Digitale Daten und die Öffentlichkeit

Der Guardian hat in seinem Liveblog zu den Entwicklungen im Fall Miranda/Snowden ein Bild veröffentlicht, das das Dokument des absurden Szenarios ist, das Alan Rusbridger gestern in seinem Text zum Druck der Regierung auf seine Zeitung beschrieben hat: Geheimdienstmitarbeiter drängen darauf, dass ein MacBook, das Dokumente von Edward Snowden enthält, zerstört werde. Dieser Wunsch wird im klaren Wissen umgesetzt, dass Kopien dieser Dokumente auf anderen Rechnern gespeichert sind:

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Das Liveblog beschreibt diese Szene als „one of the stranger episodes in the history of digital-age journalism“. Das ist sie mindestens, vermutlich ist sie aber sehr viel mehr. Einerseits weil sie die Schlüsselszene in einer der größten Debatten um Pressefreiheit der Gegenwart ist. Andererseits aber, weil hier so eindeutig wie selten greifbar ist, was die digitale Kopie mit unserer Gesellschaft macht.

Das Bild ist sozusagen die umgedrehte Raubkopie. Die Gewalt auf den Computer ist der hilfslose Versuch, einen Strom mit bloßen Händen zu stoppen. Der Begriff der Raubkopie wollte dem Vorgang des Kopierens einen gewalttätigen Aspekt andichten, den das Kopieren nie hatte. Der Versuch, einen Laptop zu zerstören, um damit die darauf befindlichen Daten zu stoppen, basiert genau auf dieser Gewalt, die allerdings machtlos bleibt gegen die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie. Die Daten sind eben nicht nur auf dem Rechner im Keller des Guardian, die Daten sind in Amerika und Brasilien erklärt Rusbridger den Geheimdienstlern – und in Wahrheit sind die Daten überhaupt nicht an einem einzigen zentralen Ort, sie sind digitalisiert. Und das sicherste Versteck, das man für sie finden kann, ist die Öffentlichkeit.

Das alles klingt absonderlich, aber es ist die Grundbedingung des digitalen Zeitalters: die Veränderung im Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit und vor allem der veränderte Umgang mit digitalisierten Daten.

Dieses Bild ist sozusagen das Symbol schlechthin für digitalen Journalismus. Zum einen weil es die im Wortsinn Unfassbarkeit der digitalen Kopie aufzeigt (davon schrieb ich in Mashup) und zum zweiten weil es einen Aspekt in den Blick rückt, den ich in einem ganz anderen Zusammenhang in „Eine neue Version ist verfügbar“ betont habe: Darin beschreibe ich, wie Kultur zu Software wird und wie es durch deren Versionierung möglich wird, quasi öffentlich zu schreiben. In dem Buch beschreibe ich dies als aus Ausweis einer besonderen kulturellen Qualität und als Teilnahme an einem einzigartigen unkopierbaren Moment. Unter dem Eindruck der Geschehnisse beim Guardian muss man einen dritten Aspekt ergänzen: Das öffentliche Schreiben kann in diesem Zusammenhang ein Schutz sein.

Dadurch dass Greenwald und der Guardian in einem Prozess die Daten veröffentlichen, dadurch dass Greenwald auf Twitter greifbar bleibt, ist er öffentlich geschützt. Nicht mehr einzig das Ergebnis seiner Recherchen steht im Mittelpunkt, der Entwicklungsprozess bekommt Bedeutung. Deshalb ist es keineswegs reines Marketing, wie die FAZ mit einer Mischung aus Häme und Eifersucht die Veröffentlichungen des Guardian kommentiert. Es ist eine Conditio des Digitalen, dass der Prozess dokumentiert wird.

In einem ganz anderen Zusammenhang schrieb ich davon zu Beginn des Jahres in meinem Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“. Nie hätte ich mir damals träumen lassen, dass zur Veröffentlichung des Buches das Foto eines zerstörten Laptops die Grundbedingungen des Digitalen so eindeutig greifbar machen könnte.

  • Das Foto dürfte leider nicht echt sein, denn bei den Bauteilen, die wahrscheinlich einem Mac Book zugeordnet werden können, liegt auch eine Schnittstellekarte wie die für Desktop-PCs verwendet wird, aber niemals Platz in einem Mac Book findet.

    Das ist nur eine Randnotiz, die an den wahrscheinlichen Umständen der Vorgänge rund um den Guardian und die Daten nicht viel zu sagen hat, aber allen digital versierten auffallen wird.

  • C.K.

    Das hört sich gut an, ist aber eventuell ganz anders. Die Vorstellung des Digitalen als Kopiervorgangs pflegen Medienmenschen gern, darunter liegt aber ein physicher Layer, der die bedeutenderen Daten trägt, nämlich diejenigen, die der Besitzer gelöscht hat.
    Keep on rockin´!