Alle Artikel mit dem Schlagwort “prism

Das ist unser Internet!

Bildschirmfoto 2014-02-11 um 10.30.12

Eine Allianz aus unterschiedlichen Organisationen hat den heutigen 11. Februar zum „Day We Fight Back“ gemacht. Ein Tag des Widerstands gegen die massenhafte Überwachung der Menschheit! Es geht darum, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, das für die digitalen Räume die gleiche Bedeutung hat wie der Umweltschutz für Gegenwart und Zukunft unseres Planeten. Es geht aber auch darum, die Stimme zu erheben – z.B. indem man den Aufruf „Internationale Grundsätze für die Anwendung der Menschenrechte in der Kommunikationsüberwachung“ unterzeichnet.



Man kann aber auch ganz klassisch Mitglied in einem oder mehreren der Vereine werden, die den Aufruf mitkonzipiert haben: Gesellschaftliches Engagement fand schon immer auch über Vereine und Organisationen statt. Daran ändert auch die Digitalisierung wenig. Deshalb hier der Hinweis auf die Mitglieds- und Spendenseiten …

… vom Chaos Computer Club

… von der Digitalen Gesellschaft

… der Electronic Frontier Foundation

… von Digitalcourage


Hintergrund zum Day We Fight Back bei Süddeutsche.de

Die Hard

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel gibt es ein Interview mit Guardian-Chef Allan Rusbridger über Snowden und die Überwachung. Vielleicht hat er das schon mal gesagt, mir war aber neu, was er auf die Abschluss-Frage ob es schwer sei nicht paranoid zu werden, antwortet:

Mein Facebook-Profil wurde geändert, ich weiß nicht, von wem. Aber es gibt eine Abteilung im GCHQ, die solche Dinge kann. Da stand plötzlich, dass ich „Stirb langsam“ gut finde.

Die Zukunft der Medien

In München sind heute die Medientage eröffnet worden. Ich habe die Eröffnungsveranstaltung und die als Elefantenrunde vermeintlich wichtiger Menschen bezeichnete Start-Debatte nicht live verfolgt, medial vermittelt aber erfahren: Es gibt da was Neues, aber im Prinzip ist alles so wie immer. dpa zitiert den ZDF-Intendanten Thomas Bellut mit den Worten: „Es hat sich im Grunde wenig verändert durch die Neuen Medien.“

In diesen Neuen Medien gährt unterdessen eine Debatte über die vergangene Woche ebenfalls in München gestartete Huffington Post. Der ist es mit einem doppelten Werbetrick gelungen, Aufmerksamkeit auf ein Produkt zu lenken, das eigentlich durch Inhalte interessieren sollte. Dadurch, dass man die Autorinnen und Autoren, die auf der Seite schreiben, nicht bezahlt, spart man zum einen Geld, zum zweiten bekommt man soviel Branchenaufregung dass man nochmal Geld spart: für bezahlte Werbung.

Ich hatte mir vorgenommen, solange nicht über die Huffington Post zu schreiben, wie dort kein für mich relevanter Inhalt auftaucht. Bisher kam ich ganz gut damit zurecht, das zu lesen, was andere ÜBER die Huffington Post schreiben. Dank Pierre Omidyar schreibe ich jetzt aber auch über die Huffington Post – allerdings über die Ausgabe für Hawaii. Diese wurde im September mit Hilfe von Pierre Omidyar ins Leben gerufen. Der Mann ist Verleger der Honolulu Civil Beat und besser bekannt als Gründer von ebay. Beim Launch der Huffington Post Hawaii stellte er mit Blick auf die Prism- und NSA-Überwachung die Frage:

“Can we be truly free if we are surveilled all the time, if we have no privacy? I think that’s a really important debate to have.”

Jetzt gibt er eine Antwort darauf: Auf seiner Website erklärt er unter der Überschrift „My Next Adventure in Journalism“ warum er den renommierten Journalisten Glenn Greenwald vom Guardian abgeworben habe und welche Pläne er mit ihm verfolgt:

I developed an interest in supporting independent journalists in a way that leverages their work to the greatest extent possible, all in support of the public interest. And, I want to find ways to convert mainstream readers into engaged citizens. I think there’s more that can be done in this space, and I’m eager to explore the possibilities.

Auf die Idee zu all dem sei er gekommen, als er mit dem Gedanken spielte, die Washington Post zu kaufen. Dabei kam ihm Amazon-Chef Jeff Bezos zuvor. Jetzt will Omidyar selber ein Medium aufbauen (ausschließlich digital), das sich für eine demokratische Öffentlichkeit und gegen staatliche Überwachung engagiert. Er will Mainstream-Leser zu engagierten Bürgern machen.

Das kann man durchaus als Ansage verstehen, in einer Zeit, in der die Medienbranche (anders als auf den Medientagen verkündet) nicht gerade vor Optimismus strotzt. Das kann man als grundlegende Veränderung im publizistischen Gefüge interpretieren: ein reicher Mann investiert in unabhängigen Journalismus, weil er eine demokratische Öffentlichkeit, weil er engagierte Bürger schaffen will. Und Auslöser dafür sind die auf den Medientagen als „Neue Medien“ bezeichneten digitalen Verbreitungsmöglichkeiten. Sie verändern im Grunde nicht viel, sagen die einen. Während die anderen erkennen, wie unter ihren Füßen Gewissheiten in Bewegung geraten, die man für stabil wie Gesteinsplatten hielt.

Mehr zum Thema bei Jay Rosen, Poynter, Greenwald, Buzzfeed, Guardian

In Kategorie: Netz

Ach, Sven Regener!

Sven Regener war am Samstag in der Sendung „Neugier genügt“ bei WDR5 zu Besuch, um über sein neues Buch „Magical Mystery“ zu sprechen. Sabine Brandi stellte ihn darin als „Gott des Urheberrechts“ vor (Hintergrund dazu hier und hier).

Sie fragte ihn darin (MP3-Link)

Wie geht es Ihnen eigentlich jetzt, wo die ganze Freiheit des Netzes vor allem die Freiheit der Geheimdienste ist?

Regener antwortet darauf in einer Form, aus der sich auch ableiten lässt, warum die Überwachungsmeldungen der vergangenen Wochen eigentlich kaum Folgen zeigen. Sven Regener erklärt nämlich, dass man sich doch nicht so haben soll. Wörtlich:

Ich würde sagen: Alle sollen sich ein bisschen entspannen. E-Mail schreiben ist wie eine Postkarte schreiben, da kann halt der Briefträger mitlesen. Und man wäre ja auch enttäuscht, wenn die Geheimdienste immer noch Briefe über Wasserdampf öffnen würden. Würde man ja auch nicht einsehen, warum die noch im Geschäft sind.

Vermutlich ist das eine besonders versteckte Kritik an der Arbeit der Geheimdienste. Vielleicht ist es aber auch nur ein trauriger Niedergang: Sven Regener, der Erfinder von Herrn Lehmann, der Textdichter wunderbarer Element-of-Crime-Gedichte Lieder hat sich offenbar aus der Gegenwart, aus Rock’n’Roll und allem Widerständigen verabschiedet. „Sven Regener ist ein Arschloch“ schreibt korrupt, bei dem ich den Link gefunden habe.

Warum ich übrigens glaube, dass wir uns hier keineswegs entspannen können, habe ich unlängst für die SZ aufgeschrieben.

„Kein Thema der Politik“

Philipp Missfelder ist Mitglied des Deutschen Bundestag – zudem ist er in unterschiedlicher Funktion fernsehtauglicher CDU-Politiker. Deshalb durfte er gestern auch seine Einschätzung zu neuerlichen Überwachungsskandalen abgeben. Seine Meinung:

Die neuen Vorwürfe, die kommen sind ein Thema zwischen der amerikanischen Regierung, der NSA und den Herstellern. Damit haben wir in Deutschland nichts zu tun.

Sicher nichts damit zu tun hat Philipp Missfelder übrigens, wenn er nicht wieder in den Bundestags gewählt würde!

Viel wichtiger aber: Hier ist die nächste Stufe der „Datensparsamkeit – Pofalla beendet Dinge – Nichts zu tun“-Trias erreicht, ich schrieb dazu Ende Juli in der SZ und das gilt irgendwie immer noch:

Morozov und Uhl verwenden dafür unterschiedliche Ansätze, bedienen sich unterschiedlicher Formulierungen und nutzen andere Bezugsysteme, aber im Kern kommen sie zu dem gleichen Ergebnis: Sie halten den gerade aufgedeckten flächendeckenden Angriff auf den Artikel 10 des deutschen Grundgesetzes nicht für ein politisches, sondern für ein persönliches Problem der Internetnutzer, deren Fernmeldegeheimnis ihnen irgendwie weniger wert zu sein scheint als das derjenigen, die noch anständig Briefe schreiben.
(…)
Dieses Narrativ, das nicht nur von Uhl und Morozov bedient wird, entbindet den Staat aus der Pflicht, die Grundrechte seiner Bürger selbst dort zu schützen, wo mancher ein Neuland vermutet. Prism und Tempora sind keine Internetprobleme, sondern Grundrechtseingriffe, die lediglich zuerst auf der einen Seite des digitalen Grabens zu spüren sind. Dieser Seite dafür die Schuld zu geben, ist ein Wahl- und Marketingtrick, dem man nicht auf den Leim gehen darf. Hier geht es um mehr als um die digitale Skepsis einiger weniger, hier geht es um die Grundrechte der ganzen Gesellschaft.

loading: United Stasi of America

Im Rahmen des Prism-Skandals hat Oliver Bienkowski schon für gewisse mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Der Lichtkünstler hat bereits Slogans auf Hauswände projeziert. Jetzt will er das auf größere Ebene heben – und vielleicht sogar Lichtkarikaturen auf die Wände des Weißen Hauses malen. Dafür hat er ein Projekt auf Startnext angelegt.

Oliver Bienkowski hat den loading-Fragebogen beantwortet

Was machst du?
Im Grunde genommen betreiben wir Mediahacking. Eine moderne Art von Pressearbeit. Unsere Aktionen sollen Multiplikatoren und weite Teile der Gesellschaft aufrütteln. Dafür nutzen wir die vierte Staatsgewalt – unsere großen Medienkonzerne. Mit gezielten Lichtkunst Karikaturen, Guerillamarketing und fiktiven Behauptungen zu tagesaktuellen Themen lösen wir weltweite Berichterstattung zu einem Thema aus das wir im Vorfeld des Berichtes perfekt steuern können.
Die Medien leiten heutzutage den Verstand von vielen Menschen, die damit kein Problem haben ihre eigenen moralischen Werte und dem Glauben an das Gute und Gerechte von Massenmedien vordefinieren zu lassen. Unsere Aktionen sollen Unklarheiten beseitigen, gesellschaftspolitische Fragen beantworten und Irrtümer beheben.
Vor allem aber handeln wir in bester Tradition der Aufklärung und damit in Wahrnehmung unseres verfassungsrechtlich garantierten Rechts auf Meinungs- und Kunstfreiheit. Mittels der Kunstform der Satire, die seit jeher Überspitzung und Übertreibung kennzeichnen, protestierten wir in legitimer Weise gegen den massiven Abbau von Bürgerrechten, insbesondere gegen die jüngst bekannt gewordenen Angriffe auf die Privatsphäre (nicht nur) der deutschen Staatsbürger durch interkontinentale Abhörmaßnahmen. Wir legen mit unseren Lichtinstallation den Finger in die Wunde und leisten damit einen essentiellen Beitrag zur öffentlichen Diskussion und Meinungsbildung. Dies verdeutlicht nicht zuletzt die bundesweite Berichterstattung.

Warum (machst du es so)?
Crowdfunding spricht den Sinn und das Geheimnis unserer Aktionen an. Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit. Wir arbeiten auch an einer eigenen Plattform „money2revolt“ dafür sind wir in engenen Gesprächen mit dem holländischen Unternehmen pikapay und werden demnächst versuchen über unsere eigene Plattform für alle Menschen Protestprojektionen weltweit zu organisieren und zu finanzieren. Das Crowdfunding Projekt auf startnext ist der Versuch lokal anzutesten, ob es genug Menschen gibt die uns Unterstützen. Wenn es nicht klappt mit der Finanzierung testen wir es auf internationaler Ebene mit unserer eigenen Plattform.
Die Herschafft von Menschen über Menschen sollte nicht auch noch dazu genutzt werden alle Bürger unter Generalverdacht zu stellen und ihre Kommunikation zu überwachen. Wir sehen die Sittlichkeit verletzt wenn die Vereinigten Staaten in Europa BlackSite Geheimgefängnisse betreiben indem Menschen anonym verschwinden und gefoltert werden in einem rechtsfreien Raum. Dann haben wir nach dem bekannt werden des Abhörskandals und dem spiegeln des weltweiten Glasfaser Untersee Kabelkommunikation die Berechtigung die amerikanische Puderzuckerdemokratie in weiten teilen als neue United Stasi of America zu bezeichnen.
Es haben mich nach der Berichterstattung viele traumatisierte Stasi Opfer angerufen. Nach langen intensiven Telefonaten konnte ich die meisten davon überzeugen das durch aktuelle Computertechnik und das krupellosen abhören sämmtlicher Kommunikation der Begriff United Stasi of America seine Berechtigung hat. Nichts destotrotz entschuldige ich mich bei allen Stasi Opfern dass es nach so langer Zeit Staaten gibt die mit ebensosolchen Methoden die Freiheit ihres Volk unterdrücken.

Wer soll das lesen?
Wir hoffen dass alle Menschen, die es wichtig finden dass Dinge in der Öffentlichkeit angesprochen werden oder eben im Medienkreislauf gehalten werden. Wir denken das nach jeder Berichterstattung ca. 3-4 Tage vergehen bis ein Thema pressetechnisch tot ist. Deshalb versuchen wir jetzt die Berichterstattung über die NSA in den Medien zu halten. Das geht nur wenn wir dauerhaft und wiederholt immer wieder auf das Thema hinweisen und die Medienkonzerne diese Aktionen aufgreifen.

Wie geht es weiter?
Wir wollen auf das Weisse Haus und allen europäischen Botschaften der Vereinigten Staaten den Begriff United Stasi of America projzieren. Wir werden versuchen mit der finanziellen Unterstützung weltweit gegen das Unrecht anzukämpfen und Lichtkarikaturen zu vielen gesellschaftspolitischen Fragen umsetzen. Einige Gebäude sind natürlich besonders interessant. Der Sitz der Vereinten Nationen, das weise Haus, der NATO, dem Petersdom zur nächsten Papsterhebung und alles anderen historischen Gabäuden wie den Pyramiden oder dem Washington Memorial. Auch die Laser Verbindung von 2 Orten können symbolischen Wert haben. Es wird spannend. Es hat gerade erst alles begonnen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Henry Ford sagte mal „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“- ich denke das es sehr elementar ist das Menschen durchschauen das die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht zielführend ist. Weite Teile der Bevölkerung sind in einer Art Matrix aus Konsum und Verdienen gefangen, in der wenig Zeit bleibt sich mit Themen zu beschäftigen die einem vielleicht nicht sichtbar betreffen.
Heutzutage gibt es keine Mauern oder Grenzposten mehr in Europa. Das Leben hat sich größtenteils digitalisiert.
Firewalls filtern unsere kompletten Internetaktivitäten, ich denke wir brauchen Organisationen und Menschen wie uns die den Finger in die Wunde legen und kontroverse Themen in einem simplen künstlerischen Zusammenhang versuchen in die weltweite Presse zu hieven.


Hier kann man United Stasi of America auf Startnext unterstützen

/////

Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Digitale Daten und die Öffentlichkeit

Der Guardian hat in seinem Liveblog zu den Entwicklungen im Fall Miranda/Snowden ein Bild veröffentlicht, das das Dokument des absurden Szenarios ist, das Alan Rusbridger gestern in seinem Text zum Druck der Regierung auf seine Zeitung beschrieben hat: Geheimdienstmitarbeiter drängen darauf, dass ein MacBook, das Dokumente von Edward Snowden enthält, zerstört werde. Dieser Wunsch wird im klaren Wissen umgesetzt, dass Kopien dieser Dokumente auf anderen Rechnern gespeichert sind:

screenguardian

Das Liveblog beschreibt diese Szene als „one of the stranger episodes in the history of digital-age journalism“. Das ist sie mindestens, vermutlich ist sie aber sehr viel mehr. Einerseits weil sie die Schlüsselszene in einer der größten Debatten um Pressefreiheit der Gegenwart ist. Andererseits aber, weil hier so eindeutig wie selten greifbar ist, was die digitale Kopie mit unserer Gesellschaft macht.

Das Bild ist sozusagen die umgedrehte Raubkopie. Die Gewalt auf den Computer ist der hilfslose Versuch, einen Strom mit bloßen Händen zu stoppen. Der Begriff der Raubkopie wollte dem Vorgang des Kopierens einen gewalttätigen Aspekt andichten, den das Kopieren nie hatte. Der Versuch, einen Laptop zu zerstören, um damit die darauf befindlichen Daten zu stoppen, basiert genau auf dieser Gewalt, die allerdings machtlos bleibt gegen die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie. Die Daten sind eben nicht nur auf dem Rechner im Keller des Guardian, die Daten sind in Amerika und Brasilien erklärt Rusbridger den Geheimdienstlern – und in Wahrheit sind die Daten überhaupt nicht an einem einzigen zentralen Ort, sie sind digitalisiert. Und das sicherste Versteck, das man für sie finden kann, ist die Öffentlichkeit.

Das alles klingt absonderlich, aber es ist die Grundbedingung des digitalen Zeitalters: die Veränderung im Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit und vor allem der veränderte Umgang mit digitalisierten Daten.

Dieses Bild ist sozusagen das Symbol schlechthin für digitalen Journalismus. Zum einen weil es die im Wortsinn Unfassbarkeit der digitalen Kopie aufzeigt (davon schrieb ich in Mashup) und zum zweiten weil es einen Aspekt in den Blick rückt, den ich in einem ganz anderen Zusammenhang in „Eine neue Version ist verfügbar“ betont habe: Darin beschreibe ich, wie Kultur zu Software wird und wie es durch deren Versionierung möglich wird, quasi öffentlich zu schreiben. In dem Buch beschreibe ich dies als aus Ausweis einer besonderen kulturellen Qualität und als Teilnahme an einem einzigartigen unkopierbaren Moment. Unter dem Eindruck der Geschehnisse beim Guardian muss man einen dritten Aspekt ergänzen: Das öffentliche Schreiben kann in diesem Zusammenhang ein Schutz sein.

Dadurch dass Greenwald und der Guardian in einem Prozess die Daten veröffentlichen, dadurch dass Greenwald auf Twitter greifbar bleibt, ist er öffentlich geschützt. Nicht mehr einzig das Ergebnis seiner Recherchen steht im Mittelpunkt, der Entwicklungsprozess bekommt Bedeutung. Deshalb ist es keineswegs reines Marketing, wie die FAZ mit einer Mischung aus Häme und Eifersucht die Veröffentlichungen des Guardian kommentiert. Es ist eine Conditio des Digitalen, dass der Prozess dokumentiert wird.

In einem ganz anderen Zusammenhang schrieb ich davon zu Beginn des Jahres in meinem Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“. Nie hätte ich mir damals träumen lassen, dass zur Veröffentlichung des Buches das Foto eines zerstörten Laptops die Grundbedingungen des Digitalen so eindeutig greifbar machen könnte.

Zeit für naive Politik

Ich war noch niemals im Kanzleramt. Aber in New York war ich schon mal. Das ist mehr als eine blöde Songreferenz. Beim Besuch eines Flohmarkts in der Lower East Side habe ich nämlich mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Yo Ho! Yo Ho! A Pirates Life for me“ erworben. Es war das einzige Kleidungsstück, das ich jemals auf einem Flohmarkt in New York erworben habe. Dass ich es jetzt wieder rauskrame, liegt im weitesten Sinn an Edward Snowden und den von ihm öffentlich gemachten Überwachungen.

Diese unfassbaren Enthüllungen werden ständig gesteigert, rufen aber bei manchen Leuten eine merkwürdige Form der Realpolitik hervor. Exemplarisch für diese Form von abgeklärtem Desinteresse an den Angriffen auf unsere Grundrechte meldete sich vergangene Woche Otto Schily zu Wort und kritisierte das Getöse, das um Snowdens Enthüllungen gemacht werde. Der Mann ist ehemaliger Innenminister und macht allein deshalb mit solchen Aussagen mehr Angst als dass er beruhigt. Und nebenbei liefert er damit die Antwort auf die Frage, warum die Opposition so wenig aus diesem Prism-Skandal und möglichen Verwicklungen der Regierung macht: Sie war auch mal in der Regierung.

Womit wir wieder beim T-Shirtaufdruck und dem Kanzleramt sind. Das Shirt ist weit vor dem Aufkommen der Piratenbewegung gekauft worden, aber sicher ist: Auch die deutsche Piratenpartei war noch nie im Kanzleramt. Ihr fehlt es an gestandenen Realpolitikern, die um die Notwendigkeiten und Zwänge der internationalen Diplomatie wissen. Woran es ihr nicht fehlt: an Menschen, die glaubhaft gegen das Abhören digitaler Kommunikation kämpfen. Der jetzt.de-Kollege Christian Helten hat in der vergangenen Woche Katharina Nocun getroffen und für die morgige Ausgabe der SZ porträtiert. Sie ist Geschäftsführerin der Piratenpartei und wer den Text liest, bemerkt schnell: Katharina Nocun ist der Grund für das, was Otto Schily Getöse nennt. Die Frau ist richtig wütend.

Das mögen die Realpolitiker aus der ehemaligen und aktuellen Regierung für naiv halten. Aber genau diese Naivität, die der Piratenpartei lange als Malus vorgehalten wurde, könnte im Endspurt des Bundestagswahlkampf ihr Alleinstellungsmerkmal werden: Sie könnten völlig naiv an den Wert der Grundrechte erinnern und genauso naiv Maßnahmen fordern, um diese einzuhalten. Grund genug gibt es ja.

Gegen Überwachung

Bildschirmfoto 2013-07-29 um 10.52.21

In der vergangenen Woche habe ich in der SZ einen Kommentar zu Prism und Tempora geschrieben. Es ging um die Ratschläge der Datensparsamkeit, die ich als Reaktion auf den Überwachungsskandal beobachtet habe. Ich halte diese Ratschläge für falsch und gefährlich – auch weil die Politik sie als Entschuldigung für Nicht-Handeln verwendet:

Dieses Narrativ, das nicht nur von Uhl und Morozov bedient wird, entbindet den Staat aus der Pflicht, die Grundrechte seiner Bürger selbst dort zu schützen, wo mancher ein Neuland vermutet. Prism und Tempora sind keine Internetprobleme, sondern Grundrechtseingriffe, die lediglich zuerst auf der einen Seite des digitalen Grabens zu spüren sind. Dieser Seite dafür die Schuld zu geben, ist ein Wahl- und Marketingtrick, dem man nicht auf den Leim gehen darf. Hier geht es um mehr als um die digitale Skepsis einiger weniger, hier geht es um die Grundrechte der ganzen Gesellschaft.

Der Beitrag sorgte für einige Debatte – auch mit dem missverstandenen Evgeny Morozov – ich möchte ihn aber vor allem als Hinweis verstehen, vor den aktuellen Entwicklungen politisch nicht zu kapitulieren: Deshalb hier nochmal der Hinweis auf den Offenen Brief, der vergangene Woche formuliert wurde.