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Zeit für naive Politik

Ich war noch niemals im Kanzleramt. Aber in New York war ich schon mal. Das ist mehr als eine blöde Songreferenz. Beim Besuch eines Flohmarkts in der Lower East Side habe ich nämlich mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Yo Ho! Yo Ho! A Pirates Life for me“ erworben. Es war das einzige Kleidungsstück, das ich jemals auf einem Flohmarkt in New York erworben habe. Dass ich es jetzt wieder rauskrame, liegt im weitesten Sinn an Edward Snowden und den von ihm öffentlich gemachten Überwachungen.

Diese unfassbaren Enthüllungen werden ständig gesteigert, rufen aber bei manchen Leuten eine merkwürdige Form der Realpolitik hervor. Exemplarisch für diese Form von abgeklärtem Desinteresse an den Angriffen auf unsere Grundrechte meldete sich vergangene Woche Otto Schily zu Wort und kritisierte das Getöse, das um Snowdens Enthüllungen gemacht werde. Der Mann ist ehemaliger Innenminister und macht allein deshalb mit solchen Aussagen mehr Angst als dass er beruhigt. Und nebenbei liefert er damit die Antwort auf die Frage, warum die Opposition so wenig aus diesem Prism-Skandal und möglichen Verwicklungen der Regierung macht: Sie war auch mal in der Regierung.

Womit wir wieder beim T-Shirtaufdruck und dem Kanzleramt sind. Das Shirt ist weit vor dem Aufkommen der Piratenbewegung gekauft worden, aber sicher ist: Auch die deutsche Piratenpartei war noch nie im Kanzleramt. Ihr fehlt es an gestandenen Realpolitikern, die um die Notwendigkeiten und Zwänge der internationalen Diplomatie wissen. Woran es ihr nicht fehlt: an Menschen, die glaubhaft gegen das Abhören digitaler Kommunikation kämpfen. Der jetzt.de-Kollege Christian Helten hat in der vergangenen Woche Katharina Nocun getroffen und für die morgige Ausgabe der SZ porträtiert. Sie ist Geschäftsführerin der Piratenpartei und wer den Text liest, bemerkt schnell: Katharina Nocun ist der Grund für das, was Otto Schily Getöse nennt. Die Frau ist richtig wütend.

Das mögen die Realpolitiker aus der ehemaligen und aktuellen Regierung für naiv halten. Aber genau diese Naivität, die der Piratenpartei lange als Malus vorgehalten wurde, könnte im Endspurt des Bundestagswahlkampf ihr Alleinstellungsmerkmal werden: Sie könnten völlig naiv an den Wert der Grundrechte erinnern und genauso naiv Maßnahmen fordern, um diese einzuhalten. Grund genug gibt es ja.

loading: Spike Lee

Spike Lee will seinen nächsten Film über Crowdfunding finanzieren. Im Pitch-Video erklärt er: die Erfolge von Veronica Mars und von Zach Braff haben ihn darauf gebracht, diese Form des direkten Austausch zwischen Publikum und Film-Macher auszuprobieren.

Über den neuen Film (er soll von Blut handeln) verrät Spike Lee realtiv wenig. Vielleicht ist das auch der Grund, warum er in der ersten Woche „nur“ 360.000 Dollar einsammeln konnte. Sein Ziel sind 1.25 Millionen Dollar. Der Mitbegründer des New Black Cinema hat über eine halbe Million Twitter-Follower und ist extrem populär. Aufmerksamkeit bekam er in der vergangenen Woche als Steven Soderbergh das Projekt mit 10.000 Dollar unterstützte.

Ob das reichen wird, kann man Ende August auf der Kickstarter-Seite feststellen. Ganz sicher kann jedoch feststellen, dass Spike Lees Versuch ein weiterer Hinweis auf den Beginn einer geänderten Bezahlkultur im Netz ist.

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Our future is on to social! Was bitte soll das denn heißen?

“We have people who understand print very well, the best in the business. We have people who understand advertising well, the best in the business. But our future is on to video, to social, to mobile. It doesn’t mirror what we’ve done. It broadens what we are going to do.”

Mit diesen Worten beschreibt Arthur Sulzberger Jr. seine Entscheidung, den ehemaligen BBC-Chef Mark Thompson zum Chef der Zeitung New York Times zu machen. Darin enthalten sind mehrere bedeutsame Aussagen zu der Frage, wie Medien in einer digitalisierten Welt funktionieren werden.

1. Zeitungen sind Medienhäuser
In der Ankündigung sucht man ein Wort vergebens. Weder Sulzberger noch Thompson selber sprechen von einer Zeitung, wenn sie von der Zukunft der New York Times sprechen. Sie skizzieren die Zukunft einer glaubwürdigen Quelle, die auf unterschiedlichen Kanälen kommuniziert. Sie sprechen von einem Medienhaus.
Das ist nicht neu, auf Podien wird diese Haltung seit Jahren erläutert. Aber wird sie auch umgesetzt? Werden Journalisten für die Arbeit in einem Medienhaus ausgebildet oder lernen sie nicht vielmehr, bei einem Radio- oder Fernsehsender zu arbeiten? Haben sie Vorbilder, die wenn auch nicht für unterschiedliche Kanäle produzieren, so doch zumindest in dieser neuen Medienrealität denken?
Die Entscheidung der New York Times, einen ehemaligen Fernsehjournalisten und Direktor eines Rundfunkhauses zum neuen Chef zu machen, setzt dies um. Thompson soll die New York Times in einer Welt platzieren, in der die Unterscheidung zwischen den Ausspielkanälen obsolet geworden ist. Relevant ist die Absendermarke, nicht der Verbreitungsweg.

2. Medienhäuser sind Sender
Zeitung und alle anderen Medien werden somit in erster Linie zu Sendern, die Inhalte verbreiten – auf unterschiedlichen Wegen. Dieser erste gedankliche Schritt scheint offensichtlich, ist aber bedeutsam. Daraus folgt nämlich, dass eine der wichtigeren journalistischen Funktionen die des Verbreitungsmanagers sein wird. Mit diesem (von mir gerade erfundenen) Begriff wird eine Tätigkeit zu beschreiben sein, die mir bisher noch nicht flächendeckend als Job-Profil bekannt ist: eine Kollegin oder vermutlich eher ein ganzes Team, das auf der Schnittstelle aller Ressorts arbeitet und die Entscheidung über die richtige Verbreitung eines Inhalts trifft. Welche Meldung muss textlich und schnell im Web verbreitet werden? Welcher Inhalt taugt für einen Videohintergrund? Zu welchem Ereignis bietet sich eine Info-Grafik an? Wo ist ein ausgeruhtes Essay angebracht? Und was posten wir wie auf Facebook?
Antworten auf diese Fragen werden künftig aus einem Distributionsteam stammen, das sich (wie ein CvD eines Printmagazins), sehr gut mit Verbreitungswege und deren Spezifika auskennt.
Lehrbeispiele für eine solche Einheit könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk liefern. Insofern ist die Entscheidung für Thompson durchaus nachvollziehbar. Die BBC verfügt über Inhalte und musste Wege finden, deren Verbreitung zu organisieren (siehe iPlayer). Gibt es entsprechende Beispiele auch in Deutschland? Zeigt der öffentlich-rechtliche Rundfunk an herausgehobener Stelle, was es bedeuten kann, Sender in einem digitalen Umfeld zu sein?

3. Medienhäuser sind Empfänger
Die New York Times selber hat im vergangenen Jahr in einer Studie ihre neue Rolle mit dem Slogan „From Broadcaster to Sharecaster“ überschrieben. Denn es geht in digitalen Räumen keineswegs einzig darum, trimediales Denken zu ermöglichen. Es geht darum, das digitale Ökosystem als einen Raum zu erkennen, in dem Sender gleichzeitig auch Empfänger sind (und auch umgekehrt). Wer glaubt, Trimedialität bereite Medienhäuser auf die Zukunft vor, bleibt nach dem ersten Schritt stehen. Nur über unterschiedliche Ausspielwege nachzudenken, unterschätzt die Möglichkeiten dessen, was Sulzberger als „social“ in seiner Ankündigung beschreibt.
Und das ist ja das wirklich Erstaunliche an der Ankündigung, einer der weltweit wichtigsten Zeitungsmenschen erklärt: Die Zukunft der Zeitung liegt in Video, im Mobilen (das kann man sich irgendwie ja vorstellen) und im Sozialen. Was bitte soll das denn heißen?

4. Die Zukunft liegt im Sozialen
Das heißt, dass Publikation zu Kommunikation wird. Dass Medienhäuser (und vor allem auch deren Mitarbeiter) lernen müssen werden, nicht ausschließlich in Form von Megafon-Ansagen zu kommunizieren, sondern auch im Dialog. Dafür ist ein kultureller Wandel nötig, der tiefgreifender ist als die Ausrichtungsänderung einer Zeitung hin zu einem Anbieter, der auch Videos sendet. Dieser Wandel betrifft die Rolle des Journalisten, die Art, wie er seine Autorität herleitet und damit die Grundlage für die Entscheidung eines jeden Lesers/Zuschauers, ihm oder ihr Aufmerksamkeit oder sogar Geld zukommen zu lassen.

Wenn Sulzberger sagt „our future is on to social“ heißt das nicht einzig, dass er Twitter oder Facebook wichtig findet. Es heißt vor allem: Journalismus im digitalen Raum muss kommunizieren lernen. Es heißt, wir müssen die Grundlagen unseres Berufs neu und anders denken. Und das ist vermutlich weitaus komplizierter als eine neue Technologie oder ein verändertes Redaktionssystem zu bedienen: ein neues Denken zu erlernen.

Die Entscheidung für Mark Thompson bei der New York Times zeigt, dass die Debatte über dieses andere Denken keine abstrakte Zukunftsversion ist, sondern konkret umgesetzt wird. Genau jetzt.

Der öffentliche Radler-Leserbrief

An unterschiedlicher Stelle habe ich in diesem Blog schon auf das Phänomen des aktiven Rezipienten hingewiesen. Ich glaube, dass durch die Demokratisierung der Publikationsmittel im Netz alle gesellschaftlichen Bereiche davon erfasst werden, der Journalismus nur etwas früher als alle anderen. Dieses Video hier, das seit ein paar Stunden hohe Verbreitung erfährt („It is going viral“) zeigt, wie der vormals passive Verkehrsteilnehmer seinem Unmut in einer digitalen Öffentlichkeit Ausdruck verleihen kann: Der New Yorker Casey Neistat hat seinen Ärger über einen Strafzettel, den er bekam, weil er nicht auf dem Radweg fuhr, so kreativ umgesetzt:

Casey ist – das muss man dazu wissen – der eine Teil der The Neistat Brothers, was der Titel einer HBO-Serie ist. Casey macht sonst Filme wie diesen hier über Facebook. Er ist also ein Medienprofi. Im Straßenverkehr ist er jedoch ein gewöhnlicher Teilnehmer, einer, der mittels seines Films jetzt auf ein Problem aufmerksam macht, das auch deutschen Radlern bekannt ist.

Filesharing in echt

Unter dem Titel Da steckt ein USB-Stick in der Mauer! habe ich bei jetzt.de ein Interview mit Aram Bartholl geführt, der gerade für Aufsehen sorgt, weil er USB-Sticks in Wände einmauert. Warum er das tut, erklärt er im Interview, in dem er aber auch einen Aspekt anspricht, der im Kontext mit Fragen der digitalen Kopie bedeutsam ist:

Bei den Daten-CDs mit Steuersünder-Dateien sieht man das ganz schön. Da heißt es dann in den Nachrichten immer: Jemand habe den Behörden diese CD verkauft und habe sie jetzt nicht mehr. Aber natürlich geht es überhaupt nicht um die CD und wenn der eine sie nicht mehr hat, heißt das ja nicht nicht, dass sie dann weg wäre. Daten sind kopierbar in alle Richtungen und das ist im Kern ja das Problem bei all den Urheberrechtsfragen und der Digitalisierung: dass alles überall gleichzeitig sein kann. Damit spielen die Dead Drops und das finde ich interessant.

Journalismus in der Beta-Phase

Richtige Pläne in New York: Die NYT will im Sommer mit einer Seite starten, die den Titel „Beta620“ trägt. Damit bezieht man sich zum einen auf die Adresse des Medienhauses und zum anderen auf die Kultur des Wachsens im Web (Beta). Marc Frons, CTO der NYT, schreibt an eine Mitarbeiter:

„Our hope is that we will be able to bring new ideas from concept to prototype to launch much faster with a public beta site than we could using NYTimes.com alone – and that we may do so without the risk of disrupting NYTimes.com or conflicting with other development projects.“

Ruhr York

Der Blick nach Nordrhein-Westfalen lohnt in diesen Tagen nicht nur, weil dort bald gewählt wird: Das Ruhrgebiet (in der Mitte NRWs gelegen) ist zudem auch immer noch Kulturhauptstadt. Um dies (und den Wert des Ruhrgebiets) auch im Land bekannt zu machen, hat Fritz Pleitgen die Rede vom „German New York” geprägt. Die Macher des Künstler-Kollektiv IHEARTRUHRYORK greifen dies in ihrem Blog auf künstlerische Art auf:

http://iheartruhryork.de/

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Wer rettet die Welt?

Ein Hinweis in eigener Sache: Auf jetzt.de (dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung, bei dem ich arbeite) ist gerade ein Schreibwettbewerb zur Frage Wer rettet die Welt? gestartet. Unter allen die diese Frage bis zum 31. Mai beantworten, ermittelt eine Jury eine/einen Journalistin/Journalisten (bis 35 Jahren), die oder der vom 17. bis 23. September 2010 Weltarmutsgipfel nach New York fährt. Alle Details zu dem Wettbewerb gibt es auf jetzt.de!

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