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Fünf Gründe warum Podcasts kein Geld verdienen (jedenfalls nicht einfach so)

Seth Godin ist ein BesserBescheidwisser in Fragen von Internet und Marketing. Ich habe den Eindruck, die beiden Themen wachsen immer mehr zusammen und immer mehr Menschen nutzen das Internet vor allem für Marketing-Zwecke: Reichweite, Interaktion, Kontakte – all das scheint mehr Menschen anzutreiben als die Tatsache, dass man sich im Internet so gut wie noch nie zuvor nach eigenen Interessen vernetzen und fortbilden kann.

Seth Godin hat – wie gefühlt fast jeder andere Internet-Mensch auch – einen Podcast. Der heißt Akimbo und ist sehr empfehlenswert. In der aktuellen Folge spricht er Meta! über Podcasts und mir ist danach so einiges klarer geworden – über das Internet, Marketing und das große Problem mit der Werbung (Foto: unsplash). Deshalb halte ich hier fünf Dinge fest, die ich bei Godin über die Frage gelernt habe, wie man mit Aufmerksamkeit Geld verdienen kann. Nicht alle Gründe sind auch meine Meinung (dafür kenn ich mich gar nicht gut genug aus), aber sie sind in jedem Fall spannende Denkansätze.

Godin lobt Podcasts und rät jeder und jedem, einen Podcast zu starten. Deshalb hat er unter dem Slogan „Podcasting is the new Blogging“ ein Podcast-Fellowship-Programm aufgesetzt. „Podcasting hilft die eigene Stimme zu finden, aber es ist kein guter Weg um Geld zu verdienen“, sagt er. Dass er darauf kommt, hängt mit Daten über das Podcast-Ökosystem zusammen, die Andreessen Horrwoitz erhoben haben und die Andrew Chen hier zusammengefasst hat – wie er das begründet, sagt viel über den Unterschied zwischen klassischer Werbung und Online-Werbung aus. Deshalb halte ich es hier fest:

1. Podcast sind groß(artig) – und anders

„Es gibt kein Medium, das mir bekannt ist“, sagt Godin mit Bezug auf die Daten der Podcast-Erhebung, „das so schnell wächst wie Podcasts – mit Ausnahme von Surfen im Netz.“ Und dann ergänzt er beeindruckende Wachstumszahlen von Menschen, die regelmäßig Podcasts hören (in den USA) – vor allem auf dem iPhone. Aber Podcasts sind nicht nur groß, sondern auch großartig – weil sie sich meist dem Clickbait um Aufmerksamkeit entziehen, den wir von anderen Medien kennen. Godin vergleicht Podcasts deshalb eher mit klassischen Büchern – mit der Ruhe und der Erkenntnistiefe, die entsteht, wenn ein Medium sich einem Thema ausführlich widmet. Die Frage lautet nun: Kann man mit diesem wachsenden Medium Geld verdienen? Die Antwort hängt von der Perspektive ab. Godin vergleicht die durchaus erstaunliche Summe, die für Podcast-Werbung in den USA ausgegeben wird mit dem Betrag, der dort für Werbung in Kinos ausgegeben wird: das Podcast-Budget macht gerade mal ein Drittel davon aus.

2. Podcasts sind zu neu

Warum ist der Podcast-Anteil so gering? Godins Antwort (die er im Podcast mit Zahlen begründet, die belegen, wie hoch der Betrag ist, den Werbetreibende ausgeben, um eine durchschnittliche Podcast-Hörer-Stunde zu erreichen im Vergleich zur gleichen Zeit im Radio, in Magazinen, Zeitungen) lautet: Werbung wird häufig von anderen Menschen gekauft als von denen, die sie bezahlen (Stichwort Media-Agenturen). Die Einkäufer müssen ihren Chefs begründen, warum sie die Werbe-Euros ausgerechnet für diese Werbeform ausgegeben haben. Und dabei, so Godin, schneiden sehr neue Werbemöglichkeiten viel schlechter ab als ältere. Der Grund: Die Chefs sind einfach noch nicht so vertraut mit Werbung in Podcasts. Sie kennen Fernseh-Werbung. Und der Einkauf richtet sich, so Godin, nach dem, was die Chefs kennen.

3. Das Internet hat Werbung zu Direktmarketing gemacht

Die zentrale Ausnahme von dieser Biografie der Werbeformen bildet das Internet, so Godin. Denn Internet-Werbung ist eigentlich im klassischen Sinn keine Reklame, die auf Image zielt. Internet-Werbung ist, so Godin, Direkt-Marketing. Direkt-Marketing zielt auf direkte Aktionen ab, die man genauso direkt messen kann. „Damit unterläuft die Internet-Werbung grundlegenden Prinzipien anderer Werbeformen“, erklärt Godin. Denn bei klassischer Fernsehwerbung konnte man den Return of Invest (ROI) eben nicht so deutlich messen wie man das heute bei Google-Ads messen kann. Außerdem basierte diese klassische Werbung auf Knappheit und der Sorge, dass ein Mitbewerber diesen einen Platz für einen TV-Werbespot bucht. Das Internet löst diese Begrenzung auf und verändert das Ökosystem für Werbung (spannender Weise betont Godin, dass dass nicht bedeutet, dass sich klassische Werbung auflösen wird).

4. Podcasts sind schwer messbar, sie brauchen Sponsoren

Anders als Online-Werbung sind Podcasts kaum messbar. Und das, was man in der Breite messen kann, ist eher ernüchternd. Godin zitiert eine Zahl, nach der der durchschnittliche Podcast gerade mal auf 124 Hörerinnen und Hörer kommt. Diese Zahl basiert aber auch auf einer unfassbar großen Gesamtzahl an Podcasts, die es allein in Amerika gibt. Soll heißen: es gibt auch Angebote mit sehr viel größerer Hörerschaft. Doch diese sind sehr schwer vermarktbar – nach klassischen Regeln. Godin rät deshalb: Es braucht Sponsoren, die die Nähe zu schätzen wissen, die durch gute Podcasts entsteht. Das ist eine andere Form der Werbung als das Direkt-Marketing in Google-Ads und die klassische Marken-Werbung in anderen Medien. Podcasts liegen genau dazwischen – und genau deshalb kann man so schwer Geld mit ihnen verdienen. So Godin.

5. Podcasts werden nach dem Buch-Prinzip funktionieren

Godin rät, genau diese Zwischenposition zu nutzen, die Podcasts im Werbeumfeld einnehmen. Er vergleicht sie deshalb wiederholt mit Büchern. Dort gibt es Ausnahmen, die zu Beststellern werden, aber die meisten Bücher werden keine Bestseller – sie werden geschrieben, weil jemand etwas zu sagen hat. Genau diesen Anspruch sollten auch Podcasts haben, so Godin. Dann finden sie auch weitere Wege um Geld zu verdienen.
Ich finde das einen erstaunlichen Ansatz, der die Frage aufwirbt: Warum kümmern sich Buchverlage nicht mehr um Podcasts?

Hier den Podcast von Seth Godin anhören, hier gibt es den Podcast, den ich zu meinem letzten Buch gemacht habe und unter dem Hashtag #klangstrecke schaue ich mir gerne auf Twitter Podcast-Empfehlungen .

Zeit für zivilen Ungehorsam: Greta Thunberg und The 1975

Was für ein Bild! Im Polaroid-Stil fotografiert von Jordan Curtis. Es zeigt Greta Thunberg an einer grauen Wand lehnend. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt. Eine Converse-Mashup-Kopie. „Antifa Allstars“ steht da. Schwarz auf weiß. In der Mitte ein schwarzer Stern. An Gretas Schulter lehnt ein junger Mann. Gelbes T-Shirt, strubbeliges Haar. Er wirkt fast kleiner als sie. Matty Healy ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Band The 1975. Und alles auf diesem Bild ruft: Das hier ist Pop! Pop des Jahres 2019, aus dem Jahr, in dem das Klima politisch wurde. Dabei verströmt es – natürlich wegen der Polaroid-Ästhetik – die Aura eines augenblicklichen Klassikers.

Die Band The 1975 hat das Bild auf Instagram gepostet. Man kann es auf allen relevanten Musikportalen sehen – als Bebilderung für die Zusammenarbeit zwischen der schwedischen Klima-Aktivistin und der britischen Band. Denn diese ist in Wahrheit noch beeindruckender als das Bild (das aber nicht zu unterschätzen ist). Und das liegt nur oberflächlich daran, dass hier eine Zusammenarbeit im Sinne eines musikalischen Features vorliegt. Auch die These, dass Musik die Welt verändern kann, trifft in diesem Fall nicht unbedingt zu. Denn der Song ist im klassischen Sinn kein Song und er wird auch die Lücke der musikalischen Begleitung der „Fridays-for-Futures“-Bewegung nicht füllen. Diese Kooperation ist mehr und sie ist etwas anderes. Sie ist eben Pop des Jahres 2019.

Es ist eine Kollaboration, die die neuen digitalen Aufmerksamkeitsregeln des Musikbusiness erstmals bzw. erstmals so deutlich für politische Anliegen nutzt. Klar, wir haben in den vergangenen Monaten immer mal wieder darüber gesprochen wie der Entzug von Aufmerksamkeit als politisches Signal gewertet werden kann. Aber hier geht es ja um das genaue Gegenteil: Hier drängt ein politisches Thema in die Liste der Neuveröffentlichungen, die aktive Spotify-Nutzer*innen jeden Freitag augespielt bekommen. Im Release Radar gibt es in dieser Woche sehr direkte Politik, vorgestragen, in einem Song, der einzig aus einem politischen Appell von Greta Thunberg besteht. Zu sehr zurückgenommenen orchestralen Klängen spricht sie ihren Text ein. Das ist Pop, der auf Codes und Anspielungen fast vollständig verzichtet. Der Text, den Greta Thunberg spricht, ist eine klare politische Aufforderung. Keine Zwischentöne, keine Anspielungen, direkter politischer Appell.

Pop des Jahres 2019? In jedem Fall Politik im Jahr 2019.

Im Guardian analysiert Laura Snapes die Zusammenarbeit jedenfalls genau in diese Richtung

They may not be the world’s most commercially successful band, but – with their stylish aesthetic, unfiltered intimacy with fans and success with a post-genre mix of everything from soft rock to emo – they are one of the most mimicked, and so Thunberg’s message could spread far beyond their network. Spotify’s recommendation algorithms work by assigning thousands of intricate data points to every song, then using that data to link a track you already like, to another one you haven’t heard but would probably like as well.

Das klingt stimmig: die politische Aktivistin, die von den Popularität der Band profitiert. Aber spätestens, wenn man auf die Website kommt, die The 1975 zur ersten Single ihres neuen Albums geschaltet haben, kann man die Frage auch andersrum stellen: Ist das Werbung für eine politische Bewegung? Oder ist es nicht eher Werbung für die Band? Denn auf der Website steht nichts von Extention Rebellion, der Bewegung, der Greta Thunberg die Einnahmen spenden will. Auf der Website steht einzig ein Submit-Feld für die Mailingliste der Band. Damit man informiert werden kann, wenn im Frühjahr das neue Album erscheint. Auch das ist Pop der Gegenwart. Ein Newsletter.

Mainstream nach dem Ende des Durchschnitts

Im dritten Jahr in Folge ist der am häufigsten gestreamte Künstler auf Spotify in Deutschland ein junger Mann, den in meinem direkten Umfeld niemand kennt. Nun darf man den persönlichen Umfeld-Anekdoten nur bedingt trauen. Im aktuellen Fall scheint es dafür jedoch einen weiteren Beleg zu geben. Denn auch als der gesuchte Künstler unlängst den ersten Platz der Albumcharts einnahm, schrieb Gerrit Bartels im Tagesspiegel: den kennt ja keiner.

Er drückte das etwas feuilletonistischer aus – und zwar so:

Selbst in Kreisen, die der Popmusik nicht ganz fern stehen (…), stößt man oft auf Kopfschütteln, wenn Namen wie Trettmann, Gringo, Bonez MC, Capital Bra oder Raf Camora fallen. Nie gehört, heißt es dann, obwohl es gerade diese Musiker sind, genauer: diese Deutsch-Rapper, die Woche für Woche mit neuen Songs herauskommen und es damit sofort auf die Spitzenplätze schaffen.

Den Spitzenplatz im Spotify-Jahresranking hat RAF Camora erklommen, dessen Namen weniger Bezug auf die Rote Armee Fraktion nimmt als auf seinen bürgerlichen Namen Raphael Ragucci. Auf Instagram gefällt das aktuell 112.000 Accounts – und ich frage mich seit ich die Meldung las: Was heißt das eigentlich für unsere Vorstellung von Mainstream (hihi), wenn der Streaming-Spitzenreiter in manchen Kreisen nahezu unbekannt ist?

Mein Verdacht: Das Ende des Durchschnitts ist schneller gekommen als gedacht…

„Gute Geschichten entdecken, die wirklich wertvoll sind“ – Interview mit Michaël Jarjour von Blendle

Sollte ich mich auf die Suche nach den Journalisten des Jahres 2015 machen, ich müsste auch mal im Team von Michaël Jarjour nachfragen. Der Redaktionsleiter von Blendle-Deutschland verschickt seit vergangenem Jahr einen täglichen Newsletter, der Werbung für den Bezahldienst Blendle (itunes für Journalismus) ist, aber auch eine gut kuratierte Presseschau derjenigen Medien, die man über Blendle lesen kann. Eine besondere journalistische Stilform, die meiner Einschätzung nach an Bedeutung gewinnen wird, als Arbeitsgebiet für Journalisten aber manchmal vergessen wird.

Nicht nur weil ich diese Auswahl mit Freude lese (hier mein Blendle-Account), habe ich mich mit Michaël in den vergangenen Monaten immer wieder ausgetauscht und ihm ein paar Fragen zu seinem Job gemailt. Hier sind seine Antworten zum Kuratieren im Journalismus

Ein Gespräch übers Fischen und Finden: Kuratieren als journalistische Tätigkeit, Foto: Brian Erickson (Unsplash)

Seit Blendle in Deutschland gestartet ist, liest Du mit deinem Team täglich was in Deutschland publiziert wird und wählst gute Geschichten aus. Wie lang braucht ihr um jeden Tag alles zu lesen?
Wir sind ein Team von fünf Leuten und wir arbeiten an sieben Tagen der Woche. Lesen ist natürlich nicht das einzige, was wir tun, aber der Großteil unserer Arbeit.

Und: ist das mehr Spaß oder mehr Qual?
Ach das ist großartig! Es ist ein richtig gutes Gefühl, für unsere Nutzer ein Problem zu lösen. Nämlich ihnen zu helfen, in der Informationsflut gute Geschichten zu entdecken, die wirklich wertvoll sind. Es gibt kein besseres Gefühl, als über ein Stück zu stolpern, das so richtig gut ist. So eins, das du nicht mehr vergisst. Weil du nach dem Lesen etwas verstanden hast, das du schon immer wissen wolltest, oder eines, das etwas in Worte fasst, die du nie gefunden hast. Oder halt eines, das richtig Spaß macht. Es gibt nichts Schöneres!

Ich persönlich mag Eure täglich Auswahl sehr, sie hilft mir, mehr Texte zu lesen als vorher. Aber es gibt auch Leute, die das reine Auswählen nicht als Journalismus verstehen. Seht Ihr Euch als Journalisten?
Das freut mich echt sehr, dass wir von dir und von sehr vielen unserer anderen, weniger prominenten Nutzer*innen, geschätzt werden. Mein Team und ich sehen uns absolut als Journalisten. Wie jeder andere unserer Kollegen, sortieren wir Informationen — in unserem Fall Artikel — gewichten sie und geben sie an unsere Leser*innen weiter, so dass diese sie nutzen können. Die Flughöhe ist anders als am Newsdesk oder auf Reportage, aber der Vorgang ist ähnlich. Ich sehe uns aber auch als Dienstleister. Journalisten haben es in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt, nützlich zu sein oder den Nutzen ihrer Arbeit zu erklären. Das tun wir jeden Tag und lernen dabei selbst sehr viel über guten Journalismus.

Und vermisst du das selber Schreiben manchmal?
Ja. Vor allem das Radio machen. Aber dafür gibt’s bei Blendle manchmal Ferien.

blendle_twitter

Wo lernt man Kuratieren/Auswählen?
Wir lernen sehr viel von den Zahlen. Die zeigen uns genau, was wie oft gelesen wird. Aber die spannendste Zahl ist für mich die Rückgaberate. Auf Blendle kann man Artikel zurück geben, wenn sie nicht gefallen und erhält dann sein Geld zurück. Diese Zahl schaue ich so genau an wie keine andere. Wenn also ein Artikel stark geklickt und kaum zurückgegeben wird, haben wir unsere Arbeit gut gemacht. Wenn sie stark geklickt wird, aber oft zurückgegeben, haben wir das richtige Thema gewählt. Aber vielleicht den falschen Artikel. Oder wir haben den richtigen Artikel nicht gut genug angeteasert, zu unklar formuliert. In dieser Zahl steckt die ganze Enttäuschung, die in den vergangenen Jahren im “Online-Journalismus” entstanden ist. Dass man genötigt wird, zu klicken, weil Informationen zurückgehalten werden. Wir arbeiten genau am Gegenteil. Unsere Leser*innen sollen ganz genau wissen, was sie kriegen. Denn sie bezahlen Geld dafür. Und sie haben die volle Kontrolle, es wieder zurück zu verlangen. Das, glaube ich, macht unsere Arbeit besser, aber künftig hoffentlich auch die Arbeit von schreibenden Journalisten und Journalistinnen.

Worauf muss man achten?
Wir wollen unseren Leser*innen die Möglichkeit geben, nicht nur mitreden zu können, sondern zu den aktuellen Themen auch wirklich etwas zu sagen zu haben. Das Wichtigste ist für uns, für unsere Leser*innen nützlich zu sein. Ich liebe kuratierte Produkte wie Techmeme oder Mediagazer. Auf die kann ich mich verlassen, sie sind effizient und sie sind ehrlich.

Euer Chef hat unlängst angekündigt, dass Blendle im Bereich Discovery einiges im neuen Jahr plant. Werdet Ihr als auswählende Journalisten dann überflüssig?
Natürlich nicht. Ich liebe dieses Projekt, an dem ich selbst mitarbeite. Wir haben bei Blendle einzigartige Einblicke dazu, welchen Journalismus Leser*innen mögen und für welchen sie bereit sind, Geld auszugeben. Ein Beispiel ist die Rückgaberate, von der ich vorher erzählt habe. Es wäre irrwitzig diese wertvolle Information nicht strukturiert zu nutzen. Das Redaktionsteam wird aber weiterhin für die Auswahl der Artikel zuständig sein. Wir werden dann nur dafür sorgen, dass unser Algorithmus die Artikel den richtigen Menschen zeigt. So bekommen wir die Möglichkeit, auch Nischenthemen zu behandeln und nicht nur massentaugliches. Das ist ein riesiger Vorteil und das können nur wir. Diese Angst davor, unnütz zu sein ist viel zu verbreitet im Journalismus. Davon müssen wir wegkommen und die Technologien so mitgestalten, dass sie unsere Arbeit als Journalisten besser machen.

Welches war deine Lieblings-Geschichte, die du 2015 empfohlen hast?
Ach, es gab so viele gute Geschichten. Zwei, die mich besonders beeindruckt haben: Eine aus dem Cicero, ein Magazin, das ich vorher nie gelesen habe, weil es einfach zu schwer war, ran zu kommen. Ich war da noch im Ausland. Die Geschichte heißt “War ich zu hart, Edmund?” und rekonstruiert die Tage vor und nach der Rede von Putin an der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Sehr informativ, so gut recherchiert und geschrieben. Wenn er da schreibt, dass der ganze Saal erstarrte, und John McCain säuerlich grinst, und Putin mehr oder weniger seine ganzen Pläne offenlegte — super stark. Gibt’s hier auf Blendle. Eine andere, die mich sehr beeindruckt hat, und die ich so schnell nicht vergessen werde, war aus der Zeit: “Die Hölle, das ist der andere” hieß die. Da geht es um zwei Al-Kaida-Geiseln, die in der gleichen Zelle eingesperrt waren, und sich dort zu hassen lernten. Geschrieben hat die Bastian Berbner. Er lässt die beiden einfach erzählen. Die hatten vorher noch nie zusammen ein Interview gegeben. Er hat mit beiden einzeln gesprochen, und ihre Erzählungen dann hochdramatisch zusammengestellt. So! unglaublich! gut! (Gibt’s hier mittlerweile kostenlos.)

Mehr zum Thema Kuratieren als Journalismus: ein Interview mit Ronnie Grob, der jahrelang die Rubrik „6 vor 9“ beim Bildblog betreut – und für den gerade dieser Tage ein Nach-Nachfolger gesucht wird.

„Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet“ – Ein Zwischenfazit zu „A Forest“

Die Digitalisierung verändert Medien und Musik. Aber wie? Wird es besser oder ist die Musik bedroht? Man kann darauf zahlreiche Antworten finden, aber nur selten von Musikern. Fabian Schütze von der Band A Forest ist ein Musiker, der dazu etwas zu sagen hat (was man hier im loading-Fragebogen schon lesen konnte).

Jetzt ziehen „A Forest“ ein Zwischenfazit zu ihrem Projekt „I Am A Forest“ (hier als PDF laden) – u.a. im Radiointerview mit Radio Fritz. Weil ich das transparente Vorgehen der Musiker sehr spannend finde und die Musik mag, habe ich Fabian zum Fazit einige Fragen gemailt.

Vor über einem Jahr habt ein Manifest online gestellt. Darin erklärt Ihr „A Forest wird zum Labor“. Eine Band als Labor – warum das?
Weil was Neues auszuprobieren immer erstmal besser ist, als beim Altbewährten zu bleiben. Egal, ob das dann scheitert oder nicht. Weil das „Altbewährte“ in der heutigen Zeit sehr viel schneller als früher nicht mehr „altbewährt“, sondern überkommen ist.

Und welche Erfahrungen habt Ihr im vergangenen Jahr gemacht?
Viele Gute. Wir haben viel mehr Gespräch und Feedback mit Hörern, Unterstützern und Konzertbesuchern. Wir haben ein paar Sachen in unserem Selbstverständnis geändert und gemerkt, dass es sich lohnt, Sachen transparent zu machen und vorhandene Strukturen zu hinterfragen.

Gab es auch negative Erlebnisse?
Viel zu viel Arbeit. Und klar muss mal erstmal schlucken, wenn jemand das Angebot, das Album zum Pay-What-you-want-Preis, als Chance sieht sein Kleingeld in der Tasche zusammenkramen und es kommen 17 Cent raus. Aber damit muss man leben. Der Durchschnitt gleicht es aus.

In dem Clip zum Manifest sagst du an die Hörer gerichtet: „Kommentiert, fragt, ladet euch Samples und Spuren zum Remixen, seid Teil des Prozesses“. Haben das viele Leute gemacht? (Spielt es überhaupt eine Rolle, ob es viele Leute machen?)
Klar ist es auch wichtig, dass das Leute dann auch machen, aber sicher geht es überhaupt erstmal darum das Angebot überhaupt erstmal zu machen. Und jetzt haben wir mehr als 20 tolle Remixe und darüber hinaus tolle Leute kennengelernt, das Netzwerk ausgebaut und gestärkt.

Ihr versteht Musik nicht mehr als abgeschlossenes Produkt, sondern als Prozess, der weiterlebt. Das finde ich persönlich großartig. Welche Reaktionen habt Ihr auf diesen Ansatz bekommen?
Gar nicht soviel konkrete. Aber da zeigt sich, dass manche Sachen auch immer erstmal für einen selbst sind. Und das ist auch wichtig. Da den Druck rauszunehmen und wirklich zu begreifen, dass ein Song einem nicht gehört, sondern sich jeden Abend auf der Bühne verändert, man ihn problemlos neu bearbeiten kann, wenn man da Lust drauf hat, dass das auch jeder andere machen kann. Auch da gehts viel um die Möglichkeit an sich.

Ihr experimentiert viel und wollt den direkten Draht zu Euren Hörern. Trotzdem erscheint Eure neue EP „selbstverständlich auch auf Spotify und iTunes.“ Nach den Debatten der letzten Wochen um Streaming und Bezahlung von Musikern ist das nicht wirklich selbstverständlich. Warum macht Ihr es trotzdem?
Wenn die Leute Musik hören und das auf legalem Weg, dann finde ich das grundlegend gut. Und das mehr aktiv Musik gehört wird denn je, ist auch Spotify und Co zuzuschreiben. Wir mögen den Gedanken, dass jeder erstmal das Album hören kann. Deswegen finden wir Streaming gut. Im nächsten Schritt versuchen wir dann zu vermitteln, das es eventuell noch weitere und vielleicht auch bessere Möglichkeiten gibt, das Projekt zu unterstützen, wenn man es gut findet. Wir wollen auch nicht gegen die große, böse Industrie arbeiten, sondern den Hörern erstmal bessere Möglichkeiten anbieten. Und wenn man sich dann trotzdem für iTunes als Downloadmöglichkeit entscheidet, weil dort die ganze Musiksammlung liegt und das bequem ist, dann ist das absolut legitim.

Ich habe den Eindruck, dass Ihr sehr aktiv den digitalen Wandel der Musik mitgestalten und lernen wollt. Das ist sicher auch anstrengend. Wünscht ihr euch manchmal die gute alte Zeit zurück, von der ältere Musiker manchmal erzählen?
Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet. Klar haben die in den 80er und 90er Jahren viel verdient, aber dafür auch nur eine handvoll Leute. Heute steht jedem erstmal der „Zugang zum Markt“ offen, und das ist gut so. Und ja, wir wollen das mitgestalten, das ist ein zentraler Gedanke.

Und wenn Ihr einen anderen Wunsch frei hättet: Was würdet Ihr – von der Politik, von der Industrie, vom Publikum, von wem auch immer – wünschen?
Strukturförderung ist sicherlich ein Stichwort an die Politik. Popkultur fällt schon immer noch hintenrunter, trotz Initiative Musik oder lokalen Initiativen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Vom Publikum und Presse wünschen wir uns weiter den Blick über den Tellerrand und freuen uns über jeden, der bewusst konsumiert.

Eine Prognose bitte: Wie geht das weiter mit der Musik und der Digitalisierung?
Zum einen wird es glaube ich erst in den nächsten Jahren wirklich dazu führen, dass die Möglichkeiten und Digitalisierung echte innovative und neue Genres hervorbringen, dass Devices und Vertriebswege auch die Herstellung, den Konsum, die Konzerte und die Art und Weise von Musik nennenswert verändern. Da ist nämlich bislang gar nicht so viel. Ein Konzert ist ein Konzert, Musikhören über Smartphones auch nichts anderes als Kassetten im Walkman, Songs sind immer noch 3 1/2 Minuten lang. Wir werden dazu bei Analogsoul (dem Kollektiv hinter der Band) im nächsten Jahr ein Projekt anschieben, das sich auch diesen Fragen stellt.

A Forest sind ab Oktober wieder auf Tour, dabei spielen sie sicher auch Songs ihrer neuen EP 5 Fruits / The King Speechs, die man auch auf Spotify und iTunes anhören kann.

Die Maschine als DJ: „Dein Mix der Woche“

gaslight

Ich kenne Brian Fallon nicht. Der Gitarrist der bisher von mir ungehörten Band Gaslight Anthem (der oben auf dem Bild so grimmig guckt) singt mir gerade die Zeile: „It would break your heart, if you knew me well“ ins Ohr als ich feststelle: Hier scheint mich jemand recht gut zu kennen. Nicht so gut, dass es mir das Herz bricht, aber immerhin so gut, dass es mich erstaunt. Denn dieser jemand ist keine Person, es ist ein Dienst des Streaming-Portals Spotify. „Dein Mix der Woche“ nennen die Spotify-Macher das Angebot, das auf Basis meiner persönlichen Vorlieben wöchentlich eine Playlist erstellt. Exklusiv für mich – und so gut, dass ich plötzlich „Gaslight Anthem“ im Internet suche. Eine Band, von der ich schon mal gehört hatte, von der ich aber noch nichts Konkretes gehört hatte. Jetzt also „Break Your Heart“, der schon siebte Song in meiner persönlichen Wochen-Auswahl. Der siebte Song, der mir gefiel und der siebte Song, den ich vorher nicht kannte.

mixderwoche 30 Lieder hat mir die Spotify-Software zusammengestellt – diese „basieren zum einen auf den Songs, die Ihr aktuell gerne hört, und zum anderen auf der Musik, die bei anderen Nutzern mit einem ähnlichen Musikgeschmack gerade angesagt ist.“ Was dabei nicht auftaucht: Radio-DJanes oder DJs, die mir bisher Musik empfohlen haben. Das macht jetzt eine Maschine, die seit einer Weile beobachtet, was ich auf Spotify anhöre. Und ich muss sagen: die Maschine macht das gar nicht schlecht.

Und wie um diese Aussage noch schmerzhafter zu machen, haben die Spotify-Leute ihre Ankündigung mit der Figur des Rob Gordon aus Nick Hornbys Roman „High Fidelity“ referenziert: „Schon Rob Gordon sagte damals in der Komödie ‘High Fidelity’: “Ein Mixtape zu machen ist eine heikle Kunst!”‘ Das Buch ist sozusagen die Hymne aufs Kuratieren, der Plattenladen-Besitzer Rob (der im Film vom John Cusack gespielt wird) ist sozusagen das Role Modell des Musik-Kurators. Auf genau ihn anzuspielen, um einen Mechanismus vorzustellen, der Robs Job erledigt, ist nicht nett. Noch weniger nett ist allerdings die Tatsache, dass der Mechanismus (zumindest für mich) recht tauglich ist.

Ich weiß nicht genau, was das heißt. Ich bin mir aber sicher, dass Spotify gerade (abermals) dabei ist den Beweis für die These anzutreten: digitale Medien sind Kontext-Medien.

P.S.: Natürlich kann man auch weiterhin auf klassische Weise Musik entdecken. Die Band Golden Rules und ihr Album Golden Ticket habe ich zum Beispiel im Radio gehört – im Zündfunk.

P.P.S.: Ich habe keine Ahnung, ob man Yasiin Bey und Brian Fallon zusammen hören darf. Distinktion kann Spotify nicht besonders gut.

Mit Musik Geld verdienen: die Streaming-Rechnung

An dem Tag, dem Google Unbegrenzten Musikgenuss für 7,99 Euro im Monat ankündigt, hat sich eine spannende Diskussion anhand dieses Artikels im Wall Street Journal entwickelt: es geht um die Frage, wieviel Künstler durch Spotify verdienen. Wir erinnern uns: Thom Yorke hatte dieses Thema im Sommer aufmerksamkeitsstark verbreitet, als er ankündigte, Spotify zu boykottieren weil Künstler bei diesem Dienst kaum Geld verdienen würden. Die Geschichte von Grizzly Bear und eine Wortmeldung von David Byrne aus dem Winter 2013 gingen in ähnliche Richtung.

Nun legen die Rechnungen auf Basis aktueller Zahlen von Spotify etwas offen, was in den Wortbeiträgen kaum betont wurde: Es gibt noch Mittelsmänner zwischen Spotify und den Künstlern. Mit Blick auf die geringen Einnahmen von Grizzly Bear rechnet das WSJ vor:

Sie hätten für 10.000 Streams ihrer Songs nur 10 Dollar bekommen. Laut den nun veröffentlichten Statistiken von Spotify wären für 10.000 Streams 60 bis 84 Dollar fällig.

Der weitüberwiegende Teil der Gelder, die Spotify auszahlt landen also gar nicht bei den Musikern, sondern bei den Rechteverwertern. Tim Renner weist auf diese Rechnung auf seiner Facebook-Seite hin und kommentiert:

die Labels verdienen heute schon mehr an Spotify oder Downloads als an der CD. Das liegt daran, dass die von den Plattformen gezahlten Preise bereits verhandelt sind (man also nicht wie beim Listenpreis der CD Rabatte, Bonus und Discount abziehen muss), die GEMA, Storage, Shipping, Billing iTunes, Spotify und Co übergeholfen wurden und Herstellung, Retourenabwicklung gänzlich entfällt. Beispiel: 12,90 Liste (CD) – 20% Künstler (dem nochmal mindestens 20% Packaging abgezogen – ergo 16% netto)= -2,06 Euro/ -25% durchschnittlicher Bonus, Rabat, Discount für den Handel = – 3,23 Euro / knapp 1 Euro GEMA, mehr als 1 Euro für Herstellung, Shipping, Billing,Storage, Retourenabwicklung0 -2.- Euro. Ergo 5,61 als Deckungsbeitrag 2 fürs Label. Bei Download/Streaming sieht die Rechnung so aus= 6,80 – 20% Künstler (dem nochmal mindestens 20% Packaging abgezogen werden – ergo 16% netto) = -1,08 Euro. Da alle weiteren, analogen Kostenfaktoren wegfallen, bleiben dem Label 5,72 Euro übrig -> ALSO MEHR ALS BEI DER CD. Gearscht ist nur der Künstler, der statt 2,06 nur noch etwas mehr als die Hälfte erhält…

loading: detektor.fm

Man kann mit Crowdfunding Journalismus finanzieren: Bücher, Filme, Rechercheprojekte – aber eben auch einen ganzen Sender. Das wollen die Macher von detektor.fm gerade zeigen – zumindest zum Teil. Um ein zweites Studio bauen zu können, haben sie eine Crowdfunding-Aktion auf Visionbakery gestartet.

Einer der beiden Radiochefs, Marcus Engert, hat den loading-Fragebogen beantwortet, den ich hier nicht nur deshalb veröffentliche, weil detektor.fm ein spannendes Radioprogramm ist, sondern auch weil ihre Crowdfunding-Aktion durch Partner-Pakete eine in Deutschland eher seltene Besonderheit bereithält: Spotify und das Gewandhaus Leipzig machen als Partner mit und bieten für Supporter Angebote, bei denen die Unterstützung quasi zusätzlich ist. Für 99 Euro bekommt man zusätzlich zur Unterstützung für das Studio zwei Freikarten für das Gewandhaus, für 30 Euro bekommt man drei Monate Spotify-Premium gratis dazu.

Was macht Ihr?
Wir machen das Radio, das in der einheitlichen durchformatieren Radiowelt zu kurz kommt: täglich hintergründigen Journalismus und handverlesene Musik. Dabei stellen wir mehr Fragen als andere Sender und spielen neue Songs, die noch nicht überall rauf und runter gelaufen sind. Aber wir wollen mehr! Wir möchten unser Programm ausweiten, neue Sendeformate produzieren, noch mehr experimentieren. Dafür brauchen wir ein zweites Studio – und haben deshalb eine Crowdfunding-Aktion gestartet.

Warum (macht ihr es so)?
Wir sind kein Dudelfunk und haben keine klassischen Radio-Werbespots. Mittlerweile sind unsere Einnahmen immerhin so groß wie unsere Ausgaben. Aber leider bleibt so kein Geld übrig, um in ein neues Studio zu investieren. Deshalb bitten wir um die Unterstützung unserer Hörer, damit wir mehr und besseres unabhängiges, gutes Radio machen können!

Wer soll da mitmachen?
Alle, die anspruchsvolles Radio lieben und fördern wollen. Alle, denen die Dudelfunklandschaft auf die Nerven gehen. Alle, die im Auto nicht mehr den Sender einschalten wollen, der gerade am wenigsten nervt. Alle, die neue Musik gezeigt bekommen wollen. Mit diesem Studio kann man uns helfen, detektor.fm noch besser und vielfältiger zu machen – für mehr Programm, mehr Hörspiele, mehr Serien, mehr Experimente…

Wie geht es weiter?
Für unsere Unterstützer haben wir uns sehr vielfältige Dankeschön-Pakete ausgedacht. So kann man zum Beispiel ein „Meet & Grill“ mit uns erwerben, uns Rechercheaufträge erteilen oder das detektor.fm-DJ-Team zu sich nach Hause holen. Wenn die angepeilte Summe zusammen kommt, bauen wir ein zweites Studio mit allem drin, drum und dran.

Was sollten mehr Menschen wissen?
detektor.fm steht inzwischen seit Sendestart schon für 61.152 Stunden besseres Radio! Wir arbeiten rund um die Uhr dafür – und man kann uns über das Crowdfunding bei der VisionBakery leicht unterstützen

>>>>> Hier das zweite Studio mitbauen und dektektor.fm unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Soziale Charts – hören und gesehen werden

Der Streamingdienst Spotify bietet seit ein paar Tagen eigene Charts an. Diese Hitlisten werden auf Basis der wirklich gehörten Songs in dem Dienst ermittelt. Das ist ein großer Unterschied zu klassischen Charts, bei denen der Kauf bzw. der Download eines Songs als zu wertende Einheit gemessen wird. In einer zweiten Ansicht ermittelt Spotify zudem so genannte Social-Charts, bei denen die Rangliste auf Basis von Empfehlungen in sozialen Netzwerken ermittelt wird.

In beiden Ansichten ergibt sich eine aus unterschiedlichen Gründen spannende Differenz. Spotify galt in der Debatte um so genannte Social Reader stets als positives wie gruseliges Vorbild: „Will ich denn dass alle wissen, was ich höre?“ lautet die Standard-Frage, wenn man über die Funktion von Spotify spricht, dem Facebook-Freundeskreis automatisch offen zu legen, was man hört. Genau dieses Prinzip nutzten auch so genannte Social Reader wie vom Guardian oder der Washington Post.

Man spricht vom frictionless sharing um zu beschreiben, dass Interaktionen wie Lesen oder eben Hören bruchfrei mit anderen geteilt werden. Die Sorge dabei: Andere könnten wahrnehmen, dass man irgendwie peinlich oder sozial unerwünschte Inhalte konsumiert. Diese Vorgeschichte sollte man kennen, wenn man die beiden unterschiedlichen Spotify-Charts dieser Woche anschaut.

Die Spotify 50 genannte Hitliste der am häufigsten gestreamten Songs führt der Song Can’t Hold Us von „Macklemore & Ryan Lewis“ an.

spotify50

Das ist die Hitliste der wirklich gestreamten Songs in Spotify. Darin enthalten: Imagine Dragons, Daft Punk, Calvin Harris, Capital Cities, Justin Timberlake. Ohne mich wirklich auszukennen: Das ist massentauglicher Pop, mit dem man sich zwar nicht als totaler Popstreber, aber eben auch nicht als vollständiger „und die Hits von heute“-Allesfresser outet.

Vor allem nicht, wenn man dagegen die Social-Charts anschaut – also jene Songs, die in der vergangenen Woche am häufigsten im deutschen Spotify empfohlen worden:

social

Diese Liste ähnelt schon eher dem, was in den klassischen Charts vorne steht: Diese werden wie auch die Social-Charts von Beatrice Eglis „Mein Herz“ angeführt. Darüberhinaus teilten die Nutzer auch Songs von Peter Wackel, SpongeBozz und Lisa Wohlgemuth – die allesamt nicht dazu angetan sind, soziale Distintion im positiven Sinn zu fördern. Aber vor allem finden sie sich weder in den klassischen Charts noch in den Streaming-Top10 von Spotify.

Die Wertung soll jeder für sich vornehmen: Die zufällige Stichprobe aus einer Woche legt jedenfalls aus meiner Perspektive keinesfalls den Verdacht nahe, dass Menschen vor dem sozialen Hintergrund des Empfehlens lediglich das öffentlich machen, was sozial erwünscht scheint. Im Gegenteil: Mir erscheinen die Social-Charts im Vergleich zu den klassischen und den gestreamten Hitlisten im plattesten Sinn des Wortes als Mainstream.

Die Sache mit den Räumen

Es gehört – meiner Meinung nach – zu den Besonderheiten dieser neuen noch unerforschten Welt des Digitalen, dass wir nicht alle Regeln der analogen Welt dorthin übertragen können. Dazu zählt die Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie einerseits, es zählt dazu aber vor allem die klassische Vorstellung eines medialen Kanals andererseits. Die Idee, das Internet als gleichberechtigten Verbreitungsweg neben Print, Fernsehen oder Radio zu denken, krankt meiner Einschätzung nach daran, dass dabei die soziale Dimension des vernetzten „Mediums“ Internet verloren geht. Mit der traditionellen Perspektive auf Medien wird man das Phänomen Social Media (oder ganz konkret z.B. Facebook) nicht überblicken. Facebook ist ein Ort. Wer ihn wie ein Medium zu betrachten versucht, wird ihm damit nicht gerecht und ihn auch nicht verstehen.

Seit einer Weile schon stelle ich deshalb die Behauptung auf: Das Internet ist ein Ort. Ich versuche damit zu beschreiben, wie die Idee eines Mediums sich von einem reinen Transportweg hin zu einem sozialen Raum verändert. Damit verbunden sind zahlreiche Implikationen – von der Interaktion bis zur Demokratisierung.

Besonders ist zudem, dass Räume Farben haben, eine besondere Atomsphäre. Diese bestimmt mit, warum wir uns in ihnen aufhalten. Genau das versucht sich die Soundrop-App auf Spotify seit kurzem zu nutze zu machen. Das Problem, vor dem der Streaming-Dienst steht: Es gibt zuviel Inhalt! Die unbegrenzte Auswahlmöglichkeit führt zu Überforderung, die Spotify nun mit einer Räume-App lösen will.