Alle Artikel mit dem Schlagwort “journalistenbild

Was ist (guter) Online-Journalismus?

Ende des Monats bin ich eingeladen im Rahmen eines Kurses an der Deutschen Journalistenschule einen Online-Block zu begleiten. Dabei bin ich sehr konkret mit der Frage konfroniert: Was heißt eigentlich Online-Journalismus?

Die Frage klingt sehr banal, es gibt aber eine Menge Anzeichen dafür, dass die Beantwortung äußerst kompliziert ist. Im Rahmen des CNN-Young Journalists Award wurde in diesem Jahr zum Beispiel mit der Begründung auf die Verleihung eines Online-Preises verzichtet, dass fast keine der eingereichten Arbeiten „mit den großartigen neuen Möglichkeiten des Onlinejournalismus“ spiele. Juror und Kollege Stefan Plöchinger sagte damals: „Da war mir und uns das Signal wichtig: Redaktionen, bitte entdeckt endlich, was auf dieser interaktiven, unglaublich lesernahen, multimedialen Plattform im Jahr 2012 möglich ist! Ich nehme von der damit verbundenen Kritik niemanden aus.“

Was also macht guten Online-Journalismus – im Abgrenzung zu guten Journalismus auf Papier, im Fernsehen oder im Radio – aus? Welche spezifischen Stärken könnten Online-Journalisten für ihre Publikation und Kommunikationnutzen? Konkret: Was soll ich den Schülern an der DJS erzählen?

Zunächst mal will ich sie mit dem Zitat des ehemaligen Design-Directors der New York Times Khoi Vinh konfrontieren, der im Rahmen eines Vortrags in der Schweiz gesagt hatte:

“Analog media is a document. Digital media is a conversation.”

(bei swissmiss steht übrigens, was da genau im Hintergrund abläuft)

Und da ich das nicht nur erzählen, sondern auch ernst nehmen will, verbinde ich es mit der Frage an die Blog-Leserinnen und Leser: Was genau macht guten Online-Journalismus für Dich und Sie aus?

Ich will von Storify sprechen, von dem was Clay Shirky „soziales Lesen“ nennen würde, vom Open Journalism des Guardian und von der Verbindung von Form und Inhalt wie in diesem Text über Stupid Games aus der New York Times. Was soll ich noch erzählen? Ich freue mich auf Vorschläge – in den Kommentaren, per Mail oder Twitter.

Vielen Dank!

Vom Recht haben in einer Welt der Dummen

Vom Philosophen Hans-Georg Gadamer stammt der Satz:

Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.

Es lohnt sich, an diese Einschätzung zu erinnern, wenn man die Einlassungen liest, die in den vergangenen Tage über das Netz in Gänze bzw. über die zu aktiven Rezipienten „amateurisierten“ Leser und Nutzer veröffentlicht wurden. Die Blogger und kommentierenden Nutzer kommen dabei nicht besonders gut weg – auch nicht auf Nachfrage.

Woran das liegen könnte habe ich mich gefragt? Daran, dass tatsächlich alle Leser dumm sind? Und alle Wähler nervig? Dann wäre doch der Schluss, den man nahezu ziehen muss, einen anderen Beruf zu wählen: Wie kann man als Journalist veröffentlichen, wenn man sein Publikum für blöd hält oder als Politiker arbeiten, wenn man in der Wählerschaft einzig Idioten erkennt? Da macht doch am Ende nicht mal mehr das Recht haben und ausgebucht sein Spaß, oder?

Ich glaube, eine solche Haltung ist nur mit Selbstüberschätzung und Zynismus auszuhalten. Da ich aber für Selbstüberschätzung zu gut bin, habe ich daran kein Interesse und war deshalb sehr froh, als ich im Nieman Journalism Lab eine weniger selbstgerechte Lösung las: The Washington Post tries a new weapon to fight the trolls: humans

Dort wählt man also einen neuen Weg: Statt die zu Nutzern aufgestiegenen Leser zu beschimpfen, redet man mit ihnen. Man verändert die Atmosphäre, indem man auf Lesermeinungen eingeht und diese öffentlich beantwortet. Man sucht – Achtung, Gadamer-Bezug – das Gespräch.

Ich glaube, dass es dazu in Wahrheit keine wirkliche Alternative gibt. Das Web2.0 wird nicht wieder weggehen, die Möglichkeiten des Dialogs werden nicht eingestampft. Journalisten und Politiker (und darüberhinaus zahlreiche andere Berufsgruppen) werden damit leben müssen, dass die vielen ach so dummen Menschen da draußen nicht nur eine Meinung haben, sondern diese auch veröffentlichen können. Dass also aus der Theorie des Grundgesetzes (Artikel 5) eine anstrengende Praxis wird. Dies abzuwerten, zu beschimpfen oder im Wortsinn zu bekriegen, wird nicht zum Erfolg führen.

Im Spiegel steht diese Woche eine Geschichte über die Facebook-Aktivitäten von Sigmar Gabriel. Etwas abschätzig wird dort darüber berichtet, dass der SPD-Chef einen Bäcker besucht hat, der ihn in einem Facebook-Kommentar angesprochen hatte. Der Text (der nicht online steht) äußert den Verdacht, dass man Gabriels ungefilterte Kommunikation in der Parteizentrale für gefährlich halte. Gabriel schreibt dazu auf Facebook:

Mir sind in der SPD-Parteizentrale allerdings noch keine Mitarbeiter aufgefallen, die schlotternde Knie haben – vor Angst, dass ich auf Facebook Blödsinn schreiben könnte. Im Übrigen kann ich alle beruhigen: Nein, ich bin keine Marionette, die von irgendwelchen PR-Profis gesteuert wird. Ich sage was ich meine. Auf Pressekonferenzen, bei Betriebsbesuchen, und manchmal eben auch bei Facebook.

Nicht nur weil er mir einfiel als ich das Gadamer-Zitat von oben las, sondern weil der Aphorismus von Kurt Tucholsky hier sogar auf Sigmar Gabriel passt, wünsche ich mir ein wenig mehr Experten-Toleranz für die angeblichen Amateure da draußen:

Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat

Preiswürdiger Journalismus

Die Frage, was eigentlich Journalismus sei und was nicht, steht zentral im Zeitalter der Demokratisierung dieses Berufs. Wie Journalisten darauf reagieren, kann man beispielhaft an Preisen ablesen, die in dieser Branche verliehen werden. Denn nur was als Journalismus gilt, kann auch einen Journalistenpreis bekommen (nein dabei geht es nicht nochmal um die Debatte um den Henri-Nannen-Preis).

Aktuell wird eine Pressemitteilung durchs Web gereicht, in der die Jury des Pulitzerpreises sich zu der Frage äußert, wie neue technische Instrumente den Beruf des Journalisten verändern – und damit das Spektrum dessen erweitern, was als auszeichnungswürdig gilt.

Auch in Deutschland wurde vor kurzem eine Pressemitteilung zu einem ähnlichen Thema verschickt. Sie stammt vom Henri-Nannen-Preis und kündigt für dessen nächste Verleihung eine neue Kategorie an. In der Erklärung heißt es:

Diese Neuerung trägt nicht zuletzt dem Umstand Rechnung, dass der Journalismus sich seit 2005, als der Henri Nannen Preis aus der Taufe gehoben wurde, deutlich verändert hat und heute in viel stärkerem Maße auf das erheblich gestiegene Bedürfnis der Leser nach Einordnung und Orientierung eingeht.

Wie also hat sich der Journalismus seit 2005 verändert? Geht es in der neuen Kategorie um digitale Dialogfähigkeit oder um multimediale Aufarbeitung eines Themas? Nein, die neue Kategorie trägt den Titel „Essay“ und versammelt

Texte, die den Leser über ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen orientieren, mit dem der Autor sich auf persönliche Weise mit Gedankenschärfe und stilistischer Geschmeidigkeit auseinandersetzt.

Im Kontrast dazu liest man in aller Geschmeidigkeit in der Pressemitteilung des Pulitzer-Boards das hier:

The Board continues to welcome a full range of journalistic tools – such as text articles, interactive graphics, blogs, databases, video and other forms of multimedia – in 12 of its 14 categories. The two photography categories remain restricted to still images, which must be submitted as digital files.

Und dann ganz konkret in Bezug auf die Kategorie „Breaking News“:

In an example intended to underline the importance of real-time reporting, the Board said that it would be disappointing if an event occurred at 8 a.m. and the first item in an entry was drawn from the next day’s newspaper.

Im Nieman Journalism Lab folgert Justin Ellis daraus:

It’s a step away from the punctuated publication cycle newspapers were tied to in print, and an acknowledgement of breaking news becoming real-time news

Für Deutschland stellt sich die Frage wie lange es dauert, bis auch ein hiesiger Journalistenpreis das Live-Bloggen zu einem Event als journalistische Leistung ansieht, die man sogar auszeichnen könnte?

Irgendwo da draußen gibt es immer eine bessere Idee

Das Anstrengende an der Digitalisierung ist für den klassischen Journalisten (und alle Storyteller) in Wahrheit ja nicht, dass sie etwas mehr Arbeit haben könnten, sondern die Tatsache, dass ihr Selbstbild in Frage gestellt wird. Der Prozess der Demokratisierung fordert alle Berufsgruppen in ihrer Selbstdarstellung und Positionierung heraus. Bei Köchen und Musikern kann man bereits beobachten, dass das Aufkommen von Amateuren den Profis keineswegs den Job kostet (im Gegenteil). Im Journalismus ist der Prozess in vollem Gange und man kann quasi live mit anschauen, welche unterschiedlichen Wege man gehen kann, um darauf zu reagieren:

Zwei Beispiele sind mir gerade in die Twitter-Timeline geflogen. Ich will sie nicht kommentieren, sondern nur gegeneinander stellen. Zum einen gibt es diesen handwerklich (mal wieder) sehr guten Beitrag von 2470media über das Reporter-Forum in Hamburg

:
Ich weiß nicht, ob die Journalistinnen und Journalisten, die in diesem Beitrag auftauchen, so selbstverständlich die folgenden Sätze unterschreiben würden, die ich ebenfalls gerade in meiner Timeline gefunden habe. Sie kommen aus der Deutschen Journalistenschule, wo die aktuelle Klasse gerade an einem Projekt namens hive arbeitet. Das klingt inhaltlich spannend, es geht aber vor allem auch einen erstaunlichen Weg – hive bindet seine Leserinnen und Leser ein.

Falls Ihr also gelesen habt, was wir vorhaben, und denkt: „Ich kenn da was, darüber muss hive etwas schreiben!“, schreibt uns eine Mail, postet an unsere Pinnwand auf Facebook oder schreibt @HiveMagazin. Denn egal wie gut unsere Ideen sind: Irgendwo da draußen gibt es immer eine bessere.

Mir geht es um die beiden letzten Sätze. Man kann über diese Haltung streiten, ich kann mir beide Argumentationslinien vorstellen: „Wer eh schon weiß, dass er nicht die beste Idee hat, braucht doch gar nicht anzufangen“, sagen die einen. Die anderen entgegnen: „Wer so denkt, erhebt sich nicht über seine Leser, er arbeitet aus einem realistischen Weltbild heraus.“

Ich finde es sehr erstaunlich, dass solche Sätze aus der Journalistenschule kommen. Denn wo, wenn nicht dort, kann so etwas ausprobiert werden?

Natürlich kann man heute nur schwer absehen, wie dieser Prozess ausgehen wird. Man kann aber Hinweise für eine bestimmte Richtung zusammentragen. Johannes Kuhn weist zum Beispiel auf den transparenten Newsroom der schwedischen Zeitung norran.se hin, an dem diese Grundsätze gelten:

Transparency is the new objectivity. We post the job list – the stories we are working on today.

The instant feedback and the personal reply is extremely important. It’s the feeling that there’s somebody there live now.

You have to answer in a good way, a polite way and a knowledgeable way, or you can lose trust.

Universalcode: Cover bestimmen

In diesem Sommer erscheint Universalcode ein Lehrbuch für den Journalismus im digitalen Zeitalter. Ich habe an unterschiedlicher Stelle schon darüber berichtet, immerhin habe ich selber an diessem Buch mitgeschrieben.

Deshalb weiß ich auch von den internen Cover-Unstimmigkeiten, von denen Christian heute schreibt. Sie beziehen sich auf die Gestaltung der Titelseite des Buchs. Hier kann man nicht nur nachlesen, worum es dabei geht, man kann auch seine Meinung/Stimme abgeben.

Darum möchte ich hiermit bitten!

Großartige Merker gesucht!

Vor lauter Vergabe-Chaos beim diesjährigen Henri-Nannen-Preis sind zwei Wortmeldungen etwas untergegangen, die im Rahmen des Preises veröffentlicht wurden: Es geht um die Rede des Preisträgers Wolf Schneider (Ideen müssen her! Krempeln wir die Ärmel auf!) sowie um Manfred Bissingers Text Warum Journalisten auch als „Täter“ gefragt sein können, der die Buchausgabe des Nannen-Preises einleitet.

Ich habe beide Texte mit Verwirrung gelesen. Diese Verwirrung rührt daher, dass Schneider und Bissinger Gutes im Sinn haben, mich aber dennoch nicht erreichen. Das kann man für mein privates Verständnis-Problem halten, ich glaube aber, dass mindestens zwei grundlegende Missverständnisse in der Beurteilung der Digitalisierung vorliegen, die beispielhaft für den Graben in unserer Branche Gesellschaft stehen.

Bissinger und Schneider wollen Mut machen, sie wollen, dass Journalistinnen und Journalisten sich von den Veränderungen durch das Internet nicht verängstigen lassen, sondern Chancen erkennen, neue Ideen entwickeln und kreativ werden. Ich befürchte, sie erreichen das Gegenteil, denn sie kriegen zwei Veränderungen nicht in den Griff, die die Digitalisierung entscheidend prägen: es geht um die Demokratisierung der Publikationsmittel und um das Thema Bezahlung.

Schneider, der ausführlich die geniale Einzel-Leistung Henri Nannens herausstellt, hadert vor allem mit den Publikationsmöglichkeiten der Vielen. Er beschreibt, wie Nannen „das heißeste Medium deutscher Sprache“ (was wäre das wohl heute?) damals aus den zwei bis drei Stern-Ausgaben „herausknetete“, die die Redaktion wöchentlich unter ihm produzieren musste. Dass heute Menschen ohne diesen Druck („entgegen einem populären Fehlurteil ist Druck etwas Wunderbares für alle, die etwas schaffen wollen“) publizieren können, gefällt ihm weniger.

Denn dramatisch gestiegen ist ja das Angebot an gedrucktem und gesendetem Text – gleichzeitig gesunken die Bereitschaft zu gründlicher, gar geruhsamer Lektüre – gewachsen schlechthin die Kurzatmigkeit, die Ungeduld! Wer erreicht auf dem Bildschirm noch die letzte Zeile? Ist der typische Blogger nicht ein Mensch, der erst mal protestiert, ehe er gelesen hat? (Wenn überhaupt.)

Erstaunlich ist daran, dass Schneider (der Blogs nach eigenen Angaben nur ausgedruckt liest) die Ungeduld, die er hier unserer Zeit im Allgemeinen und dem typischen Blogger im Speziellen attestiert, wenige Zeilen zuvor noch zu den drei journalistischen Generaltugenden zählte, die ihn selber antreiben (neben Neugier und Misstrauen).

Daran lässt sich ablesen: Journalist (und ungeduldig) ist heute womöglich jeder.

Und die Unterscheidung von glaubwürdigen und unglaubwürdigen Journalisten ist womöglich nicht mehr einzig daran festzumachen, ob sie in einer Redaktion tätig sind oder nicht. Diese Unterscheidung ist womöglich nicht mehr per se durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu treffen, sie muss womöglich durch Transparenz in der eigenen Arbeit und durch die Fähigkeit zum Dialog mit der ungeduldigen Leserschaft erwirkt und ständig neu bewiesen werden. Vielleicht reicht es heute nicht mehr mit dem Selbstbewusstsein eines Henri Nannen, den Schneider zum Ende seiner Rede zitiert, auszurufen:

„Dass wir die Größten und die Großartigsten sind – das ist uns selbstverständlich viel zu wenig! Leute, krempelt die Ärmel auf!“

Vielleicht muss sich Größe und Großartigkeit heute anders beweisen als durch den reinen Ausruf. Und vielleicht steckt ein Dilemma der Branche eben genau darin, dass wir auf diese Herausforderung der Demokratisierung unseres Berufs bisher keine Antworten gefunden haben – außer dem Rückgriff auf Zeiten, in denen es noch geniale Verleger-Typen gab und der Besitz von Druckmaschinen primäres Unterscheidungskriterium war.

Neben der Tatsache, dass ich Schneiders Ausführungen über den Küchenzuruf bei Facebook anders interpretieren würde (zum Beispiel hier), halte ich diese Reaktion auf die Demokratisierung des Berufs (wie unlängst auch schon mal bei Wolfgang Siebeck gesehen) für ein grundlegendes Problem seiner Rede. Denn wenn er ernst meint, was er als Lösung für die Herausforderung der Digitalisieurng beschreibt, geht es meiner Meinung nach gerade darum, den Leser zu verstehen und nicht sich über ihn oder sie zu erheben. Denn die Aufgabe lautet seiner Meinung nach:

Begnadete Journalisten gesucht, die erschnuppern, womit man 18jährige zurückgewinnen kann!

Dabei kann es womöglich von Nachteil sein, wenn man zu groß ist, denn dann bringt alles schnuppern nichts – man kommt nicht runter bis zum Leser, und erst recht nicht auf die Idee, diesen selber zu fragen.

Im Text von Manfred Bissinger taucht das zweite Problem auf, das an unterschiedlicher Stelle auch hier schon thematisiert wurde: die Geschäftspolitik im Netz. Schneider spricht davon gar nicht, Bissinger stellt es zentral. Er hält es für einen den bedeutsamen Fehler, dass Verlage Inhalte im Netz „verschenken“ und stellt gar die These auf:

Dass das Internet sich überhaupt nachhaltig als mediale Alternative in das Bewusstsein der Konsumenten schleichen konnte, ist der Fahrlässigkeit der Verlage geschuldet.

Was er damit sagen will: Die Verleger haben – seiner Ansicht nach – die Entwicklungen der Digitalisierung verschlafen. Was er damit aber vor allem sagt: Er glaubt, der schleichende (?) Aufstieg des Netzes als mediale Alternative hänge wie auch immer davon ab, ob Verleger Inhalte (kostenfrei oder nicht) ins Internet stellen. Das ist erstaunlich und man muss dazu den Einstieg des Offenen Briefes als Gegenposition lesen, den Mario Sixtus Ende vergangenen Jahres den Verlegern schrieb, um zu verstehen, wie tief der Graben in Wahrheit ist. Er beginnt mit den Worten:

Liebe Verleger, das tut jetzt vielleicht ein wenig weh, aber einer muss es mal deutlich sagen: Euch hat niemand gerufen! Niemand hat gesagt: “Mein Internet ist so leer, kann da nicht mal jemand Zeitungstexte oder so was reinkippen?“

Auf der einen Seite steht Bissinger mit seiner Einschätzung, der Aufstieg des Netzes begründe sich auf der verlegerischen Fehlentscheidung Inhalte frei zu veröffentlichen, auf der anderen Seite steht eine Haltung, die davon ausgeht, dass der Schub der Digitalisierung so stark war und ist, dass die Verlage sich ihm nicht entziehen konnten, aber versäumt haben, ihn recht zu nutzen. Ganz konkret: Es gäbe vermutlich auch Nachrichten im Netz, wenn Verlage (und der öffentlich-rechtliche Rundfunk) es ignorieren würden. Es gäbe auch Aufdeckungen und brisante Veröffentlichungen wenn alle Journalisten auf einen Schlag offline gingen.

Ich finde diese Differenz in der Wahrnehmung sehr erstaunlich, denn wenn es schon an dieser Stelle Uneinigkeit gibt, muss man die Frage nach dem Begriff des Verschenkens fast gar nicht beginnen (obwohl sie wichtig wäre). Und die Frage danach, ob die durch die digitale Kopie verflüssigten Inhalte vielleicht einfach nicht mehr so kontrollierbar sind wie früher (siehe Musikindustrie) und deshalb neue Modelle erdacht werden müssen, erübrigt sich von alleine.

Bissinger nimmt in seinem Text genau wie Wolf Schneider Bezug auf Henri Nannen (klar, es geht um den Preis, der nach ihm benannt ist). Er schreibt, dieser habe „seine Kaste feinsinnig in „Merker“ und „Täter“ unterteilt“

Die „Merker“ hatten die Realität zu beschreiben, so wie sie sich täglich offenbarte, aber sie durften nicht erkennen lassen, wo sie selbst standen. Tageszeitungen und Nachrichtensendungen mussten (und müssen) so arbeiten; sie verfälschten sonst die Realität. Die „Täter“ dagegen wollten über die Information hinaus Wirkung erzielen.

Diese Unterscheidung dient ihm als Aufruf, wieder mehr journalistische Täterschaft zu fordern. Als ich diese Unterscheidung jedoch las, stellte ich fest, wie wenig wir offenbar immer noch bemerken, was die Veränderung der Digitalisierung für unseren Beruf bedeutet.

Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Täter, sondern in erster Linie mehr Merker, die festhalten, was es heißt, dass die Daten von ihrem Träger gelöst werden und sich verflüssigt im Netz bewegen. Die bemerken, dass wir mit den Lösungen von gestern nicht weiter kommen und stattdessen festhalten, dass Öffentlichkeit und veröffentlichte Meinung nicht mehr von einem Publikationsmonopol abhängen, die erkennen, dass es eine Chance sein kann, wenn Journalisten nicht mehr die Größten sein wollen, sondern bereit und in der Lage sind, mit ihren Lesern in den Dialog zu treten.

Vielleicht brauchen wir – um die beiden Nannen-Zitate von oben zusammen zu führen – einfach ein paar großartige Merker!

Das bin ja Ich

Am Freitag wurde in Hamburg der Henri-Nannen-Preis verliehen. Seit dem gibt es eine kleine Debatte* zur Frage, ob man den Nachbau des Bahnhofs von Bonn im Maßstab 1:87 (über den hatte Rene Pfister in Am Stellpult geschrieben) in Horst Seehofers Keller gesehen haben muss, um zu wissen wie er aussieht und um darüber zu schreiben. (Das Altpapier verweist in diesem Zusammenhang auf den Text von Claudius Seidl, der vor ziemlich genau einem Jahr über Journalistenpreise geschrieben hatte.)

Mir ist aber etwas anderes bei den ausgezeichneten Texten aufgefallen. Etwas, das ich so ähnlich hier schon mal notiert hatte. Es geht darum, wie Privates öffentlich wird, wie Ich-Geschichten in den Journalismus kommen.

Aufgefallen ist mir dies an den beiden ebenfalls ausgezeichneten Texten Der Überfall von Susanne Leinemann aus der Zeit und Mich trifft der Schlag von Hans Zippert aus der Welt. Die Geschichte des äußerst brutalen Überfalls auf Susanne Leinemann wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet, Hans Zipperts Text über seinen Schlaganfall lobte die Jury als „herausragende humorvolle und unterhaltende Berichterstattung“.

Beide Texte sind besonders herausragende journalistische Beiträge des vergangenen Jahres. Man kann die beiden Texte nicht miteinander vergleichen und trotzdem fällt auf, dass bei diesem renommierten Preis gleich zwei Ich-Texte das Lob der Jury erhalten.

Warum das erwähnenswert ist? Aus mindestens zwei Gründen. Zunächst weil es nach klassischer Reportage-Schule durchaus ungewöhnlich ist, dass der Reporter sich selber zum Thema macht bzw. das Ich zu Wort kommen lässt. Zum zweiten weil in gängiger Lesart eher den digitalen und demokratisierten Medien des Netzes die Eigenschaft zugeschrieben wird, Privates öffentlich zu machen. Wenn dieses Prinzip in gedruckten Medien ebenfalls Anwendung findet und sogar ausgezeichnet wird, kann man das womöglich als Beleg dafür lesen, wie die digitalen Medien Einfluß nehmen oder wie selbstverständlich die analogen Medien dies eh schon immer getan haben.

Zipperts Text, bei dem online mehrere Bilder des Autors gezeigt werden, endet jedenfalls mit diesem Gedanken:

Auf der Rückfahrt erinnerte ich mich wieder an das Abendessen vor dem Schlaganfall. Inzwischen hatte mein Leben tatsächlich eine gewisse Dramatik bekommen. Ich hatte nun genug Stoff für den großen Schlaganfallroman, den Schlaganfallgegenwartsroman. (…) Trotzdem sammelte ich eifrig Material, um sobald wie möglich mit der Romanniederschrift zu beginnen. Im Herbst erfuhr ich, dass Kathrin Schmidt den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte. Mit einem Schlaganfallroman. Das nennt man wohl Spätfolgen. Ich war anscheinend zu langsam geworden.

* Update: am Montag abend meldet das Hamburger Abendblatt, dass der Preis aberkannt wurde.

Journalismus wie im Film

Richard Gutjahr weist auf den Film Page One über den Medienwandel im Beispiel der New York Times hin. Und wenn man den Trailer so sieht …

… könnte man fast dem Eindruck anheim fallen, Journalismus und gerade Print-Journalismus sei ein ziemlich cooler Job. Vielleicht gar ein Traumjob, wie Ronnie Grob Andreas Heller aus NZZ Folio zitiert?

Zwar hat auch sein Ansehen in den letzten Jahren gelitten, aber Journalismus ist noch immer ein Beruf, der ein abwechslungsreiches Leben verspricht. Der Journalist ist im Brennpunkt des Geschehens oder zumindest am Puls der Zeit. Er trifft die verschiedensten Menschen, auch solche, die die meisten bloss aus den Medien kennen, und darf sie mit seinen Fragen konfrontieren; er kommt an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Er wird dafür bezahlt, dass er seine Neugierde befriedigt und seinen Lesern davon erzählt, indem er das Erlebte in die richtigen Worte zu fassen versucht.

In und für die Öffentlichkeit

Für die Reihe Absolventen im Gespräch hat die Deutsche Journalistenschule ein Interview mit dem hoch geschätzten Kollegen Michalis Pantelouris geführt. Der hat sich eine „Writer“-Mütze auf den Ohrhörerbeschützten Kopf gesetzt und sich vor einem 11 Freunde-Poster fotografieren lassen, um eine angemessen Bebilderung zu liefern für sein in der Tat lesenswertes Interview. Darin sagt er viele kluge Sachen über den Journalismus und das digitale Zeitalter. Zum Beispiel das hier:

Grundsätzlich überlebt keine Industrie, die nicht auf ihre Kunden hört, und Kunden sind überall fordernder geworden, seitdem es diese großartigen Formen der direkten Kommunikation gibt. Für Journalisten bedeutet das: Wir arbeiten nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern gefälligst auch in der Öffentlichkeit.