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Das Internet und die Sache mit Pfingsten

Was heißt eigentlich Pfingsten? Ich muss diese leicht pastorale Frage stellen, weil ich an diesem Wochenende darauf gestoßen wurde, dass der tiefere Sinn dieses christlichen Festes offenbar nicht mal der CDU-Vorsitzenden geläufig ist. Darauf gekommen bin ich als ich erst Karl Popper und dann Annegret Kramp-Karrenbauer gelesen habe. Nun sollte man meinen, dass die Vorsitzende der christlichen Union mehr für den Heiligen Geist übrig haben sollte als der Philosoph – aber was zählen schon Annahmen und Spekulationen?

Das Pfingstfest (Symbolbild: Unsplash), so fasse ich im Sinne des Internet-Themas mal grob verkürzend zusammen, „ist in gewisser Hinsicht das internationale und multikulturelle Kirchenfest.“ So beschreibt es die Seite katholisch.de und ergänzt: „Pfingsten ist das Wunder des Grenzen überschreitenden Verstehens, quasi die Anti-Geschichte zum Turmbau zu Babel, als Gott den Menschen der Bibel zufolge als Strafe für ihren Hochmut verschiedene Sprachen gab. Dieser Heilige Geist, der auf die Jünger herabkam, schuf die Einheit der Gläubigen und hob die Kirche aus der Taufe – manch einer spricht sogar vom „Geburtstag der Kirche“.“

Selbst wer sich weniger für den heiligen bzw. christlichen Bestandteil dieses Festes interessiert, wird eine gewisse Parallele zum Internet bemerken. Dieses stellen viele – an diesem Wochenende erst die CDU-Vorsitzende – als Stimmengewirr teils anonymer Stimmen dar, die ausführlich aneinander vorbei reden – eine „confusio linguarum“ wie man als lateinprotzender Schreiber die babylonische Sprachverwirrung bezeichnen könnte. Das Pfingstfest ist im christlichen Sinn sowas wie der Gegenentwurf zu dieser im Turmbau zu Babel beschriebenen Verwirrung und dem damit verbundenen Hochmut der Menschen. Vielleicht ist das Pfingstfest gar eine Antwort auf die Frage, wie man eigentlich mit all den Beschimpfungen und ja auch dem Hass im Internet umgehen soll. Denn was „Wunder des Verstehens“ gelingt im christlichen Sinn nicht dadurch, dass eine zentrale Instanz eingeführt wird, die von jeder und jedem Beitragenden in einem irrsinnig bürokratischen Prozess den Klarnamen überprüft und damit oft das Gegenteil von Verstehen erschafft (was Kramp-Karrenbauer gerade mal wieder gefordert hat). Das Wunder des Verstehens gelingt durch den Geist, der im christlichen Sinn als „heilig“ beschrieben wird.

Im liberalen Sinn kann man diesen Geist als vielfältig, plural oder divers beschreiben. Es ist ein Geist der Offenheit und der Toleranz, wenige Tage nach dem 70sten Verfassungsgeburtstag darf man das sagen: Es ist ein Geist der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bei Karl Popper kann man nachlesen, wie dieser Geist entstehen kann, wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen und Ansichten sich begegnen: in dem sie diese Vielfalt nicht abzuschaffen versuchen, sondern sie akzeptieren und ja sogar begrüßen. Popper geht sogar soweit zu fordern: „Hätte es keinen Turm von Babel gegeben, dann müsste man ihn erfinden.“ Denn aus einer offenen Haltung der Toleranz heraus, kann Verständnis entstehen. Das setzt aber die shruggieartige Perspektive auf die Welt voraus, dass man selber falsch liegen könnte. Bei Popper heißt das: „Der Wert einer Diskussion hängt geradezu von der Verschiedenartigkeit der konkurrierenden Meinungen und Ansichten ab.“

Wenn man dieser Grundannahme folgt, ist es völlig egal, ob Rezo diesen Namen im Pass eingetragen hat oder nicht. Es geht darum, die konkurrierenden Ansichten nicht nur zu akzeptieren sondern zu suchen. Es geht darum, einen Geist der Auseinandersetzung zu entwickeln, der von Offenheit und Respekt geprägt ist. Denn nur wenn dieser Geist entsteht, kann es zu einer geglückten Interaktion kommen (btw. Jürgen Habermas wird dieser Tage 90 Jahre alt). Vielleicht sollte man mehr Energie darauf verwenden, diesen Geist zu trainieren, den man auch sehr simpel Streitkultur nennen könnte.

Popper formuliert in den „Vermutungen und Widerlegungen“ – fast im Widerspruch zur Heiligkeit des Pfingstfestes – diesen Ansatz für eine demokratische Auseinandersetzung:

Es ist oft behauptet worden, dass Diskussionen nur zwischen Leuten möglich sind, die eine gemeinsame Sprache haben und die gemeinsame Grundanschauungen akzeptieren. Ich halte das für falsch. Nur eines ist nötig: die Bereitwilligkeit, von seinem Partner etwas zu lernen, was den aufrichtigen Wunsch einschließt zu verstehen, was er sagen will. Wenn diese Bereitwilligkeit da ist, dann wird eine Diskussion um so fruchtbarer sein, je verschiedener der geistige Hintergrund der Teilnehmer ist.

Mit Blick auf das Internet und die Frage, wie man dort zu einer besseren Debattenkultur kommt, könnte man also sagen: Es wird gelingen, wenn wir (vergleichbar dem Turmbau zu Babel) den Hochmut beenden, immer schon zu wissen, was der/die andere sagen wird und die „Bereitwilligkeit“ trainieren, von der anderen Seite etwas zu lernen. Das klingt zugleich banal und auch ziemlich kompliziert. Es ist aber ein durch und durch lohnender Ansatz, in diesem Geiste das Streiten zu lernen!

Deine blöden Kommentare

Menschen in großen Massen – Fotgrafiert von Jose Martin für unsplash

Der Autor und Cartoonist Oli Hilbring hat dieser Tage eine Zeichnung veröffentlicht, auf der ein Sohn seinem zeitunglesenden Vater sagt: „Och Papa, das steht doch alles im Internet“. Der Vater blickt gar nicht auf von seiner Lektüre, antwortet nur: „Aber mit deinen blöden Kommentaren.“

Die Zeichnung wird gerade ausgiebig auf Facebook geteilt. Sie ist lustig und irgendwie traurig zugleich. Denn nach den Kommentar-Katastrophen des vergangenen Jahres startet auch das neue Jahr mit dem Eindruck: Kommentare im Netz sind nichts anderes als Mob und Quatsch und Ärger. Hilbrings Zeichnung bestätigt dies einerseits – zeigt aber andererseits auf wunderbare Weise: Die blöden Kommentare des Sohnes sind am Küchentisch, an dem der Vater liest, ja nicht verschwunden.

Im Sommer 2014 habe ich dazu mal einen Text für die Süddeutsche Zeitung geschrieben – und kommentiert:

Es ist wohlfeil, sich nun darüber zu wundern, dass fremdenfeindliche und dumme Kommentare im Netz auftauchen. Das Netz ist nicht Auslöser der Provokationsdebatten der vergangenen Jahre – es macht aber deren Folgen sichtbar. Weil es als Medium eben anders funktioniert als die Distributionskanäle der Vergangenheit: Medien sind heute keine Straßenverkaufsstellen mehr, an denen Essen zum Mitnehmen über die Theke gereicht wurde. Medien im Netz sind heute Restaurants, deren Qualität sich nicht nur daran bemisst, was verkauft wird, sondern auch daran, wer im Lokal sitzt und sich wie verhält.

Auf all die aktuellen, hässlichen Formen der so genannten Hatespeech bezogen, kann man es mit dem Kanadier Seb FoxAllen bei Vice so formulieren:

The internet of 2015, like the internet you’re reading this on today, carried all the same awfulness and injustice that persists offline, except instantly searchable and pinging you 24/7. But you need to use it. To work, to communicate, to lulz, to connect.

Der lesenswerte Text endet mit einer – wie ich finde – guten Schlussfolgerung:

Maybe all you can really do to wade through it are the same things you’ve learned to do offline: keep networks that you trust, pick fights that are worth your time and try to sidestep those that aren’t. Do what you have to do to feel safe, support others when they don’t, and keep chipping away at the structures that make any of this necessary at all.


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