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The Age of Trotzdem – Wir sind unbeugsam

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Sascha Lobo hält gerade seine Rede an die Nation re:publica. Sie trägt den Titel „The Age of Trotzdem“ und er hat gerade tatsächlich die Anwesenden mehrfach Trotzdem rufen lassen.

Als Fan von Sascha Lobo und als Fan des VfL Bochum MUSS ich in diesem Moment darauf hinweisen, dass der Verein für Leibesübungen aus Bochum schon vor ein paar Jahren in seinem Leitbild (das erste im Profifussball) unter dem Punkt Unbeugsam Folgendes notierte:

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel
der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen
bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und
Niederlagen – aber immer noch da!

Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den
Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und
bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb,
„immer wieder aufstehen“ unser Prinzip,
„trotzdem“ unser Motto!

Ich glaube, es gibt nur eine Schlussfolgerung aus dieser Dopplung: die Nation re:publica sollte Mitglied des VfL Bochum werden!

vflBochum_trotzdem

Trotzdem!
¯\_(ツ)_/¯

Weiterlesen auf Digitale Notizen:
VfL-Trainer Verbeek und die Angst
Das Shruggie-Prinzip
Der Abschluss mit Obamas Gif

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Obama liefert dem Gif-Zeitalter das Cover-Motiv

Es gehört zum Wesen der Medien getriebenen Politik, dass sie sich schon immer auf die einprägsamen Sätze, die leicht teilbaren Zitate konzentriert hat. Was dem Zeitalter des Kalten Kriegs das „Ich bin ein Berliner“ Kennedys war, wird im Zeitalter des Gifs (mehr dazu im aktuellen Digitale-Notizen-Newsletter) vermutlich diese Drop-The-Mic-Szene von Barack Obama. Sie ist die greif- und vor allem teilbare Essenz seines Auftritts beim White House Correspondents‘ Dinner, seinem letzten als amtierender US-Präsident.

Wie sehr Barack Obama das Internet und seine Kultur verstanden (und genutzt) hat, kann man in der Analyse seiner Twitter-Nutzung oder in seinem „Ende des Durchschnitts“-Wahlkampf sehen. Bebildert wird all dies mit einer Gif-Sequenz, die nicht durch Zufall als Gif exitiert. Hier hat jemand genau verstanden, wie er im digitalen Gedächtnis bleibt: als animierte Szene, die in der Welt der Reactionsgifs schon jetzt ein instant classic ist. Das Sinnbild für einen gelungenen Abgang, eine souveräne Verabschiedung. Wir werden sie noch oft sehen, ehe Obama das Weiße Haus verlässt – und erst recht danach.

Dieses Gif wird in der Welt der Phänomeme zum Fazit von Obamas-Präsidentschaft: cool, souverän und digital verankert. Und das alles trotz NSA, Snowden und Whistleblower-Verfolgung. Im Wesen der medial getriebenen Politik ging es schon immer nicht nur um Inhalte.

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Alles, was ich über Social Media weiß (Digitale April-Notizen)

Dieser Text ist Teil der April-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann! Dieses Jahr sind bereits erschienen „Die Zeitung nach dem Papier“ (März) „Denke kleiner“ (Februar) und „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar).

reichweite Eine Million Menschen. Mit dieser unfassbar großen Anzahl an Zuschauern weckt Facebook mein Interesse. Fast eine Million Menschen haben in den vergangenen Tagen diesen Beitrag auf der Phänomeme-Facebookseite gesehen, die ich für die Süddeutsche Zeitung beitreibe, um über Internetquatsch zu schreiben. Es ist ein kleines Blog, das ich u.a. aus Begeisterung z.B. für Gifs betreibe und in dem ich lerne, wie sich Aufmerksamkeit z.B. auf Facebook verbreitet.

Im aktuellen Fall handelt es sich um ein kleines Gif, das einen Jungen im gestreiften Schlafanzug zeigt, der kleine Luftballons auf den Haaren eines Säuglings elektrostatisch auflädt, um sie an die Wand zu kleben. Die Phänomeme-Facebookseite hat rund 18.000 Fans, der Ballonjunge hat ihre Reichweite in den vergangenen Tagen verfünfzigfacht. Wie ist das möglich?

Um diesen Erfolg zu ergründen, muss man zwischen den technischen und den inhaltlichen Implikationen unterscheiden: Technisch sprechen wir von einem Gif, einem kleinen Bewegtbild, das sich in der Welt der Phänomeme großer Beliebtheit erfreut, historisch aber erst seit kurzer Zeit von Facebook direkt in der Timeline angezeigt wird. Im Mai 2015 führte Facebook diese Funktion ein und es lohnt sich, dieses kleine Jubiläum angemessen zu begehen. Denn es ist keinesfalls klar, dass die genannte Funktion auf ewig in Facebook so bleiben wird. Derzeit ist es aber möglich, Gifs in der Timeline wie so genannte Autoplay-Clips abzuspielen: Die Bildsequenz spielt ohne Aufforderung und stumm los.

Inhaltlich gründet sich der Reichweiten-Erfolg des Ballon-Beispiels auf das, was hier unter dem Stichwort „Du bist, was du twitterst“ schon mal Thema war. Denn die Nutzung von Social Media ist ein Spiel der Identitäten, es geht dabei um den gleichen Antrieb, der Menschen eine bestimmte Frisur, Kleidung oder Tasche tragen lässt. Man muss das nicht gut finden, es lohnt sich aber die Mühe aufzuwenden, es zu verstehen bevor man der Welt seine Meinung über dieses Prinzip kundtut. Wenn man auf diese Mühe verzichtet, kommt dabei etwas heraus wie jener Twitter-Text (Blendle-Link) unlängst in der FAS.

Ich glaube – und der Ballon ist mir dafür Beleg – dass Postings in sozialen Netzwerken immer mehr zu einem digitalen Modestatement werden. Die Tatsache, dass Facebook einen Mangel an wirklich privaten Posts beklagt (und in Folge dessen vielleicht auch nicht mehr als klassisches Soziales Netz zu verstehen ist), bestätigt diese These. Man schmückt sich mit bestimmten Marken, mit bestimmten Thesen und darauf aufbauend mit bestimmten Identitäten. Und eine sehr einfache, sehr naheliegende Identität entsteht aus Verwandtschaftsverhältnissen. Deshalb markieren Nutzer unter dem Ballon-Bild ihre Geschwister. Weil das Ballon-Bild einen Aspekt ihrer Identität bedient.

Magazin- und Boulevard-Journalismus haben dieses Spiel der Identitäten schon immer gespielt. Es ging dabei schon immer darum, mit Inhalten Haltungen, Stimmungen, Identitäten Raum zu geben. Soziale Netzwerke haben dieses Prinzip kleinteiliger gemacht. Ein Beitrag über die Stadt Siegen kann zu einem Buzzfeed-Erfolg werden, obwohl der Durchschnitt der im klassischen Magazin- und Boulevard-Journalismus immer mit adressiert werden musste, sich überhaupt nicht für die Stadt Siegen interessiert. Diejenigen, die aber einen Bezug zu Siegen haben, finden sich in diesem Siegen-Beitrag wieder und interagieren damit – weil er ihr eigenes Modestatement ist. (Ich nenne dies „Das Ende des Durchschnitts“)

Dieses Identitätsprinzip ist ein Muster, das in zahlreichen Diensten erkennbar ist – am anschaulichsten natürlich in Facebook. Von hier aus lässt sich eine spannende Debatte darüber beginnen, wie diese Identitätsprinzipien die Reichweitenmechanismen klassischer Werbevermarktung prägen (vielleicht schreibe ich in einer der nächsten Folgen dazu), noch spannender scheinen mir aber gerade die Folgen für den klassischen Journalismus zu sein.

Technisch und inhaltlich schlagen sich die genannten Entwicklungen in dem nieder, was in Medienhäusern produziert wird. Dabei geht es einerseits darum, dass sich diese Inhalte technisch in den Timeline-Fluss einfügen, dass sie mit den Mustern des Bewegtbilds spielen und dass sie schließlich inhaltlich zur Identitätsprägung beitragen. Was das bedeutet lässt sich wunderbar an den Rappenings von Dendemann im Neo Magazin ablesen, wenn man diese nicht als musikalische Einlagen, sondern als digitale Fassung eines Leitartikels versteht.

Ein weiteres Beispiel lieferte dieser Tage der Guardian, der einen Leitartikel unter Mithilfe zahlreicher Schauspieler (u.a. Patrick Stewart) und mit Referenz auf Monty Python inszenieren lies (Hintergrund dazu): Der kurze Clip zur Brexit-Debatte ist nicht nur eine wunderbare Kopie der Vorlage aus dem Film „Das Leben des Brian“, es handelt sich dabei auch um die Umsetzung all dessen in einem Leitartikel, was ich über im April 2016 über Social Media gelernt habe.

Dieser Text stammt aus dem monatlichen Digitale Notizen Newsletter.

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Über Pressefreiheit und Social-Media-Gelassenheit

Aus aktuellem Anlass zwei kleine Erinnerungen:

1. Es lohnt sich, Social-Media-Gelassenheit zu üben!
Ronnie Grob hat eine Liste von professionellen Kolleg*innen veröffentlicht, die reflexhaft ein Fake-Interview von Kai Diekmann mit Jan Böhmermann geteilt haben – obwohl keine der Aussagen von Böhmermann stammte. Wie dieses Interview zu bewerten ist, hat Friedemann Karig bei jetzt notiert. Davon abgesehen, zeigt der Fall aber nochmal, dass selbst Medienprofis in Social-Media-Hitze vom Post-Reflex befallen werden können. Im Januar-Newsletter schrieb ich dazu:

Gegen diesen Reflex hilft – und der Shruggie illustriert dies auf wunderbarste Weise – einzig der Zweifel, sich selbst zu hinterfragen: Vielleicht ist ja auch das Gegenteil dessen richtig, was man gerade im Moment für eine unumstößliche und dringend zu postende Wahrheit hält.

2. Man sollte sich an den Kern von Pressefreiheit erinnern: In der hochkochenden Böhmermann-Debatte (die übrigens am besten auf einer nicht professionellen Seite gebündelt ist) lohnt es sich daran zu erinnern, dass Geschmack, Anstand oder Moral in Bezug auf Pressefreiheit keine Kategorien sind. Denn „Pressefreiheit gründet eben nicht darauf, die Offenheit zu haben, seine eigene Meinung und Moral veröffentlicht zu sehen. Dieses Verständnis bringen sogar Diktaturen auf“, bloggte ich im Januar 2015. „Pressefreiheit gründet vielmehr darauf, dass man die öffentliche Meinung und Moral derjenigen aushält, die eine völlig andere Meinung haben. Eine Meinung, die man unangemessen, dumm oder schlicht falsch findet.“ Es ist gerade ein guter Zeitpunkt sich selber (und dann erst Herrn Erdogan) daran zu erinnern, dass es bei Pressefreiheit eben nicht darum geht, den moralisch richtigen, den angemessenen oder stilvollen Meinungen Raum zu geben. Pressefreiheit heißt vor allem: Meinungen auszuhalten – und im Wettstreit der Ideen zu bekämpfen – die man für moralisch falsch, unangemessen und stillos hält. Das ist so viel schwieriger als es klingt.“

Etwas mehr Shruggie könnte uns dabei helfen! ¯\_(ツ)_/¯

Hintergrund zum Clip bei Phaenomeme.de

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Internet-Inspiration: 10 Ideen, die ich bei den Webbyawards entdeckt habe

Honoring the best of the internet – das ist der Slogan der WebbyAwards, die in unfassbar vielen Unterkategorien Preise für tolle Webprojekte vergeben. Das Besondere an den Awards: sie sind eine tolle Internet-Inspirationsquelle. Ich habe mir die Nominierten (über die man noch 15 Tage abstimmen kann) angeschaut und beim Durchsehen viel interessante (und mir zum Teil unbekannte) Angebote entdeckt. Hier eine Auswahl von zehn Ideen:

10. Emoji Ordering: Pizza bestellen durch Senden eines Emojis

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9. Walking New York: ein Cover fürs New York Times Magazine – und sehr viel mehr.

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8. Greatist – eine Ratgeberseite, auf andere Art

7. Quartz for iPhone: eine Nachrichtenseite, die ein Chat ist

6. Pridestream: ein Telekommunikationsanbieter, der sich für Freiheit einsetzt

5. What 3 Words: ein Angebot, das die Welt in drei-mal-drei-Meter große Quadrate einteilt, damit jede und jeder eine Adresse bekommt. „what3words is a unique combination of just 3 words that identifies a 3mx3m square, anywhere on the planet.“

4. Webucation: Ordinary people who have learned extraordinary skills by just using the internet as their teacher.

3. 36 Questions: Können sich völlig fremde Menschen ineinander verlieben – nur indem sie sich 36 Fragen stellen?

2. Inside Abbey Road: Google zeigt am Beispiel der Abbey Road wie man Navigation auch denken kann

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1. Links I would gchat you if we were friends – meine Newsletter-Entdeckung des Jahres (danke Simon für den Hinweis). Caitlin Dewey durchforstet die dunklen und lustigen Seiten des Netzes und bündelt ihre Fundstücke in einer tollen Mail.

Falls Du auch tolle Entdeckungen machst, schlage ich den Hashtag #internetinspiration vor!

Du bist was du twitterst: In Social-Media geht es um Identität

Es ist Frühjahr 2016, die Zehn-Jahres-Feierlichkeiten um Twitter sind gerade vorbei gezogen. Ein guter Zeitpunkt, um an etwas (vermeintlich) sehr Einfaches zu erinnern: Du bist was du twitterst! Andreas Bock hat das bei 11 Freunde gerade am Beispiel von Philipp Lahm auf anschauliche Weise offen gelegt, „denn Philipp Lahms Twitter-Einträge lesen sich, als hätte sie ein Textroboter generiert, der vorher von Heribert Faßbender mit ein paar Fußballfloskeln gefüttert wurde.“

Der Fall Philipp Lahm liegt dabei inhaltlich etwas anders als die Tweets von Harry-Potter-Erfinderin JK Rowling, über die Heather Schwedel unlängst aber in gleicher Ausrichtung bei Slate schrieb:

Reading Rowling’s Twitter updates, it’s dispiriting to be faced with daily reminders that one of your former heroes is still tinkering with a world they thought you left behind perfectly preserved in childhood.

Es scheint vielen Menschen, die in Social Media für sich und ihre Produkte Aufmerksamkeit generieren wollen, nicht klar zu sein: Die Beiträge auf Twitter/Facebook/Instagram sind mehr als Werbepostings, sie formen ein Bild von der Person, unter deren Namen der Account läuft. Und dieses Bild kann schon bei einem dummen Beitrag Schaden nehmen – bei fortgesetzter Plattheit wird es nicht besser.

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Foto via Unsplash https://unsplash.com/photos/omKdUQ9R3Zo

Das gilt übrigens nicht nur für Prominente, Chefredakteure oder Shopbetreiber. Das „Du bist was du twitterst“-Prinzip gilt für jeden, der Timelines (aktuell zum Beispiel) mit Böhmermann-Lob, Widerspruch für überdimensioniertes Böhmermann-Lob oder April-Scherze befüllt. In Social-Media geht es um Identität. Wir posten Inhalte wie wir Markenkleidung tragen. Beiträge oder Sneakers, Videos oder Pullis – es geht stets um Teilhabe und Abgrenzung, es geht darum möglichst beiläufig darüber zu informieren, wo man steht. Es ist hilfreich, stets daran zu denken, dass alle Jubel- oder Hass-Posts immer auch einen Meta-Klang in sich tragen, den man bei angemessener Social-Media-Gelassenheit heraushören kann und der sagt: Ich bin wie ihr oder (besonders gern genommen) Ich bin nicht wie ihr. (Dieses Prinzip gilt übrigens völlig unabhängig von politischer Ausrichtung oder vermeintlicher Eloquenz)

In den manchmal hitzigen Diskussionen derjenigen Social-Media-Nutzer, die in den Netzwerken sind, weil sie Spaß daran haben, merkt man dies manchmal nicht. In den Beiträgen derjenigen jedoch, die Social Media nutzen, weil es ihnen ein Berater, ein Ausrüster oder Sponsor nahegelegt hat, fällt dieser Meta-Klang viel häufiger auf. Was dann zu so absurden Accounts wie dem von Philipp Lahm führt. Andreas Bock kommt in seinem 11-Freunde-Text jedenfalls zu diesem richtigen Fazit:

Wenn man sich versehentlich alle 163 Tweets (Stand: 31. März 2016) von Philipp Lahm durchliest, (…) kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, wie Philipp Lahm in der anstehenden Sommerpause aus dem Urlaub postet. Sätze wie: »Ich bin hoch motiviert in den Schwarzwald gefahren und werde alles dafür tun, meiner Mutter eine schöne Kuckucksuhr mitzubringen.«

Proper Tasty, Tasty und Nifty: Der Aufstieg der Rezeptefilme auf Facebook


Nachher fragt man sich dann stets wann es eigentlich angefangen hat. Im Fall von Tasty kann man es sehr genau sagen: Das Video-Rezepte-Angebot von Buzzfeed ist im vergangenen Sommer an den Start gegangen – und es legt eine erstaunliche Reichweitenkarriere auf Facebook hin. Dayna Evans erklärt im New York Magazine was sie an den kurzen Filmen fasziniert:

Black Bean BurgersFULL RECIPE: http://bzfd.it/1ShI7ot

Posted by Tasty on Montag, 28. März 2016

Tasty is barely a year old — it launched at the end of last July — but has since amassed almost 50 million Facebook fans, and, as of the beginning of this year, more than 84 million comments. The view count is even more astounding: Since Facebook switched over to an autoplay feed, where videos shared by your friends begin to stream without your hitting play, Tasty has racked up 8 billion views and counting.

Hauptgrund für den Erfolg der Videos ist die Autoplay-Funktion in der Facebook-Timeline. Um Videos mehr Gewicht zu geben (und sich selber als Konkurrent zu YouTube zu positionieren), ist Facebook dazu übergegangen, kurze Filmclips automatisch in der Timeline zu starten. Und die Macher aus Buzzfeeds Videoteam haben sich darauf eingestellt, sie haben diese kurzen Rezeptvideos entwickelt, die auch deshalb so populär sind, weil man sie eben nicht nachkochen will, wie Dayna Evans lesenswert erklärt:

The autoplay is part of what drew me into BuzzFeed Tasty in the first place. So many people were sharing these videos in my feed that I couldn’t look away. Inevitably, the Zen-like state that they put me in — who doesn’t like to see a task go from start to finish in under one minute — caused me to seek them out myself in times of panic or desperation. They are the basic salve to all ills. I may never make chocolate galaxy bark, but it helped me not lose my mind on Monday. In fact, I’ve never made any of the dishes on Tasty’s site, and I probably never will. To me, that’s not the point.

Buzzfeed jedenfalls legt nach: Auf Tasty folgte Proper Tasty sowie die brasilianische Version Tasty demains. Seit kurzem gibt es auch Nifty, eine Seite, die Haushaltstipps auf gleiche Weise aufbereitet.

3 Tiered Herb PlantersSee full written instructions here: http://bzfd.it/1MfWr47

Posted by Nifty on Sonntag, 20. März 2016

Stets handelt sich um kurze Clips, die in wenigen Sekunden ein Rezept zubereiten oder eine Problem lösen – und zwar jeweils aus der Perspektive des Zuschauers. Vor seinen Augen verwandelt sich das Ei in wenigen Augenblick in Eischnee oder die Karotten in einen vegetarischen Burger.

Hier den ganzen Text aus dem New York Magazine lesen

In eigener Sache: Geschenke, Termine und Jobs im Newsletter

Kurzer Hinweis in eigener Sache: in der nächsten Woche erscheint die März-Folge des Digitale Notizen-Newsletter. Ich weise deshalb besonders darauf hin, weil ich in der neuen Folge etwas ausprobieren werde: eine Rubrik mit Geschenken (Überraschung!), Terminhinweisen und interessanten Stellenausschreibungen. Keine Sorge, im Mittelpunkt steht weiterhin der „distanzierte Blick, der die Frage stellt: Was bleibt von all den Neugikeiten und Veränderungen? Welche Schlüsse kann man daraus ziehen? Welche Muster kann man erkennen?“ – darüberhinaus will der Newsletter sich aber auch weiterentwickeln und vielleicht einen weiteren Mehrwert bieten. Wer Interesse daran hat, kann sich hier kostenlos eintragen!

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Ebenfalls ein wenig in eigener Sache ist der Hinweis auf zwei spannende Konferenzen, die man im April und Mai besuchen sollte (nicht nur, weil ich daran teilnehme) Es geht um die Direttissima-Konferenz am 22. April in München und um die TinCon vom 27. bis 29. Mai in Berlin.

10 Jahre Twitter: Mein Selbstversuch (aus dem Archiv)

Twitter wird heute 10 Jahre alt. #LoveTwitter heißt das als Hashtag. Und zum Jubiläum empfehle ich die Doku „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ von Tim Klimes, die heute um 10 Uhr und heute nacht um 1.15 Uhr auf ZDFinfo läuft.

Außerdem habe ich zum Jubiläum einen Text aus dem Archiv geholt, den ich im Frühjahr 2009 über Twitter schrieb – in der Süddeutschen Zeitung. Damals wusste man noch nicht, dass BonitoTV ein Fake ist und man sah sich ständig mit der Frage konfrontiert, wofür der Quatsch eigentlich gut sei.

Meine Antwort – sieben Jahre alt und doch irgendwie noch passend:

Jetzt werde ich verfolgt. Und ich habe es sogar drauf angelegt, denn: Ich nutze Twitter. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Microblogging-Plattform. Auf 140 Zeichen kann man hier Texte, Statements, Beobachtungen notieren. Diese sogenannten Tweets werden für jedermann sichtbar im Internet veröffentlicht. Und wenn das einen anderen Twitter-Nutzer interessiert, kann dieser seine Lektüre öffentlich machen und wird zu einem Follower, verfolgt also das Verfasste. So simpel funktioniert Twitter. Das lohnt sich zu Beginn festzuhalten, denn in den vergangenen Wochen ist so viel und so wild über Twitter geschrieben worden, dass die Grundidee manchmal auf der Strecke blieb.

Dass diese Grundidee einfach, aber auch genial ist, davon bin ich nach ein paar Wochen Twitter-Selbstversuch überzeugt. Und ich will erklären, wie es dazu kam. Dabei bin ich mir bewusst, dass das nicht ganz leicht wird. Denn Twitter hat auf der einen Seite begeisterte Fans, denen jeder massenmediale Text über ihr Kommunikationsforum einem Angriff gleichkommt. Auf der anderen Seite sehen Kulturpessimisten in der Verknappung, die auf der Plattform gepflegt wird – die Welt passt in 140 Zeichen –, den nahenden Niedergang der Zivilisation. Beide Seiten werden enttäuscht sein von meinem Twitter-Lob. Beide Seiten werden in diesem Text vergeblich nach den gängigen Stichworten suchen: Ich verzichte auf Hudson River (als ein Flugzeug dort notwassern musste, fanden sich Meldungen dazu zunächst bei Twitter, dann erst in den Nachrichten-Agenturen), Dummheit (Spiegel-Online begann sein Interview mit Twitter-Gründer Evan Williams tatsächlich mit der sehr dummen Frage, ob Twittern dumm mache) und auch auf Winnenden (Reporter nutzten am Tag des Amoklaufs Twitter für zum Teil fragwürdige Kurzmeldungen).

Denn würde man diesen Text einem bei Twitter mittels # eingeleiteten Stichwort zuordnen wollen, wäre dies gewiss der Begriff „Small Talk“. Twitter ist nämlich in erster Linie ein hervorragendes technisches Werkzeug, um Small Talk im Internet zu führen. Wobei ich bewusst all die damit verbundenen vermeintlich negativen Eigenschaften wie Beiläufigkeit, Lockerheit und mangelnde Tiefe einschließe. Ja, Twitter ist der Ort für Befindlichkeiten und Plaudereien. Und ja: Wer das richtig zu nutzen weiß, wird Gefallen daran finden. Um das zu verstehen, muss man den Reiz des Verfolgens ergründen. Man kann bei Twitter neudeutsch followen, also die Mitteilungen eines anderen Nutzers mitlesen, und gefollowt werden, also öffentlich bekannt gelesen werden. Letzteres gilt als Ausdruck von Popularität und Bedeutsamkeit. Jedenfalls brachte der bekennende und auch deshalb bekannte Twitter-Nutzer Sascha Lobo (im Twitter-Jargon wäre der Name mit einem @ einzuleiten) seine Klage wortreich vor, als er unlängst von den automatisierten Nachrichten des News-Portals Spiegel-Online in Sachen Follower überholt und als beliebtester deutschsprachiger Twitterer abgelöst wurde.

Doch der tiefere Sinn des Verfolgens erschließt sich erst, wenn man selber followt. Dann erst wird aus der vielstimmigen Twitter-Masse ein tatsächlich melodisches Zwitschern, dessen Klang man selber bestimmen, weil auswählen kann: Auf der eigenen Startseite oder in Programmen wie Tweetdeck oder PeopleBrowsr liest man dann Meldungen und Kurzmitteilungen von wirklichen Freunden, von entfernten Bekannten oder von Menschen, für die man sich irgendwie interessiert. So ergibt sich ein Stimmungsbild, das einem Gespräch auf einer Party gleichkommt, auf der nur Menschen eingeladen sind, deren Meinung einen interessiert. Es mischen sich in meiner Twitter-Lektüre lustige Beobachtungen aus dem Backstage-Bereich von Harald Schmidt (@bonitoTV) mit den Notizen des britisch-kanadischen Autors Cory Doctorow (@doctorow) und den Statusmeldungen von wirklichen Freunden und guten Bekannten.

Gemeinsam ist all diesen Meldungen: Sie transportieren so wenig Inhalt, dass sie es nie zu einer Mail, einem Anruf oder gar einem persönlichen Gespräch geschafft hätten. Außerdem würden Schmidt und Doctorow mich vermutlich nicht anrufen, um mir zu sagen, dass ihr Lektor einen wirklich guten Job macht oder die Praktikantin gerade heißen Tee bringt.

Die Information auf Twitter heißt Andeutung. Ein Bekannter notiert eine Beobachtung am Flughafen, eine Nebensache wird so zur Meldung und seine Follower wissen: Er ist auf Reisen. Bei aller Inszenierung, die in diesen Tweets steckt: Schmidts Praktikantin oder der Flug eines Bekannten sind der Stoff, aus dem guter Small Talk entsteht. Scheinbar belanglos, beiläufig und unwichtig, aber dennoch informativ und – wenn gut gemacht – auch sehr unterhaltsam. So entstehen lesenswerte Dialoge aus Beobachtungen, die ohne Twitter unnotiert geblieben wären: Ein anderer Nutzer reagiert mittels eines Re-Tweets auf die Flughafen-Beobachtung und ergänzt – eingeleitet durch ein @, dem der Namen des Reisenden folgt – eine eigene Erfahrung.

Spätestens als ich diese Gespräche und Re-Tweets miterlebt hatte, war mir klar: Twitter macht Small Talk tatsächlich interessant. Denn das Tolle an diesem umfangreichen Angebot von Kurzmitteilungen ist, dass es einem hilft, den schlechten vom guten und gepflegten Small Talk zu unterscheiden. Und wo man nur Belanglosigkeiten hört, die einen interessieren, gewinnen auch diese plötzlich an Bedeutung.

Um das zu verstehen, muss man sich aber bei Twitter registrieren und anderen Nutzern folgen. Twitter funktioniert wie ein Telefon. Wer sich dem lediglich über die Startseite (also die Gesamtheit aller Gespräche) nähert, wird die unverständlichen Gesprächsfetzen zahlreicher Telefonate bemerken – und diese natürlich für belanglos halten. Wer aber versteht, dass Twitter ein Kommunikationsinstrument ist, dessen Wert durch den Austausch und nicht durch die Publikation entsteht, der ist schon sehr nah dran am Zauber der Plattform: Menschen führen Gespräche auf Twitter, wenn sie mittels Anwendungen wie Twitpic oder MobyPicture kinderleicht Fotos in ihre Tweets einbauen oder vom Blackberry oder vom iPhone aus ihre Beobachtungen und mehr notieren. Und das Gespräch zwischen Menschen war schon immer ein Antrieb für Neues. Schön, dass diese Gespräche hier als Antwort auf die Frage „Was machst du gerade?“ entstehen.
Eigentlich eine sehr einfache Frage, auf die es aber zum Glück unzählige Antworten gibt.

(aus der Süddeutschen Zeitung, 14.4.2009)

Zum Jubiläum kommuniziert Twitter erstmals Nutzerzahlen für Deutschland: 12 Millionen Menschen greifen nach Angaben von Deutschland-Chef Thomas de Buhr monatlich auf den Dienst zu, in dem ich persönlich diese fünf Lieblingsaccounts habe:

@dvg
@neueversion
@phaenomeme
@SZ_langstrecke
@SZ

Netflix, Sky, House of Cards und die Bedeutung von Gifs



Es ist ein einfacher Link auf eine Twitter-Konversation aus Anlass des Starts der vierten Staffel von House of Cards. Und doch steckt in diesem Tweet des deutschen Netflix-Accounts und der Antwort von Sky-Deutschland so viel Digitalisierung, dass es sich lohnt kurz innen- und festzuhalten, was gerade passiert (und nicht nur, weil dafür die von mir sehr geschätzten animierten Gifs zum Einsatz kommen)

Darum gehts: Die äußerst populäre Serie „House of Cards“ ist eine Netflix-Eigenproduktion, die in Deutschland allerdings nicht bei Netflix zu sehen ist, sondern bei Sky. Der große amerikanische Streaming-Dienst verkaufte zum Start der Serie vor vier Jahren die Rechte für den deutschen Markt an Sky – vermutlich weil man annahm, mehr Geld einzunehmen als wenn man die Serie auch den deutschen Zuschauern selber zugänglich macht. Diese Rechte-Thematik bekam größere Aufmerksamkeit, weil Netflix zur Durchsetzung dieser Länderrechte einen Umweg zu schließen vorgibt, über den deutsche Netflix-Nutzer die Serie bisher dennoch auf Netflix gucken konnten. Alle Hintergründe zur VPN-Sperre hier.

Das lernen wir:


1. Netflix-Deutschland kommunziert die Schwäche seines eigenen Angebots auf ein offene und sympathische Art und Weise. Der Tweet mit dem animierten Gif sagt indirekt: „Sorry liebe Kunden wir haben vor vier Jahren einen Fehler gemacht, würden wir heute nicht wieder so machen. Bleibt uns trotzdem treu.Dieser Tweet widerspricht in ALLEM der Verschweige-Kultur klassischer Öffentlichkeitsarbeit, die darauf ausgerichtet ist, Fehler zu verschweigentuschen als sie zuzugeben. Netflix macht es trotzdem.


2. Bei Sky freut man sich offenbar so sehr darüber, dass man das Produkt „House of Cards“ im Angebot hat, dass man aus lauter Überheblichkeit all das falsch macht, was Netflix richtig macht: wieder ein einfaches Gif, allerdings gedankenlos gepostet. Frank Underwood schlägt die Tür zu – dem Kunden vor der Nase. Das ganze ist als Antwort an Netflix gedacht, muss aber (auch) als Botschaft an den Zuschauer verstanden werden. Indirekt sagt dieses Gif: „Du kommst hier nicht rein. Diese Tür ist zu.“ Dabei müsste doch das Gegenteil im Interesse von Sky sein: diejenigen Netflix-Kunden zu gewinnen, die gerade nicht gucken können.

3. Nun kann man sagen „Also bitte, das ist doch wohl egal! Sky wirbt all überall damit, dass sie „House of Cards“ im Angebot haben. Da sollte man einen einfachen Tweet doch bitte nicht überbewerten.“ Das glaube ich gerade nicht. Die Bedeutung von Gifs (und von Social-Media-Kommunikation in Gänze) steckt ja genau in dieser Beiläufigkeit, die riesige Bedeutung erlangen kann: Eine zugeschlagene Tür ist für mich wichtiger als zahlreiche Plakate, ein eingestandener Fehler ist sympathischer als das Vertuschen.

4. Das ganze Thema ist aber noch aus einem anderen Grund sehr lehrreich, denn die VPN- und Ländersperren-Debatte hat eine Auseinandersetzung überlagert, die noch vor wenigen Jahren mit erstaunlicher Inbrunst geführt wurde: jene über Urheberrechtsverletzungen! Die Älteren werden sich erinnern: es ist nicht lange her, da wurde im Zusammenhang mit amerikanischen Serien vor allem darüber gesprochen, dass die bösen Nutzer alles umsonst gucken wollen. Dass eine schlimme Generation heranwächst, die mindestens für das Ende der Kultur verantwortlich zu machen ist – und der mit aller gebotenen Härte das Internet abgeschaltet werden muss. Aus heutiger Sicht wirkt diese Debatte unfassbar, denn aktuell diskutieren Mitglieder genau dieser verkommenen Generation die Frage, welchen VPN-Anbieter sie bezahlen sollen, um im Angebot von Netflix (das sie ebenfalls bezahlen) die Serie gucken zu können, die sie mögen.

5. Es ist also keinesfalls der Verkommenheit der Internet-Nutzer oder gar der digitalen Kopie an sich anzulasten, dass Anbieter Probleme mit der Distribution ihrer Inhalte haben. Es liegt vielleicht eher daran, dass diese lieber ihren potenziellen Kunden die Tür vor der Nase zuschlagen, als deren erkennbares Interesse aufzunehmen. Kevin Spacey sagt zum Abschluss des fiktiven Werbespots für seinen Seriecharakter Frank Underwood. „Man sagt: Wir kriegen die politischen Führer, die wir verdienen. Ich glaube: Amerika verdient Frank Underwood.“ Bleibt die Frage: Wer verdient eigentlich welche Kunden?

mm-s1-facebook-timeline-nologo-850Weiterlesen: Lena Jakat auf jetzt.de zur Bedeutung der Serie, Juliane Leopold auf Kleiner3 „Warum ich heute zum Zombie werde“ und Sara Weber zur VPN-Thematik bei der SZ und auf den Digitalen Notizen, dieser Beitrag über eine ähnliche Situation zum Start der sechsten Staffel von Mad Men