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Belgien: Fußball-Weltmeister 2018

Am Ende wenn Belgien dann tatsächlich (und wie hier im Podcast vorhergesagt) Weltmeister ist, werden diese 38 Sekunden nicht mehr interessant sein: Man wird das Finaltor zeigen und sehen wie Kapitän Eden Hazard den Pokal in die Luft streckt. Aber ich finde, man muss diese 38 Sekunden aus der Nachspielzeit eines faszinierenden Achtelfinalspiels gegen Japan ansehen, denn diese „Mutter aller Konter“ (Sven Haist, hier in der SZ) erhält jede Menge von dem, was Fußball so tauglich für Lebensmetaphern macht.

Hier die vier wichtigsten Lehren aus dem tollen Spiel:

1. Es braucht eine gegnerische Mannschaft: Man wird das Tor vergessen. Aber man wird vor allem vergessen, dass Japan unfassbar gut war. Die zweite Halbzeit zählte zu den besten dieser WM, eben weil der vermeintlich Schwächere Stärke zeigte. Japan (mit dem ehemaligen VfL-Profi Takashi Inui) ging nicht nur völlig verdient 2:0 in Führung, sondern spielte auch danach weiterhin auf Sieg. Das machte das Spiel so spannend (und den Konter erst möglich) und ruft ins Gedächtnis: Für ein gutes Spiel braucht man einen guten Gegner. Gilt nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der politischen Auseinandersetzung. Einfach nur Recht haben ist noch keine Politik, man braucht die Bereitschaft zur Auseinandersetzung auf Basis gemeinsamer Regeln. Dass jemand auf Twitter auf die Idee kam, die Debatte zwischen den Unionsparteien mit dem aus Fußballspielen gelernten Hashtag-System #MERSEE zu betiteln, ist dabei nur die oberflächlichste Parallele. Auf dem Rasen verdienten sich beide Teams ein Riesen-Kompliment für ein sehr faires, stets offenes Spiel:

2. Es geht immer weiter: „In einem Turnier kommen immer schwierige Momente“, sagt Kevin de Bruyne am Ende in das ZDF-Mikrofon und ergänzt „aber wir müssen durchgehen.“ Anders formuliert: Es ist erst zuende wenn der Schiedsrichter abpfeifft. Aus einem 0:2 noch ein 3:2 zu machen ist ein beeindruckendes Zeichen für das hier schon beschriebene „Immer wieder aufstehen“. Ein Ausweis von Willensstärke, über die der später noch zu lobende Romelu Lukaku vor der WM sagte: „People in football love to talk about mental strength. Well, I’m the strongest dude you’re ever going to meet. Because I remember sitting in the dark with my brother and my mom, saying our prayers, and thinking, believing, knowing … it’s going to happen.“
Man muss sich das vorstellen: Da startet man als Geheimfavorit ins Turnier, alle sagen, das Achtelfinale ist nur eine Pflichtaufgabe gegen Japan und dann liegt man plötzlich 0:2 hinten. Dass Belgien trotzdem nicht aufgegeben hat, dass Roberto Martinez klug gewechselt hat und dass sie am Ende belohnt wurden, zeigt: Es geht immer weiter!

3. Es geht nur zusammen: Beeindruckend ist dieser Kontertreffer vor allem, weil er Ausdruck einer Mannschaftsleistung ist. Es ist nicht die individuelle Klasse eines Cowboy-Freistoß-Schützen oder eines beeindruckenden Dribblers: Dieser Siegtreffer ist ein Team-Tor! Er beginnt bei Thibaut Courtois, der nicht einfach nur den Eckball abfängt, sondern sofort den Angriff einleitet. In drei Schritten ist er an der 16-Meter-Linie und spielt den Ball Kevin de Bruyne in den Lauf. Dessen Antritt ist beeindruckend – mindestens ebenso faszinierend ist aber auch wie sowohl der spätere Torschütze Nacer Chadli als auch Eden Hazard auf der linken Seite mitlaufen. De Bruyne spielt den Ball nach langem Sprint dann aber zunächst rechts genau in den Lauf des ebenso schnellen Thomas Meunier, der schon während des Spiels immer wieder von rechts geflankt hatte. Der Raum für den Ball entsteht weil Romelu Lukaku diagonal läuft und den japanischen Verteidiger Yūto Nagatomo mit sich zieht – so dass dieser Meunier nicht an der flachen Hereingabe hindern kann. Diese – zweite geniale Torbeteiligung von Lukaku – lässt der belgische Topstürmer durch, weil hinter ihm Nacer Chadli schneller ist als Gen Shoji.

4. Es geht nicht ums Torschießen: Dass Lukaku in beiden Fällen die Räume erspürt, beweist, dass Fußball bei allen Daten und aller Taktik dann auch durch Spielwitz und Instinkt entschieden wird. Sven Haist kommt völlig zurecht zu dem Schluss: „Obwohl der Mittelstürmer beim Siegtor den Ball gar nicht berührte, galt ihm der größte Verdienst an der Entstehung des Treffers.“ Das ist deshalb bedeutsam, weil Stürmer ja eben genau daran gemessen werden: wie oft sie selber den Ball ins Tor schießen. Dass Lukaku dieser Verlockung widersteht, macht ihn erfolgreich – und diese Szene so großartig. Sie ist nicht nur das vielleicht schönste Tor der (bisherigen) WM, sie symbolisiert auch eine Lebenslehre des Fußballs, die der Kollege Thomas Hahn vor der EM 2016 in einem großen Essay auf den Jugendfussball mal so beschrieben hat:

Die Lehren aus dem Fußball sind schlicht, im Grunde sogar banal. Sie drehen sich um Begriffe wie Demut, Verantwortung, Gemeinsinn. Pathetisches Zeug. Und trotzdem kommt man immer wieder darauf zurück beim täglichen Versuch, irgendwie aufrecht durch dieses Erwachsenenleben zu gehen. Es ist auf seltsame Weise hilfreich, in der Jugend beim Fußball erlebt zu haben, dass man alleine nichts schafft. Dass man nur dann wichtig ist, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt.

Selten ist dieser letzte Satz vor einer Weltöffentlichkeit schöner in Szene gesetzt worden als von Romelu Lukaku in dieser 94sten Minute des Achtelfinals gegen Japan. Den Ball nicht berühren, aber in die richtige Richtung laufen – auch das kann Weltklasse sein, selbst wenn es nachher in keiner Statistik zu sehen sein wird. Aber deshalb ist Fußball ein Mannschaftssport; einer, der sich eben deshalb sehr gut eignet für Metaphern auf Solidarität, Zusammenhalt und Gemeinsamkeit.

Aber genug des Pathos: Es gibt abseits aller Vergleiche für eine demokratische Streitkultur auch ganz konkrete Aufgaben, die der Fußball erfüllen kann. Jetzt, da Joachim Löw angekündigt hat, als Bundestrainer weiterzumachen, kann er sich vielleicht endlich der Aufgabe widmen, die das DFB-Team jetzt angehen muss: sich von den Rassisten distanzieren!