Alle Artikel in der Kategorie “Nachrichten

Ein paar Ideen fürs neue Jahr!

Im Digitale Notizen-Newsletter sammeln wir gerade Ratschläge für 2016 – hier ein paar Tipps zur Inspiration!

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1. Daten trauen
Erst war ich geschockt, dann aber habe ich gemerkt, dass es gut ist, dass der Computer, der mir Woche für Woche in Spotify Musik empfiehlt, mich gut kennt. Discover Weekly ist ein tolles Format, das mir sehr gefällt. Ebenfalls eine Entdeckung, die auf Daten basiert: selfnation.de

2. Mehr Dendemann schauen!
Vor lauter (berechtigter) Begeisterung für Böhmer- ging der Dendemann in diesem Jahr fast ein wenig unter. Der musikalische Sidekick aus dem Neo Magazine Royal liefert Woche für Woche #TheRappening genannte Kurzkommentare, die für mich mindestens die TV-Entdeckung des Jahres sind. Dass ich sie nicht ein einziges Mal im klassischen Fernsehen angeschaut habe, sagt mehr über das klassische TV als über die gerappten Leitartikel des ehemaligen EinsZwo-Rappers. Denn das sind sie zum Teil tatsächlich: tagesaktuelle Kommentierungen, die im Digitalen leben. Unterhaltsam und teilbar.
Dass er dabei im letzten Beitrag des Jahres („Das Leben ist ein Remix“) die Mashup-Kultur feiert (wie auch in den tollen Logo-Remixen auf seiner Website), macht es besonders sympathisch.

3. Longreads lesen
Nicht nur aufgrund eigener Prägung: Ich glaube, dass die lange Strecke Zukunft hat. Lange Lesestücke (die vielleicht sogar länger sind als übliche Magazin-Texte und kürzer als klassische Bücher) finden im Digitalen zunehmend ihre Leser – und Seiten wie Reportagen.fm oder Liesmich bedienen dieses Interesse wunderbar. Besonders möchte ich hier für Longreads-Freunde Das Buch als Magazin empfehlen, das nicht nur eine tolle Idee sehr lesenswert in die Tat umsetzt, sondern auch immer wieder Lesefreude verbreitet.

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4. Kontext beachten
Im abgelaufenen Jahr habe ich die Vorteile von Nuzzle schätzen gelernt. Das Besondere dabei: der Aggregator nutzt das Kontext- und Netzwerkwissen um Inhalte zu empfehlen. Wer zum Beispiel auf meine Nuzzle-Seite geht, erhält Hinweise auf Basis meines Netzwerks. Nuzzle ist damit einer der Dienste, der die Idee der Verbindung im Web konsequent in die Tat umsetzt: Vom Werk zum Netzwerk heißt dabei eben auch die Kontexte zu beachten.
Da ich selber viele gute Hinweise durch Nuzzle erhalten habe, lautet eine weitere Idee für 2016: Nuzzle ausprobieren – aber auch Piqd ein Dienst, der aus Deutschland stammt und das ganze etwas redaktioneller angeht.

5. Medien Inside!
Das Verhältnis zwischen Medien und denjenigen, die früher mal als Publikum bezeichnet wurden, verändert sich gerade grundlegend. Nicht nur, dass wir die von Lawrence Lessig beschriebene Read-Write-Society in allen ihren (auch unschönen) Ausprägungen kennen lernen. 2015 bemerkten wir zudem: Es gibt Technik-Anbieter, die gerade sehr viel dafür tun, sich zwischen den Produzenten und Konsumenten klassischer Medieninhalte zu schieben: Apple News oder Facebooks Instant Article sind ein süßes Reichweitenversprechen, sie sind aber vor allem der Versuch, Kontextwissen zu produzieren und zu nutzen (das gilt übrigens nicht nur für Journalisten, sondern auch für Pizzabäcker).
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Ich glaube, eine zentrale Idee (nicht nur für 2016) könnte darin liegen, dass Medien sich darauf konzentrieren, einen direkten Kontakt zu ihren Kunden (gilt für Leser wie Anzeigenkunden) aufzubauen (Stichwort: Adblocker). Und dort, wo das nicht gelingt, sollten sich Medien von dem inspirieren lassen, was die Firma vormacht, in der Bob Gore 1957 auf die Idee kam, ein Polytetrafluorethylen-Band zur Isolierung von Drähten zu nutzen. Heute ist die Firma Gore-Tex u.a. dafür bekannt, Gewebe herzustellen, die wasserabweisend und atmungsaktiv sind. Diese Technologie wird aber keineswegs nur in eigenen Produkten eingesetzt, sondern auch in Kleidung von anderen Herstellern – allerdings mit einem klaren Hinweis auf den Absender. Auch der Chip- und Prozessorhersteller Intel setzt auf diese „Inside“-Kommunikation: Man kann Produkte der Firma in anderen Produkten kaufen. Medien werden das in ihrem Verhältnis zu den großen Netzwerken nicht eins zu eins nachahmen – sich aber in jedem Fall davon inspirieren lassen können.

6. Auf den Kalender schauen
Wenn 2015 das Jahr des Newsletters war, dann wird 2016 das Jahr der Push-Notification, sagt Melody Kramer – und ich glaube, das könnte stimmen. Deshalb sollte man auf Kalender achten. Denn meiner Meinung nach gibt es bereits tolle Push-Notifications: digitale Kalender. Für das Projekt Langstrecke aber auch für meine eigenen Veröffentlichungen möchte ich deshalb 2016 einen öffentlichen Kalender führen. Den öffentlichen DVG-Kalender können Sie hier im iCal-Format (Link kopieren) und hier im HTML-Format (Link kopieren) abonnieren.

ebook_Diese Liste stammt aus dem Digitale Notizen-Newsletter (für den Sie sich hier kostenfrei eintragen können). Leser*innen des Newsletters (die übrigens ein kostenloses eBook bekommen haben) teilen für die nächste Folge Tipps und Ratschläge untereinander. Wenn Sie auch teilnehmen wollen: hier geht es zur Umfrage.

loading: Der Kontext

Regelmäßige Leser*innen des Blogs wissen: ich habe große Sympathie für Kontext. Allein deshalb habe ich mit Interesse zugehört als ich vor ein paar Wochen Julia Köberlein und Bernhard Scholz traf, die für die Seite Der Kontext verantwortlich sind. Seit dieser Woche sind sie mit ihrem besonderen Projekt auf Startnext. Grund genug, ihnen den loading-Fragebogen zu schicken. Bernhard hat ihn beantwortet.

Was macht ihr?
Das interaktive Hintergrundmagazin „Der Kontext“. Es ist ein digitales Magazin für Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen. Für dieses Magazin haben wir eine Plattform entwickelt, die dem Leser Fakten und Zusammenhänge an der Oberfläche und tiefer im Magazin Hintergründe und Experteninterviews bietet. Das Magazin ist wie ein digitales Navigationssystem bedienbar – jeder kann seinen eigenen Zugang finden.

Warum macht ihr es (so)?
Die Motivation für das Magazin kommt aus dem eigenen Gefühl, die großen Themen des aktuellen Zeitgeschehens nicht mehr zu verstehen. Zwar werden wir ständig mit immer noch aktuelleren Informationen bombardiert, aber die Zusammenhänge und Hintergründe kann ich mir daraus nur schwer erschließen. Dazu muss man sein eigener Redakteur sein – das ist schwierig und zeitaufwändig. Die Ausgangsfrage für das Projekt war daher: Welche Inhalte und welche Vermittlungsarten optimal geeignet sind, um solche Informationskomplexe verständlich zu vermitteln.
Unser Ansatz fußt auf zwei Erkenntnissen: Zum einen haben wir große, komplexe Themen betrachtet und gesehen, dass sie über einen längeren Zeitraum gewachsen sind, sich Handlungsstränge verwoben haben und daher vieles miteinander in Beziehung steht. Diese vernetzte Struktur haben wir als Ausgangspunkt genommen und bedienbar gemacht. Und zum zweiten sind wir von Anfang an mit potentiellen Lesern im Kontakt und haben das Magazin sehr eng mit ihnen entwickelt, viel getestet, Feedback geholt und alles auf den Prüfstand gestellt.

Wer soll sich dafür interessieren?
Wir sprechen Leser von digitalen Nachrichten an. Unseren Leserkreis konnten wir schon sehr weit einschränken, indem wir mit Tests geklärt haben, wer sich überhaupt für aktuelle Themen interessiert und hier ein Defizit in der Nachrichtenlandschaft spürt. In erster Linie sind das eher junge Menschen, die einen Hochschulhintergrund haben, sich eine fundierte Meinung bilden wollen und sich mehr Hintergrund sowie Perspektiven zu den großen Themen wünschen.

Wie geht es weiter?
Zunächst läuft jetzt das Crowdfunding. Anschließend legen wir mit der Themenproduktion los und können schon sehr bald die ersten Themen anbieten. Parallel verbessern und erweitern wir die Technik, eine feste Kern-Redaktion wird nach und nach aufgebaut. Außerdem können wir später die dem Magazin zugrunde liegende Plattform als Whitelabel Version anbieten und damit das Magazin quer finanzieren, falls wir anfangs nicht genug Abonnenten finden.

Was sollen mehr Menschen wissen?
Komplexe Themen sind oft sperrig und schwer zu begreifen – es kann aber unglaublich spannend sein, sich mit ihnen zu beschäftigen. Deshalb bieten wir einen neuen Zugang und werden unterschiedlichste Inhalte anbieten. Vom Faktenartikel über Hintergrundwissen bis hin zu Romanausschnitten und Songtexten. Damit soll es Spaß machen, sich tiefgründig über Themen zu informieren.

>>>> Hier Der Kontext auf Startnext unterstützen!

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Bild-Block: Wie die Bild-Zeitung mit Adblockern Geld verdienen will

Die Tatsache, dass Menschen mit technischer Hilfe Werbung aus Websiten herausfiltern, wird meiner Meinung nach die Werbe- wie die Medienbranche nachhaltig verändern. Ich habe dazu unlängst einen längeren Text in der SZ geschrieben. Heute nun hat die Bildzeitung ihren Versuch vorgestellt, eine Antwort auf die Herausforderung Adblocking zu finden. Sie besteht aus zwei Teilen und geht so:

bildblock

1. Wer mit Adblocker auf die Seite kommt, bekommt keine Inhalte mehr.
Stattdessen wird der Nutzer gebeten, den Adblocker auszuschalten – bzw. in das Angebot BILDSmart zu wechseln.

2. Wer als zahlender Abonnenent mit Adblocker auf die Seite kommt, sieht (zunächst) auch keine Inhalte mehr. Dann kommt BILDsmart, ein Angebot, das zahlende Nutzer eine (fast) werbefreie Version von bild.de bietet:
– 90 Prozent weniger Werbung
– 50 Prozent schneller Ladezeiten

bildsmart

Das Angebot BILDsmart ist dabei erstaunlicherweise kostenfrei. Es handelt sich um ein von einem Sponsor präsentiertes Format, das 0,00 € kostet und ans BILDplus-Abo gekoppelt ist. Man muss es dennoch einzeln abschließen, was Kontakte für den Sponsor bringt.

BILDplus-Abonnenten, die dieses Angebot buchen, erhalten somit eine (fast) werbefreie Version von Bild, in deren Bewerbung Bild die bessere Nutzbarkeit (50 Prozent schnellere Ladezeiten) besonders hervorhebt.

Hier meinen Text zum Thema in der SZ lesen!

loading: Substanz (reloaded)

Fast 40.000 Euro haben Denis Dilba und Georg Dahm Anfang 2014 auf Startnext für ihr Wissenschaftsmagazin Substanz eingesammelt. 14 Monate später habe ich Georg den reolading-Fragebogen geschickt – weil sich viel verändert hat seit Substanz im Februar 2014 erstmals im loading-Fragebogen auftauchte.

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Was ist seit dem letzten Mal passiert?
So unfassbar viel… Hatten wir beim letzten Fragebogen nicht noch die alte Rechtschreibung? In aller Kürze: Crowdfunding-Kampagne geschafft, 72 Stunden geschlafen, dann Substanz entwickelt. Verschiedene Techniklösungen ausprobiert, blutige Nasen geholt, abgeputzt, weitergemacht. 28.11.14: Launch! Launch! Lauuuuuunch! Seitdem: 18 große Geschichten produziert, jede anders, jede neu für uns. Lernen am lebenden Objekt. Wir haben den Erscheinungstag und –takt geändert, das Bezahlsystem gewechselt und neue Features entwickelt. Zwei Preise gewonnen. Wenig geschlafen. Denis hat eine Krone verloren. Ich war beim Friseur.

Was hättet Ihr gerne schon früher gewusst?
Wieviel Arbeit im Endkundengeschäft steckt. Uns war klar, dass wir uns auf die Hinterbeine stellen müssen, um auf die Abozahlen zu kommen, die wir laut Businessplan brauchen. Aber wir hatten gedacht, dass die enorm gute Resonanz aus der Crowdfunding-Kampagne und der Zeit danach uns da mehr Rückenwind gibt. Tatsächlich musst du baggern, baggern, baggern, um Begeisterung in bezahlte Abos umzumünzen – egal ob das Einzelkunden sind oder Firmen und Institutionen, die gleich im Paket abonnieren.

Wen wollt Ihr jetzt erreichen?
Wir konzentrieren uns erstmal auf zwei Zielgruppen. Erstens: Junge Leser, die sich aktiv mit Wissenschaft auseinandersetzen, also alles von Jugend Forscht über Fab Lab bis Graduiertenkolleg. Zweitens: Das Publikum, das Wissenschaft unterhaltsam findet: Leute, die zu Science Slams gehen, in Science Center oder zur Langen Nacht der Wissenschaften. Da sehen wir unsere Wachstumskerne. Dann Weltherrschaft.

Wie geht es weiter?
Wie gesagt: Weltherrschaft. Obwohl… Nein, tatsächlich müssen wir in diesem Jahr wachsen, damit wir das Pensum wuppen können, das uns bevorsteht. Substanz kommt supergut an bei fast allen, die es in die Hand bekommen. Und das müssen einfach sehr viel mehr werden. Und das bedeutet nochmal richtig viel Arbeit. Außerdem wollen wir die Erfahrungen zu Geld machen, die wir gesammelt haben und sammeln, indem wir zum Beispiel mit unserer Technik Auftragsproduktionen machen. Da steckt richtig viel Potenzial drin, aber dafür brauchen wir mehr Leute und das heißt erstmal mehr Geld. Also Investoren- und Partnersuche.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Dass es Substanz gibt und das Leben ohne dieses digital perlende Wissenschaftsmagazin fad und leer ist.

Als Substanz-Leser habe ich zwei Einladungscode bekommen, die ich gerne verschenken möchte. Unter substanzmagazin.de/abonnieren kann man einen Tagespass kaufen und mit diesen Codes einen kostenfreien Testzugang anlegen:

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde – und ich deshalb einen Ratgeber zum Crowdfunding geschrieben habe, den man auf Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Journalismus im Zeitalter des ‚open web‘

Digital bedeutet nicht, eine Geschichte ins Netz zu stellen. Es geht um einen grundlegend neuen Entwurf unseres Verhältnisses zum Publikum und unserer Rolle in der Gesellschaft.

Beim Guardian ist eine neue Chefredakteurin bestellt worden: Katharina Viner wird künftig des Geschicke der britischen Tageszeitung führen, die schon lange ein digitales Medienhaus ist.

Der Freitag (der Syndication-Partner des Guardian ist) hat aus diesem Grund eine Rede von Viner aus dem Jahr 2013 übersetzt und dieser Tage ins Netz gestellt, die einen Blick auf den digitalen Wandel wirft, den ich beachtenswert finde: Der Aufstieg des Lesers ist eine Analyse der Veränderungen, die den Beruf des Journalisten treffen werden. Der Text ist bereits anderthalb Jahre alt, was ihn allerdings noch beeindruckender macht.

Die Offenheit hat für Journalisten viele Vorteile. Voraussetzung ist aber, dass man ein Teil des Ökosystems Internet ist und nicht bloß versucht, sich daraufzusetzen. Dass man sich also der Architektur, der Psychologie, den Gepflogenheiten des Netzes anpasst, anstatt ihm die Struktur einer Zeitung überzustülpen. (…) Wir haben das Privileg, in dieser Ära des Umbruchs zu leben, das Privileg, einen neuen Journalismus für ein neues Zeitalter mitentwickeln zu können. Lasst uns also ein Teil des Ökosystems Internet werden. Lasst uns bewährte journalistische Verfahren mit neuen Wegen kombinieren, um Geschichten zu finden und zu erzählen. Lasst uns offen sein, und lasst uns die Leute, die früher Publikum genannt wurden, in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen. Lasst uns Elite und Straße verbinden.

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Digitale Januar Notizen

Am Wochenende habe ich die erste Folge des „Digitale Notizen“-Newsletters verschickt. Er handelt von „Dark Social“ und Geschäftsmodellen klassicher Inhalteanbieter im sozialen Web. Man kann ihn HIER mit diesen Codes abonnieren – und dann die nächste Folge Ende Februar ganz lesen:

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Abgeschlossen wird der monatliche Newsletter von einem kleinen Rückblicks-Format, das ich hier zugänglich mache – es heißt was wir wissen/was wir (noch) nicht wissen – und geht so:

Was wir wissen:
… nicht nur der Spiegel auch der Stern wirbt seit kurzem mit nichts Geringerem als: Der Wahrheit
… Jan Böhmermann hat Probleme mit dem Urheberrecht. Kai Diekmann auch.
… Die Zeit hat einen Innovationsreport schreiben lassen.
… Nuzzle.com ist ein durchaus empfehlenswerter Social-Media-Dienst.
… dass die neuen Facebook-AGB nicht das größte Problem in Sachen Überwachung sind.

Was wir (noch) nicht wissen:
… ob die Wahrheits-Werbung tatsächlich eine Replik auf die Lügenpresse-Vorwürfe sind?
… versucht der Focus jetzt tatsächlich Leitmedium der AfD-/Pegida-Welt zu werden?
… ob Ihnen die Lieder gefallen, die ich in die 78 Songs-Liste von David Bauer geschrieben habe?
… wie es weitergeht mit der Seite 5fragenan100journalisten.de. Ich habe sie im vergangenen Jahr gestartet, mir fehlt aktuell aber die Zeit, sie fortzuführen. Vielleicht ist ja unter den Newsletter-Lesern jemand dabei, der oder die mithelfen mag?

Noch mehr Wahrheit: Stern

Nachdem ich mich vergangene Woche ein wenig über den Wahrheits-Anspruch beim Spiegel wunderte, lief ich heute an diesem Wahrheits-Poster des Stern vorbei. Es ist weit weniger elaboriert als die (mir zu komplizierte) Spiegel-Kampagne und könnte auch einfach nur als vorgeschalteter Hinweis auf den folgenden Satz verstanden werden:

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„Die Wahrheit: die großen Geschichte – Donnerstag im stern“ ist aber vermutlich eher als Hinweis auf das zu verstehen, was donnerstags im Stern steht. „Die Wahrheit“ und zwar in „großen Geschichten“. Mit Blick auf die Vorgänger-Kampagne könnte man Fragen: Sorry, Henri Nannen, muss das sein?


Mehr dazu: Wohl wahr! Lügen- und Wahrheitspresse

„Die Art wie wir Journalismus machen hat sich verändert“

Im Rahmen des DLD sprachen am Sonntag in München der französische TV-Journalist Bruno Patino, Jeff Jarvis und Focus-Chef Ulrich Reitz (moderiert von Jochen Wegner) unter dem Titel „Post Paris Journalism“ über die Folgen des Terroranschlags auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Die Frage, welche Schlüsse man aus den Ereignissen vom 7. Januar 2015 in Sachen Pressefreiheit oder Umgang mit Sicherheitsgesetzen ziehen muss, wird uns noch lange beschäftigen: Darüberhinaus hat das nachrichtliche Ausnahme-Situation #CharlieHebdo aber auch Erkenntnisse über die sich wandelnde Medienbranche zu Tage gefördert.

Der französischen TV-Journalist Bruno Patino hat dazu (ab ca 4.30 Min im Video) eine sehr bemerkenswerte Analyse in drei Unterpunkten geliefert, die ich hier (zusammenfassend, nicht Wort für Wort) übersetzt festhalten möchte:

1. Die Dinge, die wir mussten, deren Ausmaß wir aber noch nicht wirklich übersehen: Wir stellen fest, dass es schwierig ist mit Druckwerken wirklich viele Menschen zu erreichen. Die Probleme beim Vertrieb der ersten „Charlie Hebdo“-Printausgabe nach den Anschlägen zeigen, dass es schwierig ist, mit Print 100 Prozent der Bevölkerung zu erreichen. (…) Zum zweiten ist uns die enorme Bedeutung der sozialen Netzwerke bei der Verbreitung von Nachrichten vor Augen geführt worden. Ich habe bereits erzählt, dass François Hollande von den Anschlägen via SMS erfahren hat. Vielleicht wissen Sie, dass einige der Terroristen GoPro-Kameras bei sich hatten und ihr Attentat filmten. Das Video von den Schüssen wurde über Facebook in die ganze Welt verbreitet, bevor es bei den traditionellen Medien ankam. Uns war das alles vorher klar, aber es kam in diesem Fall mit so einer Wucht, dass uns dabei das Ausmaß der Veränderung bewusst wurde.

2. Die Dinge, die die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben: Die Kraft der Sozialen Netzwerke als Mehrheits-Echokammer war uns vorher nicht klar. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich war in einer digitalen Redaktion als der 11. September 2001 passierte. Der Tag änderte digitalen Journalismus für immer. Ich war in einer Redaktion als die Anschläge in London und Madrid passierten und auch das veränderte den digitalen Journalismus, weil wir dabei die Beiträge, Bilder und Reaktionen der Bevölkerung beobachten und einbauen mussten. Aber in diesem Fall wurde auch die Arbeit ganz klassischer Redaktionen verändert. Es war das erste Mal, dass wir vierzig, fünfzig, sechzig Stunden Live-Berichte von den Geschehnissen im französischen Fernsehen zeigten. Und es war das erste Mal, dass ich beobachtete, wie ganz klassische Redaktionen nicht nur aufnahmen was über Twitter und Facebook kam, sondern tatsächlich auch auf das Publikum reagiert haben – im Live-Programm, nicht auf der Website oder in Apps, sondern im Live-Programm. Meiner Meinung nach war das das erste Mal, dass das Publikum so eine Rolle gespielt hat. Irgendwer hat das „augmented real time coverage“ genannt, aber es stimmt. Hier hat sich was verändert.

3. Die Fragen, die sich jetzt stellen: Eine solche Veränderung wirft Fragen der Verantwortung auf. Wir wissen, dass wir als Journalisten nicht immer alles zeigen. und dabei geht es nicht um die Zeichnungen, sondern um die Videos der Angriffe. Wir haben entschieden, dass wir die nicht zeigen wollen, aber sie sind auf Facebook. Wie zeigt man redaktionelle Verantwortung wenn man seinem Publikum Bilder nicht zeigt, die das Publikum aber schon kennt? Hier verändert sich ein journalistisches Paradigma – nicht in Bezug auf die Entscheidung, was man thematisiert, sondern auch in Bezug auf das, was man nicht thematisiert. Und die letzte Frage ergibt sich aus der Erkenntnis, dass wir nicht mehr über den Kontext bestimmen, in dem unser Inhalt (Content) wahrgenommen wird. Wir gehen in das Zeitalter des „out of Kontext“-Journalismus. Um es zusammenzufassen: ich bin mir nicht sicher, ob sich Frankreich nach den Anschlägen verändert hat. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Art wie wir Journalismus machen verändert hat.

Hier die Diskussion in Gänze anschauen:

Mehr zum #DLD15: Im Blog von Julius Endert, bei Daniel Fiene, Gründerszene und Heise.

Wohl wahr! Lügen- und Wahrheitspresse

Was für ein (mehr oder weniger) schöner Satz:

Heute geht es jedoch immer weniger darum, mehr zu wissen.

Er steht unter der Bilderstrecke, in der Spiegel Online die Motive der neuen Werbekampagne des Spiegel vorstellt. Ihm folgt die Erklärung dafür, warum der bisherige Slogan („Spiegel-Leser wissen mehr“) ersetzt wird. „Heute geht es viel mehr darum, schnell zu wissen, wie die Geschehnisse der Welt einzuordnen sind. Was ist wichtig, was nicht? Was bedeutet es? Der SPIEGEL hat deswegen von jetzt an eine neue Markenbotschaft.

Die Fortentwicklung von „mehr wissen“ ist für Deutschlands großes Nachrichtenmagazin „die Wahrheit“. Denn die neue Markenbotschaft lautet: „Keine Angst vor der Wahrheit„.

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In eigener Sache erklären die beiden Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Florian Harms was sie damit meinen: „In Zeiten allgegenwärtiger Information im Internet kommt es heute aber nicht allein darauf an, mehr zu wissen – sondern vor allem darauf, mehr zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen, die Bedeutung von Geschehnissen einschätzen zu können.

Ob das dann schon „die Wahrheit“ ist, von der Spiegel und Spiegel Online sprechen, ist nicht ganz klar. Sicher ist jedoch, sie haben keine Angst vor ihr. Deshalb „scheiden sie das Wichtige vom Unwichtigen, sie machen Kompliziertes überschaubar, und sie erklären und ordnen die relevanten Geschehnisse ein„. So steht es in der Ankündigung der Chefredakteure, in der sie den (Werbe-)Weg vom Wissen zur Wahrheit beschreiben.

Statt dem Leser also mehr Wissen zuzumuten, wollen sie das Komplizierte überschaubar machen und entscheiden, was wichtig ist. Das mag nach einem netten Service klingen, mit dem Begründungsrahmen „Wahrheit“ wohnt diesem Service aber auch etwas Unangenehmes gar Bevormundenes inne. Auf russisch heißt Wahrheit zum Beispiel Prawda.

Es ist anzunehmen, dass den Markenverantwortlichen und der betreuenden Agentur bewusst war, dass das Unwort des Jahres in direktem Gegensatz zum neuen Slogan steht. „Keine Angst vor der Wahrheit“ liest sich wie ein trotziges „wohl wahr“, das der Spiegel als kritisierte „Lügenpresse“ seinen Kritikern entgegnet.

Ob das eine sinnvolle Replik ist, sollen andere entscheiden. Ich selber glaube, dass der Lügenpresse-Vorwurf einen Vertrauensverlust politisch gegen die Meinungsfreiheit zu instrumentalisieren versucht. Vertrauen wiederum entsteht eher da, wo Transparenz vorhanden ist, wo „mehr Wissen“ zugänglich gemacht wird – als dort, wo ein „wohl wahr“ als Begründung bemüht wird. Was ich meine: „Wahrheit“ erscheint mir – im Gegensatz zu Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit – als untaugliche Kategorie für Medien in einer freien Gesellschaft. Im Wettstreit der Ideen zerstört der Anspruch auf Wahrheit einen gleichberechtigten Diskurs, der Lügenpresse-Vorwurf beweist dies ex negativo.

Doch der Wahrheits-Anspruch ist nicht nur merkwürdig, wenn man sich überlegt wer sich sonst auf diese Kategorie beruft. Der Wahrheits-Anspruch in der neuen Markenbotschaft des Spiegel zeigt zudem: Sie ist nicht digital gedacht. Um das zu erkennen, muss man nachlesen, wie David Weinberger erläutert, wie sich Vertrauen in den neuen medialen Umfeldern aufbaut. Er hat die Encyclopaedia Britannica und die Wikipedia und vor allem die Art und Weise verglichen, mit der Leserinnen ihnen vertrauen. „Das Vertrauen, das wir der Encyclopaedia Britannica entgegenbringen, ermöglicht es uns, passiv Wissen aufzunehmen„, schreibt Weinberger, „Wikipedia liefert uns jedoch die Metadaten zu den Artikeln – Bearbeitungen, Diskussionen, Hinweise, Links zu anderen Bearbeitungen, die von derselben Person stammen –, weil sie vom Leser erwartet, dass er sich aktiv beteiligt und auf die Zeichen achtet.“ Wikipedia erscheint in Versionen, die man einordnen und bewerten kann. Metadaten sind verfügbar. Ein Mehr an Wissen wird also dem Wahrheits-Anspruch entgegengesetzt. „Jetzt müssen wir selbst entscheiden, was wir glauben wollen. Das war zwar im Grunde schon immer so, doch in der Welt der Papierordnung, wo das Publizieren so teuer war, dass wir Leute brauchten, die das Filtern übernahmen, war es leichter, unsere Passivität als unvermeidlichen Bestandteil des Lernens zu betrachten; wir dachten, dass Wissen eben so funktionieren würde.“

Es ist äußerst interessant Weinbergers Theorie über Wissen und Wahrheit auch abseits von der neuen Spiegel-Markenbotschaft zu lesen. Mit Blick auf diese hätte ich mir vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ (auch ohne Weinberger) etwas erwartet wie: „Keine Angst vor denen, die sich auf die Wahrheit berufen.

Das Ende des Datenträgers

In einem Interview mit dem Branchen-Magazin Horizont äußert sich der Geschäftsführer der Verlagsgruppe Handelsblatt zur Veränderung im Journalismus durch die Digitalisierung. Gabor Steingart sagt:

Ich finde, wir beschäftigen uns zu viel mit der Frage, auf welcher technischen Plattform wir unsere Inhalte präsentieren. Dabei ist die Technik doch nur ein Instrument der Übermittlung. So wie es keine vinyle Musik gibt, gibt es für mich auch keinen printigen Journalismus. Vinyl ist nur ein Tonträger wie viele andere.

Das klingt klug und beruhigend: Der Inhalt – vermittelt diese Perspektive – bleibt unverändert. Die Digitalisierung betrifft ihn (und seine Produzenten) nur indirekt: Der Inhalt sucht sich bei aller Veränderung um ihn herum nur ein neues Transportmittel, lässt sich also von einem neuen (Daten-/Ton-)Träger zum Publikum transportieren.

Was aber wäre, wenn die digitale Kopie die Idee des Datenträgers obsolet gemacht hätte? Wenn Inhalte nicht mehr getragen werden müssen, sondern fließen? Wenn die Inhalte sich im digitalen Ökosystem also sehr wohl verändern müssen – und damit auch jene, die sie produzieren? Was wäre also, wenn ein Online-Lexikon nicht einfach nur ein neuer Datenträger für die früher gedruckten Inhalte ist, sondern eine komplett neue Idee namens Wikipedia?

Wenn das so wäre, müssten wir Kultur und unsere Inhalte vielleicht wie Software denken und wir müssten feststellen: Wir beschäftigen uns noch viel zu wenig mit der Frage, wie die Technik unseren Beruf verändert.