Alle Artikel mit dem Schlagwort “guttenberg

Die Sache mit dem Geistigen Eigentum

Der einzige Arbeitsplatz, wo man trotz Abschreiben, trotz Plagiat, seinen Arbeitsplatz nicht verliert, ist im Kabinett Merkel. Überall sonst fliegt man raus.

Das Zitat stammt aus dem Februar 2011. Damals diskutierte das Land über die Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach hielt damals eine emotionale Rede, die ich hier verlinkte. Als ich nun im Rahmen der Debatte um Annette Schavan diese Rede nochmal anhören wollte, stellte ich fest: Sie ist wegen Urheberrechts-Problemen entfernt worden.

Das Urhberrecht ist übrigens der Rechtsbereich, der vor ziemlich genau einem Jahr Grundlage einer hitzigen Debatte war. Damals ging es darum, dass es tiefgreifende moralische Probleme gebe in diesem Land. Schuld daran seien Menschen, die das Urheberrecht nicht wertschätzen, die Probleme mit dem geistigen Eigentum haben. Und gemeint waren damals nicht die Mitglieder im Kabinett Merkel …

Das Gute an Guttenbergs Rückkehr

Im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur äußert sich FAZ-Redakteur Jürgen Kaube über die Rückkehr Karl Theodor zu Guttenbergs auf die politische Bühne. Am Donnerstag hatte Kaube unter dem Titel Er war’s gar nicht bereits die Art und Weise, wie zu Guttenberg sein Abschreiben zu rechtfertigen versucht, eingeordnet. Auch in dem Radio-Interview bezieht er eindeutig Stellung – auch zur Rolle der Wochenzeitung Die Zeit, die zu Guttenberg diese Woche interviewt und auf dem Titel zeigt:

das Interview mit ihm zu führen, ein Gespräch auch über seine Rückkehrabsichten, die ja so ein bisschen nebulös formuliert werden, fast so in Form so einer kleinen Drohung und pünktlich zur Eurokrise, da würde ich sagen, gut, das mag journalistische Praxis sein, dass man dann sagt: Wir machen so etwas. Aber es ist ja im Grunde genommen ein Vorabdruck, eine Art Vorab-Reklame für diesen Gesprächsband. Und da, finde ich, sind vielleicht Grenzen erreicht.

Kaube führt dies weiter aus und lenkt den Blick auf die Leserinnen und Leser der Zeit, die – so spekuliert er – vielleicht nicht ganz so einverstanden sind, mit der Titelgestaltung der aktuellen Woche:

Aber man ist doch ein bisschen erstaunt, denn auch „Die Zeit“ hat ja ein Publikum, das sich ein wenig auskennen dürfte mit den Standards in der Wissenschaft, an den Universitäten.

Wie dieses Publikum im Netz reagiert, kann man unter der Chefredakteurs-Ankündigung nachvollziehen, aber vor allem in den zur Stunde rund 800 Kommentaren unter dem Text Guttenberg gesteht Fehler ein, aber keinen Betrug. Trotz der sehr hohen Anzahl an Kommentaren ist dieser Text aktuell nicht in der Ranking genannten Auflistung der meist kommentierten Artikel geführt, obwohl dort kein Text mehr Kommentare aufweist. Diese Information erhält man, wenn man sich durch die Kommentare klickt.

Die aktiven Rezipienten von Zeit-Online liefern ein erstaunliches Stimmungsbild zum Thema Guttenberg einerseits, aber auch zur Frage wie die Leserinnen und Leser den Umgang ihrer Zeitung mit dem vorerst gescheiterten Politiker beurteilen. Eines ist dabei klar: Zustimmung sieht anders aus.

Erstaunlich finde ich diesen Aufschrei aus der Zeit-Community weil er sozusagen als Antwort auf die Debatte aus dem Frühjahr zu verstehen ist. Karl Theodor zu Guttenberg sorgt – damals wie heute – für soviel Reibung im Netz, dass er dem Land vorführt, wie politische Auseinandersetzung in Zeiten des aktiven Rezipienten auch funktioniert. Im Frühjahr rückte das Thema Leser- oder Bürgermeinung durch eine merkwürdige Bild-Umfrage und eine rasant wachsende Fangemeinde des damaligen Verteidigungsministers auf Facebook in den Blick (der Kollege Peter Wagner ging damals auf jetzt.de der Frage nach Wo kommen all die Guttenberg-Fans her?), heute ist es die Debatte in der Zeit-Online Community, die die Frage aufwirft: Wie gehen die etablierten Institutionen eigentlich mit den plötzlich stimmgewaltigen Lesern um?

Und da die Debatte über zu Guttenberg so viele Menschen zu empören interessieren scheint, bekommt diese Frage plötzlich ein viel größeres Gewicht. Vielleicht liefert sie sogar den Stoff für wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema – dann hätte Guttenbergs Rückkehr womöglich sogar was Gutes.

„Wir können die wissenschaftliche Arbeit einstellen“

Der Kölner SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach hat heute eine erregte Rede im Bundestag gehalten. Der Gesundheitspolitiker (und habilitierte Mediziner) sagte:

Ich zitiere aus dem Brief an die Universität Bayreuth: Er habe zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht. Ja, was ist denn das, wenn nicht eine weitere Lüge, die jetzt noch im Raume steht? Das Problem ist doch nicht, dass der Verteidigungsminister betrogen und gelogen hat. Das ist Problem ist, dass er es weiter tut und trotzdem glaubt, im Amte bleiben zu können.
(…)
Er hat in Reiseführern abgeschrieben, bei Studenten, bei Politikern, bei Professoren, bei Zeitungen, in der Einleitung, in jedem Teil seiner Doktorarbeit. Zwanzig Prozent dieser Doktorarbeit sind nicht echt. Und da will uns der Minister hier erzählen, es habe sich um handwerkliche Fehler gehandelt. Wer glaubt denn das hier im Saal?
(…)
Jeder Richter, jeder Bürgermeister, jeder Lehrer, jeder Siemens-Manager hätte nach einem solchen unglaublichen Betrug sofort seine Kündigung gesehen. Aber für den Minister sollen hier Sonderregelungen gelten.
(…)
Was soll ich denn dann meinen Studenten noch erklären, wenn jedes Plagiat automatisch eine Nutzung ist? Wir können die wissenschaftliche Arbeit einstellen. Ich kann doch niemals mehr einem Studenten irgendetwas vorwerfen, wenn wir das hier durchgehen lassen.
(…)
Der einzige Arbeitsplatz, wo man trotz Abschreiben, trotz Plagiat, seinen Arbeitsplatz nicht verliert, ist im Kabinett Merkel. Überall sonst fliegt man raus.
(…)
Daher bitte ich Sie, Frau Schawan, (…) verschonen Sie uns mit Geschwätz von der Exzellenz, von der Bildungsrepublik. (…) Ich will doch von Ihnen nichts mehr zur Wissenschaft hören, wenn hier alles erlaubt ist. Wenn der Minister betrügen und lügen darf, wie er möchte und kommt ohne Strafe davon. Das wird langfristig den Wissenschaftsstandort in Deutschland massiv beschädigen.
(…)
Es geht nicht wie Sie es darstellen, um eine Kleinigkeit. Sondern es geht um die Grundlage unserer Demokratie. (…) Und es geht um die Grundlage unserer Wissenschaft.

Mehr zum Thema: Der Offene Brief von Prof. Dr. Robert Stockhammer und Kollegen sowie der hier erwähnte Text auf Carta.info.

Ergänzung: Lauterbach hat der taz ein interessantes Interview gegeben. Seine These: die Affäre wird weitergehen.

Nicht mehr führen

Wie will eine Bundesregierung überhaupt noch bildungspolitisch verantwortlich handeln, wenn sie vorsätzliche akademische Täuschung zum Kavaliersdelikt erklärt? Wie wollen Universitäten ihre Studenten zur „Exzellenz“ motivieren, wenn ein plagiiertes Traktat ohne Konsequenzen mit „summa cum laude“ bewertet werden kann?

Unter dem Titel Ein akademischer Fälscher kann kein Minister bleiben werden bei Carta die obigen Fragen gestellt. Die Unterzeichner des von Lutz Hachmeister verfassten Text kündigen zudem an:

um für die Wissenschaft und die intellektuelle Würde zu retten, was zu retten ist, werden wir unseren Doktortitel solange nicht führen, solange Freiherr zu Guttenberg noch als Minister dieses Land vertritt.

Plagiat-Remix-Guttenberg-Hegemann

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass das Wort Plagiat in den Zeitungen auftauchte. Damals hatte Durs Grünbein einen Beitrag zu Hegemann-Debatte leisten wollen, in dem er bei Gottfried Benn abschrieb. Heute taucht das Wort plötzlich wieder auf. Dieses Mal bringt es der Bundesverteidigungsminister in die Schlagzeilen.

Damals hatte ich eine Verteidigung des Remix gegen den Betrug geschrieben. In diesem Jahr habe ich mit der Berliner Professorin Debora Weber-Wulff über Plagiate in der Wissenschaft gesprochen. Sie sagt:

Der Sinn der Wissenschaft ist es doch, sich in ein Bezugssystem einzugliedern. Wir stehen auf Schultern von Riesen, wie der Spruch lautet, der fälschlicherweise Newton zugeschrieben wurde. Dabei ist er bereits bei Bernhard von Chartres im Jahr 1135 zu finden. Es ist aber wahr: Wir stehen auf den Schultern von Riesen und man sollte sagen, auf welchen Riesen man steht.

Es geht also um Referenzen, die man nicht verschweigen sollte. Um Bezüge und ums richtige Kopieren.

„Ich rüge als Dummschwätzer des Jahres“

Der Bundesverteidigungsminister hat die Soldaten in Afghanistan besucht. Der Bild-Kolumnist Franz-Josef hat ihm daraufhin eine Post von Wagner geschrieben, in der er Karl-Theoder zu Guttenberg für diese Reise, die er mit seiner Gattin unternommen hat, lobt. Damit ist er anderer Meinung als der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der wie auch andere diese Form der inszenierten Politik scharf kritisierte. Gabriel soll gesagt haben: „Ich finde, Frau Katzenberger fehlte noch beim Guttenberg-Besuch, dann hätten wenigstens die Soldaten noch was.“ Das findet Wagner empörend.

Deshalb setzt er zu dem folgenden offenbar als Gabriel-Kritik gemeinten Satz an, der in seiner sprachlichen Schlampigkeit zu inhaltlicher Größe und Wahrheit reift:

Ich rüge ihn als Dummschwätzer des Jahres.