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loading: Gutjahrs Geldpremiere

Eine neue Bezahlkultur im Web ist das Thema der loading-Serie. Bisher ging es dabei zumeist um Crowdfunding-Projekte. Dass man auch auf anderen Wegen eine neue Bezahlkultur starten kann, versucht Richard Gutjahr (Disclosure: mit dem ich persönlich bekannt bin) mit einem spannenden Experiment zu beweisen: Geldpremiere heißt der Blogeintrag, mit dem zeigen will, “dass man mit Journalismus im Netz sehr wohl Geld verdienen kann, wenn man seine Leser ernst nimmt.”

laterPay

Gemeinsam mit dem Münchner Startup LaterPay bietet Richard die Möglichkeit, Artikel in seinem Blog zu bezahlen. Er weist aber darauf hin: “Mein Blog wird auch künftig gratis sein. Ich werde manche Artikel lediglich mit einer Art “In-App-Purchases“ anreichern und auch mit anderen Bezahlmöglichkeiten experimentieren, die LaterPay ermöglicht. Beispielsweise schalten wir auch gleich die Rückgabe-Funktion frei. Wenn einem ein Text nicht gefallen hat, kann man sich den Betrag wieder erstatten lassen.”

Hier seine Antworten auf den loading-Fragebogen.

Was machst du?
Mit dem Projekt LaterPay möchten wir dem Leser endlich das ermöglichen, was er gerne täte, wenn man ihn nur ließe: für gute Inhalte im Netz zu bezahlen. Leider sind die bisherigen Bezahlprozeduren vieler Verlage eine Zumutung: zu kompliziert, zu umflexibel, preislich unattraktiv. Wenn ich mich für nur einen einzigen Artikel interessiere, werde ich genötigt, ein ganzes Heft oder gar ein Monatsabo abzuschließen. Das hat mit der Individualität des Webs und auch sonst mit dem 21. Jahrhundert wenig zu tun.

Warum machst du es (so)?
Als Journalist bin ich darauf angewiesen, dass ich für meine Arbeit (endlich wieder) angemessen bezahlt werde. Leider haben es die Verlage versäumt, ihren Lesern eine einfache und faire Bezahlmöglichkeit zu bieten. Stattdessen sollen jetzt Bezahlschranken die User zum Abschluss eines Abos zwingen. Ich halte das für den falschen Weg, vor allem wenn man bedenkt, dass die selben Verlage ihre Leser über Jahre hinweg zu Gratis-Konsumenten erzogen haben. Eine Zwischenlösung muss her, damit der User lernt, gute Inhalte im Web „Wert“ schätzen zu können.

Wer soll sich dafür interessieren?
Alle. Leser, weil ich denke, dass sie für gute Inhalte sogar gerne bezahlen würden. Inhalte-Anbieter (z.B. Journalisten) weil wir gelesen werden wollen. Anzeigenkunden, weil auch sie Reichweite brauchen und mit ihren Bannern nicht hinter einer Paywall verschwinden wollen. Und letzten Endes auch die Verlage, die über Micropayment die Möglichkeit schaffen, mittel- und langfristig wieder neue Abonnenten zu gewinnen.

Wie geht es weiter?
Wir starten mit LaterPay exklusiv bei mir im Blog, für das wir ein eigenes WordPress-Plugin geschrieben haben. Joomla und Drupal werden folgen. Verlage können sich über eine API-Schnittstelle andocken. Je mehr mitmachen, umso besser. Wichtig ist, dass wir niemanden bevorzugen: Jeder Anbieter, ob Blogger oder Verlag erhält dieselben Konditionen: Als Transaktionsgebühr fallen lediglich 15 Prozent an (vgl. Apple iTunes: 30 Prozent Provision bzw. 40 Prozent bei PayPal für Beträge unter 1 Euro).

Was sollten mehr Menschen wissen?
Micropayment funktioniert. Jahr für Jahr geben wir Deutsche rund 3 Milliarden Euro für SMS aus – und das obwohl es inzwischen unzählige Gratis-Textservices gibt. Die Menschen haben keine Probleme damit, im Netz zu bezahlen. Der Service muss nur einfach und transparent sein. Mit LaterPay wird Bezahlen im Netz so einfach sein wie das „Liken“ bei Facebook – und das schon für Summen ab 5 Cent!

>>> Hier geht es direkt zu Richards Blog – und hier zu LaterPay

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


loading: Substanz

Ein neues Wissenschaftsmagazin – das ist das Ziel von Georg Dahm und Denis Dilba. Die beiden Journalisten arbeiteten bei der Financial Times Deutschland und haben danach die Fail Better Media GmbH gegründet. In dieser Woche haben Dahm und Dilba mit dem Crowdfunding für ihr Wissenschaftsmagazin Substanz für Aufmerksamkeit gesorgt – und trotzdem noch Zeit gefunden, den loading-Fragebogen zu beantworten.

Was macht ihr?
Wir machen Substanz, ein wöchentliches Wissenschaftsmagazin, das nur als Bezahl-App erscheint. Die Geschichten darin inszenieren wir von Anfang an digital: Wir garnieren nicht einfach Print-Artikel mit Bildergalerien und Youtube-Filmen – wir verwenden HTML5- und Multimedia-Elemente als Teil einer sinnvollen Komposition, die auch lange Lesestücke Tablet-tauglich macht. Was noch wichtiger ist: Wir machen keinen Schreibtisch-Journalismus, wir erstarren nicht in Ehrfurcht vor Professorentiteln. Wir setzen auf zeitlose Themen abseits des Mainstreams, unsere Autoren sind vor Ort und bekommen Zeit zum Recherchieren. Wir werden reportagiger und porträtlastiger sein, als das im Wissenschaftsjournalismus heute üblich ist.

Warum macht ihr es (so)?
Weil wir glauben, dass eine solche kritische und lebendige Stimme im digitalen Gewühl fehlt. Weil wir die enormen Möglichkeiten nutzen wollen, die der digitale Wandel dem Journalismus bietet – wir wollen ausprobieren, wie wir große Lese-Geschichten auf Tablets und Laptops neu erzählen können.
Und weil wir nicht mehr darüber reden wollen, wie das Internet die klassischen Verlags-Geschäftsmodelle kaputt macht – wir wollen neue Geschäftsmodelle entwickeln, damit man vom Qualitätsjournalismus wieder leben kann.

Wer soll das lesen?
Wir schätzen, dass zuerst vor allem jüngere Leser zwischen 15 und 40 auf das digitale Format und diese im Wissenschaftsjournalismus ungewohnte Sprache einsteigen werden. Aber prinzipiell sind unsere Zielgruppe alle, die unterhaltsame und fundierte Wissenschaftsgeschichten lesen wollen. Schüler ebenso wie ihre Eltern und Lehrer. Studenten ebenso wie Postgraduierte und Professoren, die mehr lesen wollen als nur die Publikationen ihres Fachgebiets. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, aber auch nicht von Nachteil: Substanz-Geschichten respektieren Laien und Experten gleichermaßen.

Wie geht es weiter?
Unsere Crowdfunding-Kampagne läuft bis zum 22. März, dann werden wir einmal tief durchatmen und anschließend Substanz zur Marktreife bringen. Heißt: die App fertig entwickeln und Geschichten, Geschichten, Geschichten produzieren. Bei Substanz wird ja nicht nur die Recherche aufwändig, sondern auch die Gestaltung – besonders am Anfang, wenn wir unsere multimediale Bildsprache entwickeln.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt wirklich funktioniert. Wir glauben, dass man Wissenschaft nur dann versteht, wenn man die Menschen versteht, die sie betreiben. Mit all ihren Widersprüchen, ihren Förderern und Feinden, ihren Weltbildern und Visionen, ihren Triumphen und Niederlagen. Darum machen wir keine glatten Heldenporträts vom Herrn Professor im aufgeräumten und blau ausgeleuchteten Labor. Wir gehen dahin, wo gearbeitet wird, auch in die zweiten Reihe, zu den Doktoranden und Nachwuchsforschern, den Außenseitern und Überfliegern.


>>> Hier Substanz auf Startnext unterstützen!

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Die Tageszeitung von morgen: Yahoo! (?)

Der SZ-Kollege Pascal Paukner hat den Auftritt von Marissa Mayer auf der CES zusammengefasst:

Weil Mayer weiß, dass sie Google, Facebook oder Amazon in deren Geschäftsfeldern nicht schlagen wird, versucht sie Yahoo dort stark zu machen, wo andere die jüngsten Entwicklungen verschlafen: Yahoo soll zum ernsthaften Konkurrenten für etablierte Medienhäuser werden.

Was das konkret bedeutet, zeigt die diese Woche im US-Store gestartete App Yahoo News Digest, die Summly-Erfinder Nick D’Aloisio im Unternehmenstumbler vorstellt:


Yahoo News Digest delivers the most important news twice a day, right to your mobile device. Our Digests provide a definitive summary of all the need-to-know news so you can stay on top of what’s happening.

Mehr zum Thema: Call to action – über eine neue Form des Journalismus

Redesign: Guardian und New York Times

nytimes_redesign

Gerade als ich die Meldung lesen wollte, dass die New York Times in der kommenden Woche eine umgestaltete Version ihrer Webseite veröffentlichen will, lud man mich dort ein, das neue Design anzuschauen. Ab 8. Januar wird das flexbile Layout (passt sich “responsive” dem Kontext an, in dem es angeschaut wird) für jeden Nutzer sichtbar sein. In der zugehörigen Pressemitteilung der New York Times loben Chefredakteurin und die zuständige Produktchefin die effizientere Navigation (wurde auf der Homepage verschoben), schnellere Ladezeiten und vor allem mehr Platz für Bild, Video und interaktive Geschichten.

nytimes_oldnew

Aber nicht nur die Homepage wurde verändert auch das Artikel-Layout ist nun responsive. Das sieht dann so aus (zum Vergrößeren bitte draufklicken)

nytimes_article

Das ganze ist aus unterschiedlichen Gründen interessant. Unter anderem weil mit dem gestalterischen Umbau bei der New York Times auch “native Advertising” eingeführt werden soll – also Inhalte, die werblicher Art sind aber eine redaktionelle Anmutung haben. Ende Dezember hatte Artur Sulzberger Jr. das in einem internen Rundschreiben angekündigt.

Dieser Plan hatte zu einer kontroversen Debatte führt, die auch der Guardian begleitete – mit einem Artikel, den man hier auch in alten wie neuem Layout sehen kann. Denn auch die zweite große Zeitung im Web arbeitet gerade an einem responsive Design. In einer Alpha-Frühphase kann man diese neuen Entwürfe sehen (zum Vergrößeren ebenfalls draufklicken)

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Über Absichten, Petitionen und Politik

Eigentlich ist zu der merkwürdigen Reaktion des SPD-Vorsitzenden und möglichen baldigen Vizekanzlers Sigmar Gabriel auf den heutigen Aufruf von 560 Autorinnen und Autoren gegen Massenüberwachung mit diesem einen Wort schon alles gesagt:

Vorratsdatenspeicherung

Die Kommentatoren unter seinem Facebook-Post haben das ebenso getan, wie der Kollege Patrick Beuth auf Zeit Online.

Und trotzdem will ich zwei Gedanken ergänzen. Zum einen um die herausragenden Komik festzuhalten, die in der ersten (mittlerweile überarbeiteten) Reaktion Gabriels steckte, als er schrieb:

“Ein solcher Aufruf darf in der Politik nicht ungehört bleiben!”

Denn das “ungehört bleiben” ist die sagen wir mal bierzelttaugliche Zusammenfassung für die Forderung nach Privatsphäre. Und zum zweiten ist die Forderung an die Politik eben nicht das “gehört werden”, sondern das “endlich etwas tun”.

Der heutige Facebook-Post des SPD-Vorsitzenden ist in Form und Inhalt der handfeste Beweis für die eben kaum greifbare neue Form der Politik. Der Koalitionsvertrag ist das Manifest dieser absichtsvollen darauf hinwirken Haltung, die sich auf nichts festlegt und so tut als sei die Machtfülle gewählter Volksvertreter ebenso begrenzt wie die des wählenden Volks. Diesem steht das Mittel der Petition und Aufforderung offen, weil es seine Stimme delegiert hat – an Menschen, von denen es erwartet, dass sie tatsächlich etwas tun und nicht auch nur Absichten formulieren.

Der Überwachungsskandal, der uns seit Mitte dieses Jahres erschüttert ist – man muss das offenbar selbst dem kommenden Vizekanzler nochmal sagen – ein politischer Skandal. Die Lösung dieses Problems darf man – auch wenn das noch so gewünscht ist – nicht privatisieren. Es braucht eine – heute in Sascha Lobos Kolumne nachzulesen – politische Lösung für den Überwachungsskandal. Auch wenn ich mich wiederhole:

Morozov und Uhl verwenden dafür unterschiedliche Ansätze, bedienen sich unterschiedlicher Formulierungen und nutzen andere Bezugsysteme, aber im Kern kommen sie zu dem gleichen Ergebnis: Sie halten den gerade aufgedeckten flächendeckenden Angriff auf den Artikel 10 des deutschen Grundgesetzes nicht für ein politisches, sondern für ein persönliches Problem der Internetnutzer, deren Fernmeldegeheimnis ihnen irgendwie weniger wert zu sein scheint als das derjenigen, die noch anständig Briefe schreiben.
(…)
Dieses Narrativ, das nicht nur von Uhl und Morozov bedient wird, entbindet den Staat aus der Pflicht, die Grundrechte seiner Bürger selbst dort zu schützen, wo mancher ein Neuland vermutet. Prism und Tempora sind keine Internetprobleme, sondern Grundrechtseingriffe, die lediglich zuerst auf der einen Seite des digitalen Grabens zu spüren sind. Dieser Seite dafür die Schuld zu geben, ist ein Wahl- und Marketingtrick, dem man nicht auf den Leim gehen darf. Hier geht es um mehr als um die digitale Skepsis einiger weniger, hier geht es um die Grundrechte der ganzen Gesellschaft.

reddit verschenkt Werbung an Crowdfunder

Werbung für Crowdfunding-Projekte läuft nicht nur über klassische Wege. Deshalb ist dieses Angebot der Plattform reddit wirklich interessant für Crowdfunder: die ersten 250 Projektstarter, die sich melden, bekommen je 100.000 Page Impressions auf der Seite geschenkt.

redditloading

Ich finde das deshalb spannend, weil diese Aktion von reddit durchaus als Beleg für die These der neuen Bezahlkultur zu sehen ist. Die Macher (hier ein spannendes Interview aus der Tageswoche) würden einen solchen Ansatz sicher nicht verfolgen, wenn sie mit Widerstand aus der Community gegen diese Art der Werbung rechnen müssten. Es scheint im Gegenteil so zu sein, dass die Community-Finanzierung sogar als passend und nicht als störende Werbung empfunden wird.

Hier zum Blogpost mit dem entsprechenden Angebot

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort “loading” in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Medium

Wenn man in naher oder ferner Zukunft auf die Form zurückblicken wird, wie man zum Jahreswechsel 2013/14 mit Texten im Netz umgegangen ist, wird man sich an Medium erinnern. Seit ein paar Tagen ist diese neue Veröffentlichungsplattform (Slogan “Everyone’s stories and ideas”) in einer Version online, die Gründer Evan Williams als Medium 1.0 bezeichnet. Und neben zahlreichen anderen Dingen muss man dazu sagen: Medium sieht großartig aus!

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Das muss man deshalb betonen, weil die Seite etwas anbietet, was an sich nicht neu ist: Medium ist ein gegenwärtiger Bloganbieter. Man kann dort veröffentlichen – in erster Linie Texte. Das ist nichts, was Medium besonders machen würde. WordPress und Tumblr bieten dies schon seit Jahren. Was Medium besonders macht, ist ein intuitiver Zugang zum Veröffentlichen.

Jeder, der verstehen will, welchen Wert Usability im Netz hat, sollte mal einen Text in einem klassischen Publikationssystem und einen in Medium veröffentlichen. Es fühlt sich an, als parke man ein Auto, das neuerdings Servolenkung besitzt. Alles geht schlichter, selbstverständlicher und fühlt sich richtiger an. Das muss es deshalb noch lange nicht sein, ich hätte aber nicht gedacht, dass ich diesen Punkt beim “Texte ins Internet schreiben” nochmal erreichen würde.

Das liegt auch daran, dass nicht nur die gelernte Unterscheidung zwischen Vorder- und Rückseite beim Publizieren verwischt und man Entwürfe kollaborativ bearbeiten kann, es liegt auch daran, dass das Lesen in Medium ein großer Genuss ist. Die Gestaltung ist sehr zurückgenommen, gibt Bild und Text enorm viel Raum und dem Auge Platz zum Lesen.

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Dass man darüberhinaus das Prinzip Kommentar in ein tolles Annotationssystem überführt hat, bringt auch die Interaktion auf eine neue Ebene. Kleine Ziffern am Textrand weisen auf Kommentare auf Satzebene hin. Das ist nicht nur eine optische Verbesserung, sondern eine inhaltliche Weiterentwicklung. Gleiches gilt für das Prinzip der Collections, die man anlegen kann um darin Texte zu sammeln. Das orientiert sich an den Listen bei Twitter – was deshalb nicht verwunderlich ist, weil Ev Williams einer der Twitter-Gründer ist, der vorher sehr viel Geld mit Blogger gemacht hatte.

Es wäre etwas zu naheliegend, Medium als ein Mashup aus Twitter und Blogger zu beschreiben. Falsch wäre es aber auch nicht. Das ist deshalb spannend, weil man sich so auch dem Plan von Medium nähern kann: das Timeline-Prinzip auf lange Texte zu übertragen. In seinem Mission Statement zu Medium endet Williams mit den Worten:

It’s clear we’ve only scratched the surface of how we can use the tools available to us to connect hearts and minds. It’s also clear that the way media is changing isn’t entirely positive when it comes to creating a more informed citizenry. Now that we’ve made sharing information virtually effortless, how do we increase depth of understanding, while also creating a level playing field that encourages ideas that come from anywhere?

Ein Ansatz dafür liegt darin jedem Nutzer eine eigene Homepage von Medium anzuzeigen. “Creating a Personalized Reading Experience” nennen die Macher das, und man sollte dem Projekt allein deshalb folgen, um zu beobachten, wie sie das machen. Wer mag: wir können das (wie gesagt) auch gemeinsam tun – medium.com/@dvg

“In einer früheren Version” vs. “Das versendet sich”

Von Clay Shirky stammt der Satz Publizieren sei kein Job mehr, sondern ein Knopf. Diese Satz ist die Grundlage der Demokratisierung der Publikationsmittel: Jeder kann veröffentlichen. Das fordert Journalisten überall auf der Welt heraus, verlangt eine Neudefinition von Autorität und bildet die Grundbedingungen für digitales Publizieren.

Was aber heißt das eigentlich “Publizieren”? Diese Frage hat heute der Kollege Hakan Tanriverdi in einem Blogpost bei Kleiner3 aufgeworfen. Der Text trägt den Titel “*In einer früheren Version dieses Artikels” und gefällt mir nicht nur wegen des Versions-Gedankens. Beachtlich finde ich ihn vor allem, weil er sozusagen der Gegenentwurf zu einem anderen journalistischen Satz ist: “Das versendet sich”.

Beide Sätze stehen für die Endpunkte des Spektrums auf dem sich journalistisches Publizieren bewegt – von analog nach digital. Digitales Publizieren ist ein dialogisches Publizieren, es ist geprägt von einem Grundgefühl der Rückmeldung. Hakan beschreibt dies so:

die ersten fünf Stunden sind immer schwierig. Nachdem der Artikel online ist, also für alle zu lesen, beobachte ich Reaktionen. Unter dem Artikel, Feedback per E-Mail, auf Twitter, wenn der Artikel auf der Facebook-Seite gepostet wird, dann auch dort.

Peter Horrocks hat genau dies zum Grundbestandteil journalistischen Arbeitens erklärt: zu verfolgen was mit den Inhalten passiert, die wir veröffentlichen. In Zeiten von Twitter und Facebook ist für jeden erkennbar was dies bedeutet: die Folgen des eigenen Publizierens sind öffentlich. Das war nicht immer so.

Es lohnt sich, daran zu erinnern: “Das versendet sich” gibt es nicht mehr.

Was der Guardian plant

Im britischen Independent gibt es ein interessantes Stück über Andrew Miller, Verlagschef beim Guardian

He is against the idea of a hard digital paywall (such as that used by The Times) and considers a “freemium” soft paywall (as used by The Daily Telegraph) to be “the worst loyalty scheme in the world” because regular users are charged.

His own preference is a “membership”, with users signed up to have “deeper engagement” with the paper. Mr Miller also wants members to be “participating in little events” which are Guardian-branded.

The paper already uses King’s Place, its HQ in London’s Kings Cross, to support various cultural events. Earlier this year it opened a tech-based London café called #guardiancoffee, which attracted some scorn but Mr Miller says it will live beyond its six-month trial, “probably for several years”.

This week the paper also opened the Guardian Green Room in the Rough Trade record store in New York to showcase its commitment to music. Mr Miller is very keen and more coffee shops may follow. “Physical manifestation of The Guardian is something we are actively exploring,” he says.

via

Wie findest du Wasser?

tl;dr
Selbstverständlich ist Buzzfeed Journalismus: digitaler Boulevard. Darum geht es aber gar nicht. Viel wichtiger als die eigene Meinung zu einer Veränderung ist ein Verständnis für deren Prinzip.

Ich weiß nicht mehr wer es mir riet, aber ich fand den Vorschlag so wenig falsch, dass ich ihn in die Tat umsetzte: Ich reservierte die URL mit meinem Namen. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich es gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Darum ging es aber auch erstmal nicht, es ging darum, dass ich rausfand, wie man eine Internet-Adresse bei einem Provider beantragt und verstand, wie man etwas hochlädt. Anschließend prangte unter meinem Namen für eine lange Weile ein Baustellenschild im Netz. Das störte niemanden, weil es – Anfang der Nullerjahre – ohnehin niemand sah.

Ich weiß ebenfalls nicht mehr wer mir riet, ein Blog einzurichten, mir ging es mit dem Vorschlag aber genau wie mit der URL-Idee: Ich fand ihn so wenig falsch, dass ich ihn ausprobierte. Denn irgendwas musste ich ja nun auch mit meiner Domain anfangen. Also lernte ich, wie man WordPress installiert und im Backend rumstümpert. Mir war damals nicht klar, wofür das gut sein könnte und ob ich das gut fand, weiß ich auch nicht mehr. Aber darum ging es – wie gesagt – auch hier erstmal nicht …

Hinter der Art und Weise wie ich zum Bloggen kam, wie ich Twitter kennenlernte und überhaupt all die Möglich- und Schwierigkeiten des Dialog-Netzes steckt ein vergleichbares Grundprinzip, das man sehr vereinfacht als “Ausprobieren/Machen” beschreiben kann. Wenn ich danach gefragt werden, bemühe ich eine erfrischende Poolmetapher und erkläre, dass man Schwimmen auch nur lernt wenn man nass wird und nicht wenn man am Beckenrand vermeintlich schlaue Dinge über das Wesen des Wassers verbreitet.

Ich erkläre all das, weil gerade am Buzzfeed-Beckenrand sehr viel vermeintlich schlaue Dinge verbreitet werden. Die US-amerikanische Website, die ich hier im Frühjahr für die SZ vorgestellt hatte, ist (mal wieder) Mittelpunkt einer Debatte, an der man wunderbar einige Grundprinzipien des allgemeinen Umgangs mit digitalen Veränderungen ablesen kann. Denn die wichtigste Frage an das neue Modell von Buzzfeed ist nicht: “Wie geht das?” sondern vielmehr: “Wie finden wir das?” Nun legt schon die Logik nahe, dass man zur Beantwortung der zweiten die Antwort auf die erste Frage kennen sollte, aber um Logik geht es bei dem digitalen Veränderungsprozess nicht in erster Linie, viel wichtiger ist die eigenen Befindlichkeit damit.

Wer allerdings am Beckenrand die Frage diskutiert: Wie finde ich Wasser? wird damit keinerlei Fortschritt in Sachen Schwimmen erzielen – und das meine ich so:

Für mich ist Buzzfeed (als bekanntestes Beispiel für eine relativ neue Form des sozialen Publizierens) nichts anderes als digitaler Boulevard – und zwar in beiden Ausprägungen der Beschreibung: Boulevard im Sinne der journalistischen Form (was auf der Straße diskutiert wird) und digital im Sinn der vernetzten Distribution. Vor allem der zweite Punkt erscheint mir bedeutsam, da die Site ihn zunehmend auch für Themen nutzt, die klassischer Weise kein Boulevard sind (dieses Beispiel der Syrien-Berichterstattung hat viel mehr mit ganz klassischem Journalismus als mit Katzenbildern zu tun). Was ist also digital an dem Buzzfeed-Boulevard?

Gründer Peretti beantwortet dies mit dem Hinweis, dass im Netz die Frage, wie der Inhalt seinen Leser erreicht Bestandteil journalistischer Arbeit sei (er spricht davon, dass diese die Hälfte der Arbeit ausmacht). Darüber kann man streiten, um es zu verstehen, lohnt es sich aber, dem Gedanken mal wertfrei zu folgen: Das Internet ist keine lineare Rampe, sondern ein vernetzter Raum. Distribution gehorcht hier schon technisch anderen Regeln als bei klassischen Rampen-Medien. Das bezieht sich zum einen auf den viralen Effekt digitalisierter Inhalte (jeder wird zum Sender), es bezieht sich aber sehr journalistisch darauf, dass es eine inhaltliche Beschäftigung mit Identität und Haltung der Leserschaft voraussetzt. Die auf Spezial-Interessen zugeschnittenen Listen, die Buzzfeed erstellt, funktionieren nur in einer Öffentlichkeitsstruktur, die auf digitale Netz-Verbreitung setzt und nicht auf eine lineare Frontal-Öffentlichkeit. Wer eine Liste “31 Dinge, die man uns vor der Geburt eines Kindes nicht gesagt hat”, erstellt, kann das heute analog nur in einem Elternmagazin tun. Buzzfeed tut dies, obwohl es keineswegs ein Elternmagazin ist. Buzzfeed ist ein Angebot, das sich auch an Eltern richtet – mit einem Inhalt, mit dem sich diese so identifizieren können, dass sie ihn nicht nur lesen (analoge Währung), sondern weiterverbreiten wollen (digitale Währung). Gleiches erleben wir bei Buzzfeed für spitze Zielgruppen, die aufgrund von Berufsbild, Wohnort oder Lebensalter unterschieden werden. Buzzfeed schneidet Inhalte auf seine Leser zu bzw. korrekt forumliert: auf die soziale Gruppe der Leser angehören. Denn Inhalte, die auf diese Weise die (digitale) Identität ansprechen, wirken wiederum identitätsstiftend: man will sie vorzeigen.
Am besten ist dieses Prinzip mit der Idee eines offenen Buchregals vergleichbar. Im Sinne der Aufbewahrung ist dies nämlich eher untauglich – die Bücher stauben viel schneller ein als würde man sie in einen Schrank stellen. Hinter einer Tür würde aber niemand sehen, in welcher Lektüre man sich eingerichtet hat. Dieses Prinzip der analogen Identität hat Buzzfeed sich zu eigen gemacht – und produziert Inhalte, die Menschen sich ins digitale Regal stellen wollen. Und zwar jeder für sich – über Zugänge, die zahlreicher sind als der Eingang “Startseite”. Wenn Imre Grimm also in dem Zapp-Beitrag kritisiert, dass seriöse Teaser auf der Buzzfeed-Startseite in unseriösem Kontext stehen, ist das ein wenig wie die Sache mit dem Beckenrand und dem Wasser. Denn der Kontext der Startseite ist eine analoge Frage, im digitalen Kosmos von Buzzfeed geht es viel mehr um die soziale Verlinkung eines einzelnen Artikels.

Ich persönlich finde es wichtiger, dieses Prinzip zu verstehen als über den Wert der so erstellten Inhalte zu spekulieren. Denn natürlich geht dies mit Katzenbilder-Listen zunächst sehr viel einfacher als mit Berichten aus Syrien. Aber die Wette, die wir gerade erleben ist die: Schafft Buzzfeed es, das Prinzip der digitalen Identität auf Inhalte zu übertragen, die man klassisch als seriösen Journalismus beschreiben würde?

Diese Wette hat sehr viel mit Journalismus zu tun. Und selbst wenn man das nicht so sehen will: Sie könnte den Journalismus nachhaltig verändern – völlig unabhängig davon, ob exponierten Vertretern der Branche das gefällt oder nicht.

Und hier sind wir wieder beim Anfang: Wenn ich mich mit Buzzfeed (und vielen anderen digitalen Entwicklungen) befasse, geht es mir zuletzt (und meist sogar gar nicht) darum, ob mir gefällt was ich sehe. In den Interviews, die ich zu “Eine neue Version ist verfügbar” gebe, sehe ich mich beständig der Frage ausgesetzt, ob es denn gut sei, wenn Kultur künftig unter diesen neuen Bedingungen produziert werde. Ich antworte dann stets, dass ich das nicht weiß, dass ich aber verstehen will, wie Kultur künftig produziert werden kann. Im Fall von Buzzfeed ist das ganz genau so. Erstaunlicherweise sehe ich dabei in der Seite was ganz anderes als die, die diesen Ansatz ablehnen. Sie – u.a. auch Evgeny Morozov – schreiben viel von Katzenbildern, ich hingegen sehe eine konsequente und womöglich radikale Ausrichtung auf digitale Distribution. Und die würde ich gerne erst verstehen, bevor ich sie bewerte.

Ich glaube also, es könnte für einen im Digitalen publizierenden Journalisten sinnvoller sein, sich Fragen wie diese hier zu stellen als die Frage ob ihm Buzzfeed gefällt oder nicht:

> Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
> Nehme ich darauf Einfluß?
> Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
> Wie verfasse ich Teaser für (welche?) sozialen Netzwerke?
> Wie unterscheiden sich “social teaser” von klassischen Anreißern?

P.S.: Mit diesem Beitrag probiere ich gleichzeit was Neues aus – den Dienst Medium