Alle Artikel mit dem Schlagwort “piraten

Wer schafft hier das Urheberrecht ab?

Die Frage, ob die Piratenpartei das Urheberrecht abschaffen oder vielmehr reformieren möchte, ist bereits ausführlich debattiert worden. Bei Denis Simonet, der (Achtung, Piratenmetapher) auf der Brücke der Schweizer Piratenpartei tätig ist (war Vorsitzender, ist jetzt Pressesprecher) habe ich jetzt ein Zitat von Francis Gurry gelesen, der mit Blick auf die notwendigen Reformen des Urheberrechts gesagt hat:

Wir haben keine andere Wahl; entweder passt sich das Urheberrechtssystem dem natürlichen Lauf der Dinge an, oder es verschwindet. Die Geschichte zeigt, dass es unmöglich ist, den technischen Fortschritt aufzuhalten. Statt dagegen anzukämpfen, müssen wir uns dem Unvermeidlichen stellen und uns auf intelligente Weise anpassen.

Eine bessere Zusammenfassung für meine These, dass die Realität schneller als die Piratenpartei das Urheberrecht abschaffen wird, kann ich mir gerade nicht vorstellen.

Tyrannei der Masse

Nach der Landtagswahl im Saarland hat sich der FDP-Generalsekretär Patrick Döring zur Beteiligungskultur der Piraten geäußert. In der Berliner Runde (in der ARD-Mediathek ab ca 16.00 Min)

Das Gesellschaftsbild, das Politikbild, das Menschenbild ist manchmal so stark von der Tyrannei der Masse geprägt, dass ich mir das als Liberaler nicht wünsche, dass sich dieses Menschenbild durchsetzt.

Damit hat er es nicht nur zu einem eigenen Hashtag auf Twitter gebracht – auch Spiegel Online berichtet über ihn.

Von Dieben lernen

Auf der Seite eins der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit befasst sich ein „Von Dieben lernen“ betitelter Kommentar mit den Acta-Protesten der vergangenen Tage und Wochen. Ich habe den Text mit Ärger, Erstaunen und nachhaltiger Erschütterung gelesen und will das hier festhalten für den Fall, dass in Zukunft mal wieder das Thema digitaler Graben aufkommt oder Medien sich (wie bei den Acta-Protesten vergangene Woche) plötzlich erstaunt fragen: Wo kommen denn all diese Demonstranten plötzlich her?

Der Text (online bisher nicht verfügbar) ist verfasst von Thomas Fischermann, der vor kurzem (mit Götz Hamann) das Buch Zeitbombe Internet veröffentlicht hat.

1. Ärger
Der Begriff des Diebstahl wird in dem Text unreflektiert und breitflächig eingesetzt. Auch das moralische Argument wird ins Feld geführt um zu erläutert, warum die so genannte „Null-Euro-Fraktion“ (Menschen, die Musik aus Tauschbörsen laden statt sie wie z.B. der Zeit-Autor für 21 Euro „bei einer Internet-Musikvertriebsfirma aus Glasgow“ zu kaufen) falsch liegt. Geärgert hat mich das, weil ich glaube, dass die unreflektierte Verwendung des Begriffs Diebstahls nicht richtig und dass die darauf aufbauende moralische Diskussion nicht zielführend ist.

2. Erstaunen
Trotz dieser sprachlichen Ungenauigkeit in dem Text argumentiert dieser nicht realitätsfern. Er stellt fest, dass „ausgerechnet das Internet neuerdings vielversprechende Geschäftsmodelle“ eröffne und zieht aus der Diebstahl-Annahme nicht den Schluss, die Vertreter der Null-Euro-Fraktion zu verdammen oder zu beschimpfen. Das hat mich positiv erstaunt – weil ich es nach der merkwürdigen Überschrift nicht erwartet hätte.

3. Erschütterung

Beendet habe ich die Lektüre des Textes dennoch mit nachhaltiger Erschütterung, denn in seiner gewählten Sprache bleibt er dann doch verräterisch. Zwar benennt er Argumente für diejenigen, die da auf die Straße gegangen sind. Er sagt aber sehr klar: Das sind nicht wir, das sind nicht die Leser dieser Zeitung, das sind die anderen. Konkret steht in dem Text – mit Bezug auf die Acta-Demonstranten:

Man kann mit denen jetzt hin und her diskutieren, welche Seite moralisch und juristisch recht hat. Man kann sich aber auch den Ärger sparen.

Im Kontext folgt dann der Hinweis darauf, dass sie womöglich doch bereit sind für Inhalte zu zahlen. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir um den Tonfall, der aus dem „mit denen“ und dem „hin und her diskutieren“ klingt. Dieser Tonfall schließt aus. So wie es den Cover-Themen der Zeit immer häufiger gelingt, einzuschließen („dieses Problem betrifft mich auch, ich gehöre dazu“), zeigt dieser Tonfall, wer eben nicht dazu gehört: die da. (Mal abgesehen davon, dass der „Ärger“ des Rumdiskutierens vielleicht gerade das ausmacht, was jetzt dringend notwendig ist: eine Debatte um ein zukunftsfähiges Urheberrecht)

Vielleicht ist dies lediglich ein sprachliches Detail. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Hinweis auf einen großen Bruch. Ein Zeichen dafür, dass die zumeist jungen Acta-Demonstranten hier offenbar keine publizistische Heimat haben. Dass man hier ihre Sprache nicht spricht (Raubkopierer), dass man sich hier von ihnen distanziert und sie (noch?) nicht als relevanten, gleichwertigen Debattenteilnehmer akzeptiert.

Die FAZ hat dieser Tage eine ganze Generation ausgerufen und den Text mit den Worten geschlossen:

Diese Geschichte begann mit einem Gesetz. Sie endet mit einer Revolution: Gegen die Twitter-Generation geht künftig nichts mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Prognose nicht nur auf die politische Debatte zu beziehen, sondern auch auf die publizistische. Wenn das keine Herausforderung ist – nicht nur für die Zeit.

Warum heißen die eigentlich Piraten?

Beides hätte im Sommer 2006 vermutlich niemand geglaubt: dass es Piraten bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2011 mit fast 9 Prozent der Stimmen ins Parlament schaffen nicht und schon gar nicht, dass im Anschluss ein Vertreter in einer TV-Talksendung über alles befragt wird, aber nicht über den Namen seiner Partei. Am Mittwoch abend vertrat Christopher Lauer, Neumitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, seine Partei sehr ordentlich im Fernsehen. Er scherzte ein wenig, verstrickte sich in eine Debatte übers fahrscheinlose Nutzen des Nahverkehrs in der Hauptstadt und wurde großmütterlich und großväterlich begutachtet. Er gab ein gutes Bild ab und die Vertreterinnen und Vertreter der ständig zitierten „etablierten Parteien“ halfen ihm dabei.

Als zum Jahreswechsel 2006 der Schwede Richard Falkvinge (der hier übrigens begeistert über die Wahl am Wochenende geschrieben hat) in Stockholm die erste Piratenpartei der Welt gründete, tat er das auch aus Protest gegen die „etablierten Parteien“. Er begründete seinen Schritt aber vor allem mit der Nutzung des Netzes:

Eigentlich lädt jeder jeden Tag illegal Musik oder Filme aus dem Internet, ohne jedes Unrechtsbewusstsein. Davon haben die heutigen Politiker keine Ahnung, es existiert ein großer kultureller Graben innerhalb der Gesellschaft. Es war diese Kriminalisierung weiter Bevölkerungsgruppen, die mich letztlich zum Handeln bewegte.

Die damals sich in Gründung befindende deutsche Piratenpartei schrieb zu dem Zeitpunkt auf ihrer Website:

Das Bild des Piraten ist auch ein Symbol für Menschen, die teilweise ungerechtfertigt in die Illegalität gedrängt wurden. Genau das kommt heute im ,virtuellen’ Bereich verstärkt vor. Darum nennen wir uns ebenfalls Piraten. Die Piraten der Piratenpartei wollen sich nicht persönlich bereichern, schon gar nicht auf Kosten anderer. Aber wo es um ,geistige Werte’ geht, ist das Teilen gar nicht so schwer. Geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen. Daher trifft die Gleichsetzung ,geistiger Wert’ = ,realer Wert’ gar nicht zu, der uns über Sinnbilder wie das des Piraten eingeprägt werden soll.

Anne Will nutzte den Namen am Mittwoch für zahlreiche merkwürdige Wortspiele, auf die naheliegende Frage: „Warum heißt Ihr eigentlich so?“ kam sie hingegen nicht. Überhaupt sprach niemand in der Runde übers Urheberrecht und über Freiheit im Internet sprach einzig Peter Altmaier von der CDU, der sich dann dafür lobte, dass seine Partei das Netzsperrengesetz nun abgeschafft hat, das sie sich selber ausgedacht hatte.

Es geht mir nicht darum, dass der Begriff „Netzpolitik“ durch Talkshows getragen wird. Es geht mir um das sperrige Thema Urheberrecht. Die oben beschriebene Kluft hat seit 2006 noch zugenommen. Es ist nicht einfach, das in einer Talkshow zu thematisieren, aber sicher zielführender als die lähmende Debatte über den öffentlichen Nahverkehr in Berlin zu befeuern.

Wenn ich die Idee der Piratenbewegung richtig verstanden habe, geht es darum, denjenigen eine Stimme zu geben, deren Alltag anders geprägt ist als jener der Parlamentarier, die im Kontakt mit Wirtschaftsvertretern die Frage erörtern, wie man mit Inhalte im Netz umzugehen habe. Es geht darum, die Raubkopierer, Downloader und – ja genau – Piraten ins Parlament zu bringen. Wenn das vor lauter Augenklappen-Metaphorik und Protestwahl-Geplapper aus den Augen verloren wird, würde damit auch ein wichtiger Bestandteil der Piratenbewegung verloren gehen: ihr Name.

Piraten, Kopieren und der aktive Rezipient

Die Piratenpartei hat seit dem Wochenende einen neuen Vorsitzenden: Sebastian Nerz hat Zeit Online ein interessantes Interview gegeben, das man dort auf seine Aussage zugespitzt hat, bei der Bundestagswahl 2013 fünf Prozent erreichen zu können. Viel spannender finde ich seine Antwort auf die Frage nach dem Gesellschaftsbild der Piraten. Nerz sagt …

Früher war es völlig normal, dass man von Kriegen Tage später gehört hat, heute hat man eine halbe Minute später ein YouTube-Video. Das bedeutet auch, dass die Menschen stärker gewohnt sind, ihre Meinung zu sagen. Man wartet nicht mehr darauf, dass sich ein Experte, eine Zeitung sich dazu äußert, sondern loggt sich in seinem Lieblingsforum ein.

… und fokussiert damit sehr viel stärker als ich es von den Piraten bisher wahrgenommen habe, die Ausrichtung der Partei auf ein Phänomen, das ich hier häufiger als aktiven Rezipienten beschrieben habe. Die Nutzung der digitalen Kopie ist dabei nur eine Ausprägung dieser Aktivierung. Das ist insofern spannend, weil bei der Gründung der Piraten-Bewegung (und im Namen) diese sehr zentral stand.

Nerz Vorgänger Seipenbusch hatte bei seiner Ankündigung, bei der Wahl zum Bundesvorsitz nicht mehr kandidieren zu wollen, den Schwerpunkt noch etwas anders gesetzt. Er schrieb:

Die Globalisierung des Wissens und der Kultur der Menschheit durch Digitalisierung und Vernetzung stellt deren bisherige rechtliche, wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen ausnahmslos auf den Prüfstand. Nicht zuletzt die falschen Antworten auf diese Herausforderung leisten einer entstehenden totalen und totalitären, globalen Überwachungsgesellschaft Vorschub. Die Angst vor internationalem Terrorismus lässt Sicherheit vor Freiheit als wichtigstes Gut erscheinen – und viele in der Verteidigung der Freiheit fälschlicherweise verstummen.

Informationelle Selbstbestimmung, freier Zugang zu Wissen und Kultur und die Wahrung der Privatsphäre sind die Grundpfeiler der zukünftigen Informationsgesellschaft. Nur auf ihrer Basis kann eine demokratische, sozial gerechte, freiheitlich selbstbestimmte, globale Ordnung entstehen.

P.S.: Hier übrigens das MP3 zum Kommentar von Volker Pispers, der eine Parallele zwischen FDP und Piraten erkennt.

Die taz und die Piraten

Ob die Piratenpartei Musik als Kulturgut wertschätzt, ob sie überhaupt einen Kulturbegriff hat, konnten ihre Vertreter nicht erklärlich machen. Einer der Ihren, der Filmrechteanwalt Patrick Jacobshagen, forderte etwa dazu auf, das Urheberrecht zeitlich stark zu begrenzen und das Zitatrecht auszuweiten. Wer also sein Kreuz für die Piraten macht, muss sich darüber im Klaren sein, dass dann in Zukunft zum Beispiel Songs von Die Ärzte unbehelligt auf Nazidemos gespielt werden dürfen.

Dieses Zitat stammt aus dem taz-Artikel Leben und leben lassen von Julian Weber über die Konferenz all2gethernow. Mal abgesehen davon, dass das Argument, einzig ein langes und restriktives Urheberrecht hindere Nazis daran, Ärzte-Songs zu spielen, sehr merkwürdig daher kommt: Webers Artikel wirft ein ganz neues Licht auf die unlängst in nettime diskutierte Frage, welche Rolle die taz bei der Berichterstattung über die Auftritte führender Piratenpartei-Vertreter in der Jungen Freiheit gespielt hat. Dort hieß es:

It should be noted that this „affair“ has been mostly cooked up by the newspaper „die tageszeitung“ („taz“) and has the funny smell of a political smear campaign. The editor covering the German Pirate Party, Julia Seeliger, recently joined the paper after having being a national council member of the German Greens, the party most likely to lose votes to the Pirates.

Denn alle mögliche Parteinahme für die Grünen (auf Kosten der Piraten) wird durch die falsche Erwähnung zunichte gemacht, Grünen-Vorstandsmitglied Malte Schmidt befürworte Netzsperren („Demgegenüber wollte Malte Schmidt aus dem Bundesvorstand der Grünen die in Frankreich bereits praktizierte „Three-Strikes-Regelung“ als Ideallösung verkaufen“). Schmidt hat in seinem Blog bereits darauf hingewiesen, dass dies nicht stimmt. Dort heißt es:

Ich lehne die Three Strikes Pläne aus Frankreich klar ab, habe dies schon im letzten Jahr so vertreten, und auch am vergangenen Mittwoch bei der Diskussion. Andere Diskussionsteilnehmer haben mir dies auch noch einmal bestätigt, man kann sich ja einmal versprechen, dies war aber nicht der Fall. Die taz und der zuständige Redakteur wissen Bescheid und ich hoffe das dies bald korrigiert wird.

Bisher (Stand kurz nach 11 Uhr am 21.9.) ist dies nicht geschehen und für die gedruckte Ausgabe ist es ja ohnehin unmöglich …