Digitale Notizen

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Die Frage, was eigentlich Journalismus sei und was nicht, steht zentral im Zeitalter der Demokratisierung dieses Berufs. Wie Journalisten darauf reagieren, kann man beispielhaft an Preisen ablesen, die in dieser Branche verliehen werden. Denn nur was als Journalismus gilt, kann auch einen Journalistenpreis bekommen (nein dabei geht es nicht nochmal um die Debatte um den Henri-Nannen-Preis).

Aktuell wird eine Pressemitteilung durchs Web gereicht, in der die Jury des Pulitzerpreises sich zu der Frage äußert, wie neue technische Instrumente den Beruf des Journalisten verändern – und damit das Spektrum dessen erweitern, was als auszeichnungswürdig gilt.

Auch in Deutschland wurde vor kurzem eine Pressemitteilung zu einem ähnlichen Thema verschickt. Sie stammt vom Henri-Nannen-Preis und kündigt für dessen nächste Verleihung eine neue Kategorie an. In der Erklärung heißt es:

Diese Neuerung trägt nicht zuletzt dem Umstand Rechnung, dass der Journalismus sich seit 2005, als der Henri Nannen Preis aus der Taufe gehoben wurde, deutlich verändert hat und heute in viel stärkerem Maße auf das erheblich gestiegene Bedürfnis der Leser nach Einordnung und Orientierung eingeht.

Wie also hat sich der Journalismus seit 2005 verändert? Geht es in der neuen Kategorie um digitale Dialogfähigkeit oder um multimediale Aufarbeitung eines Themas? Nein, die neue Kategorie trägt den Titel “Essay” und versammelt

Texte, die den Leser über ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen orientieren, mit dem der Autor sich auf persönliche Weise mit Gedankenschärfe und stilistischer Geschmeidigkeit auseinandersetzt.

Im Kontrast dazu liest man in aller Geschmeidigkeit in der Pressemitteilung des Pulitzer-Boards das hier:

The Board continues to welcome a full range of journalistic tools – such as text articles, interactive graphics, blogs, databases, video and other forms of multimedia – in 12 of its 14 categories. The two photography categories remain restricted to still images, which must be submitted as digital files.

Und dann ganz konkret in Bezug auf die Kategorie “Breaking News”:

In an example intended to underline the importance of real-time reporting, the Board said that it would be disappointing if an event occurred at 8 a.m. and the first item in an entry was drawn from the next day’s newspaper.

Im Nieman Journalism Lab folgert Justin Ellis daraus:

It’s a step away from the punctuated publication cycle newspapers were tied to in print, and an acknowledgement of breaking news becoming real-time news

Für Deutschland stellt sich die Frage wie lange es dauert, bis auch ein hiesiger Journalistenpreis das Live-Bloggen zu einem Event als journalistische Leistung ansieht, die man sogar auszeichnen könnte?

Schade dass Sie nie Zeit haben im Forum auf die vorhandene sachliche Kritik zu reagieren.

Reaktion des Nutzers Leser161 im Spiegel-Online-Forum auf die aktuelle Folge der SPON-Kolumne “Der schwarze Kanal” von Jan Fleischhauer, in der dieser unkommentiert Leser-Reaktionen aus dem Forum veröffentlicht.

Andrew Culf ist “a deputy news editor for the Guardian“. So steht es auf seiner Profilseite der britischen Zeitung. @andrewculf “hat noch nichts getwittert”. So steht es auf seiner Profilseite bei Twitter. Von Bedeutung ist das wegen dieser Seite hier.

http://www.guardian.co.uk/help/insideguardian/2011/oct/10/guardian-newslist?CMP=twt_gu

Sie trägt den Titel “An experiment in opening up the Guardian’s news coverage” und ist nach allem, was ich bisher über Nachrichtenjournalismus und Zeitungsmachen weiß eine mindestens kleine Revolution. Im Bereich “UK News” trägt Andrew Culf heute die Verantwortung für die Nachrichtenlage beim Guardian. Das vermerkt diese Übersicht, die der Guardian künftig ebenso öffentlich macht wie die internationale und die Wirtschafts-Nachrichtenlage.

Abgeschaut haben sich die Guardian-Macher dieses Konzept des gläsernen Gatekeepers bei der schwedischen Zeitung Norran, die den Gedanken der Transparenz im digitalen Raum auf die nächste Ebene hebt. Dadurch dass man jetzt auch beim Guardian, den Versuch unternimmt (ja, es ist ein Quasi-Beta-Experiment), bekommt die Idee des offenen Blattmacherns einen neuen Schub: Journalisten in ganze Europa sind plötzlich mit dem Gedanken konfrontiert, ihre Arbeit offener und transparenter zu gestalten.

Was heißt das konkret? Andrew Culf muss künftig nicht nur die aktuellen Meldungen seines News-Tickers im Auge behalten. Er muss auch einen Blick auf das werfen, was die Guardian-Leser unter dem Hashtag #opennews auf Twitter schreiben. Zudem ist jetzt auch der Guardian-Newsroom auf Twitter vertreten. Denn Öffnung heißt für die neuen Nachrichtenmacher auch Dialog. Sie sind ansprechbar und unter dem genannten Hashtag offen für Kritik – aber eben auch für neue Themenvorschläge. Sie schaffen so für die passiven Leser eine große Nähe zu ihrem Lieblingsprodukt und für die aktiven Rezipienten einen direkten Weg an den Newsdesk der Redaktion.

Nebenbei verändert der Guardian damit den Blick auf die Blackbox Nachrichtenredaktion. Diese kulturelle Veränderung könnte zu mehr werden als zu einer kleinen Revolution. Denn wenn das Guardian-Experiment gelingt, wird dies Folgen auch für andere Journalisten haben. Transparenz könnte auf Mainstream-Ebene zu einer Grundanforderung an glaubwürdigen Journalismus werden (was sie heute in bestimmten Märkten sicher schon ist). Nicht mehr ausschließlich das finale Produkt würde dadurch zum Beurteilungsgegenstand journalistischer Arbeit, sondern auch der Weg dorthin (siehe dazu die Metaphorik des Nachrichtenfluß). Soweit ich das absehen kann, ist das grundlegend neu (in Deutschland). Es würde Produktionsbedingungen, Ausbildungswege und das Selbstverständnis journalistischer Arbeit in einer Art und Weise verändern, die wir heute nur in Ansätzen absehen können.

Allein deshalb sollten wir sehr genau beobachten, wie Andrew Culf in den kommenden Woche so arbeitet.

P.S.: Wo wir schon über den Guardian sprechen, hier das Werbe-Video für die iPad-Version der Zeitung, die in den kommenden Tagen veröffentlich werden soll.

P.P.S.: Weil es mich gerade im Rahmen meiner eigenen journalistischen Arbeit betrifft: Der SZ-Kollege Alex Rühle unternimmt gerade für eine Reportage ein kleines (transparentes) Twitter-Experiment. Unter Alex Rühle kann man ihm auf Twitter folgen – mehr zum Hintergrund steht hier.

In seinem Blog schreibt Christian Jakubetz über Journalistische Resterampen – und bezieht sich darin auch auf einen Tweet, den ich zum Relaunch von faz.net vergangene Woche schrieb. Dort war zum Start der neu gestalteten Website das Wort “Beta” zu sehen. Darauf nimmt Christian Bezug um seine These von der Resterampe Online zu untermauern. Er schreibt:

Obwohl man sich schon gerne vorstellen würde, was dort oder in anderen Privathäusern los wäre, würde man eine halbfertige Neu-Ausgabe der Zeitung auf den Markt bringen. Eine “Süddeutsche Beta” beispielsweise. Mit dem Hinweis, es könne noch ein wenig dauern, bis die Zeitung so aussähe, wie man sie gerne hätte. Niemand käme analog auf eine solche groteske Idee, im Netz interessiert es keinen.

Im Rahmen seiner Argumentation ist das sicher richtig. Ich glaube aber, wir haben unterschiedliche Vorstellungen von einer Beta-Phase. Den Gedanken einer perpetual Beta jedenfalls finde ich gar nicht so falsch, wie Christian sie darstellt. In Zeiten der Web2.0-Euphorie kam der Begriff auf, um die ständige Fortentwicklung von Webangeboten zu beschreiben. Daraus ist dann das Umbau-Mantra von “Relaunch ist immer” entstanden, mit dem erklärt werden soll, dass digitale Produkte eigentlich nie fertig sind, dass sie stets weiterentwickelt, verändert werden müssen.

Nehmen wir an, dass das stimmt. Und nehmen wir weiter an, dass es die Unterscheidung zwischen digitalen und analogen Produkte eigentlich nicht mehr gibt (weil Leser/Hörer/Rezipienten die gleichen Erwartungen an analoge wie digitale Verbreitungswege entwickelt haben), dann folgt daraus: Christian liegt mit seinem Beta-Bashing falsch. Bzw. konkreter: Seine Annahme, die Beta-Perspektive auf Online erwachse aus Desinteresse, ist nicht ganz richtig. Der Schuh entsteht vielmehr anders rum: Vielleicht müssen wir auch die analogen Produkte als unfertig betrachten. Vielleicht müssen wir die Metaphorik vom Nachrichtenfluss auch auf die Medien selber und nicht nur auf ihre Inhalte anlegen.

Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber mir kam der Gedanke, als ich den Blog-Eintrag las. Sozusagen als Beta-Idee.

Hat Google eine Startseite? Google hat einen Suchschlitz. Google nutzt manchmal sein Logo, um damit an bestimmte Daten zu erinnern. Und heute macht Google das hier mit der ersten Seite seines Angebots:


Unter dem Suchfeld steht

Steve Jobs, 1955 – 2011

verlinkt mit der Startseite der Firma Apple, deren Chef Jobs bis vor kurzem war. Dort steht die Traueranzeige zum Tod von Steve Jobs.

Wie gesagt: “Wenn eine Nachricht wichtig ist, wird sie mich schon erreichen.”

Zum Ende des Münchner Oktoberfests darf man ausnahmsweise über die Trinkkultur in Bayern philosophieren – und diese in Verbindung zum digitalen Wandel bringen. Vor allem nach einem solch sonnigen Wochenende, das auch abseits der Festwiese viele Münchner im Biergarten verbrachten. Wer dort mit ortsfremden Menschen Bier aus großen Krügen trinkt, muss dann und wann die Besonderheit erklären, die mich an diesem Wochenende an die vermeintliche Umsonst-Kultur im Internet erinnerte.

Wenn wir das Internet nicht als Verbreitungsweg, sondern als Raum verstehen, verändert das unsere Perspektive auf mögliche Bezahlmodelle an diesem Ort. Danah Boyd hat dazu einige interessante Gedanken aufgeschrieben – die ich vor fast einem Jahr schon verlinkte. Sie schlägt vor, den Gedanken des sozialen Raumes in den Vordergrund zu rücken, um zu verstehen, wie digitale Bezahlmodell funktionieren können:

Think about how we monetize sociality in physical spaces. The most common model involves second-order consumption of calories. Venues provide a space for social interaction to occur, and we are expected to consume to pay rent. Restaurants, bars, cafes—they all survive on this model. But we have yet to find the digital equivalent of alcohol.

Womit wir wieder im Biergarten sind. Dessen Prinzip stellt das Bier derart zentral, dass Speisen dort lediglich optional vom Betreiber bezogen werden können – man kann sie auch selber mitbringen. Einzig die Getränke muss man im Biergarten kaufen. Speisen gibt es auch, man kann sie aber auch selber an den Ort des Verzehrs tragen. Das ist gute bayerische Tradition, erklären Schilder z.B. im Münchner Hirschgarten. Aus der Perspektive, die mancherorts aufs Netz geworfen wird, ist das keine Tradition, sondern Unsinn. Warum sollte man auf diesen möglichen Umsatz verzichten? Warum sollte man etwas verschenken? Warum sollte man dem Kunden erlauben, selber etwas herzustellen und mitzubringen, was er professionell erstellt, erwerben soll?

Ich bin kein Betriebswirt, ich weiß auch nicht ob diese für ein solches Vorgehen eine Begründung haben. Ich weiß aber, dass das Prinzip des Biergartens dem wirtschaftlichen Wohlergehen der bayerischen Brauereien nicht schadet. Im Gegenteil: Viele Menschen treffen sich bei gutem Wetter dort und sorgen für Umsatz. Womöglich für weniger als würde man sie auch zum Speisen-Erwerb nötigen. Aber sicher sind es sehr viel mehr Menschen, die unter unter diesen Umständen in den Biergarten kommen. Sie empfinden den Abtransport der Krüge auf großen Wagen, die auch in der Straßenreinigung eingesetzt werden könnten, nicht als störend, sondern als Bestandteil der Inszenierung. Der Wirt spart sich die Bedienungen, der Gast erfreut sich an der Tradition.

Vielleicht brauchen wir für den digitalen sozialen Raum eine ähnliche Inszenierung wie die des Biergartens – auch und gerade wegen des vermeintlichen Verschenkens. Vielleicht müssen wir den Blick vom Produkt heben und den sozialen Raum drumherum betrachten. Vielleicht müssen wir digitale Kastanien pflanzen.

P.S.: Wer die Metapher jetzt fortspinnen möchte und auf den Sucht-Aspekt von Alkohol kommen will, dem sei dieser Text von Stefan Niggemeier über angebliche Internet-Sucht empfohlen.

Brian Brett hat für die New York Times eine Untersuchung zu Share-Kultur im Netz gemacht. Seine Präsentation mit dem Titel The Psychology of Sharing kann man runterladen und auf Slideshare anschauen:

Es geht um die Frage: Warum teilen Menschen im Netz Inhalte? Die spannende Antwort: Menschen haben schon immer Inhalte geteilt. Das Netz verstärkt dies nur. Vermutlich deshalb sind auch die Gründe fürs Teilen nicht sonderlich netzspezifisch. Sie gelten (im Prinzip) auch fürs Weitererzählen beim Mittagessen, denn es geht in erster Linie um Beziehungen. Unter dem Titel “Sharing is all about relationships” benennt die Studie zunächst fünf Gründe fürs Teilen, leitet aus diesen sechs Typen des Teilens ab …

Altruists
Careerists
Hipsters
Boomerangs
Connectors
Selectives

… und liefert damit einen guten Rahmen zur Beantwortung der Frage: Warum machst du diesen Quatsch im Netz überhaupt?

Ein Aspekt kann zum Beispiel in dem liegen, was die Studie als Leitmotiv für Medienhäuser ausgibt:

From Broadcasters to Sharecasters

Medien werden zu Stichwortgebern für eine Share-Kultur. Was das bedeutet, kann man sich am 21. September übrigens auch in einem Webinar erklären lassen.

Unter dem Titel Schreibst du noch oder kuratierst du schon? hat Daniel Weber einen wütenden Text verfasst. Rant würde man im Web wohl sagen. Weber, Chef des NZZ-Folio, würde den Begriff wohl eher vermeiden. Denn mit Mode-Worten hat er es nicht so. Das Kuratieren ist für ihn ein solcher Mode-Begriff, den er schon in Museen ungern hört, in den Medien aber gar nicht mag:

Dass Ausstellungen zunehmend kuratiert statt gemacht wurden, kam mir dann schon etwas affig vor, aber der Kunstbetrieb macht sich rhetorisch ja gern ein bisschen wichtig. Und weil das Sich-wichtig-Machen nicht ein Privileg des Kunstbetriebs ist, treibt das Wort jetzt auch in unserer Branche sein Unwesen.

Er hat ein anderes Bild als das des kuratierenden Journalisten. Für ihn wichtig: Schreiben!

Da wüsste ich ein paar noch wichtigere Aufgaben, zum Beispiel recherchieren, reflektieren und formulieren. (…) Journalisten sollen schreiben, und zwar so, dass mich ihre Geschichten packen. Denn das Problem ist ja nicht, dass zu wenig geschrieben, sondern dass zu wenig gelesen wird.

Man ahnt, woher die Wut auf den Begriff des kuratierenden Journalisten kommen mag. Was ich jedoch nicht verstehe: Wie man darüber den Blick derart verengen und einzig schreiben (mit den Zusatzkategorien recherchieren, reflektieren und formulieren) als journalistische Tätigkeit ansehen kann. Ist es also kein Journalismus, was in Fernsehen und im Hörfunk gesendet wird?

Es geht hier vermutlich um etwas anderes. Hier will sich jemand nicht länger sagen lassen, dass sein Beruf sich ändert. Hier will jemand gegen Mode-Worte aufbegehren. Doch dabei verrutschen die Begriffe. Er zielt auf die Mode, trifft aber die Kleidung. Denn selbstverständlich ist das Auswählen und Gewichten eine journalistische Tätigkeit. Aus nichts anderem leitet sich das Bild des Gatekeepers her – nicht aus dem Schreiben. Es geht ums Filtern und Gewichten – und wer es gerne künstlerisch mag, kann auch sagen: ums Kuratieren.

Man kann darüber streiten, ob diese gewichtende Funktion im Zeitalter der Digitalisierung bedeutsamer geworden ist. Ich denke aber, dass die Argumente dafür offensichtlich sind. In dem merkwürdigen Dreh mit dem nicht zu wenigen Schreiben und zu wenigem Lesen, steckt es in Wahrheit ja drin: Im Netz gibt es ein Zuviel an Informationen und ein Zuwenig an Orientierung. Da ist journalistisches Gewichten bedeutsamer denn je. Deshalb sollte man nicht auf das Prinzip des Beinkleides schimpfen, nur weil einem eine spezielle Hose nicht gefällt – sonst steht man ganz schnell nackt da.

Vielleicht muss man – wenn man über die Debattenkultur im Netz spricht – den schönen Spruch vom Baumhaus einfach nur etwas anders interpretieren. Vielleicht gilt vor allem:

“Wer noch nie im Baumhaus war, versteht einfach nicht, welche Vorschriften funktionieren und welche nicht.”

Die Forderung nach einem Ende der Anonymität, die in den vergangenen Wochen (unter anderem vom deutschen Innenminister) auf die Agenda gebracht wurde, zählt jedenfalls zu denjenigen Vorschriften, die im Baumhaus nicht funktionieren (wie Markus Beckedahl hier sehr gut erklärt hat). Sie krankt zudem allein an der Verbindung zu dem Gewaltverbrechen des norwegischen Terroristen, das den Anonymitäts-Gegnern als Anlass diente. Denn es war ja gerade dessen erklärtes Ziel, mit vollem Namen in der Öffentlichkeit zu stehen. Er ist ja sozusagen ein Gegner der Anonymität im Netz. Die Schreckenstaten aus Norwegen zum Anlass zu der Debatte um Anonymität im digitalen Raum zu nehmen, ist aber aus noch viel mehr Gründen, sinnlos.

tl;dr-Übersicht
1. Pseudonyme sind nicht anonym
2. Pseudonyme verbinden
3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon
6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
(Inspiration via Sascha Lobo )


Baumhaus fotografiert von Patrick M Loeff auf Flickr unter CC-Lizenz

Dennoch muss ich – mit leichtem Zeitverzug – den Ball hier nochmal aufnehmen, denn mich stört vor allem die Verbindung zum Thema Diskussionkultur im Netz, die ebenfalls stets mit der Frage nach Klarnamen in Zusammenhang gebracht wird.

Und spätestens hier sind wir tatsächlich im Baumhaus.

Die Debatte um den Wert der Debatte im Netz wird vor allem von Menschen geführt, die offenbar selber nicht an Debatten im Netz teilnehmen. Denn ein paar Dinge sehen in dem Baumhaus durchaus anders aus als wenn man nur von unten versucht Einblick zu nehmen.

Zur Klärung deshalb hier sechs Thesen zur Debattenkultur im Netz


1. Pseudonyme sind nicht anonym

Es ist mehr als ein sprachlicher Unterschied: Wer unter erfundenem Namen im Netz diskutiert, ist nicht anonym. Wer sich jemals in ein Baumhaus begeben und dort womöglich sogar mitdiskutiert hat, wird wissen, dass niemand den Personalausweis-Namen “Hans Müller” benötigt, um von anderen wiedererkannt zu werden. Es ist einfach falsch zu behaupten, sternchen82 flüchte sich in die Anonymität oder stehe nicht zu dem, was sie sagt. Wer Gespräche mit ihr geführt hat, wird wissen, wer sternchen82 ist – ohne die Adresse und den vollen Namen zu kennen. Und sternchen82 steht sehr wohl zu dem, was sie sagt – sie betritt den Diskussionsraum ja genau deshalb jedes Mal wieder unter diesem Namen.

Menschen wählen (in Netz-Debatten) Pseudonyme, weil sie einen Bezug zum Personalausweis vermeiden möchten, aber nicht weil sie nicht erkannt werden wollen. Der überwiegende Teil der Diskutanten will ja gerade in der Debatte Bezüge herstellen und auffindbar sein, deshalb gibt es Pseudonyme. Zu glauben, nur durch klassische Vor- und Nachnamen entstehe eine Debatte, ist genauso falsch wie es falsch ist, die Minderheit der böswilligen Trolle zum Maßstab für Netzdebatten zu machen. Wer jemals selber eine Debatte geführt hat, würde beides nicht tun.

Gespräch fotografiert von harry f auf Flickr unter CC-Lizenz

2. Pseudonyme verbinden
Die häufig pauschal als böse (weil niveaulos) gescholtenen Foren zeichnet etwas aus, was den Debatten unter Zeitungsartikeln häufig fehlt: die Verbindung zwischen den Diskutanten. Wer sich z.B. in ein Fachforum begibt, teilt ein gemeinsames Interesse. Häufig erkennt man diese Gemeinsamkeiten auch an der Wahl der Pseudonyme und an den Zitaten, die einzelnen Forenbeiträge häufig abschließen. Darüber und über die Art, wie Diskutanten ein Profil-Bild wählen, erfährt man mehr über die jeweiligen Personen als über das Wissen, das sich “Hans Müller” hinter diesem Beitrag verbirgt.
Seinen Namen wählt niemand selber, Pseudonyme hingegen schon. So liefern sie Gesprächsanlässe und sind vor allem Teil der Verbindung, die für Kommunikation notwendig ist.


Talk fotografiert von gin_able auf Flickr unter CC-Lizenz

3. Dialog setzt einen Willen zur Verständigung voraus
Warum reden wir überhaupt miteinander? Wer auf diese Frage keine Antwort hat, wird niemals zu einer geglückten Kommunikation gelangen. Denn Dialog entsteht nur, wenn man eine gemeinsame Sprache spicht, wenn man eine verbindende Haltung hat oder wenn zumindest eine gegenseitige Abneigung vorliegt, die dann ja auch ein einendes Element sein kann.

Kathrin Passig hat unlängst auf die hinderliche Vorstellung zahlreicher Journalistinnen und Journalisten hingewiesen,

es gebe hier den feinsinnigen, gebildeten Autor und dort das Kommentarproletariat, dem man notgedrungen ein Ventil für seine Meinung geben müsse, es sei jetzt halt so die Mode.

Und daraus den Schluss gezogen:

In diesem Glaubenssystem sind langweilige, dumme und bösartige Kommentare unvermeidlich.

Ich glaube, man kann dieses Glaubenssystem nur durchbrechen, wenn man die verbindende Haltung in den Mittelpunkt rückt. So wie Magazin-Macher sich einen Slogan für ihr Heft ausdenken, müssen im Netz publizierende Journalisten eine Antwort darauf finden, was die unter ihren Texten diskutierenden Menschen eint. Sie müssen sich die Frage stellen: “Warum kommentieren die hier?” und daraus Schlüsse ziehen. Vor allem müssen sie ein positives Bild davon formen, wie sie die Debatte denn gerne hätten. Wie Print-Magazinmacher sich die Frage stellen, für wen sie ein Heft machen (und für wen nicht), müssen Netzpublizisten die Frage stellen, wessen Kommentare sie wünschen und wessen Kommentare eben nicht. Und am Ende sind sie dann in der Lage einen Slogan zu formulieren, der wie Werbung für die eigenen Kommentarbereiche funktioniert.

4. Wo es kein draußen gibt, wird niemals ein drinnen entstehen
Bisher ist die Klage über die mangelnde Qualität der Internet-Diskussionen oft darauf beschränkt, festzustellen, welche Kommentare man nicht möchte. Aber ohne das positive Beispiel wird sich keine Haltung formen lassen, die wie der Slogan eines Magazins, ein Drinnen und ein Draußen definiert. So wie das gemeinsame Interesse der Nutzer eines Fachforums dafür sorgt, dass zum Beispiel Angel-Freunde nicht plötzlich über die Vorteile eines 16-Zylinders diskutieren müssen, würde eine verbindene Community-Haltung auch aus dem Ruder laufende Netz-Debatten befrieden können. Denn an einem Ort, den die Diskutanten als ihren eigenen verstehen, setzen sie sich selber zur Wehr, wenn Störenfriede eindringen. Für die Ordnung an einem Ort, der ohnehin nicht gepflegt wird, fühlt man sich hingegen erstmal nicht zuständig.

Damit eine solche Gemeinschafts-Haltung entstehen kann, ist es unabdingbar notwendig, die gesichtslose Leserschaft als Community zu denken, die sich nicht einzig über Inhalte versammelt, sondern auch über Funktionen – wie zum Beispiel Leserkommentare.


5. Institutionen antworten nicht, Menschen schon

Aber auch die profesionellen Akteure müssen aus der Gesichtslosigkeit heraustreten. Journalistinnen und Journalisten müssen als Menschen aktiv in den Dialog eintreten, sonst wird dieser nicht gelingen. In dem Text Kommunikationskultur: Beherrsche dich, Nutzer! schildert ein Spiegel-Online-Autor wie er dann und wann die Leserpost Ernst nimmt, die ihn erreicht:

Manchmal mache ich mir den Spaß und beantworte so eine Schmiererei. Meistens beginnt meine Mail mit diesem Satz: “Sehr geehrter Herr XYZ, vielen Dank für Ihre konstruktive Kritik, aber…” Nicht selten folgt darauf eine Antwort, die so klingt: “O sorry, wer ahnt denn, dass das jemand liest.”

Wenn die kommentierenden Leser nicht mal ahnen, dass sie gelesen werden, wird ihnen umgekehrt nur schwer zu vermitteln sein, warum sie sich in dem, was sie schreiben, an Anstandsregeln halten sollen. Geschweige denn, warum sie mithelfen könnten, den Anstand in einem Diskussionsforum zu wahren. Diese Ahnung jedoch wird sich nur vermitteln, wenn man als Journalist antwortet.

Dazu muss man vielleicht die These von Heribert Prantl wörtlich nehmen, der schrieb, das Blog eines Journalisten sei seine Zeitung, sein Magazin oder sein Sender:

In jedem professionellen Journalisten steckt ein Blogger. Der Blog des professionellen Journalisten heißt FAZ oder SZ, Schweriner Volkszeitung oder Passauer Neue Presse, Deutschlandfunk oder Südwestradio. Der sogenannte klassische Journalist hat dort seinen Platz, und er hat ihn in der Regel deswegen, weil er klassische Fähigkeiten hat, die ihn und sein Produkt besonders auszeichnen.

Wenn die in der Art bloggenden Journalisten dann auch mit Leserkommentaren und Bezügen umgingen, wie es Blogger gewöhnlich tun: es entstünde ein etwas anderes, womöglich debattenfreundlicheres Klima.

Vergangene Woche jedenfalls lieferten sich die beiden Feuilletonisten Steinfeld und Seidl in der SZ und in der FAS ein durchaus amüsantes Duell, das etwa so ging: Steinfeld schrieb in der SZ über Charlotte Roches neues Buch (er findet es nicht gut), Seidl tat gleiches in der FAS (er findet es besser), stichelte dabei aber gegen den Kollegen und dessen Ausführungen über Sex. Man kann das leider im Netz nicht nachverfolgen, weil Seidls Besprechung nicht online steht. Stünde sie im Netz und würde sie wie ein Blog behandelt, man hätte unter den Texten (neben anderen Kommentaren) die Bezüge (Backlinks) der beiden Journalisten lesen können. Womöglich hätten sie sogar in den Kommentarfeldern weiter gestichelt – und den Lesern, die vielleicht auch kommentieren wollen, so ein positives Beispiel fürs Kommentieren gegeben. Sie hätten deren Fragen beantworten können und einem wirklichen Dialog den Weg ebenen können.


Freundschaft fotografiert von TrevinC unter CC-Lizenz auf Flickr.

6. Nicht der Klarname, sondern die soziale Gruppe sorgt für Qualität
Für einen solchen Dialog sind Klarnamen übrigens in Wahrheit ganz und gar nicht wichtig. Das Beispiel mit der vermeintlich verbesserten Kommentarqualität auf Facebook darf nicht täuschen. Johannes Kuhn hat bereits auf den Fall Manuel Neuer hingewiesen, der auf Facebook mit Klarnamen-Kommentaren zu kämpfen hatte, die man bei Besinnung nicht mal völlig anonym schreiben würde. Dazu kam es, weil die dergestalt Schimpfenden in ihrer sozialen Gruppe (auf Facebook “Freunde”) womöglich sogar Unterstützung für ihren Neuer-Hass zu erwarten hatten. Und in dieser sozialen Gruppe liegt der Schlüssel für die Qualität von Kommentaren (ja auch für den Mangel). Denn nur in der Gruppe muss ich für Aussagen gerade stehen (egal, ob mit Pseudonym oder Personalausweis-Namen). Wenn Leser aber das Gefühl haben, ihre Kommentare würde nicht mal gelesen, funktioniert auch keine Gruppen-Kontrolle. Völlig egal, unter welchem Namen sie schreiben.

Mehr zum Thema:

>> Danah Boyd über “Real Names” Policies

>> Johannes Kuhns Kommentar zur Anonymitäts-Debatte

>> eine Übersicht der Kommentare, die Gott in seinem Schöpfungsblog bekäme

>> Der Online-Talk auf Dradio-Wissen.

>> Die Klarnamen-Debatte bei Breitband

>> Kathrin Passig über den Salon der schlechten Laune.

Um die Debattenkultur also zu heben, muss es gelingen, Gruppen zusammenzuführen. Leserschaften zu formen. Communitys zu bauen. Das ist keineswegs so neu, wie es klingen mag. Zeitungen funktionieren seit jeher nach diesem Prinzip. Hier ein Blatt für die eher konservativ Denkenden, dort eines für die links-liberalen. Anfangs funktionierten Zeitungen ja sogar als Parteiorgane. In einer Zeit, in der deren Bindungskraft zu schwinden scheint, ist es vielleicht eine gute Möglichkeit für Zeitungen, Leserschaften als Nutzerschaften zu binden. Ihnen eine gemeinsame Haltung oder Weltsicht zu vermitteln (jedenfalls eine Verbindung) und so eine für Netz-Debatten einende Sprache zu geben.

Zukunft fotografiert von Andrew Coulter Enright auf Flickr unter CC-Lizenz.

Oh, was ist denn da los? Der Tagesanzeiger will erfahren haben, dass das Wall Street Journal nach Deutschland kommt. Nicht als Papier-Ausgabe, sondern als Online-Version. Murdochs Zeitung drängt damit in den Markt, dessen Führerschaft ebenfalls gerade Handelsblatt.com mit einer Online-Offensive angekündigt hat (“eindeutig”). Deshalb haben die Chefs dort Menschen im Auge, die jetzt auch andernorts in Arbeit kommen: Social Media Experten.

Spiegel-Online kündigt an, ab kommender Woche eine Social-Media-Redakteurin zu beschäftigen. Die taz stellt zwei Community-Manager ein, die sich um deren Facebook-Profil “aber auch für die Weiterentwicklung der Kommentarfunktion auf taz.de” kümmern sollen.

Kündigt sich da nach dem Relaunch-Sommer von vor zwei Jahren wieder Bewegung im deutschen Web an? Man wird sehen.