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loading: SENtypha

Entwicklungshilfe, die greift – das ist das Ziel von Heidi Schiller. Deshalb hat sie jetzt ein Crowdfunding-Projekt auf Startnext begonnen, das den Titel „Ökobaustoff sucht Erntehelfer“ trägt. Dazu beantwortet sie hier den loading-Fragebogen

Was macht Ihr?
Aus Schilf im Senegal einen Ökobaustoff. Das Projekt SENtypha will Wege finden, Schilfrohr im Senegal als Rohstoff zu gewinnen, von dem wir schon wissen, dass es ein ökologisches Multitalent ist – nur gibt es noch keinen Weg, es wirtschaftlich zu ernten. Das wollen wir ändern.
Entlang des Senegal-Flusses wachsen riesige Mengen des Schilfrohrs „Typha Australis“. Dieses Rohr ist ein Wunderding – aber auch eine Last. Einerseits nämlich wissen wir, dass es ein hervorragender Rohstoff für qualitativ hochwertige, ökologische Baumaterialen und vieles weitere ist. Andererseits aber wuchert es im Senegal-Fluss Schifffahrtswege zu und bedroht die Trinkwasserversorgung der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Das Problem: Bislang gibt es keine Möglichkeit, Typha im großen Stil zu ernten. Lokale Wertschöpfung, Arbeitsplätze vor Ort, ökologisches Bauen – all das ist bislang nur eine theoretische Option.
KAITO will einen Weg finden, die Ernte effizient und nachhaltig zu organisieren und Produktionseinheiten aufzubauen. So wollen wir den Menschen vor Ort eine Perspektive bieten. Den Anfang macht eine Crowdfunding-Kampagne, die bis zum 5. August auf Startnext läuft.

Warum macht Ihr es (so)?
– Wir sind vom Potenzial des Baustoffs überzeugt.
– Wir wollen hunderte Arbeitsplätze schaffen! Denn Typha ist eine Jobmaschine für eine ziemlich arme Region. Die Ergebnisse aus den Vorarbeiten einfach abzuheften und in Ordner ins Regal zu räumen, wäre eine vertane Chance – für die Menschen vor Ort, aber auch für Investoren, die neben der Rendite auch auf den Social Impact schauen.
– Wir kennen den Senegal, die Verhältnisse und Strukturen seit 10 Jahren aus der Unternehmer-Perspektive.
– Für Banken ist das Vorhaben zu riskant, für Investoren liegen noch zu wenig Zahlen vor (die erstellen wir mit dem Geld aus dem CF), für öffentliche Förderungen fallen wir durchs Raster: zu klein, zu lange im Senegal, zu viele Vorarbeiten schon geleistet, passt nicht unter die Überschrift des Programms … Das können wir durchaus nachvollziehen, den Leuten vor Ort bringt das aber alles nix. Ergo neuer Weg: Crowdfunding!
– Was die Kampagne „spannend“ macht, um mal Markus Sauerhammer zu zitieren: Wir gehen eigentlich mit einem B-to-B-Thema ins klassischerweise B-C-Crowdfunding. Anschließend kommt schon eine Investment-Phase, die Projektentwicklung über CF zu finanzieren, ist aber ein Novum.

Wer soll sich dafür interessieren?
– Alle, die aktiv Fluchtursachen bekämpfen wollen: Niemand flieht ohne Grund. Kein Job ist ein Grund. Mit 100 EUR ist ein Job geschaffen!
– Menschen, die einem neuen Ökobaustoff zum ersten Schritt auf der Karriereleiter verhelfen wollen.
– Leute, die Entwicklungsländer und deren Menschen als Partner auf Augenhöhe betrachten, und dabei mithelfen, vorhandenes Potenzial wirtschaftlich nachhaltig zu nutzen
– Alle, die angefangene Projekte gern zu Ende denken und tun. Was nützen die schönsten Studien, wenn sie hinterher keiner umsetzt?!
– Naturliebhaber (Der Vogelpark Djoudj im Norden Senegals ist unmittelbar von Typha Australis bedroht, weil die Pflanze immer weiter wuchert und die Wasserflächen zu klein für die Vögel werden. Und ein Vogelpark ohne Vögel … Der WWF hat schon Alarm geschlagen).

Wie geht es weiter?
– Nach erfolgreichem CF ermitteln wir auf Probe-Erntefeldern in unterschiedlichen Umgebungen (Flussufer, Sumpfgebiet davor, Bewässerungskanäle) geeignete Erntemethoden, suchen passende Maschinen und ermitteln die Zahlen für ein wirtschaftliches Mengengerüst. Daraus erstellen wir einen Bildband (für unsere Unterstützer) + Zahlenwerk (für Investoren).
– Es folgt dann die Gründung einer lokalen Firma, die den Prozess Ernte – Trocknung – Faseraufbereitung professionell umsetzt. Hierfür suchen wir dann Investoren als Gesellschafter oder Darlehensgeber.
– Eine erste Produktionseinheit für Fertighausplatten könnte zB pro Tag ein Low-Cost-Haus für den lokalen Markt produzieren. Der Bedarf ist enorm!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Was mich am meisten antreibt bei dem Projekt, ist der Wille, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, sondern vorliegende Kenntnisse „super Material!“ auch in die Tat umzusetzen. Wenn wir es schaffen, unsere Idee auf viele Unterstützer zu übertragen, sie mitzunehmen und zu begeistern, können wir konkret hunderte lokale Jobs schaffen – und damit eine Perspektive vor Ort schaffen, die für einige die so sehnsüchtig gesuchte Alternative ist zur Flucht nach Europa. Ich glaube fest daran, dass konkrete Projekte – bei allem Risiko, das dabei ist – den Menschen vor Ort das meiste bringen. All die aufwändig recherchierten Studien sind eine wichtige Basis, die aber nur dann etwas nützen, wenn sie das Licht der praktischen Umsetzung erblicken und nicht im Regal stehen bleiben!


SENtypha hier auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


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Kulturpragmatismus

Dieser Text ist Teil die Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Die Welt“, sagt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon, „ist unendlich viel interessanter als irgendeine meiner Ansichten darüber.“ Nixon beschreibt damit die Haltung, aus der heraus er seine fotografischen Arbeiten angeht, die Art und Weise wie er die Wirklichkeit bannen und abbilden will. In diesem Satz steckt aber etwas, was ich weit über das künstlerische Schaffen des Fotografen hinaus bedeutsam halte. In diesem Zitat manifestiert sich eine Haltung zur Welt, die ich Kulturpragmatismus nennen möchte. In Abgrenzung zu begeisterter Zukunftsgläubigkeit und resignierter Vergangenheitsverklärung zeichnet sich der Kulturpragmatismus durch die Fähigkeit aus, die eigene Bewertung der Welt und ihrer Entwicklung nicht so wichtig zu nehmen. Kulturpragmatiker sind neugierig, wo Pessimisten und Optimisten (so oder so) meinungsstark sind. Sie stellen die Frage nach einem grundlegenden Verstehen von Entwicklungen vor die eigene Einschätzung über deren Folgen. Denn sie glauben, dass die Welt (und das Verstehen ihrer Entwicklung) interessanter ist als die eigenen Meinungen und Bewertungen.

Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.

Diese Haltung wird nicht nur wegen der vermeintlichen oder tatsächlichen Beschleunigung technischer Entwicklungen und Veränderungen immer bedeutsamer. Auch der größere politische Rahmen – die Brexit-Entscheidung des vergangenen Monats hat dies deutlich gemacht – verlangt nach einem kulturpragmatischen Blick auf die Welt, der erkennt: Das Bewahrende, Rückwärtsgewandte liegt im Trend. Denn die Menschen der westlichen Welt werden immer älter – und niemand hat uns beigebracht, wie man bei diesem Älterwerden Anschluss hält an das, was sich unter den eigenen Füßen verändert. Und da dieses Wissen fehlt, ist es nur verständlich, dass Orientierung einzig im Blick zurück (Take back control) erkennbar zu sein scheint.

Der FAZ-Journalist Volker Zastrow hat das im Herbst 2015 (zu einer Zeit, die fälschlicherweise oft als Flüchtlingskrise bezeichnet wurde) in einem langen und sehr guten Text so beschrieben:

„Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.
(…)
Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen.“

Ich finde den Text, der übrigens als Newsletter verschickt wurde, deshalb so stark weil dieser Beschreibung eben keine direkte Beurteilung folgt. Der Text selber ist aus einer kulturpragmatischen Haltung heraus geschrieben. Er analysiert eine Entwicklung, die man verstehen muss um zum Beispiel zu erkennen, woher das Hadern an der Gegenwart kommt – und damit auch, wie man z.B. den digitalen Graben in dieser Gesellschaft schließen kann. Zastrow folgert:

„Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben.“

Es ist an der Zeit, einen Raum zwischen den Progressisten und den Reaktionären zu öffnen. Einen Raum, der frei ist von Angst und geprägt von einer Haltung zur Zukunft wie sie ein Historiker einnehmen würde. Bruce Sterling hat das in einer sehr frühen Folge des Elektrischen Reporters mal nahegelegt. Darin rät er, weder optimistisch noch pessimistisch über die Zukunft zu sprechen. Schließlich wähle man diese Begriffe auch nicht, wenn man übers 19. Jahrhundert spricht. Stattdessen rät Sterling zum Engagement, zur Teilhabe, zum Einlassen (im Film etwa ab Minute 8)

Meiner Meinung nach ist das beste Symbol für eine solch kulturpragmatische Haltung zur Welt übrigens der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

loading: #incommunicado – das Hörbuch

Fabian Neidhardt beschreibt sich selber als Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf Startnext ist er aktuell als Podcaster aktiv. Für das Projekt #incommunicado bittet er um Unterstützung – deshalb hat er den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was machst du?
Ich will den Roman #incommunicado von Michel Reimon als professionelles Hörbuch produzieren. Michel Reimon hat 2012 seinen Roman, der neben einer spannenden Geschichte quasi nebenher die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis hin zu seinem Problemen mit unserer aktuellen digitalen Welt beschreibt, unter Creative Commons online gestellt. Ich bin Sprecher und möchte dazu beitragen, das Thema noch bekannter zu machen. Also sammele ich Geld, damit ich das Studio für die Aufnahme, den Schnitt und das Mastern bezahlen kann. Danach wird das Hörbuch als kostenloses Creative Commons Hörbuch (CC­BY-SA­NC 3.0) in Podcastform veröffentlicht.

Warum machst du es (so)?
Ich habe genau diesen Podcast schon vor vier Jahren gestartet, aber mir fehlt einerseits die Zeit, andererseits das Equipment, dieses Hörbuch in der Qualität zu produzieren, die ich gern hätte. Deshalb die Crowdfundingaktion.

Wer soll sich dafür interessieren?
Grundsätzlich sollte sich dafür jeder interessieren. Es geht ja darum, wie wir heutzutage mit Kunst und Kreativität umgehen und wie das Copyright damit nicht mehr zusammenpasst. Deshalb brauchen wir ein paar Leute, damit sich noch mehr Leute mit diesem Thema auseinandersetzen können.

Wie geht es weiter?
Aufmerksamkeit generieren. Für die Kampagne und damit auch für das Thema Copyright. Damit solche Fälle wie Kraftwerk vs. Moses Pelham nicht mehr 17 Jahre vor Gericht stehen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Heutzutage wird das Copyright kaum mehr benutzt, um Künstler und ihre Arbeiten zu schützen. Im Gegenteil schränkt es Kunst ein und lässt ganze Kanzleitrauben mit kuriosen Copyrightverletzungen Geld verdienen. Der ganz aktuelle Fall Kraftwerk vs. Moses Pelham zeigt ganz gut, wo das Problem liegt: Das Copyright, wie es offiziell existiert, kann nicht mit der Art, wie wir Kunst konsumieren und produzieren. Daran sollten wir etwas ändern.

>>> Das Projekt #incommunicado auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

tincon_screen

Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

Bildschirmfoto 2016-05-27 um 15.31.22
PDF-Download

Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist

The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

via
Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“

loading: VfL Bochum Fotobuch

Regelmäßige Leser des Blogs wissen: Ich bin Fan des VfL Bochum – und ich interessiere mich für Crowdfunding. Entsprechend begeistert habe ich das Startnext-Projekt VfL Bochum Fotobuch des Fotografen Tim Kramer unterstützt – und ihm direkt danach den loading-Fragebogen geschickt.

Was machst du?
Ein Crowdfunding bei Startnext zur Teilfinanzierung eines Fotobuchs zum VfL Bochum 1848. In dem möchte ich verschiedene Sichtweisen auf Spieler und Verein präsentieren.

Warum machst du es (so)?
Um einen Teil der Produktionskosten decken zu können.

Wer soll sich dafür interessieren?
Angesprochen sind VfL-Fans, die einen Einblick in den Welt der Spieler und den Verein erhalten wollen. Auch darf sich derjenige angesprochen fühlen, der Interesse an der Fotografie hat.

Wie geht es weiter?
Nach Abschluss des Crowdfunding wird im September/Oktober mit der Produktion begonnen. Das finale Werk wird ab Oktober/November über vflbochumfotobuch.de vertrieben.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Was für tolle Menschen wir in der Mannschaft des VfL Bochum 1848 haben und was wir eigentlich für ein großes Glück haben, dass der gesamte Verein und ein Stadionbesuch so ist, wie er ist. Es sollten viel mehr dort mal vorbei schauen an den Spieltagen:-)

>>> Hier das Fotobuch auf Startnext bestellen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Ich verstehe Xing – zur Zeit – nicht mehr!

Seit ein paar Tagen schickt mir „das soziale Netzwerk für berufliche Kontakte“ (wie Xing sich in seiner Selbstbeschreibung nennt) in unschöner Regelmäßigkeit Mails, in denen mir mitgeteilt wird, dass in dem Netzwerk offenbar Mitteilungen auf mich warten. Xing selber nennt diese Mitteilungen „Kontaktanfragen“ und wenn man auf den Link, mit dem mir eine Premium-Mitgliedschaft verkauft werden soll, klickt, landet man tatsächlich bei den Kontaktanfragen

xing_nervt

83 dieser Anfragen warten dort auf mich. Xing spekuliert nun darauf, dass ich so neugierig bin, was sich hinter diesen Anfragen verbirgt, dass ich sofort eine Premium-Mitgliedschaft abschließe. Da ich das nicht mache, schickt mir Xing nun immer wieder Hinweise darauf, dass da doch noch was voll Spannendes auf mich wartet.

Das Problem: bis vor einer Weile konnte ich diese Anfragen noch ohne Bezahlfunktion einsehen – und habe sie mit Absicht nicht beantwortet. Denn viele dieser Anfragen waren gar nicht so spannend wie Xing denkt, sondern reine Pressemitteilungen, Verkaufsanbahnungen oder Akquise-Post, die mir mit Hilfe einer Xing Kontaktanfrage übermittelt werden sollten. Ich habe sie freundlich ignoriert. Nun zwingt Xing mich dazu, darauf zu reagieren (und sei es ablehnend) Denn als Basis-Mitglied steht mir die Funktion „Vernetzen“ nur noch sehr eingeschränkt zur Verfügung:

Als Basis-Mitglied können Sie nur eine Kontaktanfrage zur Zeit sehen. Sobald Sie diese annehmen oder ablehnen, können Sie eine neue Kontaktanfrage sehen

Mal abgesehen davon, dass mich die Angabe „zur Zeit“ sehr ratlos hinterlässt, frage ich mich: Wie bitte!? Ist der Verkaufsdruck so hoch, dass man die Kernfunktion eines Netzwerks grundlegend verkomplizieren muss? Oder anders formuliert: Als Basis-Mitglied verstehe ich das Netzwerk Xing – zur Zeit – nicht.

The Age of Trotzdem – Wir sind unbeugsam

trotzdem_

Sascha Lobo hält gerade seine Rede an die Nation re:publica. Sie trägt den Titel „The Age of Trotzdem“ und er hat gerade tatsächlich die Anwesenden mehrfach Trotzdem rufen lassen.

Als Fan von Sascha Lobo und als Fan des VfL Bochum MUSS ich in diesem Moment darauf hinweisen, dass der Verein für Leibesübungen aus Bochum schon vor ein paar Jahren in seinem Leitbild (das erste im Profifussball) unter dem Punkt Unbeugsam Folgendes notierte:

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel
der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen
bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und
Niederlagen – aber immer noch da!

Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den
Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und
bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb,
„immer wieder aufstehen“ unser Prinzip,
„trotzdem“ unser Motto!

Ich glaube, es gibt nur eine Schlussfolgerung aus dieser Dopplung: die Nation re:publica sollte Mitglied des VfL Bochum werden!

vflBochum_trotzdem

Trotzdem!
¯\_(ツ)_/¯

Weiterlesen auf Digitale Notizen:
VfL-Trainer Verbeek und die Angst
Das Shruggie-Prinzip
Der Abschluss mit Obamas Gif

Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

Es gehört zum Wesen der Medien getriebenen Politik, dass sie sich schon immer auf die einprägsamen Sätze, die leicht teilbaren Zitate konzentriert hat. Was dem Zeitalter des Kalten Kriegs das „Ich bin ein Berliner“ Kennedys war, wird im Zeitalter des Gifs (mehr dazu im aktuellen Digitale-Notizen-Newsletter) vermutlich diese Drop-The-Mic-Szene von Barack Obama. Sie ist die greif- und vor allem teilbare Essenz seines Auftritts beim White House Correspondents‘ Dinner, seinem letzten als amtierender US-Präsident.

Wie sehr Barack Obama das Internet und seine Kultur verstanden (und genutzt) hat, kann man in der Analyse seiner Twitter-Nutzung oder in seinem „Ende des Durchschnitts“-Wahlkampf sehen. Bebildert wird all dies mit einer Gif-Sequenz, die nicht durch Zufall als Gif exitiert. Hier hat jemand genau verstanden, wie er im digitalen Gedächtnis bleibt: als animierte Szene, die in der Welt der Reactionsgifs schon jetzt ein instant classic ist. Das Sinnbild für einen gelungenen Abgang, eine souveräne Verabschiedung. Wir werden sie noch oft sehen, ehe Obama das Weiße Haus verlässt – und erst recht danach.

Dieses Gif wird in der Welt der Phänomeme zum Fazit von Obamas-Präsidentschaft: cool, souverän und digital verankert. Und das alles trotz NSA, Snowden und Whistleblower-Verfolgung. Im Wesen der medial getriebenen Politik ging es schon immer nicht nur um Inhalte.

Alles, was ich über Social Media weiß (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

reichweite Eine Million Menschen. Mit dieser unfassbar großen Anzahl an Zuschauern weckt Facebook mein Interesse. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Tagen diesen Beitrag auf der Phänomeme-Facebookseite gesehen, die ich für die Süddeutsche Zeitung beitreibe, um über Internetquatsch zu schreiben. Es ist ein kleines Blog, das ich u.a. aus Begeisterung z.B. für Gifs betreibe und in dem ich lerne, wie sich Aufmerksamkeit z.B. auf Facebook verbreitet.

Im aktuellen Fall handelt es sich um ein kleines Gif, das einen Jungen im gestreiften Schlafanzug zeigt, der kleine Luftballons auf den Haaren eines Säuglings elektrostatisch auflädt, um sie an die Wand zu kleben. Die Phänomeme-Facebookseite hat rund 18.000 Fans, der Ballonjunge hat ihre Reichweite in den vergangenen Tagen verfünfzigfacht. Wie ist das möglich?

Um diesen Erfolg zu ergründen, muss man zwischen den technischen und den inhaltlichen Implikationen unterscheiden: Technisch sprechen wir von einem Gif, einem kleinen Bewegtbild, das sich in der Welt der Phänomeme großer Beliebtheit erfreut, historisch aber erst seit kurzer Zeit von Facebook direkt in der Timeline angezeigt wird. Im Mai 2015 führte Facebook diese Funktion ein und es lohnt sich, dieses kleine Jubiläum angemessen zu begehen. Denn es ist keinesfalls klar, dass die genannte Funktion auf ewig in Facebook so bleiben wird. Derzeit ist es aber möglich, Gifs in der Timeline wie so genannte Autoplay-Clips abzuspielen: Die Bildsequenz spielt ohne Aufforderung und stumm los.

Inhaltlich gründet sich der Reichweiten-Erfolg des Ballon-Beispiels auf das, was hier unter dem Stichwort „Du bist, was du twitterst“ schon mal Thema war. Denn die Nutzung von Social Media ist ein Spiel der Identitäten, es geht dabei um den gleichen Antrieb, der Menschen eine bestimmte Frisur, Kleidung oder Tasche tragen lässt. Man muss das nicht gut finden, es lohnt sich aber die Mühe aufzuwenden, es zu verstehen bevor man der Welt seine Meinung über dieses Prinzip kundtut. Wenn man auf diese Mühe verzichtet, kommt dabei etwas heraus wie jener Twitter-Text (Blendle-Link) unlängst in der FAS.

Ich glaube – und der Ballon ist mir dafür Beleg – dass Postings in sozialen Netzwerken immer mehr zu einem digitalen Modestatement werden. Die Tatsache, dass Facebook einen Mangel an wirklich privaten Posts beklagt (und in Folge dessen vielleicht auch nicht mehr als klassisches Soziales Netz zu verstehen ist), bestätigt diese These. Man schmückt sich mit bestimmten Marken, mit bestimmten Thesen und darauf aufbauend mit bestimmten Identitäten. Und eine sehr einfache, sehr naheliegende Identität entsteht aus Verwandtschaftsverhältnissen. Deshalb markieren Nutzer unter dem Ballon-Bild ihre Geschwister. Weil das Ballon-Bild einen Aspekt ihrer Identität bedient.

Magazin- und Boulevard-Journalismus haben dieses Spiel der Identitäten schon immer gespielt. Es ging dabei schon immer darum, mit Inhalten Haltungen, Stimmungen, Identitäten Raum zu geben. Soziale Netzwerke haben dieses Prinzip kleinteiliger gemacht. Ein Beitrag über die Stadt Siegen kann zu einem Buzzfeed-Erfolg werden, obwohl der Durchschnitt der im klassischen Magazin- und Boulevard-Journalismus immer mit adressiert werden musste, sich überhaupt nicht für die Stadt Siegen interessiert. Diejenigen, die aber einen Bezug zu Siegen haben, finden sich in diesem Siegen-Beitrag wieder und interagieren damit – weil er ihr eigenes Modestatement ist. (Ich nenne dies „Das Ende des Durchschnitts“)

Dieses Identitätsprinzip ist ein Muster, das in zahlreichen Diensten erkennbar ist – am anschaulichsten natürlich in Facebook. Von hier aus lässt sich eine spannende Debatte darüber beginnen, wie diese Identitätsprinzipien die Reichweitenmechanismen klassischer Werbevermarktung prägen (vielleicht schreibe ich in einer der nächsten Folgen dazu), noch spannender scheinen mir aber gerade die Folgen für den klassischen Journalismus zu sein.

Technisch und inhaltlich schlagen sich die genannten Entwicklungen in dem nieder, was in Medienhäusern produziert wird. Dabei geht es einerseits darum, dass sich diese Inhalte technisch in den Timeline-Fluss einfügen, dass sie mit den Mustern des Bewegtbilds spielen und dass sie schließlich inhaltlich zur Identitätsprägung beitragen. Was das bedeutet lässt sich wunderbar an den Rappenings von Dendemann im Neo Magazin ablesen, wenn man diese nicht als musikalische Einlagen, sondern als digitale Fassung eines Leitartikels versteht.

Ein weiteres Beispiel lieferte dieser Tage der Guardian, der einen Leitartikel unter Mithilfe zahlreicher Schauspieler (u.a. Patrick Stewart) und mit Referenz auf Monty Python inszenieren lies (Hintergrund dazu): Der kurze Clip zur Brexit-Debatte ist nicht nur eine wunderbare Kopie der Vorlage aus dem Film „Das Leben des Brian“, es handelt sich dabei auch um die Umsetzung all dessen in einem Leitartikel, was ich über im April 2016 über Social Media gelernt habe.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.