Alle Artikel mit dem Schlagwort “Smartphone

#smarterphone: Besser statt nur weniger Handy (Digitale März-Notizen)

Dieser Text ist Teil der März-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Jetzt kommt der Frühling! Denn noch länger kann der Winter ja nicht dauern. Deshalb widmet sich diese Folge des „Digitale-Notizen“-Newsletters dem Aufbruch. So wie ich den Winter nicht mehr sehen kann, so kann ich auch das Jammern über Smartphones nicht mehr hören.

Deshalb habe ich (um zumindest in Sachen Smartphones eine Veränderung anzustoßen) in diesem Monat begonnen, Menschen zu fragen, wie sie ihre Handys nutzen und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Ich habe einerseits eine kleine Blogumfrage gestartet und andererseits Freunde und Bekannte gefragt. Das Ergebnis können Sie hier lesen – und selber gestalten.

Denn #smarterphone ist nicht abgeschlossen und fertig, sondern eine kontinuierliche Aufforderung unter dem Motto „besser statt nur weniger Handy“ Ich frage deshalb auch Sie: Wie nutzen Sie Ihr Smartphone? Erzählen Sie davon, in Ihrem Blog oder schreiben Sie mir Ihre Antworten – aber nutzen Sie dafür gerne diese Fragen.

Vielleicht können wir auf diese Weise versuchen, die dauernde Handy-Debatte etwas positiver zu wenden. Es wäre dies nicht nur mit Blick auf die Jahreszeit überfällig.

Name: Hakan Tanriverdi
verbringt seinen Tag als… Reporter mit Schwerpunkt Cybersicherheit, schreibt meistens für die SZ
nutzt: zwei iPhones
>>> hier weiterlesen >>>

Name: Henriette Löwisch
verbringt ihren Tag als… Leiterin der Deutschen Journalistenschule
nutzt ein: iPhone SE

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Ein Pakt mit einem Teufelchen

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Email, Kalender, Twitter, Facebook, Instagram. Und dann noch die Apps von BVG, MVV und DB. Und BR Radio, RBB Inforadio, diverse Podcasts. Die Kamera. Bring!

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
WhatsApp und den Facebook Messenger. Eins schlimmer als das andere.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Das Handy ist meine Arbeit. Das hört nie auf. Nur Freitagabend schalte ich es ab. Bis Samstagmittag.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Keine außer Telefonie und SMS.

Warum?
Ich guck doch eh immer. Und wenn ich nicht gucke, will ich auch nix hören.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Im Gespräch, beim Essen, im Meeting: Wegpacken. Ausnahmen gelten nur für Notärztinnen und Notärzte, die dürfen das Handy umgedreht auf den Tisch legen.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Leider gucke ich jetzt Handy auch in der Straßenbahn, dabei wollte ich lieber Menschen beobachten, denn das sollten Journalisten tun. Aber anders kann ich nicht mit den Leseempfehlungen mithalten, die die Schülerinnen und Schüler der DJS immer morgens auf Twitter unter dem Hashtag #djsdaily abgeben. Naja, die machen sehr viel Spaß, das ist also OK.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Handys sind genau wie Autos. Denkt mal drüber nach.

Name: Sebastian Meineck
verbringt seinen Tag als… Redakteur bei Vice Motherboard
nutzt ein: Samsung Galaxy S5
>>> hier weiterlesen >>>

Name: Heiko Bielinski
verbringt seinen Tag als … Web-Entwickler, Kundenbetreuer, CMS-Erklärer und Blogger
nutzt ein: iPhone 7
>>>> hier weiterlesen >>>

Name: Meike Winnemuth
verbringt ihren Tag als… Autorin
nutzt ein: iPhone 6

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Hassliebe. Ich liebe es als Werkzeug, als Schweizer Offiziersmesser des 21. Jahrhunderts. Was es alles kann! Was ich alles mit ihm kann! Welche Freiheiten es ermöglicht, welches Wissen, welche Zugänge! Andererseits ist es aber auch eine Daddelmaschine, ein Ablenkungsmanöver, ein unverschämter Zeitfresser – oder besser: Ich erlaube ihm, all das zu sein. Selbst schuld, wie ja eh fast immer.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Laut Batterienutzung von heute: Mail, Safari, Messenger, Google, Podcasts. Gefühlt: die Wetter- und Regenradar-Apps, weil ich sowohl einen Hund habe als auch einen Garten. Die Wetter-Apps gucke ich an, bevor ich aufstehe. Um zu entscheiden, ob ich aufstehe.

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Ich telefoniere nur selten, ich störe so ungern. Es gibt elegantere und rücksichtsvollere Arten der Kommunikation. Ich bin zwar angemeldet bei Twitter und Instagram, habe beides aber noch nie genutzt. Das Leben ist zu kurz.

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Ich bin Freiberuflerin, die klare Trennung zwischen Arbeit und Privatzeit gibt es ohnehin nicht. Eine Menge Arbeit findet über das Handy statt.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
Sind inzwischen alle ausgeschaltet. Aus Gründen. Bis auf Spiegel Online-Eilmeldungen. Gottlob missbrauchen die das inzwischen nicht mehr so sehr (mit Ausnahme der verdammten olympischen Winterspiele).

Warum?
Warum ich die ausgeschaltet habe? Weil ich immens leicht ablenkbar bin.

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Kein Handy auf dem Esstisch. Und nicht in dunklen Räumen, Kino oder so. Auch sonst versuche ich, in Gegenwart von anderen Menschen die Finger davon zu lassen. Ich empfinde es fast immer als Missachtung, wenn Leute während eines Treffens ihr Handy checken. Was kann so wichtig sein?

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Nein. Es werden eher noch mehr.

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
Dass es ein Leben vor dem Smartphone gegeben hat und dass es noch nicht so lange her ist.

Name: Johannes Kuhn
verbringt seinen Tag als… Journalist und US-Korrespondent @SZ
nutzt ein: iPhone SE
>>>> hier weiterlesen >>>

SmarterPhone-Beiträge gibt es z.B. von:
* Benjamin Birkenhake
* Birte von Gedeih und Verderb
* Nico Brünjes
* Thomas Puppe
* Marcus von Jordan
* Caspar C. Mierau
* Dirk Hansen
* Fabian Neidhart


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Anleitung zum Unkreativsein“ (Januar 2018) „Newsletter über Newsletter“ (Dezember 2017), „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

Blogstöckchen: Wie nutzt du dein #smarterphone?

Der Streit um Handys hört nicht auf: Machen sie abhängig? Müssen wir unsere Kinder vor ihnen schützen? Weil mich diese immer gleiche Debatte nervt, möchte ich einen Schritt vorwärts versuchen – ich möchte Antworten auf die Frage sammeln: Wie geht man anständig mit dem Smartphones um?

Denn ich glaube, dass wir diesen Umgang lernen müssen. Am besten gelingt dies, wenn wir uns gegenseitig daran teilhaben lassen, was gut funktioniert und was nicht. Denn vielleicht sind es nur kleine Einstellungen (z.B. alle Notification ausschalten), die die Nutzung erleichtern (Foto: James McKinven Unsplash)

In der New York Times hat gerade Nellie Bowles davon berichtet, warum sie ihr Smartphone nur noch in grau nutzt. Mit Freude habe ich gelesen, wie Joi Ito seinen digitalen Alltag gestaltet (auch wenn es dabei kaum ums Handy geht) und auch diese Interview-Reihe beim Gmailgenius mag ich, in der Menschen von ihrer Mail-Praxis berichten. Wer es gerne etwas pädagogischer hat: Hier erklären Wissenschaftler, wieviel Bildschirmzeit sie ihren Kindern gestatten. Denn es gibt nicht nur die panischen Wissenschaftler, die in deutschen Medien prominente Plätze bekommen. Es gibt auch Studien wie jene von Samuel Veissière, der zu dem Ergebnis gekommen ist: „Wir sind abhängig von sozialem Austausch, nicht von Smartphones“

Ich möchte deshalb eine Idee aus guten alten Blogzeiten reaktivieren: die Blogstöckchen genannte Umfrage. Ich habe einen kleinen Fragebogen zusammengestellt, den ich auch an Menschen ohne Blog schicke um in der nächsten Folge meines Newsletters einige praktische Beispiele für die Handy-Nutzung zeigen zu können.

Bis es soweit ist, lade ich aber jede und jeden ein, das Stöckchen aufzufangen und unter dem Hashtag #smarterphone mitzumachen: Wie nutzt du dein Smartphone? (Ich verlinke die Antworten weiter unten kontinuierlich in diesem Eintrag)

Name: Dirk von Gehlen
verbringt seinen Tag als… Autor und Journalist bei der SZ
nutzt ein: iPhone 6

Wie würdest Du Dein Verhältnis zu Deinem Smartphone beschreiben?
Das perfekte Werkzeug für immer mehr Dinge. Eine große Hilfe, die ich nicht mehr missen möchte. Müsste ich von heute auf morgen auf mein Smartphone verzichten, wäre ich sehr traurig. Das ist übrigens kein Beweis für eine Abhängigkeit, sondern der Beleg dafür was für eine großartige Erfindung das Smartphone ist.

Welche App/Funktion nutzt du am häufigsten? (gerne in den Statistiken nachschauen oder aus dem Bauch schätzen)
Laut Batterie-Nutzung der letzten Tage: Instagram, Twitter, Mail und Feedly

Welche App/Funktion magst/nutzt du gar nicht?
Telefonieren

Arbeit und Handy – wie regelst du das?
Am schwierigsten finde ich hier Anrufe. Sie kommen immer ungebeten und stören stets das Gespräch, das man gerade führt. Mails, Slack oder andere Botschaften können asynchron dann beantwortet werden, wenn man Zeit hat. Deshalb empfinde ich es manchmal als äußerst angenehm, auch abends Mails beantworten zu können. Kurzum: Keine feste Regelung.

Welche Notification hast du eingeschaltet?
iMessage, Signal und WhatsApp – von Leuten, die mir sehr wichtig sind.

Warum?
Weil ich glaube, dass 90 Prozent der Aufreger-Debatten über Smartphones sich auf eine falsche Notification-Politik beziehen: Wer sich von jedem Dienst jederzeit stören lässt, verwendet das Instrument nicht richtig. Daran ist aber das Instrument nicht schuld…

Hältst Du Dich an soziale Regeln bei der Smartphone-Nutzung? Wenn ja: Welche?
Beim gemeinsamen Essen keine Medien. Leider auch keine Zeitungen.

Gibt es Regeln, die du wieder verworfen hast?
Ich dachte mal eine Weile, smartphonefreie Tage wären sinnvoll. Habe es wiederholt ausprobiert, aber keinen tieferen Sinn darin gefunden. Deshalb, nur die wichtigste aller Regeln: Handy aus am Steuer!

Zum Abschluss: Was sollten mehr Menschen im Umgang mit Smartphones wissen?
„Mobiltelefone sind keine Drogen, die per se abhängig machen, sondern Werkzeuge, deren Handhabung die Gesellschaft noch nicht gelernt hat.“ (via)

Ich werfe dieses Stöckchen Sara Weber, Johannes Kuhn und Heiko Bielinski zu.

SmarterPhone-Beiträge gibt es z.B. von:
* Johannes Kuhn
* Sebastian Meineck
* Heiko Bielinski
* Hakan Tanriverdi
* Benjamin Birkenhake
* Birte von Gedeih und Verderb
* Nico Brünjes
* Thomas Puppe
* Marcus von Jordan
* Caspar C. Mierau
* Dirk Hansen
* Fabian Neidhart

Drive Mode fürs Auto: „Do Not Disturb While Driving“

Es ist eigentlich nur ein Nebensatz in dem wunderbaren Buch „The Inevitable“ von Kevin Kelly, aber dieser Nebensatz erklärt, wie technischer/gesellschaftlicher/digitaler Wandel sich vollzieht: allmählich – und dann plötzlich. Kelly wählt das Beispiel der Smartphone-Nutzung um den Wandel zu beschreiben, an dessen Ende das Smartphone ständiger Begleiter wurde – der nur noch selten ungefragt laut losbrüllt: „Use silent vibrators“ lautet der Nebensatz in dem Kevin Kelly Buch, an den ich denken musste als ich die jüngsten Ankündigungen der Firma Apple las.

Denn mit dem neuen iOS11 genannten Betriebssystem kündigt sich ein vergleichbarer Wandel an: einer, der bisher nur ein Nebensatz in der Berichterstattung ist, der aber vergleichbare Folgen für die Smartphone-Nutzung haben kann. Der Satz lautet: Ein neuer Modus, genannt „Do Not Disturb While Driving“, unterdrückt Benachrichtigungen während der Autofahrt. (Foto: unsplash)

Es gab mal eine Zeit, in der Smartphones nicht leise vibrieren konnten, sondern stets laut losklingelten wenn sie irgendwer anrief. Dann kam jemand auf die Idee, den Vibrationsalarm zu erfinden und der gesellschaftliche Störfaktor des klingelnden Handys wurde rapide reduziert (dass die Gesellschaft in Gänze noch Probleme im Umgang mit den Geräten hat, hat andere Gründe). Die aktuelle iOS11-Meldung ist für mich vergleichbar mit der Erfindung des Vibrationsalarms.

Denn: Einerseits gibt es eine Menge völlig berechtigter Warnungen davor, das Smartphone während der Autofahrt zu nutzen. Und andererseits gibt es einen Flugmodus genannten Status, in den man ein Smartphone versetzen kann, wenn man sich in einem Flugzeug befindet. Nicht erst seit der Lektüre dieses sehr guten Textes von Tim Harford frage ich mich: Warum zum Teufel gibt es eigentlich keinen Drive-Mode für Smartphones?
Tim Harford schreibt:

Smartphones should have, as standard, an easily accessible, well-publicised drive mode. Drive modes do exist, and in the US, the National Highway Traffic Safety Administration has been pushing the idea. But they’re not prominent. Drive-mode phones might automatically read out text messages, automatically reply to such messages with “sorry, I’m driving”, and send incoming calls directly to voice mail — while allowing drivers to play music and use satellite navigation. In short, drive-mode phones would stop pestering us for our attention.

Ich glaube, der „Do Not Disturb While Driving“-Modus in iOS11 könnte in diese Richtung weisen. Eine gute Richtung wie ich finde – und eine, die belegt: Es sind manchmal die kleinen Änderungen, die einem Wandel die Richtung geben. Es sind manchmal die kleinen Änderungen, die aus den großen Problemen lösbare Aufgaben machen. Oftmals versperrt uns aber der Blick auf die Unlösbarkeit des vermeintlichen Problemes den Blick auf diese kleinen Änderungen. Denn nicht das Smartphone in Gänze ist Böse, sondern der bisher fehlende Sicherheitsgurt – um diesen zu erfinden, brauchen wir etwas mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Neuen.

Warum der Spiegel in allen Generationen mehr Smartphone-Gelassenheit üben sollte

Eine ganze Woche ohne Handy?„, fragte die Spiegel-Hausmitteilung in der aktuellen Ausgabe „Schon Erwachsenen würde das schwerfallen, aber Kinder und Heranwachsende sind von ihrem Smartphone noch stärker abhängig – glauben jedenfalls viele Erwachsene.“ Mit diesen Worten wird die aktuelle Ausgabe des Kindermagazins „Dein Spiegel“ angekündigt, in der eine 13jährige Autorin eine Woche lang auf ihr Smartphone verzichtet.

Auf dem Titelbild des Magazins, das gestern erschienen ist, wurde der Kopf eines Karohemd-Trägers durch das Flushed-Face-Emoji ersetzt. Dessen gerötete Wangen beziehen sich laut Emojipedia auf einen Fehler bzw. eine peinliche Situation. Aber nicht die Macher*innen des Heftes schauen wegen der Titelzeile auf diese Weise aus der Wäsche. Die Leser*innen sind gemeint. Ihnen soll ein schlechtes Gewissen gemacht werden: „Bin ich handysüchtig?“ steht über dem Emoji-Kopf.

Und es ist klar welches Ergebnis das als „Der grosse Test“ angekündigte Coverthema zu Tage fördert: Du, junger Leser machst, einen Fehler. Du, junge Leserin musst erröten, „Dein Spiegel“ hat dich bei einem Fehler oder einer peinlichen Situation ertappt. Mal abgesehen davon, dass dies die vermutlich unsympathischste Haltung ist, die ein Magazin seiner Leserschaft gegenüber einnehmen kann: Was soll das?

Im Heft folgt ein gemeinsam mit Klicksafe entwickelter Fragebogen zur Smartphone-Nutzung, den ich gar nicht im Detail kommentieren will.

Was ich aber kommentieren will, ist die wenig konstruktive Panikmache die in dieser Ansprache sichtbar wird. Ein solches Titelbild trägt überhaupt nicht dazu bei, einen im Wortsinn gesunden Umgang mit Smartphones einzuüben. Durch die Verwendung des Suchtbegriffs wird ein Krankheitszusammenhang suggeriert, der mindestens diskutabel ist. Durch die Wahl des Emojis wird ein schlechtes Gewissen ob eines Fehlverhaltens angedeutet. Und in der Gesamtschau fügt sich damit ein rein angstgetriebener Blick auf Smartphones, der keinen Platz lässt für Gestaltungsfreude, Kreativität oder eigene Lösungen.

Dieses Titelbild fügt sich im besten Sinne in die Abhängigkeits-Berichterstattung, die der Spiegel im vergangenen Sommer in seiner Ausgabe für Nicht-Kinder gewählt hat. Beide sind aus zahlreichen Gründen ärgerlich und wecken in mir den Wunsch, den Macher*innen das Emoji „Person Shrugging“ vorzustellen. Denn darin steckt eine Haltung, die weniger angstgetrieben, kulturpragmatisch auf die Welt schaut und Ausdruck einer beim Spiegel in allen Generationen dringend überfälligen Perspektive ist: der Smartphone-Gelassenheit.


Mehr zum Thema:
.
.
>> Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung
.
.
>>> Smartphones in die Schule – ein Interview
.
.
>>> Die Idee Kulturpragmatismus
.
.
>>> Das Shruggie-Prinzip

Fünf Fragen zur angemessenen Smartphone-Nutzung

Dieser Text ist eine kulturpragmatische Antwort auf die um sich greifende Smartphone-Angst.

Stellen wir uns kurz vor, der Gesellschaft sei in den vergangenen Jahren nicht die Technologie des Smartphones geschenkt worden, sondern – sagen wir – ein Fahrrad. Mit dem Bild eines immer wieder scheiterenden Fahrrad-Schülers, der sich in Schlangenlinien unsicher vorwärts bewegt, lässt sich vermutlich am besten fassen, wie die Gesellschaft (übrigens natürlich nicht nur in Deutschland) gerade versucht, ohne Stürze mit dem neuen Gefährt Gerät umzugehen. Dabei sollte uns die Tatsache, dass viele Menschen in der Lage sind, den kleinen Computer ohne fremde Hilfe einzuschalten, nicht täuschen: Wir können diese in Wahrheit noch sehr neuen Geräte bedienen, aber umgehen können wir mit ihnen noch nicht. Wir müssen als Gesellschaft einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erst lernen!

legweg_blendleOb die aktuelle Debatte über das ausführlich dämonisierte Smartphone dabei allerdings hilfreich ist, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil: Nach der Lektüre der aktuellen Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum Thema (€-Link zu Blendle) bin ich mir sicher, dass wir erst ganz am Anfang stehen. Denn zu einem vernünftigen Umgang zählt zuvorderst der sachliche Zugang zum Thema – frei von Drogenvergleichen und Dämonisierung.

Auf dem Weg dahin stellen sich mir diese fünf Fragen, die von der Spiegel-Lektüre ausgelöst wurden, sich (in abgewandelter Form) aber auf zahlreiche Varianten der Debatte „Wie gehts du eigentlich mit dem Smartphone um?“ anwenden lassen:

1. Seit wann ist „einfach mal weglegen“ eigentlich ein sinnvoller Ratschlag für Lernende? Glaubt irgendjemand ernsthaft, der unsicher schlenkernde Radfahrschüler würde besser, wenn ihm von außen jemand zuruft: „Vielleicht einfach mal weglegen, das Ding.“ Mit diesem Satz endet die Spiegel-Geschichte – und dieser Satz wird auch auf dem Cover als Lösung verkauft. Uwe Buse, Fiona Ehlers, Özlem Gezer, Christine Luz, Dialika Neufeld und Martin Schlak (die Autor*innen der Geschichte) raten den ratlosen Smartphone-Nutzer, die Vorbilder im vernünftigen Umgang mit dem Gerät suchen, ernsthaft „dass wir uns erst mal weniger mit Maschinen beschäftigen sollten und mehr mit dem Menschen.“ Wie dadurch der Umgang mit dem Smartphone besser werden soll, sagen sie nicht. Und so bleibt ihr Fazit in etwa so hilfreich wie der Ratschlag an die unsicher fiedelnde Geigenschülerin, doch häufiger einen Ball zur Hand zu nehmen. Schließlich seien Menschen, die Ball spielen allesamt recht sportlich, viel an der frischen Luft und im Sommer mit gesunder Gesichtsfarbe beschenkt. Ob ihr Geigenspiel sich dadurch irgendwie verändert? Vermutlich wird es höchstens schlechter!

2. Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem Drogenvergleich gekommen? Die Gesundheit ist ein hohes Gut und in der Debatte um Smartphones kommt ihr eine zentrale Rolle zu. Manfred Spitzer sagt „das Smartphone“ sei „heute das, was vor 70 Jahren die Zigarette war“ und im aktuellen Spiegel kommt eine Fachfrau mit ähnlicher Expertise zu dem Schluss: „Die Geräte sind wie Heroin, sie machen sofort abhängig.“ Die Frau, die das sagt ist Mutter zweier Kinder und Vertriebsreferentin bei der Lufthansa. Trotzdem bleibt ihr Zitat unkommentiert. Es dient mehr noch, um den emotionalen Rahmen zu setzen. Hier geht es nicht um ein technisches Gerät (das nebenbei bemerkt ohne Netzzugang für die meisten wertlos ist), hier geht es um den „Feind in meiner Hand“ (Titel), hier geht es um „Abhängige“, um einen „schädlichen Lebensstil“ und um „Verhaltensstörungen mit sozialen und psychischen Folgeproblemen“. Dieses Hochgebirge an Problemen macht sofort klar: jeglicher gar humorvoller Ansatz zu einer konstruktiven Lösung muss als ahnungsloser Flachlandspaziergang verstanden werden! Anders formuliert: Wer diese Probleme auftürmt, sucht vielleicht gar keine Lösung.

3. Wieso muss eigentlich stets die Jugend als Schreckensszenario herhalten? Die Sache mit der Sucht lässt sich übrigens noch steigern – wenn Kinder und Jugendliche ins Spiel kommen. Die Jugend war schon immer verdorben. In einer Zeit, in der die Generation der Eltern Punkrock hört und kifft, erkennen diese den Niedergang der Nachkommen aber nicht mehr in schlimmer Musik oder langen Haaren. Der heutigen Elterngeneration, die in Autos ohne Sicherheitsgurt aufgewachsen ist, treibt die Tatsache, dass ihre Kinder auf kleinen Computern tippen, tiefe Sorgenfalten auf die Stirn. Voller ehrlicher Angst lesen sie Texte über Abhängigkeit und Sucht – statt sich sehr banal auf die Suche nach dem zu machen, was Erziehung schon immer ausgemacht hat: Beispiel und Liebe (Friedrich Wilhelm August Fröbel). Aber wo sind die Vorbilder für die angemessene Handy-Nutzung in der Generation der Eltern, die Ramones-Shirts (die Echten, von früher!) tragen und mehr über die Vergangenheit sprechen als nach Lösungen für die Zukunft suchen? Wo sind die Eltern und Lehrer, die vormachen, wie man ohne Dämonisierung mit Handys umgeht?
Wer mit den wenigen spricht, die es davon zweifelsohne gibt, findet übrigens schnell raus: Sie wissen sehr genau, dass es Kern des Problems und nicht der Lösung ist, wenn man aus der Tatsache, dass man das Gerät mal unvernünftig oder übertrieben genutzt hat, gleich eine Entzugsklinik-Debatte macht.

4. Seit wann ist eigentlich alles, was man auf dem Smartphone macht gleich? Pokemons fangen, mit mehreren Menschen gleichzeitig chatten oder hochkonzentriert „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen – all das kann ich auf dem Smartphone tun. Und all das führt zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Man kommt sich fast wie ein Smartphone-Fanatiker vor, wenn man darauf hinweist, dass es kaum zielführend ist, alles, was man mit dem kleinen Computer tun kann, über einen kulturpessimistischen Kamm zu scheren. Hier zu differenzieren, scheint mir ein erster vorsichtiger Schritt in Richtung einer Lösung. Denn: Natürlich gibt es smartphone-verbundene Freizeitbeschäftigungen, die sprunghaft, verwirrend und unstet sind. Es gibt aber auch eine kontemplative, eine versinkende Lektüre Nutzung des Geräts. Wer sich also im gesundheitspolitischen Hochgebirge der Gefahren und Probleme zu verlaufen droht, sollte bedenken: Smartphones sind auch Bücher – und über Bücher würde der Spiegel niemals so respektlos schreiben.

5. Können wir uns vielleicht alle ein wenig locker machen? Dass Eltern ihre Kinder nicht verstehen oder mit der Art und Weise hadern, wie diese ihr Leben gestalten wollen, ist ja nun nicht wirklich neu. Und gäbe es keine Smartphones, würde sich die Debatte womöglich an anderen Gepflogenheiten entzünden. Vielleicht liegt ein erster Ansatz einer Lösung also darin, sich locker zu machen – oder zumindest das Verteufeln und die Weglegen-Debatte zu beenden. Kevin Kelly schreibt in seinem lobens- wie lesenswerten „The Inevitable“: „Unser erster Impuls scheint es zu sein, auf die wogende Veränderung der digitalen Technologie zu reagieren, indem wir zurückrudern. Es zu bremsen, zu verbieten, zu leugnen oder mindestens den Zugang zu erschweren. Aber das rächt sich. Prohibition ist höchstens kurzfristig gut, langfristig ist sie kontraproduktiv.“
Etwas mehr Anregung und viel weniger Aufregung könnten dazu führen, dass wir ganz bald viel mehr Vorbilder haben, wie man denn ein Smartphone angemessen nutzt. Dazu zählt – keine Frage – auch die Tatsache, dass man es (wie schon Peter Lustig wusste) auch mal ausmacht. Dazu zählt aber vor allem, dass man anerkennt, dass das Smartphone in sehr vielen Fällen zunächst ein Instrument des sozialen Austauschs ist. Wer es oft und ausgiebig nutzt, tut das also selten allein wegen des Geräts, sondern recht häufig wegen der Personen, mit denen er und sie darüber verbunden ist. Auch deshalb gibt es hier übrigens keine einfache Lösung.


Mehr zum Thema unter dem Schlagwort Kulturpragmatismus!

Update: Aufgrund der meinungsstarken Debatte habe ich ein Interview zum Thema geführt