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Edward Snowden auf Twitter – 10 Fakten

Seit heute ist Edward Snowden auf Twitter. Der Whistleblower, der 2013 den NSA-Skandal auslöste, postete um 18 Uhr seinen ersten Tweet. Innerhalb kurzer Zeit verbreitet sich der Beitrag – aber auch der Account @Snowden im Netzwerk. Weil ich mich für diese Mechanismen begeistern kann (z.B. im Phänomeme-Blog für die SZ), hier die zehn wichtigsten Fakten zu Snowden auf Twitter:

1. Spekulationen über Snowden auf Twitter gab es schon länger. Durch den Account @Snowden sind sie jetzt Realität. Da der Account seit längerem ungenutzt war, übertrug Twitter ihn an Edward Snowden.

2. Auslöser für Snowdens Twitter-Start war ein Interview, das er vor ein paar Tagen auf Startalkradio gab.

3. Moderator Neil deGrasse Tyson fragte ihn dabei, warum er eigentlich nicht auf Twitter sei:
Tyson: Du brauchst einen Twitter-Handle. Was hältst du von @Snowden? Wäre das was für dich?
Snowden: Das klingt gut, ich denke das sollten wir tun.
Tyson: Wir könnten Twitter-Buddies werden. Deine Follower werden auf jeden Fall das Internet, ich und die NSA sein.

4. Seit sechs Stunden folgen zahlreiche Menschen dem Account von Edward Snowden. Aktuell 613 Tausend.

5. Die NSA zählt allerdings nicht dazu. Obwohl Snowden selber nur einem Account folgt: http://twitter.com/nsagov

6. Snowden hat damit ein Twitterwachstum von rund 100.000 Follower in der Stunde.

7. Möglich wird dies u.a. durch ein Angebot wie MagicRecs. Dieser Account verschickt für den Fall Hinweise, dass innerhalb kurzer Zeit viele Accounts, denen man selber folgt, einem Twitter-Nutzer folgen.

8. Twitter selber hat dieses erstaunliche Wachstum in einer Grafik zusammengefasst:

9. Auf The Intercept schreibt Dan Froomkin, dass Snowden nun zu einer wichtigen Stimme in der Debatte um Überwachung und Privatsphäre werde.

10. Davon wird sicher auch die Freedom of Press-Foundation profitieren. In seiner Twitter-Bio („I used to work for the government. Now I work for the public.“) stellt sich Snowden als deren Director vor.

loading: ProtonMail

Die Antwort auf die Frage warum vergleichweise wenige Menschen verschlüsselte Kommunikation nutzen, lautet oft: Weil leicht benutzbare Angebote fehlen. Die Gründer des Dienstes ProtonMail wollen das jetzt ändern: mit einer Crowdfunding-Aktion auf IndieGogo sammeln sie das nötige Budget, um ein Mail-Angebot zu realisieren, das so einfach zu bedienen ist wie Hotmail oder Gmail – aber auf eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung setzt.

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„E-Mail als sicheres Medium der Kommunikation ist grundlegend beschädigt“, schreiben die Macher von ProtonMail in ihrem Blog. Es gibt zahlreiche Ansätze, darauf zu reagieren und leicht bedienbare Verschlüsselungen zu realisieren. Kullo und Tutanota zählen dazu – und jetzt ProtonMail, das mit den Angeboten unseen.is oder Lavaboom vergleichbar ist. Das Privacy Handbuch urteilt über diese Dienste: Sie „bieten viele Vorteile für Normalanwender, die ihre E-Mails bisher im Webinterface von GMail, Yahoo! oder Hotmail bearbeiten. Sie sind allerdings nicht State-of-Art im Bereich anonyme, unbeobachtete Kommunikation.

Vielleicht ermöglichen sie aber einen leichten Zugang zum Thema Verschlüsselung für Normalanwender. Jedenfalls hat ProtonMail-Gründer Andy Yen, dem ich den loading-Fragebogen geschickt habe, die Fundingsumme von 100.000 Dollar bereits weit überschritten. Fast 4000 Menschen unterstützen das Projekt von Andy Yen und seinen Kollegen, die zum Teil am Kernforschungszentrum Cern in der Schweiz arbeiten. Andy schreibt:

Wir mögen die Idee des Crowdfundings weil wir so das Budget erhalten, um den Dienst zu entwickeln – ohne jedoch die Kontrolle zu verlieren weil wir Teile des Unternehmens verkaufen müssten. Auf diese Weise können wir sicherstellen, dass kommerzielle Interessen niemals Kontrolle über unser Unternehmen bekommen – und wir können dafür sorgen, dass die Privatsphäre der Nutzer tatsächlich oberste Priorität hat.

Statt die weiteren Fragen aus dem loading-Fragebogen zu beantworten, verweist er auf das Presse-PDF und die zahlreichen Berichte über ProtonMail – zum Beispiel bei Forbes, PC Welt, t3n und bei der NZZ.

>>> ProtonMail hier auf IndieGogo unterstützen

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:

Das ist unser Internet!

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Eine Allianz aus unterschiedlichen Organisationen hat den heutigen 11. Februar zum „Day We Fight Back“ gemacht. Ein Tag des Widerstands gegen die massenhafte Überwachung der Menschheit! Es geht darum, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, das für die digitalen Räume die gleiche Bedeutung hat wie der Umweltschutz für Gegenwart und Zukunft unseres Planeten. Es geht aber auch darum, die Stimme zu erheben – z.B. indem man den Aufruf „Internationale Grundsätze für die Anwendung der Menschenrechte in der Kommunikationsüberwachung“ unterzeichnet.



Man kann aber auch ganz klassisch Mitglied in einem oder mehreren der Vereine werden, die den Aufruf mitkonzipiert haben: Gesellschaftliches Engagement fand schon immer auch über Vereine und Organisationen statt. Daran ändert auch die Digitalisierung wenig. Deshalb hier der Hinweis auf die Mitglieds- und Spendenseiten …

… vom Chaos Computer Club

… von der Digitalen Gesellschaft

… der Electronic Frontier Foundation

… von Digitalcourage


Hintergrund zum Day We Fight Back bei Süddeutsche.de

Das Snowden-Jahr im Rückblick: Buchtipps

Bei iRightsMedia ist in dieser Woche der Jahresrückblick Netzpolitik erschienen. In dem Jahr der Snowden-Enthüllungen ein bedeutsamer Titel, der die Entwicklungen in diesem in Wahrheit gar nicht mehr so neuen Politik-Feld bündeln. In dem Buch ist auch ein Text von mir erschienen, deshalb weise ich natürlich doppelt gern darauf hin.

Außerdem sind in diesem Buch auch Beiträge von folgenden Autorinnen und Autoren: Kai Biermann, Valie Djordjevic, Till Kreutzer, Constanze Kurz, Sascha Lobo, Stefan Niggemeier, Michael Seemann und eben auch von Edward Snowden enthalten. Dessen Gesicht ist auch auf einem Buch zu sehen, das genauso empfehlenswert ist: Der Sammelband „Überwachtes Netz“ von Netzpolitik.org. Darin schreiben u.a. Markus Beckedahl, Yochai Benkler, Richard Gutjahr, Glyn Moody, Anne Roth, Felix Stalder, Krystian Woznicki und Jillian C. York über die Entwicklungen, die in diesem Jahr bekannt wurden.

Die Zeitung der Zukunft – ein Ort der Freiheit

Während in Deutschland träge wie erwartbar die Zukunft der Zeitung diskutiert und vor allem in Frage gestellt wird, reicht ein Blick nach London um zu sehen: Diese (erstaunlich schlecht kuratierte) Debatte ist von gestern. Wie eine Zeitung von morgen aussehen kann, zeigt der Guardian schon heute. Sonntag wie Montag Abend las ich mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Entsetzen Texte aus der britischen Tageszeitung, die nur einen Schluss zulassen: Die Zeitung der Zukunft ist ein Ort der Freiheit.

Der Text, den Guardian-Chef Alan Rusbridger gestern Abend veröffentlichte und den man heute auch auf Papier lesen kann, ist durchaus als Manifest der Pressefreiheit in digitalen Zeiten zu lesen (und – so überstrapaziert der Begriff ist – ein Must read für jeden Journalisten). Der Mann, dem in den vergangenen Monaten immer wieder vorgeworfen wurde, er riskiere die Zukunft der Branche weil er auf eine Paywall verzichtet, erzählt darin von dem Druck, dem sein Haus ausgesetzt ist, seit der Whistleblower Edward Snowden sich über den Guardian einer weltweiten Öffentlichkeit offenbar hat.

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In dem Zusammenhang lohnt die Frage, warum der Amerikaner Snowden das eigentlich bei einer britischen Tageszeitung getan hat. Weil diese britische Tageszeitung weit mehr ist als das bedruckte Papier, das man in London kaufen kann. Der Guardian ist dabei sich zu einer weltweiten Nachrichtenmarke zu entwickeln gerade zu der relevantesten weltweiten Nachrichtenmarke geworden. Und das geht womöglich nur, weil man sich entschieden hat auf Bezahlschranken zu verzichten und konsequent auf weltweite Reichweite zu setzen. Der Guardian war für Snowden der Garant, dass seine Enthüllungen eine weltweite Öffentlichkeit erreichen. So merkwürdig das in dem Zusammenhang klingen mag: Auf dieser Logik basiert das künftige Geschäftsmodell der Zeitung, die heute soviel mehr ist als ein Newspaper. Denn natürlich werden auch Werbetreibende, die auf der Suche sind nach einer weltweiten Öffentlichkeit, diesen Mechanismus verstehen.

Erstaunlicherweise beweisen die Berichte der vergangenen Tage aber auch im Bereich des so genannten Lesermarkts, dass die Zeitung der Zukunft eine Finanzierungsgrundlage hat: Durch den Angriff auf den Lebenspartner des Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald werden wir alle mit der Frage konfrontiert: Auf welcher Seite stehen wir eigentlich? Und die Seiten – das macht Rusbridger deutlich – sind klar benannt: Der Guardian ist der Ort der (Presse-)Freiheit , ob London das in Zukunft ist, lässt er offen.

Spätestens wenn man als Leser mit einer solchen Entscheidung konfrontiert ist, wird klar, dass das Modell eines Leserclubs mehr ist als der Versuch eines Bezahlmodells: Auf der Seite des Guardians zu stehen, ist spätestens durch die neusten Überwachungsmeldungen eine Entscheidung für die Pressefreiheit. Die Zeitung wird dadurch zu einem sozialen Raum – vergleichbar mit den klassischen Institutionen der Identitätsbildung: Kirchen, Parteien, Vereine sind die vergemeinschaftliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Die Zukunft der Zeitung wird genau in dieser Auseinandersetzung geformt: Es ist eine Entscheidung für die Pressefreiheit, mit dem Guardian in der U-Bahn gesehen zu werden, seine Texte im Netz zu verlinken – und womöglich in seinem Freundeskreis Mitglied zu werden. Es sind bisher keine Pläne bekannt, dass Rusbridger vergleichbares plane. Nach den Meldungen der vergangenen Tage wäre dies allerdings nur konsequent: die Tageszeitung als Ort der Pressefreiheit zu formen, in dem man Mitglied werden kann; auch gegen Bezahlung. Nicht nur wegen der Meldungen der vergangenen Tage: Ich würde sofort Mitglied in diesem Club!

Das hat alles nichts mit der deutschen Debatte zu tun? Ist eine Ausnahme, die auf dem Fall Snowden basiert? Wer das denkt, sollte statt der Zeitungsdebatte vielleicht mal eine Tageszeitung lesen – z.B. wie die Leser der Süddeutschen Zeitung (Disclosure: bei der ich arbeite) auf die Arbeit der Kollegen reagiert haben, die nicht nachgelassen haben, im Fall Mollath zu recherchieren.

Wie gesagt: es gibt gerade keinen besseren Ort um an der Zukunft des Journalismus zu arbeiten als eine Tageszeitung!

Zeit für naive Politik

Ich war noch niemals im Kanzleramt. Aber in New York war ich schon mal. Das ist mehr als eine blöde Songreferenz. Beim Besuch eines Flohmarkts in der Lower East Side habe ich nämlich mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Yo Ho! Yo Ho! A Pirates Life for me“ erworben. Es war das einzige Kleidungsstück, das ich jemals auf einem Flohmarkt in New York erworben habe. Dass ich es jetzt wieder rauskrame, liegt im weitesten Sinn an Edward Snowden und den von ihm öffentlich gemachten Überwachungen.

Diese unfassbaren Enthüllungen werden ständig gesteigert, rufen aber bei manchen Leuten eine merkwürdige Form der Realpolitik hervor. Exemplarisch für diese Form von abgeklärtem Desinteresse an den Angriffen auf unsere Grundrechte meldete sich vergangene Woche Otto Schily zu Wort und kritisierte das Getöse, das um Snowdens Enthüllungen gemacht werde. Der Mann ist ehemaliger Innenminister und macht allein deshalb mit solchen Aussagen mehr Angst als dass er beruhigt. Und nebenbei liefert er damit die Antwort auf die Frage, warum die Opposition so wenig aus diesem Prism-Skandal und möglichen Verwicklungen der Regierung macht: Sie war auch mal in der Regierung.

Womit wir wieder beim T-Shirtaufdruck und dem Kanzleramt sind. Das Shirt ist weit vor dem Aufkommen der Piratenbewegung gekauft worden, aber sicher ist: Auch die deutsche Piratenpartei war noch nie im Kanzleramt. Ihr fehlt es an gestandenen Realpolitikern, die um die Notwendigkeiten und Zwänge der internationalen Diplomatie wissen. Woran es ihr nicht fehlt: an Menschen, die glaubhaft gegen das Abhören digitaler Kommunikation kämpfen. Der jetzt.de-Kollege Christian Helten hat in der vergangenen Woche Katharina Nocun getroffen und für die morgige Ausgabe der SZ porträtiert. Sie ist Geschäftsführerin der Piratenpartei und wer den Text liest, bemerkt schnell: Katharina Nocun ist der Grund für das, was Otto Schily Getöse nennt. Die Frau ist richtig wütend.

Das mögen die Realpolitiker aus der ehemaligen und aktuellen Regierung für naiv halten. Aber genau diese Naivität, die der Piratenpartei lange als Malus vorgehalten wurde, könnte im Endspurt des Bundestagswahlkampf ihr Alleinstellungsmerkmal werden: Sie könnten völlig naiv an den Wert der Grundrechte erinnern und genauso naiv Maßnahmen fordern, um diese einzuhalten. Grund genug gibt es ja.