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Call to action: über eine neue Form des Journalismus

tl;dr: Renommierte Journalisten verlassen klassische Verlage. Ihre neuen Arbeitgeber pflegen eine Kultur der Kundenzentrierung. Dadurch entsteht eine neue Form des Journalismus.

Die Medienbranche ist in der Krise. Das hören wir ständig. Meist geht es dabei um die zerstörerischen Folgen der Digitalisierung für Vertriebsmodelle. Wenn Glenn Greenwald von Krise redet, meint er nicht das Internet, sondern den Kern der Medien: den Journalismus. Dieser ist korrupt, erklärte der Anwalt und Investigativ-Reporter Gleen Greenwald den Zuhörern auf der Global Investigative Journalism Conference in Rio. Greenwald spricht von einer „fundamentalen Beschädigung“, die die westlichen Medien in den vergangenen Jahren erlitten haben. Die Tatsache, dass die New York Times die NSA-Enthüllungen, die im Sommer durch Greenwalds Veröffentlichtungen bekannt wurden, schon 2004 in Teilen kannte, nimmt der investigative Reporter zum Anlass für eine grunsätzliche Kritik am Zustand des Journalismus in der westlichen Welt. Dieser erfülle seine Aufgaben nicht richtig und folgerichtig stecke die Branche in der Krise:

Es ist ziemlich aufregend und auch ermutigend, dass nun immer mehr Medien scheitern und sterben. Das sollten wir feiern. Denn diese Institutionen müssen endlich darüber nachdenken, was sie besser machen können. Es gibt nun viele neue Medienunternehmen, die jungen Journalisten eine Chance geben. Dass Unternehmen scheitern ist also kein Beleg dafür, dass der Journalismus stirbt; ganz im Gegenteil er blüht auf und geht einfach woanders hin.

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Der Journalismus des Glenn Greenwald, das wurde kurz nach seiner Rede in Rio bekannt, wechselt vom britischen Guardian zu ebay-Milliardär Pierre Omidiyar. Der Mann, der sehr viel Geld mit der Auktionsplattform verdiente, stellt sich als Philantroph dar, der sich finanziell fürs öffentliche Interesse engagieren will: von 250 Millionen Dollar ist die Rede. Greenwald kommentierte seinen Wechsel – der ironischerweise geleaked wurdemit den Worten: „Ich habe eine einmalige Möglichkeit bekommen, die kein Journalist ablehnen würde.“

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Bisher ist wenig darüber bekannt, wie diese Möglichkeiten genau aussehen, die Omidyar Greenwald und seinen Kollegen Laura Poitras und Jeremy Scahill (und Dan Froomkin sowie Liliana Segura) bieten wird. Sowohl der genaue Name als auch die genau Ausgestaltung des neuen journalistischen Angebots sind unbekannt. (Bisher wird mit dem Hashtag #NewCoNews gearbeitet) Es soll rein digital sein, soviel ist klar, und investigativen Journalismus fördern. Allerdings sieht der Unternehmer Omidyar einzig darin noch kein Geschäftsmodell. Im Interview mit der New York Times erklärte er, dass er nicht daran glaube, dass sich ein solcher Journalismus allein finanzieren könnte.

Werbekunden wollen nicht im Umfeld von investigativen Geschichten stehen. Es ist extrem schwierig das hinzukriegen. Und nur wenige Menschen lesen solche seriösen Geschichten zur Zeit im Netz. Das Publikum für die wichtigsten Berichte kann ernüchternd klein sein. Es wird immer einen Kern an Lesern geben, die bereit sind, diese Arbeit zu unterstützen, aber das ist nur ein winzig winzig kleiner Teil der breiteren Öffentlichkeit. Deshalb wollen wir eine Website mit Themen von allgemeinerem Interesse schaffen und dann daran arbeiten, diese allgemeinere Öffentlichkeit zu engagierten Bürgern zu machen.

Ein Medium, das seine Leser zu engagierten Bürgern machen will: Diese Haltung taucht in zahlreichen Äußerungen Omidyars auf. In seiner Stellungnahme nach Bekanntwerden seiner Pläne schreibt er: „Ich suche nach Wegen, Mainstream-Leser zu engagierten Bürgern zu machen.“ Es geht also nicht nur darum, Informationen zu verbreiten, sondern darum, „User Engagement“ zu fördern. Ein Haltung, die auch seine Arbeit bei Ebay prägte und die er für den zentralen Antrieb im Silicion Valley hält: Menschen nicht nur dazu zu bringen, einen Text zu lesen, sondern danach mindestes noch einen. „Call to action“ heißt das in der Sprache des Marketings, das Menschen zum Beispiel animiert, bei Ebay Produkte zu kaufen oder weitere Bücher bei Amazon zu bestellen. Diese „Action“ kann sich auf Mausklicks beziehen, auf Einkäufe oder eben auf gesellschaftliches Engagement. Um letztes geht es Omidyar nach eigenen Angaben – und deshalb auch um einen anderen Journalismus. Dafür wollte er eigentlich die Washington Post kaufen, dabei hatte er allerdings das Nachsehen: Amazon-Chef Jeff Bezos setzte sich durch. Ein anderer Experte für „User Engagement“. Bezos beschrieb die drei Kernideen von Amazon einmal als den Willen etwas Neues einzuführen, den Blick fürs Langfristige und die Fixierung auf den Kunden. Was genau Bezos bei der Washington Post machen wird, ist noch unklar. Dass er sich von diesen Prinzipien verabschiedet, ist aber nicht anzunehmen.

Bezos und Omidyar sind die bekanntesten Köpfe einer neuen Entwicklung in der amerikanischen Nachrichtenbranche: Digitale Investoren entdecken gerade die Medien. 120 Sekunden und auch die New York Times widmeten diesem Trend unlängst eine längere Geschichte, in der unter anderem beschrieben wird, wie Laurene Powell Jobs (die Witwe von Apple-Chef Steve Jobs) in das Nachrichten-Start-Up Ozy Media investiert und der Facebook-Mitgründer Chris Hughes The New Republic kauft und das Social-Media-Unternehmen Upworthy mitfinanziert. Man kann diese Entwicklung als Trend hin zu wertvollen Inhalten lesen, man kann darin aber auch den Anfang eines veränderten Journalismus erkennen, der nicht mehr nur von klassischen Medien geprägt wird, sondern von Digitalunternehmen: Dieser Tage wurde bekannt, dass der renommierte amerikanische Investigativreporter Mark Schoofs von ProPublica zu Buzzfeed wechseln wird und dass der bekannte Technikjournalist David Pogue künftig nicht mehr für die New York Times arbeiten will: er ist jetzt Journalist bei Yahoo.

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Als Omidyar gefragt wurde, warum er statt in die Washington Post nun in die Reporter Greenwald, Poitras und Scahill investiere, lobte er besonders deren transparenten Zugang zu ihrer Arbeit. „Sie sind bereit, sich da raus zu stellen und offen über ihre Arbeit zu reden. Sie blasen nicht bloß Meinungen raus ohne dass klar ist, wie sie selber dazu stehen. Sie sagen: „Schaut her, das ist was ich über das Thema weiß und ich erkläre euch, was ich darüber denken.““ Diese Haltung steht in einem gewissen Gegensatz zu der distanzierten journalistischen Perspektive, die sich in dem berühmten Zitat von Hanns-Joachim Friedrichs ausdrückt, der guten Journalismus daran erkennt, „dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Auf dieses Zitat angesprochen, antwortet der ausgebildete Anwalt Greenwald unlängst: „Menschen sind nicht distanziert. Alle Journalisten sind Aktivisten. Sie vertreten doch alle Interessen und Einschätzungen.“ Durch das gemeinsame Projekt mit Omidyar könnte Greenwald zum Vorbild für einen anderen, kundenzentrierten Journalismus werden. In Rio riet er den etablierten Medien jedenfalls, sich von einigen ihrer überlieferten Regeln zu verabschieden.

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Glenn Greenwald ist ein engagierter Bürger, der für engagierte Bürger schreibt. Durch die Zusammenarbeit mit Pierre Omidyar arbeitet er jetzt selber an einer Antwort auf die Frage, die seit den Enthüllungen von Edward Snowden im Raum steht: Welche Schlüsse zieht die Gesellschaft aus den Überwachungen durch staatliche Stellen? Es könnte eine andere Form von Journalismus sein, der aus den Entwicklungen der vergangenen Monaten entsteht. Einer, der mehr ist als der klassische Nachrichtentransport auf die Vernetzung des Web setzt, auf die Fixierung auf den Kunden und auf „User Engagement“. Dass dieser ausgerechnet mit Geld finanziert wird, das durch die Digitalisierung verdient wurde, ist eine besondere Ironie an der Entwicklung – wirft aber auch das zentrale Problem an dem Experiment auf: Wie ist es um das öffentliche Interesse bestellt, wenn die finanziellen Interessen der Geldgeber betroffen sind?

Die Zukunft der Medien

In München sind heute die Medientage eröffnet worden. Ich habe die Eröffnungsveranstaltung und die als Elefantenrunde vermeintlich wichtiger Menschen bezeichnete Start-Debatte nicht live verfolgt, medial vermittelt aber erfahren: Es gibt da was Neues, aber im Prinzip ist alles so wie immer. dpa zitiert den ZDF-Intendanten Thomas Bellut mit den Worten: „Es hat sich im Grunde wenig verändert durch die Neuen Medien.“

In diesen Neuen Medien gährt unterdessen eine Debatte über die vergangene Woche ebenfalls in München gestartete Huffington Post. Der ist es mit einem doppelten Werbetrick gelungen, Aufmerksamkeit auf ein Produkt zu lenken, das eigentlich durch Inhalte interessieren sollte. Dadurch, dass man die Autorinnen und Autoren, die auf der Seite schreiben, nicht bezahlt, spart man zum einen Geld, zum zweiten bekommt man soviel Branchenaufregung dass man nochmal Geld spart: für bezahlte Werbung.

Ich hatte mir vorgenommen, solange nicht über die Huffington Post zu schreiben, wie dort kein für mich relevanter Inhalt auftaucht. Bisher kam ich ganz gut damit zurecht, das zu lesen, was andere ÜBER die Huffington Post schreiben. Dank Pierre Omidyar schreibe ich jetzt aber auch über die Huffington Post – allerdings über die Ausgabe für Hawaii. Diese wurde im September mit Hilfe von Pierre Omidyar ins Leben gerufen. Der Mann ist Verleger der Honolulu Civil Beat und besser bekannt als Gründer von ebay. Beim Launch der Huffington Post Hawaii stellte er mit Blick auf die Prism- und NSA-Überwachung die Frage:

“Can we be truly free if we are surveilled all the time, if we have no privacy? I think that’s a really important debate to have.”

Jetzt gibt er eine Antwort darauf: Auf seiner Website erklärt er unter der Überschrift „My Next Adventure in Journalism“ warum er den renommierten Journalisten Glenn Greenwald vom Guardian abgeworben habe und welche Pläne er mit ihm verfolgt:

I developed an interest in supporting independent journalists in a way that leverages their work to the greatest extent possible, all in support of the public interest. And, I want to find ways to convert mainstream readers into engaged citizens. I think there’s more that can be done in this space, and I’m eager to explore the possibilities.

Auf die Idee zu all dem sei er gekommen, als er mit dem Gedanken spielte, die Washington Post zu kaufen. Dabei kam ihm Amazon-Chef Jeff Bezos zuvor. Jetzt will Omidyar selber ein Medium aufbauen (ausschließlich digital), das sich für eine demokratische Öffentlichkeit und gegen staatliche Überwachung engagiert. Er will Mainstream-Leser zu engagierten Bürgern machen.

Das kann man durchaus als Ansage verstehen, in einer Zeit, in der die Medienbranche (anders als auf den Medientagen verkündet) nicht gerade vor Optimismus strotzt. Das kann man als grundlegende Veränderung im publizistischen Gefüge interpretieren: ein reicher Mann investiert in unabhängigen Journalismus, weil er eine demokratische Öffentlichkeit, weil er engagierte Bürger schaffen will. Und Auslöser dafür sind die auf den Medientagen als „Neue Medien“ bezeichneten digitalen Verbreitungsmöglichkeiten. Sie verändern im Grunde nicht viel, sagen die einen. Während die anderen erkennen, wie unter ihren Füßen Gewissheiten in Bewegung geraten, die man für stabil wie Gesteinsplatten hielt.

Mehr zum Thema bei Jay Rosen, Poynter, Greenwald, Buzzfeed, Guardian

In Kategorie: Netz

Digitale Daten und die Öffentlichkeit

Der Guardian hat in seinem Liveblog zu den Entwicklungen im Fall Miranda/Snowden ein Bild veröffentlicht, das das Dokument des absurden Szenarios ist, das Alan Rusbridger gestern in seinem Text zum Druck der Regierung auf seine Zeitung beschrieben hat: Geheimdienstmitarbeiter drängen darauf, dass ein MacBook, das Dokumente von Edward Snowden enthält, zerstört werde. Dieser Wunsch wird im klaren Wissen umgesetzt, dass Kopien dieser Dokumente auf anderen Rechnern gespeichert sind:

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Das Liveblog beschreibt diese Szene als „one of the stranger episodes in the history of digital-age journalism“. Das ist sie mindestens, vermutlich ist sie aber sehr viel mehr. Einerseits weil sie die Schlüsselszene in einer der größten Debatten um Pressefreiheit der Gegenwart ist. Andererseits aber, weil hier so eindeutig wie selten greifbar ist, was die digitale Kopie mit unserer Gesellschaft macht.

Das Bild ist sozusagen die umgedrehte Raubkopie. Die Gewalt auf den Computer ist der hilfslose Versuch, einen Strom mit bloßen Händen zu stoppen. Der Begriff der Raubkopie wollte dem Vorgang des Kopierens einen gewalttätigen Aspekt andichten, den das Kopieren nie hatte. Der Versuch, einen Laptop zu zerstören, um damit die darauf befindlichen Daten zu stoppen, basiert genau auf dieser Gewalt, die allerdings machtlos bleibt gegen die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie. Die Daten sind eben nicht nur auf dem Rechner im Keller des Guardian, die Daten sind in Amerika und Brasilien erklärt Rusbridger den Geheimdienstlern – und in Wahrheit sind die Daten überhaupt nicht an einem einzigen zentralen Ort, sie sind digitalisiert. Und das sicherste Versteck, das man für sie finden kann, ist die Öffentlichkeit.

Das alles klingt absonderlich, aber es ist die Grundbedingung des digitalen Zeitalters: die Veränderung im Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit und vor allem der veränderte Umgang mit digitalisierten Daten.

Dieses Bild ist sozusagen das Symbol schlechthin für digitalen Journalismus. Zum einen weil es die im Wortsinn Unfassbarkeit der digitalen Kopie aufzeigt (davon schrieb ich in Mashup) und zum zweiten weil es einen Aspekt in den Blick rückt, den ich in einem ganz anderen Zusammenhang in „Eine neue Version ist verfügbar“ betont habe: Darin beschreibe ich, wie Kultur zu Software wird und wie es durch deren Versionierung möglich wird, quasi öffentlich zu schreiben. In dem Buch beschreibe ich dies als aus Ausweis einer besonderen kulturellen Qualität und als Teilnahme an einem einzigartigen unkopierbaren Moment. Unter dem Eindruck der Geschehnisse beim Guardian muss man einen dritten Aspekt ergänzen: Das öffentliche Schreiben kann in diesem Zusammenhang ein Schutz sein.

Dadurch dass Greenwald und der Guardian in einem Prozess die Daten veröffentlichen, dadurch dass Greenwald auf Twitter greifbar bleibt, ist er öffentlich geschützt. Nicht mehr einzig das Ergebnis seiner Recherchen steht im Mittelpunkt, der Entwicklungsprozess bekommt Bedeutung. Deshalb ist es keineswegs reines Marketing, wie die FAZ mit einer Mischung aus Häme und Eifersucht die Veröffentlichungen des Guardian kommentiert. Es ist eine Conditio des Digitalen, dass der Prozess dokumentiert wird.

In einem ganz anderen Zusammenhang schrieb ich davon zu Beginn des Jahres in meinem Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“. Nie hätte ich mir damals träumen lassen, dass zur Veröffentlichung des Buches das Foto eines zerstörten Laptops die Grundbedingungen des Digitalen so eindeutig greifbar machen könnte.

Die Zeitung der Zukunft – ein Ort der Freiheit

Während in Deutschland träge wie erwartbar die Zukunft der Zeitung diskutiert und vor allem in Frage gestellt wird, reicht ein Blick nach London um zu sehen: Diese (erstaunlich schlecht kuratierte) Debatte ist von gestern. Wie eine Zeitung von morgen aussehen kann, zeigt der Guardian schon heute. Sonntag wie Montag Abend las ich mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Entsetzen Texte aus der britischen Tageszeitung, die nur einen Schluss zulassen: Die Zeitung der Zukunft ist ein Ort der Freiheit.

Der Text, den Guardian-Chef Alan Rusbridger gestern Abend veröffentlichte und den man heute auch auf Papier lesen kann, ist durchaus als Manifest der Pressefreiheit in digitalen Zeiten zu lesen (und – so überstrapaziert der Begriff ist – ein Must read für jeden Journalisten). Der Mann, dem in den vergangenen Monaten immer wieder vorgeworfen wurde, er riskiere die Zukunft der Branche weil er auf eine Paywall verzichtet, erzählt darin von dem Druck, dem sein Haus ausgesetzt ist, seit der Whistleblower Edward Snowden sich über den Guardian einer weltweiten Öffentlichkeit offenbar hat.

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In dem Zusammenhang lohnt die Frage, warum der Amerikaner Snowden das eigentlich bei einer britischen Tageszeitung getan hat. Weil diese britische Tageszeitung weit mehr ist als das bedruckte Papier, das man in London kaufen kann. Der Guardian ist dabei sich zu einer weltweiten Nachrichtenmarke zu entwickeln gerade zu der relevantesten weltweiten Nachrichtenmarke geworden. Und das geht womöglich nur, weil man sich entschieden hat auf Bezahlschranken zu verzichten und konsequent auf weltweite Reichweite zu setzen. Der Guardian war für Snowden der Garant, dass seine Enthüllungen eine weltweite Öffentlichkeit erreichen. So merkwürdig das in dem Zusammenhang klingen mag: Auf dieser Logik basiert das künftige Geschäftsmodell der Zeitung, die heute soviel mehr ist als ein Newspaper. Denn natürlich werden auch Werbetreibende, die auf der Suche sind nach einer weltweiten Öffentlichkeit, diesen Mechanismus verstehen.

Erstaunlicherweise beweisen die Berichte der vergangenen Tage aber auch im Bereich des so genannten Lesermarkts, dass die Zeitung der Zukunft eine Finanzierungsgrundlage hat: Durch den Angriff auf den Lebenspartner des Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald werden wir alle mit der Frage konfrontiert: Auf welcher Seite stehen wir eigentlich? Und die Seiten – das macht Rusbridger deutlich – sind klar benannt: Der Guardian ist der Ort der (Presse-)Freiheit , ob London das in Zukunft ist, lässt er offen.

Spätestens wenn man als Leser mit einer solchen Entscheidung konfrontiert ist, wird klar, dass das Modell eines Leserclubs mehr ist als der Versuch eines Bezahlmodells: Auf der Seite des Guardians zu stehen, ist spätestens durch die neusten Überwachungsmeldungen eine Entscheidung für die Pressefreiheit. Die Zeitung wird dadurch zu einem sozialen Raum – vergleichbar mit den klassischen Institutionen der Identitätsbildung: Kirchen, Parteien, Vereine sind die vergemeinschaftliche Antwort auf die Frage: Auf welcher Seite stehst du?

Die Zukunft der Zeitung wird genau in dieser Auseinandersetzung geformt: Es ist eine Entscheidung für die Pressefreiheit, mit dem Guardian in der U-Bahn gesehen zu werden, seine Texte im Netz zu verlinken – und womöglich in seinem Freundeskreis Mitglied zu werden. Es sind bisher keine Pläne bekannt, dass Rusbridger vergleichbares plane. Nach den Meldungen der vergangenen Tage wäre dies allerdings nur konsequent: die Tageszeitung als Ort der Pressefreiheit zu formen, in dem man Mitglied werden kann; auch gegen Bezahlung. Nicht nur wegen der Meldungen der vergangenen Tage: Ich würde sofort Mitglied in diesem Club!

Das hat alles nichts mit der deutschen Debatte zu tun? Ist eine Ausnahme, die auf dem Fall Snowden basiert? Wer das denkt, sollte statt der Zeitungsdebatte vielleicht mal eine Tageszeitung lesen – z.B. wie die Leser der Süddeutschen Zeitung (Disclosure: bei der ich arbeite) auf die Arbeit der Kollegen reagiert haben, die nicht nachgelassen haben, im Fall Mollath zu recherchieren.

Wie gesagt: es gibt gerade keinen besseren Ort um an der Zukunft des Journalismus zu arbeiten als eine Tageszeitung!

Was ist eigentlich eine Webreportage?

Natürlich kann man im Web gute Reportagen erzählen. Man hat Töne, Bilder, Filme zur Verfügung und kann mit ihrer Hilfe den Text anreichern, Eindrücke greifbar und Geschichten lebendig werden lassen. „Multimedia“ ist das Schlagwort für diese Art der Erzählung, die Slideshows und Videos produziert, die häufig den Titel „Webreportage“ tragen. Der Reporter-Preis sucht unter diesem Titel jedes Jahr preiswürdige Geschichten, die aktiv die Möglichkeiten des digitalen Erzählens nutzen (gerade sind die Nominierungen für das Jahr 2012 veröffentlicht worden).

In diesem Jahr haben mich die Initiatoren eingeladen, in der Vorjury die eingereichten Webreportagen zu bewerten. Gemeinsam mit Richard Gutjahr, Ole Reißmann und Ariel Hauptmeier habe ich mich durch bewegende, spannende und leider manchmal auch erwartbare Multimedia-Erzählungen geklickt. Das war erstaunlich und erfreulich, es hat aber auch ein Defizit offengelegt: die interaktive Dimension des Web geht den meisten dieser Webreportagen ab. Sie verstehen sich als Mulitmedia-Erzählform, die oft auch über einen Fernsehkanal verbreitet werden könnte. Das Einzigartige, das nur im Web möglich ist – nämlich mit dem Leser zu reden, Geschichten fortzuentwickeln und zu verändern – nutzen sie in den seltensten Fällen.

Warum ist das so? Warum sind Beispiele wie die Live-Reportage von Michalis Pantelouris oder das Losgehen von Richard Gutjahr während des Arabischen Frühlings so selten? Warum verstehen wir Web-Reportage immer von ihrem Resultat und so selten von ihrem Prozess her? Warum rücken wir den Reporter, der im Web ja zur greif- und ansprechbaren Figur wird, nur in Seminaren und Vorträgen in den Mittelpunkt, aber so selten in seinen eigenen Geschichten?

Ich habe diese Fragen im Rahmen der Vorjury-Sitzung thematisiert. Ich habe vorgeschlagen, den Preis umzuwidmen und einen Webreporter/Webreporterin auszuzeichen, der seine Arbeit offenlegt, der ansprechbar wird und der seine Experimente dokumentiert. Denn hier liegt – nicht nur weil ich es gerade auf einem anderen Feld probiere – die Chance für das digitale Erzählen: die Möglichkeiten des interaktiven Web zu nutzen. Dass es dabei weit weniger um Selbstdarstellung geht als Kritiker annehmen mögen, zeigen diese beiden Beispiele, die Paul Lewis vom Guardian in diesem TED-Talk darlegt. Für mich sind auch diese Geschichten genau das: Webreportagen.



Wer die Möglichkeiten der Recherche im Web nutzt (wie in der Guardian-Geschichte), wer (wie Michalis in der Live-Reportage) den Leser in Echtzeit am Scheitern und Gelingen seiner Arbeit teilnehmen lässt, wer sich auf den Weg macht und mit den Mitteln des Netzes (wie Richard es in Ägypten getan hat) erzählt, was er erlebt – wer also das Web in seinen Möglichkeiten nutzt, der schafft eine gute Webreportage. Denn das Netz verflüssigt die Reportage und erweitert sie um ihren Verfasser. Das Netz schafft so mehr Möglichkeiten, die es abzubilden – und womöglich auch auszuzeichnen gilt. Denn Preise sind ja nicht nur Lob, sie sind auch Ansporn, Dinge neu zu denken. Deshalb freue ich mich, dass ich vom Reporter-Forum (und auch der Vorjury) Signale erhalten habe, im kommenden Jahr vielleicht tatsächlich, den Preis für einen Webreporter/Webreporterin zu vergeben.

Für dieses Jahr aber zunächst mein herzlicher Glückwunsch an die nominierten Webreportagen für das Jahr 2012 – die Jury wird am 3. Dezember ermitteln, wer schlussendlich ausgezeichnet wird:

>> Anne Backhaus /Roman Höfner: Japan – Ein Jahr nach der Katastrophe

>> Manuel Bauer / 2470media: Flucht aus Tibet

>> Fabian Biasio / Michael Hagedorn: Auf den Everest

>> Uwe H. Martin: Killing Seeds

>> Annika Bunse / Julius Tröger: DDR-Flüsterwitze

>> Joanna Nottebrock: Von Griechenland nach Deutschland

>> Robert Schöffel/ Max Hofstetter: „Auch in meinem Leben gibt es Lärm“

>> Marc Röhlig: Die Unperfekten

>> Amrai Coen / Bernhard Riedmann, Nicht von Gott gewollt

>> Ralph Sondermann / Bernd Thissen Mobile Blues Club


Update: Der Kollege Matthias Eberl hat auf meinen Eintrag reagiert – hier nachzulesen. Matthias war nicht nur gemeinsam mit mir in der Journalistenschule, er ist vor allem Mitglieder der Jury des Reporter-Forums, die über die Gewinner entscheidet!

Open Journalism = Better Journalism

“It’s better journalism,” Rusbridger says, “if, as well as Michael Billington [the Guardian’s theatre critic], you can harness the views and judgements of 800 other people in the audience at the same time. Is the same true of science, foreign, investigative reporting? The answer, I think, is always yes.

In einem lesenswerten Porträt des Guardian-Chefs Alan Rusbridger im New Statesman wird dieser als The quiet evangelist vorgestellt. Der Text enthält nicht nur einen historischen Abriss über die Entwicklung der britischen Tageszeitung zu einer weltweiten Marke, er beschreibt auch die Antworten, die Rusbridger auf die Herausforderungen der Digitalisierung sucht: der Oberbegriff ist Open Journalism, der auf Austausch und Interaktion mit den Lesern beruht und Bezahlschranken ablehnt.

Ob Rusbridger damit auch finanziell Erfolg haben wird, stellt der Text in Frage. Wie er überhaupt die finanziell schwierige Situation des Guardian ausführlich beschreibt. Zeitung und Chef werden lesenswert porträtiert. Alan Rusbridger kommt am Ende zu dem Schluss:

The job is so different from when I started. Things move and change so fast that you can never settle.

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Morgen wird alles besser

Don Drapper hat ein Problem mit Musik. In der fünften Staffel der legendären Serie Mad Men plagt das coole Werbe-Genie die Beschleunigung des Lebens. Er tut sich erkennbar schwer damit, Anschluss zu halten an die Welt dessen, was auf einmal als cool gilt: Pop-Musik zum Beispiel bleibt ihm verschlossen.

Ich weiß nicht, wie sich dieser Erzählstrang in der Serie entwickelt (beim Guardian kann man das Live Protokoll der verrückten Männer nachlesen), er zeigt aber, wie die Beschleunigung der Welt auch vor denen nicht Halt macht, die eben ihre Fähigkeit zu Geld machen, Entwicklungen und Trends nutzbar zu halten. Eine ganz und gar nicht neue Entwicklung. Die Pop-Musik der 1960er Jahre ist den Serien-Erzählern dafür ein taugliches Bild. Denn Musik ist ein soziales Gut. Das gilt nicht nur in der fiktionalen Vergangenheit, sondern auch heute bzw. wenn man der „TV-Legende“ Ray Cokes glauben darf, eben gerade nicht mehr. Er ist unlängst zu dieser Gegenwartseinschätzung gelangt, die auch von Musik und auch von einem Nicht-Verstehen eines alternden Mannes geprägt ist:

Bisher hatte jede Generation ihre große Bewegung. Aber heute? Nichts davon! Stattdessen ist alles in ganz unterschiedliche Gruppen aufgesplittet. Ein großes gemeinsames Ding gibt es da nicht. Früher haben die Jungen gegen ihre Eltern rebelliert, haben Drogen genommen und anderen Unsinn gemacht. Das scheint heute alles nicht mehr so wichtig. Die Bedeutung der Musik wurde durch Facebook-und Twitter-Profile abgelöst. Es gibt auch keine Protestsongs mehr.

Vielleicht muss man so urteilen, wenn man den Status „TV-Legende“ erhalten will. Und vielleicht war es ja früher auch besser. Ich weiß es nicht genau. Ich ahne nur, dass das große gemeinsame Ding, das Cokes vermisst, in Wahrheit so groß und präsent ist, dass er es einfach übersieht. Ich kann mir jedenfalls kaum eine Bewegung vorstellen, die größer ist als die Digitalisierung und ihre Folgen. Sie wirkt auf Cokes offenbar wie die Pop-Musik auf Don Draper.

Neu scheint also nicht das Prinzip, sondern der Grad der Beschleunigung, den der britische Autor Charlie Brooker unlängst sehr lesenswert am Beispiel des charmanten Unwissens von David Cameron über die korrekte Bedeutung der Abkürzung LOL zusammenfasste:

Things change so rapidly these days it’s easy to get left behind, no matter how powerful you are.

Er beschreibt dabei, wie leicht er den Anschluss verloren hat an Pop-Kultur und das, was bei Don Draper die Grundlage seiner Arbeit ist: Trends und Stimmungen der Gesellschaft. Erstaunlich ist dabei, dass Brooker jeden Anklang von Kulturpessimismus oder Überhöhung der Vergangenheit vermeidet. Er beendet seinen Text sogar mit der Einschätzung:

I’ve been left behind by popular culture for weeks now, but boy am I looking forward to getting back up to speed. It’s not regressing. It’s not. LOL.

Aber was würde das konkret heißen „getting back up to speed“? Eine Idee davon bekam ich als ich ein Interview las, das Sibylle Berg dem österreichischen Standard über ihr Schreiben, über Twitter und die grundsätzliche Beschleunigung der Welt gegeben hat. Sie benennt darin Beobachtungen wie …

ich merke, die absurde Hoffnung, dass ich, wenn ich älter werde, mehr Zeit habe, mehr Zeit zum Nachdenken, mehr Zeit, um Stoff zu entwickeln, erfüllt sich nicht. Das Gegenteil passiert. Ich muss eigentlich immer schneller produzieren.

… wird dabei aber überhaupt nicht kulturpessimistisch, sondern sagt so kluge Dinge wie:

Es ist zum Arbeiten blöd, wenn man kein Internet hat. Ich denke mir immer: Wie hat man das früher gemacht? Da ist man in Büchereien gegangen. Das war ja total umständlich. Da ist das Internet großartig. Wenn man es großartig findet, muss man auch damit leben, dass es eine totale Beschleunigung ist.

Denn womöglich würde man es eh nicht stoppen können.

Aber darum geht es mir nur indirekt, ich habe den lange Weg von Draper über Cokes, Brooker und Berg gebraucht um festzustellen, dass in der Bewertung dessen, was da gerade mit uns, unseren Medien und der Gesellschaft in Gänze passiert, viel zu sehr die Perspektive Don Drapers dominiert, viel zu selten die Einsicht Sybille Bergs Raum gewinnt und fast nie die Haltung zu Wort kommt, die die Beschleunigung nicht bloß akzeptiert, sondern mit offenen Armen empfängt.

Sehr platt formuliert, heißt das: Wir hören viel zu oft „Früher war alles besser“ und so gut wie nie „Morgen wird alles besser“.

Im aktuellen Spiegel schreibt Elke Schmitter ein Essay mit dem Titel „Dateien kann man nicht lieben“, der weniger weinerlich daher kommt als der Titel vermuten lässt, aber doch einen Niedergang beschreibt: von der Musiktruhe aus der Zeit des Don Draper zu den digitalen Datensätzen der Gegenwart. Diese sind für die Autorin weniger wertig als ein „sinnlicher Träger“. Sie „lösen keine Gefühle aus – keinen Besitzerstolz, keine Erinnerung, keinen Genuss beim Betrachten, Verschönern, Pflegen, Verschenken.“

Das klingt schlau, aber stimmt es auch? Bleibt man tatsächlich so sachlich bei der Nutzung eines Datensatzes – wenn man einen alten Song aus dem Laptop abspielt, wenn man beim Sichern alter Daten Fotos aus einer längst vergessenen Vergangenheit entdeckt oder wenn man plötzlich einen alten Film wieder findet?

Elke Schmitter kommt zu dem Schluss „Die alten Träger der Aura sind jedenfalls Futsch.“

Da ist er wieder der Reflex. Eben weil es aus der Perspektive Don Drapers so schwer vorstellbar ist, dass es besser werden kann. Dass Aura zum Beispiel auch in Datensätzen entstehen kann. Ihn treibt vielmehr die Verteidigung dessen an, was ihn geprägt, was er gelernt hat, was er gut kann. Aus dieser Haltung kann man sich vielleicht auch gar nicht vorstellen, dass etwas funktionieren kann (und vielleicht sogar besser funktionieren kann), was den gelernten Regeln widerspricht. Er lässt sich nur widerwillig auf das Unbekannte ein, kann deshalb auch die neuen Mechanismen, die dort gelten, nicht beobachten, aufnehmen und gestalten. Stattdessen werden alte Debatten in neuen Räumen geführt bzw. die Erinnerung an etwas wach gehalten, was unter anderen Vorzeichen galt.

In seinem kurzen Beitrag Why Sharing Will Never Be Stopped beschreibt Glyn Moody wie der technologische Fortschritt, Probleme aufbringt, die vorher vollkommen unrealistisch erschienen. Zu einer Zeit da das Maximum an Speicherkapazität bei 10 MB lag, konnte sich niemand vorstellen, dass in gar nicht ferner Zukunft Menschen ganze Lieder speichern würden. Heute erscheint es ebenso unrealistisch, dass in ebenfalls nicht ferner Zukunft, jedermann Speicherkapazität für die gesamte Spotify-Bibliothek mit sich herumtragen kann (derzeit 15 Millionen Songs). Es ist dies aber absehbar. Und wenn es so kommt, wird es den Blick auf die Frage von Filesharing und Teilen von Musik grundlegend verändern. Wer die gesamte Spotify-Bibliothek stets bei sich trägt, braucht keine Cloud, er und sie kann offline kopieren und weiterreichen – und sich damit auch allen geplanten Web-Überwachungen gegen das illegale Kopieren entziehen.

Es ist naheliegend, diese Prognose mit der oben beschriebenen Beschleunigung und den gelernten Reaktionsmustern zusammen zu bringen. Denn ich glaube, man wird nur dann Geschäftsmodelle für Kultur im digitalen Raum finden, wenn man sich auf diesen einlässt (und nicht dem Vergangenen nachtrauert bzw. es mit härteren Strafen erhalten will). Wenn man die digitale Kopie, die Verfügbarkeit von digitalisierten Werken und ihre Verbreitung akzeptiert und mit offenen Armen empfängt. Dann erst kann das Nachdenken darüber beginnen, wie die Geschäftsmodelle der Zukunft funktionieren werden – auf Basis der digitalen Kopie: ihr Möglichkeiten nutzend und ihre Probleme kompensierend. Wenn digitalisierte Daten allgegenwärtig und speicherbar sein werden sind, wenn sich ihr Fluss kaum stoppen lässt, folgt daraus, dass die Verknappung dieser Daten nicht mehr ausschließlich zu künftigen Geschäftsmodellen taugen kann. Vielmehr müssen die Daten Grundlage und Werbung für neue Ideen werden – und Träger für Emotionalität.

Das klingt für die Don Drapers der Digitalisierung vielleicht bedrohlich, es ist aber in Wahrheit ganz und gar nicht neu. Wer sich ein wenig mit der Geschichte der Musik und ihrer Aufnahme befasst, wird feststellen, dass das Radio für das Hören von Musik eine ebensolche Erschütterung bedeutete wie die Digitalisierung für den Besitz von Musik. Denn übers Radio wurde etwas möglich, was vorher auch unvorstellbar erschien: Menschen konnte ohne direkte Bezahlung Musik hören. Das muss für diejenigen, die vorher mit dem bezahlten Abspielen von Musik ihr Geld verdienten wie Diebstahl gewirkt haben. Genauso wie es heute wie Diebstahl wirken mag, wenn Menschen Daten tauschen. Aber tun sie dabei etwas anderes als die frühen Radiohörer? Es klingt skandalös, aber vielleicht ist Filesharing im Kern gar nichts anderes als Radio hören. Es basiert auf einer technologischen Neuerung, die den Menschen Musik bekannt macht, es führt Menschen an Musik heran.

Beim Radio kam man in Folge dessen auf die Idee, dem Hören von aufgenommener Musik den Besitz dieser Musik auf analogen Tonträgern zu ergänzen – auch weil dies technologisch möglich wurde. Wer unkontrolliert stets und ständig Musik hören kann (im Radio), dem muss man etwas anders anbieten: die Mystifizierung des Besitzes von aufgenommener Musik zeigt sich in der Zurschaustellung des eigenen Musikgeschmacks in Form einer Plattensammlung. Schmitter klagt im Spiegel, die digitalisierten Songs seien „Musik ohne Eigenschaft“, die kein Besitzgefühl mehr auslöse, „denn es gibt keinen langen Weg der Aneignung mehr.“ Wenn der Besitz und der Weg der Aneignung nun also dem vergleichbaren Kontrollverlust ausgesetzt sind, wie das Hören, liegt die Herausforderung vermutlich darin, der Musik einen Wert zu ergänzen, der sich wie der Besitz zum Hören verhält. Ich ahne, dass dieser Wert sich aus dem ableiten lässt, was wir heute Social Media nennen. Aus dem gemeinschaftsstiftenden Element, aus dem, was ich weiter oben „soziales Gut“ genannt habe. Das unüberwindbare Problem dabei: Man wird dieses vermutlich nur dann finden, wenn man sich in die neuen Räume begibt und dort auch neuen Debatten folgt. Wenn man erkennt, dass man auch Dateien lieben kann. Wenn man sich von der Verteidigungshaltung verabschiedet und das Neue, Unbekannte nicht nur akzeptiert, sondern beobachtet, aufnimmt und gestaltet. Wenn man die Digitalisierung also mit der Haltung betrachtet: „Morgen wird alles besser“.

Vielleicht stimmt es ja sogar.

Die Medien-Mitgliedschaft

Das da oben ist Philipp Köster. Er ist Chefredakteur des tollen Magazins 11 Freunde. In dem Clip stellt er die Dauerkarte des Magazins vor. Ein Mitgliedsausweis, der das konkret umsetzt, was Alan Rusbridger am Wochenende beim Guardian Open Weekend angekündigt hatte (siehe dazu den sehr lesenswerten Beitrag von Mercedes Bunz in der heutigen Print-SZ): Leser und Nutzer nicht als zahlende Kunden zu verstehen, sondern als Mitglieder einer Gemeinschaft. Jennie Gibson, die mit der US-Version des Guardian Nordamerika erobern möchte, bringt es so auf den Punkt:

We are trying to make [the audience] feel they are part of the international army of Guardian readers.

Spannend sind daran zwei Punkte: Zum einen betont eines solche Mitgliedschaft das Verbindende, das durch die Lektüre einer Zeitung bzw. durch die Zugehörigkeit zu einer Medienmarke entstehen kann (dazu habe ich unter dem Schlagwort Community hier bereits viel geschrieben). Zum anderen ist dies aber auch ein sehr spannender Ansatz für Pay-Modelle. Denn es ist mehr als rein sprachlicher Unterschied, ob man zahlender Kunde und zahlendes Mitglied ist. Am Beispiel der Wikipedia-Spende war diese sprachliche Fassung dessen, was man Geld-Transfer nennen würde, bereits Thema.

Vielleicht hängt Bezahlen im Internet nicht unwesentlich auch davon ab, wie man es nennt? Denn aus anderen Begriffen leitet sich auch eine andere Haltung ab.

Der schwarze Spiegel

Gestern riefen die Universalcode-Kollegen Richard Gutjahr und Markus Huendgen den Tod des Fernsehens aus. Gestern sah ich eher durch Zufall wie lebendig Fernsehen sein kann.

Ich habe keine Ahnung vom Fernsehen. Ich schalte es dann und wann ein, aber wie es gemacht wird, weiß ich nur vom Zuschauen. Deshalb kann ich eigentlich nicht beurteilen, ob stimmt, was Richard und Markus behaupten. Das Fazit jedenfalls ist vermutlich nicht falsch:

Die Art und Weise, wie wir fernsehen, wird sich radikal wandeln. Und das in nicht allzu ferner Zukunft.

Allerdings muss man nicht die One-Percent-Regel bemühen, um festzustellen: weite Teile des Fernsehens werden auch bleiben wie sie sind. Vor allem wenn sie so gut sind wie Black Mirror, eine dreiteilige britische Serie aus der Feder von Charlie Brooker.

Der Guardian-Kolumnist und TV-Macher hatte zum Attentat von Oslo einen beeindruckenden Text geschrieben und strahlt mit seinen pointierten Beobachtungen bis auf den Kontinent. So las ich auch mit großem Interesse, dass er einen Dreiteiler konzipiert hat, der auf klassische Art wie Fernsehen funktioniert. Drei Episoden mit je 45 Minuten, die sich mit der Frage befassen, wie die digitalisierten Medien und die von ihnen (und den aktiven Rezipienten) geschaffene sich verändernde Öffentlichkeit unsere Perspektive auf das Leben verändern. Das klingt nach einem Essay-Thema, Brooker schafft es aber, diese Fragen auf eine zeitgemäße filmische Art zu stellen, die mindestens die Intensität eines guten Textes erreicht.

Ich kann das alles behaupten, weil ich gestern durch einen glücklichen Zufall die National Anthem genannte erste Folge sehen konnte und noch immer begeistert bin. Denn Black Mirror ist für mich die Art von Fernsehen, die den gemeinschaftsstiftenden Sinn von Storytelling erfüllt. Eine Geschichte, die einer sich im Wandel befindenen Gesellschaft hilft, sich selbst zu vergewissern, ihre Vorgaben und Regeln zu überprüfen und die Gemeinsamkeiten aufdeckt bzw. sichtbar macht. Und all das gelingt durch nichts anderes als durch herausragendes dramaturgisches Erzählen.

In der offiziellen Presseverlautbarung sagt Brooker über die Serie:

It combines satire, technology, absurdity, and a pinch of surprise, and it all takes place in a world you almost – almost – totally recognise. It changes each week – like the weather, but hopefully about 2000 times more entertaining.

Was das konkret heißt: Der fiktive britische Premierminister soll sich öffentlich demütigen lassen (es geht um einen Geschlechtsakt mit einem Schwein, der live im Fernsehen übertragen werden soll). Das fordert ein Entführer, der eine Prinzessin des englischen Königshauses in seiner Gewalt hat. Nicht nur die Grundsituation erfüllt alle von Brooker genannten Kriterien, auch die Entwicklung der Geschichte zeigt, wie sich medialisierte Öffentlichkeit verändert. Wie gelingt es, das Erpresser-Video zu unterdrücken, wenn es zum Zeitpunkt, an dem es in Downing Street 10 ankommt, bereits mehrere tausend Mal auf YouTube angeschaut wurde? Wie reagiert die Öffentlichkeit auf die Versuche, Berichterstattung zu beeinflußen? Und vor allem wie ist das mediale Ökosystem gestrickt, wenn ein Lösegeld in Form von öffentlicher Demütigung gezahlt wird?

All diese Frage werden auf eine Art und Weise durchgespielt, die mich beeindruckt hat. Und das ist vermutlich die wegweisendste Veränderung an dieser neuen alten Art des Fernsehens: Es ist trotz aller Geoblocking-Grenzen globaler als wir denken. Es beschränkt sich nicht auf das nationale Sendegebiet öffentlich-rechtlicher Anstalten, sondern ist weböffentlicht. Wenn daraus für die Anbieter hierzulande der Druck erwachsen würde, ein Vorbild wie Black Mirror (oder unlängst Sherlock Holmes) zur Inspiration zu nutzen wäre für mich als Zuschauer schon viel gewonnen.

Am kommenden Sonntag läuft übrigens der zweite Teil von Black Mirror: