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Meta goes beta: Das Lese-Experiment auf log.os

Ich mag Experimente: Mit Eine neue Version ist verfügbar probierte ich aus, ob Crowdfunding nicht auch für die Buchbranche möglich ist (Spoiler: ist es!), mit Meta! testeten wir, ob Bücher nicht auch in Versionen erschienen können (Spoiler: geht auch!) und gemeinsam mit Log.os probieren wir nun ob Lesen nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein kann. Wie schon beim SZ-Lesesalon ist dies ein weiterer Schritt in Richtung Livejournalismus als Social Reading.

Ab 1. März lesen wir in einer Lesegruppe das Buch auf der Plattform Log.os. Dafür muss man sich dort einen Account anlegen und kann die digitale Fassung der Standard-Version kaufen. Zusätzlich zum Inhalt erhält man Zugang zum Social-Reading-Experiment. Dieses wird rund einen Monat dauern und etwa so ablaufen.

Wir starten am 1. März mit einem gemeinsam kleinen virtuellen Event, zur Buchmesse in Leipzig wird es ein Vor-Ort-Event geben (das natürlich auch auf der Plattform gezeigt wird) und zum Abschluss gibt es noch eine gemeinsame Veranstaltung am Ende des Monats.
Hier Mitglied bei Log.os und in der Meta!-Lesegruppe werden

Authentizität wird zu Autorität – zum Erfolg der Digitalcharta

Vom Werk zum Netzwerk, Symbolfoto: Unsplash

Nachdem ich Anfang der Woche kurz zur Idee einer Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union gebloggt hatte und anschließend ein wenig zum Thema auf Twitter diskutieren durfte, komme ich zu dem Ergebnis: Die Digitalcharta ist ein voller Erfolg!

Vermutlich nicht in dem Sinne, in dem die Initiatoren sich das ursprünglich gedacht haben, aber ganz sicher in dem Sinne, der in den FAQ beschrieben wird und vor allem weil der Entwurf und seine fortlaufende Behandlung uns zeigen, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert. Dieses Bild ist so gestochen scharf, dass die Frage, ob am Ende der Debatte ein wirklicher Vorschlag für eine Digitalcharta steht, für mich persönlich fast in den Hintergrund getreten ist.

Das Ziel der Charta, so heißt es in den FAQ, sei es „eine Debatte über die Zukunft der digitalen Gesellschaft und wie man sie politisch gestalten kann“ zu beginnen. Dieses Ziel ist in jedem Fall erreicht. „Die vorgestellte Digitalcharta versteht sich als Entwurf, der in der Öffentlichkeit reifen soll, dazu gehört essentiell die Diskussion um jedes einzelne Wort. Am Ende könnte so ein digitalgesellschaftliches Fundament der EU entstehen.

Der Prozess der Reifung lehrt eine Menge über den digitalen Wandel. Ich will dies an drei Schlagworten illustrieren, die ich in hier und da verwende um zu beschreiben, was für mich Digitalisierung bedeutet.

1. Vom Produkt zum Prozess
Die Idee, dass sich viele schlaue Menschen hinsetzen, ein Papier entwickeln und damit an die Öffentlichkeit gehen, ist nicht nur wegen des Begriffs „Papier“ eine durch und durch analoge Idee. Digitale Öffentlichkeit zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass Inhalte sich verflüssigen, dass Dokumente zu Dialog werden. Die vergangenen Tage zeigen dies sehr deutlich: Der Entwurf und die Debatte gehören zusammen. Das Produkt „Entwurf“ ist ohne den Prozess „Debatte“ nicht zu denken. Das ist neu: Früher sprach das Papier für sich, das eine Gruppe engagierter Bürger öffentlich machte. Es konnte kaum überhaupt und nie in diesem Tempo prozessiert werden.
Dieser Wandel führt aber auch zu einer grundlegenden Veränderung für diejenigen, die einen solchen Entwurf öffentlich machen:

2. Von der Rampe zum Raum
Das Veröffentlichen wird zu einem Prozess, damit wird das Medium (das früher Rampe war) zu einem Raum, in dem Interaktion zu einem bedeutsamen Bestandteil wird. Die Frage, wie jemand auf Vorschläge, Kritik und auch Beleidigungen reagiert, ist in diesem Raum plötzlich Bestandteil seiner Wahrnehmung. Und ja, das gilt auch für Schweigen. Man kann sehen, wer sich der Debatte stellt und wer nicht. Ich finde das in Teilen bewundernswert wie engagiert einige der Initiatoren die Debatte führen. Umgekehrt ist es aber auch bezeichnend, dass es eben nur einige sind. Beim Fußball würde man von Einzelaktionen sprechen, ein System ist nicht erkennbar. Ich finde daran zeigt sich am deutlichsten, dass die Charta zwar digital heißt, aber in ihrer Form kaum digital gedacht wurde.

Einen Ausweg sehe ich dafür übrigens am ehesten in der Raum-Metapher: Ich glaube die Initiatoren sollten sich mehr als Gastgeber verstehen und tatsächlich einen Raum öffnen – in echt, im analogen Leben. In diesen Raum laden sie Kritiker und Unterstützer ein und führen nach dem Prinzip eines Kirchen- oder Parteitags eine geordnete Debatte. In einem solchen Ansatz läge meiner Einschätzung nach auch die Chance, am Ende ein inhaltliches Ergebnis zu produzieren, das auf breite Zustimmung stößt. Das wird aber anstrengend und setzt einen dritten Wandel voraus:

3. Von der Autorität zur Authentizität
Wo Wert nicht mehr nur im Produkt, sondern auch im Prozess entsteht, verschieben sich auch die Muster der Autorität. Diese muss sich neu begründen – und am besten gelingt dies (die unter Neuigkeit geführten Blogeinträge beweisen es) immer dann, wenn die Antwort auf die Kritik authentisch ist. Diese Authentizität erhöht die Glaubwürdigkeit und am Ende auch die Autorität der Diskutanten. Das ist im Kern nicht neu, Martin Schulz kennt dies aus Wahlkämpfen, es gilt aber verstärkt auch im Netz. Konkret heißt dies: Er könnte hier z.B. in einem Live-Stream Fragen beantworten und damit Autorität in der Sache gewinnen.

Ich bin optimistisch, dass es dem Charta-Team gelingt, die Idee des Digitalen nicht nur auf den Inhalt ihrer Charta zu beziehen, sondern auch für dessen Rahmen. Wenn es ihnen gelingt, die Initiative zu digitalisieren, kann dabei auch ein gutes Ergebnis geschaffen werden. Wie gesagt: Ich sehe dies als Chance!

The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

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Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“

Livejournalismus: Twitch macht Atelierbesuche

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Im Interview für das Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ sagte mir der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dieses Sätze, von denen ich nicht dachte, dass ich sie mal unter ein Foto des Streaming-Dienst Twitch schreiben würde:

„Das Privileg des Atelierbesuches ist uralt. Das haben wir natürlich bei den Salonmalern im späten 19. Jahrhundert, da gab es einzelne Stunden in der Woche, in denen das Atelier öffentlich besuchbar war, natürlich nur gegen Voranmeldung, aber immerhin. In der Zeit der Hofkünstler war es üblich, dass der Herrscher jederzeit mal reinschauen durfte. Michelangelo versuchte, dem Papst zu verbieten, dass der sich vor Ort umguckt, wie die Fortschritte in der Sixtina sind. Das war ein Machtkampf.“

Der obige Screenshot stammt von einem Atelierbesuch – bei der Malerin zLadyLuthien, die auf Twitter als ElvishAtHeart aktiv ist. Sie nutzt den Dienst, der unter Gamern bisher bekannt war, weil man hier Live-Streams von Computerspielen verfolgten konnte, um Kunst erlebbar zu machen. Seit kurzem nämlich bietet Twitch ein Ressort für Kunst und Kultur. Der Kanal heißt Creative und trägt einer Bewegung Rechnung, die Bill Moorier von Twitch so beschreibt: „A couple years ago I started to notice a new type of stream happening. Broadcasters would get tired of gaming and fire up photoshop and start sketching game related art.“

Anders ausgedrückt: Kreative Menschen vernetzten sich und ihre Kunst im Erleben durchs Internet. Es ist sozusagen ein Atelierbesuch im Digitalen, ein Beweis für die These, dass die Digitalisierung aus Produkten Prozesse macht, dass das Erlebnis dem Ergebnis ergänzt wird. All das habe ich in Eine neue Version ist verfügbar beschrieben und mit dem Begriff Livejournalismus zu fassen versucht. Nun zeigt der Erlebnisdienstleister Twitch, der im Sommer 2014 von Amazon gekauft wurde, welche konkreten Optionen sich dadurch ergeben.

#fbm15: Sechs Dinge, die ich auf der Buchmesse gelernt habe

In Frankfurt endet an diesem Wochenende die Buchmesse. Eine Veranstaltung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass unfassbar viele Papierbücher in unterschiedlicher Größe und Güte in Messehallen rein- und anschließend wieder rausgeschleppt werden. Allerdings frage ich mich jedes Jahr wieder: Warum eigentlich tut man das? Kaufen kann man die Bücher an den allermeisten Ständen jedenfalls nicht. Und so habe ich eine gewisse Sympathie für die Sage, es gehe eigentlich darum, sich Bücher klauen zu lassen – als Indikator fürs Publikumsinteresse. Ich kann das nicht beurteilen, bilde mir aber ein bei meinem (Kurz-)Besuch in diesem Jahr etwas gelernt zu haben. Deshalb hier sechs Dinge, die ich auf der #fbm15 gelernt habe:

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1. Wir könn(t)en Bücher anders denken
Es ist mir in diesem Jahr so sehr wie selten zuvor aufgefallen: Buch heißt für diese Messe fast überall Papierbuch-Messe. Das sagt niemand, aber man gewinnt auf Schritt und Tritt den Eindruck. Dabei erscheint es mir durchaus geboten, die Idee Buch vielleicht auch mal anders zu denken. Der Lichtblick des Jahres war für mich in diesem Bereich Logos – das Projekt von Volker Oppmann, das genau dies wagt: Bücher anders zu denken.

2. Google Books ist Fair Use
Das ist zwar keine Erkenntnis, die in den Messehallen ausgestellt wurde, sie erreichte mich aber während der Messe. Bei Netzpolitik schreibt Leonhard Dobusch: „Im Rechtsstreit zwischen Google und der US-Autorenvereinigung Author’s Guild hat auch das Berufungsgericht entschieden, dass der Dienst Google Books von der Fair-Use-Klausel des US-Copyrights gedeckt ist.“

3. Sascha Lobo ist eine Erfindung
Die hochanerkannte und unter Digital-Experten seit langem geschätzte Autorin Carol Felt („Cybris“) hat sich den Buchkritiker Sascha Lobo ausgedacht – und der Spiegel ist darauf reingefallen.

4. Wir können in Netzwerken denken
Christiane Frohmann und Leander Wattig haben es in diesem Jahr gezeigt: Ihr Orbanism Space war eine tolle kleine Messe in der Messe. Vor der Bühne, die die beiden aufgebaut hatten und auf der kein einziges Papierbuch rumstand, trafen sich meinem Eindruck nach irgendwann im Laufe der Messe all die Leute, die Bücher anders denken wollen.

5. Wir können Bücher anders (ver)kaufen
buchhandel Ich habe mich schon vor der Buchmesse gefragt, warum Verlage nicht eigentlich selber tun, was Amazon angeblich so gut macht: Bücher verkaufen. Dann stieß ich auf das Buch Philosophie des Laufens und stellte fest: es gibt Verlage, die das sogar besser machen. Beim Mairisch-Verlag konnte ich das Buch jedenfalls versandkostenfrei bestellen und sehr einfach per Paypal bezahlen. Das klingt sehr einfach, scheint für Verlage aber sehr schwierig zu sein: vielleicht sollten Buchhändler und Verleger sich mal austauschen.

Das haben sie offenbar für die App Buchhandel.de getan, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt wurde – und den Buchkauf leichter machen soll. Mehr zum Thema Kaufen und Versenden auch in diesem Artikel aus der SZ.

6. Es gibt einen ungenutzten Bereich (Marktlücke?) zwischen langen Texten und kurzen Büchern
Ich selber war vor allem auf der Messe um unser kleines Projekt Langstrecke vorzustellen: „Journalismus, der fast schon Literatur ist“ gehört natürlich auf die Buchmesse. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: das Versprechen, das mit den digitalen Verbreitungswegen auch Platz für neue Formen sei, ist bisher nur halb eingelöst. Denn verlegerisch wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt, Bücher zu machen, die kürzer sind als Papierbücher und länger als journalistische Texte. Veröffentlichungen also, die ein mittleres Format haben. Dafür sehe ich einen Bedarf – auch wenn man sie nicht im nächsten Jahr in die Frankfurter Messehalle reinschleppen kann.

Schreiben im Digitalen – Digitales Schreiben

Wie schreiben wir in Zukunft? Viele Projekte, an denen ich in den vergangenen Jahren beteiligt war, befassen sich genau mit dieser Frage – und mit dem Unwohlsein, das sich bei mir einstellt, wenn ich ein Dokument in einem gängigen Textverarbeitungsprogramm öffne und ein Blatt Papier sehe. Computerschreiben ist technisch digitales Schreiben – die allermeisten Programme erwecken aber beständig den Eindruck, der Computer funktioniere wie eine Schreibmaschine. Ich glaube, dass in dieser antiquierten Metaphorik einer der Gründe liegt, warum wir nicht richtig Frisbee werfen können es uns nicht gelingt, die Dimensionen des digitalen Schreibens zu erfassen. Ich glaube, dass wir beginnen müssten Kultur als Software zu verstehen und beim Schreiben von Text Methoden zu übernehmen, die bei der Erstellung von Quelltext Anwendung finden.

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Diesen Glauben trage ich seit Eine neue Version ist verfügbar lautstark vor mir her – und manchmal finde ich dabei Menschen, die ihn teilen oder zumindest darüber diskutieren wollen. Gemeinsam mit Dorothee Werner (Börsenverein) und Gerrit Pohl (Microsoft) habe ich in den vergangenen Monaten sehr ausführlich über die Frage gesprochen, wie man die Möglichkeiten des digitalen Schreibens besser nutzen kann. Deshalb haben wir zu dritt eine Arbeitskonferenz ins Leben gerufen, die am 24.9. im Hochhaus der SZ in München stattfinden wird.

Sehr spannende Menschen haben sich dazu bereits angemeldet. Trotzdem gibt es noch einige wenige Plätze für diese kostenlose Veranstaltung, auf die ich hiermit gerne hinweisen möchte. Vielleicht fühlt sich jemand angesprochen. Dabei geht es nicht nur um Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die bereits fertige Ideen im Kopf haben. Angesprochen sind auch Studierende, die sich literaturwissenschaftlich mit dem Wandel befassen oder in der Wirtschaftinformatik tätig und an Kultur interessiert sind.

Details gibt es auf der Seite vom Börsenverein. Und für alle, die nicht kommen können/wollen: ich werde zu diesen Themen weiter berichten. Außerdem gibt es am Abend ein Pub’n’Pup im Fraunhofer in München, der sich auch um das Thema dreht. Am Vorabend öffnet übrigens der Hanser-Verlag seine Türen – zur Eisbrecher-Veranstaltung.

„Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet“ – Ein Zwischenfazit zu „A Forest“

Die Digitalisierung verändert Medien und Musik. Aber wie? Wird es besser oder ist die Musik bedroht? Man kann darauf zahlreiche Antworten finden, aber nur selten von Musikern. Fabian Schütze von der Band A Forest ist ein Musiker, der dazu etwas zu sagen hat (was man hier im loading-Fragebogen schon lesen konnte).

Jetzt ziehen „A Forest“ ein Zwischenfazit zu ihrem Projekt „I Am A Forest“ (hier als PDF laden) – u.a. im Radiointerview mit Radio Fritz. Weil ich das transparente Vorgehen der Musiker sehr spannend finde und die Musik mag, habe ich Fabian zum Fazit einige Fragen gemailt.

Vor über einem Jahr habt ein Manifest online gestellt. Darin erklärt Ihr „A Forest wird zum Labor“. Eine Band als Labor – warum das?
Weil was Neues auszuprobieren immer erstmal besser ist, als beim Altbewährten zu bleiben. Egal, ob das dann scheitert oder nicht. Weil das „Altbewährte“ in der heutigen Zeit sehr viel schneller als früher nicht mehr „altbewährt“, sondern überkommen ist.

Und welche Erfahrungen habt Ihr im vergangenen Jahr gemacht?
Viele Gute. Wir haben viel mehr Gespräch und Feedback mit Hörern, Unterstützern und Konzertbesuchern. Wir haben ein paar Sachen in unserem Selbstverständnis geändert und gemerkt, dass es sich lohnt, Sachen transparent zu machen und vorhandene Strukturen zu hinterfragen.

Gab es auch negative Erlebnisse?
Viel zu viel Arbeit. Und klar muss mal erstmal schlucken, wenn jemand das Angebot, das Album zum Pay-What-you-want-Preis, als Chance sieht sein Kleingeld in der Tasche zusammenkramen und es kommen 17 Cent raus. Aber damit muss man leben. Der Durchschnitt gleicht es aus.

In dem Clip zum Manifest sagst du an die Hörer gerichtet: „Kommentiert, fragt, ladet euch Samples und Spuren zum Remixen, seid Teil des Prozesses“. Haben das viele Leute gemacht? (Spielt es überhaupt eine Rolle, ob es viele Leute machen?)
Klar ist es auch wichtig, dass das Leute dann auch machen, aber sicher geht es überhaupt erstmal darum das Angebot überhaupt erstmal zu machen. Und jetzt haben wir mehr als 20 tolle Remixe und darüber hinaus tolle Leute kennengelernt, das Netzwerk ausgebaut und gestärkt.

Ihr versteht Musik nicht mehr als abgeschlossenes Produkt, sondern als Prozess, der weiterlebt. Das finde ich persönlich großartig. Welche Reaktionen habt Ihr auf diesen Ansatz bekommen?
Gar nicht soviel konkrete. Aber da zeigt sich, dass manche Sachen auch immer erstmal für einen selbst sind. Und das ist auch wichtig. Da den Druck rauszunehmen und wirklich zu begreifen, dass ein Song einem nicht gehört, sondern sich jeden Abend auf der Bühne verändert, man ihn problemlos neu bearbeiten kann, wenn man da Lust drauf hat, dass das auch jeder andere machen kann. Auch da gehts viel um die Möglichkeit an sich.

Ihr experimentiert viel und wollt den direkten Draht zu Euren Hörern. Trotzdem erscheint Eure neue EP „selbstverständlich auch auf Spotify und iTunes.“ Nach den Debatten der letzten Wochen um Streaming und Bezahlung von Musikern ist das nicht wirklich selbstverständlich. Warum macht Ihr es trotzdem?
Wenn die Leute Musik hören und das auf legalem Weg, dann finde ich das grundlegend gut. Und das mehr aktiv Musik gehört wird denn je, ist auch Spotify und Co zuzuschreiben. Wir mögen den Gedanken, dass jeder erstmal das Album hören kann. Deswegen finden wir Streaming gut. Im nächsten Schritt versuchen wir dann zu vermitteln, das es eventuell noch weitere und vielleicht auch bessere Möglichkeiten gibt, das Projekt zu unterstützen, wenn man es gut findet. Wir wollen auch nicht gegen die große, böse Industrie arbeiten, sondern den Hörern erstmal bessere Möglichkeiten anbieten. Und wenn man sich dann trotzdem für iTunes als Downloadmöglichkeit entscheidet, weil dort die ganze Musiksammlung liegt und das bequem ist, dann ist das absolut legitim.

Ich habe den Eindruck, dass Ihr sehr aktiv den digitalen Wandel der Musik mitgestalten und lernen wollt. Das ist sicher auch anstrengend. Wünscht ihr euch manchmal die gute alte Zeit zurück, von der ältere Musiker manchmal erzählen?
Ach, wir sind ganz glücklich über das Internet. Klar haben die in den 80er und 90er Jahren viel verdient, aber dafür auch nur eine handvoll Leute. Heute steht jedem erstmal der „Zugang zum Markt“ offen, und das ist gut so. Und ja, wir wollen das mitgestalten, das ist ein zentraler Gedanke.

Und wenn Ihr einen anderen Wunsch frei hättet: Was würdet Ihr – von der Politik, von der Industrie, vom Publikum, von wem auch immer – wünschen?
Strukturförderung ist sicherlich ein Stichwort an die Politik. Popkultur fällt schon immer noch hintenrunter, trotz Initiative Musik oder lokalen Initiativen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Vom Publikum und Presse wünschen wir uns weiter den Blick über den Tellerrand und freuen uns über jeden, der bewusst konsumiert.

Eine Prognose bitte: Wie geht das weiter mit der Musik und der Digitalisierung?
Zum einen wird es glaube ich erst in den nächsten Jahren wirklich dazu führen, dass die Möglichkeiten und Digitalisierung echte innovative und neue Genres hervorbringen, dass Devices und Vertriebswege auch die Herstellung, den Konsum, die Konzerte und die Art und Weise von Musik nennenswert verändern. Da ist nämlich bislang gar nicht so viel. Ein Konzert ist ein Konzert, Musikhören über Smartphones auch nichts anderes als Kassetten im Walkman, Songs sind immer noch 3 1/2 Minuten lang. Wir werden dazu bei Analogsoul (dem Kollektiv hinter der Band) im nächsten Jahr ein Projekt anschieben, das sich auch diesen Fragen stellt.

A Forest sind ab Oktober wieder auf Tour, dabei spielen sie sicher auch Songs ihrer neuen EP 5 Fruits / The King Speechs, die man auch auf Spotify und iTunes anhören kann.

Wie finde ich das? vs. Warum ist das so?

Die Herren Fiene und Pähler haben mich heute in ihre Sendung „Was mit Medien“ eingeladen und dann ein wenig plaudern lassen – über das, was ich so denke über Digitalisierung und Neues machen. Wir sprachen über Langstrecke und die neue Version und irgendwann sind wir dabei (MP3) an einen wichtigen Punkt gekommen, den ich hiermit einmal festhalten will. Er bezieht sich auf die Frage, wie wir mit Neuem umgehen? Man gelangt so häufig an diese Frage, dass es gut ist, diesen Ansatz hier jetzt einmal zu notierten – und vielleicht ist er auch eine Antwort auf die Frage, die sie über die Sendung gestellt haben: Wie kommt man auf neue Ideen?

Ich bin davon überzeugt, dass man in der Konfrontation mit Veränderungen z.B. durch die Digitalisierung, den Reflex unterdrücken sollte, zunächst „Wie finde ich das?“ zu fragen. Die Antwort auf diese Frage führt nämlich selten zu höherem Verständnis. Sie führt stattdessen immer zu einer Bewertung – die damit vor dem Verstehen der Veränderung liegt. Deshalb sollte man in der Konfrontation mit einer Veränderung sich eher bemühen: „Warum ist das so?“ zu fragen.

Wenn das gelingt, kann man das Neue danach immer noch blöd finden. Man tut dies aber dann auf Basis eines breiteren Wissens. Denn wenn man sich auf die Suche nach der Antwort auf die Frage „Warum ist das so?“ macht, wird man mehr erfahren über das, was sich da gerade verändert. In der Sendung habe ich versucht, es am Beispiel der digitalen Kopie und dem Zugang von Mashup zu beschreiben:

„Die digitale Kopie stand im Raum und alle haben mir gesagt, wie sie die finden: Das interessiert die digitale Kopie aber nicht, ob Sven Regener die jetzt gut findet oder nicht. Sondern: Die ist da. Und die Leistung besteht darin, zu verstehen, was das verändert. Und da kann meine persönliche Meinung sein, dass ich das gut oder schlecht finde. Aber ich möchte gerne verstehen, was der Mechanismus dahinter ist.“

Wohl wahr! Lügen- und Wahrheitspresse

Was für ein (mehr oder weniger) schöner Satz:

Heute geht es jedoch immer weniger darum, mehr zu wissen.

Er steht unter der Bilderstrecke, in der Spiegel Online die Motive der neuen Werbekampagne des Spiegel vorstellt. Ihm folgt die Erklärung dafür, warum der bisherige Slogan („Spiegel-Leser wissen mehr“) ersetzt wird. „Heute geht es viel mehr darum, schnell zu wissen, wie die Geschehnisse der Welt einzuordnen sind. Was ist wichtig, was nicht? Was bedeutet es? Der SPIEGEL hat deswegen von jetzt an eine neue Markenbotschaft.

Die Fortentwicklung von „mehr wissen“ ist für Deutschlands großes Nachrichtenmagazin „die Wahrheit“. Denn die neue Markenbotschaft lautet: „Keine Angst vor der Wahrheit„.

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In eigener Sache erklären die beiden Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Florian Harms was sie damit meinen: „In Zeiten allgegenwärtiger Information im Internet kommt es heute aber nicht allein darauf an, mehr zu wissen – sondern vor allem darauf, mehr zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen, die Bedeutung von Geschehnissen einschätzen zu können.

Ob das dann schon „die Wahrheit“ ist, von der Spiegel und Spiegel Online sprechen, ist nicht ganz klar. Sicher ist jedoch, sie haben keine Angst vor ihr. Deshalb „scheiden sie das Wichtige vom Unwichtigen, sie machen Kompliziertes überschaubar, und sie erklären und ordnen die relevanten Geschehnisse ein„. So steht es in der Ankündigung der Chefredakteure, in der sie den (Werbe-)Weg vom Wissen zur Wahrheit beschreiben.

Statt dem Leser also mehr Wissen zuzumuten, wollen sie das Komplizierte überschaubar machen und entscheiden, was wichtig ist. Das mag nach einem netten Service klingen, mit dem Begründungsrahmen „Wahrheit“ wohnt diesem Service aber auch etwas Unangenehmes gar Bevormundenes inne. Auf russisch heißt Wahrheit zum Beispiel Prawda.

Es ist anzunehmen, dass den Markenverantwortlichen und der betreuenden Agentur bewusst war, dass das Unwort des Jahres in direktem Gegensatz zum neuen Slogan steht. „Keine Angst vor der Wahrheit“ liest sich wie ein trotziges „wohl wahr“, das der Spiegel als kritisierte „Lügenpresse“ seinen Kritikern entgegnet.

Ob das eine sinnvolle Replik ist, sollen andere entscheiden. Ich selber glaube, dass der Lügenpresse-Vorwurf einen Vertrauensverlust politisch gegen die Meinungsfreiheit zu instrumentalisieren versucht. Vertrauen wiederum entsteht eher da, wo Transparenz vorhanden ist, wo „mehr Wissen“ zugänglich gemacht wird – als dort, wo ein „wohl wahr“ als Begründung bemüht wird. Was ich meine: „Wahrheit“ erscheint mir – im Gegensatz zu Wahrhaftigkeit, Verlässlichkeit, Transparenz und Glaubwürdigkeit – als untaugliche Kategorie für Medien in einer freien Gesellschaft. Im Wettstreit der Ideen zerstört der Anspruch auf Wahrheit einen gleichberechtigten Diskurs, der Lügenpresse-Vorwurf beweist dies ex negativo.

Doch der Wahrheits-Anspruch ist nicht nur merkwürdig, wenn man sich überlegt wer sich sonst auf diese Kategorie beruft. Der Wahrheits-Anspruch in der neuen Markenbotschaft des Spiegel zeigt zudem: Sie ist nicht digital gedacht. Um das zu erkennen, muss man nachlesen, wie David Weinberger erläutert, wie sich Vertrauen in den neuen medialen Umfeldern aufbaut. Er hat die Encyclopaedia Britannica und die Wikipedia und vor allem die Art und Weise verglichen, mit der Leserinnen ihnen vertrauen. „Das Vertrauen, das wir der Encyclopaedia Britannica entgegenbringen, ermöglicht es uns, passiv Wissen aufzunehmen„, schreibt Weinberger, „Wikipedia liefert uns jedoch die Metadaten zu den Artikeln – Bearbeitungen, Diskussionen, Hinweise, Links zu anderen Bearbeitungen, die von derselben Person stammen –, weil sie vom Leser erwartet, dass er sich aktiv beteiligt und auf die Zeichen achtet.“ Wikipedia erscheint in Versionen, die man einordnen und bewerten kann. Metadaten sind verfügbar. Ein Mehr an Wissen wird also dem Wahrheits-Anspruch entgegengesetzt. „Jetzt müssen wir selbst entscheiden, was wir glauben wollen. Das war zwar im Grunde schon immer so, doch in der Welt der Papierordnung, wo das Publizieren so teuer war, dass wir Leute brauchten, die das Filtern übernahmen, war es leichter, unsere Passivität als unvermeidlichen Bestandteil des Lernens zu betrachten; wir dachten, dass Wissen eben so funktionieren würde.“

Es ist äußerst interessant Weinbergers Theorie über Wissen und Wahrheit auch abseits von der neuen Spiegel-Markenbotschaft zu lesen. Mit Blick auf diese hätte ich mir vom „Sturmgeschütz der Demokratie“ (auch ohne Weinberger) etwas erwartet wie: „Keine Angst vor denen, die sich auf die Wahrheit berufen.