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Eine andere Datenschutzpolitik ist möglich

Dieser Beitrag bezieht sich auf die #nacktimnetz-Recherchen des NDR und ist der Versuch einer Antwort auf einige Reaktionen, die mich nach meinem SZ-Text dazu erreichten.

Der Einführung der gesetzlichen Gurtpflicht für Neuwagen im Jahr 1974 ging eine längere – aus heutiger Sicht unverständliche – Debatte voraus. Es erscheint uns heute selbstverständlich, dass sich Autofahrer, aber auch Mitfahrer auf der Rückbank, anschnallen bevor sie losfahren. Dass es mal eine Zeit gab, in der Eltern ihre Kinder ohne Sicherheitssitz und –gurt im Auto transportierten, erscheint uns aus heutiger Sicht unverantwortlich.

Ich habe die Hoffnung, dass die Generation unserer Kinder auf das Internet und den Umgang mit Daten im frühen 21. Jahrhundert mit dem gleichen Erstaunen blicken wird wie wir auf den Straßenverkehr der 1970er Jahre: „Unverantwortlich wie man damals mit Daten umging.“

Was ich damit sagen will: Eine andere Datenschutzpolitik ist möglich. Und der Vergleich mit der Gurtpflicht kann uns die Rahmenbedingungen und den zeitlichen Aufwand vor Augen führen, die dafür notwendig sein werden. Davon sollten wir uns aber nicht bremsen lassen. Im Gegenteil: Wir brauchen auch Geduld! Der erste Sicherheitsgurt wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden, im Jahr 1974 wurde er für Neuwagen verpflichtend gemacht und erst zehn Jahre später wurde das Fahren ohne Sicherheitsgurt mit einem Bußgeld geahndet.

Wir brauchen jetzt gesetzliche Bestimmungen im Umgang mit Daten, die dem Sicherheitsgurt vergleichbar sind. Die Massenkarambolage, die Edward Snowden aufgedeckt hat, beweist dies ebenso wie der Auffahrunfall, den ich in dieser Woche erlebt habe. An den Reaktionen auf die Recherchen des NDR und meinen Text dazu, meine ich aber ein paar Dinge zu erkennen, die wir auf dem Weg zu diesen besseren Rahmenbedingungen ändern könnten:

Seat Belt

1. Datensparsamkeit ist keine Lösung
Im Straßenverkehr wäre niemand auf die Idee gekommen, der hohen Zahl an Verkehrstoten mit dem Ratschlag zu begegnen, einfach das Auto abzuschaffen. In der Debatte um Datensicherheit ist in den vergangenen Jahren (und auch nach meinem Text diese Woche) der Vorschlag genannt worden: einfach weniger Daten zu produzieren. Ich halte diesen Ansatz aus vielen Gründen für gefährlich. Denn das Problem ist nicht, dass Menschen sich im Digitalen bewegen (und sich übrigens dort sogar heimisch fühlen), das Problem ist, dass politische Rahmenbedingungen fehlen. Um diese zu schaffen, müssen wir vor allem eine Haltung überwinden, die sich in der Frage manifestiert:

2. „Wie naiv kann man sein!?“ ist kein Argument
Der Zynismus, der sich in dieser Frage ausdrückt, ist mindestens so gefährlich wie der unkontrollierte Datenhandel selbst. Die Annahme, es sei sowieso egal, weil wir doch eh alle wissen, dass alles überwacht wird, manifestiert nämlich nicht nur einen schlechten Status quo, sondern erhebt sich gleichzeitig über all jene, die sich dennoch auf den Weg machen wollen, Grundrechte zu verteidigen. Dass diese Haltung erstaunlich häufig bei denen zu finden ist, die vorgeben, sich mit Software auszukennen, macht es übrigens nicht besser. Denn um zu einem Ziel zu kommen, sollten wir die Frage, wer sich besser auskennt, vielleicht kurz hinten anstellen und stattdessen das gemeinsame Ziel in den Vordergrund rücken, denn:

3. Es geht nicht darum, recht zu haben
Es ist an der Zeit, sich darauf zu konzentrieren, wo der Feind steht. Wenn wir gemeinsam für die Einführung einer Gurtpflicht kämpfen wollen, hilft es gar nichts, wenn man sich in eine Debatte verstrickt, ob irgendwer zu lange im zweiten Gang gefahren ist. Genau das passierte mir aber in dieser Woche sehr oft. Ich rufe hiermit all den offenbar sehr versierten Menschen zu, die mir Ratschläge zum Thema Tracking gaben: „Ich stehe auf eurer Seite, auch ich will einen anderen Umgang mit Daten. Deshalb habe ich überhaupt zugestimmt, dass meine Geschichte öffentlich gemacht wird. Hört also auf, mich zu belehren und fangt endlich an, konstruktiv an einer Lösung mitzuarbeiten.“

4. Wir müssen uns viel mehr in Frage selber stellen
Nachdem mein Text auf sz.de erschien, erreichte mich eine Mail, in der mir in sehr barschem Ton erklärt wurde, dass ich doof bin weil auf der Seite, auf der der Text steht, ja auch Tracking-Pixel eingebunden sind. Ich versuchte sachlich zu erklären, dass es bei dem aktuellen Fall aber überhaupt nicht ums Tracking geht, sondern eben um eine Lücke im Browser. Das lies mein Gegenüber nicht gelten, sondern konfrontierte mich mit einem Screenshot seines Browser-Plugins „Ghostery“, mit dem er sein Argument gegen Tracking unterfüttern wollte. Ich schickte ihm daraufhin den Link zur Website von Ghostery, auf der man ablesen kann, an wen sich dieses Plugin richtet: An Geschäftskunden, die Nutzerdaten kaufen wollen.

ghostery

Dennoch ist der Reflex weit verbreitet, auf die schockierenden Recherchen mit dem zu reagieren, was man sich als Antwort zurecht gelegt hat. Ich habe das an anderer Stelle schon mal versucht zu beschreiben: Wir müssen mehr Mut zur Ratlosigkeit beweisen. Wir müssen uns trauen, unsere eigene Unsicherheit bei dem Thema zu akzeptieren – und nicht sofort in die Muster zu verfallen, die einfache Lösungen und damit Sicherheit versprechen. Deshalb habe ich übrigens auch keine Liste meiner Browser-Plugins veröffentlicht, denn:

5. Datenschutz braucht ein anderes Image (und vermutlich einen anderen Namen)
Die Forderung, eine Liste aller meine Browser-Addons zu veröffentlichen, zeigt genau diesen Wunsch nach vermeintlicher Sicherheit und ein merkwürdiges Verständnis von Datenschutz. Davon abgesehen liefert diese Liste aber auch keine Erkenntnis. Eine Gewissheit, dass diese Plugins ein Problem sind, hat man dann nämlich auch nicht. Und vor allem: Man hat auch keine Gewissheit, dass die Plugins, die nicht auf der Liste sind, sicher sind. Im Gegenteil: Man muss diese einzeln prüfen. Daran führt kein Weg vorbei. Ich forsche trotzdem weiter, wie die Daten aus meinem Browser kamen und ich werde dazu auch hier bloggen, wenn ich etwas Genaueres rausgefunden habe als: Man muss bei Addons sehr vorsichtig sein!
Unterdessen hänge ich der Hoffnung an, dass es gelingen kann, Datenschutz ein anderes Images zu geben. Zahlreiche Debatten der vergangenen Jahre waren meiner Einschätzung nach von einem Verbots-Narrativ geprägt, ohne Gestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Vielleicht kann das oben gewählte Bild des Sicherheitsgurt ein wenig dazu beitragen, andere Zugänge zu finden. Es kann nicht darum gehen, grundsätzlich gegen Daten oder das Internet zu sein. Es muss darum gehen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die realitätsnah und praktikabel sind, eine bedeutsame Leitlinie sollte dabei ab sofort das Interesse der Bürger und nicht nur der Digitalwirtschaft sein!

Weiterführende Links:
– Der Text auf Süddeutsche.de und hier im Blog
– Der Beitrag von Zapp
– Der politische Rahmen in einem Beitrag von NDR-Panorama
– Ein Lösungsansatz von Matthias Eberl: Die Zwei-Browser-Methode
– Bei Zeitonline hat Patrick Beuth notiert, wie man seinen Browserverlauf schützen kann.
– Der Zündfunk hat mich zu dem Thema interviewt
– Der Report Networks of Controll von Wolfie Christl und Sarah Spiekermann
– Die Idee, einen digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen

#nacktimnetz: Fünf Fragen zu meinen Daten

UPDATE: Hier gibt es eine Fortsetzung zum Thema

Die NDR-Kollegin Svea Eckert hat gemeinsam mit Jasmin Klofta und Jan Lukas Strozyk eine Recherche angestoßen, die gerade unter dem Schlagwort #nacktimnetz verbreitet wird. Dabei sind sie an ein Datenpaket gelangt, das Profile von Nutzern und deren Browser-History umfasst: „Dieses stammt von einem ausländischen Anbieter solcher Nutzerdaten und umfasst alle im August aufgerufenen Webseiten von rund drei Millionen Nutzern, das entspricht rund einem Prozent des deutschen Internet-Verkehrs.

In diesem Datenpaket sind auch meine Nutzerdaten enthalten. Svea Eckert hat mir diese zugänglich gemacht – und ich habe für die SZ darüber geschrieben, wie es sich anfühlt, plötzlich unbekleidet dazustehen. Man kann meinen Text hier nachlesen – und die Recherche am Mittwoch abend in Zapp ansehen. Weil ich dazu in den vergangenen Tagen einige Fragen gestellt bekommen habe, hier die fünf wichtigsten Antworten auf einen Blick:

zapp_

1. Woher stammen diese Daten?
Vermutlich sind keine Cookies oder Tracker schuld an diesem Loch, sondern Browser-Erweiterungen in Firefox. Ich nutze diesen Browser und die Daten, die mir vorgelegt wurde, stammen allesamt aus meinem Firefox-Verlauf. Svea Eckert hält die Erweiterung „Web of Trust“ für das Problem. In meinem konkreten Fall kann es dieses Add-on aber nicht gewesen sein, ich nutze es nicht. Auch Ghostery, das aus seinem Geschäftsmodell übrigens kein Geheimnis macht, benutze ich nicht. Es muss also ein anderes Add-on gewesen sein. Was die Aussage bestätigt, die mir von vielen Seiten erklärt wurde: Add-ons machen den Browser unsicher – selbst wenn sie das Gegenteil behaupten. Sie haben theoretisch Zugriff auf alle Daten, die in den Browser eingegeben werden (ja, auch Passwörter) und werden dabei nur sehr sporadisch kontrolliert.

2. Warum ist das ein Problem?
Dass diese Daten öffentlich gehandelt werden, ist der Grund, warum ich in dem Beitrag so komisch stottere: Es fühlt sich in der Tat an, als sei ich ungefragt und ungewollt meiner Kleider beraubt worden. Diese Daten sollten nicht gehandelt werden. Völlig unabhängig davon, ob man ihren Inhalt nun peinlich findet oder nicht.

3. Wo sind die Daten jetzt?
Sie sind in der Welt. Wie vermutlich auch Daten von anderen Nutzern. Marc Al-Hames vom Browser Cliqz, den ich zur Recherche meines Textes befragte, sagte mir: „Mich überrascht das ganz und gar nicht. Ich finde es eher überraschend, dass so was vorher noch nicht vorgekommen ist.“
Was mich ein wenig beruhigte: Die Kollegen vom NDR sind sehr professionell mit dem Datensatz umgegangen, haben ihn selber nicht eingesehen und ihn mir passwortgeschützt zugänglich gemacht. Die Bilder, die man im Fernsehen sieht, zeigen mich tatsächlich in dem Moment, in dem ich sie zum ersten Mal sehe.

4. Und: Was kann man jetzt ganz persönlich tun?
Matthias Eberl hat dazu eine Idee entwickelt, die er das Zwei-Browser-Konzept nennt und hier sehr lesens- und unbedingt empfehlenswert in seinem Blog vorstellt:

Ich halte diesen Ansatz zum Selbstschutz für völlig richtig – aber nicht für ausreichend. Ich glaube wir brauchen eine digitale Umweltbewegung, die genau wie die Umweltbewegung zu Beginn der 1980er Jahre dem Thema auch eine politische Ebene verleiht.

5. Was soll das heißen? Was kann man politisch tun?
Man kann diejenigen unterstützen, die sich bereits jetzt für diese digitale Umweltbewegung einsetzen: Spende Geld an Netzpolitik, wähle Politikerinnen und Politiker, die nicht das Internet, sondern den Datenhandel bekämpfen wollen. Werde Mitglied im CCC, der EFF, bei der Digitalen Gesellschaft und helfe mit, das Internet als Ort zu verteidigen, der vielen Menschen eine Heimat geworden ist. Es ist kein Zufall, dass mir die Idee, einen Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein zu gründen genau in dem Monat kam, in dem ich die Mail vom NDR bekam. Denn es stimmt ja:

Wir lieben das Internet und die neuen Formen der (Volks- und Beteiligungs-)Kultur, die es hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringen soll. Das Internet ist uns grenzüberschreitende Heimat geworden, deren Erhalt und Pflege oberstes Vereinsziel ist! Wir haben das Internet als netzneutrales, völkerverbindendes Netzwerk der demokratischen Bürger*innenbeteilung kennen gelernt. Als solches wollen wir es verteidigen und ausbauen. Anlasslose Massenüberwachung aus kommerziellen wie politischen Gründen, Einschränkung des Zugangs sowie den Bruch des Fernmeldegeheimnis lehnen wir strikt ab!


Hier beim Digitalen Heimat- und Brauchtumsverein mitmachen

10 Jahre Twitter: Mein Selbstversuch (aus dem Archiv)

Twitter wird heute 10 Jahre alt. #LoveTwitter heißt das als Hashtag. Und zum Jubiläum empfehle ich die Doku „Twitter – Revolution in 140 Zeichen?“ von Tim Klimes, die heute um 10 Uhr und heute nacht um 1.15 Uhr auf ZDFinfo läuft.

Außerdem habe ich zum Jubiläum einen Text aus dem Archiv geholt, den ich im Frühjahr 2009 über Twitter schrieb – in der Süddeutschen Zeitung. Damals wusste man noch nicht, dass BonitoTV ein Fake ist und man sah sich ständig mit der Frage konfrontiert, wofür der Quatsch eigentlich gut sei.

Meine Antwort – sieben Jahre alt und doch irgendwie noch passend:

Jetzt werde ich verfolgt. Und ich habe es sogar drauf angelegt, denn: Ich nutze Twitter. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Microblogging-Plattform. Auf 140 Zeichen kann man hier Texte, Statements, Beobachtungen notieren. Diese sogenannten Tweets werden für jedermann sichtbar im Internet veröffentlicht. Und wenn das einen anderen Twitter-Nutzer interessiert, kann dieser seine Lektüre öffentlich machen und wird zu einem Follower, verfolgt also das Verfasste. So simpel funktioniert Twitter. Das lohnt sich zu Beginn festzuhalten, denn in den vergangenen Wochen ist so viel und so wild über Twitter geschrieben worden, dass die Grundidee manchmal auf der Strecke blieb.

Dass diese Grundidee einfach, aber auch genial ist, davon bin ich nach ein paar Wochen Twitter-Selbstversuch überzeugt. Und ich will erklären, wie es dazu kam. Dabei bin ich mir bewusst, dass das nicht ganz leicht wird. Denn Twitter hat auf der einen Seite begeisterte Fans, denen jeder massenmediale Text über ihr Kommunikationsforum einem Angriff gleichkommt. Auf der anderen Seite sehen Kulturpessimisten in der Verknappung, die auf der Plattform gepflegt wird – die Welt passt in 140 Zeichen –, den nahenden Niedergang der Zivilisation. Beide Seiten werden enttäuscht sein von meinem Twitter-Lob. Beide Seiten werden in diesem Text vergeblich nach den gängigen Stichworten suchen: Ich verzichte auf Hudson River (als ein Flugzeug dort notwassern musste, fanden sich Meldungen dazu zunächst bei Twitter, dann erst in den Nachrichten-Agenturen), Dummheit (Spiegel-Online begann sein Interview mit Twitter-Gründer Evan Williams tatsächlich mit der sehr dummen Frage, ob Twittern dumm mache) und auch auf Winnenden (Reporter nutzten am Tag des Amoklaufs Twitter für zum Teil fragwürdige Kurzmeldungen).

Denn würde man diesen Text einem bei Twitter mittels # eingeleiteten Stichwort zuordnen wollen, wäre dies gewiss der Begriff „Small Talk“. Twitter ist nämlich in erster Linie ein hervorragendes technisches Werkzeug, um Small Talk im Internet zu führen. Wobei ich bewusst all die damit verbundenen vermeintlich negativen Eigenschaften wie Beiläufigkeit, Lockerheit und mangelnde Tiefe einschließe. Ja, Twitter ist der Ort für Befindlichkeiten und Plaudereien. Und ja: Wer das richtig zu nutzen weiß, wird Gefallen daran finden. Um das zu verstehen, muss man den Reiz des Verfolgens ergründen. Man kann bei Twitter neudeutsch followen, also die Mitteilungen eines anderen Nutzers mitlesen, und gefollowt werden, also öffentlich bekannt gelesen werden. Letzteres gilt als Ausdruck von Popularität und Bedeutsamkeit. Jedenfalls brachte der bekennende und auch deshalb bekannte Twitter-Nutzer Sascha Lobo (im Twitter-Jargon wäre der Name mit einem @ einzuleiten) seine Klage wortreich vor, als er unlängst von den automatisierten Nachrichten des News-Portals Spiegel-Online in Sachen Follower überholt und als beliebtester deutschsprachiger Twitterer abgelöst wurde.

Doch der tiefere Sinn des Verfolgens erschließt sich erst, wenn man selber followt. Dann erst wird aus der vielstimmigen Twitter-Masse ein tatsächlich melodisches Zwitschern, dessen Klang man selber bestimmen, weil auswählen kann: Auf der eigenen Startseite oder in Programmen wie Tweetdeck oder PeopleBrowsr liest man dann Meldungen und Kurzmitteilungen von wirklichen Freunden, von entfernten Bekannten oder von Menschen, für die man sich irgendwie interessiert. So ergibt sich ein Stimmungsbild, das einem Gespräch auf einer Party gleichkommt, auf der nur Menschen eingeladen sind, deren Meinung einen interessiert. Es mischen sich in meiner Twitter-Lektüre lustige Beobachtungen aus dem Backstage-Bereich von Harald Schmidt (@bonitoTV) mit den Notizen des britisch-kanadischen Autors Cory Doctorow (@doctorow) und den Statusmeldungen von wirklichen Freunden und guten Bekannten.

Gemeinsam ist all diesen Meldungen: Sie transportieren so wenig Inhalt, dass sie es nie zu einer Mail, einem Anruf oder gar einem persönlichen Gespräch geschafft hätten. Außerdem würden Schmidt und Doctorow mich vermutlich nicht anrufen, um mir zu sagen, dass ihr Lektor einen wirklich guten Job macht oder die Praktikantin gerade heißen Tee bringt.

Die Information auf Twitter heißt Andeutung. Ein Bekannter notiert eine Beobachtung am Flughafen, eine Nebensache wird so zur Meldung und seine Follower wissen: Er ist auf Reisen. Bei aller Inszenierung, die in diesen Tweets steckt: Schmidts Praktikantin oder der Flug eines Bekannten sind der Stoff, aus dem guter Small Talk entsteht. Scheinbar belanglos, beiläufig und unwichtig, aber dennoch informativ und – wenn gut gemacht – auch sehr unterhaltsam. So entstehen lesenswerte Dialoge aus Beobachtungen, die ohne Twitter unnotiert geblieben wären: Ein anderer Nutzer reagiert mittels eines Re-Tweets auf die Flughafen-Beobachtung und ergänzt – eingeleitet durch ein @, dem der Namen des Reisenden folgt – eine eigene Erfahrung.

Spätestens als ich diese Gespräche und Re-Tweets miterlebt hatte, war mir klar: Twitter macht Small Talk tatsächlich interessant. Denn das Tolle an diesem umfangreichen Angebot von Kurzmitteilungen ist, dass es einem hilft, den schlechten vom guten und gepflegten Small Talk zu unterscheiden. Und wo man nur Belanglosigkeiten hört, die einen interessieren, gewinnen auch diese plötzlich an Bedeutung.

Um das zu verstehen, muss man sich aber bei Twitter registrieren und anderen Nutzern folgen. Twitter funktioniert wie ein Telefon. Wer sich dem lediglich über die Startseite (also die Gesamtheit aller Gespräche) nähert, wird die unverständlichen Gesprächsfetzen zahlreicher Telefonate bemerken – und diese natürlich für belanglos halten. Wer aber versteht, dass Twitter ein Kommunikationsinstrument ist, dessen Wert durch den Austausch und nicht durch die Publikation entsteht, der ist schon sehr nah dran am Zauber der Plattform: Menschen führen Gespräche auf Twitter, wenn sie mittels Anwendungen wie Twitpic oder MobyPicture kinderleicht Fotos in ihre Tweets einbauen oder vom Blackberry oder vom iPhone aus ihre Beobachtungen und mehr notieren. Und das Gespräch zwischen Menschen war schon immer ein Antrieb für Neues. Schön, dass diese Gespräche hier als Antwort auf die Frage „Was machst du gerade?“ entstehen.
Eigentlich eine sehr einfache Frage, auf die es aber zum Glück unzählige Antworten gibt.

(aus der Süddeutschen Zeitung, 14.4.2009)

Zum Jubiläum kommuniziert Twitter erstmals Nutzerzahlen für Deutschland: 12 Millionen Menschen greifen nach Angaben von Deutschland-Chef Thomas de Buhr monatlich auf den Dienst zu, in dem ich persönlich diese fünf Lieblingsaccounts habe:

@dvg
@neueversion
@phaenomeme
@SZ_langstrecke
@SZ

#weblexikon: Zehn Jahre Web 2.0

Es gibt auf Facebook seit diesem Frühjahr eine Funktion, die heißt „Erinnerungen“ (On this day), die dieses Angebot macht: „Wir zeigen dir täglich alle deine Meldungen an genau diesem Tag aus verschiedenen Jahren.“
zehnjahreSowas ähnliches kann ich auch – und in diesem Fall sogar besser: Denn heute ist es auf den Tag genau zehn Jahre her, dass ich im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung einen ungewöhnlichen Text veröffentlichte. Es war ein kleines Lexikon, das sich den dreißig wichtigsten Begriffen dessen widmete, was man 2005 unter „Web 2.0“ verstand. Es ging darum zu erklären, welche Welt sich hinter diesem großen Schlagwort öffnet. Wir entschieden uns damals für die sehr ungewöhnliche Darstellungsform, die in lexikalischer Form die Begriffe vorstellte, die in den folgenden zehn Jahren wichtig werden sollten.

Das Lexikon reichte von „Ajax“ (Abkürzung für Asynchronous Java-Script and XML) bis
„Wikis“ (Kollaborative Webseiten, bei denen Nutzer – auch ohne vorherige Registrierung – Inhalte ändern, erweitern und löschen können.) und liest sich heute zuweilen absurd. Es tauchen Angebote auf, die heute nicht mehr existieren und es existieren heute Angebote, an die damals noch niemand dachte: Twitter und Facebook zum Beispiel gab es damals schlichtweg nicht.

In der nächsten Ausgabe des Digitale Notizen Newsletters, der Ende September verschickt wird, werde ich alle dreißig Begriffe vorstellen – und zwar so wie sie vor zehn Jahren gedruckt wurden (hier den Newsletter kostenfrei bestellen). Damit werde ich einen Aufruf verbinden, zu dem ich hiermit auch alle Blogleserinnen und -leser einlade: Welche Begriffe müsste ein solches Lexikon heute erklären? Welche Schlagworte sollte man für ein Glossar der Gegenwart festhalten (und beschreiben)? Schreiben Sie mir Ihre Begriffe (gerne auch schon mit kurzer lexikalischer Definition) – per Mail, in den Kommentaren oder unter dem Hashtag #weblexikon auf Twitter. Ich werde vier Wochen lang sammeln und in der Oktoberausgabe der Digitalen Notizen eine aktuelle Version des Textes erstellen, der heute zehn Jahre alt ist.

Eine neue Version ist verfügbar: die Zeitungsapp

Seit dieser Woche gibt es die Süddeutsche Zeitung (bei der ich arbeite) nicht nur auf Papier, als Nachrichtenwebsite und Tabloid-App, seit dieser Woche gibt es die Süddeutsche Zeitung auch für Android- und iPhone-Endgeräte. Diese Erweiterung der Angebotspalette freut mich sehr, denn dadurch wird vieles von dem greifbar was ich in der Debatte zur Zukunft der Zeitung in den vergangenen Monaten schrieb: Eine Tageszeitung ist mehr als Papier! Ich kann mir am Vorabend auf mein Smartphone die Ausgabe des Folgetages laden, ich kann die Zeitung bereits am Abend lesen – dadurch ergeben sich andere Kontexte für das Medium, das in den vergangenen Wochen so leichtfertig totgesagt wurde, dass ich mir erlaube diesen kleinen Post in eigener Sache zu schreiben.

Zudem kann ich ihn mit einem anderen Hinweis auf eine neue Version verbinden, die ebenfalls dieser Tage im Handel sein wird: Am 9. September erscheint mein Buchprojekt Eine neue Version ist verfügbar in einer Update-Version im metrolit-Verlag. Gerade habe ich ein erstes Vorabexemplar des Buches bekommen, das sich mit der Frage befasst, wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verändert.

Das Buch ist Ergebnis eines Experiments, das ich im vergangenen Jahr begonnen habe. Es beschreibt die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für Kunst und Kultur bietet – und nicht nur deshalb verbinde ich diesen Werbehinweis mit dem Link auf die neuen SZ-Apps. Es ist Zeit für einen Blick auf die Chancen der Digitalisierung!

Gegen Überwachung

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In der vergangenen Woche habe ich in der SZ einen Kommentar zu Prism und Tempora geschrieben. Es ging um die Ratschläge der Datensparsamkeit, die ich als Reaktion auf den Überwachungsskandal beobachtet habe. Ich halte diese Ratschläge für falsch und gefährlich – auch weil die Politik sie als Entschuldigung für Nicht-Handeln verwendet:

Dieses Narrativ, das nicht nur von Uhl und Morozov bedient wird, entbindet den Staat aus der Pflicht, die Grundrechte seiner Bürger selbst dort zu schützen, wo mancher ein Neuland vermutet. Prism und Tempora sind keine Internetprobleme, sondern Grundrechtseingriffe, die lediglich zuerst auf der einen Seite des digitalen Grabens zu spüren sind. Dieser Seite dafür die Schuld zu geben, ist ein Wahl- und Marketingtrick, dem man nicht auf den Leim gehen darf. Hier geht es um mehr als um die digitale Skepsis einiger weniger, hier geht es um die Grundrechte der ganzen Gesellschaft.

Der Beitrag sorgte für einige Debatte – auch mit dem missverstandenen Evgeny Morozov – ich möchte ihn aber vor allem als Hinweis verstehen, vor den aktuellen Entwicklungen politisch nicht zu kapitulieren: Deshalb hier nochmal der Hinweis auf den Offenen Brief, der vergangene Woche formuliert wurde.

Online-Kommunikation

Publikation – das habe ich hier im Blog schon häufiger geschrieben – wird im Netz zu Kommunikation. Das verändert den Beruf des Journalisten, das fordert die Rolle von Verlagen und Redaktionen heraus: Wie geht man mit dieser Veränderung um? (dazu hier eine Geschichte aus der letzten Ausgabe des Magazins journalist)

In Berlin wird in dieser Woche der Online-Kommunikationspreis verliehen. Die Süddeutsche Zeitung (für die ich im Bereich Social Media arbeite) ist dafür in zwei Kategorien für ihre digitalen Dialog-Aktivitäten nominiert. Das SZ-Magazin wurde (für seine Facebook-Seite) in der Kategorie „Social Media-Team des Jahres in Unternehmen“ ausgewählt und Süddeutsche.de in der Kategorie „Online-Krisenkommunikation“ (für ihre Kommunikation auf Twitter&Facebook während der Ddos-Attacke auf die Website). Verliehen wird der Preis auf Basis einer Präsentation vor einer Jury in Berlin. In dieser Präsentation werden Wolfgang Luef und Marc Baumann, die die Facebook-Seite des SZ-Magazins betreuen, einen Einblick in ihre Arbeit gegeben. Diese Form der Social-Media-Arbeit ist so spannend und lehrreich, dass ich Teile davon hier dokumentieren will.

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Die Beiträge auf der SZ-Magazin Facebookseite zeichnen sich durch ihren besonderen, dem Heft eigenen Humor aus. Nach dem Hinspielsieg des FC Bayern gegen Barcelona und den zuvor bekannt gewordenene Steuerproblemen von Bayern-Präsident Hoeneß schrieben die Kollegen auf Facebook: „Da haben sich die fünf Millionen Euro Eintritt für Uli Hoeneß gelohnt.“ Dieser kurze Eintrag wurde sofort in großem Maß geliked und geteilt. Er verbreitet sich viral.

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Genau wie das Posting vom 13. März als weißer Rauch über dem Vatikan zu sehen war. Damals posteten Baumann und Luef ein Bild vom Schornstein mit den Worten „Es ist ein Junge“.

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Wie entstehen solche Posting, die das soziale Gesprächsprinzip auf Facebook (einfach, konkret, emotional) treffen? Wolfgang Luef zeigt es – auf dem Handy. Die Screenshots dokumentieren wie die beiden im Dialog herausfinden, welcher Beitrag zu welchem Zeitpunkt am besten zu sein scheint. Sie zeigen aber auch: Mit dem Posting ist die Arbeit nicht erledigt, sie beginnt im Gegenteil erst dann. Die Postings ziehen nicht nur Shares und Likes (die Währung auf Facebook) nach sich, sondern auch zahlreiche nicht nur angnehme Kommentare.

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Die SMS-Kommunikation zwischen den beiden zeigt aber vor allem: es geht um Wortwitz, ein Gespür für Situationen und das richtige Timing. Das kann man üben, aber nicht im klassischen Sinne vorbereiten. Es setzt ein Gefühl dafür vorraus, welche Erwartungen und Interessen sich vor der Facebook-Bühne versammeln – und natürlich den Mut, damit zu spielen, sie herauszufordern und zu überraschen. Das gilt fürs SZ-Magazin, aber auch für anderen Dialog-Aktivitäten im Netz (und nicht nur auf Facebook). Und zeigt, was der Wandeln von der Publikation hin zur Kommunikation bedeutet: Zu verstehen, dass unser Beruf nicht mit dem Senden aufhört.

Warum ich über Phänomeme blogge

Es verändert sich gerade etwas im Internet. Das ist ein absonderlicher Satz, weil sich ja ständig was ändert. Die Entwicklung, die ich zu beobachten glaube, ist aber etwas tiefgreifender als der stete Wandel im Web. Es ist vielleicht nur ein Trend, aber es ist erkennbar: Die Prinzipien der Phänomeme ziehen Kreise.

buzzfeed

Was ich damit meine: Die Netzkultur und deren Verbreitungsmechanismen setzen sich auch in vermeintlich seriösen Bereichen durch. Das beste Beispiel dafür liefert aktuell Buzzfeed, die BNW-Nachrichtensite, die Nachrichten „sozial“ machen will:

Buzzfeed steht für ein Segment im Nachrichtengeschäft, das Peretti als BWN beschreibt: “Bored at Work Network” steht für die Haltung seiner Leser, die gelangweilt in der Arbeit vor einem Bildschirm hocken und nach Ablenkung suchen. Dieses Grundgefühl ist einer der Hauptantriebe für den Erfolg von Internet-Phänomemen und es beschreibt die Haltung, aus der heraus Peretti das Nachrichtengeschäft betreib

Ich notierte dies in dem kleinen Internet-Memeblog, das ich seit einer Weile für die SZ führe. Es trägt den programmatischen Titel „Phänomeme“ und befasst sich mit Ausnahmeerscheinungen der Netzkultur. Bekannte Beispiele wie das Gangnam-Style Mem oder der Harlem Shake sind dabei nur die Oberfläche einer tiefgreifenden Veränderung der Netzkultur:

Zappeln als Distinktion steht nicht nur als globale Gruppendynamik für eine neue kulturelle Ordnung. Der Harlem Shake verschiebt auch die gelernten Muster von Popularität und Wertschöpfung.
(…)
Beim Aufkommen der Popmusik gab es im Klischee überzeichnete Plattenbosse, die an den Erfolgen und der Hysterie um ihre plötzlich populären Stars verdient haben. Es ist nicht so, dass heute nichts verdient würde, die Muster und die Nutznießer sind allerdings mittlerweile andere. Der Harlem Shake zeigt auch das.

Das Verständnis sozialer Nachrichten, das man bei Buzzfeed pflegt, die Entwicklung der Seite Upworthy und die genannten Meme stehen für diesen Wandel. Da ich diesen schon seit einer kleinen Weile auf Phänomeme begleite (am Wochenende die 30.000-Tumblr-Follower-Grenze überschritten), erschien es mir an der Zeit, auch hier mal auf das Blog und den zugehörigen Twitter-Account zu verweisen.

Die Frage des Tages bei BILD

Was ist denn da passiert? Ein Foto von Til Schweiger auf der Seite eins der Bildzeitung, dazu eine Schlagzeile, die suggeriert, man könne mit dem Boulevardblatt aus dem Hause Springer sprechen, ihm zumindest antworten: „Hat Ihnen der tatort gefallen?“ fragt das Blatt neben dem grimmig guckenden Schweiger, der eine Pistole in blutverschmierter Hand auf den Leser richtet.

Seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es bei jetzt.de den so genannten Tagesticker. Ein Dialogformat, bei dem nicht der Autor eine Meinung verbreitet, sondern die Leser nach ihrer Einschätzung befragt. Unter anderem wegen solcher Formate gilt die Einschätzung: Digital ist Dialog, Analog ist Dokument.

Jetzt wählt die analoge Papier-Bild den Weg, eine offen Diskussionsfrage zur Cover-Zeile zu erheben; wohl gemerkt, an einem Tag, an dem Ex-Kanzler Schröder Bild-Exklusives sagt und eine – ebenfalls auf der Seite eins – Schneewalze über Deutschland rollt. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Man will sich bei der Bild nicht festlegen oder das Bedürfnis nach Dialog (=Digitalem) ist so groß, dass es tatsächlich funktioniert, in der Form Fragen auf den Titel zu packen.

Tumblr wichtiger als Facebook

Wenn man Medienmenschen richtig nervös machen will, muss man ihnen von 13- bis 25-jährigen Amerikanern erzählen und von Gewohnheiten und Besonderheiten aus dieser Gruppe. Man muss dabei irgendetwas einbauen, was neu klingt und wichtig werden soll. Schon sind die Medienmenschen nervös und hören sehr genau zu.

Der 31-jährige Investor Garry Tan macht genau das gerade mit großem Erfolg – also Medienmenschen nervös. Denn Tan will herausgefunden haben, dass Facebook gar nicht mehr so spannend ist für den 13- bis 25-jährigen Amerikaner. Viel aufregender (und häufiger genutzt) sei Tumblr. Das Netzwerk gilt schon länger als das nächste große Ding und eignet sich deshalb hervorragend für Umfrage-Meldungen wie die aktuelle von Garry Tan.

Mich persönlich verwundert die Entwicklung ja keineswegs. Sie ist die konsequente Folge aus der Tatsache, dass ich seit Ende vergangenen Jahres hier über Internet-Phänomeme blogge – auf Tumblr. Kein Wunder, dass das 13- bis 25-jährigen Amerikanern gefällt …