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Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung von morgen (Digitale-September-Notizen)

Dieser Text ist Teil die September-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Die frohe Botschaft vorweg: Es ist nicht alles schlecht im Journalismus. Ich habe heute sehr engagierte, motivierte und innovative Ausbildungs-Redakteur*innen getroffen, die auf Einladung des IfP (Katholische Journalistenschule) in Würzburg der Frage nachgehen, wie die Journalistenausbildung von morgen aussehen solle. Burkhard Schäfers hatte mich zu einem kulturpragmatischen Impuls eingeladen, in dessen Vorbereitung ich mich mit der Frage befasste, wie mich eigentlich meine eigene Ausbildung auf den sich verändernden Beruf vorbreitet hat.

Beim Seminar der Ausbildungsredakteure des IFP stellt @dvg auch unser Longreads-Magazin vor #langstrecke

Ein von SZ Langstrecke (@langstrecke) gepostetes Foto am

In der Antwort bin ich auf ein Dutzend Ideen gekommen, die ich meiner eigenen Ausbildung im Rückblick ergänzen würde. Zwölf Aspekte, die heute zum Journalismus dazu gehören, die im Rahmen meiner Ausbildung aber nicht auf dem Lehrplan standen: Dazu passt übrigens die August-Ausgabe der Digitalen Notizen aus dem Jahr 2015 – und sollte jemand wie beim Hashtag #journo2014 Ergänzungen vorzunehmen, freue ich mich darüber – #journo2016 vielleicht

1 Leserbriefe beantworten
im Sinne von: Leserbriefe beantworten. Ganz ohne Internet und Zuschauer, sondern sehr banal: Wie geht man damit um, dass Zuschauer*innnen, Leser*innen, Hörer*innen auf publizierte Inhalte reagieren?

2 Im Internet diskutierten
Was passiert wenn Leserbriefe öffentlich werden? Wie erkennt man echtes Diskussions-Interesse? Wie geht man mit Trollen um? Wie reagiert man angemessen? Wie findet man Mehrwerte und neue Geschichten sowie: Was muss man wissen um sich auch zu schützen?

3 Ein Smartphone benutzen
Es geht nicht nur theoretisch darum, die Apps und die (Hard-)Ware-Erweiterungen zu kennen, die aus einem Smartphone ein journalistisches Sendegerät machen. Es geht auch praktisch darum, diese tatsächlich einzusetzen: Welche technischen Fähigkeiten braucht man? Wie schneidet man? Welche Darstellungsformen entwickeln sich hier? Wie erzählt man eine Snapchat-Story oder eine Instagram-Geschichte?

4 Zusammenarbeiten
Wie schreibt man eigentlich gemeinsam (oder in einer größeren Gruppe) einen Text? Vielleicht sogar mit seinen Lesern zusammen? Wie arbeitet man mit Entwicklern, Gestaltern, Fotografen, Filmemachern oder Datenspezialisten gemeinsam in einem Team? Kollaboration muss man lernen, das bezieht sich auf die nötige Software, aber auch auf die Teamfähigkeit und die Definition der eigenen Rolle (nein, die anderen sind keine Zuarbeiter der Journalisten).

5 Bloggen
Ein Blog zu betreiben heißt nicht nur eine besondere Form des informellen Schreiben zu erlernen, sondern vor allem auch: Grundlagen des Publizierens im Netz zu verstehen. Wo sind die Inhalte, wenn ich auf „senden“ drücke? Wie funkioniert das Hosting? Wofür braucht man eine Datenbank?

6 Persönlich publizieren
Bloggen ist nur eine Ausprägung dessen, was ich persönliches publizieren nennen würde: Gibt es ein Seminar zum Newsletterschreiben? Oder eine Ausbildungseinheit, in der man die Feinheiten von Social Media-Angeboten wie Twitter, Facebook oder Instagram erlernen kann? Die Besonderheiten der einzelnen Dienste bilden hier nur den einen Teil. Mindestens genauso wichtig: Wie verhält man sich in Social Media? Wie positioniert man sich als Autor?

7 Inhalte verbreiten
Jonah Peretti von Buzzfeed sagt, das Erstellen von Inhalten umfasse nur die eine Hälfte journalistischer Arbeit? Wie funktioniert die zweite Hälfte? Was muss man über Distribution wissen? Wie verbreitet man seine Inhalte? Digitales Blattmachen schließt das Wissen um sehr aktuelle Nutzerzahlen ein. Welche Inhalte trenden? Wie ermittelt man diese? Wie wertet man sie aus? Und vor allem: Welche Schlüsse zieht man daraus?

8 Eine Suchmaschine bedienen
Das bedeutet in seiner aktiven Ausprägung: Inhalte so schreiben, dass sie gefunden werden. Grundlagen von Suchmaschinen-Optimierung gehören zum digitalen Publizieren dazu. In der passiveren Suchmaschinen-Nutzung heißt es: im Netz recherchieren, unterschiedliche Suchbefehle aber auch Suchmaschinen kennen.

9 Digitale Inhalte verifizieren
Weit über die Nutzung von Suchmaschinen hinaus geht die journalistische Fähigkeit (digitale) Inhalte zu verifizieren: Wie überprüft man das, was man findet? Wie ermittelt man, ob die Informationen glaubwürdig sind?

10 Livejournalismus
Vorträge halten, Veranstaltungen moderieren, Interviews öffentlich führen oder geben, ist heute womöglich mehr noch als früher Bestandteil journalistischen Arbeitens. Hinzu kommen all die digitalen Varianten desjenigen Journalismus, den man erleben kann: Wie macht man das?

11 Unternehmerisch Denken
Es gilt unter Journalisten noch immer als Ausweis von Kompetenz, sich nicht für die wirtschaftliche Seite des eigenen Tuns zu interessieren. Mehr noch: diejenigen, die das tun, werden schief angesehen. Ich habe erhebliche Zweifel, dass dies Haltung sinnvoll ist.

12 Nicht aufhören
Lernen lernen ist vermutlich die wichtigste, die zentralste Fähigkeit, die man unterrichten sollte. Denn wenn ich den Blick nicht in die Vergangenheit auf meine eigene Ausbildung, sondern in die Zukunft auf die Veränderungen der Branche richte, muss ich voller Überzeugung sagen: Ich weiß es ja auch nicht. Was ich weiß: Das Dazwischen-Sein, das Nicht-Ankommen und die Forderung ständig Neues zu lernen – all das wird nicht aufhören!


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen: „Soll mein Buch auf Facebook?“ (August), „Der Grüffelo in Social Media“ (Juli) „Kulturpragmatismus“ (Juni) „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

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Die Peter Neururers des deutschen Journalismus

Kennen Sie Peter Neururer? Als Fan des VfL Bochum bin ich dem Fußballtrainer zu Dank verpflichtet. Er hat die Mannschaft des besten Vereins der Welt wiederholt trainiert und in sehr misslicher Lage vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit der dritten Liga gerettet.


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Wer weniger enge Bindung zum VfL hat, kennt Peter Neururer* vielleicht in seiner Funktion als so genannter Experte: Obgleich er sich immer wieder selber als Trainer bei Vereinen ins Gespräch bringt, ist er sich nicht zu schade, im Fernsehen zu erläutern, was andere Trainer falsch machen. Das kann man für selbstbezogen und extrem unsympathisch halten, klar ist aber: Da, wo wirklich relevanter Fußball stattfindet, spielt Peter Neururer keine Rolle (mehr). Denn wer seine Kompetenz einzig darauf aufbaut, anderen zu erklären, was sie falsch machen, ist schlicht vor allem eins: nicht gut genug.

Mir kam Peter Neururer in den Sinn als ich las, wie toll Thomas Knüwer damals die deutsche Wired erfunden gemacht macht – und wie schlecht sie heute ist, weil sie nicht mehr in seiner Timeline auftaucht**. Das schrieb er Anfang des Monats und ich dachte mir: Merkt er eigentlich nicht, dass der Text sehr viel mehr über ihn als über die deutsche Wired aussagt? Ich ärgerte mich ein wenig über den stillosen Versuch, sich auf dem Rücken der aktuellen Kolleginnen und Kollegen zu profilieren und klickte den Text weg. Als dann aber vor ein paar Tagen auch noch Christian Jakubetz sich einen Neururer-Schnautzer anklebte auf gleiche Weise nachlegte, keimte in mir der Wunsch, vorsichtig daran zu erinnern, dass man mit dem Auftreten von Peter Neururer einfach nicht in der Champions-League spielt: Lasst das doch bitte bleiben, liebe Kollegen!

* Lucas Vogelsang hat 2012 mal eine schöne #langstrecke über Peter Neururer geschrieben: „Mit Peter Neururer im Porsche Panamera warten“

** Dem Angebot, das sich meiner Einschätzung nach breiter und digitaler aufzustellen versucht, mangelnde Relevanz zu unterstellen und dabei den täglichen, sehr guten Newsletter nicht mal zu erwähnen, ist zudem auch inhaltlich nicht besonders weitsichtig.

Bon Valeur, Elektrischer Reporter und 140 Sekunden – meine Würdigung

Ein journalistisches Format zu etablieren, hat mal irgendwer gesagt, ist mindestens so kompliziert wie ein Restaurant zu betreiben. Ich weiß nicht mehr von wem dieser Vergleich stammt. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich ihn hier an dieser Ecke in der Münchner Innenstadt zum ersten Mal gehört habe. An den Tischen des Bar-Restaurants mit den großen Fenstern habe ich jedenfalls über unzählige journalistische Formate, Projekte und Ideen gesprochen. Und vielleicht ging es dabei auch mal um das Eröffnen von virtuellen und greifbaren Räumen.

Über Jahre lag das Bon Valeur nämlich nicht nur gegenüber der vermutlich zentralsten Münchner Innenstadt-Tankstelle, es war vor allem nur wenige Schritte von der Redaktion entfernt, in der bis Mitte der Nuller Jahre das jetzt- und das SZ-Magazin gemacht wurden. Wir gingen nach Feierabend nicht selten in das Restaurant, das durch Fenster (riesig), Lage (irre zentral), Haltung (ein Hauch von Bar) und Speisen (anfangs nur vegetarisch) auf eine unaufgeregte Art ausstrahlte, was München damals nur mit großer Anstrengung erreichte: Urbanität.

Lieblingskneipe

Ein von Dirk von Gehlen (@dvg) gepostetes Foto am

Ich saß hier mit Kolleginnen und Kollegen, die heute zu den besten Journalist*innen des Landes zählen. Wir tranken Bier aus Flaschen und taten, was mich bis heute nicht loslässt: Wir sprachen über Journalismus und wie man ihn verändern müsse, damit er unterhaltsam, sinnstiftend, begeisternd oder zumindest profitabel bleibt. Hier erfuhr ist von Jobwechseln und Buchideen, hörte die ersten Ideen zum Bezahlmodell der SZ und konzipierte den Pitch-Film für die neue Version. Wir erfanden Kolumnen und ganze Magazine, diskutierten über Blogs und Bildsprache und erlebten im Schein der gelb beleuchteten Tankstelle den Zauber dessen, was Journalismus für mich immer noch ausmacht: die Überraschung, das Neue und die schlichte Begeisterung für eine gute Idee.

Es gab eine Zeit vor etwas mehr als zehn Jahren, da saß ich so häufig an dieser Ecke, dass mir der Kellner wortlos ein Bier hinstellte, wenn ich mich setzte. Doch bevor ich bemerkte, dass das Bon Valeur mir auf die charmanteste Art zur Stammkneipe geworden war, war der freundliche Kellner irgendwann nicht mehr da, die Redaktion zog um und ich saß nur noch selten hinter den großen Fenstern.

Ich erinnere mich an all das, weil das Bon Valeur dieser Tage schließt und damit den Impuls bei mir auslöst, darüber zu bloggen. Denn genau für solche Texte hat man doch ein Weblog. Texte, in denen man schreibt, weil man persönlich betroffen und verbunden ist. Das gilt (Disclosure!) weit weniger für das Bon Valeur als für die beiden journalistischen Formate, deren Ende erstaunlicherweise auch in diesen Sommer fällt:

elrep

Der Elektrische Reporter hat unlängst seine letzte Folge (in dieser Form) gesendet. Aus dem tollen Videoformat, das Mario Sixtus 2006 quasi auf eigene Faust erfand, wurde im Laufe der Jahre für mich ein beständiger Begleiter, der eine ähnliche Besonderheit war wie das Bon Valeur in der Münchner Innenstadt: der ElRep – wie Experten-Zuschauer ihn nannten – ist neben Breitband im Deutschland Radio einer der Orte gewesen, an dem man sicher davon ausgehen konnte, dass kein Quatsch über die Digitalisierung verbreitet wurde. Das war – zumindest vor zehn Jahren – ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Digital-Journalismus. Was einiges über die deutsche Debatte zum Thema sagt – und die Qualität von ElRep und Breitband keineswegs schmälert.

Im ElRep lief 2011 zum Beispiel ein Bruce Stering-Interview, das mir persönlich Inspiration war für das, was ich dann später Kulturpragmatismus nannte. Aber nicht nur die angelsächsischen Vordenker*innen kamen neben dem orangefarbenen Hemd von Mario Sixtus zu Wort, der Elektrische Reporter stellte auch deutschsprachige Projekte vor (2012 durfte ich sogar selber mal das stilprägende Pappschild in die Kamera des Elektrischen Reporters halten). Und ganz nebenbei wurde der Elektrische Reporter dann auch die Heimat des wunderbaren Tweet-Video-Projekts „140 Sekunden“, das ich nicht nur sehr schätze, weil ich mit seinem Erfinder Tim Klimes auch schon an Bon Valeur Tischen saß (seine Produktionsfirma verantwortet auch das Format 15 Minutes of Fame, an dem ich mitwirken darf)

ElRep und die 140 Sekunden wird es – wie das Bon Valeur – in dieser Form nicht mehr geben. Das ist schade, aber – wer weiß – vielleicht eröffnet dies auch die Möglichkeit für Überraschungen, Inspirationen und gute neue Ideen. Bevor diese zünden, halte ich kurz inne und würdige die journalistischen Formate und das Bar-Restaurant.

Beides über Jahre so erfolgreich zu führen – hat mal jemand gesagt – ist ein beachtliche Leistung!

Smartphones in die Schule – Interview zu App Camps

Nur wenige Texte in diesem Blog sorgten für soviel Aufregung und Diskussion wie die kleine Replik, die ich unlängst auf die Smartphone-Geschichte im Spiegel schrieb. Vielleicht stimmt, was Johannes Kuhn befürchtet: „„Das Smartphone“ ist das neue „Das Internet“, ein Raum für Projektionen rund um Verhaltensänderung und Technologiehoffnungen/-sorgen, inklusive der alten Gegensätze.“ Ganz sicher gibt es hier großen Diskussionsbedarf. Deshalb habe ich Theresa Grotendorst nach der Debatte ein paar Fragen zum Thema Smartphone gemailt. Sie diskutiert nicht über das Thema, sondern engagiert sich dafür, insbesondere Jugendliche und junge Frauen für digitale Technologien zu begeistern. Sie unterstützt so genannte App Camps (wie jenes, das kommende Woche in Hamburg stattfindet) als Projektleiterin und Trainerin bei App Workshops.

appcamps

Über das Thema Smartphone-Nutzung kann man sich mit Eltern und Lehrern lang und breit streiten. Ihr bringt Smartphones in die Schule. Warum das denn?
In unseren Workshops lernen Schüler*innen eigene Apps für Smartphones oder Tablets zu entwickeln. Dabei wollen wir mit App Camps Interesse wecken und zeigen, wie viel Spaß programmieren macht, wie kreativ es ist. Wir können digitale Medien und Geräte verteufeln oder die Medienaffinität der Jugendlichen als Chance sehen. Die Jugendlichen sollen Smartphones und Co. nicht nur aus der Anwenderperspektive kennen lernen. Es geht darum den Jugendlichen zu zeigen, was man damit alles machen kann und wie sie ihre eigenen Ideen umsetzen können – weg vom reinen Konsumieren, hin zum Produzieren und Selbergestalten.
Programmierung ist anwendungsorientiert und kann wunderbar mit anderen Disziplinen kombiniert werden. So können sich die Schüler*innen z.B. eine Quiz-App bauen, um sich auf eine Biologieklausur vorzubereiten. Zudem ist Programmieren weit mehr als „nur” Code zu schreiben: Es fördert vor allem analytisches und logisches Denken, Problemlösefähigkeit und verbessert die Zukunftschancen. Leider spielt Informatik an vielen Schulen in Deutschland oftmals noch eine geringe Rolle und viele Jugendliche haben keine Möglichkeit diesen Bereich kennenzulernen. Wir wollen allen Schüler*innen den Zugang zu diesem Wissen ermöglichen.

Und das macht ihr alles, weil die Firmen aus dem Silicon Valley, die im Rahmen der Smartphone-Kritik auch immer erwähnt werden, Euch bezahlen? Oder wie finanziert Ihr Euch?
App Camps ist eine gemeinnützige Organisation. Neben Veranstaltungen wie dem App Summer Camp erstellen wir Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte zum Thema Programmieren. Für Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind diese Unterlagen kostenlos. Daneben organisieren wir aber auch Fortbildungen und Workshops für Firmen, die ihre Mitarbeiter zu Themen rund um Digitalisierung weiterbilden wollen. Damit können wir das Angebot für Schulen querfinanzieren.
Zudem haben wir tolle Partner an der Seite, die uns unterstützen. So wird z.B. das diesjährige App Summer Camp von einem Bündnis aus Stiftungen, Unternehmen der Digitalbranche und der Stadt Hamburg gefördert.

Was lernen die Schüler*innen denn genau bei euch?
Die Jugendlichen entwickeln selber Apps für Android Geräte und lernen dabei spielerisch die Grundlagen der Programmierung und Konzepte der Informatik kennen. Für die App-Entwicklung nutzen die Schüler*innen den vom MIT frei zur Verfügung gestellten App Inventor.
Dabei lernen sie nicht nur wie man die Sensorik eines Telefons ansteuert, sondern auch Fähigkeiten, die weit über das Programmieren hinausgehen. Denn sie bekommen auch ein besseres Verständnis für die Apps, die sie tagtäglich auf ihren Smartphones nutzen. So können sie fertige Medienprodukte kritischer betrachten und z.B. Themen wie unzureichenden Datenschutz bei Apps hinterfragen. Dadurch entwickeln sie einen bewussten und kreativen Umgang mit neuen Technologien und Medien.

Kritiker sagen, Kinder und Jugendliche sollten möglichst gar keinen Kontakt mit Smartphones haben und diese erst ab 18 nutzen. Ihr bietet Kurse für Jugendliche ab 13 Jahre an…
Kinder und Jugendliche wachsen in einer zunehmend digitalen Welt auf und diese Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die meisten Viertklässler haben inzwischen ein internetfähiges Handy. Dabei ist ein Großteil der 13-Jährigen am PC und Handy schon richtig fit, aber in den meisten Fällen wird nur konsumiert. Das ist schade. Wir möchten, dass Kinder und Jugendliche die digitale Welt nicht nur konsumieren und aus “Anwender”-Sicht kennenlernen, sondern dass sie diese aktiv mitgestalten. Wir möchten den Kindern zeigen, welche Möglichkeiten es gibt kreativ zu werden und wie sie mit Hilfe digitaler Technologien und Programmierung eigene Ideen entwickeln und umsetzen können. So lernen die Jugendlichen früh neue Technologien zu verstehen und auch reflektiert zu bewerten, zu hinterfragen und einzusetzen.

Wie steht Ihr zu der weit verbreiteten Annahme, man solle die Geräte doch mal weglegen?
Natürlich sollte man “das Gerät” auch mal weglegen, jedoch ist diese Empfehlung in der Diskussion um eine angemessene Nutzung wenig zielführend. Ich denke, nicht die Technologien oder die Geräte sind das Problem. Es geht vielmehr um Selbstkontrolle, Disziplin und einen reflektierten und sinnvollen Einsatz. Ein pauschales Verbannen digitaler Technologien wird auf jeden Fall keine angemessenen Umgangsformen trainieren. Für eine vernünftiges Nutzungsverhalten brauchen Kinder und Jugendliche vor allem Vorbilder und Training. Computer und Smartphones sind Teil unsere Welt – wir müssen den angemessenen Einsatz und Umgang üben.


Zum Hintergrund auf den Digitalen Notizen:
Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Dieser Text ist eine kulturpragmatische Antwort auf die um sich greifende Smartphone-Angst.

Stellen wir uns kurz vor, der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren nicht die Technologie des Smartphones geschenkt worden, sondern – sagen wir – ein Fahrrad. Mit dem Bild eines immer wieder scheiterenden Fahrrad-Schülers, der sich in Schlangenlinien unsicher vorwärts bewegt, lässt sich vermutlich am besten fassen, wie die Gesellschaft (übrigens natürlich nicht nur in Deutschland) gerade versucht, ohne Stürze mit dem neuen Gefährt Gerät umzugehen. Dabei sollte uns die Tatsache, dass viele Menschen in der Lage sind, den kleinen Computer ohne fremde Hilfe einzuschalten, nicht täuschen: Wir können diese in Wahrheit noch sehr neuen Geräte bedienen, aber umgehen können wir mit ihnen noch nicht. Wir müssen als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erst lernen!

legweg_blendleOb die aktuelle Debatte über das ausführlich dämonisierte Smartphone dabei allerdings hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil: Nach der Lektüre der aktuellen Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema (€-Link zu Blendle) bin ich mir sicher, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Denn zu einem vernünftigen Umgang zählt zuvorderst der sachliche Zugang zum Thema – frei von Drogenvergleichen und Dämonisierung.

Auf dem Weg dahin stellen sich mir diese fünf Fragen, die von der Spiegel-Lektüre ausgelöst wurden, sich (in abgewandelter Form) aber auf zahlreiche Varianten der Debatte „Wie gehts du eigentlich mit dem Smartphone um?“ anwenden lassen:

1. Seit wann ist „einfach mal weglegen“ eigentlich ein sinnvoller Ratschlag für Lernende? Glaubt irgendjemand ernsthaft, der unsicher schlenkernde Radfahrschüler würde besser, wenn ihm von außen jemand zuruft: „Vielleicht einfach mal weglegen, das Ding.“ Mit diesem Satz endet die Spiegel-Geschichte – und dieser Satz wird auch auf dem Cover als Lösung verkauft. Uwe Buse, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Christine Luz, Dialika Neufeld und Martin Schlak (die Autor*innen der Geschichte) raten den ratlosen Smartphone-Nutzer, die Vorbilder im vernünftigen Umgang mit dem Gerät suchen, ernsthaft „dass wir uns erst mal weniger mit Maschinen beschäftigen sollten und mehr mit dem Menschen.“ Wie dadurch der Umgang mit dem Smartphone besser werden soll, sagen sie nicht. Und so bleibt ihr Fazit in etwa so hilfreich wie der Ratschlag an die unsicher fiedelnde Geigenschülerin, doch häufiger einen Ball zur Hand zu nehmen. Schließlich seien Menschen, die Ball spielen allesamt recht sportlich, viel an der frischen Luft und im Sommer mit gesunder Gesichtsfarbe beschenkt. Ob ihr Geigenspiel sich dadurch irgendwie verändert? Vermutlich wird es höchstens schlechter!

2. Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Drogenvergleich gekommen? Die Gesundheit ist ein hohes Gut und in der Debatte um Smartphones kommt ihr eine zentrale Rolle zu. Manfred Spitzer sagt „das Smartphone“ sei „heute das, was vor 70 Jahren die Zigarette war“ und im aktuellen Spiegel kommt eine Fachfrau mit ähnlicher Expertise zu dem Schluss: „Die Geräte sind wie Heroin, sie machen sofort abhängig.“ Die Frau, die das sagt ist Mutter zweier Kinder und Vertriebsreferentin bei der Lufthansa. Trotzdem bleibt ihr Zitat unkommentiert. Es dient mehr noch, um den emotionalen Rahmen zu setzen. Hier geht es nicht um ein technisches Gerät (das nebenbei bemerkt ohne Netzzugang für die meisten wertlos ist), hier geht es um den „Feind in meiner Hand“ (Titel), hier geht es um „Abhängige“, um einen „schädlichen Lebensstil“ und um „Verhaltensstörungen mit sozialen und psychischen Folgeproblemen“. Dieses Hochgebirge an Problemen macht sofort klar: jeglicher gar humorvoller Ansatz zu einer konstruktiven Lösung muss als ahnungsloser Flachlandspaziergang verstanden werden! Anders formuliert: Wer diese Probleme auftürmt, sucht vielleicht gar keine Lösung.

3. Wieso muss eigentlich stets die Jugend als Schreckensszenario herhalten? Die Sache mit der Sucht lässt sich übrigens noch steigern – wenn Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen. Die Jugend war schon immer verdorben. In einer Zeit, in der die Generation der Eltern Punkrock hört und kifft, erkennen diese den Niedergang der Nachkommen aber nicht mehr in schlimmer Musik oder langen Haaren. Der heutigen Elterngeneration, die in Autos ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen ist, treibt die Tatsache, dass ihre Kinder auf kleinen Computern tippen, tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Voller ehrlicher Angst lesen sie Texte über Abhängigkeit und Sucht – statt sich sehr banal auf die Suche nach dem zu machen, was Erziehung schon immer ausgemacht hat: Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Aber wo sind die Vorbilder für die angemessene Handy-Nutzung in der Generation der Eltern, die Ramones-Shirts (die Echten, von früher!) tragen und mehr über die Vergangenheit sprechen als nach Lösungen für die Zukunft suchen? Wo sind die Eltern und Lehrer, die vormachen, wie man ohne Dämonisierung mit Handys umgeht?
Wer mit den wenigen spricht, die es davon zweifelsohne gibt, findet übrigens schnell raus: Sie wissen sehr genau, dass es Kern des Problems und nicht der Lösung ist, wenn man aus der Tatsache, dass man das Gerät mal unvernünftig oder übertrieben genutzt hat, gleich eine Entzugsklinik-Debatte macht.

4. Seit wann ist eigentlich alles, was man auf dem Smartphone macht gleich? Pokemons fangen, mit mehreren Menschen gleichzeitig chatten oder hochkonzentriert „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen – all das kann ich auf dem Smartphone tun. Und all das führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man kommt sich fast wie ein Smartphone-Fanatiker vor, wenn man darauf hinweist, dass es kaum zielführend ist, alles, was man mit dem kleinen Computer tun kann, über einen kulturpessimistischen Kamm zu scheren. Hier zu differenzieren, scheint mir ein erster vorsichtiger Schritt in Richtung einer Lösung. Denn: Natürlich gibt es smartphone-verbundene Freizeitbeschäftigungen, die sprunghaft, verwirrend und unstet sind. Es gibt aber auch eine kontemplative, eine versinkende Lektüre Nutzung des Geräts. Wer sich also im gesundheitspolitischen Hochgebirge der Gefahren und Probleme zu verlaufen droht, sollte bedenken: Smartphones sind auch Bücher – und über Bücher würde der Spiegel niemals so respektlos schreiben.

5. Können wir uns vielleicht alle ein wenig locker machen? Dass Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder mit der Art und Weise hadern, wie diese ihr Leben gestalten wollen, ist ja nun nicht wirklich neu. Und gäbe es keine Smartphones, würde sich die Debatte womöglich an anderen Gepflogenheiten entzünden. Vielleicht liegt ein erster Ansatz einer Lösung also darin, sich locker zu machen – oder zumindest das Verteufeln und die Weglegen-Debatte zu beenden. Kevin Kelly schreibt in seinem lobens- wie lesenswerten „The Inevitable“: „Unser erster Impuls scheint es zu sein, auf die wogende Veränderung der digitalen Technologie zu reagieren, indem wir zurückrudern. Es zu bremsen, zu verbieten, zu leugnen oder mindestens den Zugang zu erschweren. Aber das rächt sich. Prohibition ist höchstens kurzfristig gut, langfristig ist sie kontraproduktiv.“
Etwas mehr Anregung und viel weniger Aufregung könnten dazu führen, dass wir ganz bald viel mehr Vorbilder haben, wie man denn ein Smartphone angemessen nutzt. Dazu zählt – keine Frage – auch die Tatsache, dass man es (wie schon Peter Lustig wusste) auch mal ausmacht. Dazu zählt aber vor allem, dass man anerkennt, dass das Smartphone in sehr vielen Fällen zunächst ein Instrument des sozialen Austauschs ist. Wer es oft und ausgiebig nutzt, tut das also selten allein wegen des Geräts, sondern recht häufig wegen der Personen, mit denen er und sie darüber verbunden ist. Auch deshalb gibt es hier übrigens keine einfache Lösung.


Mehr zum Thema unter dem Schlagwort Kulturpragmatismus!

Update: Aufgrund der meinungsstarken Debatte habe ich ein Interview zum Thema geführt

loading: SENtypha

Entwicklungshilfe, die greift – das ist das Ziel von Heidi Schiller. Deshalb hat sie jetzt ein Crowdfunding-Projekt auf Startnext begonnen, das den Titel „Ökobaustoff sucht Erntehelfer“ trägt. Dazu beantwortet sie hier den loading-Fragebogen

Was macht Ihr?
Aus Schilf im Senegal einen Ökobaustoff. Das Projekt SENtypha will Wege finden, Schilfrohr im Senegal als Rohstoff zu gewinnen, von dem wir schon wissen, dass es ein ökologisches Multitalent ist – nur gibt es noch keinen Weg, es wirtschaftlich zu ernten. Das wollen wir ändern.
Entlang des Senegal-Flusses wachsen riesige Mengen des Schilfrohrs „Typha Australis“. Dieses Rohr ist ein Wunderding – aber auch eine Last. Einerseits nämlich wissen wir, dass es ein hervorragender Rohstoff für qualitativ hochwertige, ökologische Baumaterialen und vieles weitere ist. Andererseits aber wuchert es im Senegal-Fluss Schifffahrtswege zu und bedroht die Trinkwasserversorgung der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Das Problem: Bislang gibt es keine Möglichkeit, Typha im großen Stil zu ernten. Lokale Wertschöpfung, Arbeitsplätze vor Ort, ökologisches Bauen – all das ist bislang nur eine theoretische Option.
KAITO will einen Weg finden, die Ernte effizient und nachhaltig zu organisieren und Produktionseinheiten aufzubauen. So wollen wir den Menschen vor Ort eine Perspektive bieten. Den Anfang macht eine Crowdfunding-Kampagne, die bis zum 5. August auf Startnext läuft.

Warum macht Ihr es (so)?
– Wir sind vom Potenzial des Baustoffs überzeugt.
– Wir wollen hunderte Arbeitsplätze schaffen! Denn Typha ist eine Jobmaschine für eine ziemlich arme Region. Die Ergebnisse aus den Vorarbeiten einfach abzuheften und in Ordner ins Regal zu räumen, wäre eine vertane Chance – für die Menschen vor Ort, aber auch für Investoren, die neben der Rendite auch auf den Social Impact schauen.
– Wir kennen den Senegal, die Verhältnisse und Strukturen seit 10 Jahren aus der Unternehmer-Perspektive.
– Für Banken ist das Vorhaben zu riskant, für Investoren liegen noch zu wenig Zahlen vor (die erstellen wir mit dem Geld aus dem CF), für öffentliche Förderungen fallen wir durchs Raster: zu klein, zu lange im Senegal, zu viele Vorarbeiten schon geleistet, passt nicht unter die Überschrift des Programms … Das können wir durchaus nachvollziehen, den Leuten vor Ort bringt das aber alles nix. Ergo neuer Weg: Crowdfunding!
– Was die Kampagne „spannend“ macht, um mal Markus Sauerhammer zu zitieren: Wir gehen eigentlich mit einem B-to-B-Thema ins klassischerweise B-C-Crowdfunding. Anschließend kommt schon eine Investment-Phase, die Projektentwicklung über CF zu finanzieren, ist aber ein Novum.

Wer soll sich dafür interessieren?
– Alle, die aktiv Fluchtursachen bekämpfen wollen: Niemand flieht ohne Grund. Kein Job ist ein Grund. Mit 100 EUR ist ein Job geschaffen!
– Menschen, die einem neuen Ökobaustoff zum ersten Schritt auf der Karriereleiter verhelfen wollen.
– Leute, die Entwicklungsländer und deren Menschen als Partner auf Augenhöhe betrachten, und dabei mithelfen, vorhandenes Potenzial wirtschaftlich nachhaltig zu nutzen
– Alle, die angefangene Projekte gern zu Ende denken und tun. Was nützen die schönsten Studien, wenn sie hinterher keiner umsetzt?!
– Naturliebhaber (Der Vogelpark Djoudj im Norden Senegals ist unmittelbar von Typha Australis bedroht, weil die Pflanze immer weiter wuchert und die Wasserflächen zu klein für die Vögel werden. Und ein Vogelpark ohne Vögel … Der WWF hat schon Alarm geschlagen).

Wie geht es weiter?
– Nach erfolgreichem CF ermitteln wir auf Probe-Erntefeldern in unterschiedlichen Umgebungen (Flussufer, Sumpfgebiet davor, Bewässerungskanäle) geeignete Erntemethoden, suchen passende Maschinen und ermitteln die Zahlen für ein wirtschaftliches Mengengerüst. Daraus erstellen wir einen Bildband (für unsere Unterstützer) + Zahlenwerk (für Investoren).
– Es folgt dann die Gründung einer lokalen Firma, die den Prozess Ernte – Trocknung – Faseraufbereitung professionell umsetzt. Hierfür suchen wir dann Investoren als Gesellschafter oder Darlehensgeber.
– Eine erste Produktionseinheit für Fertighausplatten könnte zB pro Tag ein Low-Cost-Haus für den lokalen Markt produzieren. Der Bedarf ist enorm!

Was sollten mehr Menschen wissen?
Was mich am meisten antreibt bei dem Projekt, ist der Wille, nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben, sondern vorliegende Kenntnisse „super Material!“ auch in die Tat umzusetzen. Wenn wir es schaffen, unsere Idee auf viele Unterstützer zu übertragen, sie mitzunehmen und zu begeistern, können wir konkret hunderte lokale Jobs schaffen – und damit eine Perspektive vor Ort schaffen, die für einige die so sehnsüchtig gesuchte Alternative ist zur Flucht nach Europa. Ich glaube fest daran, dass konkrete Projekte – bei allem Risiko, das dabei ist – den Menschen vor Ort das meiste bringen. All die aufwändig recherchierten Studien sind eine wichtige Basis, die aber nur dann etwas nützen, wenn sie das Licht der praktischen Umsetzung erblicken und nicht im Regal stehen bleiben!


SENtypha hier auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Kulturpragmatismus

Dieser Text ist Teil die Juni-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

„Die Welt“, sagt der amerikanische Fotograf Nicholas Nixon, „ist unendlich viel interessanter als irgendeine meiner Ansichten darüber.“ Nixon beschreibt damit die Haltung, aus der heraus er seine fotografischen Arbeiten angeht, die Art und Weise wie er die Wirklichkeit bannen und abbilden will. In diesem Satz steckt aber etwas, was ich weit über das künstlerische Schaffen des Fotografen hinaus bedeutsam halte. In diesem Zitat manifestiert sich eine Haltung zur Welt, die ich Kulturpragmatismus nennen möchte. In Abgrenzung zu begeisterter Zukunftsgläubigkeit und resignierter Vergangenheitsverklärung zeichnet sich der Kulturpragmatismus durch die Fähigkeit aus, die eigene Bewertung der Welt und ihrer Entwicklung nicht so wichtig zu nehmen. Kulturpragmatiker sind neugierig, wo Pessimisten und Optimisten (so oder so) meinungsstark sind. Sie stellen die Frage nach einem grundlegenden Verstehen von Entwicklungen vor die eigene Einschätzung über deren Folgen. Denn sie glauben, dass die Welt (und das Verstehen ihrer Entwicklung) interessanter ist als die eigenen Meinungen und Bewertungen.

Ich halte eine Entwicklung hin zum Kulturpragmatismus für überfällig. Ich glaube, dass man aus politischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen den Raum zwischen den Stühlen der Optimisten und Pessimisten erweitern muss. Man muss Platz schaffen für kulturpragmatische Perspektiven, die uns in die Lage versetzen, angstfrei und souverän in die Zukunft zu gehen und diese zu gestalten. Ich glaube das, weil ich im Bereich der Digitalisierung (und in meiner Arbeit dazu) festgestellt habe, dass ein kulturpragmatischer Blick auf „das nächste große Ding“ oder „den Niedergang der Kultur“ stets die besten Ergebnisse zu Tage fördert – losgelöst von Euphorie und Angst entsteht ein Blick auf die Zukunft, der diese für gestaltbar hält. Wo Pessimisten einen zwangsläufigen Abstieg zu erkennen meinen und Optimisten einen automatische Verbesserung, geht der Kulturpragmatiker davon aus, dass Zukunft veränderbar ist – auch durch eigenes aktives Handeln.

Diese Haltung wird nicht nur wegen der vermeintlichen oder tatsächlichen Beschleunigung technischer Entwicklungen und Veränderungen immer bedeutsamer. Auch der größere politische Rahmen – die Brexit-Entscheidung des vergangenen Monats hat dies deutlich gemacht – verlangt nach einem kulturpragmatischen Blick auf die Welt, der erkennt: Das Bewahrende, Rückwärtsgewandte liegt im Trend. Denn die Menschen der westlichen Welt werden immer älter – und niemand hat uns beigebracht, wie man bei diesem Älterwerden Anschluss hält an das, was sich unter den eigenen Füßen verändert. Und da dieses Wissen fehlt, ist es nur verständlich, dass Orientierung einzig im Blick zurück (Take back control) erkennbar zu sein scheint.

Der FAZ-Journalist Volker Zastrow hat das im Herbst 2015 (zu einer Zeit, die fälschlicherweise oft als Flüchtlingskrise bezeichnet wurde) in einem langen und sehr guten Text so beschrieben:

„Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.
(…)
Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen.“

Ich finde den Text, der übrigens als Newsletter verschickt wurde, deshalb so stark weil dieser Beschreibung eben keine direkte Beurteilung folgt. Der Text selber ist aus einer kulturpragmatischen Haltung heraus geschrieben. Er analysiert eine Entwicklung, die man verstehen muss um zum Beispiel zu erkennen, woher das Hadern an der Gegenwart kommt – und damit auch, wie man z.B. den digitalen Graben in dieser Gesellschaft schließen kann. Zastrow folgert:

„Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben.“

Es ist an der Zeit, einen Raum zwischen den Progressisten und den Reaktionären zu öffnen. Einen Raum, der frei ist von Angst und geprägt von einer Haltung zur Zukunft wie sie ein Historiker einnehmen würde. Bruce Sterling hat das in einer sehr frühen Folge des Elektrischen Reporters mal nahegelegt. Darin rät er, weder optimistisch noch pessimistisch über die Zukunft zu sprechen. Schließlich wähle man diese Begriffe auch nicht, wenn man übers 19. Jahrhundert spricht. Stattdessen rät Sterling zum Engagement, zur Teilhabe, zum Einlassen (im Film etwa ab Minute 8)

Meiner Meinung nach ist das beste Symbol für eine solch kulturpragmatische Haltung zur Welt übrigens der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen

Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zukunft der Medien: Meine Handy-Nummer“ (Mai) „Alles, was ich über Social Media weiß“ (April) „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

loading: #incommunicado – das Hörbuch

Fabian Neidhardt beschreibt sich selber als Straßenpoet, Sprecher und Botschafter des Lächelns. Auf Startnext ist er aktuell als Podcaster aktiv. Für das Projekt #incommunicado bittet er um Unterstützung – deshalb hat er den loading-Fragebogen ausgefüllt.

Was machst du?
Ich will den Roman #incommunicado von Michel Reimon als professionelles Hörbuch produzieren. Michel Reimon hat 2012 seinen Roman, der neben einer spannenden Geschichte quasi nebenher die Entstehung und Entwicklung des Copyrights bis hin zu seinem Problemen mit unserer aktuellen digitalen Welt beschreibt, unter Creative Commons online gestellt. Ich bin Sprecher und möchte dazu beitragen, das Thema noch bekannter zu machen. Also sammele ich Geld, damit ich das Studio für die Aufnahme, den Schnitt und das Mastern bezahlen kann. Danach wird das Hörbuch als kostenloses Creative Commons Hörbuch (CC­BY-SA­NC 3.0) in Podcastform veröffentlicht.

Warum machst du es (so)?
Ich habe genau diesen Podcast schon vor vier Jahren gestartet, aber mir fehlt einerseits die Zeit, andererseits das Equipment, dieses Hörbuch in der Qualität zu produzieren, die ich gern hätte. Deshalb die Crowdfundingaktion.

Wer soll sich dafür interessieren?
Grundsätzlich sollte sich dafür jeder interessieren. Es geht ja darum, wie wir heutzutage mit Kunst und Kreativität umgehen und wie das Copyright damit nicht mehr zusammenpasst. Deshalb brauchen wir ein paar Leute, damit sich noch mehr Leute mit diesem Thema auseinandersetzen können.

Wie geht es weiter?
Aufmerksamkeit generieren. Für die Kampagne und damit auch für das Thema Copyright. Damit solche Fälle wie Kraftwerk vs. Moses Pelham nicht mehr 17 Jahre vor Gericht stehen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Heutzutage wird das Copyright kaum mehr benutzt, um Künstler und ihre Arbeiten zu schützen. Im Gegenteil schränkt es Kunst ein und lässt ganze Kanzleitrauben mit kuriosen Copyrightverletzungen Geld verdienen. Der ganz aktuelle Fall Kraftwerk vs. Moses Pelham zeigt ganz gut, wo das Problem liegt: Das Copyright, wie es offiziell existiert, kann nicht mit der Art, wie wir Kunst konsumieren und produzieren. Daran sollten wir etwas ändern.

>>> Das Projekt #incommunicado auf Startnext unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Meme in den Unterricht! Das Tincon-Zeugnis

Ich durfte heute in meiner Funktion als Phänomeme-Blogger auf der Tincon sprechen. Es ging um Internet-Quatsch, Meme und den aktivsten Teil der Popkultur: die Netzkultur. Es war ein Spaß und alles prüfungsrelevant. Teilnehmer*innen können sich unten ihr Zeugnis herunterladen!

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Verbunden mit dem Zeugnis ist eine Forderung, die ich den jugendlichen Besucher*innen der Tincon mit auf den Weg gegeben habe: Ich finde, Meme gehören in den Unterricht, Internet-Quatsch gehört auf den Lehrplan!

„Wir leben in einer hyper-memetischen Kultur“, schreibt Limor Shifman in ihrem Buch „Meme – Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter“ und Felix Stalder spricht in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kultur der Digitalität“ gar von einer „digitalen Volkskultur des Remix und Mashups“(…), die „von unzähligen Personen mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Anspruch betrieben“ wird. „Die Gemeinsamkeit mit der traditionellen Volkskultur, im Gesangsverein oder anderswo, liegt darin, dass Produktion und Rezeption, aber auch Reproduktion und Kreation weitgehend zusammenfallen.“

Weil ich das genau so sehe, halte ich es für überfällig, diese digitale Volkskultur auch auf den Lehrplan zu heben. Egal ob in Heimat- und Sachkunde (Mein Zuhause ist das Internet), in Geschichte oder womöglich gar in einem eigenen Fach – es ist dringend nötig, die Kultur des Netzes auch im Unterricht zu behandeln. Mit der gleichen Berechtigung, mit der Schüler*innen Musikinstrumente im Schulunterricht einsetzen, sollen sie auch digitale Kreativitätsinstrument (Mashup, Remix, Referenz) in der Schule kennenlernen.

Vielleicht wird das unten stehende Zeugnis, das Tincon-Teilnehmer*innen ausdrucken und ausfüllen können, ein erster Schritt zur inhaltlichen Digitalisierung des Lehrplans. Vielleicht gehen sie mit dem Zeugnis zu ihren Lehrer*innen und fordern eine inhaltliche Digitalisierung des Unterrichts ein.

Bildschirmfoto 2016-05-27 um 15.31.22
PDF-Download

Mehr zum Thema Internet-Quatsch auch auf Phänomeme.de – wo auch der Begriff Phänomeme erklärt ist

The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

via
Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“