Alle Artikel in der Kategorie “Pop

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Crowdfunding für kreative Gründerinnen

Am Samstag werde ich in Karlsruhe über Crowdfunding sprechen. Beim Kongress für kreative Gründerinnen und Gründer geht es um die Möglichkeiten der neuen Bezahlformen im digitalen Raum. Unter der Mail k3@kultur.karlsruhe.de kann man sich noch anmelden.

Wer sich für das Thema interessiert, kann auch das Fazit Ernst-Jan Pfauth von De Correspondent nachlesen, der sechs Regeln für erfolgreiches Crowdfunding aufgeschrieben hat (via David Bauer)

1. Don’t ask what the crowd can do for you, ask what you can do for the crowd
2. Find the right ambassadors
3. Start a movement, not a publication
4. Don’t worry about the final product (just yet)
5. Pick perks that fit your mission
6. Manage expectations from day one

Mehr zum Thema auch in dem Buch 22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding.

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SUPERCOPY

Ab Donnerstag wird Mannheim zur Hauptstadt der Kopie. In der Alten Feuerwache findet bis Sonntag das hochkarätig besetzte Festival SUPERCOPY statt (zu dem ich auch eingeladen war, aus Termingründen aber absagen musste). Vier Tage lang feiern die Festivalmacher die Kopie – mit einem tollen Programm.

Ich habe den SUPERCOPY-Organisatoren Jan-Philipp Possmann und Sören Gerhold vorab ein paar Fragen gemailt.

Warum braucht man ein Festival übers Kopieren?
Für uns gab es eigentlich zwei Gründe, dieses Festival ins Leben zu rufen. Wenn man sich als Kreativstandort und als Kulturstadt versteht, wie Mannheim das immer stolz von sich behauptet, dann ist die Frage danach, was Kreativität und was Kulturgüter im digitalen Zeitalter eigentlich sind, schon wichtig zu stellen. Und wenn man mal anfängt darüber nachzudenken, dann lässt sich diese Frage nicht mehr so einfach beantworten. In Baden-Württemberg wurde ja vor wenigen Jahren ein neuer Kunstfonds mit großem Tamtam aufgelegt, und der heißt natürlich Innovationsfonds. Als Veranstalter oder Kulturschaffender fragt man sich dann natürlich, ist das jetzt innovativ, was man da macht und was soll das überhaupt bedeuten, innovative Kultur? Sollte so ein Fördertopf im Jahr 2012 nicht eher Rekreativfonds heißen? Deswegen finden wir es wichtig, die Leute mit dem Thema zu konfrontieren, und zwar mit allen Facetten des Themas, also mit der Politik der Kopien ebenso wie mit Technik oder Kunst.

Das andere was uns wichtig ist, ist auf das Erbe der Hip Hop Kultur zu verweisen. Wir sind beide mit Hip Hop aufgewachsen, Sören hat selbst erfolgreich als DJ gearbeitet und natürlich gesampled, aber für uns beide war diese Kultur prägend. Und wir sind der Meinung, dass die Musik im Hip Hop, die ja auf dem Prinzip des Sampling, auf dem Breakbeat, aufbaut eine extrem intelligente und komplexe Musik ist. Lange Zeit wurden aber Rap und die verschiedenen elektronischen Stile die sich drumherum entwickelt haben als eine Art Pesudomusik abgetan, oder man hat es nur als eine Art soziokulturelles Sprachrohr irgendwelcher Randgruppen ernst genommen. Aber die Technik des Samplings, also das Musikmachen mit bestehender Musik, ist die musikalische Innovation der letzten 50 Jahre. Das ist aus der Popmusik aber auch aus der Kunst insgesamt nicht mehr wegzudenken. Und darum ging es uns auch, diese Kultur und ihre Verdienste zu feiern.

Ihr schreibt “Sampling ist die zentrale Kulturtechnik des beginnenden 21. Jahrhunderts”. Nun gibt es auch Menschen, die das anders sehen. Gibt es auch Kritik/Widerstände an dem Festival
Erstmal nicht. Im Gegenteil: Es gab extrem viel Interesse und Bereitschaft, mitzumachen. Die Institutionen merken ja, dass sie von den technischen und rechtlichen Entwicklungen betroffen sind oder es früher oder später sein werden. Die Frage ist nur, hat man es dort mit Leuten zu tun, die so ein Projekt als Chance begreifen, mit der Herausforderung umzugehen, oder die lieber den Kopf in den Sand stecken. Zum Beispiel die Stadtbibliothek Mannheim: Bernd Schmidt-Ruhe, der Leiter der Stadtbibliothek, wusste auch schon bevor wir mit der Idee zu ihm kamen ganz genau, dass die öffentliche Bibliothek nur überlebt, wenn sie den Wandel aktiv mitgestaltet. Die öffentliche Bibliothek ist eine der größten Errungenschaften der französischen Revolution, es gibt wohl niemanden, der etwas gegen Büchereien hat. Und trotzdem laufen wir Gefahr, sie zu verlieren, und zwar nicht etwa weil die Leute nichts mehr ausleihen wollen, sondern im Gegenteil, weil sie digitale Bücher unbegrenzt und hundertfach gleichzeitig ausleihen könnten, aber die Rechtslage sie daran hindert. Aber selbst die BASF, also ein Unternehmen, das in einer ganz anderen Weise und Größenordnung von dem Thema betroffen ist, hat nicht gezögert. Die haben für ihr Firmenjubiläum Sounds von den Mitarbeitern sammeln lassen und dann vermutlich für sehr teures Geld Kompositionen auf der Basis dieser Samples in Auftrag gegeben. Für SUPRCOPY geben sie dieses Material wieder komplett frei und jeder kann damit Musik machen. Warten wir mal ab, wie die Reaktionen beim Festival selbst sind. Sicherlich werden einige Positionen nicht jedem gefallen. Die Frage ist ja immer, zieht man unangenehme Schlussfolgerungen aus dem was man hört oder sieht, oder tut man das einfach als Entertainment ab.

Wie habt Ihr das Programm kuratiert?
Für die erste Ausgabe des Festivals wollten wir eine möglichst breite Palette an Themen und Formen dabei haben. Wir wollten zeigen, in welchen Bereichen die Frage nach Original und Kopie überall auftaucht und relevant ist – von der Popmusik bis zur Wissenschaft. Dabei haben wir uns stark auf unsere Partner verlassen, jeder hat so einen Teilbereich kuratiert. Sören hat die Konzerte kuratiert, die Kollegen aus der peformativen Kunst die Performances, die VJs die Videokunst und so weiter. Jan-Philipp war dafür zuständig, die Teile alle aufeinander abzustimmen und die Workshops und Vorträge inhaltlich auszurichten. Wir haben außerdem bewusst Praxis und Theorie, Kunst, Wissenschaft und Politik gemischt – also zum Beispiel hält der Musikjournalist Falk Schacht erst einen Vortrag und spielt später ein DJ-Set, Oder der israelische Musiker Kutiman spricht erst über seine Youtube-Remixe und spielt anschließend ein Konzert mit seinem Kutiman Orchestra. Am letzten Tag zeigen wir zwei Filme, die jeweils von Vorträgen begleitet werden. Außerdem gibt es eine Arbeitsgruppe zum Urheberrecht, die an ganz konkreten ökonomischen und rechtlichen Fragen arbeitet, und die auch im Sommer in Köln fortgesetzt wird. So etwas bringt dir als Festivalmacher kein Publikum, aber es trägt die Debatte weiter, und die ist uns mindestens ebenso wichtig.

Worauf freut Ihr Euch besonders?
Ich glaube wir beide freuen uns schon sehr auf Kutiman, weil sein youtube-projekt „thru you“ zum eindrucksvollsten und poetischsten gehört, was in letzter Zeit mit Sampling gemacht wurde. Das interessante an seinem Auftritt bei uns ist, dass Kutiman, der ein gestandener Musiker und nicht bloß ein verrückter Computernerd ist, erst über seine youtube-samples spricht, dann aber mit seiner Funkband ein Konzert spielt, also handgemachte, analoge Musik, in dem er unteranderem diese thru-you-songs live spielt. Schöner kann man eigentlich nicht zeigen, dass das eine das anderen keinesfalls ausschließt und dass die Grenzen zwischen Remix, Sample und Original längst gefallen sind.

Habt Ihr eine Lieblings-Kopie? Und wenn ja: Welche?
Schwer zu sagen. Meine, Sörens, Lieblingskopie, wenn man es so nennen kann, ist und bleibt Kid Koala’s “Drunk Trumpet”, bestehend aus einem Trompetensolo aus LL Cool J’s “Going Back To Cali”. Mein Lieblings Sample ist eindeutig “aah, this stuff is really fresh” von Fab Five Freddy, das meist genutzte Sample ever! Aber die wirkliche Super-Kopie, die ist eigentlich von der dänischen Künstlergruppe Superflex. Die haben gefälschte Lacoste-T-Shirts auf dem Markt gekauft, mit dem Wort Supercopy bedruckt, und als Originale wieder verkauft. Lustigerweise hat Lacoste ihnen das verboten. Dabei haben sie doch eigentlich so die Markenehre gerettet! Ausserhalb der Kunst geht der Preis vielleicht an das Gen. Die Fortpflanzung dürfte ja die großartigste Kopierleistung überhaupt sein.

Alles übers SUPERCOPY-Festival gibt es hier. In Mannheim tritt neben Kutimann unter anderem auch Professor Wolfgang Ullrich auf, den ich für “Eine neue Version ist verfügbar” interviewt habe – weil er 2012 die Ausstellung “Deja Vu? – die Kunst der Wiederholung” in Karlsruhe kuratiert hatte. Wer sich jetzt fürs Kopieren begeistert, dem sei mein Lob der Kopie empfohlen.

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Wir sind Tocotronic

Heute erscheint das neue Tocotronic-Album (das hier schon mal Thema war) – und drüben auf dem (SZ-)Hügel hat man sich in der Kulturredaktion gefragt, welchen Einfluss die Band auf Autorinnen und Autoren hat. Ich habe zusammenkopiert gedichtet, was mich mit Tocotronic verbindet – doch weil es bei der SZ nicht ganz in das Konzept der Sammelgeschichte passt, steht jetzt hier eine Geschichte (von Tocotronic) und mir.

No. 19 & 20 @tocotronic_official #tocotronic

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

In einer Freundschaft wie dieser geht es nicht um Glück. Ich glaub ich kann’s erst jetzt verstehen. Mit jedem Lied ein bisschen mehr.

Wir haben uns getroffen
Wir haben Platten gehört
Wir haben Bier getrunken
Wir saßen einfach rum zu zweit

Wir sind uns lange nicht begegnet
Wir waren ein Team
Weil wir eine Bewegung sind
Wir sind viele

Wir genießen unsere Freizeit
Und trinken warmes Bier im Park
Wir reden meistens über etwas
Das uns auf den Nägeln brennt
Alle Leute denken, dass wir viel zu viel verschenken

Wir sind wie Agenten
Wir müssen blenden
Wir müssen uns verschwenden
Wir werden das System durchschauen

Wir versuchen zu begreifen, dass hier alles möglich ist
Wir werden Beduinen sein!
Wir sind die Zukunft
Wir müssen kapitulieren

Wir kommen um uns zu beschweren
Wenn wir am Zauberwürfel drehen
Sie wollen uns erzählen:
Wir sollen uns nicht mehr quälen
Wir müssen durch den Spiegel gehen

Wir streunen durch die Wälder
und sehen unsere Spiegelung
Was wir sehen bedeutet nichts
Doch wir können davon lernen
Wie wir leben wollen

Wir haben gehalten
In der langweiligsten Landschaft der Welt
Jetzt müssen wir wieder in den Übungsraum
Denn wir wissen ganz bestimmt
Dass wir beide Schatten sind

Wir haben weiche Ziele
Wir sind Plüschophile
Wir sind so leicht, dass wir fliegen

Gib mir deine Hand: wir sind verwandt
Dabei kennen wir uns kaum
Wir leben hoch in unserem Niedergang

Welche Rolle Tocotronic für SZ-Mitarbeiter spielt? Hier die Geschichten nachlesen!

Tocotronic

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loading: Mehr Missy

Mehr online, mehr Heft, mehr Veranstaltungen versprechen die Macherinnen des Missy-Magazines auf Startnext.com/MehrMissy. Wer “Mehr Missy” wünscht, kann das “deutschsprachige Popkulturmagazin mit feministischer Attitüde” bis Ende Mai dort unterstützen.

Missy-Chefredakteurin Katrin Gottschalk, die gerade auch Vocer ein Interview gegeben hat, hat den loading-Fragebogen beantwortet.

Was macht Ihr?
Wir haben gerade die Crowdfunding-Aktion für „Mehr Missy“ bei Startnext gelauncht. Unser erstes Finanzierungsziel sind 35.000 Euro für die Umstrukturierung unserer Website. Dabei geht es vor allem um die Entwicklung eines nachhaltigen Finanzierungsmodells. Eine wichtige Säule wird dabei der „Club Missy“ sein, in dem alle, die unser Crowdfunding unterstützen, bereits jetzt Mitglied werden.

Warum macht Ihr es (so)?
Weil „Mehr Missy“ für die Crowd ist, also unsere LeserInnen. Missy erscheint seit 2008 alle drei Monate als gedrucktes Heft. Im Gegensatz zu anderen Popkulturmagazinen sind unsere Anzeigenverkäufe solide, aber bei Weitem nicht ausreichend. Gleichzeitig konnten wir ohne große Werbekampagnen unsere AbonnentInnenzahl und Auflage erhöhen. Missy gibt es, weil viele Menschen daran glauben und wollen, dass es uns weiter gibt – und wir präsenter sind. Dieser Wunsch wird von unseren LeserInnen immer wieder an uns heran getragen. Gerade, weil gewisse Themen, mit denen wir uns bei Missy schon seit sieben Jahren beschäftigen, immer breiter diskutiert werden – von #GamerGate bis Genderwahn. Um aber im Netz mitmischen zu können, müssen wir mehr Zeit investieren, die wir aufgrund unserer bisherigen Arbeitsstrukturen nicht haben. Deshalb brauchen wir eine Startfinanzierung, um „Mehr Missy“ online möglich zu machen. Um dort Debatten anzustoßen, diversere Meinungen zu integrieren und eine größere Vielfalt an Themen zu bearbeiten.

Wer soll das unterstützen?
Alle, die unsere Arbeit schätzen und ein Interesse daran haben, dass es Missy auch weiterhin geben kann. Missy steht für eine klare Haltung: Filme, die wir vorstellen, haben Frauenrollen mit mehr als nur passiver Schönheit zu bieten. Wir gehen in keinem Text davon aus, dass alle Menschen heterosexuell lieben. Wir geben keinen einzigen Diättipp. Überhaupt denken wir nicht, dass unsere LeserInnen sich selbst optimieren müssen. Und wir stehen für wichtige Debatten. Wir rufen nicht pauschal, Prostitution müsse verboten werden, sondern sprechen mit SexarbeiterInnen über ihre Erfahrungen. Wir veröffentlichen keine Texte, die Feminismus einfach als „eklig“ bezeichnen, sondern diskutieren lieber verschiedene Ansätze, wie wir in einer gerechteren Welt leben können.

Wie geht es weiter?
Wir stecken jetzt erst einmal all unsere Energie in das Crowdfunding. Die Aktion läuft noch bis zum 29. Mai. In diesen sechs Wochen wird noch viel passieren: Wir sind etwa Co-Veranstalterinnen einiger Programmpunkte beim taz.lab am 25. April in Berlin, unsere nächste Ausgabe erscheint am 11. Mai und die passende Party dazu ist am 13. Mai im Südblock in Berlin. Wir geben also alles, um zu zeigen: Wir machen interessante Veranstaltungen, wir machen ein unterhaltsames und gleichzeitig politisches Heft und wir können auch eine Website machen, die genau so funktioniert. Wir brauchen nur die Starthilfe unserer Fans, um das Ganze auf sicherere Beine zu stellen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Der Vorteil von „Mehr Missy“ ist, dass sich unsere UnterstützerInnen sicher sein können, dass bei erfolgreicher Finanzierung auch genau das dabei heraus kommen wird: mehr Missy. Mit dem Pop, der Politik und den Perspektiven, die seit 2008 dazu gehören. Ein guter Deal, wie wir finden.

>>> Mehr Missy auf Startnext unterstützen.

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:
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Streitkultur gegen Endsätze

Im vergangenen Sommer diskutierte Mediendeutschland ausgiebig über Diskussionen – über Leserdiskussionen. Die Frage, wieso der Dialog mit Lesern im Netz so schwierig sei, beschäftigte die Medien, weil mehrere Großmeinungslagen (Ukraine, Gaza) etwas zu Tage fördern, was man eine Unfähigkeit zur Debatte nennen kann. Ich schrieb damals einen Text für die Medienseite der SZ, in dem ich versuchte den Blick auf den gesellschaftlichen Rahmen des Themas zu lenken:

Vielleicht ist der Abgrund, in den das Land dieser Tage schaut, in Wahrheit ein Spiegel, in dem man erkennen kann, welche Brandstifter in den vergangenen Jahren außerhalb des Netzes so viel Feuer gelegt haben, dass es jetzt auch innerhalb brennt. Wenn man sich beispielsweise das Verhältnis des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zu der stets auf ihre demokratische Tradition bedachten SPD betrachtet, fällt es schwer, nicht an einen Querulanten in einer Online-Diskussion zu denken: Hier nutzt jemand die Reputation einer bekannten Marke, um seine eigenen Thesen in die Welt zu jagen. Die Provokationsbestseller der vergangenen Jahre und die dazu geführten “Lassen Sie jetzt mal mich ausreden”-Debatten im deutschen Fernsehen tragen nun Früchte. Wer solche Vorbilder der Streitkultur hat, lernt schnell, was im medialen Wettstreit der Ideen bedeutsamer ist als die Suche nach Verständigung: lautstarke Provokation und gegenseitige Angriffe.

Spätestens seit diesem Wochenende schlägt die Diskussions-Debatte in aller Härte zurück. Sascha Lobo hat das – mit Blick auf den Brandanschlag von Tröglitz – in seiner Spiegel-Online Kolumne lesenswert analysiert. Er führt dazu den Begriff der “Endsätze” ein, mit dem er jene “kurzen Bemerkungen” beschreibt, “die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit”. Als Gegenmittel gegen diese Endsatz-Kultur fordert er ein Aufbäumen der demokratischen Zivilgesellschaft im Netz:

Nicht aufgeben, sich die sozialen Segnungen des Netzes nicht verseuchen lassen. Nicht angesichts der Hassmassen passen, sondern weitermachen, Endsätzen widersprechen, Grenzen setzen, kämpfen gegen den beschämenden Hass.

Oder um es ein höher zu hängen: Wir brauchen eine – wie gesagt – bessere Streitkultur:

Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik ausmachen soll. Dieses Land muss streiten lernen! Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in der Sache hart, aber dennoch nie persönlich ringen kann

Wie das gelingen kann? Ich bin ratlos, denke aber, dass Sascha Lobo in einer Einschätzung falsch liegt. Er schreibt:

Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

Denn diejenigen, die z.B. gegen Fremdenhass auf die Straße gehen, sind noch nicht da oder haben noch keine Ausdrucks-Formen gefunden, um sich gegen die Endsätze zu stellen. Ben schreibt dazu:

Es reicht nicht mehr, seine eigene Überzeugung nur zu leben und zu denken, das würde schon etwas verbessern. Wir müssen unsere Überzeugungen zuspitzen und deutlicher Äußern und für sie eintreten. (…) Eintreten für Menschlichkeit, für Humanismus, für Gerechtigkeit geht nur, nur, nur wenn wir uns selber menschlich und gerecht und ohne jede Spur von Hass verhalten, auch wenn die Positionen der anderen noch so menschenverachtend sind …

Vielleicht brauchen wir dafür und für eine bessere Streitkultur zunächst etwas ganz Banales: Ein friedliches Zeichen, das man gegen die Endsätze und gegen den Hass stellen und dem Hassende damit sagen kann: du gehst zu weit. Das klingt vielleicht naiv, aber wie wäre es, wenn man einen Hashtag oder ein Emoticon erfindet, das als Entsprechung zur Lichterkette verstanden werden kann als Ausdruck für eine offenen Streitkultur und gegen Hass und digitale Gewalt?

Der Anfang, nicht das Ende

sufjan

Nächsten Dienstag erscheint “Carrie & Lowell”, das neue Album von Sufjan Stevens. Eine tolle Platte. Woher ist das weiß? Ich kann sie hier anhören – bevor ich sie kaufen kann. Man kann sie auf Website vorbestellen

Pre-order of Carrie & Lowell. You get 2 tracks now (streaming via the free Bandcamp app and also available as a high-quality download in MP3, FLAC and more), plus the complete album the moment it’s released.

Das klingt toll – nur: Wann ist der Zeitpunkt, an dem das Album veröffentlicht wird? Laut Shop am 31. März. Das stimmt aber nicht, es ist ja schon da. Ich höre es gerade im Moment. Es ist öffentlich.

Ich habe am Beispiel des Tocotronic-Albums und der Niels-Frevert-Platte bereits meinen Zweifel an der Veröffentlichungspolitik formuliert. Bei “Carrie & Lowell” fiel mir nun auf, worauf sich mein Problem damit gründet: Beim klassischen Umgang mit Alben, steht deren Veröffentlichung am Ende einer aufwändigen Aufmerksamkeitsarbeit. Das Werk ist nicht Mittel-, sondern Ziel- und Endpunkt einer Dramaturgie, der Spannungsbogen ist auf den Veröffentlichungstermin gespannt, danach endet die Aufmerksamkeitsarbeit. Dabei könnte sie doch genau dann beginnen: Wenn das Werk zum Netzwerk wird, wenn das Album im Mittelpunkt einer vernetzten Struktur gedacht wird, ist es der Startpunkt für Aufmerksamkeitsarbeit.

Man muss gar nicht über Versionen sprechen, um zu erkennen: Hier geht um Digitalisierung. Kultur wird zu Software, vom Werkstolz zum Netzwerkstolz, vom blanken Content zum Kontext, vom End- zum Mittelpunkt. Damit das gelingt, braucht man keine technischen Lösungen oder komplizierte Erweiterungen, man braucht einen anderen Blick auf das Werk.

Pure Vernunft darf niemals siegen!!!

Ich bin Tocotronic-Fan! (steht auch hier) Ich gebe gerne Geld für die Band aus und ich freue mich stets, wenn es Neues von Tocotronic gibt. Und so war ich einigermaßen aufgeregt als ich heute früh auf der Facebook-Seite vom Zündfunk den Hinweis erhielt, es gebe “die neue Tocotronic”. Das Lied heißt “Prolog” und erscheint am 6. März. Ich habe am Beispiel von Niels Frevert (dessen Album ich mir dann in der Tat nicht kaufte) unlängst gezeigt, dass ich diese Vorab-Info für kontraproduktiv weil irrwitzig undigital halte. Wenn die Info in der Welt ist, bin ich auch bereit auf den “kaufen”-Button zu klicken. Sofort!

Im Fall von “Prolog” geht das Undigitale aber noch irrwitziger weiter. So dass man geneigt ist zu sagen: “Ich bin Fan von Tocotronic – trotz ihrer Plattenfirma.”

prolog_zuendfunk

Denn der Zündfunk-Hinweis lief ins Leere. Bei Putpat gibt es jede Menge schlechte Musik, ganz viel Werbung (ich habe zwei Limp Bizkit-Songs ansspielt bekommen und habe drei Werbespots komplett anschauen müssen) und eine dämlich App, die ich installieren muss. Den Tocotronic-Song gibt es da aber nicht (mehr).

Also machte ich mich auf die Suche und landete auf einer Seite der Plattenfirma, die nicht weniger als ein Schlag ins Gesicht eines Kunden ist. Ich stehe also vor der Universal-Tür mit dem unbedingten Wunsch, den Song “Prolog” der Band Tocotronic zu kaufen und bekomme das hier:


prolog_tocotronic

An vier Stellen wird mir auf dieser Seite, die mit “Produktdetail” überschrieben ist, der Mund wässrig gemacht und der irrige Eindruck erweckt, ich könne jetzt endlich Geld ausgeben für Tocotronic. Stimmt aber nicht. Ich habe die vier Stellen markiert, an denen ich verarschtwirrt werde.

1 Ein Play-Button! Direkt neben dem Song-Titel. Da klicke ich drauf. Ist ja klar, dass ich da … einen Reload der Seite erzeuge. Wer erwartet denn bitte bei einem Play-Button, dass dann auch etwas abspielt? Nur dumme Internet-Heinis. Echte Plattenfirma-Experten wissen, dass der Rechtspfeil das amtliche Zeichen für “lade diese Seite nochmal neu” ist. Ich lerne: der wichtigste Link auf dieser Seite führt- auf diese Seite!

2 Eine Bestellnummer! Das ist wichtig, gibt mir als Kunde das gute Gefühl, dass hier jemand alles im Griff hat. Wer die Ziffer “00602547207654” auf eine Seite bringt, kriegt doch sicher eine Bezahlmöglichkeit hin. Dieser Eindruck wird durch den Einsatz von Logos bekannter Musikanbieter noch verstärkt. Ein Spotify-Button und einer von iTunes. Wenn das kein Hinweis auf eine Hör-/Kauf-Möglichkeit ist … Stimmt aber nicht. Denn: Ich lerne, dass irgendwer bei der Plattenfirma tatsächlich dumm auf das Suchergebnis “Prolog” bei iTunes und Spotify verlinkt. Dabei handelt es sich um ein Produkt von Lochman Records aus dem Jahr 2011.

3 Noch ein Streaming-Button! Daneben das Versprechen, “die Musik in voller Länge zu genießen”. Nochmal verarscht. Denn auch hier wird konsequent auf das Fremdprodukt mit gleichem Namen verlinkt. Auch in Spotify ist der “Prolog” genannte Sampler verlinkt. Ich lerne: Der erste Song heißt “Pfütze auf der Wäschewiese” und gefällt mir nicht.

4 Ein “Download”-Button. Eine Kaufoption! Ich bin aufgeregt, klicke, warte und … lande wieder auf der feuchten Wäschewiese von Lochman Records. Ich lerne: Hier will man mir den neuen Song von Tocotronic nicht verkaufen!

Fassen wir zusammen, wer bisher von der Aufmerksamkeit profitiert hat, die ich dem neuen Tocotronic-Song entgegen bringen wollte: das merkwürdige PutPat-TV, deren Werbepartner und die Band Limp Bizkit, die dort gestreamt wird. Außerdem die Online-Abteilung der Plattenfirma, die zwar nicht in der Lage ist, den korrekten Song zu verlinken, aber ihren Referrer übergibt – also vermutlich auswertet, dass ich auf ihre falschen Links geklickt habe. Und vielleicht hat auch Lochman Records profitiert, weil ein vier Jahre alter Sampler plötzlich Aufmerksamkeit bekommt.

Leer geht allerdings die Band aus, für deren Musik ich mich interessiere. Und warum? Weil Pure Vernunft diesen “Release” regiert – in Person der Idee, die Veröffentlichung eines Songs selber bestimmen zu wollen. Auch wenn der Songs schon draußen ist und zwar so draußen, dass der Zündfunk ihn verlinkt. Vielleicht würde ich den Song sogar in diesen bösen dunklen Ecken des Web finden, auf die Plattenfirmen immer zeigen, wenn es um die Krise ihrer Industrie geht, statt in ihren Online-Abteilungen Link-Schulungen zu geben. Um das rauszufinden, bin ich aber jetzt zu müde – und enttäuscht. Denn irgendwie hatte ich gehofft, dass zumindest die Guten im Jahr 2015 ein klein bisschen weiter wären …

UPDATE: Dirk von Lowtzow von Tocotronic hat mir eine Mail auf den Blogpost geschickt – und sich entschuldigt. Obwohl er mit dieser Seite ja gar nichts zu tun hat!

YouTube, Gema und das neue Blur-Video

Der Kollege Simon Hurtz hat am Wochenende lesenswert beschrieben, wie Facebook (und z.T. Twitter) im Videomarkt den Platzhirschen YouTube angreifen wollen. “Facebook sägt an YouTubes Thron” bestätigt eine These, die spätestens seit der IcebucketChallenge offensichtlich ist: Facebook will Videos abspielen.

Am Beispiel des aktuellen Blur-Videos kann man sehen, wie der ungelöste YouTube-Gema-Streit in Deutschland zum Verbündeten von Facebook wird – nämlich so:

Bei YouTube:

Blur_YOUTUBE

Bei Facebook:

YOLO!

Er ist an seinem Schreibtisch in der Redaktion zusammengebrochen. Abends um kurz vor neun, nachdem er von einer Podiumsdiskussion mit Laura Poitras, Glenn Greenwald und Edward Snowden kam (der aus Moskau zugeschaltet war). So ist es in den Nachrufen auf David Carr nachzulesen. Der Medienjournalist der New York Times wurde 58 Jahre alt.

Alexis Madrigal hat bei Fusion einen ergreifende Erinnerung an Carr aufgeschrieben. Es ist kein klassischer Nachruf, es ist eher ein Blogeintrag. Madrigal erzählt sehr persönlich – von sich, von dem Moment als er vom Tod Carrs erfuhr. Er berichtet, wie er gerade seinen Sohn ins Bett bringt, als ihn die Nachricht via Twitter erreicht. Der Text ist weniger im Sinne von “wie gedruckt” geschrieben, er ist eher im Sinne von “wie erzählt” gebloggt. Es ist eher ein persönlich gesprochenes Wort, mit dem Madrigal an Carr erinnert als ein Nachruf im klassischen Sinn.

Madrigal erinnert sich daran, wie er Carr kennenlernte, er erzählt seine eigene Geschichte und wie diese mit Carr verwoben ist. Der Text endet mit dem Satz: “Rest in peace, Carr. You made us all better.” Es ist ein berührender Text, aber es ist auch ein Beweis dafür, wie das Web das Schreiben verändert. Irgendwo mittendrin steht diese eine Passage, die Madrigal eher sagt als schreibt. Er erinnert sich an die Umstände, als er (der gerade noch seinem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hat) ein Webprojekt mit Freunden startete und Carr dann darüber schrieb:

We were young and didn’t have kids and you know, YOLO. It was possible, so we should do it.

Ja, das ist Blogstil. Das ist nicht der Stil, in dem man klassischer Weise gedruckte Worte schreibt. Es ist eher gesprochen, yolo! Die Abkürzung in dieser Erinnerung ist eine Zustandsbeschreibung für die “mir steht die Welt offen”-Haltung junger Menschen: Yolo halt. Madrigal lässt mit dieser Referenz und dem Gegensatz zu seiner aktuellen Situation (we didn’t have kids) einen Zeithorizont aufscheinen, aber er schafft vor allem einen Rahmen: Immerhin ist dieser Text dann doch ein Nachruf, der Anlass ist der Tod eines Menschen. Und in dem eher dahingesagten YOLO entsteht so ein Moment der Erkenntnis: “You only live once” geschrieben in einem Nachruf, ohne Pathos dafür mit der Haltung des Möglichmachens, des Aufbrechens und Gestaltens: “It was possible, so we should do it”, erinnert er sich – und verleiht dem Text eine Tiefe, die nur durch die Beiläufigkeit der Worte gelingt.

Nachtrag zur Urheberrechts-Debatte: Böhmermann und die Bilder

Dieser Post ist ein Nachtrag zu diesem Eintrag vom Samstag

Seit Jan Böhmermann in der vergangenen Woche öffentlich machte, dass er wegen eines Urheberrechtsbruchs abgemahnt wurde, ist eine kleine Debatte um die Verwendung urheberrechtlich geschützer Bilder im Netz entstanden. Das freut mich, weil ich davon überzeugt bin, dass wir übers Urheberrecht und seine Anwendung reden müssen, damit Menschen Einsicht nehmen in dieses Gesetz. Denn das Urheberrecht ist immer nur so gut, wie seine Akzeptanz in der Bevölkerung.

Ich betone das hier nochmal, weil ich von unterschiedlicher Seite auf die Debatte angesprochen wurde und weil sich einige Blogeinträge darauf beziehen. Mir geht es nicht darum, die Ansprüche von Martin Langer in Frage zu stellen. Auch ist mir bewusst, dass wir ein Urheberrecht haben, an das sich auch Jan Böhmermann halten muss. Dass er abgemahnt wurde, beweist ja genau dies. Mir geht es um eine Frage, die über den konkreten Fall hinausweist. Mir geht es darum, dass im Netz plötzlich jeder urheberrechtlich geschützte Werke verbreiten kann – und das auch tut. Mir geht es darum, dass wir mit einer technischen Veränderung konfrontiert sind, auf die das Gesetz reagieren muss. Und nein: Mir reicht es nicht zu sagen: Böhmermann muss sich an das Urheberrecht halten. Das stellt niemand in Frage.

Ich frage mich: Warum halten sich so wenige Menschen dran? Vielleicht weil das Gesetz sich immer weiter von der Lebensrealität der Menschen entfernt hat. Wenn das Gesetz darauf nicht reagiert, wird seine Legitimation immer weiter schwinden – sehr zum Schaden der Urheber und Verwerter. Wenn wir diesen abwenden wollen, müssen wir also über eine Reform des Urheberrechts sprechen. In den Kommentaren bei netzpolitik hat Till Frank das so formuliert:

(…) ein (zugegebenermaßen etwas schiefer) Vergleich: Im Straßenverkehr gibt es klare Regeln. Trotzdem halten sich die meisten nicht (exakt) daran, sondern passen ihr Verhalten den Umständen an. Auch, weil sie wissen, daß nicht überall kontrolliert werden kann – und “die anderen es doch auch machen”. Es ist dann aber auch gesellschaftlich akzeptiert, bei einem Vergehen je nach Schwere sanktioniert zu werden – von den 5€ Bußgeld für falsches Parken bis zu mehreren hundert € + Fahrverbot für schwere Verstöße. Analog dazu könnten vermutlich viele auch damit leben, wenn Nutzungsverstöße ähnlich geahndet werden würden (bsp. 20€ für ein Twitter-Foto, 40 für FB etc. bis zu schwereren Strafen bei gewerblicher Nutzung). Aber für eine Abmahnung über 1000€ für einen Tweet hat keiner Verständnis. (…)

Und bei all dem geht es übrigens gar nicht um Jan Böhmermann – und auch nicht darum, dass ich Belehrungen von Hobby-Juristen brauche. Es geht darum, dass ein zukunftsfähiges Urheberrecht nur ein solches ist, das die Menschen auch verstehen und für einsichtig halten. Das habe ich wiederholt an anderer Stelle (u.a. sogar hier) gesagt.

Vielleicht bringt uns diese Debatte einen Schritt näher dorthin!

Update: Jan Böhmermann hat mit Hilfe von William Cohen übrigens auch einen Nachtrag zur Debatte produziert. Da ich mich für Referenzen und Kopien begeistern kann, gefällt mir das natürlich


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