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Die Piraten kommen (aus dem Archiv)

10jahrepiraten

Heute ist es zehn Jahre her, dass in der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel „Die Piraten kommen“ ein Übersichtstext über die damals noch junge Piratenbewegung erschien (illustriert von Dirk Schmidt). Wenige Monate zuvor hatte Rick Falkvinge in Schweden die erste Piratenpartei der Welt ins Leben gerufen – und in Deutschland formte sich eine Bewegung, die damals noch unter dem Label PPD (Piratenpartei Deutschlands) lief und später durch zahlreiche als -gates bezeichnete Skandale für Aufmerksamkeit sorgte. Hannah Beitzer hat das Ende 2013 sehr lesenswert zusammengefasst.

Als (bisheriger?) inhaltlicher Höhepunkt der Piratenbewegung dürfte neben dem Einzug in einige Landesparlamente die Tatsache gewertet werden, dass es ihr durch zahlreiche Demostrationen im Februar 2012 gelang, das Thema Urheberrecht nicht nur zur ersten Meldung der Tagesschau zu machen – sondern auch in die Mitte der politischen Auseinandersetzung zu rücken. Im Frühjahr 2012 debattierte das Land – emotional wie nie zuvor – über das Urheberrecht. Diese Debatte scheint heute eine Ewigkeit entfernt zu sein. „Wir sind Urheber“-Aktionen finden heute selbst dann nicht mehr statt, wenn Juristen das Urheberrecht für ihre Zwecke Umsätze verdrehen.

Dabei ist das Hauptthema der Piraten allerdings weiterhin relevant. Daran erinnert beständig eine Frau, von deren Position diejenigen, die vor zehn Jahren Auslöser für den zitierten Zeitungsartikel waren, nur träumen konnten: Julia Reda, die 29-Jährige sitzt für die Piratenpartei im Europaparlament.

PS: Ebenfalls zehn Jahre her: Mein Twitter-Selbstversuch

Zeit für naive Politik

Ich war noch niemals im Kanzleramt. Aber in New York war ich schon mal. Das ist mehr als eine blöde Songreferenz. Beim Besuch eines Flohmarkts in der Lower East Side habe ich nämlich mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Yo Ho! Yo Ho! A Pirates Life for me“ erworben. Es war das einzige Kleidungsstück, das ich jemals auf einem Flohmarkt in New York erworben habe. Dass ich es jetzt wieder rauskrame, liegt im weitesten Sinn an Edward Snowden und den von ihm öffentlich gemachten Überwachungen.

Diese unfassbaren Enthüllungen werden ständig gesteigert, rufen aber bei manchen Leuten eine merkwürdige Form der Realpolitik hervor. Exemplarisch für diese Form von abgeklärtem Desinteresse an den Angriffen auf unsere Grundrechte meldete sich vergangene Woche Otto Schily zu Wort und kritisierte das Getöse, das um Snowdens Enthüllungen gemacht werde. Der Mann ist ehemaliger Innenminister und macht allein deshalb mit solchen Aussagen mehr Angst als dass er beruhigt. Und nebenbei liefert er damit die Antwort auf die Frage, warum die Opposition so wenig aus diesem Prism-Skandal und möglichen Verwicklungen der Regierung macht: Sie war auch mal in der Regierung.

Womit wir wieder beim T-Shirtaufdruck und dem Kanzleramt sind. Das Shirt ist weit vor dem Aufkommen der Piratenbewegung gekauft worden, aber sicher ist: Auch die deutsche Piratenpartei war noch nie im Kanzleramt. Ihr fehlt es an gestandenen Realpolitikern, die um die Notwendigkeiten und Zwänge der internationalen Diplomatie wissen. Woran es ihr nicht fehlt: an Menschen, die glaubhaft gegen das Abhören digitaler Kommunikation kämpfen. Der jetzt.de-Kollege Christian Helten hat in der vergangenen Woche Katharina Nocun getroffen und für die morgige Ausgabe der SZ porträtiert. Sie ist Geschäftsführerin der Piratenpartei und wer den Text liest, bemerkt schnell: Katharina Nocun ist der Grund für das, was Otto Schily Getöse nennt. Die Frau ist richtig wütend.

Das mögen die Realpolitiker aus der ehemaligen und aktuellen Regierung für naiv halten. Aber genau diese Naivität, die der Piratenpartei lange als Malus vorgehalten wurde, könnte im Endspurt des Bundestagswahlkampf ihr Alleinstellungsmerkmal werden: Sie könnten völlig naiv an den Wert der Grundrechte erinnern und genauso naiv Maßnahmen fordern, um diese einzuhalten. Grund genug gibt es ja.

Sascha Lobo schreibt in der FAZ an Christopher Lauer

Oh, da dachte man die Debatte um Christopher Lauers Abschied von Twitter sei beendet, da biegt die FAZ um die Ecke und fährt Sascha Lobo auf, der einen Brief an Christopher Lauer schreiben darf (nicht online). Darin enthalten: eine treffene Beschreibung von dessen Möglichkeiten und ein paar Anmerkungen über die Macht der Dialog-Medien. Das Fazit:

Die konkreten Argumente aber, die Christopher Lauer zur Begründung seines Abschieds vorgebracht hat, müssen jedem seltsam bekannt vorkommen, der die Internetdebatten der vergangenen Jahre verfolgt hat. Die angebliche Irrelevanz Twitters, die scheinbar vertane Zeit, die Irritation darüber, dass dort jeder ohne redaktionelle oder andere Filter publizieren kann – Lauer verwendet bis in die einzelnen Formulierungen hinein exakt die klassischen Standardargumente der Internetskeptiker. Und diese Erkenntnis birgt Sprengkraft. Denn das bedeutet, dass die emotionale Ablehnung sozialer Medien keine Frage mangelnden Wissens sein muss, sondern eine Frage des Gefühls, mit dem man der digitalen Welt und den Menschen darin gegenübertritt.

Das ist jetzt in der Tat nicht so neu, dass es aber ausgerechnet in der FAZ steht, ist dann doch wieder eine schöne Wendung dieser Diskussion.

Dynamisch und ohne Twitter

Zum Glück habe ich heute nicht so viel getwittert. Ich hatte also Zeit, die Kommentare unter dem Text zu lesen, den Christopher Lauer in die FAZ getwittert hat, wie Stefan Niggemeier diesen Beitrag beschreibt, der in der Zeitung erscheint, die „dahinter“ immer einen klugen Kopf vermutet.

Darin erklärt Christopher Lauer, Twitter sei für ihn gestorben. Die Begründung liegt irgendwo zwischen Mimimi, merkwürdigem Effizienz-Verständnis und dem Wunsch in der FAZ etwas zu schreiben, das Kommentare hervorruft wie:

Für mich wurde Twitter erst gar nicht geboren ebenso wie facebook, SMS und andere „Soziale Netzwerke“. Und die Bilanz nach Jahren? Ich habe viel mehr Zeit gewonnen

Oder

Ich kenne keinen, der twittert. Schreibe lieber Leserkommentare :-) … Twittern schien mir immer eine Beschäftigung von B-Promis oder B-Politikern zu sein.

Mal abgesehen davon, dass es in Sachen Lauer-Effizienz unerhört lange dauert, diese Kommentarierung auf faz.net überhaupt aufzuklappen (in der Zeit hätte man im Fernsehen ganze Zeitungsseiten aufklappen können und Millionen Menschen hätten es bemerkt), zeigt diese Zustimmung vor allem eins: Es scheint wichtiger sein, eine Meldung zu produzieren („Pirat verlässt Twitter“) als sich die Frage zu stellen, von wem man dafür Zustimmung erntet. Der im Kern ja nun wirklich belanglose Beitrag heute (ein Landtagsabgeordneter erklärt öffentlich sein Unvermögen, eine Kulturtechnik anzuwenden), ist vor diesem Hintergrund als unerfreulicher Rückschritt in Sachen digitale Spaltung zu lesen: Christopher Lauer bedient ungebeten und ohne Notwendigkeit die Skepsis und die Arrogranz derjenigen, die keine Lust haben, sich intensiver mit den Folgen der digitalen Veränderung zu befassen. Twitter ist dabei nur ein Symbol für ,facebook, SMS und andere „Soziale Netzwerke“‘ wie es im oben zitierten Leserkommentar bei der FAZ heißt. Wäre die Metaphorik des eine Idee „an die Wand fahren“ nicht schon hinlänglich bedient worden, man könnte sie hier zitieren.

Dass dieser Reflex dann auch noch mit kapitalistischen Ertragskriterien begründet wird, ist doppelt schade. Denn wenn derjenige, der gerade noch als Troll des Jahres ausgezeichnet wurde, sich wenige Wochen später beschwert, das koste ja alles soviel Zeit, dann muss die Frage erlaubt sein, ob das denn wirklich an Twitter liegt. Zudem gilt noch immer: Wer behauptet Twitter koste Zeit, hat da was falsch verstanden.

Eine Folge des getwitterten FAZ-Beitrags kann man übrigens in der morgigen Abendzeitung nachlesen – auf deren Titelzeite wird Christopher Lauer neben der Biene Maja zu seinem Twitter-Ausstieg beglückwünscht. Die Biene hingegen bekommt Mitleid weil sie künftig nicht mehr „süß-pummelig“ sein darf, sondern „dynamisch-schlank“.

Der Journalist als Akteur

„Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert“, begann ich im November einen Eintrag über die Piraten im Spiegel. Damals ging es um die Blogeinträge von Marina Weisband und Merlind Theile und die Frage, wie deren Gespräch in einem Cafe in Münster nun genau gelaufen sei. Der Fall illustriert eine neue Anforderung an gegenwärtigen Journalismus: sich erklären, selber auftreten und Akteur werden. Im zitierten Fall ging es dabei darum, abseits des klassischen Artikels zu kommunizieren.

Diese Woche könnte man wieder einen Eintrag mit den Worten beginnen: „Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert“. Fortsetzen muss man diesen Satz diesmal mit dem Bezug auf den Der Herrenwitz betitelten Text aus der aktuellen Ausgabe des Stern.

Dazu ist bereits sehr viel geschrieben worden. Von inhaltlichen Bewertungen und Zustimmung über die lediglich von der Sache ablenkende Frage des Zeitpunkts der Veröffentlichung bis hin zu einem eher missglückten Verkaufstext im Netz, der in einer ersten Version einen Bezug zu Brüderles Ehefrau herstellte.

Mich treiben nach der Lektüre des Textes und seiner Folgen zwei Fragen um: Zum einen wundere ich mich, warum im Stern nicht erwähnt ist, welche Stellungnahme die FDP bzw. Rainer Brüderle zu dem Text hat. Ist er nicht gefragt worden? Gehört das nicht zum journalistischen Handwerk?

Zum zweiten frage ich mich, was es bedeutet, wenn eine Journalistin in der Form persönlich die Bühne betritt und selber zum Beleg ihrer Geschichte wird? Wie verändert dies das Rollenbild? Welche (Schutz-)Funktion kommmt dabei dem Medienhaus zu? Und welche neuen Anforderungen erwachsen daraus für die Journalistin? Hinzu kommt die Tatsache, dass Laura Himmelreich – anders als Annett Meiritz unlängst auf Spiegel Online – nicht nur ein Prinzip kritisiert, sondern eine konkrete Person angeht.
Dabei geht es mir ganz und gar nicht um die Frage, ob dies berechtigt ist. Mir geht es darum, dass sich hier gerade etwas verändert in Bezug auf unseren Beruf. Vor fünfzehn Jahren wäre dies vermutlich so nicht möglich gewesen – technisch nicht und auch nicht aus dem Selbst- und Fremdverständnis der Medien. (Wer dazu mehr wissen will: Kurt Vonnegut hat Zeitungsjournalisten mal als „freaks in the world of writers“ bezeichnet, weil ihnen beigebracht werde, nichts von sich selber preis zu geben)

Laura Himmelreich hat auf Anfragen auf Twitter geantwortet. Überall – sogar in der mit dem durchaus fragwürdigen Sprachbild „kein Freiwild“ überschriebenen Antwort des Stern-Chefredakteurs – wird Laura Himmelreichs Twitter-Account verlinkt, es ist ihr Rückkanal für Nachfragen. Sie hat mit dem Deutschlandradio gesprochen und sich erklärt. Der zentrale Ansprechkanal ist aber Twitter. Wie lernt man, diesen zu bedienen? Welche Möglichkeiten kann man dort nutzen? Welchen Zwängen ist man ausgesetzt?

Ich glaube, dass der Fall in all diesen Bereichen notwendige und spannende Fragen aufwirft. Diese betreffen Selbstbild und Auftreten von Journalisten in einer sich wandelnden Öffentlichkeit. Darüber sollte man reden. Zunächst aber scheint eine Debatte über alltäglichen Sexismus ins Rollen gekommen zu sein, die überfällig ist.
Dass es dabei keineswegs nur um Rainer Brüderle geht, ist mir bei einem Blick in die Statistiken dieses Blogs aufgefallen. Dort tauchen immer wieder Suchanfragen auf, die zu einem Artikel aus dem Jahr 2010 führen. Dieser ist mit der Überschrift „Nackt auf dem Stern“ versehen und offenbar suchen Menschen nach diesen Worten.

Was sie dann finden? Den Hinweis auf die Cover-Gestaltung zum Thema „Vorsorge und Früherkennung“ bei einem bekannten deutschen Magazin. Zu sehen ist da eine nackte Frau, die verträumt (schlafend?) sich selbst mit einem Stethoskop untersucht. Das Magazin heißt übrigens stern.

Ebenfalls zum Thema Normal ist das nicht! bei kleinerdrei, Kein Kompliment, sondern eine Demütigung! bei Publikative, Ich hab keine Worte mehr… bei Frau Dingens

Piraten im Spiegel

Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert, muss nachlesen, was Marina Weisband in ihrem Blog und Merlind Theile im Spiegelblog schreiben. Thema der Auseinandersetzung ist eine Die gute Fee betitelte Geschichte aus dem aktuellen Spiegel, von der ein Anreißer auf Spiegel-Online zu finden ist.

Kern der Debatte ist die Frage, ob Zitate so gesagt wurden wie sie der Spiegel gedruckt hat oder nicht.

Im Randbereich dieser Auseinandersetzung steht aber eine für Journalisten erstaunliche Frage: die Arbeitsweise von Merlind Theile ist plötzlich Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Die, die bisher über andere berichteten, werden plötzlich selber zum Gegenstand der Berichterstattung. Plötzlich müssen sie sich erklären.

Wobei das Wort plötzlich hier natürlich völlig falsch ist. Denn die Rede davon, dass sich Autoritäten neu begründen müssen (fragen wir mal bei Lehrern oder Ärzten nach) ist ja keineswegs plötzlich über uns gekommen. Der Fall der Piraten im Spiegel ist lediglich das vermutlich erste große Beispiel für das, was Stefan Niggemeier Ende September in seinem Beipackzettel zum SPIEGELblog so beschrieb:

Ich glaube, dass kein Medium heute mehr so tun kann, als sei es unangreifbar. Im Gegenteil: Es muss sich angreifbar machen. Journalisten müssen vom Podest heruntersteigen, zugänglich werden und mit ihren Lesern ins Gespräch kommen. (…) Ein Medium wie der »Spiegel« kann seine Autorität heute nicht mehr dadurch beweisen, dass es aus der Position des Wissenden Behauptungen aufstellt.

Merlind Theile hat sich heute jedenfalls einen Twitter-Account angelegt (UPDATE nach mehrfachem Hinweis auf Twitter: der Account existiert schon länger, musste gestern aber von der Redaktion überprüft werden.) und zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Das ist gut, wenngleich es die relevanten Fragen nicht umfassend beantwortet.

Weisband sagt so, Theile sagt so.

Wessen Version näher an der Wahrheit ist, bleibt (man kann die Kommentare in beiden Blogs in großer Zahl nachlesen) Stoff für Spekulationen, die sich aus Mangel weiterer Dokumentation auf die Intentionen der beiden Akteure beziehen. Das ist wiederum für beide Diskutanten kein gewinnbringendes Feld.

Völlig egal, wie die Debatte ausgeht, sicher ist schon jetzt, dass journalistisches Arbeiten nicht hinter diesen Punkt zurückgehen wird. Journalisten, die die Aufmerksamkeit ihrer Leser erlangen und erhalten wollen, müssen mehr als bisher begründen, warum sie arbeiten wie sie das tun. Sie müssen mehr als bisher transparent machen wie sie arbeiten, dokumentieren woher sie Zitate haben und auf welche Quellen sie sich stützen. Dass das einfacher klingt als es in Wahrheit ist, hat Stefan Niggemeier in seinem Beipackzettel in Bezug auf diejenigen beschrieben, die

jahrzehntelang bestens damit gefahren (sind), sich nicht zu erklären, sondern die Haltung auszustrahlen: Unsere Arbeit spricht für sich selbst.

Um herauszufinden, was dieses transparentere Arbeiten bedeutet, muss man sich lediglich vorstellen, welche Wendung die Debatte nehmen würde, könnte eine der beiden Diskutantinnen eine Tonaufnahme aus dem Münsteraner Cafe präsentieren.

Merlind Theile beendet ihren Blogeintrag mit einem unnötigen Seitenhieb ausgerechnet auf die Transparenz-Bemühungen der Piraten:

Die Piraten dagegen wollten Transparenz, das heißt auch: Ein Politiker sagt, was er denkt und steht dazu. Kein Abwägen der Worte, keine Schreibverbote. Dass Marina Weisband und viele andere Piraten inzwischen dazu übergegangen sind, ihre Sätze im Nachhinein ebenfalls absegnen oder gar korrigieren zu wollen, zeigt, wie stark sich die Partei inzwischen den Regeln des etablierten Systems angepasst hat. Das ist zwar schade, aber in gewisser Weise nachvollziehbar.

Mal abgesehen davon, dass es für den aktuellen Fall völlig unerheblich ist, bezieht sich die vermutlich wichtigere Schlussfolgerung aus diesem ganzen Fall gar nicht auf die Piraten, sondern auf Journalisten: Sie werden künftig zu einem transparenteren Arbeiten angehalten sein.

Mehr zu dem Thema bei Sueddeutsche.de, stern.de, Meedia – und in Kathrin Passigs Facebookstream.

Meine ungebetene Laudatio auf den Troll des Jahres

Ich glaube ich habe Christopher Lauer noch nie persönlich getroffen. Und doch bilde ich mir ein, ihn besser zu kennen als viele Menschen, die mir regelmäßig über den Weg laufen. Christopher Lauer ist am Wochenende als Troll des Jahres ausgezeichnet worden, ich nehme das zum Anlass, eine ungebetene Laudatio auf ihn zu halten (und ein klein wenig über Trolle zu sagen)!

Die Jury zeichnet Christopher Lauer aus „weil er wie kein zweiter die Werkzeuge eines Trolls aus dem ef-ef beherrscht.“ Das ist als Lob gemeint, wie man in der Begründung nachlesen kann. Trollen wird darin nämlich durchaus als positive Tätigkeit interpretiert. Man lobt Lauer dafür …

dass er nicht nur in der Lage ist, die positive Kunst des Trollens gegenüber Dritten anzuwenden; Er zeigt auch, dass er selbst über eine solide Trolleranzgrenze verfügt und offenbart so noch größere Erfahrung als Troll.

heise berichtet über andere Trolle, mit denen sich die Jury ebenfalls befasst habe:

Auf die Plätze verwiesen hatte er die ebenfalls nominierte Redaktion der Satire-Zeitschrift Titanic, Kim Dotcom alias Kim Schmitz und die FDP. Diese hätten durch ihre positiven Trollereien anderen einen Spiegel vorgehalten und die gesellschaftliche Diskussion so schneller vorangebracht als es mit traditionellen Diskurstechniken möglich wäre.

Vor dem Hintergrund der Meldungen über Trolle aus dem angelsächsichen Raum aus den vergangenen Tagen kann man durchaus die Frage stellen, ob die Bezeichnung des Trollens hier angemessen verwendet wird. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um die Troll-Erfahrung von CommodoreSchmidtlepp, die dieser wie kein zweiter beherrsche. Als ich das las, kam in mir zuerst die Frage auf: Warum erhält er den Preis erst jetzt? Und warum nicht fürs Lebenswerk? Und dann bekam ich kurz Angst, denn ich befürchte zu wissen, wo er die genannten Fähigkeiten vermutlich auch erlernt hat: in Debatten mit jetzt.de-Kollegen und womöglich auch mit mir.

„Heul nicht, so ist das Game Nutte“, hat Christopher Lauer auf seine Profilseite CommodoreSchmidtlepp auf jetzt.de geschrieben. Diese hat er im Oktober 2003 angelegt und nach meinem Gefühl hat er seit dem zahlreiche sehr intensive Debatten mit anderen Nutzern aus dem jetzt-Kosmos, aber vor allem auch mit der Redaktion (Transparenz-Hinweis, die ich leite) geführt. „CommodoreSchmidtlepp war einer der hartnäckigeren Trolle der jetzt.de-Redaktion“, sagte ich Kollegen, die nach der historischen Anne-Will-Sendung (die mit dem fortan twitternden Peter Altmaier und der Internet-einschaltenden Bärbel Höhn) voll des Lobes für den jungen Mann waren, der dort so wort- und mimikreich diskutierte. Übrigens einer, der im Jahr 2009 in einem Gastbeitrag schrieb:

Es ist sogar möglich, dass ich im Zusammenhang legaler Downloads zum ersten Mal bei jetzt.de von den Piraten erfahren habe, damals hielt ich sie für eine Spaßpartei mit unausgegorenen Zielen.

Ich will dieses Lob nicht schmälern, ich kriege nur diesen Satz mit der Nutte nicht aus meinem Kopf, wenn ich Christopher Lauer sehe. Klar, ist die Identität des CommodoreSchmidtlepp nicht Christopher Lauer, aber er hat – und dafür ist er ja offenbar auch ausgezeichnet worden – Teile davon fortgeführt (wie zum Beispiel der verifizierte Twitter-Account Schmidtlepp nahelegt). Und natürlich wirkt dieser Satz mit der Nutte anders, wenn man sich ihn im Berliner Abgeordnetenhaus oder auf großer TV-Bühne denkt. In diesen Kontexten, für die die Jury ihn ausdrücklich lobt, steckt in ihm vermutlich genau das, was die Jury „die positive Kunst des Trollens“ nennt. Es ist eine Form netzaffiner Satire möchte man meinen (vor allem vor dem Hintergrund der anderen Trolle, mit denen die Jury sich befasste). Der Satz und die Haltung bekommt jedoch einen ganz anderen Kontext, wenn man ihn sich im tägliche Kleinklein von Foren-Debatten vorstellt. Oder noch eher vor schwächeren Menschen, die auf derlei Konfrontation nicht vorbereitet sind, weil sie einfach nur privat im Netz surfen (womit natürlich nicht die Redaktion gemeint ist). Hier besteht das floskelhafte Spiegelvorhalten, von dem die Jury spricht, aus einem Spiegel, auf den boshafte Beleidigungen gemalt sind, die sich auf denjenigen beziehen, der sich dort anschauen soll.

Wer über das Trollen spricht und in ihm offenbar positive Seiten erkennt, darf diese zweite Ebene nicht ausblenden, oder wie map es auf Twitter nannte:

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Christopher Lauer in dieser Form getrollt hätte. Es war eher ein Aufbegehren gegen eine vermeintliche höhere Macht, gegen die Redaktion, die Zeitung, das gesamte Medienwesen. Es war anstrengend und in manchen Fällen demotivierend, aber vielleicht war es tatsächlich für etwas gut. Die Hitze, die man in Internet-Gefechten verspürt, kühlt ab und man kann irgendwann sagen, den Troll des Jahres zu kennen. Diese in Wahrheit nur halb tolle Aussicht gilt sicher nicht für alle, die gerade in mühevoller Kleinarbeit ihre Trolle in Foren und Communitys pflegen. Für alle (die im übirgen auch mal einen Preis verdient hätten) gilt aber der Teil mit dem Abkühlen.

Deshalb verstehe ich den Preis, zu dem ich Christopher Lauer auf beiden Ebenen gratuliere, als Ansporn für das, was Sascha Lobo mal eine vernünftige Beleidigungskultur im Netz genannt hat! Dafür bist du jetzt ein wichtiges Vorbild, Commodore Schmidtlepp. Ich hätte es auch nicht gedacht, aber so ist das Game!

P.S.: Aktuell trollt Christopher Lauer (im Sinne des Preises) übrigens den SPD-Kanzlerkandidaten: steinbrueckseinkuenfte.de


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Worum gings nochmal in der Urheberrechts-Debatte?

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass ich mich in diesem Blog gefragt habe: Warum heißen die eigentlich Piraten? Man mag es nicht glauben, dass es erst ein Jahr her ist, dass vor lauter Neu-Euphorie der Premieren-Parlamentarier in Berlin die Frage nach einem modernen Urheberrecht in den Hintergrund gedrängt wurde. In diesem Jahr wurden die Piraten nicht nur zum Urheberrechts-Raub-Feindbild – inklusive Regener-Wut. In diesem Jahr sorgten auch Acta-Proteste und das spätere Scheitern im Europaparlament für eine ganz neue und ganz andere Dimension der Urheberrechtsdebatte.

Leider scheint uns diese Debatte – trotz aller Aufregung – nicht näher an eine Lösung des Problems gebracht zu haben, vor das uns die digitale Kopie stellt. Statt ernsthaft über die grundlegenden Fragen des Immaterialgüterrechts zu debattieren, wird ausführlich der Frage nachgegangen, ob Marina Weisband und Julia Schramm ein Buch veröffentlichen dürfen oder nicht.

Dabei ist die Antwort so erschreckend einfach: Es ist völlig egal.

Denn natürlich spielt es eine untergeordnete Rolle, ob die Teilnehmer einer Klimakonferenz diese per umweltschädlichem Langstreckenflug erreichen oder umweltfreundlich auf dem Rad. Wichtig ist die Frage, ob sie auf dieser Konferenz die richtigen Fragen stellen und Antworten darauf suchen. Diese ergeben sich meiner Meinung nach aus den zwei Erkenntnissen, die ich hier schon mal notiert habe: Die digitale Kopie wird nicht verschwinden, sie ist vielmehr bereits Realität.

Jede Urheberrechtsdebatte, die eine Lösung finden will, muss hier ansetzen und die Frage stellen: Wie können Geschäfts- und Gesetzesmodelle beschaffen sein, die mit der digitalen Kopie funktionieren und nicht gegen sie?

Die erste Frage, die sich daraus ergibt, ist viel einfacher als alle Piratenpapiere, die jetzt herumgereicht werden. Sie lautet: Sind wir als Gesellschaft bereit, die hohen sozialen Kosten zu tragen, die aus der misslichen Situtation der fortgesetzten Abmahnungskultur ergeben? Damit meine ich nicht nur den schon lange nicht mehr nur schleichenden Legitimationsverlust des Urheberrechts. Ich meine damit auch das Verhältnis, das sich zwischen Öffentlichkeit und Künstlern entwickelt. Frank Schirrmacher hat dies bereits im Mai fragend auf den Punkt gebracht:

Was erwartet ein Autor, ein Sänger, ein Denker, wenn die erste Begegnung mit seinem Werk im Leben eines Menschen damit endet, dass er in seinen Sommerferien jobben musste, um 1200 Euro Strafe zu bezahlen?

Zentrales Anliegen in der Urheberrechtsdebatte muss es deshalb meiner Meinung nach sein, eine Lösung dafür zu finden, dass Menschen plötzlich Inhalte vom Datenträger lösen und auf anderen Wegen verbreiten können als die Urheber und Verwerter es sich wünschen. Wie wollen wir damit umgehen? Glauben wir wirklich, dass dies weiter über Repression und härtere Strafen geregelt werden kann?

In der Antwort auf diese Frage sollte sich die Gesellschaft scheiden – in die, die der Meinung sind, dass man härter strafen soll und in die, die andere Lösungen finden wollen. Hier verläuft der Graben – nicht zwischen Urheberrechtsbewahrern und -Abschaffern. Ich bin davon überzeugt, dass diejenige politische Gruppierung eine Hohheit über die Debatte erlangen wird, der es gelingt, diese Spaltung zu benennen. Dass dies die Piraten sein werden, erscheint mir mit jedem Tag unwahrscheinlicher.

Diese grundlegende Frage zu stellen, ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Lösung. Denn nur dann kann man sich auf beiden Seiten der Weggabelung mit Gestaltungsmöglichkeiten befassen. Man kann beschreiben, wie Alternativen aussehen könnten, man kann Strafkataloge offen legen und abwägen, ob sie tatsächlich angemessen sind.

Diese Debatte sollte geführt werden und nicht die über die Buchveröffentlichungen prominenter Piratinnen. Auch die von einigen Piraten nun aufgeworfene Debatte darüber, wie lang das Urheberrecht nach dem Tod des Autors gelten soll, ist dabei vergleichsweise irreführend. Sie beschreibt einen Randbereich des Immaterialgüterrechts. Zentral steht vielmehr die Frage nach den Folgen der digitalen Kopie: Wie gehen wir jetzt damit um, dass Menschen identische Duplikate erstellen können?

Meine Antwort ist übrigens unspektakulär wie logisch: Wir sollten Lösungen suchen, die so funktionieren wie in historisch vergleichbaren Situationen – über pauschale Abgaben. Wo es sozial und politisch völlig unangemessen ist, die singuläre Nutzung zu überwachen, ist es ein gelerntes und erprobtes Modell, mittels pauschaler Abgaben einen Ausgleich zu schaffen.

Es ist deshalb – wie gesagt – ein Gebot des Generationenfriedens jetzt über die Kulturflatrate zu diskutieren!

Unter Piraten – Buchtipps (mit Verlosung!!)

Welches Tempo die Urheberrechtsdebatte der vergangenen Monate aufgenommen hat, bemerkte ich gestern als ich in der Post das von Christoph Bieber und Claus Leggewie herausgegebene Buch Unter Piraten: Erkundungen in einer neuen politischen Arena fand (hier ein Bericht von der Buchpräsentation unter anderem mit Christopher Lauer in Berlin). Der Verlag schickte drei Belegexemplare. Denn in dem Sammelband findet sich auch ein Text von mir: „Freibeuter im Netz – eine Netzpolitik ohne geistiges Eigentum?“ befasst sich unter anderem mit der Frage „Warum heißen die eigentlich Piraten?„. Er wurde Ende Februar 2012 abgeschlossen. Mit dem Wissen um Regener Wutrede und all die folgenden Manifeste hätte die abschließende Frage, ob es den Piraten gelingen kann, den urhebrerrechtlichen Diskurs in Deutschland zu bestimmen, vielleicht anders formuliert.

Da das Buch trotzdem sehr lesenswert ist – es versammelt „Erkundungen in einer neuen politischen Arena“ (so der Untertitel) u.a. von Silke Helfrich, Lawrence Lessig, Michael Seemann, Karl-Rudolf Korte, Leonhard Dobusch und Hartmut Rosa – möchte ich es hier empfehlen und verlosen. Zumindest die zwei Exemplare, die ich nicht brauche, verlose ich unter allen, die unter diesem Beitrag kommentieren oder den entsprechenden Tweet retweeten.

Bis zum Ende der Verlosung (sagen wir Dienstag?) hier noch ein paar Empfehlungen zu Büchern, die auch über den Dienstag hinaus lesenswert sind:

>> Michalis Pantelouris: Hände weg von Griechenland

>> Bernhard Pörksen: Der entfesselte Skandal: Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter

>> Joost Smiers: No Copyright: Vom Machtkampf der Kulturkonzerne um das Urheberrecht. Eine Streitschrift

>> Ulrich Herb: Open Initiatives: Offenheit in der digitalen Welt und Wissenschaft

Hingewiesen sei zum Abschluss auf die Veröffentlichungen von ehemaligen oder aktuellen Kollegen von jetzt.de – und zwar: Art Bechstein, Moritz Baumstieger, Christoph Koch, Max Scharnigg, Philipp Mattheis und Peter Wagner

Viel Spaß bei der Lektüre – und viel Erfolg für das piratig-gute Gewinnspiel!

Die Gewinner sind ermittelt: die Bücher gehen nach Dortmund und Bremen. Glückwunsch an Daniel und Norbert!

Twitter, Hitler und die Transparenz

Die so genannte Frühkritik der FAZ im Netz mit dem Titel Ein Stück in vier Akten wurde heute selber zu einer Art Schauspiel zum Thema Kommunikation in Zeiten digitaler Transparenz – und das kam so:



Johannes Ponader, seit einer Woche politischer Geschäftsführer der Piraten, der es am Sonntag als barfüßiger Gast in der Rolle des bunten Vogels in der Jauch-Runde zu einiger Berühmtheit brachte, hat mit seinem Auftritt offenbar auch FAZ-Autor Frank Lübberding verwirrt. Jedenfalls hielt dieser es für angemessen, den „Gesellschaftskünstler“ Ponader mit einem anderen „Gesellschaftskünstler“ zu vergleichen, der aus einem Wiener Männer-Asyl den Weg in die Politik suchte.

Da der Vergleich im FAZ-Text nicht mehr enthalten ist, hier ein Tweet, der die Parallele dokumentiert:

Ponader war damit aus nachvollziehbaren Gründen nicht einverstanden. Er wandte sich fragend an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher , der seit ein paar Wochen auf Twitter aktiv ist …

… und dann bewies, wozu die von den Piraten gepriesene Transparenz gut ist: zum Beispiel um Fehler einzugestehen. Er schrieb:

Der so angesprochene Ponader akzeptierte die Entschuldigung für die „unangemessene historische Anspielung“ wie die Online-Redaktion der FAZ den nach dem Schirrmacher-Tweet gelöschten Hitler-Vergleich nannte. Er ging sogar noch weiter und lobte Schirrmachers schnelle Reaktion als Beispiel für andere Politiker, die lernen wollen wie man mit Hilfe von Twitter kommuniziert.

Der Autor selber ging etwas anders mit der kurzen Debatte um. Er schrieb:

Auch die Leser der Frühkritik auf faz.net lies man vergleichweise ratlos zurück. Sie erfuhren lediglich von einer„unangemessenen historischen Anspielung“, die aber nicht näher ausgeführt wurde. Um sie im Original zu lesen, müssen sie auf Pastebin.com gehen, wo jemand den Text in seiner ursprünglichen Versionen veröffentlcht hat.

Aktualisierung In den Kommentaren wird darauf hingewiesen, dass der Autor der Frühkritik sehr wohl zum Thema diskutiert – allerdings nicht bei der FAZ, sondern auf wiesaussieht.de; und auch hier in den Kommentaren.