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Shruggie des Monats: der Broccoli-Tree

Seit Beginn des Jahres gibt es eine Neuerung in meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann): den Shruggie des Monats. In dieser Rubrik habe ich bereits den Autoren Eli Pariser und das Phänomen des Techlash ausgezeichnet – weil sie mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen. In der März-Folge zeichne ich einen Baum aus, den es schon gar nicht mehr gibt: der Broccoli-Tree.

Er ist schon seit ein paar Monaten tot. Zerstört, gefällt, verschwunden. Und doch erhält der Baum am Südufer des schwedischen Vättern-Sees in diesem Monat besondere Ehre – und das liegt an diesem Video, das die Vlogbrothers gemeinsam mit dem schwedischen Fotografen Patrik Svedberg produziert und Anfang März online gestellt haben.

Patrik hat den Baum, der in seiner Form an einen Brokkoli erinnert unter dem Namen The Broccoli Tree web- und weltberühmt gemacht. Begonnen hat alles mit einer beiläufigen Beobachtung auf dem Arbeitsweg von Patrik. Er entdeckte den Baum, postete ein schlechtes Foto von ihm auf Instagram und erhielt 43 Likes. Mittlerweile folgen dem Baum über 30.000 Menschen auf Instagram (wo ich das Bild gemacht habe), er hat eine eigenen Ortsangabe auf Google Maps.

Denn aus der Freude aus der beiläufigen Beobachtungen wurde ein Gemeinschaftserlebnis. Patrik teilte seine Freude und sie wurde mehr. Denn – das mag pathetisch klingen – digitale Dateien und Freude verhalten sich sehr ähnlich: Sie werden nicht weniger, wenn man sie teilt.

Und genau über dieses Teilen haben die Vlogbrothers einen Clip gemacht, in dem Patrik die Geschichte des Baumes nacherzählt – von dem wachsenden Freundeskreis, der sich für die Motive in immer neuen Kontexten begeistert.

Doch dann im September 2017 war plötzlich etwas anders: Der Baum war beschädigt. Jemand hatte ihn bewusst zerstört – und zwar so massiv, dass der Brokkoli-Baum wenige Tage später offiziell gefällt werden musste. „Etwas zu teilen, trägt das Risiko in sich, es zu verlieren“, sagt Patrik in dem Clip. „Das gilt besonders für eine Welt, in der es das Bedürfnis gibt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und sei es nur indem man einen viel geachteten Baum zerstört.“

Trotzdem kommt Patrik – und da ist er dem Shruggie nicht unähnlich – nicht auf die Idee, das Teilen des Baumes in Zweifel zu ziehen. Denn: „In Wahrheit können wir auch die Dinge verlieren, die wir für uns und geheim halten. Nur dann sind wir auch in unserer Trauer allein und können den Verlust mit niemandem teilen.“

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle – er tritt auch im Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ auf.

Morgen wird alles besser

Don Drapper hat ein Problem mit Musik. In der fünften Staffel der legendären Serie Mad Men plagt das coole Werbe-Genie die Beschleunigung des Lebens. Er tut sich erkennbar schwer damit, Anschluss zu halten an die Welt dessen, was auf einmal als cool gilt: Pop-Musik zum Beispiel bleibt ihm verschlossen.

Ich weiß nicht, wie sich dieser Erzählstrang in der Serie entwickelt (beim Guardian kann man das Live Protokoll der verrückten Männer nachlesen), er zeigt aber, wie die Beschleunigung der Welt auch vor denen nicht Halt macht, die eben ihre Fähigkeit zu Geld machen, Entwicklungen und Trends nutzbar zu halten. Eine ganz und gar nicht neue Entwicklung. Die Pop-Musik der 1960er Jahre ist den Serien-Erzählern dafür ein taugliches Bild. Denn Musik ist ein soziales Gut. Das gilt nicht nur in der fiktionalen Vergangenheit, sondern auch heute bzw. wenn man der „TV-Legende“ Ray Cokes glauben darf, eben gerade nicht mehr. Er ist unlängst zu dieser Gegenwartseinschätzung gelangt, die auch von Musik und auch von einem Nicht-Verstehen eines alternden Mannes geprägt ist:

Bisher hatte jede Generation ihre große Bewegung. Aber heute? Nichts davon! Stattdessen ist alles in ganz unterschiedliche Gruppen aufgesplittet. Ein großes gemeinsames Ding gibt es da nicht. Früher haben die Jungen gegen ihre Eltern rebelliert, haben Drogen genommen und anderen Unsinn gemacht. Das scheint heute alles nicht mehr so wichtig. Die Bedeutung der Musik wurde durch Facebook-und Twitter-Profile abgelöst. Es gibt auch keine Protestsongs mehr.

Vielleicht muss man so urteilen, wenn man den Status „TV-Legende“ erhalten will. Und vielleicht war es ja früher auch besser. Ich weiß es nicht genau. Ich ahne nur, dass das große gemeinsame Ding, das Cokes vermisst, in Wahrheit so groß und präsent ist, dass er es einfach übersieht. Ich kann mir jedenfalls kaum eine Bewegung vorstellen, die größer ist als die Digitalisierung und ihre Folgen. Sie wirkt auf Cokes offenbar wie die Pop-Musik auf Don Draper.

Neu scheint also nicht das Prinzip, sondern der Grad der Beschleunigung, den der britische Autor Charlie Brooker unlängst sehr lesenswert am Beispiel des charmanten Unwissens von David Cameron über die korrekte Bedeutung der Abkürzung LOL zusammenfasste:

Things change so rapidly these days it’s easy to get left behind, no matter how powerful you are.

Er beschreibt dabei, wie leicht er den Anschluss verloren hat an Pop-Kultur und das, was bei Don Draper die Grundlage seiner Arbeit ist: Trends und Stimmungen der Gesellschaft. Erstaunlich ist dabei, dass Brooker jeden Anklang von Kulturpessimismus oder Überhöhung der Vergangenheit vermeidet. Er beendet seinen Text sogar mit der Einschätzung:

I’ve been left behind by popular culture for weeks now, but boy am I looking forward to getting back up to speed. It’s not regressing. It’s not. LOL.

Aber was würde das konkret heißen „getting back up to speed“? Eine Idee davon bekam ich als ich ein Interview las, das Sibylle Berg dem österreichischen Standard über ihr Schreiben, über Twitter und die grundsätzliche Beschleunigung der Welt gegeben hat. Sie benennt darin Beobachtungen wie …

ich merke, die absurde Hoffnung, dass ich, wenn ich älter werde, mehr Zeit habe, mehr Zeit zum Nachdenken, mehr Zeit, um Stoff zu entwickeln, erfüllt sich nicht. Das Gegenteil passiert. Ich muss eigentlich immer schneller produzieren.

… wird dabei aber überhaupt nicht kulturpessimistisch, sondern sagt so kluge Dinge wie:

Es ist zum Arbeiten blöd, wenn man kein Internet hat. Ich denke mir immer: Wie hat man das früher gemacht? Da ist man in Büchereien gegangen. Das war ja total umständlich. Da ist das Internet großartig. Wenn man es großartig findet, muss man auch damit leben, dass es eine totale Beschleunigung ist.

Denn womöglich würde man es eh nicht stoppen können.

Aber darum geht es mir nur indirekt, ich habe den lange Weg von Draper über Cokes, Brooker und Berg gebraucht um festzustellen, dass in der Bewertung dessen, was da gerade mit uns, unseren Medien und der Gesellschaft in Gänze passiert, viel zu sehr die Perspektive Don Drapers dominiert, viel zu selten die Einsicht Sybille Bergs Raum gewinnt und fast nie die Haltung zu Wort kommt, die die Beschleunigung nicht bloß akzeptiert, sondern mit offenen Armen empfängt.

Sehr platt formuliert, heißt das: Wir hören viel zu oft „Früher war alles besser“ und so gut wie nie „Morgen wird alles besser“.

Im aktuellen Spiegel schreibt Elke Schmitter ein Essay mit dem Titel „Dateien kann man nicht lieben“, der weniger weinerlich daher kommt als der Titel vermuten lässt, aber doch einen Niedergang beschreibt: von der Musiktruhe aus der Zeit des Don Draper zu den digitalen Datensätzen der Gegenwart. Diese sind für die Autorin weniger wertig als ein „sinnlicher Träger“. Sie „lösen keine Gefühle aus – keinen Besitzerstolz, keine Erinnerung, keinen Genuss beim Betrachten, Verschönern, Pflegen, Verschenken.“

Das klingt schlau, aber stimmt es auch? Bleibt man tatsächlich so sachlich bei der Nutzung eines Datensatzes – wenn man einen alten Song aus dem Laptop abspielt, wenn man beim Sichern alter Daten Fotos aus einer längst vergessenen Vergangenheit entdeckt oder wenn man plötzlich einen alten Film wieder findet?

Elke Schmitter kommt zu dem Schluss „Die alten Träger der Aura sind jedenfalls Futsch.“

Da ist er wieder der Reflex. Eben weil es aus der Perspektive Don Drapers so schwer vorstellbar ist, dass es besser werden kann. Dass Aura zum Beispiel auch in Datensätzen entstehen kann. Ihn treibt vielmehr die Verteidigung dessen an, was ihn geprägt, was er gelernt hat, was er gut kann. Aus dieser Haltung kann man sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass etwas funktionieren kann (und vielleicht sogar besser funktionieren kann), was den gelernten Regeln widerspricht. Er lässt sich nur widerwillig auf das Unbekannte ein, kann deshalb auch die neuen Mechanismen, die dort gelten, nicht beobachten, aufnehmen und gestalten. Stattdessen werden alte Debatten in neuen Räumen geführt bzw. die Erinnerung an etwas wach gehalten, was unter anderen Vorzeichen galt.

In seinem kurzen Beitrag Why Sharing Will Never Be Stopped beschreibt Glyn Moody wie der technologische Fortschritt, Probleme aufbringt, die vorher vollkommen unrealistisch erschienen. Zu einer Zeit da das Maximum an Speicherkapazität bei 10 MB lag, konnte sich niemand vorstellen, dass in gar nicht ferner Zukunft Menschen ganze Lieder speichern würden. Heute erscheint es ebenso unrealistisch, dass in ebenfalls nicht ferner Zukunft, jedermann Speicherkapazität für die gesamte Spotify-Bibliothek mit sich herumtragen kann (derzeit 15 Millionen Songs). Es ist dies aber absehbar. Und wenn es so kommt, wird es den Blick auf die Frage von Filesharing und Teilen von Musik grundlegend verändern. Wer die gesamte Spotify-Bibliothek stets bei sich trägt, braucht keine Cloud, er und sie kann offline kopieren und weiterreichen – und sich damit auch allen geplanten Web-Überwachungen gegen das illegale Kopieren entziehen.

Es ist naheliegend, diese Prognose mit der oben beschriebenen Beschleunigung und den gelernten Reaktionsmustern zusammen zu bringen. Denn ich glaube, man wird nur dann Geschäftsmodelle für Kultur im digitalen Raum finden, wenn man sich auf diesen einlässt (und nicht dem Vergangenen nachtrauert bzw. es mit härteren Strafen erhalten will). Wenn man die digitale Kopie, die Verfügbarkeit von digitalisierten Werken und ihre Verbreitung akzeptiert und mit offenen Armen empfängt. Dann erst kann das Nachdenken darüber beginnen, wie die Geschäftsmodelle der Zukunft funktionieren werden – auf Basis der digitalen Kopie: ihr Möglichkeiten nutzend und ihre Probleme kompensierend. Wenn digitalisierte Daten allgegenwärtig und speicherbar sein werden sind, wenn sich ihr Fluss kaum stoppen lässt, folgt daraus, dass die Verknappung dieser Daten nicht mehr ausschließlich zu künftigen Geschäftsmodellen taugen kann. Vielmehr müssen die Daten Grundlage und Werbung für neue Ideen werden – und Träger für Emotionalität.

Das klingt für die Don Drapers der Digitalisierung vielleicht bedrohlich, es ist aber in Wahrheit ganz und gar nicht neu. Wer sich ein wenig mit der Geschichte der Musik und ihrer Aufnahme befasst, wird feststellen, dass das Radio für das Hören von Musik eine ebensolche Erschütterung bedeutete wie die Digitalisierung für den Besitz von Musik. Denn übers Radio wurde etwas möglich, was vorher auch unvorstellbar erschien: Menschen konnte ohne direkte Bezahlung Musik hören. Das muss für diejenigen, die vorher mit dem bezahlten Abspielen von Musik ihr Geld verdienten wie Diebstahl gewirkt haben. Genauso wie es heute wie Diebstahl wirken mag, wenn Menschen Daten tauschen. Aber tun sie dabei etwas anderes als die frühen Radiohörer? Es klingt skandalös, aber vielleicht ist Filesharing im Kern gar nichts anderes als Radio hören. Es basiert auf einer technologischen Neuerung, die den Menschen Musik bekannt macht, es führt Menschen an Musik heran.

Beim Radio kam man in Folge dessen auf die Idee, dem Hören von aufgenommener Musik den Besitz dieser Musik auf analogen Tonträgern zu ergänzen – auch weil dies technologisch möglich wurde. Wer unkontrolliert stets und ständig Musik hören kann (im Radio), dem muss man etwas anders anbieten: die Mystifizierung des Besitzes von aufgenommener Musik zeigt sich in der Zurschaustellung des eigenen Musikgeschmacks in Form einer Plattensammlung. Schmitter klagt im Spiegel, die digitalisierten Songs seien „Musik ohne Eigenschaft“, die kein Besitzgefühl mehr auslöse, „denn es gibt keinen langen Weg der Aneignung mehr.“ Wenn der Besitz und der Weg der Aneignung nun also dem vergleichbaren Kontrollverlust ausgesetzt sind, wie das Hören, liegt die Herausforderung vermutlich darin, der Musik einen Wert zu ergänzen, der sich wie der Besitz zum Hören verhält. Ich ahne, dass dieser Wert sich aus dem ableiten lässt, was wir heute Social Media nennen. Aus dem gemeinschaftsstiftenden Element, aus dem, was ich weiter oben „soziales Gut“ genannt habe. Das unüberwindbare Problem dabei: Man wird dieses vermutlich nur dann finden, wenn man sich in die neuen Räume begibt und dort auch neuen Debatten folgt. Wenn man erkennt, dass man auch Dateien lieben kann. Wenn man sich von der Verteidigungshaltung verabschiedet und das Neue, Unbekannte nicht nur akzeptiert, sondern beobachtet, aufnimmt und gestaltet. Wenn man die Digitalisierung also mit der Haltung betrachtet: „Morgen wird alles besser“.

Vielleicht stimmt es ja sogar.

Welttag der Gratiskultur

Der 23. April ist der Welttag des Buches. In diesem Jahr wird dieser Tag gemeinsam mit der Idee „Lesefreunde“ begangen. Dabei handelt es sich um eine groß angelegte Aktion des Teilens, Schenkens und Sharens – wie man es im Netz nennen würde: 33.333 Lese-Fans verschenken je 30 Exemplare eines Lieblingsbuchs erklärt die Website der Aktion unter dem Titel „Lesefreunde schenken Lesefreude“. Auf der Hauptseite der Aktion heißt es:

Seien Sie dabei, wenn es um das Verschenken von Lesefreude in Deutschland geht – millionenfach!

http://www.welttag-des-buches.de/de/470021

Das klingt schön: Menschen sind eingeladen, die Freude an einem Buch weiterzureichen – an jeweils 30 Freunde (juristisch würde man hier vermutlich von einer nicht-privaten Weitergabe sprechen). Neil Gaiman hat unlängst erklärt, wie wirkungsvoll derartige Empfehlungen für einen Autoren sein können. Den überwiegenden Teil seiner Fans, erklärte der britische Autor, habe er über Empfehlungen durch deren Freunde bekommen. Jemand reicht ein Buch weiter, empfiehlt einen Autoren oder verleiht einen Titel – so wandert Kultur und wächst. Die Aktion Lesefreunde nutzt diese Kultur des Teilens und Verbreitens auf eindrucksvolle Weise:

Geben Sie als Buch-Schenker ihre Leidenschaft fürs Lesen an Menschen weiter – gerade an die, die wenig, selten oder gar nicht lesen. „Lesefreunde“ will Menschen bewegen, ihr Lesevergnügen zu teilen und weiter zu verbreiten. Zugleich soll mit dem Buchgeschenk eine Einladung ausgesprochen werden, das Erlebnis Lesen für sich neu oder wieder zu entdecken.

In Verbindung mit dem Welttag des Buches wird übrigens auch der Welttag des Urheberrechts begangen. Er soll daran erinnern, wie bedeutsam ein legitimiertes Immaterialgüterrecht für die Gesellschaft ist. Die Aktion Lesefreunde illustriert anschaulich, dass das Teilen von Informationen und das Urheberrecht sich nicht widersprechen müssen. Denn nicht nur bei der oben zitierten Aktion Lesefreunde werden Bücher unentgeltlich verschenkt. Unter dem Titel „Ich schenk dir eine Geschichte“ werden 700.000 Kinder aus über 25.000 Schulklassen „das Verschenkbuch“ (Zitat Börsenverein des deutschen Buchhandels) „Wir vom Brunnenplatz“ erhalten – kostenfrei. Denn auch die grundlegende Idee des Welttag des Buches/Urheberrechts gründet sich auf der Schenk-Kultur: der 23. April ist der Georgstag, auf den sich die Unesco u.a. berief als sie 1995 erstmals Buch- und Urheberrechtstag abhielt. An diesem Namenstags des Heiligen Georg werden in Katalonien übrigens Rosen und Bücher verschenkt – gratis.

In Referenz an ein schönes Internet-Mem ist man geneigt zu fordern: die Welt außerhalb des Web darf nicht länger ein rechtsfreier Raum sein. Oder etwas seriöser: In der Debatte um die Folgen der Digitalisierung wäre schon viel gewonnen, wenn man sich wenigstens bemühen würde offline wie online gleiche Maßstäbe anzulegen.

Stehlen? Werben? Teilen!

Wenn die Behauptung stimmt, dass man Menschen an ihrer Sprache erkennt, dann sollte man sich die zehn Schritte, die The Next Web (How to be a Social Media Writer in 10 Steps) anempfiehlt, um ein Social Media-Schreiber zu werden, sehr genau durchlesen. Denn dort sind vor allem die wichtigsten Floskeln notiert, die man als Webverstehererklärer braucht. Dort ist aber auch erklärt, worüber man sprechen soll: über Pinterest – das angeblich nächste große Ding. Eine Pinnwand im Netz, die schöne Dinge sammelt und leicht teilbar macht. Ein Twitter für optische Menschen? Ein vernetzteres Tumblr? Eine Diebstahlmaschine für Bilder?

Ein Thema für Social Media-Writer – das zumindest ist klar.


Und spätestens seit ich die Pin A Quote-Erweiterung kennen gelernt habe, die den Bilderdienst auch für Texte öffnet, ist Pinterest auch ein Thema für mich. Ich will aber nicht über das Wachstumspotenzial des Dienstes schreiben oder über seine zumeist weibliche Nutzerschaft oder über seine Eigenschaft als Traffictreiber (wer sich dafür interessiert, kann diesen interessanten Breitband-Beitrag nachhören).

Ich schreibe über Pinterest wegen des Leistungsschutzrechtes.

Beide Themen haben zunächst nichts – und gerade deshalb sehr viel miteinander zu tun. Denn so wie Pinterest zwingend auf der Liste der zehn Themen auftauchen muss, die ein Social-Media-Writer notieren sollte, taucht das Leistungsschutzrecht (als jüngstes Gegengift gegen die Kostenloskultur des Web) auf der Liste der Dinge auf, die eine webskeptischer Writer notieren muss (ein schönes Beispiel für diese Haltung liefert Jan Fleischhauer dafür unlängst im Spiegel in seinem so genannten Essay über die Piratenpartei, in der er – soweit ich es sehe nur offline – auf deren Gratis-Mentalität schimpfte).

Pinterest und Leistungsschutzrecht stehen für die beiden entferntesten Perspektiven auf die Digitalisierung. Wer beide genauer betrachtet, bekommt anschaulich vor Augen geführt, wie breit der Graben ist, der unsere Gesellschaft durchzieht.

Die Welt, die sich im Digitalen öffnet, ist grundlegend anders als jene Welt, die sich die Politiker vorstellen, die Anfang März im Kanzleramt über das Leistungsschutzrecht sprachen. Die Prinzipien, die in dieser digitalen Welt gelten, unterscheiden sich deshalb so fundamental, weil sie eine Prämisse nicht nur akzeptieren, sondern beständig fortentwickeln, die die Politik einbremsen oder gar rückgängig machen möchte: digitalisierte Inhalte sind leicht teilbar, sie sind gleichzeitig an unterschiedlichen Orten verfügbar und kaum einzubremsen. Diese Tatsache ist unabhängig von der moralischen Beschaffenheit der Netznutzer, sie hängt nicht an deren Erziehung oder am Respekt, den Bürger gegenüber Urhebern (die sie im übrigen ja selber sind) aufbringen. Diese Tatsache ist vor allem dies: eine Tatsache.

Pinterest macht diese Tatsache zum Gestaltungsprinzip seiner Seite. Das Leistungsschutzrecht will diese Tatsache bekämpfen.

Vermutlich gibt es für beide Haltungen gute Gründe. Darum soll es aber hier gar nicht gehen. Mir erscheint die Differenz gerade viel spannender als die Frage nach dem, was man für richtig oder falsch hält. Die Differenz in der Antwort auf die Frage: Will man die digitale Kopie und ihre (auch unschönen) Folgen bekämpfen oder gestalten?

Vor dem Hintergrund dieser Frage liest sich die zum Meme gewordene Forderung, das Internet dürfe kein rechtsfreier Raum sein (was es nie war), vor allem als der Wunsch, das Internet solle nach den Prinzipien funktionieren, die man aus der analogen Welt kennt. Was aber, wenn das Netz – aufgrund der historischen Neuerung der digitalen Kopie – tatsächlich nach anderen Prinzipien funktioniert?

Der britische Autor Neil Gaiman hat auf diese Frage in einem empfehlenswerten Clip interessante Antworten gegeben:



Er erklärt, dass Menschen schon immer Bücher geteilt haben. Seiner Einschätzung nach ist das kostenfreie Lesen (Verleihen) schon immer der wichtigste Weg gewesen, um einen Lieblingsautor zu finden. Man empfiehlt weiter, was einem gefällt. So verbreitet sich das Ansehen des Autors. Durch das Netz sei dieses Möglichkeit gestiegen. Das Teilen ist für Neil Gaiman also kein Diebstahl, sondern Werbung.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich weiß aber, dass wir damit wieder bei dem oben beschriebenen Konflikt zwischen Pinterest und dem Leistungsschutzrecht sind – und (mal wieder) bei der digitalen Kopie.

Gute Idee: Findings

Ein Werkzeug, das hilft digital markierte Textstellen zu sammeln? Solche, die man auf Webseiten findet aber auch solche, die aus eBooks stammen? Ein Werkzeug, das gleichzeitig auch hilft, diese Fundstellen zu teilen? Ja, das klingt nach einem interessanten Werkzeug. Zumal wenn man liest, dass hinter dieser Idee Steven Johnson steckt.

Das Werkzeug heißt findings und sieht gut aus und macht einen sehr guten ersten Eindruck

https://findings.com/home

In Kategorie: Netz

Teilen fürs Ganze: From Broadcasters to Sharecasters

Brian Brett hat für die New York Times eine Untersuchung zu Share-Kultur im Netz gemacht. Seine Präsentation mit dem Titel The Psychology of Sharing kann man runterladen und auf Slideshare anschauen:

Es geht um die Frage: Warum teilen Menschen im Netz Inhalte? Die spannende Antwort: Menschen haben schon immer Inhalte geteilt. Das Netz verstärkt dies nur. Vermutlich deshalb sind auch die Gründe fürs Teilen nicht sonderlich netzspezifisch. Sie gelten (im Prinzip) auch fürs Weitererzählen beim Mittagessen, denn es geht in erster Linie um Beziehungen. Unter dem Titel „Sharing is all about relationships“ benennt die Studie zunächst fünf Gründe fürs Teilen, leitet aus diesen sechs Typen des Teilens ab …

Altruists
Careerists
Hipsters
Boomerangs
Connectors
Selectives

… und liefert damit einen guten Rahmen zur Beantwortung der Frage: Warum machst du diesen Quatsch im Netz überhaupt?

Ein Aspekt kann zum Beispiel in dem liegen, was die Studie als Leitmotiv für Medienhäuser ausgibt:

From Broadcasters to Sharecasters

Medien werden zu Stichwortgebern für eine Share-Kultur. Was das bedeutet, kann man sich am 21. September übrigens auch in einem Webinar erklären lassen.

Martins-Moral im digitalen Raum

In den vergangenen Tagen war (auch hier) viel von einem guten Mann die Rede, der sich selbstlos gab und teilte: Sankt Martin gibt dem frierenden Bettlersmann die Hälfte seines Mantels und wird deshalb noch heute von Laternenbeleuchten Kindern besungen. Zum Beispiel mit dem Martinslied, in dessen finaler Strophe dem Martin im Traum der Herrgott erscheint:

Der spricht: „Hab Dank, du Reitersmann,
für das, was du an mir getan.“

Es ist ganz klar: der reitende Martin wird zum Vorbild für alle Kinder. Er sieht die Not des anderen und teilt. Er gibt von dem, was er hat, damit auch der Bettler etwas bekommt.

Soweit die Martins-Moral. Was aber, wenn diese nicht im Kinderlied, sondern im realen Leben Anwendung findet? Was, wenn die singenden Kinder die gelernte Moral vom Teilen auch im Digitalen ernst nehmen? Hier können sie zwar keinen Mantel teilen, aber zum Beispiel eine MP3-Aufnahme vom Martinslied. Das Tolle dabei: Sie teilen es, ohne selber weniger zu haben. Sie haben also eine Lösung, die noch viel besser ist als die vom Martin (denn dass er selber nur noch einen halben Mantel hat, kann niemand ernsthaft als die optimale Lösung beschreiben wollen). Doch im Traum tritt in diesem Szenario nicht der Herrgott, sondern der Abmahnanwalt auf

Der spricht: „Unterlasse nun, du Diebesmann,
was du dem Rechteinhaber hast angetan.“

Nicht nur das Versmaß ist darin ganz korrekt, auch die zugrunde liegende Moral ist einem Kind (und nicht nur dem) nur schwer vermittelbar.

Dabei ist mir durchaus bewusst, dass der Vergleich hinkt, die moralischen Implikationen sind aber dennoch vergleichbar: Teilen und teilen ist nicht das Gleiche. Und merkwürdiger Weise soll das Teilen, bei dem beide nur die Hälfte haben, das besserer Teilen sein.

Heute vormittag musste ich ein Auto in der Innenstadt parken. Ich löste am Parkautomaten ein Ticket für zwei Stunden Parkzeit. Nach einer Stunde war mein Termin zuende, ich stieg in mein Auto und gab den Parkplatz wieder frei. Das Parkticket habe ich an den Automaten geklemmt, weil es schließlich noch gültig war. Darf ich das? Darf jemand das von mir gelöste Ticket weiterparken? Mache ich mich damit starfbar?

Die Tatsache, dass ich mir die Frage in diese Richtung stelle, zeigt, wie stark der (falsche) moralische Einfluß bereits ist. Denn wenn wir überhaupt übers Stehlen nachdenken in einem Bereich, bei dem niemandem etwas weggenommen wird, ist doch die einzig berechtigte Frage, die wir uns stellen sollten: Darf die Stadt diesen Platz nun eigentlich erneut vermieten? Oder begeht sie einen Diebstahl an mir, denn ich habe ja schließlich für die volle folgende Stunde noch bezahlt und damit Anrecht auf den Parkplatz – und sei es, um ihn autofrei zu halten …

Vielleicht sollte ich mal Dr. Erlinger fragen.

Warum schreiben Menschen Dinge ins Netz

In Deutschland äußert man sich ja eher darüber, wie dumm Menschen sein müssen, dass sie Dinge ins Internet stellen. An anderen Orten des Web ist man schon etwas weiter und denkt lesenswert über die Beweggründe nach. Unter dem Titel Why we share: a sideways look at privacy schreibt JP Rangaswami über die Kultur des Teilens:

Speaking personally, most of the time when I share things (like my thoughts here), I share them because I want to learn. As I share, I make myself vulnerable, and in making myself vulnerable I strengthen bonds with the people I share with. As those bonds strengthen, trust between us grows, and I am less alone, less isolated. Which satisfies my drive to defend when under attack

Und Steven Johnson schreibt im Time-Magazin über die Kultur des Oversharing.

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