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Vinyl-Begeisterung für vier Prozent

Schallplatten sind eine tolle Sache. Mindestens um wehmütige Erinnerungen an die Zeit zu stimulieren „als Musik noch richtig groß war“ – wie Olli Schulz singt. Vinyl-Schallplatten sind aber vor allem eine tolle Projektionsfläche (Foto: unsplash). Gerade kann man das an einer Meldung sehen, die die amerikanische Musikindustrie als PDF verschickt hat: „Mid Year Report“ heißt der Halbjahresbericht, aus dem in den vergangenen Tagen erstaunliche Aussagen geformt wurden: „Vinyl liegt im Trend“ (stern), „Der Vinyl-Boom will nicht enden“ (Musikexpress) und „Das schwarze Gold erlebt einen Aufschwung“ (Tagesspiegel) konnte man in Texten lesen, die mit wohligem Retro-Charme an die Zeit vor Streaming-Diensten und Internet erinnerten. Inspiriert wurden diese Trend-Behauptungen von der Beobachtung, dass es sein könnte, dass mit Ablauf des Jahres 2019 in den USA mit Vinyl mehr Geld verdient wird als mit CDs.

Wohlgemerkt: Es könnte sein, dass es so kommt. Denn aktuell wird mit CDs noch mehr Geld verdient. Der CD-Umsatz schrumpft allerdings, der mit Vinyl wächst leicht. In den Worten des Mid-Year-Reports liest sich das so:

Net revenues from physical products bucked the recent trend in unit sales and grew 5% to $485 million in 1H 2019; however, this growth was the result of a reduction in physical product returns, and on a gross basis the revenues from physical product would have been down for the period. Vinyl albums grew 13% to $224 million, but still only accounted for 4% of total revenues in 1H 2019.

Egal wie gut man Englisch spricht: Diese Aussage ist nur ganz schwer in das Wort „Vinyl-Boom“ zu übersetzen. Vier Prozent vom gesamten US-amerikanischen Musikkuchen (Grafik aus dem Mid-Year-Report) fallen auf Vinyl-Schallplatten. Nimmt man die CDs als weitere physische Produkte dazu kommt man auf neun Prozentpunkte. Erstaunlich daran: dieser Anteil entspricht dem, was die US-Musikindustrie mit digitalen Downloads erwirtschaftet. Ob das allerdings für die Begriffe „Trend“ oder „Boom“ reicht? Der Report selber sieht das nicht so. Dort steht eine andere Entwicklung zentral:

In the first half of 2019, the U.S. recorded music market continued the overall trends and double digit growth rates of 2018. Revenue increases were driven by the number of paid subscriptions exceeding 60 million for the first time.

Von „paid subscriptions“ kann man allerdings in keiner der zitierten Meldungen lesen. Dort steht nichts darüber, was es bedeutet, dass diese Form des Musikkonsums wächst. Obwohl dieser Bereich zu dem größten Stück im Musikkuchen zählt, der in der Grafik als „Streaming“ zusammengefasst wird: 80 Prozent umfasst dieser Bereich. Ob das schon für eine Meldung über einen Trend oder einen Boom ausreicht?

Schrott = Hits: Vorurteile der Musikindustrie

Der Bundesverband Musikindustrie hat in den vergangenen Tagen in einer täglichen Mail-Aussendung 10 beliebte Vorurteile über die Musikindustrie zu widerlegen versucht. Heute wird diese durchaus charmante Reihe mit dem Versuch beendet, das Vorurteil zu widerlegen, die Musikindustrie müsse nur weniger Schrott produzieren. In der Replik dazu heißt es jedoch:

Ein Vorurteil von unerträglicher kultureller Arroganz, bei dem Massentauglichkeit mit mangelnder Qualität gleichgesetzt wird. Dabei wird oft vergessen, dass in der Musikindustrie Hits – wie beispielsweise auch in Buchverlagen Bestseller – die finanzielle Basis für die Förderung von Nischenprodukten sind.

Auf den ersten Blick klingt das vielleicht nach einer guten Antwort. Nach dem zweiten Lesen werde ich aber den Eindruck nicht los, dass die Verfasser dieses Textes offenbar glauben, mit Schrott würden vorurteilsbehafteten Kritiker stets die Hits der Musikindustrie meinen. Wie sie darauf kommen, schreiben sie nicht. Dass sie jedoch so denken, offenbart mehr über die Branche als die echten oder vermeintlichen Vorurteile …

Filesharing und Kinderpornographie

Wenn man Kinderpornographie durch die Gleichsetzung mit Filesharing verharmlost, sorry, da hört der Spaß bei mir auf. Wie verzweifelt muss eine Industrie sein, etwas so im eigenen Interesse zu verargumentieren? Wie kann man in Gottesnamen überhaupt auf die Idee kommen seine potentiellen Eigentumsrechte mit dem missbrauchten Leben eines Kindes zu vergleichen? Aus taktischen Gründen moralische Grenzen zu verletzen, das tut sonst nur Eva Hermann um Bücher zu verkaufen. Aus gutem Grund ist die ihn ihrem Stamm-Medium TV ein Auslaufmodel.

Der bereits unlängst zitierte Tim Renner schreibt bei
CARTA über Kinderpornographie und Filesharing.

Mellencamp über die Musikindustrie

In der Zwischenzeit machte die Technologie – wie immer – enorme Fortschritte. Für uns Musiker hätte dieser Fortschritt eigentlich nur Vorteile haben sollen – bessere Klangqualität, bessere Zugriffsmöglichkeiten, erhöhte Mobilität. Genau dieser Fortschritt wird nun allerdings für vieles verantwortlich gemacht, das dem Musikgeschäft zusetzt. Es waren allerdings die Industriekapitäne, die unfähig waren, einen langfristigen Blick in die Zukunft zu werfen, was diese neuen Technologien zu bieten hatten. Weil sie aber die Möglichkeit nicht erkannten, brachten sie uns mit ihrer Ahnungslosigkeit in eine albtraumhafte Situation. Der Albtraum war dabei der schlichte Umstand, dass sie nicht wussten, wie sie die neuen Technologien für uns nutzen könnten.

John Mellencamp schreibt in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag über den Zustand der Musikindustrie. Lesenswert!

Down durch Download

Die Musikindustrie wäre gut darin beraten, einfach ihre legalen Angebote besser zu machen als die Piraterie Angebote und die Piraterie Angebote eher dazu zu nutzen, um dem jugendlichen Fan, der immer klauen wird, den zu erwerben als späteren legalen Kunden.

MySpace-Chef Joel Berger in der Deutschlandfunk-Sendung Down durch Download über die Zukunft der Musikindustrie (via). Die Sendung vom 2. August fehlt leider in der „on demand“-Abteilung beim Deutschlandfunk. Warum eigentlich?

Die Frau, die die Musikindustrie verklagt

Does She Look Like a Music Pirate? fragte die Business Week und erzählt die Geschichte von Tanya Andersen:

After being sued by the music industry for stealing songs and winning the case’s dismissal, Andersen is now taking the record industry to court. Her case is aimed at exposing investigative practices that are controversial and may be illegal, according to the lawsuit. One company hired by the record industry, she claims, snoops through people’s computers, uncovering private files and photos, even though it has no legal right to do so.
(…)
While the recording industry has gone after thousands of people, Andersen is unusual. Of the 40,000 people the RIAA says it has targeted for legal action, at most 100 have decided to defend themselves in court (…) Andersen, one of the few winners on all counts, is the first to file a broad lawsuit that has put the RIAA on the defensive.

Die Frau, die in der Nähe von Portland lebt, begründet ihren ungewöhnlichen Schritt so:

„For whatever reason, I have been given a unique opportunity to fight this. I feel a responsibility in a way and want to help others. That pushes me along.“

Yael Naim: Der Soundtrack zur Werbung

All brands have become music-promotion houses

James McQuivey, Autor des Buchs „The End of the Music Industry as We Know It“, wird in einem lesenswerten Bericht auf Advertising Age zur Frage zitiert, wie sich Musikstücke entwickeln, die in Werbespots gespielt werden: Offenbar sehr gut. Beim prefixmag (via) wird vor allem die Geschichte von Yael Naim erzählt, der Sängerin, die den Soundtrack zum dünnsten Notebook der Welt gemacht hat. Und das läuft so:

„Apple says to Feist, Daft Punk — people who want to be associated with a hip, cool brand like Apple, ‚We’re gonna throw you this bone. It’s not much of a negotiation. ‚This is our deal.‘ Less-established acts make a big mistake if they rely on brands to drive their careers. They need to make sure the focus is on their career more than a song in a commercial. That’s a fix for quick success but not longevity.“