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Die Frage des Tages bei BILD

Was ist denn da passiert? Ein Foto von Til Schweiger auf der Seite eins der Bildzeitung, dazu eine Schlagzeile, die suggeriert, man könne mit dem Boulevardblatt aus dem Hause Springer sprechen, ihm zumindest antworten: „Hat Ihnen der tatort gefallen?“ fragt das Blatt neben dem grimmig guckenden Schweiger, der eine Pistole in blutverschmierter Hand auf den Leser richtet.

Seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es bei jetzt.de den so genannten Tagesticker. Ein Dialogformat, bei dem nicht der Autor eine Meinung verbreitet, sondern die Leser nach ihrer Einschätzung befragt. Unter anderem wegen solcher Formate gilt die Einschätzung: Digital ist Dialog, Analog ist Dokument.

Jetzt wählt die analoge Papier-Bild den Weg, eine offen Diskussionsfrage zur Cover-Zeile zu erheben; wohl gemerkt, an einem Tag, an dem Ex-Kanzler Schröder Bild-Exklusives sagt und eine – ebenfalls auf der Seite eins – Schneewalze über Deutschland rollt. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Man will sich bei der Bild nicht festlegen oder das Bedürfnis nach Dialog (=Digitalem) ist so groß, dass es tatsächlich funktioniert, in der Form Fragen auf den Titel zu packen.

Meine ungebetene Laudatio auf den Troll des Jahres

Ich glaube ich habe Christopher Lauer noch nie persönlich getroffen. Und doch bilde ich mir ein, ihn besser zu kennen als viele Menschen, die mir regelmäßig über den Weg laufen. Christopher Lauer ist am Wochenende als Troll des Jahres ausgezeichnet worden, ich nehme das zum Anlass, eine ungebetene Laudatio auf ihn zu halten (und ein klein wenig über Trolle zu sagen)!

Die Jury zeichnet Christopher Lauer aus „weil er wie kein zweiter die Werkzeuge eines Trolls aus dem ef-ef beherrscht.“ Das ist als Lob gemeint, wie man in der Begründung nachlesen kann. Trollen wird darin nämlich durchaus als positive Tätigkeit interpretiert. Man lobt Lauer dafür …

dass er nicht nur in der Lage ist, die positive Kunst des Trollens gegenüber Dritten anzuwenden; Er zeigt auch, dass er selbst über eine solide Trolleranzgrenze verfügt und offenbart so noch größere Erfahrung als Troll.

heise berichtet über andere Trolle, mit denen sich die Jury ebenfalls befasst habe:

Auf die Plätze verwiesen hatte er die ebenfalls nominierte Redaktion der Satire-Zeitschrift Titanic, Kim Dotcom alias Kim Schmitz und die FDP. Diese hätten durch ihre positiven Trollereien anderen einen Spiegel vorgehalten und die gesellschaftliche Diskussion so schneller vorangebracht als es mit traditionellen Diskurstechniken möglich wäre.

Vor dem Hintergrund der Meldungen über Trolle aus dem angelsächsichen Raum aus den vergangenen Tagen kann man durchaus die Frage stellen, ob die Bezeichnung des Trollens hier angemessen verwendet wird. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um die Troll-Erfahrung von CommodoreSchmidtlepp, die dieser wie kein zweiter beherrsche. Als ich das las, kam in mir zuerst die Frage auf: Warum erhält er den Preis erst jetzt? Und warum nicht fürs Lebenswerk? Und dann bekam ich kurz Angst, denn ich befürchte zu wissen, wo er die genannten Fähigkeiten vermutlich auch erlernt hat: in Debatten mit jetzt.de-Kollegen und womöglich auch mit mir.

„Heul nicht, so ist das Game Nutte“, hat Christopher Lauer auf seine Profilseite CommodoreSchmidtlepp auf jetzt.de geschrieben. Diese hat er im Oktober 2003 angelegt und nach meinem Gefühl hat er seit dem zahlreiche sehr intensive Debatten mit anderen Nutzern aus dem jetzt-Kosmos, aber vor allem auch mit der Redaktion (Transparenz-Hinweis, die ich leite) geführt. „CommodoreSchmidtlepp war einer der hartnäckigeren Trolle der jetzt.de-Redaktion“, sagte ich Kollegen, die nach der historischen Anne-Will-Sendung (die mit dem fortan twitternden Peter Altmaier und der Internet-einschaltenden Bärbel Höhn) voll des Lobes für den jungen Mann waren, der dort so wort- und mimikreich diskutierte. Übrigens einer, der im Jahr 2009 in einem Gastbeitrag schrieb:

Es ist sogar möglich, dass ich im Zusammenhang legaler Downloads zum ersten Mal bei jetzt.de von den Piraten erfahren habe, damals hielt ich sie für eine Spaßpartei mit unausgegorenen Zielen.

Ich will dieses Lob nicht schmälern, ich kriege nur diesen Satz mit der Nutte nicht aus meinem Kopf, wenn ich Christopher Lauer sehe. Klar, ist die Identität des CommodoreSchmidtlepp nicht Christopher Lauer, aber er hat – und dafür ist er ja offenbar auch ausgezeichnet worden – Teile davon fortgeführt (wie zum Beispiel der verifizierte Twitter-Account Schmidtlepp nahelegt). Und natürlich wirkt dieser Satz mit der Nutte anders, wenn man sich ihn im Berliner Abgeordnetenhaus oder auf großer TV-Bühne denkt. In diesen Kontexten, für die die Jury ihn ausdrücklich lobt, steckt in ihm vermutlich genau das, was die Jury „die positive Kunst des Trollens“ nennt. Es ist eine Form netzaffiner Satire möchte man meinen (vor allem vor dem Hintergrund der anderen Trolle, mit denen die Jury sich befasste). Der Satz und die Haltung bekommt jedoch einen ganz anderen Kontext, wenn man ihn sich im tägliche Kleinklein von Foren-Debatten vorstellt. Oder noch eher vor schwächeren Menschen, die auf derlei Konfrontation nicht vorbereitet sind, weil sie einfach nur privat im Netz surfen (womit natürlich nicht die Redaktion gemeint ist). Hier besteht das floskelhafte Spiegelvorhalten, von dem die Jury spricht, aus einem Spiegel, auf den boshafte Beleidigungen gemalt sind, die sich auf denjenigen beziehen, der sich dort anschauen soll.

Wer über das Trollen spricht und in ihm offenbar positive Seiten erkennt, darf diese zweite Ebene nicht ausblenden, oder wie map es auf Twitter nannte:

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Christopher Lauer in dieser Form getrollt hätte. Es war eher ein Aufbegehren gegen eine vermeintliche höhere Macht, gegen die Redaktion, die Zeitung, das gesamte Medienwesen. Es war anstrengend und in manchen Fällen demotivierend, aber vielleicht war es tatsächlich für etwas gut. Die Hitze, die man in Internet-Gefechten verspürt, kühlt ab und man kann irgendwann sagen, den Troll des Jahres zu kennen. Diese in Wahrheit nur halb tolle Aussicht gilt sicher nicht für alle, die gerade in mühevoller Kleinarbeit ihre Trolle in Foren und Communitys pflegen. Für alle (die im übirgen auch mal einen Preis verdient hätten) gilt aber der Teil mit dem Abkühlen.

Deshalb verstehe ich den Preis, zu dem ich Christopher Lauer auf beiden Ebenen gratuliere, als Ansporn für das, was Sascha Lobo mal eine vernünftige Beleidigungskultur im Netz genannt hat! Dafür bist du jetzt ein wichtiges Vorbild, Commodore Schmidtlepp. Ich hätte es auch nicht gedacht, aber so ist das Game!

P.S.: Aktuell trollt Christopher Lauer (im Sinne des Preises) übrigens den SPD-Kanzlerkandidaten: steinbrueckseinkuenfte.de


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Was ist jetzt?

Für das jetzt.de-Jubiläumsheft zum Thema „Es müsste immer Internet da sein“ habe ich mich an der Beantwortung der Frage Was ist jetzt? versucht. Dabei geht es natürlich weniger um das gleichnamige Magazin als vielmehr um die Frage, wie wir Gegenwart in Zeiten von Echtzeit-Druck definieren (vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich dazu schon mal was geschrieben).

Die Zeitspanne, die wir als alltägliche Gegenwart empfinden, scheint stetig kürzer zu werden. Ein S-Bahn-Waggon ist vielleicht Jahrzehnte im Einsatz, ein Handymodell überdauert nicht mal die Laufzeit des Telefonvertrags, und eine Website verliert schon nach wenigen Monaten ihren Charme. Obwohl das Jetzt selten so dominant und präsent war wie heute, in einer auf Aktualität und Live-Erlebnisse fixierten Medienrealität, scheint es gleichzeitig extrem flüchtig geworden zu sein. Kein Medium zuvor ist der Gegenwart so zu Leibe gerückt wie das Internet. Es dauert nur einen Wimpernschlag, bis die als Twitter-Statusmeldung geschriebene Antwort auf die Frage „Was gibt’s Neues?“ den Zeitstempel „gerade eben“ bekommt und somit als vergangen einsortiert wird.

Dabei ging es mir einerseits um die genannte Frage, andererseits aber auch darum einen Blick auf die Art zu werfen, wie wir aktuelle Webdebatten führen. Denn:

schneller, als uns lieb ist, wird die Zeit vorbei sein, in der wir wirklich noch aktiv Einfluss nehmen können, was aus diesem Jetzt wird. Wir sollten endlich bestimmen, was das Netz für uns bedeuten soll. Jetzt.

„Es müsste immer Internet da sein“

Der jetzt-Kosmos wird in diesem Sommer 10 Jahre alt. Es gab schon vorher jetzt-Inhalte im Netz, aber die Community der jetzt-User entstand im Sommer 2001. Aus diesem Grund gibt es einen Jubiläums-Sommer auf jetzt.de – und am kommenden Montag ein einmaliges Sonderheft in der Süddeutschen Zeitung; mit dem Themenschwerpunkt: Digitales Leben

Das Heft lehnt sich optisch an die Magazine Schule&Job und Uni&Job an, die seit Anfang des Jahres ebenfalls als Beilagen der Süddeutschen Zeitung erscheinen – und wurde wie diese in der jetzt.de-Redaktion erstellt (Disclosure: die ich leite). Die Art Direction hatte Joanna Swistowski.

Im Editorial des Heftes, das Montag der SZ beiliegt, heißt es:

Als im Sommer vor genau zehn Jahren die erste jetzt-Page ins Netz gestellt wurde, dachte kaum jemand daran, dass das Internet mal zu einem Soundtrack zu unser aller Leben werden könnte. Es ging darum, die Verbindung zwischen Autoren, Mitarbeitern und Lesern des damals noch gedruckten jetzt-Magazins abzubilden: Der jetzt-Kosmos war geboren, ein Ort, um Menschen zu treffen, die ähnlich denken, ein Ort, um Geschichten zu lesen und selber zu erzählen, ein Ort, der auch Bestand hatte, als 2002 das gedruckte Heft eingestellt wurde. Ein Zuhause im Netz.

Aus dem damaligen Gefühl, dass wenigstens noch das Internet da sei, entwickelte sich ein mittlerweile mehrfach ausgezeichnetes Webmagazin, das im unfassbar schnell wachsenden Netz weiterlebte und sich entwickelte.

Zauber der digitalen Kopie

Zum Start des jetzt.de tumblr-Blogs habe ich in der Montagsausgabe der SZ auf jetzt.de-Seite über den Zauber der digitalen Kopie am Beispiel von Tumblr geschrieben:

Die Tumblr-Nutzer stellen dabei eine Art begeisterungsfähige Festival-Öffentlichkeit dar, die sich wie vor einer sommerlichen Konzertbühne daran erfreut, einen großen Ballon auf ihren Händen in die Luft zu spielen. Doch anders als bei diesem Gruppen-Erlebnis, mit dem sich Konzertbesuch ihrer Vielzahl versichern, ermöglicht Tumblr das Unglaubliche: Hier wird der Ballon bei jeder Berührung mit einer Hand verdoppelt. Denn jeder Nutzer zeigt die Texte, Töne, Bilder (für die der Ballon metaphorisch steht) ja auch in seinem eigenen Kontext. Dadurch wird der durch die Luft fliegende Ball zu einer geradezu zauberhaften Attraktion: Er ist scheinbar überall.

10 Jahre jetzt.de

jetzt.de wird zehn – und feiert im großen Jubiläums-Sommer unter dem Motto Komm küssen: 10 Jahre jetzt.de auch eine Party: am 23. Juli im Import/Export in der Münchner Goethestraße!.

Außerdem erscheint am 8. August auch ein großes Jubiläumsheft von jetzt.de auf Papier als Beilage in der Süddeutschen Zeitung. Ein ganzes Magazin zum Thema Internet! Um die Zeit bis zur Lektüre am 8. August ein wenig zu verkürzen: Hier die offizielle Einladung an alle meine Blogleserinnen und -leser:


Kommt am 23. Juli ins Import/Export!

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Meine Internet-Verteidigung

In der jetzt.de-Redaktion haben die Meldungen von falschen lesbischen Bloggerinnen, die in Wahrheit ältere Herren sind, eine kleine Kontroverse ausgelöst. Ich habe dazu eine Internet-Verteidigung beigsteuert:

Wir alle müssen gerade Schwimmen lernen, während das Wasser mit hoher Geschwindigkeit ins Becken gefüllt wird. Wir haben nicht viel Zeit und vor allem keinen, der es vor uns gelernt hat. Es gibt keine Schwimmflügel und erst recht keine Lehrer. Deshalb kommt es vor, dass wir ab und an Wasser schlucken oder dass ein Idiot vorbeischwimmt und uns unter Wasser drückt. Das Becken heißt Internet und es ist ganz sicher kein Spaßbad. Aber es gibt keine Alternative: Wer nicht schwimmt, geht unter.

Das ist unfair. Aber es ist auch faszinierend. Wir erleben gerade, wie die Schwimmregeln festgeschrieben werden, die in diesem Becken gelten sollen (die allermeisten gelten übrigens im Wasser genauso wie am Rand). Davon können wir irgendwann mal unseren Enkeln erzählen. Wir müssen aber umgekehrt auch sehr gut aufpassen, dass die Bademeister der Politik ihre eigene Unsicherheit im Umgang mit dem Wasser nicht dazu nutzen, jegliche Freiheit zu unterbinden. Die „Nicht vom Beckenrand springen“-Schilder, die Nicolas Sarkozy und Hans-Peter Friedrich ständig vor sich hertragen (Cyberwar = Arschbombe?), mögen ihnen Beliebtheit im Nichtschwimmer-Becken garantieren, sie bedrohen aber auch die Freiheit der Schwimmer.

Wir haben keine Angst

Wie das Netz auf Politik reagiert: Nach den Wahlen 2004 (als Bush Präsident blieb) sagten die Amerikaner Sorry Everybody, nach den Anschlägen auf die U-Bahn in London sagten die Briten We’re not Afraid! und nach den Terror-Warnungen des Bundesinnenministers von vergangener Woche sagt das deutschsprachige Netz Wir haben keine Angst.

Die Idee dazu stammt von Mario Sixtus, der mir heute für ein kurzes jetzt.de-Interview ein paar Fragen beantwortet hat.