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Wie Journalismus sich verändert (August 2014)

“Stern, Spiegel, Focus” – das war jahrelang eine Art stehende Floskel für eine Form des Magazinjournalismus, der wöchentlich Platz für Hochglanz-Anzeigen lieferte. In diesem Sommer wurde die Aufzählung zu einem Problem-Dreiklang. Alle drei Magazine haben ein Anzeigen- und Auflagen-Problem, das (wenn es ein ganzes Segment trifft) womöglich struktureller Art ist, es scheint aber in allen drei Häusern personell bearbeitet zu werden. Immerhin wurde zunächst der stern-Chefredakteur Dominik Wichmann in einer eher merkwürdigen Art des Amtes enthoben, es folgte der Focus-Chef Jörg Quoos und beim Spiegel ein Personal-Theater, über das der Spiegel selber sich vermutlich sehr genüßlich lustig machen würde.


Alle drei Fälle gilt es in dem kleinen Journalismus-Tagebuch festzuhalten, das ich im Frühjahr mal begann, um hier den Medienwandel zu dokumentieren. Und wenn ich mich jetzt in die ersten beiden Folgen zurückklicke (Mai bzw. Juni), merkt man wie schnell der Medienwandel gerade unter unseren Füßen durchrauscht.

Diesem Wandel unterliegt aktuell auch ein Thema, das hier im Blog seit Jahren Thema ist: das Verhältnis zum Leser. Dieses ist – auch das hat der Sommer 2014 fürs Journalismus-Tagebuch zu Tage gefördert – gerade eher angespannt. Die Diskussion darüber, wie man mit Leserkommentaren umzugehen hat, hat die Branche in den vergangenen Monaten sehr nachhaltig beschäftigt: Es gab zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Häusern, die sich dem Thema theoretisch näherten. Auch der Online-Chef der SZ Stefan Plöchinger hat dazu ein ausführliches Stück geschrieben, das ich hier nochmal empfehlen will, weil es u.a. Grundlage für ein neues Konzept ist, das wir seit dieser Woche bei der Süddeutschen Zeitung testen*: ein neuer Umgang mit Lesern im Netz.

Die bisherigen Ansätze zum Umgang mit Leserdialog zeichnen sich derzeit zumeist durch eine Aufwands-Einschätzung aus, die Bettina Hammer auf telepolis so beschreibt:

Die Foren müssen gewartet, evtl. moderiert und zumindest überflogen, Anfragen beantwortet und nicht zuletzt Strafrechtliches gelöscht werden, bevor es zu nerven-, zeit- und geldaufwändigen Verfahren kommt.

Von einem Erkenntnis-Interesse oder einem inhaltlichen Ziel, das ein (Online-)Dialog verfolgen könnte, schreibt sie nicht. Stattdessen kritisiert sie an dem neuen SZ-Ansatz: “Die SZ hat damit ein weiteres Beispiel dafür geliefert, wie Onlinemedien Nutzer mehr und mehr als Störfaktor sehen.” Wie Heise die Nutzer sieht, kann man nur indirekt erschließen, wenn man die Kommentare unter dem Text liest: Denen scheint es relativ egal zu sein, ob sie im heise-Forum (sic!) stehen oder sonst wo im Netz. Sie bilden keinen wirklichen Dialog ab, sondern bieten Menschen die Möglichkeit, pauschal allen Medien Propaganda zu unterstellen. Diese Unterstellung verlangt keine Antwort aus der Redaktion, die den Text veröffentlicht – und bekommt offenbar auch keine, wie ein Leser unter dem Text kritisiert

telepolis

Nun wäre es wohlfeil Bettina Hammer oder die heise-Redaktion dafür zu kritisieren, denn es handelt sich (siehe oben) bei dem Thema um kein personelles, sondern um ein strukturelles Problem: Online-Debatten fehlen derzeit häufig Eigenschaften, die geglückte Gespräche zumeist auszeichnen:

> Sie haben einen Anfang und ein definiertes Ende
> Sie verfolgen ein inhaltliches Ziel, ein Erkenntnis-Interesse
> Sie verlaufen in zwei Richtungen: beide Seiten kommen zu Wort

Mindestens diese drei Eigenschaften wollen wir bei der SZ dem Leserdialog (zurück-)geben: “Lassen Sie uns diskutieren” hat der Kollege Daniel Wüllner den Beitrag überschrieben, mit dem wir bei der SZ eine andere Form des Dialogs im Netz beginnen wollen: eine Konzentration auf drei relevante Fragen des Tages, die eine Alternative zum ziellosen Plaudern bisheriger Art sein wollen. Es geht darum, einen strukturell neuen Ansatz im Leserdialog auszuprobieren. Stefan Plöchinger hat das in einem Interview, das er zu dem neuen Modell gegeben hat, so zusammengefasst:

Wobei uns klar ist, dass das ein Experiment ist und wir aus den Erfahrungen der ersten Tage lernen müssen. Aber mehr zu experimentieren, ist unsere Grundhaltung.

Ich finde diese neuen Modelle (der Kollege Johannes Boie beantwortet z.B. in einer Leserfrage, warum den Deutschen Datenschutz wichtig) viel spannender als die Frage, ob es Kommentare auf Facebook gibt oder nicht (gibt es schon immer). Deshalb schreibe ich das hier auf: weil ich glaube, dass das Thema in einer der nächsten Folgen des Journalismus-Tagebuchs auftauchen wird. Denn natürlich sollte man auch die Ideen der neuen Version als Leserdialog denken.

*Disclosure: ich arbeite bei der SZ

Neuer Journalismus zur #WM2014

babb

In den vergangenen Tagen wurde viel über Googles Experiment zur Berichterstattung zur Fußball-WM diskutiert (hier der FAZ-Text). Dabei ist ein wenig in den Hintergrund getreten, dass diese WM tatsächlich auch ein Beispiel dafür ist, wie der Sportjournalismus digitalisiert wird. Dabei meine ich weniger Tortechnik oder 3D-Grafiken, sondern das, was gemeinhin als Internet-Quatsch bezeichnet wird.

Genau diesem Quatsch rund um den Fußball widmet sich seit Mai ein beachtenswertes Projekt des Telegraphs in Großbritannien: das Fußballblog Babb (Football, Fun, Games … then a bit more football) ist der erstaunliche Versuch, klassischen Sportjournalismus mit den Regeln des Social-Web zu verbinden. Es gibt auf der responsiv gestalteten Seite klassische Buzzfeed-Traffictreiber wie das Quiz “Welcher WM-Trainer bist du?”, es gibt Webfundstücke und WM-bezogene Meme, es gibt aber auch solche Beiträge, die erstaunliche Analysen auf digitale Art liefern: Anatomy of a drubbing ist der Beweis, dass man mit sehr einfachen und nicht nur ernst gemeinten Mitteln sehr gut erklären kann, warum Brasilien im Spiel gegen Deutschland unterlag:

Der Beitrag arbeitet mit einfacher Sprache und Screenshots der Fernsehübertragung, die mit schlichter Bildbearbeitung marktiert wurden. Dabei sieht man, dass man keine sich drehenden Kreise oder 3D-Animationen benötigt um zu analysieren, was Passgenauigkeit, Laufwege oder Verschieben bedeutet. Man scrollt lange runter und freut sich über diese (für mich) neue Form der Spielberichterstattung, die durch animierte Gifs aufgelockert ist. Das braucht Platz, das geht nur digital.

Zum Start des Blogs erklärte Alex Watson (“Head of Product for mobile” beim Telegraph) die Beweggründe für dieses Experiment so:

“We’re interested in trying to appeal to a new audience, and social is a really good way to do that because it breaks down lots of barriers and is an inherently fluid way for people to discover content.”


Jason Seiken
, der Ende vergangenen Jahres als Chefredakteur und Chief Content Officer beim Telegraph begonnen hat, zog dieser Tage ein postives Fazit zu dem Blog:

“Babb is a template for the innovation we’re seeing across all of our operations.“

loading: Gutjahrs Geldpremiere

Eine neue Bezahlkultur im Web ist das Thema der loading-Serie. Bisher ging es dabei zumeist um Crowdfunding-Projekte. Dass man auch auf anderen Wegen eine neue Bezahlkultur starten kann, versucht Richard Gutjahr (Disclosure: mit dem ich persönlich bekannt bin) mit einem spannenden Experiment zu beweisen: Geldpremiere heißt der Blogeintrag, mit dem zeigen will, “dass man mit Journalismus im Netz sehr wohl Geld verdienen kann, wenn man seine Leser ernst nimmt.”

laterPay

Gemeinsam mit dem Münchner Startup LaterPay bietet Richard die Möglichkeit, Artikel in seinem Blog zu bezahlen. Er weist aber darauf hin: “Mein Blog wird auch künftig gratis sein. Ich werde manche Artikel lediglich mit einer Art “In-App-Purchases“ anreichern und auch mit anderen Bezahlmöglichkeiten experimentieren, die LaterPay ermöglicht. Beispielsweise schalten wir auch gleich die Rückgabe-Funktion frei. Wenn einem ein Text nicht gefallen hat, kann man sich den Betrag wieder erstatten lassen.”

Hier seine Antworten auf den loading-Fragebogen.

Was machst du?
Mit dem Projekt LaterPay möchten wir dem Leser endlich das ermöglichen, was er gerne täte, wenn man ihn nur ließe: für gute Inhalte im Netz zu bezahlen. Leider sind die bisherigen Bezahlprozeduren vieler Verlage eine Zumutung: zu kompliziert, zu umflexibel, preislich unattraktiv. Wenn ich mich für nur einen einzigen Artikel interessiere, werde ich genötigt, ein ganzes Heft oder gar ein Monatsabo abzuschließen. Das hat mit der Individualität des Webs und auch sonst mit dem 21. Jahrhundert wenig zu tun.

Warum machst du es (so)?
Als Journalist bin ich darauf angewiesen, dass ich für meine Arbeit (endlich wieder) angemessen bezahlt werde. Leider haben es die Verlage versäumt, ihren Lesern eine einfache und faire Bezahlmöglichkeit zu bieten. Stattdessen sollen jetzt Bezahlschranken die User zum Abschluss eines Abos zwingen. Ich halte das für den falschen Weg, vor allem wenn man bedenkt, dass die selben Verlage ihre Leser über Jahre hinweg zu Gratis-Konsumenten erzogen haben. Eine Zwischenlösung muss her, damit der User lernt, gute Inhalte im Web „Wert“ schätzen zu können.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle. Leser, weil ich denke, dass sie für gute Inhalte sogar gerne bezahlen würden. Inhalte-Anbieter (z.B. Journalisten) weil wir gelesen werden wollen. Anzeigenkunden, weil auch sie Reichweite brauchen und mit ihren Bannern nicht hinter einer Paywall verschwinden wollen. Und letzten Endes auch die Verlage, die über Micropayment die Möglichkeit schaffen, mittel- und langfristig wieder neue Abonnenten zu gewinnen.

Wie geht es weiter?
Wir starten mit LaterPay exklusiv bei mir im Blog, für das wir ein eigenes WordPress-Plugin geschrieben haben. Joomla und Drupal werden folgen. Verlage können sich über eine API-Schnittstelle andocken. Je mehr mitmachen, umso besser. Wichtig ist, dass wir niemanden bevorzugen: Jeder Anbieter, ob Blogger oder Verlag erhält dieselben Konditionen: Als Transaktionsgebühr fallen lediglich 15 Prozent an (vgl. Apple iTunes: 30 Prozent Provision bzw. 40 Prozent bei PayPal für Beträge unter 1 Euro).

Was sollten mehr Menschen wissen?
Micropayment funktioniert. Jahr für Jahr geben wir Deutsche rund 3 Milliarden Euro für SMS aus – und das obwohl es inzwischen unzählige Gratis-Textservices gibt. Die Menschen haben keine Probleme damit, im Netz zu bezahlen. Der Service muss nur einfach und transparent sein. Mit LaterPay wird Bezahlen im Netz so einfach sein wie das „Liken“ bei Facebook – und das schon für Summen ab 5 Cent!

>>> Hier geht es direkt zu Richards Blog – und hier zu LaterPay

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


loading: Substanz

Ein neues Wissenschaftsmagazin – das ist das Ziel von Georg Dahm und Denis Dilba. Die beiden Journalisten arbeiteten bei der Financial Times Deutschland und haben danach die Fail Better Media GmbH gegründet. In dieser Woche haben Dahm und Dilba mit dem Crowdfunding für ihr Wissenschaftsmagazin Substanz für Aufmerksamkeit gesorgt – und trotzdem noch Zeit gefunden, den loading-Fragebogen zu beantworten.

Was macht ihr?
Wir machen Substanz, ein wöchentliches Wissenschaftsmagazin, das nur als Bezahl-App erscheint. Die Geschichten darin inszenieren wir von Anfang an digital: Wir garnieren nicht einfach Print-Artikel mit Bildergalerien und Youtube-Filmen – wir verwenden HTML5- und Multimedia-Elemente als Teil einer sinnvollen Komposition, die auch lange Lesestücke Tablet-tauglich macht. Was noch wichtiger ist: Wir machen keinen Schreibtisch-Journalismus, wir erstarren nicht in Ehrfurcht vor Professorentiteln. Wir setzen auf zeitlose Themen abseits des Mainstreams, unsere Autoren sind vor Ort und bekommen Zeit zum Recherchieren. Wir werden reportagiger und porträtlastiger sein, als das im Wissenschaftsjournalismus heute üblich ist.

Warum macht ihr es (so)?
Weil wir glauben, dass eine solche kritische und lebendige Stimme im digitalen Gewühl fehlt. Weil wir die enormen Möglichkeiten nutzen wollen, die der digitale Wandel dem Journalismus bietet – wir wollen ausprobieren, wie wir große Lese-Geschichten auf Tablets und Laptops neu erzählen können.
Und weil wir nicht mehr darüber reden wollen, wie das Internet die klassischen Verlags-Geschäftsmodelle kaputt macht – wir wollen neue Geschäftsmodelle entwickeln, damit man vom Qualitätsjournalismus wieder leben kann.

Wer soll das lesen?
Wir schätzen, dass zuerst vor allem jüngere Leser zwischen 15 und 40 auf das digitale Format und diese im Wissenschaftsjournalismus ungewohnte Sprache einsteigen werden. Aber prinzipiell sind unsere Zielgruppe alle, die unterhaltsame und fundierte Wissenschaftsgeschichten lesen wollen. Schüler ebenso wie ihre Eltern und Lehrer. Studenten ebenso wie Postgraduierte und Professoren, die mehr lesen wollen als nur die Publikationen ihres Fachgebiets. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, aber auch nicht von Nachteil: Substanz-Geschichten respektieren Laien und Experten gleichermaßen.

Wie geht es weiter?
Unsere Crowdfunding-Kampagne läuft bis zum 22. März, dann werden wir einmal tief durchatmen und anschließend Substanz zur Marktreife bringen. Heißt: die App fertig entwickeln und Geschichten, Geschichten, Geschichten produzieren. Bei Substanz wird ja nicht nur die Recherche aufwändig, sondern auch die Gestaltung – besonders am Anfang, wenn wir unsere multimediale Bildsprache entwickeln.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt wirklich funktioniert. Wir glauben, dass man Wissenschaft nur dann versteht, wenn man die Menschen versteht, die sie betreiben. Mit all ihren Widersprüchen, ihren Förderern und Feinden, ihren Weltbildern und Visionen, ihren Triumphen und Niederlagen. Darum machen wir keine glatten Heldenporträts vom Herrn Professor im aufgeräumten und blau ausgeleuchteten Labor. Wir gehen dahin, wo gearbeitet wird, auch in die zweiten Reihe, zu den Doktoranden und Nachwuchsforschern, den Außenseitern und Überfliegern.


>>> Hier Substanz auf Startnext unterstützen!

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Die Tageszeitung von morgen: Yahoo! (?)

Der SZ-Kollege Pascal Paukner hat den Auftritt von Marissa Mayer auf der CES zusammengefasst:

Weil Mayer weiß, dass sie Google, Facebook oder Amazon in deren Geschäftsfeldern nicht schlagen wird, versucht sie Yahoo dort stark zu machen, wo andere die jüngsten Entwicklungen verschlafen: Yahoo soll zum ernsthaften Konkurrenten für etablierte Medienhäuser werden.

Was das konkret bedeutet, zeigt die diese Woche im US-Store gestartete App Yahoo News Digest, die Summly-Erfinder Nick D’Aloisio im Unternehmenstumbler vorstellt:


Yahoo News Digest delivers the most important news twice a day, right to your mobile device. Our Digests provide a definitive summary of all the need-to-know news so you can stay on top of what’s happening.

Mehr zum Thema: Call to action – über eine neue Form des Journalismus

Redesign: Guardian und New York Times

nytimes_redesign

Gerade als ich die Meldung lesen wollte, dass die New York Times in der kommenden Woche eine umgestaltete Version ihrer Webseite veröffentlichen will, lud man mich dort ein, das neue Design anzuschauen. Ab 8. Januar wird das flexbile Layout (passt sich “responsive” dem Kontext an, in dem es angeschaut wird) für jeden Nutzer sichtbar sein. In der zugehörigen Pressemitteilung der New York Times loben Chefredakteurin und die zuständige Produktchefin die effizientere Navigation (wurde auf der Homepage verschoben), schnellere Ladezeiten und vor allem mehr Platz für Bild, Video und interaktive Geschichten.

nytimes_oldnew

Aber nicht nur die Homepage wurde verändert auch das Artikel-Layout ist nun responsive. Das sieht dann so aus (zum Vergrößeren bitte draufklicken)

nytimes_article

Das ganze ist aus unterschiedlichen Gründen interessant. Unter anderem weil mit dem gestalterischen Umbau bei der New York Times auch “native Advertising” eingeführt werden soll – also Inhalte, die werblicher Art sind aber eine redaktionelle Anmutung haben. Ende Dezember hatte Artur Sulzberger Jr. das in einem internen Rundschreiben angekündigt.

Dieser Plan hatte zu einer kontroversen Debatte führt, die auch der Guardian begleitete – mit einem Artikel, den man hier auch in alten wie neuem Layout sehen kann. Denn auch die zweite große Zeitung im Web arbeitet gerade an einem responsive Design. In einer Alpha-Frühphase kann man diese neuen Entwürfe sehen (zum Vergrößeren ebenfalls draufklicken)

guardian_oldnew

Über Absichten, Petitionen und Politik

Eigentlich ist zu der merkwürdigen Reaktion des SPD-Vorsitzenden und möglichen baldigen Vizekanzlers Sigmar Gabriel auf den heutigen Aufruf von 560 Autorinnen und Autoren gegen Massenüberwachung mit diesem einen Wort schon alles gesagt:

Vorratsdatenspeicherung

Die Kommentatoren unter seinem Facebook-Post haben das ebenso getan, wie der Kollege Patrick Beuth auf Zeit Online.

Und trotzdem will ich zwei Gedanken ergänzen. Zum einen um die herausragenden Komik festzuhalten, die in der ersten (mittlerweile überarbeiteten) Reaktion Gabriels steckte, als er schrieb:

“Ein solcher Aufruf darf in der Politik nicht ungehört bleiben!”

Denn das “ungehört bleiben” ist die sagen wir mal bierzelttaugliche Zusammenfassung für die Forderung nach Privatsphäre. Und zum zweiten ist die Forderung an die Politik eben nicht das “gehört werden”, sondern das “endlich etwas tun”.

Der heutige Facebook-Post des SPD-Vorsitzenden ist in Form und Inhalt der handfeste Beweis für die eben kaum greifbare neue Form der Politik. Der Koalitionsvertrag ist das Manifest dieser absichtsvollen darauf hinwirken Haltung, die sich auf nichts festlegt und so tut als sei die Machtfülle gewählter Volksvertreter ebenso begrenzt wie die des wählenden Volks. Diesem steht das Mittel der Petition und Aufforderung offen, weil es seine Stimme delegiert hat – an Menschen, von denen es erwartet, dass sie tatsächlich etwas tun und nicht auch nur Absichten formulieren.

Der Überwachungsskandal, der uns seit Mitte dieses Jahres erschüttert ist – man muss das offenbar selbst dem kommenden Vizekanzler nochmal sagen – ein politischer Skandal. Die Lösung dieses Problems darf man – auch wenn das noch so gewünscht ist – nicht privatisieren. Es braucht eine – heute in Sascha Lobos Kolumne nachzulesen – politische Lösung für den Überwachungsskandal. Auch wenn ich mich wiederhole:

Morozov und Uhl verwenden dafür unterschiedliche Ansätze, bedienen sich unterschiedlicher Formulierungen und nutzen andere Bezugsysteme, aber im Kern kommen sie zu dem gleichen Ergebnis: Sie halten den gerade aufgedeckten flächendeckenden Angriff auf den Artikel 10 des deutschen Grundgesetzes nicht für ein politisches, sondern für ein persönliches Problem der Internetnutzer, deren Fernmeldegeheimnis ihnen irgendwie weniger wert zu sein scheint als das derjenigen, die noch anständig Briefe schreiben.
(…)
Dieses Narrativ, das nicht nur von Uhl und Morozov bedient wird, entbindet den Staat aus der Pflicht, die Grundrechte seiner Bürger selbst dort zu schützen, wo mancher ein Neuland vermutet. Prism und Tempora sind keine Internetprobleme, sondern Grundrechtseingriffe, die lediglich zuerst auf der einen Seite des digitalen Grabens zu spüren sind. Dieser Seite dafür die Schuld zu geben, ist ein Wahl- und Marketingtrick, dem man nicht auf den Leim gehen darf. Hier geht es um mehr als um die digitale Skepsis einiger weniger, hier geht es um die Grundrechte der ganzen Gesellschaft.

reddit verschenkt Werbung an Crowdfunder

Werbung für Crowdfunding-Projekte läuft nicht nur über klassische Wege. Deshalb ist dieses Angebot der Plattform reddit wirklich interessant für Crowdfunder: die ersten 250 Projektstarter, die sich melden, bekommen je 100.000 Page Impressions auf der Seite geschenkt.

redditloading

Ich finde das deshalb spannend, weil diese Aktion von reddit durchaus als Beleg für die These der neuen Bezahlkultur zu sehen ist. Die Macher (hier ein spannendes Interview aus der Tageswoche) würden einen solchen Ansatz sicher nicht verfolgen, wenn sie mit Widerstand aus der Community gegen diese Art der Werbung rechnen müssten. Es scheint im Gegenteil so zu sein, dass die Community-Finanzierung sogar als passend und nicht als störende Werbung empfunden wird.

Hier zum Blogpost mit dem entsprechenden Angebot

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Medium

Wenn man in naher oder ferner Zukunft auf die Form zurückblicken wird, wie man zum Jahreswechsel 2013/14 mit Texten im Netz umgegangen ist, wird man sich an Medium erinnern. Seit ein paar Tagen ist diese neue Veröffentlichungsplattform (Slogan “Everyone’s stories and ideas”) in einer Version online, die Gründer Evan Williams als Medium 1.0 bezeichnet. Und neben zahlreichen anderen Dingen muss man dazu sagen: Medium sieht großartig aus!

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Das muss man deshalb betonen, weil die Seite etwas anbietet, was an sich nicht neu ist: Medium ist ein gegenwärtiger Bloganbieter. Man kann dort veröffentlichen – in erster Linie Texte. Das ist nichts, was Medium besonders machen würde. WordPress und Tumblr bieten dies schon seit Jahren. Was Medium besonders macht, ist ein intuitiver Zugang zum Veröffentlichen.

Jeder, der verstehen will, welchen Wert Usability im Netz hat, sollte mal einen Text in einem klassischen Publikationssystem und einen in Medium veröffentlichen. Es fühlt sich an, als parke man ein Auto, das neuerdings Servolenkung besitzt. Alles geht schlichter, selbstverständlicher und fühlt sich richtiger an. Das muss es deshalb noch lange nicht sein, ich hätte aber nicht gedacht, dass ich diesen Punkt beim “Texte ins Internet schreiben” nochmal erreichen würde.

Das liegt auch daran, dass nicht nur die gelernte Unterscheidung zwischen Vorder- und Rückseite beim Publizieren verwischt und man Entwürfe kollaborativ bearbeiten kann, es liegt auch daran, dass das Lesen in Medium ein großer Genuss ist. Die Gestaltung ist sehr zurückgenommen, gibt Bild und Text enorm viel Raum und dem Auge Platz zum Lesen.

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Dass man darüberhinaus das Prinzip Kommentar in ein tolles Annotationssystem überführt hat, bringt auch die Interaktion auf eine neue Ebene. Kleine Ziffern am Textrand weisen auf Kommentare auf Satzebene hin. Das ist nicht nur eine optische Verbesserung, sondern eine inhaltliche Weiterentwicklung. Gleiches gilt für das Prinzip der Collections, die man anlegen kann um darin Texte zu sammeln. Das orientiert sich an den Listen bei Twitter – was deshalb nicht verwunderlich ist, weil Ev Williams einer der Twitter-Gründer ist, der vorher sehr viel Geld mit Blogger gemacht hatte.

Es wäre etwas zu naheliegend, Medium als ein Mashup aus Twitter und Blogger zu beschreiben. Falsch wäre es aber auch nicht. Das ist deshalb spannend, weil man sich so auch dem Plan von Medium nähern kann: das Timeline-Prinzip auf lange Texte zu übertragen. In seinem Mission Statement zu Medium endet Williams mit den Worten:

It’s clear we’ve only scratched the surface of how we can use the tools available to us to connect hearts and minds. It’s also clear that the way media is changing isn’t entirely positive when it comes to creating a more informed citizenry. Now that we’ve made sharing information virtually effortless, how do we increase depth of understanding, while also creating a level playing field that encourages ideas that come from anywhere?

Ein Ansatz dafür liegt darin jedem Nutzer eine eigene Homepage von Medium anzuzeigen. “Creating a Personalized Reading Experience” nennen die Macher das, und man sollte dem Projekt allein deshalb folgen, um zu beobachten, wie sie das machen. Wer mag: wir können das (wie gesagt) auch gemeinsam tun – medium.com/@dvg

“In einer früheren Version” vs. “Das versendet sich”

Von Clay Shirky stammt der Satz Publizieren sei kein Job mehr, sondern ein Knopf. Diese Satz ist die Grundlage der Demokratisierung der Publikationsmittel: Jeder kann veröffentlichen. Das fordert Journalisten überall auf der Welt heraus, verlangt eine Neudefinition von Autorität und bildet die Grundbedingungen für digitales Publizieren.

Was aber heißt das eigentlich “Publizieren”? Diese Frage hat heute der Kollege Hakan Tanriverdi in einem Blogpost bei Kleiner3 aufgeworfen. Der Text trägt den Titel “*In einer früheren Version dieses Artikels” und gefällt mir nicht nur wegen des Versions-Gedankens. Beachtlich finde ich ihn vor allem, weil er sozusagen der Gegenentwurf zu einem anderen journalistischen Satz ist: “Das versendet sich”.

Beide Sätze stehen für die Endpunkte des Spektrums auf dem sich journalistisches Publizieren bewegt – von analog nach digital. Digitales Publizieren ist ein dialogisches Publizieren, es ist geprägt von einem Grundgefühl der Rückmeldung. Hakan beschreibt dies so:

die ersten fünf Stunden sind immer schwierig. Nachdem der Artikel online ist, also für alle zu lesen, beobachte ich Reaktionen. Unter dem Artikel, Feedback per E-Mail, auf Twitter, wenn der Artikel auf der Facebook-Seite gepostet wird, dann auch dort.

Peter Horrocks hat genau dies zum Grundbestandteil journalistischen Arbeitens erklärt: zu verfolgen was mit den Inhalten passiert, die wir veröffentlichen. In Zeiten von Twitter und Facebook ist für jeden erkennbar was dies bedeutet: die Folgen des eigenen Publizierens sind öffentlich. Das war nicht immer so.

Es lohnt sich, daran zu erinnern: “Das versendet sich” gibt es nicht mehr.