Digitale Notizen

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Über den Wert von Twitter für die Zukunft der Nachrichten wurde hier schon an mancher Stelle gesprochen. Dieser via Twitter verbreitete Clip bringt in Form eines Jahresrückblicks sehr anschaulich auf den Punkt, wie Nachrichten sich in sozialen Räumen verbreiten:

Die Pointe der chinesischen Kopie ist also eine ökonomische. Wurde Shanzhai in westlichen Medien zuerst kulturell als subversive Geste gegenüber staatlichen Autoritäten gelesen, hat es heute durch den Open-Source-Gedanken, chinaspezifische Anwendungen sowie das hohe Produktionstempo seine internationale Strahlkraft im Wirtschaftssektor entfaltet.

Lesetipp: Beim Freitag schreibt Vera Tollmann über Plagiatsinnovation: Die Hallstatt-Kopie

Im Oktober habe ich für jetzt.de ein Interview mit Björn Frommer von der Kanzlei Waldorf Frommer in München geführt. Er hat darin sehr anschaulich dargelegt, wie seine Kanzlei das umsetzt, was auf der Website mit den Worten “für ein neues Bewusstsein im Urheberrecht” beschrieben ist. Björn Frommers Kanzlei geht im Auftrag von Rechteverwertern gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vor. In dem Gespräch bezeichnete er seine Kanzlei als “eine der klagefreudigsten der Branche”.

Ich musste an das Gespräch denken, als ich unlängst die Meldung von Hollywood-Studios las, die genau wie eine holländische Verwertungsgesellschaft beim illegalen Nutzen von BitTorrent-Tauschbörsen ertappt worden sein sollen. Erstaunlich daran ist, dass die niederländische Verwertungsgesellschaft in einer Presseerklärung einen Reflex zeigt, den Björn Frommer in dem Gespräch als typisch beschreibt. Sie redet sich raus. Und zwar mit Hinweis auf einen Fehler/Hack in Bezug auf die IP-Adresse.

Das ist deshalb so erstaunlich, weil diese Unsicherheit in der Ermittlung von IP-Adressen auch in dem Interview thematisiert wurde. Auf mögliche Fehler in der für die Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen dringend notwendigen Methode angesprochen, sagte Björn Frommer:

Mir ist aber kein Fall bekannt, bei dem es zu einem solchen Fehler kam.

Der Freisinger Rechtsanwalt Thomas Stadler, den ich als Vertreter der Gegenseite ebenfalls interviewte, sagte zu dem Thema:

Man kann vor Gericht durchaus bestreiten, dass der eigene Anschluss für einen Up- beziehungsweise Download genutzt wurde. So ein Fall ist in Gänze aber meines Wissens nach noch nie durchgestritten worden. Denn die Konsequenz wäre, dass ein vom Gericht bestellter unabhängiger IT-Sachverständiger die Software überprüft, mit deren Hilfe der Anschlussinhaber ermittelt worden ist. Und die Kosten eines solchen Sachverständigengutachtens übersteigen die übrigen Kosten voraussichtlich deutlich.

Nun sind die in der Meldung zitierten Fälle nicht in Deutschland angesiedelt. Und deshalb vielleicht hier auch nicht relevant. Doch als Ole Reißmann jetzt auf Spiegel Online den Fall Rentnerin ohne Computer muss wegen Raubkopie zahlen aufgriff, fühlte ich mich wieder an die Frage der IP-Ermittelung erinnert (dazu muss man sagen, dass es in den beiden genannten Fällen um unterschiedliche Erhebungsmethoden geht).

Zum fraglichen Zeitpunkt, an einem Morgen im Januar 2010 um kurz nach 9 Uhr, hat die Beklagte aber nach eigenen Angaben geschlafen. Einen Computer besaß sie damals nach eigenen Angaben seit einem halben Jahr nicht mehr – und auch keinen Router, der ein W-Lan oder einen Internet-Anschluss für jemand anderen hätte bereitstellen können. Die pflegebedürftige Frau hat noch nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Trotzdem soll sie über das “eDonkey2000″-Netzwerk einen Film heruntergeladen haben. Etwas mit Hooligans, mit extremen Gewaltszenen.

Vielleicht trügt der Schein, aber es wirkt so als handele es sich um einen Fehler in der Ermittlung. Rechtsanwalt Stadler hatte dazu in dem Interview gesagt:

Aber selbst dann, wenn diese Software nur eine Fehlerquote von einem Prozent hätte, wäre das viel zu hoch. Letztlich müsste sichergestellt sein, dass diese Programme vollständig fehlerfreie Ergebnisse liefern.

Das ist die juristisch-politische Haltung, die man zu der Frage einnehmen kann. Auf einer moralischen Ebene sehe ich aber ein viel größeres Problem. Die gängige Praxis, deren Ziel es ja ist sein sollte, dem Urheberrecht zu einer besseren Durchsetzung zu verhelfen, verliert dadurch ihre moralische Glaubwürdigkeit. Die Einsicht in dessen Notwendigkeit wird vermutlich nicht steigen, wenn der Verdacht, entsteht auf diese Art und Weise werden womöglich die Falschen bestraft.

Die Geschichte dazu steht hier in der Süddeutschen Zeitung

Soll man seine Kinder fotografieren und der Netzöffentlichkeit präsentieren? Menschen tun das. Emily Cleaver tut das auch – in ihrem Fall aber in einem besonderen Kontext. Ihre Website heißt Studio Arthur und ist nach ihrem Sohn benannt.

Dort präsentiert Emily ihren Sohn auf Fotos, die bekannten Filmen nachempfunden sind (oben American Beauty). Seinen Anfang nahm das Projekt mit einer Alien-Anspielung und hat seit dem an Qualität gewonnen.

Natürlich erinnert die Website an die Form des Schwedens, die Michel Gondry 2008 in Deutschland mit Abgedreht bekannt machte (auf englisch Be Kind Rewind). Ich musste aber als ich Arthurs Kino-Kinderbilder sah, vor allem an Jonathan Lethem denken, der in seinem wunderbaren Essay The ecstasy of influence: A plagiarism die Formulierung des “Rückwärts geboren seins” verwendet, um zu beschreiben, wie wir unsere Position in der Kultur der Referenz und Bezüge finden. Er schreibt:

Beim Aufwachsen wurde ich überschwemmt mit den Parodien auf Originale, die mir unbekannt und geheimnisvoll waren – ich kannte die Monkees früher als die Beatles und Belmondo früher als Bogart. Ich stehe nicht allein damit, dass ich rückwärts geboren bin, hinein in ein chaotisches Reich der Texte, Produkte und Bilder – in eine Kommerz- und Kultur-Umwelt, die unsere natürliche Umwelt zugleich ergänzt und auslöscht. Sie gehören mir genauso wenig wie die Gehsteige oder die Wälder der Welt, dennoch wohne ich darin.

Arthur liefert eine erstaunliche Bebilderung für Lethems These.

Plätzchen backen und gefährliche Monster abwehren? Klar geht das zusammen. Hier!

http://www.bakedinvaders.com/

Die Seite heißt Baked Invaders und macht beste Weihnachtslaune!

Twitter bekommt ein neues Gesicht. Der Nachrichtendienst wird in den nächsten Tagen (und Wochen schrittweise) gerelauncht. Es wird einen veränderten Zugang, eine veränderte Gestaltung und vor allem eine angeblich einfachere Bedienbarkeit geben. Nachlesen kann man das auf fly.twitter.com, wo die Twitter-Macher erläutern, was sie umtreibt. Dort kann man auch diesen kleinen Werbespot anschauen:



Schwerpunkt der neuen Twitter-Positionierung ist der Slogan “Yours to discover”, was man mit “Gehe auf Entdeckungsreise – Folge Deinen Interessen jetzt noch schneller und einfacher” auf deutsch übersetzt hat. Diese Schärfung des Profils ist einerseits sicher eine Reaktion auf Googles Aktivitäten unter Google Plus. Andererseits geht Twitter damit aber einen Weg konsequent weiter, der mit der Umbenennung der Einstiegsfrage begann und in der neuen Aufforderung “Yours to discover” seinen nächsten Schritt erreicht (ich hatte im September 2010 in der Süddeutschen Zeitung drüber geschrieben). Es geht den Machern nun nicht mehr in erster Linie um Menschen, die aktiv Tweets schreiben. Es geht darum, in und über Twitter Nachrichten zu konsumieren. Twitter soll zum Zugang zur Welt der Information werden – in Echtzeit.

In der Woche, in der Flipboard seine iPhone-App vorstellt, lohnt es sich auf diesen Wandel hinzuweisen. Die Debatte rund um Twitter dreht sich nicht mehr um Oversharer oder um private Daten in öffentlichen Nachrichten. Die Debatte um Twitter (und soziales Wissen in Gänze) dreht sich mittlerweile um Zeitersparnis. So jedenfalls muss man den Spot verstehen, mit dem Flipboard seine tatsächlich sehr gute iPhone-App bewirbt:



Das ist erstaunlich, denn dadurch löst sich Twitter (völlig zurecht) von einer Debatte, die eh ein Scheingefecht war. Hier geht es schon lange nicht mehr darum, ob irgendwer vermeintlichen Quatsch verbreitet. Hier geht es um die Art und Weise, wie Menschen zeitgemäß durchs Netz navigieren, wie sie Nachrichten finden und verbreiten. Twitter will sich genau an dieser zentralen Stelle positionieren – und nach allem, was ich derzeit sehe, scheint das zu gelingen.

In Konkurrenz zu Google Plus und Facebook kommt dem Dienst der unschätzbare Vorteil der Einfachheit entgegen. Es geht weiterhin um das Lesen und Verbreiten von Meldungen von 140 Zeichen Länge. Dieser simple Ansatz ist der Kern von Twitter, der Zauber entfaltet sich durch all das, was drumherum geschieht.

Mehr zum neuen Twitter beim Guardian, Mashable und in der New York Times

Genau hier ist die Schnittstelle für guten, dialogfähigen Journalismus. Er sollte Antworten suchen auf die Frage: Wie können wir diese Ökosystem nutzen? Und dabei stehen wir – man vergisst es vor lauter Umbauten fast – noch ganz am Anfang: Twitter ist in diesem Jahr erst fünf Jahre alt geworden.

Wired.com berichtet über eine neue Anti-Piracy-Kampagne der amerikanischen Regierung. Zentral steht dabei dieser neue Werbespot:

Die Frage, was eigentlich Journalismus sei und was nicht, steht zentral im Zeitalter der Demokratisierung dieses Berufs. Wie Journalisten darauf reagieren, kann man beispielhaft an Preisen ablesen, die in dieser Branche verliehen werden. Denn nur was als Journalismus gilt, kann auch einen Journalistenpreis bekommen (nein dabei geht es nicht nochmal um die Debatte um den Henri-Nannen-Preis).

Aktuell wird eine Pressemitteilung durchs Web gereicht, in der die Jury des Pulitzerpreises sich zu der Frage äußert, wie neue technische Instrumente den Beruf des Journalisten verändern – und damit das Spektrum dessen erweitern, was als auszeichnungswürdig gilt.

Auch in Deutschland wurde vor kurzem eine Pressemitteilung zu einem ähnlichen Thema verschickt. Sie stammt vom Henri-Nannen-Preis und kündigt für dessen nächste Verleihung eine neue Kategorie an. In der Erklärung heißt es:

Diese Neuerung trägt nicht zuletzt dem Umstand Rechnung, dass der Journalismus sich seit 2005, als der Henri Nannen Preis aus der Taufe gehoben wurde, deutlich verändert hat und heute in viel stärkerem Maße auf das erheblich gestiegene Bedürfnis der Leser nach Einordnung und Orientierung eingeht.

Wie also hat sich der Journalismus seit 2005 verändert? Geht es in der neuen Kategorie um digitale Dialogfähigkeit oder um multimediale Aufarbeitung eines Themas? Nein, die neue Kategorie trägt den Titel “Essay” und versammelt

Texte, die den Leser über ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen orientieren, mit dem der Autor sich auf persönliche Weise mit Gedankenschärfe und stilistischer Geschmeidigkeit auseinandersetzt.

Im Kontrast dazu liest man in aller Geschmeidigkeit in der Pressemitteilung des Pulitzer-Boards das hier:

The Board continues to welcome a full range of journalistic tools – such as text articles, interactive graphics, blogs, databases, video and other forms of multimedia – in 12 of its 14 categories. The two photography categories remain restricted to still images, which must be submitted as digital files.

Und dann ganz konkret in Bezug auf die Kategorie “Breaking News”:

In an example intended to underline the importance of real-time reporting, the Board said that it would be disappointing if an event occurred at 8 a.m. and the first item in an entry was drawn from the next day’s newspaper.

Im Nieman Journalism Lab folgert Justin Ellis daraus:

It’s a step away from the punctuated publication cycle newspapers were tied to in print, and an acknowledgement of breaking news becoming real-time news

Für Deutschland stellt sich die Frage wie lange es dauert, bis auch ein hiesiger Journalistenpreis das Live-Bloggen zu einem Event als journalistische Leistung ansieht, die man sogar auszeichnen könnte?

Im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur äußert sich FAZ-Redakteur Jürgen Kaube über die Rückkehr Karl Theodor zu Guttenbergs auf die politische Bühne. Am Donnerstag hatte Kaube unter dem Titel Er war’s gar nicht bereits die Art und Weise, wie zu Guttenberg sein Abschreiben zu rechtfertigen versucht, eingeordnet. Auch in dem Radio-Interview bezieht er eindeutig Stellung – auch zur Rolle der Wochenzeitung Die Zeit, die zu Guttenberg diese Woche interviewt und auf dem Titel zeigt:

das Interview mit ihm zu führen, ein Gespräch auch über seine Rückkehrabsichten, die ja so ein bisschen nebulös formuliert werden, fast so in Form so einer kleinen Drohung und pünktlich zur Eurokrise, da würde ich sagen, gut, das mag journalistische Praxis sein, dass man dann sagt: Wir machen so etwas. Aber es ist ja im Grunde genommen ein Vorabdruck, eine Art Vorab-Reklame für diesen Gesprächsband. Und da, finde ich, sind vielleicht Grenzen erreicht.

Kaube führt dies weiter aus und lenkt den Blick auf die Leserinnen und Leser der Zeit, die – so spekuliert er – vielleicht nicht ganz so einverstanden sind, mit der Titelgestaltung der aktuellen Woche:

Aber man ist doch ein bisschen erstaunt, denn auch “Die Zeit” hat ja ein Publikum, das sich ein wenig auskennen dürfte mit den Standards in der Wissenschaft, an den Universitäten.

Wie dieses Publikum im Netz reagiert, kann man unter der Chefredakteurs-Ankündigung nachvollziehen, aber vor allem in den zur Stunde rund 800 Kommentaren unter dem Text Guttenberg gesteht Fehler ein, aber keinen Betrug. Trotz der sehr hohen Anzahl an Kommentaren ist dieser Text aktuell nicht in der Ranking genannten Auflistung der meist kommentierten Artikel geführt, obwohl dort kein Text mehr Kommentare aufweist. Diese Information erhält man, wenn man sich durch die Kommentare klickt.

Die aktiven Rezipienten von Zeit-Online liefern ein erstaunliches Stimmungsbild zum Thema Guttenberg einerseits, aber auch zur Frage wie die Leserinnen und Leser den Umgang ihrer Zeitung mit dem vorerst gescheiterten Politiker beurteilen. Eines ist dabei klar: Zustimmung sieht anders aus.

Erstaunlich finde ich diesen Aufschrei aus der Zeit-Community weil er sozusagen als Antwort auf die Debatte aus dem Frühjahr zu verstehen ist. Karl Theodor zu Guttenberg sorgt – damals wie heute – für soviel Reibung im Netz, dass er dem Land vorführt, wie politische Auseinandersetzung in Zeiten des aktiven Rezipienten auch funktioniert. Im Frühjahr rückte das Thema Leser- oder Bürgermeinung durch eine merkwürdige Bild-Umfrage und eine rasant wachsende Fangemeinde des damaligen Verteidigungsministers auf Facebook in den Blick (der Kollege Peter Wagner ging damals auf jetzt.de der Frage nach Wo kommen all die Guttenberg-Fans her?), heute ist es die Debatte in der Zeit-Online Community, die die Frage aufwirft: Wie gehen die etablierten Institutionen eigentlich mit den plötzlich stimmgewaltigen Lesern um?

Und da die Debatte über zu Guttenberg so viele Menschen zu empören interessieren scheint, bekommt diese Frage plötzlich ein viel größeres Gewicht. Vielleicht liefert sie sogar den Stoff für wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema – dann hätte Guttenbergs Rückkehr womöglich sogar was Gutes.