Shruggie des Monats: #OkBoomer

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

Wenn das augenrollende Emoji einen Hashtag hätte, es wäre dieser Tage #okboomer: Ein digitales Schlagwort, um den Generationenkonflikt zu beschreiben, der spätestens seit Rezo und den Ergebnissen der Europawahl in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen ist. #okboomer entstammt dem Internet und ist allein deshalb Kandidat für den Shruggie des Monats, denn auch der ¯\_(ツ)_/¯ hat seine Quelle im Web.

Viele haben sich gefragt, wie die Reaktion der Generation „Fridays for Future“ wohl aussehen wird, wenn deren Proteste keine grundlegende Veränderungen zur Folge haben werden. Ihre Reaktion ist digital, abgrenzend und memetisch. Ihre Reaktion ist „Ok Boomer“. Mit diesen zwei Begriffen reagieren jüngere Menschen auf Belehrungen und Konfrontationen älterer Menschen, vornehmlich aus der namensgebenden Babyboomer-Generation. Taylor Lorenz hatte das Meme Ende Oktober in der New York Times massenmedientauglich gemacht: „Teenagers use it to reply to cringey YouTube videos, Donald Trump tweets, and basically any person over 30 who says something condescending about young people — and the issues that matter to them.“

Deutsche Medien zogen nach: t3n, Zeit, Welt, stern, NZZ berichten ebenfalls über den Spruch, dessen weltweite Popularität sie in einer Reaktion der Neuseeländischen Grünen-Abgeordneten Chlöe Swarbrick begründet sehen. In einem Gespräch mit dem neuseeländischen Stuff-Magazine hatte diese deutlich gemacht, dass ihre Verwendung des Begriffs sich klar darauf bezieht, dass die ältere Generation in Fragen der Umweltpolitik versagt habe – und sich nun häufig dem Dialog entzieht.

In Deutschland hat die Ok Boomer-Bewegung zwei Reaktionen hervorgerufen: auf Bento hat Marc Roehlig der älteren Generation versucht die Hand zu reichen (Wir sollten nicht „OK Boomer!“ sagen, sondern eher: „Ihr seid OK, Boomer!“) und im Tagesspiegel hat Klaus Brinkbäumer eine kleine Belehrung über englische Begriffe im Deutschen geschrieben.

Mich erinnert Okboomer vielmehr an einen Begriff, den ich in Korea gelernt habe: „teul-ttak-chung“ ist dort ein weitaus weniger charmanter Begriff für den Generationenkonflikt. Man kann das Wort mit „prothesenklapperndes Ungeziefer“ übersetzen – und so bezeichnen junge Menschen dort Vertreter*innen der älteren Generation, die sich vermeintlich weltweise über sie beugen und alles besser wissen.

Dagegen scheint mir das augenrollen der Okboomer-Bewegung im besten Wortsinn humor- und respektvoll. Zu dem Begriff hat der Psychologe Niels Van Quaquebeke auf SZ.de gerade ein interessantes Interview gegeben, das man auch mit Bezug auf den Generationenkonflikt lesen kann. Darin unterscheidet er zwei Arten von Respekt – den horizontalen und den vertikalen Respekt:

Habe ich Respekt, weil jemand etwas Besonderes leistet in einem mir wichtigen Bereich, also besser ist als ich? Das nennen wir bedingten, vertikalen Respekt. Der horizontale Respekt kommt nah an den Achtungsbegriff von Kant: Es geht darum, den anderen als gleichwürdig zu sehen. Dieser Respekt ist bedingungslos. Die einzige Kategorie, die ein Mensch dazu erfüllen muss, ist, dass er Mensch ist.

Stellt sich die Frage, was die jüngere Generation tun muss, um sich diesen Respekt zu erarbeiten und nicht von oben herab behandelt zu werden? Mit #okboomer ist ihr jedenfalls ein ganz gutes Hinweissystem geglückt.

¯\_(ツ)_/¯

UPDATE 1: Bei Übermedien liest Samira El Ouassil #OKboomer als kollektives ¯\_(ツ)_/¯

UPDATE2: digiom weist daraufhin, dass der Filter von Twitter den bestimmten Artikel „Die“ im Deutschen, mit der Englischen Aufforderung „Die“ (Stirb) verwechselt:

UPDATE 2: Schöne Rezo-Kolumne drüben bei Zeit-Online zum Thema. Mit dem richtigen Hinweis:

Die beliebte Boomerresponse auf „OK, Boomer“, wo der jeweilige Boomer dann immer glaubt, festhalten zu müssen, dass er sich selbst ja als Vater/Großvater/Arbeitnehmer/Öko/you name it sieht und eben nicht als Teil einer Generation, zeigt am Ende nur, wie nötig es ist, ihm diese Zugehörigkeit endlich mal unter die Nase zu reiben. Denn nur wer die Macht hat, kann immer bestimmten, wer er sein will. Und muss sich nicht als Teil von Ausländern/Frauen/dieser Jugend von heute/et cetera behandeln lassen.

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.
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