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„Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet“ – Ein Zwischenfazit zu „A Forest“

Die Digitalisierung verändert Medien und Musik. Aber wie? Wird es besser oder ist die Musik bedroht? Man kann darauf zahlreiche Antworten finden, aber nur selten von Musikern. Fabian Schütze von der Band A Forest ist ein Musiker, der dazu etwas zu sagen hat (was man hier im loading-Fragebogen schon lesen konnte).

Jetzt ziehen „A Forest“ ein Zwischenfazit zu ihrem Projekt „I Am A Forest“ (hier als PDF laden) – u.a. im Radiointerview mit Radio Fritz. Weil ich das transparente Vorgehen der Musiker sehr spannend finde und die Musik mag, habe ich Fabian zum Fazit einige Fragen gemailt.

Vor über einem Jahr habt ein Manifest online gestellt. Darin erklärt Ihr „A Forest wird zum Labor“. Eine Band als Labor – warum das?
Weil was Neues auszuprobieren immer erstmal besser ist, als beim Altbewährten zu bleiben. Egal, ob das dann scheitert oder nicht. Weil das „Altbewährte“ in der heutigen Zeit sehr viel schneller als früher nicht mehr „altbewährt“, sondern überkommen ist.

Und welche Erfahrungen habt Ihr im vergangenen Jahr gemacht?
Viele Gute. Wir haben viel mehr Gespräch und Feedback mit Hörern, Unterstützern und Konzertbesuchern. Wir haben ein paar Sachen in unserem Selbstverständnis geändert und gemerkt, dass es sich lohnt, Sachen transparent zu machen und vorhandene Strukturen zu hinterfragen.

Gab es auch negative Erlebnisse?
Viel zu viel Arbeit. Und klar muss mal erstmal schlucken, wenn jemand das Angebot, das Album zum Pay-What-you-want-Preis, als Chance sieht sein Kleingeld in der Tasche zusammenkramen und es kommen 17 Cent raus. Aber damit muss man leben. Der Durchschnitt gleicht es aus.

In dem Clip zum Manifest sagst du an die Hörer gerichtet: „Kommentiert, fragt, ladet euch Samples und Spuren zum Remixen, seid Teil des Prozesses“. Haben das viele Leute gemacht? (Spielt es überhaupt eine Rolle, ob es viele Leute machen?)
Klar ist es auch wichtig, dass das Leute dann auch machen, aber sicher geht es überhaupt erstmal darum das Angebot überhaupt erstmal zu machen. Und jetzt haben wir mehr als 20 tolle Remixe und darüber hinaus tolle Leute kennengelernt, das Netzwerk ausgebaut und gestärkt.

Ihr versteht Musik nicht mehr als abgeschlossenes Produkt, sondern als Prozess, der weiterlebt. Das finde ich persönlich großartig. Welche Reaktionen habt Ihr auf diesen Ansatz bekommen?
Gar nicht soviel konkrete. Aber da zeigt sich, dass manche Sachen auch immer erstmal für einen selbst sind. Und das ist auch wichtig. Da den Druck rauszunehmen und wirklich zu begreifen, dass ein Song einem nicht gehört, sondern sich jeden Abend auf der Bühne verändert, man ihn problemlos neu bearbeiten kann, wenn man da Lust drauf hat, dass das auch jeder andere machen kann. Auch da gehts viel um die Möglichkeit an sich.

Ihr experimentiert viel und wollt den direkten Draht zu Euren Hörern. Trotzdem erscheint Eure neue EP „selbstverständlich auch auf Spotify und iTunes.“ Nach den Debatten der letzten Wochen um Streaming und Bezahlung von Musikern ist das nicht wirklich selbstverständlich. Warum macht Ihr es trotzdem?
Wenn die Leute Musik hören und das auf legalem Weg, dann finde ich das grundlegend gut. Und das mehr aktiv Musik gehört wird denn je, ist auch Spotify und Co zuzuschreiben. Wir mögen den Gedanken, dass jeder erstmal das Album hören kann. Deswegen finden wir Streaming gut. Im nächsten Schritt versuchen wir dann zu vermitteln, das es eventuell noch weitere und vielleicht auch bessere Möglichkeiten gibt, das Projekt zu unterstützen, wenn man es gut findet. Wir wollen auch nicht gegen die große, böse Industrie arbeiten, sondern den Hörern erstmal bessere Möglichkeiten anbieten. Und wenn man sich dann trotzdem für iTunes als Downloadmöglichkeit entscheidet, weil dort die ganze Musiksammlung liegt und das bequem ist, dann ist das absolut legitim.

Ich habe den Eindruck, dass Ihr sehr aktiv den digitalen Wandel der Musik mitgestalten und lernen wollt. Das ist sicher auch anstrengend. Wünscht ihr euch manchmal die gute alte Zeit zurück, von der ältere Musiker manchmal erzählen?
Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet. Klar haben die in den 80er und 90er Jahren viel verdient, aber dafür auch nur eine handvoll Leute. Heute steht jedem erstmal der „Zugang zum Markt“ offen, und das ist gut so. Und ja, wir wollen das mitgestalten, das ist ein zentraler Gedanke.

Und wenn Ihr einen anderen Wunsch frei hättet: Was würdet Ihr – von der Politik, von der Industrie, vom Publikum, von wem auch immer – wünschen?
Strukturförderung ist sicherlich ein Stichwort an die Politik. Popkultur fällt schon immer noch hintenrunter, trotz Initiative Musik oder lokalen Initiativen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Vom Publikum und Presse wünschen wir uns weiter den Blick über den Tellerrand und freuen uns über jeden, der bewusst konsumiert.

Eine Prognose bitte: Wie geht das weiter mit der Musik und der Digitalisierung?
Zum einen wird es glaube ich erst in den nächsten Jahren wirklich dazu führen, dass die Möglichkeiten und Digitalisierung echte innovative und neue Genres hervorbringen, dass Devices und Vertriebswege auch die Herstellung, den Konsum, die Konzerte und die Art und Weise von Musik nennenswert verändern. Da ist nämlich bislang gar nicht so viel. Ein Konzert ist ein Konzert, Musikhören über Smartphones auch nichts anderes als Kassetten im Walkman, Songs sind immer noch 3 1/2 Minuten lang. Wir werden dazu bei Analogsoul (dem Kollektiv hinter der Band) im nächsten Jahr ein Projekt anschieben, das sich auch diesen Fragen stellt.

A Forest sind ab Oktober wieder auf Tour, dabei spielen sie sicher auch Songs ihrer neuen EP 5 Fruits / The King Speechs, die man auch auf Spotify und iTunes anhören kann.

Der Greif – eine Ausstellung als Prozess

Simon Karlstetter, Leon Kirchlechner, Matthias Lohscheidt und Claudio Ricci haben „Augsburg zu einem Weltzentrum zeitgenössischer Fotografie gemacht“. So beschreibt der Bayerische Rundfunk ihr international angesehenes Fotomagazin: Der Greif erscheint auf Papier und trägt das Haptische, das Anfass- und eben Greifbare im Titel. In der vergangenen Woche haben sie ihre erste Ausstellung eröffnet, die Bilder von 279 Fotografen aus 33 Ländern zeigt. Das Besondere an der Ein Prozess betitelten Ausstellung: Sie will ihre Entstehung dokumentieren. „Sie stellen aus wie ihre Ausstellung entsteht“, fasst der Bayerische Rundfunk das Konzept zusammen, das mich allein deshalb fasziniert weil ich genau darüber in „Eine neue Version ist verfügbar“ geschrieben habe. Die Greif-Macher haben mich eingeladen, über ihre Ausstellung zu schreiben.

Das Faszinierende an einer Ausstellung ist ihre Präsenz: Wer Bilder hängt, erzeugt damit Dominanz. Von der Kombination an der Wand geht eine Kraft des Faktischen aus, die der Besucher akzeptiert – und dann erst bewertet. Was ausgestellt wird, ist da – ist abgeschlossen und fertig. Nur: Wie lange? Und: für wen?

Ein Prozess stellt genau diese Fragen – allerdings in dem Präsenz-System einer Ausstellung. Das ist wichtig, denn was ausgestellt wird, ist da – und wird erst danach bewertet. Erst wenn man verstanden hat, was Ein Prozess macht, sollte man fragen, was das eigentlich soll. Denn nur dann wird man verstehen, dass Ein Prozess den Versuch unternimmt, eine der Grundbedingungen der Digitalisierung künstlerisch greif- und verstehbar zu machen.

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Was in Augsburg gerade ausgestellt wird, ist eine Wikipedia für Fotografie. Und wer dabei an eine Enzyklopädie oder an eine lexikalische Sammlung denkt, liegt falsch. Bei der Wikipedia geht es wie bei Ein Prozess um den unterschätzten Aspekt der Digitalisierung: Es geht um die Version. Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist die Menschheit in der Lage, Versionen von digitalisieren Kunstwerken zu erstellen: Nach der Veröffentlichung als Mashup oder Remix und vor der Veröffentlichung als dokumentierter Entstehungsprozess. Im GuttenPlagWiki brachte Letzteres den damaligen Verteidigungsminister zu Fall: Man konnte nachvollziehen wie er gearbeitet hatte.

Das Prinzip der Online-Idee eines Lexikons dreht die Maßstäbe der Printwelt um: Es macht die Versionsgeschichte eines jeden Beitrags sichtbar ist. Man kann zu unterschiedlichen Fassungen eines Artikels springen und somit seine Entstehung nachvollziehen. Auf Papier wäre das nicht nur nicht möglich, es würde auch als Schwäche ausgelegt. Warum sollte man mehr zeigen als das eine endgültige Kunstwerk, das man veröffentlichen will?

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Weil es eh anfällt, hat der Schriftsteller Cory Doctorow darauf mal geantwortet. Denn durch die Ungeheuerlichkeit der Kopie sind plötzlich Entstehungsversionen speicher- und auch verfügbar. Und wenn man mit diesen öffentlich umgeht – wie es die Wikipedia tut – stellt man fest: Sie tragen zur Qualität des digitalen Produkts bei. Was in Print als Schwäche gelten würde, ist im Digitalen Ausweis von Qualität: Der Leser kann sich selber ein Bild machen.

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Dass darin im Wortsinn eine künstlerische Dimension liegt, kann man in der Neuen Galerie in Augsburg und auf der Webseite von Ein Prozess derzeit beobachten: Die Ausstellungsmacher legen die Versionen ihrer Ausstellung offen. So wie man in der Wikipedia in Artikelversionen springen kann, kann man in der Ausstellungs-Timeline in Kombinationen der ausgestellten Fotos springen. Auf dem zentralen Tisch im Ausstellungsraum werden unter Beobachtung einer Webcam ständig neue Kombinationen der ausgestellen Bilder gelegt – so erscheinen die Aufnahmen in neuen Kontexten, die Versionierung der Kombination erlaubt ständige neue Zugänge.

Wer das verfolgt, bemerkt schnell die künstlerische Ebene dieser Versionierung: Denn der Besucher wird so zum Teilnehmer der Ausstellung, er vergleicht Fassungen, bewertet Versionen, stellt Zusammenhänge her. Und dies ist das zweite Grundprinzip des Digitalen: Es ist ein Dialog, der Konsument bekommt eine Stimme, nimmt teil, spielt eine Rolle. Jede und jeder kann in der Wikipedia editieren. Weil es technisch möglich ist.

Ein Prozess wird nicht von jedem Besucher editiert, aber jeder Besucher (der Website und der Ausstellung) erstellt seinen eigenen Rezeptionskontext – und spielt somit erkennbar eine Rolle. Und aus der heraus kann er dann auch die Frage nach dem Warum beantworten. Meine Version ist klar: Weil es die zeitgemäßeste Form der Kunst-Präsentation ist.

Die „Der Greif“-Ausstellung „Ein Prozess“ ist bis zum 18. Mai in der Neuen Galerie im Höhmannhaus in Augsburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr. Mehr zu Eine neue Version ist verfügbar auf der Verlagswebsite.