leibe gerückt wie das Internet. Es dauert nur einen Wimpernschlag, bis die als Twitter-Statusmeldung geschriebene Antwort auf die Frage „Was gibt’s Neues?” den Zeitstempel „gerade eben” bekommt und somit als vergangen einsortiert wird.

Dabei ging es mir einerseits um die genannte Frage, andererseits aber auch darum einen Blick auf die Art zu werfen, wie wir aktuelle Webdebatten führen. Denn:

schneller, als uns lieb ist, wird die Zeit vorbei sein, in der wir wirklich noch aktiv Einfluss nehmen können, was aus diesem Jetzt wird. Wir sollten endlich bestimmen, was das Netz für uns bedeuten soll. Jetzt.

Wie sieht die Zukunft der Zeitung im Netz aus? Wir wissen es nicht, aber wir können mithelfen, diese zu gestalten. Die New York Times hat auf der Suche nach Lösungen fürs digitale Publizieren jetzt einen interessanten Weg eingeschlagen:

Unter dem Titel beta620 werden “Experimental Projects From The New York Times” ausprobiert und getestet. In der Beschreibung heißt es:

The New York Times is committed to constant development and innovation. beta620 is the latest example of that commitment.

Dazu passt die Meldung von vergangener Woche: die Times will ihre Community auffrischen. Wie man das in New York macht, zeigt beta360 und das kann man auch bei Nick Bilton nachlesen.

Eine Nummer größer denkt man offenbar in Chicago. Laut dieser CNN-Meldung will The Tribune Co. Apple und dem iPad Konkurrenz machen:

The Tribune Co., one of the largest U.S. news enterprises, is working on a touchscreen tablet that it plans to offer to newspaper subscribers, according to people briefed on the plans.

via

“The reporting drives the community. Our journalism is always going to be front and center. At the same time, you have to embrace the community and make them a part of that.”

Marc Frons, CTO für “digital operations” bei der New York Times hat Poynter Details über die Pläne der Zeitung verraten, seine TimesPeople genannte Community aufzufrischen. Die passen zusammen mit dem Filmclub und den unlängst beschriebenen Aktivitäten auf Facebook und Twitter.

(via Kopfzeiler)

Der jetzt-Kosmos wird in diesem Sommer 10 Jahre alt. Es gab schon vorher jetzt-Inhalte im Netz, aber die Community der jetzt-User entstand im Sommer 2001. Aus diesem Grund gibt es einen Jubiläums-Sommer auf jetzt.de – und am kommenden Montag ein einmaliges Sonderheft in der Süddeutschen Zeitung; mit dem Themenschwerpunkt: Digitales Leben

Das Heft lehnt sich optisch an die Magazine Schule&Job und Uni&Job an, die seit Anfang des Jahres ebenfalls als Beilagen der Süddeutschen Zeitung erscheinen – und wurde wie diese in der jetzt.de-Redaktion erstellt (Disclosure: die ich leite). Die Art Direction hatte Joanna Swistowski.

Im Editorial des Heftes, das Montag der SZ beiliegt, heißt es:

Als im Sommer vor genau zehn Jahren die erste jetzt-Page ins Netz gestellt wurde, dachte kaum jemand daran, dass das Internet mal zu einem Soundtrack zu unser aller Leben werden könnte. Es ging darum, die Verbindung zwischen Autoren, Mitarbeitern und Lesern des damals noch gedruckten jetzt-Magazins abzubilden: Der jetzt-Kosmos war geboren, ein Ort, um Menschen zu treffen, die ähnlich denken, ein Ort, um Geschichten zu lesen und selber zu erzählen, ein Ort, der auch Bestand hatte, als 2002 das gedruckte Heft eingestellt wurde. Ein Zuhause im Netz.

Aus dem damaligen Gefühl, dass wenigstens noch das Internet da sei, entwickelte sich ein mittlerweile mehrfach ausgezeichnetes Webmagazin, das im unfassbar schnell wachsenden Netz weiterlebte und sich entwickelte.

Der mit Abstand beste Text, den ich in den vergangenen Tagen zu den Geschehnissen in Oslo gelesen habe, stammt aus dem Guardian. Charlie Brooker hat ihn mit einer spürbaren Mischung aus Wut und Menschlichkeit geschrieben. Er trägt den Titel The news coverage of the Norway mass-killings was fact-free conjecture und behandelt neben der Frage, wie die Arbeit von Terror-Experten zu bewerten sei, vor allem das Thema, wie Medien über den Attentäter zu berichten haben:

Presumably he wanted to make a name for himself, which is why I won’t identify him. His name deserves to be forgotten. Discarded. Deleted. Labels like “madman”, “monster”, or “maniac” won’t do, either. There’s a perverse glorification in terms like that. If the media’s going to call him anything, it should call him pathetic; a nothing.

Das ist eine sehr emotionale Herleitung dessen, was W&V-Chefredakteur Jochen Kalka hier sehr rational herleitet:

Ein Täter darf nicht abgebildet werden, er darf keine große Rolle in der Berichterstattung spielen, sonst lockt das Nachahmer an. Das sagen die Psychologen, etwa Bruno-Ludwig Hemmert, der Leiter des Kriseninterventionsteams in Erfurt und in Winnenden gewesen war.

Das Gegenteil geschieht gerade – wie Ronnie Grob beobachtet hat:

Sie drucken seine Fotos dankbar ab, setzen ihn inklusive Waffe auf die Titelseite, versehen ihn mit Namen: “blonder Teufel” (Bild), “Teufel von Oslo” (tz), “Bestie” (Express), “Mord-Maschine” (Berliner Kurier).

Ich frage mich: Was wäre eigentlich, wenn man bei aller Grausamkeit den PR-Plan des Täters als solchen durchschaut, benennt und seinem Marketing nicht folgt? Es klingt vor dem Hintergrund der vielfachen Tode und der Trauer vielleicht zynisch, aber medial betrachtet, will hier jemand Werbung für seine menschenverachtende Sache machen. Er nutzt dafür die Mechanismen der Medien, die man vielleicht an den alten angelsächsischen Satz erinnern sollte:

“News is what somebody somewhere wants to suppress; everything else is advertising.”

Ist der Name des Täters Teil der News? Gehört sein Bild dazu? Und die Bilder, die er offenbar vorher selber hat anfertigen und aufbereiten lassen? Nur weil sie nicht von einer PR-Agentur verschickt werden, sind sie noch lange kein werbefreies Material. Man könnte doch auch über seine Beweggründe berichten, ohne ihn zu zeigen, ohne auf seine Pressemappe zurückzugreifen, ohne seinen Namen zu nennen. So wie man – man entschuldige den etwas weit hergeholten Vergleich – auch über Fußball im Münchner Stadion berichten kann, ohne den zu Werbezwecken vermarkteten Namen der Arena zu nennen.

Stellen wir uns vor, man könnte das so genannte Manifest des Täters irgendwo kaufen, als Papierbuch oder gar als anderen Konsumgegenstand. Würde man dann auch so ausführlich über ihn und seinen “Produkt” berichten? Oder würde man dann sagen: “Nein, dafür wollen wir keine Werbung machen? Da würde ja jemand aus unserer Berichterstattung finanziellen Profit schlagen?” Würde man vielleicht sogar auf Ziffer 7 des Pressekodex Bezug nehmen (“achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken”).

Nimmt man die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Internet zum Maßstab, ist es sicher nicht unangemessen, davon zu reden, dass hier jemand werbliche Interessen verfolgt: Der Täter verkauft seine menschenverachtenden Thesen und die oben zitierten Titelseiten helfen ihm. Dabei ist es unerheblich, ob Geld fließt oder nicht. Darum geht es nicht. Dem Täter geht es darum, dass sein Gedankengut in die Mitte der Berichterstattung gerückt wird. Es geht ihm darum, dass große Medienseiten im Netz ihn verlinken, ihm PageRank und Aufmerksamkeit schenken. Selbst wenn niemand auf die von Google als relevant eingestuften Links auf den Nachrichtenseiten klickt, die Folgen sind dennoch verheerend: Die verlinkten Seiten gewinnen an Algorithmus-Bedeutung. Sie werden in der Google-Suche hochgestuft, bleiben auch Wochen nach der Berichtestattung im Fokus.

Ich denke nicht, dass man verschweigen sollte, welchen Plan der Täter hatte. Ich halte es für richtig, zu analysieren, was ihn trieb und antrieb. Das muss natürlich öffentlich geschehen – und eine offene Gesellschaft muss diese Debatte führen. Aber nicht nur in Fragen der Verlinkung scheint hier eine neue Debatte über journalistischen Regeln (im Web) nötig – denn den Mechanismus hat (spätestens jetzt) nicht nur der norwegische Täter verstanden.

P.S.: Wie zum Beweis lese ich gerade von der Operation UnManifest, mit der Anonymous, den Plan des Täters nach Aufmerksamkeit genau zerstören will. Der Gegen-Plan:

1. Find the Manifest
2. Change it, add stupid stuff, remove parts, shoop his picture, do what you like to…..
3. Republish it everywhere and up vote releases from other peoples, declare that the faked ones are original
4. Let him become a joke, such that nobody will take him serious anymore

Update: Auf Twitter weist publictorsten auf die Figur des Herostratos hin, die mir bisher nicht bekannt war.

Update 2: Der Tagesspiegel hat das Manifest offenbar als Download auf seine eigenen Servern veröffentlicht. Diese Entscheidung wird mit Arguemten für und
gegen die Veröffentlichung begleitet. In dem Kontra-Text schreibt Sara Schurmann:

Jeder, der möchte, wird die Schrift Breiviks finden, jeder Fanatiker aber auch jeder normale Bürger. Aber es ist ein Hohn für die Opfer der Anschläge und ein Triumph für den Attentäter, dass ihm eine deutsche Zeitung hilft, sein Propagandaziel so problemlos zu erreichen.

Unlängst trafen sich in meiner Twitter-Line Eustace Tilley und Mr. LulzSec – die beiden sind die Profilfotos vom Twitter-Account von The New Yorker und der Hacker-Gruppe LulzSec

… dabei fragte ich mich: Ist es Zufall, dass sie sich derart ähnlich sehen? Oder gibt es da einen kulturellen Bezug, der sich mir nicht erschließt (z.B. weil er sich auf so weit hinten liegenden Google-Seiten versteckt, dass ich ihn nicht finde?)?

Sascha Lobo ist immer ein toller Gesprächsanlass. In diesem Fall vor allem weil er diese Woche erklärt hat, wem Google wirklich Konkurrenz macht und dabei auf einen herausragenden Text von Kathrin Passig über Gemeinschaften im Netz verwiesen hat. Weil der aufgrund der mir unklaren Netz-Strategie des Merkur vermutlich bald wieder verschwindet, muss man eher eilig auf ihn verweisen. Er handelt von der Frage, woher sehr kluge Autoren nur sehr kluge Leser kriegen. Anders formuliert:

Wenn Autoren die Qualität der Kommentare unter ihren Texten beklagen, ist das in der Sache nicht falsch, die Vermutungen über Ursachen und Abhilfe sind aber oft unterkomplex. Im Zusammenhang mit den Kommentarforen von Printveröffentlichungen, aber auch vieler Onlinemedien herrscht die hinderliche Vorstellung, es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode. In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich. Dass Ausnahmen von der Misere existieren, deutet aber darauf hin, dass niedrige Beitragsqualität ein selbstgemachtes Problem ist. Konstruktive Beiträge entstehen nicht von allein, und auch nicht nur, weil ein Anbieter sie sich wünscht.

Der Text ist so klug und detailliert, dass ich mir bei der Lektüre mehrfach die Frage stellen musste, ob der gemeine Merkur-Leser überhaupt versteht, worauf Kathrin Passig hinaus will. Sie liefert nämlich nicht nur einen guten Überblick über die Geschichte der Community, sondern kommt auch zu einem eher ernüchternden Schluss:

Wahrscheinlich gibt es kein Patentrezept, um Nutzern brauchbare Beiträge zu entlocken. Vielleicht verhält es sich wie mit dem Händewaschgebot in Kliniken, und es geht nicht ohne ständige Ermahnung, ständigen sozialen Druck, ständiges Einbeziehen aller Beteiligten. Jede Gemeinschaft wird ihren eigenen Satz an Werkzeugen finden müssen, wenn nicht technische Gegebenheiten oder der Betreiberwille von vornherein eine Behebung des Problems verhindern.

Vielleicht muss ich mein Bild vom gemeinen Merkur-Leser revidieren und vielleicht habe ich selber nur die Hälfte des Texte verstanden, aber einen Punkt würde ich viel stärker betonen: den der Gemeinschaft. Der Gruppe also, die sich zusammenfinden, um sich auszutauschen. Ich würde die Filter Bubble von Eli Pariser quasi umdrehen und die Frage nach den Debatten im Netz mit der Frage verbinden, die Sascha Lobo (siehe oben) für diejenige hält, die Google+ künftig beantworten wird: Was interessiert dich?

Und ich glaube, das sind Debatten aus meiner Community (was auch immer das ist, wird gerade von Google und Facebook auf unterschiedliche Art zu beantworten versucht), also aus meinem Freundeskreis oder Circle – aber eben auch aus Gemeinschaften, die einen Kreis mit einem etwas größeren Radius betreffen. Vielleicht ist es – wieder mit Pariser gesprochen – eine publizistische Aufgabe, diese Kreise zu formen.

Ich kann mich daran erinnern, dass nicht gerade wenige Menschen in meinem Umfeld die These vertreten haben “Lange Texte liest man nicht am Bildschirm”. An diesen Satz musste ich jetzt denken als ich den Guardian-Text What digital readers mean for business – natürlich am Bildschirm – las. Er fasst eine Umfrage mit erstaunlichen Ergebnissen zusammen. Denn offenbar scheint nicht nur die obige Annahme überholt, offenbar stimmt auch die These nicht mehr, dass Menschen mehr in Zeitungen/Magazine (auf Papier) schauen als in Bildschirme.

Nun sollte man dafür zunächst klären, was als Bildschirm zu gelten hat. Es ist dies nämlich nicht nur der Monitor des Computers oder Laptops, es sind Tablet-Bildschirme genauso wie jene der Smartphones. Auf all die schauen die Befragten jedenfalls im täglichen Durchschnitt fünfzehn Minuten länger als auf Papier-Medien. Allerdings sehen sie auf den Schirmen dann nicht nur klassischen Nachrichten, sondern vor allem Mails, Netzinhalte und Videos. Auf Platz vier erst kommen “branded media”.

Daraus (und aus einigen anderen Zahlen) schließt der Guardian:

1 There is still a long way to go for applications to match browser adoption; it is mostly a question of interface quality.
2 People expect real-time news, including in applications, or the added value needs to be outstanding.
3 Digital editions carry more of the brand attributes; but as long as they are not supported by better applications, and able to provide real time news updates, they will remain a relatively small market.
4 The advertising model needs a bigger dose of creativity: a large chunk of readers would agree to more ads as long as their publication remains free – which paves the way to reinventing the sponsoring model for digital editions or for encapsulated contents.

Das Anstrengende an der Digitalisierung ist für den klassischen Journalisten (und alle Storyteller) in Wahrheit ja nicht, dass sie etwas mehr Arbeit haben könnten, sondern die Tatsache, dass ihr Selbstbild in Frage gestellt wird. Der Prozess der Demokratisierung fordert alle Berufsgruppen in ihrer Selbstdarstellung und Positionierung heraus. Bei Köchen und Musikern kann man bereits beobachten, dass das Aufkommen von Amateuren den Profis keineswegs den Job kostet (im Gegenteil). Im Journalismus ist der Prozess in vollem Gange und man kann quasi live mit anschauen, welche unterschiedlichen Wege man gehen kann, um darauf zu reagieren:

Zwei Beispiele sind mir gerade in die Twitter-Timeline geflogen. Ich will sie nicht kommentieren, sondern nur gegeneinander stellen. Zum einen gibt es diesen handwerklich (mal wieder) sehr guten Beitrag von 2470media über das Reporter-Forum in Hamburg

:
Ich weiß nicht, ob die Journalistinnen und Journalisten, die in diesem Beitrag auftauchen, so selbstverständlich die folgenden Sätze unterschreiben würden, die ich ebenfalls gerade in meiner Timeline gefunden habe. Sie kommen aus der Deutschen Journalistenschule, wo die aktuelle Klasse gerade an einem Projekt namens hive arbeitet. Das klingt inhaltlich spannend, es geht aber vor allem auch einen erstaunlichen Weg – hive bindet seine Leserinnen und Leser ein.

Falls Ihr also gelesen habt, was wir vorhaben, und denkt: “Ich kenn da was, darüber muss hive etwas schreiben!”, schreibt uns eine Mail, postet an unsere Pinnwand auf Facebook oder schreibt @HiveMagazin. Denn egal wie gut unsere Ideen sind: Irgendwo da draußen gibt es immer eine bessere.

Mir geht es um die beiden letzten Sätze. Man kann über diese Haltung streiten, ich kann mir beide Argumentationslinien vorstellen: “Wer eh schon weiß, dass er nicht die beste Idee hat, braucht doch gar nicht anzufangen”, sagen die einen. Die anderen entgegnen: “Wer so denkt, erhebt sich nicht über seine Leser, er arbeitet aus einem realistischen Weltbild heraus.”

Ich finde es sehr erstaunlich, dass solche Sätze aus der Journalistenschule kommen. Denn wo, wenn nicht dort, kann so etwas ausprobiert werden?

Natürlich kann man heute nur schwer absehen, wie dieser Prozess ausgehen wird. Man kann aber Hinweise für eine bestimmte Richtung zusammentragen. Johannes Kuhn weist zum Beispiel auf den transparenten Newsroom der schwedischen Zeitung norran.se hin, an dem diese Grundsätze gelten:

Transparency is the new objectivity. We post the job list – the stories we are working on today.

The instant feedback and the personal reply is extremely important. It’s the feeling that there’s somebody there live now.

You have to answer in a good way, a polite way and a knowledgeable way, or you can lose trust.

Vergangene Woche habe ich einen Text von Betabeat auf Twitter verlinkt. Dort wird Michael Lazerwo, CEO von Buddy Media, mit den Worten zitiert

“The days of, ‘Do we publish on Facebook? Do we tweet?’ are over. Either you do it, or you’re crushed. Do it or go out of business.”

Den Hinweis auf diesen Text hatte ich von Steffen Konrath bekommen, der auf meinen Tweet reagierte und fragte, was denn sei, wenn es auch ohne Facebook gelingen könne, erfolgreich zu sein?

Ich erzähle das hier, weil ich nach seinem Tweet eine Weile darüber nachdachte und diese Frage (leicht abgewandelt) heute offenbar auch beim Medienforum NRW auftauchte: Müssen wir tatsächlich alle twittern? Müssen wir alle Facebook nutzen?

Wie ich bei Was mit Medien nachlese, hat Richard Gutjahr offenbar das dortige Podium (und vor allem Monika Piel) ein wenig provoziert – und zu den folgenden Aussagen gebracht:

Es ist absolut irrelevant, ob wir twittern oder nicht. (Anke Schäferkordt)

Ich finde es auch völlig irrelevant, die Frage, wer von uns twittert. Es geht hier nicht um uns als Privatpersonen, da würde ich Ihnen auch nicht erzählen, ob ich twittere oder nicht, da können Sie nachgucken. Es geht darum, was wir in den Sendern machen. (Monika Piel)

Verdammt nochmal, ich will mir selbst aussuchen können, wie ich mich informiere, bei wem ich mich informiere, und dann mich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen: Du bist von gestern oder vorgestern. (Jürgen Doetz)

Die Aufregung war anschließend groß. Zumidest auf Twitter. Leider blieb es aber dabei (trotz guter Einlassungen z.B. von Christian Jakubetz und Jens Matheuszik) . Das ist schade, denn wenn mit solcher Vehemenz und Einstimmigkeit von privater wie öffentlich-rechtlicher Seite behauptet wird, etwas sei irrelevant (völlig bzw. absolut), kann man sich sicher sein: Es ist verdammt wichtig. Es ist so verdammt wichtig, weil die Frage so derart unbeantwortet im Raum steht: Gibt es tatsächlich eine Verpflichtung, sich mit diesem neuen Kram zu befassen?

Podien sind vermutlich die schlechtesten Orte, um solche Fragen zu beantworten. Trotzdem schade, dass (soweit ich das dem Transkript nach beurteilen kann) nicht mal der Versuch unternommen wurde. Denn ich glaube, dass die Antwort weniger staatstragend und groß ausfallen muss als der Vergleich mit den Facebook-Revolutionen in Nordafrika es nahelegt. Ich glaube, dass wir aus der großen Social-Media-Blase mindestens so viel Luft rauslassen müssen, bis das Wort “Dialog” übrig bleibt. Bis wir erkennen, dass es Bestandteil des Verwertungszusammenhangs (Schäferkordt) und des öffentlich-rechtlichen Auftrags (Piel) ist, diesen Dialog als Journalist (als Person) und als Sender (als Institution) anzunehmen und zu gestalten. Alan Rusbridger und Peter Horrocks haben das in England bereits umgesetzt.

Steffen Konrath hat mir übrigens einen Cappuccino versprochen für die Antwort, die ich ihm schlussendlich gab:

Twitter – und damit der netzbasierte Dialog – ist nichts anderes als das Telefon.

Nicht komplizierter, aber eben auch nicht unwichtiger. Man kann auch als Journalist oder als Sender ohne Telefon sehr erfolgreich sein. Dennoch würde niemand auf einem Podium behaupten, es sei absolut irrelevant, ob man telefoniere oder nicht.