Alle Artikel in der Kategorie “Pop

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Publizistische Marken werden Medien

Gestern abend hat Jürgen Todenhöfer dieses Foto auf Facebook gepostet – mit diesem Text:

Liebe Freunde, heute Nachmittag bin ich aus dem “Islamischen Staat” zurückgekehrt. Die erforderlichen Sicherheitsgarantien hatte ich in monatelangen Skype-Gesprächen mit der Führung des ‘Kalifats’ ausgehandelt. Angeblich war ich der erste westliche Publizist der Welt, der den “Islamischen Staat” besuchen konnte.

Nach zwanzig Stunden wurde das Bild bereits fast 30.000 Mal mit “gefällt mir” versehen, fast viertausend Facebook-Nutzer haben den Beitrag mit ihren Freunden geteilt. Und das obwohl man noch gar keine Inhalte von dem Besuch lesen kann. Der Beitrag endet mit den Worten:

In den nächsten Tagen werde ich Euch nähere Einzelheiten meiner zehntägigen Recherchen im “Islamischen Staat” mitteilen. Jetzt aber bin ich erst einmal hundemüde.

Ende November schrieb die Welt auf ihrer Website, der ehemalige Bundestagsabgeordnete (CDU) und Medienmanager (Burda) plane, den IS zu besuchen. Das hat der Buchautor (Du sollst nicht töten. Mein Traum vom Frieden) nun offenbar getan: “Meine 10 Tage im Islamischen Staat” ist das Foto überschrieben, das einzig auf Facebook erscheint. Eine klassische publizistische Begleitung über Webseiten oder Magazine ist mir bisher nicht aufgefallen.

Ich schreibe das auf, weil ich bei dem Facebook-Post an das Medienengagement von Mario Götze denken musste: Der Fußballprofi verfolgt erkennbar und wie viele andere die Strategie, vom Inhalt der Berichterstattung selber zu einem Berichterstatter zu werden. Der Fall von Jürgen Todenhöfer scheint vergleichbar gelagert zu sein: Der “angeblich erste westliche Publizist der Welt”, der den Islamischen Staat besucht, berichtet darüber – auf Facebook.

Mehr zum Thema in den Digitalen Notizen: Marken werden zu Medien

Update:
Ein Interview mit den Tagesthemen – verbreitet über Facebook

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A Declaration of the Independence of Cyberspace – Vinyl Edition

Ein schöner Anlass, um diesen Text auf die Agenda zu holen: Für 50 Dollar kann man hier eine Vinyl-Version der Declaration of the Independence of Cyberspace von John Perry Barlow kaufen:

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Der berühmte Text aus dem Jahr 1996 beginnt auf deutsch mit den Worten, die vor dem Hintergrund der Snowden-Enthüllungen ganz anders wirken:

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Laßt uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.

via Boing Boing & Nerdcore

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Das Ende des Datenträgers

In einem Interview mit dem Branchen-Magazin Horizont äußert sich der Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt zur Veränderung im Journalismus durch die Digitalisierung. Gabor Steingart sagt:

Ich finde, wir beschäftigen uns zu viel mit der Frage, auf welcher technischen Plattform wir unsere Inhalte präsentieren. Dabei ist die Technik doch nur ein Instrument der Übermittlung. So wie es keine vinyle Musik gibt, gibt es für mich auch keinen printigen Journalismus. Vinyl ist nur ein Tonträger wie viele andere.

Das klingt klug und beruhigend: Der Inhalt – vermittelt diese Perspektive – bleibt unverändert. Die Digitalisierung betrifft ihn (und seine Produzenten) nur indirekt: Der Inhalt sucht sich bei aller Veränderung um ihn herum nur ein neues Transportmittel, lässt sich also von einem neuen (Daten-/Ton-)Träger zum Publikum transportieren.

Was aber wäre, wenn die digitale Kopie die Idee des Datenträgers obsolet gemacht hätte? Wenn Inhalte nicht mehr getragen werden müssen, sondern fließen? Wenn die Inhalte sich im digitalen Ökosystem also sehr wohl verändern müssen – und damit auch jene, die sie produzieren? Was wäre also, wenn ein Online-Lexikon nicht einfach nur ein neuer Datenträger für die früher gedruckten Inhalte ist, sondern eine komplett neue Idee namens Wikipedia?

Wenn das so wäre, müssten wir Kultur und unsere Inhalte vielleicht wie Software denken und wir müssten feststellen: Wir beschäftigen uns noch viel zu wenig mit der Frage, wie die Technik unseren Beruf verändert.

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loading: Kulturbox

Eine Gemüsekiste für Kultur – das will die von Nadja Dumouchel, Alexander Brauch und Alain Bieber erfundene Kulturbox bieten. Das Crowdfunding für das besondere Angebot ist dieser Tage auf Startnext gestartet.

Nadja Dumouchel hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht ihr?
Inspiriert vom Prinzip der Gemüsekiste liefert die KULTUR.BOX einmal pro Quartal eine Auswahl regionaler, saisonaler und unabhängiger Kulturgüter wie z.B. Bücher, Magazine, Filme, Musik, Veranstaltungen und Kunstobjekte, bequem per Post nach Hause. Wir bieten Orientierung in der vielfältigen, deutschlandweiten Kulturlandschaft, indem wir gemeinsam mit lokalen Experten aus jedem Bundesland ein sorgfältig kuratiertes und liebevolles Angebot der schönsten Kulturgüter für euch zusammenstellen. Wir garantieren eine Box voller Überraschungen und Inspiration.

Warum macht ihr es (so)?
Durch die Globalisierung kommt es immer stärker zu einer Homogenisierung von Kulturen und Lebensstilen. Die KULTUR.BOX unterstützt unabhängige Verlage, freie Künstler und Musiker und damit eine kulturelle Vielfalt. Und kulturelle Vielfalt schafft eine reiche und vielfältige Welt, stärkt Demokratie, Toleranz, soziale Gerechtigkeit und gegenseitigen Respekt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Unsere Zielgruppe sind alle Menschen, die sich für Kulturgüter abseits des Mainstreams interessieren. Alle kulturinteressierten Menschen, die entweder keine Zeit haben, sich selbst auf dem Laufenden zu halten, was gerade in der Indie-Szene aktuell ist oder Lust haben, von Kuratoren und Experten sich die besten Kulturperlen zeigen zu lassen. Alle, die das Urbane und Szenige hinter sich lassen mussten, weil sie heute die meiste Zeit arbeiten oder sich um ihre Familie kümmern – trotzdem aber Insider bleiben möchten. Alle, die schon lange kein Buch mehr gelesen haben und sich wieder Zeit dafür nehmen möchten. Alle, die ein schönes Geschenk machen möchten.

Wie geht es weiter?
Anfang 2015 kommt für die ersten Kulturbox-Förderer die erste Best-of-Deutschland Box bequem nach Hause geliefert, mit folgenden Kulturgütern:

Sarah Schmidt: “Eine Tonne für Frau Scholz”, Verbrecher Verlag, Berlin, 2014 // LITERATUR
Klebstoff 8, November 2014, International Neighboorhood Verlag, Leipzig // ILLUSTRATION
HGich.T: “MEGABOBO”. CD, November 2014, Tapete Records, Hamburg // MUSIK
Eine Freikarte für “Shorts Attack“. Die volle Ladung Kurzfilm von interfilm Berlin // FILM

Ab dem zweiten Quartal 2015 gibt es dann für jede Region in Deutschland die jeweils passende Kulturbox.

Was sollten mehr Menschen wissen?
In ganz Deutschland gibt es großartige Independent-Labels, unabhängige Verlage und Vereine, in denen Künstler, Filmemacher, Illustratoren, Designer und Musiker mit viel Herzblut und Leidenschaft großartige Kulturgüter abseits des Mainstreams produzieren. Die KULTUR.BOX möchte jene sichtbar machen, die oftmals in der Masse untergehen.

////// Hier die Kulturbox auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:
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Lauer, Lobo und die Sache mit dem Urheberrecht

In der heutigen Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung machen Christopher Lauer und Sascha Lobo Werbung für ein Buch, das sie geschrieben haben und das man ab dem morgigen Montag lesen kann – einzig auf der von Sascha Lobo betriebenen Plattform Sobooks. Diese Plattform wird – so eine Ankündigung von der Buchmesse – sehr eng mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kooperieren.
Im Rahmen des Interviews wird das nicht erwähnt.

Im Rahmen des Interviews sagt Sascha Lobo:

Wir stellen im Buch die These auf, dass der Wutanfall des Schriftstellers Sven Regener in einem Radiointerview über das Urheberrecht im März 2012 der Auslöser des Niedergangs der Piratenpartei war. Dieser Wutanfall hat die Unzufriedenheit der Künstler so massiv in die Öffentlichkeit gebracht, worauf die Piraten dann auch noch oft patzig und ohne ernsthafte Alternativen reagierten.

Man kann erst ab Montag 12 Uhr überprüfen, wie die beiden ausgerechnet darauf kommen. Immerhin waren fünf Wochen vor Regeners Wutanfall europaweit soviele Menschen gegen das Anti-Piraterie-Abkommen (ACTA) auf die Straße gegangen, dass die Tagesschau ihre Sendung vom 11. Februar 2012 mit demonstrierenden Piraten eröffnete.

Was man auch ohne Lektüre des Buches feststellen kann, ist dass Lauer und Lobo ein bemerkenswertes Narrativ in die Frage nach einem angemessenen Immaterialgüterrecht im digitalen Zeitalter bringen. Christopher Lauer sagt beispielsweise:

Ich bin beim Schreiben des Buchs noch mal richtig aggressiv geworden wegen dieses Irrsinns der Urheberrechtsdebatte und des Unverständnisses, das die Piraten kunst- und kulturschaffenden Menschen entgegengebracht haben.

Was im Rahmen dieses Interviews übrigens ebenfalls nicht erwähnt wird: Dass die Sache mit dem Urheberrecht keineswegs geklärt ist. Heute wird das Urheberrecht nur nicht mehr in Forderungen von Piraten in Frage gestellt, sondern im Handeln von Abmahnanwälten. Eine Debatte über das Thema ist dringender denn je!

Das Buch heißt “Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei” und ich habe es bereits gekauft.

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Marken werden Medien

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Vier Stunden vor dem gestrigen Spiel gegen die TSG Hoffenheim postete der Account des FC Bayern Profis Mario Götze das obige Motiv auf Instagram. Innerhalb von sechzig Sekunden, reagierten 1990 Instagram-Nutzer mit einem “gefällt mir” auf das Motiv, das darauf hinwies, dass der gestrige Samstag ein Matchday genannter Spieltag sei.

Das Tempo der Begeisterung lies innerhalb der ersten Viertelstunde etwas nach. Statt 33 Likes in der Sekunde, klickten bis zur 14ten Minute durchschnittlich zwanzig Nutzer innerhalb einer Sekunde auf “gefällt mir”. Bis zum Anpfiff hatte sich die Anzahl der Likes für das Instagram-Motiv auf fast 92.000 summiert. Das ist drei Mal soviel wie Götzes Bild bis jetzt (fast 24 Stunden später) auf Facebook erzielt hat. Als Götze das 1:0 im Stadion in Fröttmaning erzielte, war die Zahl der Likes bei rund 100.000. (Zur Detailansicht auf das Bild klicken)

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Der Mann, dessen Name sich nur in einem Buchstaben von Goethe unterscheidet, hat 2,2 Millionen Instagram-Accounts hinter sich versammelt. Das ist viel, aber auch nicht ungewöhnlich für einen Spieler dieser Bekanntheit. Immerhin ist er Schütze des Siegtors im WM-Finale – und wie das aktuelle 11Freunde-Cover erinnert “der bessere Messi”.

Das Spiel gegen Hoffenheim war als Spitzenspiel in der derzeit mittelspannenden Bundesliga angekündigt, endete aber eindeutig mit 4:0 für den FC Bayern. Es darf also in Sachen Instagram-Analyse als gewöhnlich gewertet werden.

Und deshalb schreibe ich das überhaupt auf: In einem durchschnittlichen Bundesligaspiel erreicht ein Profi des Rekordmeisters mit einem durchschnittlichen Instagram-Motiv im November 2014 über 100.000 Likes – wobei ich die Zahl der Likes als Annäherung für ein bewusstes Erreichen von Zuschauern werte. Gesehen haben das Motiv vermutlich sogar noch entschieden mehr Menschen.

Mario Götze ist nicht mehr nur Spieler einer Fußball-Mannschaft oder Werbeikone für Unternehmen – er ist selber ein Medium. Im Frühjahr 2009 schrieb ich für die SZ über die Twitterwette zwischen Ashton Kutcher und CNN und die Frage, warum prominente Menschen Social-Media-Dienste nutzen (ja darüber wunderte man sich damals)

Damit ist die behauptete Demokratisierung der Publikationsmittel durch das Internet nun bei denen angekommen, die schon immer in der Öffentlichkeit standen: Ashton Kutcher und alle anderen VIPs, die twittern, nutzen die Kurzmitteilungsplattform, um die Macht darüber zurückzugewinnen, was und wie über sie berichtet wird. Wenn Kutcher Bilder vom angeblichen Hinterteil seiner Ehefrau ins Netz stellt, verlieren alle Paparazzi-Schnappschüsse mit ähnlichen Motiven ihren Wert. Kutchers Botschaft lautet: Näher und authentischer kann niemand über mein Leben berichten als ich selbst.

Fünfeinhalb Jahre muss man festhalten, dass der Prozess auf einer neuen Stufe angekommen ist: Marken werden Medien. Das Beispiel der Marke “Mario Götze”, die übrigens auch eine Website betreibt, die so aussieht wie ein Fußballmagazin, zeigt dies nicht nur auf dem Kanal Instagram gerade sehr deutlich. Das Medienkonzept hinter dem Fußballer wird unter dem Hashtag #partofgoetze in allen digitalen Kanälen (Web, App, Social-Media) gebündelt – und wirft die Frage auf: Wie reagieren Medien auf diese Entwicklung?


Update:
David Bauer weist mich auf ThePlayersTribune hin.

Lesesalon in der Kritik

Seit ich über die Idee spreche, Kultur als Software zu betrachten, höre ich eine Form der Kritik immer wieder: Es ist der Zweifel am Mehrwert, der durch die Teilnahme am Entstehungsprozess erlebbar wird. “Lohnt sich das denn?” fragen die Kritiker immer wieder und weisen daraufhin, dass es ja gar nicht so spannend sei, mitzuverfolgen wie ein Buch oder wie gerade eben eine Buchkritik entstehe.

Die Antwort auf diese kritische Nachfrage bleibt Ansichtssache. Meine Annahme: Für manche mag es sich lohnen, die größere Nähe zu einem Produkt durch Teilnahme am Prozess zu erleben. Es gibt sicher auch Menschen, die diesen Aufwand nicht als lohnend anssehen, aber darum geht es nicht. Es geht um die Frage, ob es Leser gibt, die es wertschätzen, an einem Prozess teilnehmen zu können. Um die Frage also, ob in dem geschlossenen Raum der Teilhabe etwas entsteht, was interessant, wertvoll, spannend sein kann. Ich glaube daran und habe heute in einer Kritik des gerade abgeschlossenen Projekts Süddeutsche Zeitung Lesesalon einen Beleg dafür gefunden.

In der NZZ wird das Experiment beschrieben und bewertet und der von “ras.” verfasste Text kommt zu diesem Schluss:

Die 100 Rezensenten hätten, so schreibt die «SZ», auf hohem Niveau und in stets sachlichem Ton debattiert. Von der Diskussionskultur und deren Dynamik bekommt der aussenstehende Leser jedoch wenig mit. Vom allfälligen Gefühl der Befriedigung durch das Mitmachen bleibt das grosse Publikum ausgeschlossen. Die Redaktion listet – in der Art von Klappentexten – ein paar Zitate aus Leserreaktionen auf. Kaum etwas erfährt man aber darüber, an welchen Passagen sich die Leser rieben, wo die Meinungen besonders auseinanderdrifteten. (…) Im Online- Salon der «SZ» zu diesem Buch fehlen wiederum die Lebendigkeit und die Unterhaltsamkeit einer Debatte am Radio oder im Fernsehen. Wie so oft bei Experimenten im Internet bleibt die Kluft zwischen technischen Möglichkeiten und effektivem Nutzen gross.

Auch wenn ich den letzten Satz nicht verstehe, freue ich mich über dieses Urteil: es belegt meine These, dass etwas fehlt wenn man NICHT dabei ist. Dem Experiment nun vorzuwerfen es habe keinen Nutzen wenn man nicht mitmacht, erscheint mir unlogisch. Das ist so als würde man nach einem Spiel vor einem Fußballstadion stehen und beklagen, dass die Stimmung sich dort (vor den Toren und nach Abpfiff) nur schwer vermittelt. Das Schöne an dieser Haltung: sie erkennt an, dass es IN dem Stadion etwas gab, was spannend, interessant und wertvoll war – und dabei liefert sie ein Argument gegen die eingangs zitierte Kritik an der Idee, nicht nur auf die Produkte kulturellen Schaffens zu blicken, sondern auch auf deren Entstehung.

Mehr über mein Buch “Eine neue Version ist verfügbar” und über den Süddeutsche Zeitung Lesesalon, der die Idee, Kultur als Software zu verstehen in einem Experiment in die Tat umsetzte.

In eigener Sache: Icebucketchallenge im Lesesalon

Der Zufall ist manchmal der beste Planer. Jedenfalls ist es (erneut) dem Zufall zu verdanken, dass nach meinen Blogeintrag “In eigener Sache: Harlem Shake im Lesesalon” von Anfang Oktober, nun erneut die beiden Themen zusammenfallen. Der Süddeutsche Zeitung Lesesalon, den ich Anfang Oktober mit dem Buch “Makers” von Chris Anderson gestartet habe, hat mit der morgigen Ausgabe der SZ sein erstes Ziel erreicht: Gemeinsam mit 100 Leserinnen und Lesern habe ich das Buch gelesen – und besprochen. Dabei hat uns die Software DBOOK große Dienste erwiesen – und sich als guter erster Ansatz zur Frage nach einer tauglichen Schreib-, Versions- und Annotationssoftware erwiesen.

Die #lesesalon Autorenzeile morgen in der SZ

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto on

Am Tag, an dem die Besprechung nun erscheint, sendet ZDFinfo die zweite Folge des Internet-Meme-Formats “15 Minutes of Fame”, das Tim Klimes erfunden hat – und mich (wie beim Piloten zum Harlem Shake) erneut als Berater und Teilnehmer engagiert hat. Diesmal zum Phänomem “Icebucketchallenge”.

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Wer nicht bis 0:20 Uhr wach bleiben möchte, kann die Folge hier in der ZDF-Mediathek anschauen
und hier kann man die Besprechung von “Makers” nachlesen.

Update: hier ein paar Links zum Lesesalon der SZ
>>> Altpapier: Mach mit, mach’s nach, mach’s besser
>>> dpa: SZ veröffentlicht Buchbesprechung mit 100 Lesern
>>> WDR3: Die Zukunft des Lesens und Schreibens?

Die Zukunft ist schon da …

Die Tatsache, dass Veränderungen allmächlich und dann plötzlich geschehen, bedeutet auch, dass die Zukunft bereits heute sichtbar ist – oder um es mit Williams Gibbson zu sagen: Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt.

Wir sehen heute schon Vorboten dessen, was uns übermorgen normal erscheinen wird – zum Beispiel wenn wir auf die Website der Band They Might Be Giants klicken – unter tmbgifc.com findet man den Instant-Fanclub der Band, der sowas wie ein Abo für Musik ist und vielleicht ein Vorbote auf die Zukunft von Musikdistribution im Web.

Auf der Seite kann man für 98 Dollar Mitglied eines Fanclubs der Band werden – dafür bekommt man wöchentlich einen Anrufbeantworter-Song der Band. Eine Aktion, die TMBG schon vor Jahren erfunden haben und nun neu interpretieren. Sowie zwei Tickets zu einem Konzert und mehrere Alben.

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Doch damit nicht genug: die Band, deren Wikipedia-Eintrag einen eigenen Hinweis enthält, dass sie als erste Major-Band auf MP3 setzte, nutzt die Möglichkeiten des Digitalen und bietet zusätzlich eine Premium-Fanclub-Mitgliedschaft für 250 Dollar an: für den Betrag wird man Super President im Fanclub und erhält zusätzlich zwei Vinyl-Platten und eine limitierte Version des Albums Flood. Das Besondere: die Aktion ist auf 2500 Mitglieder begrenzt und endet spätestens am 5. Januar 2015.

Für mich ist die Aktion aus drei Gründen ein Vorbote auf die Zukunft von Inhalten im Web:

1. Es geht um Teilhabe, nicht (nur) um Content. Hier wird der Zugang zu einem Netzwerk und nicht lediglich der Besitz an einem Werk verkauft. In “Eine neue Version ist verfügbar” hat Wolfgang Ulrich dies als Bewegung vom “Werkstolz hin zum Netzwerkstolz” beschrieben. Die Mitgliedschaft in einem Club als Fortentwicklung des Verkaufs von Platten illustriert sehr anschaulich, was dies konkret bedeutet. Egal ob man es Membership-Journalismus oder Leserclub nennt. Ein Aspekt der Zukunft wird im Vernetzen liegen.

2. Wertschätzung kommt vor Wertschöpfung: Die Idee des Super President steht für eine Entwicklung, die ich als das Ende des Durchschnitts bezeichnen würde. Es gibt nicht nur ein Angebot für alle, sondern mehrere, die sich an der Wertschätzung der Teilnehmer orientieren. Wer ein besonders fanatischer Fan ist, kann mehr bekommen als der Durchschnittfan: er kann Super President werden. Solche Angebote richten sich nicht an die breite Massen – und eben deshalb sind sie wertvoll.

3. Was verknappt wird, wird wertvoller: Dass nur 2500 Mitglieder Fan im Fanclub werden können, ist eine besondere Stärke dieser Gemeinschaft. Es belohnt diejenigen, die sich früh entscheiden und betont den Unterschied zwischen drinnen und draußen. Nur wenn es diese Differenz gibt, kann eine Mitgliedschaft in einem Club wertvoll erscheinen.

Mehr dazu unter vomkontext.de

Lob der Kopie: Kutiman

Mit diesem Ankündigungsclip hat der israelische Künster Kutiman in dieser Woche sein neues YouTube-Album vorgestellt: Thru You Too ist die Fortsetzung von Thru You, mit dem Kutiman 2009 für Aufsehen sorgte. Damals zeigte er sich im Erklärclip noch selber:

Das Prinzip seiner Arbeit hat sich in den vergangenen fünf Jahren aber nicht geändert: Der Mann, der mit bürgerlichem Namen Ophir Kutiel heißt, nimmt Webvideos und bastelt diese neu zusammen. Das ist Mashup-Kunst auf hohem Niveau: “Erneut gelingt es Kutiel, aus teilweise obskuren Einzelvideos zusammenhängende Lieder zu komponieren”, schreibt Eike Kühl im Netzfilmblog bei Zeit-Online. “Kutimans Ansatz ist nicht neu, folgt er doch der Tradition des Samplings, das vor allem im Hip-Hop und der elektronischen Musik seit Jahrzehnten verbreitet ist. Doch mit Thru You gelang es ihm mithilfe von YouTube, den Samples ein Gesicht zu geben. Denn tatsächlich entfalten die Songs erst gemeinsam mit den Videos, im Zusammenspiel mit dem Ausgangsmaterial ihre Wirkung.”

Für die Tagesschau hat Stephanie Stauss den 32-Jährigen im Süden Israels besucht, der Beitrag gibt einen interessanten Einblick in die Arbeit des Musikers, der in der New York Times ebenso vorgstellt wird wie bei Nerdcore, LaughingSquid oder Slate.

kutiman

Kutiman nimmt zwar (ungefragt) Clips aus dem Netz, er dokumentiert aber eindrücklich aus welchen Quellen er sich bedient. Durchs diesen Rückgriff auf Bestehendes erstellt er Neues. Ein Prinzip, das nicht nur Leser von David Shiels “Reality Hunger” oder Hörer von Girl Talk erfreut.