Alle Artikel mit dem Schlagwort “sascha lobo

The Age of Trotzdem – Wir sind unbeugsam

trotzdem_

Sascha Lobo hält gerade seine Rede an die Nation re:publica. Sie trägt den Titel „The Age of Trotzdem“ und er hat gerade tatsächlich die Anwesenden mehrfach Trotzdem rufen lassen.

Als Fan von Sascha Lobo und als Fan des VfL Bochum MUSS ich in diesem Moment darauf hinweisen, dass der Verein für Leibesübungen aus Bochum schon vor ein paar Jahren in seinem Leitbild (das erste im Profifussball) unter dem Punkt Unbeugsam Folgendes notierte:

Die Geschichte unseres VfL Bochum 1848 ist ein Spiegel
der Geschichte des Ruhrpotts: oft unterschätzt, von Großen
bedrängt und geprägt durch Widrigkeiten, Rückschläge und
Niederlagen – aber immer noch da!

Gestern, heute und morgen: Wir trotzen selbstbewusst den
Widrigkeiten, kämpfen gemeinsam gegen Rückschläge und
bleiben auch bei Niederlagen fair!
„Nicht unter kriegen lassen“ ist unser Antrieb,
„immer wieder aufstehen“ unser Prinzip,
„trotzdem“ unser Motto!

Ich glaube, es gibt nur eine Schlussfolgerung aus dieser Dopplung: die Nation re:publica sollte Mitglied des VfL Bochum werden!

vflBochum_trotzdem

Trotzdem!
¯\_(ツ)_/¯

Weiterlesen auf Digitale Notizen:
VfL-Trainer Verbeek und die Angst
Das Shruggie-Prinzip
Der Abschluss mit Obamas Gif

Streitkultur gegen Endsätze

Im vergangenen Sommer diskutierte Mediendeutschland ausgiebig über Diskussionen – über Leserdiskussionen. Die Frage, wieso der Dialog mit Lesern im Netz so schwierig sei, beschäftigte die Medien, weil mehrere Großmeinungslagen (Ukraine, Gaza) etwas zu Tage fördern, was man eine Unfähigkeit zur Debatte nennen kann. Ich schrieb damals einen Text für die Medienseite der SZ, in dem ich versuchte den Blick auf den gesellschaftlichen Rahmen des Themas zu lenken:

Vielleicht ist der Abgrund, in den das Land dieser Tage schaut, in Wahrheit ein Spiegel, in dem man erkennen kann, welche Brandstifter in den vergangenen Jahren außerhalb des Netzes so viel Feuer gelegt haben, dass es jetzt auch innerhalb brennt. Wenn man sich beispielsweise das Verhältnis des ehemaligen Bundesbankers Thilo Sarrazin zu der stets auf ihre demokratische Tradition bedachten SPD betrachtet, fällt es schwer, nicht an einen Querulanten in einer Online-Diskussion zu denken: Hier nutzt jemand die Reputation einer bekannten Marke, um seine eigenen Thesen in die Welt zu jagen. Die Provokationsbestseller der vergangenen Jahre und die dazu geführten „Lassen Sie jetzt mal mich ausreden“-Debatten im deutschen Fernsehen tragen nun Früchte. Wer solche Vorbilder der Streitkultur hat, lernt schnell, was im medialen Wettstreit der Ideen bedeutsamer ist als die Suche nach Verständigung: lautstarke Provokation und gegenseitige Angriffe.

Spätestens seit diesem Wochenende schlägt die Diskussions-Debatte in aller Härte zurück. Sascha Lobo hat das – mit Blick auf den Brandanschlag von Tröglitz – in seiner Spiegel-Online Kolumne lesenswert analysiert. Er führt dazu den Begriff der „Endsätze“ ein, mit dem er jene „kurzen Bemerkungen“ beschreibt, „die einen Bruch für immer bedeuten, das verräterische Aufblitzen der Unmenschlichkeit“. Als Gegenmittel gegen diese Endsatz-Kultur fordert er ein Aufbäumen der demokratischen Zivilgesellschaft im Netz:

Nicht aufgeben, sich die sozialen Segnungen des Netzes nicht verseuchen lassen. Nicht angesichts der Hassmassen passen, sondern weitermachen, Endsätzen widersprechen, Grenzen setzen, kämpfen gegen den beschämenden Hass.

Oder um es ein höher zu hängen: Wir brauchen eine – wie gesagt – bessere Streitkultur:

Es fehlt online wie offline an einer Diskussionskultur, die dem Wettstreit der Ideen gerecht wird, der Politik ausmachen soll. Dieses Land muss streiten lernen! Es fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man in der Sache hart, aber dennoch nie persönlich ringen kann

Wie das gelingen kann? Ich bin ratlos, denke aber, dass Sascha Lobo in einer Einschätzung falsch liegt. Er schreibt:

Wir Internet-People haben jahrelang gefordert, dass endlich alle ins Netz kommen sollen. Aber jetzt sind sie da.

Denn diejenigen, die z.B. gegen Fremdenhass auf die Straße gehen, sind noch nicht da oder haben noch keine Ausdrucks-Formen gefunden, um sich gegen die Endsätze zu stellen. Ben schreibt dazu:

Es reicht nicht mehr, seine eigene Überzeugung nur zu leben und zu denken, das würde schon etwas verbessern. Wir müssen unsere Überzeugungen zuspitzen und deutlicher Äußern und für sie eintreten. (…) Eintreten für Menschlichkeit, für Humanismus, für Gerechtigkeit geht nur, nur, nur wenn wir uns selber menschlich und gerecht und ohne jede Spur von Hass verhalten, auch wenn die Positionen der anderen noch so menschenverachtend sind …

Vielleicht brauchen wir dafür und für eine bessere Streitkultur zunächst etwas ganz Banales: Ein friedliches Zeichen, das man gegen die Endsätze und gegen den Hass stellen und dem Hassende damit sagen kann: du gehst zu weit. Das klingt vielleicht naiv, aber wie wäre es, wenn man einen Hashtag oder ein Emoticon erfindet, das als Entsprechung zur Lichterkette verstanden werden kann als Ausdruck für eine offenen Streitkultur und gegen Hass und digitale Gewalt?

Die Fähigkeit, sich irritieren zu lassen

Sascha Lobo hat in dieser Woche eine beeindruckende Rede gehalten. Es war die Würdigung des Lebenswerkes von Frank Schirrmacher im Rahmen der Verleihung „Journalisten des Jahres“ in Berlin. Posthum wurde der ehemalige FAZ-Herausgeber ausgezeichnet und Sascha Lobo stellte vor den anwesenden Journalisten vor allem Schirrmachers Mut heraus, sich berühren und irritieren zu lassen von dem Wandel, der sich Realität nennt.

Bei World Wide Wagner kann man die Laudatio nachhören, aus der ich besonders den „Mut, sich von der Welt beeindrucken zu lassen“ festhalten will:

Deshalb ist essentiell neben der Meinungskraft Frank Schirrmachers ebenso auch seine Bereitschaft zur Weiterentwicklung hervorzuheben. Auch das unterschied ihn von vielen anderen. Deutschland ist das Land des Rechthabens. Es reicht hier aber nicht recht zu haben, man muss auch schon immer recht gehabt haben. Das ist das exakte Gegenteil der Entwicklungsfähigkeit, die Frank Schirrmacher auszeichnete – und die wiederum eine direkte Folge des Mutes ist, die Welt auf sich wirken zu lassen, den eigenen Empfindungen überhaupt Beachtung zu schenken. (…) Emotionslose Unbeeindruckbarkeit – sich also nicht empören zu wollen, sich nicht begeistern zu wollen, sich nicht kopfüber in die eigenen Interessenfelder stürzen zu wollen – ist bei normalen Leuten schon schade, bei Journalisten ist es schlimm, bei großen Publizisten ist es fatal. Hier leuchtet Frank Schirrmacher jedem als journalistisches Vorbild.

Der Autor Christoph Kucklick (der hier übrigens mit Sascha Lobo spazieren geht) hat genau zu dieser Bereitschaft, sich berühren und irritieren zu lassen ein Kapitel in seinem empfehlenswerten Buch „Die granulare Gesellschaft“ verfasst. Darin schreibt er mit Blick auf beständigen Wandel:

„Es geht also nicht mehr – wie in der Moderne – darum, bekanntes Wissen miteinander zu verknüpfen und daraufhin Lösungen zu schmieden, sondern sich jenen Fragen zuzuwenden, für die es keine Lösungen gibt, außer man erfindet sie. Es geht darum, mit den Möglichkeiten zu spielen. (…) „Das Entscheidende“, sagt Lazlo Bock (Personalchef von Google), „ist die Fähigkeit, ständig dazuzulernen. Die Fähigkeit, disparate Informationspartikel zusammenzubringen.“
Darin besteht die granulare Begabung schlechthin. Sie erfordert nicht ein gesteigertes Wissen, sondern eine gesteigerte Irritierbarkeit, um sich von Dingen und Situationen anregen zu lassen und ergebnisoffen Prozesse zu starten. Die Irritation durch den Kommunikationsüberschuss auszuhalten und kreativ zu werden, ist die neue Kernkompetenz.“

Sascha Lobo sagte zum Abschluss der Würdigung von Frank Schirrmacher: „Sein Erbe liegt darin, sich die Freude, die Aufregung und die Lust an der Welt zu erhalten und sie in die Arbeit und in das Leben einfließen zu lassen.“

Sascha Lobo schreibt in der FAZ an Christopher Lauer

Oh, da dachte man die Debatte um Christopher Lauers Abschied von Twitter sei beendet, da biegt die FAZ um die Ecke und fährt Sascha Lobo auf, der einen Brief an Christopher Lauer schreiben darf (nicht online). Darin enthalten: eine treffene Beschreibung von dessen Möglichkeiten und ein paar Anmerkungen über die Macht der Dialog-Medien. Das Fazit:

Die konkreten Argumente aber, die Christopher Lauer zur Begründung seines Abschieds vorgebracht hat, müssen jedem seltsam bekannt vorkommen, der die Internetdebatten der vergangenen Jahre verfolgt hat. Die angebliche Irrelevanz Twitters, die scheinbar vertane Zeit, die Irritation darüber, dass dort jeder ohne redaktionelle oder andere Filter publizieren kann – Lauer verwendet bis in die einzelnen Formulierungen hinein exakt die klassischen Standardargumente der Internetskeptiker. Und diese Erkenntnis birgt Sprengkraft. Denn das bedeutet, dass die emotionale Ablehnung sozialer Medien keine Frage mangelnden Wissens sein muss, sondern eine Frage des Gefühls, mit dem man der digitalen Welt und den Menschen darin gegenübertritt.

Das ist jetzt in der Tat nicht so neu, dass es aber ausgerechnet in der FAZ steht, ist dann doch wieder eine schöne Wendung dieser Diskussion.

Sascha Lobo über Verflüssigung

Die Digitalisierung und die darauf folgende Vernetzung können als Folge des Wunsches nach Verflüssigung betrachtet werden, der Mensch mache sich die Erde zum Prozess.

In seiner aktuellen Kolumne bei Spiegel Online schreibt Sascha Lobo über die vermeintliche Krise der Tageszeitung – und bringt diese mit der These der Verflüssigung zusammen (die mir aus zahlreichen Gründe sehr nahe ist). Er schreibt:

Vielleicht steht nicht das bedruckte Papier, sondern die statische Berichterstattung und der abgeschlossene Nachrichtenartikel ohne jede Prozessualisierung im Zentrum der Krise. (…)
Die scheinbare Zeitungskrise als Nachrichtenkrise, aus der Perspektive der Prozessualisierung zu betrachten – als Ende der statischen, rein faktenorientierten Berichterstattung in Artikelform – führt zugegeben nicht zu vollkommen neuartigen Analysen der Problematik. Es führt aber zu deutlich erweiterten Konsequenzen.

Das sehe ich genauso

Vernünftige Beleidigungskultur

In seiner so kalkuliert überraschenden wie lesenswerten Kolumne fordert Sascha Lobo auf Spiegel-Online: Pöbler an die Maus!. Er schreibt:

Mit dem Internet ist ein Kommunikationsraum entstanden, der mündliche Spontaneität mit schriftlicher Dauerhaftigkeit verbindet. Ins Internet übertragen wäre jedes zweite Gespräch in bundesdeutschen Firmenteeküchen rechtlich problematisch. Normale Unterhaltungen sind voll von Beleidigungen, ungerechten Unterstellungen bis hin zur Verleumdung, Schmähkritiken und übler Nachrede: ein bunter Blumenstrauß von Verletzungen verschiedenster Persönlichkeitsrechte. Ist es nicht bigott, dass eine alltägliche Unterhaltung strafbar wird, wenn sie im Netz stattfindet, weil in der digitalen Sphäre die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Kommunikation nicht mehr trennscharf zu ziehen sind?

Das sind gute Fragen, die allerdings ein wenig darunter leiden, dass Sascha die wichtigen politischen Forderungen, die er am Ende des Textes stellt (Recht auf Anonymität, wider digitalreaktionäre Einstellungen) durch die widersinnige Forderung nach „vernünftiger Beleidigungskultur“ einbremst. Ich kann mir unter dieser Forderung nur alkoholfreies Bier vorstellen und das kann nicht gemeint sein.

Darüberhinaus krankt der Text an dem umgekehrten rechtsfreien Raum. Er behauptet, außerhalb des Netzes seien Dinge erlaubt, die im Netz nicht gingen. Dabei wird verkannt, dass in der Teeküche der Beschimpfte meist gar nicht anwesend ist und die dort gepflegte Beleidigungskultur bestensfalls feige ist.

Dass man aber durchaus eine anständige Beleidigungskultur nicht nur fordern, sondern auch öffentlich pflegen kann, hat Sascha selber im Herbst 2010 in diesem Beispiel für Beleidigungskultur gezeigt. Leider ist dieser Text nicht in der Kolumne verlinkt, er hätte viele Fragen sofort beantwortet.

In Kategorie: Netz

Sascha Lobo, Du hässlicher Eierkopf!

Was wir oft vergessen, wenn wir über emotionale Debatten im Netz sprechen: Schimpfen kann eine äußerst humorvolle Tätigkeit sein. Der allein dafür zu lobende Sascha Lobo hat dies heute eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Felix Schwenzel hatte ihn mit einer buchfrage herausgefordert und so eine Fortsetzung der Filesharing-Debatte angezettelt. Die ging dann ein wenig hin und her und endete heute in einer anwortantwortantwort, die Mario Sixtus zurecht als „Rant des Tages, wenn nicht des Jahres“ lobte. Denn mit dem Thema Filesharing von Büchern hat diese wunderbare Tirade nicht mehr viel zu tun. Es handelt sich viel mehr um einen Schimpfstreifzug durchs deutschsprachige Internet: von Kathrin Passig bis Jochen Wegner – keiner ist vor Sascha Lobos Schimpfen sicher. Ich bin mir nicht sicher, was es zu bedeuten hat, dass auch ich darin einen kleinen Abschnitt bekomme, in dem irrig behauptet wird, ich würde beim Essen in der Kantine reden – was ich natürlich allein aus Gründen des Anstands ablehne. Ich gehe davon aus, dass Sascha mir damit indirekt sagen will, dass ihm in der Sache die Argumente ausgegangen sind.

In den Kommentaren unter dem Text (die sich wegen Überlastung zwischenzeitlich in Marios Buzz-Post ausgelagert haben), wird darauf hingewiesen, dass Sascha hier ja nur „Web 2.0 Marionetten“ zum Zwecke der Werbung für sein Buch tanzen lasse. Und dass mit jeder Reaktion darauf, die Aufmerksamkeit dafür noch gesteigert würde.

Das mag stimmen. Andererseits ist diese Form der Schimpf-Aufmerksamkeit doch viel amüsanter als jene, die vor einer Woche von Moritz von Uslar, der Welt, der FAZ und den tazblogs verbreitet wurde. Dabei ging es nur um eine simple SMS-Beschimpfung („Du hässlicher Eierkopf“), mit der Aufmerksamkeit für ein Buch erzeugt wurde. Heute jedoch wird in epischer Breite und mit echtem Elan geschimpft. Das verdient doch eine Reaktion.

Und sei es nur, um beide Fälle mit der obigen Überschrift zusammenzuführen.

P.S.: Moritz von Uslars Buch heißt übrigens Deutschboden. Saschas Buch trägt den Titel Strohfeuer ist im Buchhandel und als App erhältlich – und vielleicht auch in der ein oder anderen Tauschbörse.

P.P.S.: Gelesen habe ich beide nicht. Dazu fehlt mir vor lauter Feuilleton- und Internetdebatte einfach die Zeit. Wer dennoch ein gutes Buch lesen mag, dem empfehle ich Nick Biltons fulminantes I live in the future & here’s how it works!