Alle Artikel mit dem Schlagwort “Livejournalismus

Meta goes beta: Das Lese-Experiment auf log.os

Ich mag Experimente: Mit Eine neue Version ist verfügbar probierte ich aus, ob Crowdfunding nicht auch für die Buchbranche möglich ist (Spoiler: ist es!), mit Meta! testeten wir, ob Bücher nicht auch in Versionen erschienen können (Spoiler: geht auch!) und gemeinsam mit Log.os probieren wir nun ob Lesen nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein kann. Wie schon beim SZ-Lesesalon ist dies ein weiterer Schritt in Richtung Livejournalismus als Social Reading.

Ab 1. März lesen wir in einer Lesegruppe das Buch auf der Plattform Log.os. Dafür muss man sich dort einen Account anlegen und kann die digitale Fassung der Standard-Version kaufen. Zusätzlich zum Inhalt erhält man Zugang zum Social-Reading-Experiment. Dieses wird rund einen Monat dauern und etwa so ablaufen.

Wir starten am 1. März mit einem gemeinsam kleinen virtuellen Event, zur Buchmesse in Leipzig wird es ein Vor-Ort-Event geben (das natürlich auch auf der Plattform gezeigt wird) und zum Abschluss gibt es noch eine gemeinsame Veranstaltung am Ende des Monats.
Hier Mitglied bei Log.os und in der Meta!-Lesegruppe werden

Livejournalismus: Twitch macht Atelierbesuche

twitch

Im Interview für das Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ sagte mir der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich dieses Sätze, von denen ich nicht dachte, dass ich sie mal unter ein Foto des Streaming-Dienst Twitch schreiben würde:

„Das Privileg des Atelierbesuches ist uralt. Das haben wir natürlich bei den Salonmalern im späten 19. Jahrhundert, da gab es einzelne Stunden in der Woche, in denen das Atelier öffentlich besuchbar war, natürlich nur gegen Voranmeldung, aber immerhin. In der Zeit der Hofkünstler war es üblich, dass der Herrscher jederzeit mal reinschauen durfte. Michelangelo versuchte, dem Papst zu verbieten, dass der sich vor Ort umguckt, wie die Fortschritte in der Sixtina sind. Das war ein Machtkampf.“

Der obige Screenshot stammt von einem Atelierbesuch – bei der Malerin zLadyLuthien, die auf Twitter als ElvishAtHeart aktiv ist. Sie nutzt den Dienst, der unter Gamern bisher bekannt war, weil man hier Live-Streams von Computerspielen verfolgten konnte, um Kunst erlebbar zu machen. Seit kurzem nämlich bietet Twitch ein Ressort für Kunst und Kultur. Der Kanal heißt Creative und trägt einer Bewegung Rechnung, die Bill Moorier von Twitch so beschreibt: „A couple years ago I started to notice a new type of stream happening. Broadcasters would get tired of gaming and fire up photoshop and start sketching game related art.“

Anders ausgedrückt: Kreative Menschen vernetzten sich und ihre Kunst im Erleben durchs Internet. Es ist sozusagen ein Atelierbesuch im Digitalen, ein Beweis für die These, dass die Digitalisierung aus Produkten Prozesse macht, dass das Erlebnis dem Ergebnis ergänzt wird. All das habe ich in Eine neue Version ist verfügbar beschrieben und mit dem Begriff Livejournalismus zu fassen versucht. Nun zeigt der Erlebnisdienstleister Twitch, der im Sommer 2014 von Amazon gekauft wurde, welche konkreten Optionen sich dadurch ergeben.

Zeitfenster zum Dialog: drei Fragen zum FAZ-Lesesaal

Die Kuppel über dem Lesesaal der Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs in London ist sehr berühmt. Dieser Tage ist sie auf der Website der FAZ zu sehen. Sie illustriert deren im Oktober 2014 angekündigtes Projekt „Lesesaal“. Dabei handelt es sich um ein Social-Reading-Angebot, das die Zeitung aus Frankfurt gemeinsam mit Sobooks realisiert (Hintergrund zu Sobooks hier im Blog)

„Ein Versuch“ schreibt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube in dem Text, der unter dem Foto mit der berühmtem Kuppel folgt. Als Freund des Social-Readings, persönlicher Bekannter von Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Fan seiner Idee freue ich mich über diesen Versuch. Denn als Gastgeber im SZ-Lesesalon im vergangenen Herbst habe ich festgestellt: Es ist wie gesagt noch viel zu tun in Sachen gemeinschaftlichem Lesen und Schreiben.

lesesaal_sobooks

Ich würde mich freuen, wenn Sobooks und der FAZ-Lesesaal mithelfen könnten, dem Social-Reading und -Writing in Deutschland Auftrieb zu geben – und bin gespannt wie sich der Versuch aus Frankfurt entwickelt. Deshalb hier drei Fragen zum Start:

a) Warum schreibt Jürgen Kaube über den Versuch, dass sich in Wahrheit doch gar nichts ändern soll? „Wir, die Redakteure der Feuilletonredaktion dieser Zeitung, stellen ein Buch, das uns interessant erscheint, so vor, wie wir es immer tun, in Form einer Besprechung. Dabei geben wir eine signifikante Stichprobe aus dem Buch zum Beleg unserer Eindrücke und unseres Urteils. Die Kooperation mit den jeweiligen Verlagen erlaubt es uns, diesen längeren Textabschnitt auf unserer Website zur Verfügung zu stellen. Leser, die ihn kommentieren wollen, das ganze Buch kommentieren wollen oder in ein Gespräch untereinander über beides treten möchten, können das mittels der von Sobooks entwickelten Technologie tun. Die Kommentare werden moderiert, die Redaktion wird nach Kräften antworten, es werden Zeitfenster geöffnet zum Dialog mit den Lesern.“

b) Weshalb ist die erste Besprechung, die FAZ-Literaturredakteurin Felicitas von Lovenberg im Lesesaal anbietet, eigentlich schon fertig? Weshalb sind darunter die Kommentare deaktiviert? Weshalb findet man in Sobooks selber (Screenshot oben) nur einen Kommentar der Literaturkritikerin?

c) Und überhaupt: Warum der Lesesaal der British Library? Unter der großer Kuppel gelten strenge Regeln, nicht wenige beziehen sich auf die Ruhe, die im Lesesaal zu wahren ist: „Consider other Readers and behave in a way that does not disturb them and respects their privacy. If it is necessary to talk, please do so quietly.“

Dabei müsste es doch genau ums Gegenteil gehen: Ums Reden, Debattieren! Um den Mut, eine Diskussion anzustoßen. Ich wünsche der FAZ und uns allen etwas mehr davon!

Update: Bei Sobooks hat Sascha einen ausführlichen Blog-Eintrag zu den Hintergründen veröffentlicht.