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Deine blöden Kommentare

Menschen in großen Massen – Fotgrafiert von Jose Martin für unsplash

Der Autor und Cartoonist Oli Hilbring hat dieser Tage eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Sohn seinem zeitunglesenden Vater sagt: „Och Papa, das steht doch alles im Internet“. Der Vater blickt gar nicht auf von seiner Lektüre, antwortet nur: „Aber mit deinen blöden Kommentaren.“

Die Zeichnung wird gerade ausgiebig auf Facebook geteilt. Sie ist lustig und irgendwie traurig zugleich. Denn nach den Kommentar-Katastrophen des vergangenen Jahres startet auch das neue Jahr mit dem Eindruck: Kommentare im Netz sind nichts anderes als Mob und Quatsch und Ärger. Hilbrings Zeichnung bestätigt dies einerseits – zeigt aber andererseits auf wunderbare Weise: Die blöden Kommentare des Sohnes sind am Küchentisch, an dem der Vater liest, ja nicht verschwunden.

Im Sommer 2014 habe ich dazu mal einen Text für die Süddeutsche Zeitung geschrieben – und kommentiert:

Es ist wohlfeil, sich nun darüber zu wundern, dass fremdenfeindliche und dumme Kommentare im Netz auftauchen. Das Netz ist nicht Auslöser der Provokationsdebatten der vergangenen Jahre – es macht aber deren Folgen sichtbar. Weil es als Medium eben anders funktioniert als die Distributionskanäle der Vergangenheit: Medien sind heute keine Straßenverkaufsstellen mehr, an denen Essen zum Mitnehmen über die Theke gereicht wurde. Medien im Netz sind heute Restaurants, deren Qualität sich nicht nur daran bemisst, was verkauft wird, sondern auch daran, wer im Lokal sitzt und sich wie verhält.

Auf all die aktuellen, hässlichen Formen der so genannten Hatespeech bezogen, kann man es mit dem Kanadier Seb FoxAllen bei Vice so formulieren:

The internet of 2015, like the internet you’re reading this on today, carried all the same awfulness and injustice that persists offline, except instantly searchable and pinging you 24/7. But you need to use it. To work, to communicate, to lulz, to connect.

Der lesenswerte Text endet mit einer – wie ich finde – guten Schlussfolgerung:

Maybe all you can really do to wade through it are the same things you’ve learned to do offline: keep networks that you trust, pick fights that are worth your time and try to sidestep those that aren’t. Do what you have to do to feel safe, support others when they don’t, and keep chipping away at the structures that make any of this necessary at all.


Dazu ebenfalls lesenswert:
Hass und Pöbelein im Netz – so geht es nicht weiter! von Nico Lumma – und nochmal: vielleicht brauchen wir ein Lichterketten-Emoticon

Wie Journalismus sich verändert (August 2014)

„Stern, Spiegel, Focus“ – das war jahrelang eine Art stehende Floskel für eine Form des Magazinjournalismus, der wöchentlich Platz für Hochglanz-Anzeigen lieferte. In diesem Sommer wurde die Aufzählung zu einem Problem-Dreiklang. Alle drei Magazine haben ein Anzeigen- und Auflagen-Problem, das (wenn es ein ganzes Segment trifft) womöglich struktureller Art ist, es scheint aber in allen drei Häusern personell bearbeitet zu werden. Immerhin wurde zunächst der stern-Chefredakteur Dominik Wichmann in einer eher merkwürdigen Art des Amtes enthoben, es folgte der Focus-Chef Jörg Quoos und beim Spiegel ein Personal-Theater, über das der Spiegel selber sich vermutlich sehr genüßlich lustig machen würde.


Alle drei Fälle gilt es in dem kleinen Journalismus-Tagebuch festzuhalten, das ich im Frühjahr mal begann, um hier den Medienwandel zu dokumentieren. Und wenn ich mich jetzt in die ersten beiden Folgen zurückklicke (Mai bzw. Juni), merkt man wie schnell der Medienwandel gerade unter unseren Füßen durchrauscht.

Diesem Wandel unterliegt aktuell auch ein Thema, das hier im Blog seit Jahren Thema ist: das Verhältnis zum Leser. Dieses ist – auch das hat der Sommer 2014 fürs Journalismus-Tagebuch zu Tage gefördert – gerade eher angespannt. Die Diskussion darüber, wie man mit Leserkommentaren umzugehen hat, hat die Branche in den vergangenen Monaten sehr nachhaltig beschäftigt: Es gab zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Häusern, die sich dem Thema theoretisch näherten. Auch der Online-Chef der SZ Stefan Plöchinger hat dazu ein ausführliches Stück geschrieben, das ich hier nochmal empfehlen will, weil es u.a. Grundlage für ein neues Konzept ist, das wir seit dieser Woche bei der Süddeutschen Zeitung testen*: ein neuer Umgang mit Lesern im Netz.

Die bisherigen Ansätze zum Umgang mit Leserdialog zeichnen sich derzeit zumeist durch eine Aufwands-Einschätzung aus, die Bettina Hammer auf telepolis so beschreibt:

Die Foren müssen gewartet, evtl. moderiert und zumindest überflogen, Anfragen beantwortet und nicht zuletzt Strafrechtliches gelöscht werden, bevor es zu nerven-, zeit- und geldaufwändigen Verfahren kommt.

Von einem Erkenntnis-Interesse oder einem inhaltlichen Ziel, das ein (Online-)Dialog verfolgen könnte, schreibt sie nicht. Stattdessen kritisiert sie an dem neuen SZ-Ansatz: „Die SZ hat damit ein weiteres Beispiel dafür geliefert, wie Onlinemedien Nutzer mehr und mehr als Störfaktor sehen.“ Wie Heise die Nutzer sieht, kann man nur indirekt erschließen, wenn man die Kommentare unter dem Text liest: Denen scheint es relativ egal zu sein, ob sie im heise-Forum (sic!) stehen oder sonst wo im Netz. Sie bilden keinen wirklichen Dialog ab, sondern bieten Menschen die Möglichkeit, pauschal allen Medien Propaganda zu unterstellen. Diese Unterstellung verlangt keine Antwort aus der Redaktion, die den Text veröffentlicht – und bekommt offenbar auch keine, wie ein Leser unter dem Text kritisiert

telepolis

Nun wäre es wohlfeil Bettina Hammer oder die heise-Redaktion dafür zu kritisieren, denn es handelt sich (siehe oben) bei dem Thema um kein personelles, sondern um ein strukturelles Problem: Online-Debatten fehlen derzeit häufig Eigenschaften, die geglückte Gespräche zumeist auszeichnen:

> Sie haben einen Anfang und ein definiertes Ende
> Sie verfolgen ein inhaltliches Ziel, ein Erkenntnis-Interesse
> Sie verlaufen in zwei Richtungen: beide Seiten kommen zu Wort

Mindestens diese drei Eigenschaften wollen wir bei der SZ dem Leserdialog (zurück-)geben: „Lassen Sie uns diskutieren“ hat der Kollege Daniel Wüllner den Beitrag überschrieben, mit dem wir bei der SZ eine andere Form des Dialogs im Netz beginnen wollen: eine Konzentration auf drei relevante Fragen des Tages, die eine Alternative zum ziellosen Plaudern bisheriger Art sein wollen. Es geht darum, einen strukturell neuen Ansatz im Leserdialog auszuprobieren. Stefan Plöchinger hat das in einem Interview, das er zu dem neuen Modell gegeben hat, so zusammengefasst:

Wobei uns klar ist, dass das ein Experiment ist und wir aus den Erfahrungen der ersten Tage lernen müssen. Aber mehr zu experimentieren, ist unsere Grundhaltung.

Ich finde diese neuen Modelle (der Kollege Johannes Boie beantwortet z.B. in einer Leserfrage, warum den Deutschen Datenschutz wichtig) viel spannender als die Frage, ob es Kommentare auf Facebook gibt oder nicht (gibt es schon immer). Deshalb schreibe ich das hier auf: weil ich glaube, dass das Thema in einer der nächsten Folgen des Journalismus-Tagebuchs auftauchen wird. Denn natürlich sollte man auch die Ideen der neuen Version als Leserdialog denken.

*Disclosure: ich arbeite bei der SZ

Digitale Notizen: Annotationen im Test

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Medium macht es, Quartz macht es und RapGenius hat es sogar zum Prinzip erhoben: Anmerkungen auf Wort- bzw. Satzbasis sind das Ding der Stunde. Der Kommentar wird durch die Anmerkungen am Text ersetzt: Annotation heißt das – und ab sofort sind auch die Digitalen Notizen annotierbar.

Mit Hilfe der Diskussion-Software Disqus und dem WordPress-Plugin InlineComments möchte ich auch hier die Möglichkeit zum Wort- bzw. Satzbasierten Kommentar bieten*. Und das geht so: Fährt man mit der Maus über einen Absatz, ein Zitat oder ein Bild, zeigt ein kleines Ziffernfeld an, ob bereits annotiert wurde (1 und <1) oder noch nicht (0) - wie im Bild rechts grün bzw. rot dargestellt. Auf diese Weise kann man sich nun in eine Diskussion einschalten oder eine beginnen. Und zwar auf Basis einzelner Bestandteile eines ganzen Textes. Die Kommentare unter dem Text bleiben erhalten, sind aber testweise ebenfalls auf Disqus umgestellt.


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Ein annotierter Abschnitt wird markiert und in der im obigen Bild angezeigten Form mit der Disqus-Diskussion verbunden.

Die Tests, die ich auf diese Weise gemacht habe, verliefen positiv. Trotzdem ist die Integration von Kommentaren auf diese Weise ein Experiment. Ob es glückt, kann ich erst herausfinden, wenn es jemand ausprobiert – was als Einladung gemeint ist …


*Eine alternative Option ist das Angebot InlineDiscussion oder CommentPress, die ich aber ebenso nicht ausprobiert habe wie das Angebot ReadrBoard.

Pseudonym – Anonym?

Anfang des Jahres hatte ich über eine Auseinandersetzung zwischen Stefan Niggemeier und Konstantin Neven DuMont geschrieben: Damals ging es um den Text Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont in Stefan Niggemeiers Weblog. Von dort erhalte ich seit ein paar Tagen immer wieder Besucher auf meiner Seite hier, weil ein Rücklink auf meinen Beitrag verweist. Aufgekommen ist das Thema weil Stefan Niggemeier unter dem Titel Eine systematische Störung der Verdacht geäußert hat, dass Neven Dumont in seinem Blog „unter einer Vielzahl wechselnder Pseudonyme eine dreistellige Zahl von teils irren Kommentaren“ verfasst habe.

Der SZ-Kollege Serrao nennt das in der heutigen Printausgabe der
Süddeutschen Zeitung eine Geschichte „die so verrückt klingt, dass man sie kaum glauben mag. Demnach wurden in Niggemeiers Blog von jemandem, der die Mailadresse und offenbar auch den Internetanschluss des Verlegers nutzte, über Monate zum Teil sehr wirre Beiträge unter Namen wie „Himmlischer Friede“ oder „Ordensschwester“ verfasst.“

Die Geschichte schlägt Wellen: Nicht nur die SZ, auch andere Medien berichten. Auch die FAZ schreibt über den Fall. In den Leserkommentaren unter dem Text ist mir dazu eine interessante Frage aufgefallen, die ich mir in der Debatte Anfang des Jahres bereits ähnlich gestellt hatte. Es geht um das Verhältnis des Kommentierenden zu dem Betreiber des Blogs. Ich frage mich: Darf ein Foren- oder Blogbetreiber eigentlich das Pseudonym seiner Nutzer öffentlich machen? Gibt es Ausnahmen, wenn es sich um berühmte Menschen handelt? Wäre anders über den Fall berichtet worden, wenn dieser sich nicht in Stefan Niggemeiers Blog zugetragen hätte, sondern – sagen wir rein spekulativ – auf Facebook und Mark Zuckerberg den Pseudonym-Verdacht veröffentlicht hätte? Ich habe keine klare Meinung zu diesen Fragen. Der FAZ-Leser Anton Zwielicht hat dazu und zum FAZ-Autor Niggemeier jedenfalls eine sehr eindeutige Position. Er schreibt:

Wenn jemand unter Pseudonym in einem Blog kommentiert, hat der Blogbetreiber kein Recht, dessen wahre oder vermutete Identität zu veröffentlichen. Auch nicht, wenn er Niggemeier heißt.

update: Der Rechtsanwalt Thomas Stadler gibt in seinem Internet-Law-Blog einen Einblick in die juristische Ebene des Themas.

In Kategorie: Netz

WordPress-Umzug: (m)eine Horrorgeschichte

Es ist vollbracht: Ich habe die Digitalen Notizen in den vergangenen Tagen auf einen neuen Server umgezogen und dabei einige der Gruselgeschichte erleben dürfen, die man in Foren zum Thema „Datenbank-Umzug“ nachlesen kann. Da ich glaube, dass man sich als Umziehender in der Not nicht ganz so verloren fühlt wenn man die Erlebnisse anderer nachlesen kann (und so vielleicht tatsächlich auch Hilfe findet), hier ein kurzer Abriss über meine Problem-Stellung: Es ging um Charsets, Zeichensätze und Umlaute!

Die Anleitungen zum Thema Umzug (ich empfehle diese, jene oder die hier) sind sehr gut und wenn man sie tatsächlich befolgt, wohl auch von schnellem Erfolg gekrönt.

Wichtig dabei: Es reicht nicht, ein Backup der Datenbank zu haben, man sollte dieses auch vor dem Umzug getestet haben. Das klingt einfach, ich habe es aber nicht bedacht. Das führte dazu, dass ich (nach einigen Umzugs-Problemen) zwar alle Texte (Kommentare etc.) wiederfand, diese aber keine Umlaute darstellen konnten. Der Rat dazu (In dem Fall einfach ein wenig mit den möglichen Varianten (latin, UTF 8 usw.) experimentieren) erwies sich als leichter gesagt als umgesetzt. Denn: Alles Experimentieren ist so lange sinnlos wie die gesicherte Datenbank einen Zeichensatz verwendet, der selber voller Fehler steckt. Bis ich das jedoch (unter anderem dank großartiger Unterstützung eines nicht-programmierenden SZ-Kollegen) herausgefunden hatte, verging einige Zeit. Denn: Das erkennt man ja nicht – wenn die Datenbank so tut als sei sie UTF-8, die wp_config.php auch und WordPress in seinen Einstellungen ebenso.

Also habe ich schlussendlich von Hand in der Datenbank-Version Umlaute und Sonderzeichen ersetzt (wer noch fehlerhafte Darstellungen entdeckt, darf mich gerne drauf hinweisen), diese in kleinen Portionen gespeichert und erneut importiert. Übrigens zum Thema Import eine Anmerkung: Für MySql-Laien (deren Sprecher ist sein könnte) ist es nicht nachvollziehbar, warum man eine gezippte Version der Datenbank, die angeblich nur 2 MB groß ist, nicht via Menü-Punkt „Importieren“ in die Datenbank bekommt (bzw. nur unvollständig). Und MySql-Laien begreifen auch nur nach dankbar angenommenen Hinweisen, dass man die Datei entzippen, im Text-Editor öffnen und in kleinen Portionen via Menüpunkt „Sql“ importieren muss.

Doch selbst als ich das rausgefunden und die von Hand auf UTF-8 umgestellte Variante importiert hatte, war das Problem nicht gelöst. Denn dann hatte ich zwar in der Datenbank korrekte Umlaute, in der Ausgabe fehlten jedoch die Punkte auf ä,ü,ö, etc. Statt Zehn Dinge für 2010 las ich nur noch Zehn Dinge fur 2010 (was in Reihe nicht gerade klug wirkt). Es dauerte etwas, bis ich rausfand, dass an diesem (im Netz nicht dokumentierten) Fehler ausgerechnet ein Plugin steckte, das den Namen UTF-8 Convertor trägt. In meiner Not am Anfang des Umzugs hatte ich mittels dieses Plugins versucht, die Datenbank auf UFT-8 umzustellen. Das gelang (aus oben genannten Gründen) nicht und jetzt blockierte das Plugin auch die händische Reperatur.

In jedem Fall sollten die Digitalen Notizen jetzt schneller laufen als vorher. Auch das Kommentar-Problem sollte gelöst sein (Fehler im Rechnen-Plugin). Man kann jetzt also wieder kommentieren – und die aktuellsten Kommentare werden zukünftig auch auf der Startseite rechts in der Sidebar angezeigt.