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Der Greif – eine Ausstellung als Prozess

Simon Karlstetter, Leon Kirchlechner, Matthias Lohscheidt und Claudio Ricci haben „Augsburg zu einem Weltzentrum zeitgenössischer Fotografie gemacht“. So beschreibt der Bayerische Rundfunk ihr international angesehenes Fotomagazin: Der Greif erscheint auf Papier und trägt das Haptische, das Anfass- und eben Greifbare im Titel. In der vergangenen Woche haben sie ihre erste Ausstellung eröffnet, die Bilder von 279 Fotografen aus 33 Ländern zeigt. Das Besondere an der Ein Prozess betitelten Ausstellung: Sie will ihre Entstehung dokumentieren. „Sie stellen aus wie ihre Ausstellung entsteht“, fasst der Bayerische Rundfunk das Konzept zusammen, das mich allein deshalb fasziniert weil ich genau darüber in „Eine neue Version ist verfügbar“ geschrieben habe. Die Greif-Macher haben mich eingeladen, über ihre Ausstellung zu schreiben.

Das Faszinierende an einer Ausstellung ist ihre Präsenz: Wer Bilder hängt, erzeugt damit Dominanz. Von der Kombination an der Wand geht eine Kraft des Faktischen aus, die der Besucher akzeptiert – und dann erst bewertet. Was ausgestellt wird, ist da – ist abgeschlossen und fertig. Nur: Wie lange? Und: für wen?

Ein Prozess stellt genau diese Fragen – allerdings in dem Präsenz-System einer Ausstellung. Das ist wichtig, denn was ausgestellt wird, ist da – und wird erst danach bewertet. Erst wenn man verstanden hat, was Ein Prozess macht, sollte man fragen, was das eigentlich soll. Denn nur dann wird man verstehen, dass Ein Prozess den Versuch unternimmt, eine der Grundbedingungen der Digitalisierung künstlerisch greif- und verstehbar zu machen.

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Was in Augsburg gerade ausgestellt wird, ist eine Wikipedia für Fotografie. Und wer dabei an eine Enzyklopädie oder an eine lexikalische Sammlung denkt, liegt falsch. Bei der Wikipedia geht es wie bei Ein Prozess um den unterschätzten Aspekt der Digitalisierung: Es geht um die Version. Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist die Menschheit in der Lage, Versionen von digitalisieren Kunstwerken zu erstellen: Nach der Veröffentlichung als Mashup oder Remix und vor der Veröffentlichung als dokumentierter Entstehungsprozess. Im GuttenPlagWiki brachte Letzteres den damaligen Verteidigungsminister zu Fall: Man konnte nachvollziehen wie er gearbeitet hatte.

Das Prinzip der Online-Idee eines Lexikons dreht die Maßstäbe der Printwelt um: Es macht die Versionsgeschichte eines jeden Beitrags sichtbar ist. Man kann zu unterschiedlichen Fassungen eines Artikels springen und somit seine Entstehung nachvollziehen. Auf Papier wäre das nicht nur nicht möglich, es würde auch als Schwäche ausgelegt. Warum sollte man mehr zeigen als das eine endgültige Kunstwerk, das man veröffentlichen will?

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Weil es eh anfällt, hat der Schriftsteller Cory Doctorow darauf mal geantwortet. Denn durch die Ungeheuerlichkeit der Kopie sind plötzlich Entstehungsversionen speicher- und auch verfügbar. Und wenn man mit diesen öffentlich umgeht – wie es die Wikipedia tut – stellt man fest: Sie tragen zur Qualität des digitalen Produkts bei. Was in Print als Schwäche gelten würde, ist im Digitalen Ausweis von Qualität: Der Leser kann sich selber ein Bild machen.

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Dass darin im Wortsinn eine künstlerische Dimension liegt, kann man in der Neuen Galerie in Augsburg und auf der Webseite von Ein Prozess derzeit beobachten: Die Ausstellungsmacher legen die Versionen ihrer Ausstellung offen. So wie man in der Wikipedia in Artikelversionen springen kann, kann man in der Ausstellungs-Timeline in Kombinationen der ausgestellten Fotos springen. Auf dem zentralen Tisch im Ausstellungsraum werden unter Beobachtung einer Webcam ständig neue Kombinationen der ausgestellen Bilder gelegt – so erscheinen die Aufnahmen in neuen Kontexten, die Versionierung der Kombination erlaubt ständige neue Zugänge.

Wer das verfolgt, bemerkt schnell die künstlerische Ebene dieser Versionierung: Denn der Besucher wird so zum Teilnehmer der Ausstellung, er vergleicht Fassungen, bewertet Versionen, stellt Zusammenhänge her. Und dies ist das zweite Grundprinzip des Digitalen: Es ist ein Dialog, der Konsument bekommt eine Stimme, nimmt teil, spielt eine Rolle. Jede und jeder kann in der Wikipedia editieren. Weil es technisch möglich ist.

Ein Prozess wird nicht von jedem Besucher editiert, aber jeder Besucher (der Website und der Ausstellung) erstellt seinen eigenen Rezeptionskontext – und spielt somit erkennbar eine Rolle. Und aus der heraus kann er dann auch die Frage nach dem Warum beantworten. Meine Version ist klar: Weil es die zeitgemäßeste Form der Kunst-Präsentation ist.

Die „Der Greif“-Ausstellung „Ein Prozess“ ist bis zum 18. Mai in der Neuen Galerie im Höhmannhaus in Augsburg zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10-17 Uhr. Mehr zu Eine neue Version ist verfügbar auf der Verlagswebsite.

Gerald von Foris: „Wunden“

Der wunderbare Münchner Fotograf Gerald von Foris hat ein Buch veröffentlicht. Es heißt „Wunden“ und zeigt auf 144 von Mario Lombardo gestalteten Seiten Bilder aus allen Teilen der Welt. Auf der Website von soda (wo man das Buch auch kaufen kann) heißt es:

Die Bilder sind fast alle auf Reisen enstanden und sind benannt nach den Orten, von denen sie stammen: Lima, Danzig, St. Moritz, Liverpool, Sarajevo, Mexiko Stadt…
Eines der schönsten Fotobücher, die wir in letzter Zeit gesehen haben!

Und Hannes Wanderer vom Berliner 25books schreibt:

… eigentlich will jeder, dem ich es zeige, das Buch haben …

Beides ist unbestreitbar richtig. Auch deshalb berichteten bereits die New York Times, Die Zeit und jetzt.de über das Buch, das mit dem Hörbuch „Beograd Protokolle“ erscheint. Dabei handelt es sich um den Versuch über Fotografie zu sprechen. Dirk Stermann und Rochus Boulanger machen das so hörenswert, dass es vermutlich bald weitere Hör- zu Fotobüchern geben wird – mit Rochus und Dirk als Sprechern …

Ich erwähne das alles hier, weil ich seit gestern eine der limitierten Ausgaben von „Wunden“ besitze und allein deshalb jedem, der sich für Fotografie interessiert, empfehlen möchte, es gleich zu tun. Man kann das Buch in München bei soda, bei 25books in Berlin und im Hamburger Haus der Photographie kaufen. Wer mag, kann es aber auch direkt beim Fotografen bestellen. „Wunden“ kostet inklusive Hörbuch 30 Euro.

Die Chance der Fotografie

Ich sehe die grosse Chance der Fotografie darin, dass sie ein Gefühl für Humanität zu wecken vermag. Wenn Krieg die Folge eines Zusammenbruchs der Verständigung ist, dann ist Fotografie als eine Form der Verständigung das Gegenteil von Krieg; richtig eingesetzt, kann sie sogar zum Gegengift werden.

Diese Worte stammen von dem berühmten War Photographer James Nachtwey. Wenn man den nicht genug zu lobenden BostonGlobe-Fotoblog The Big Picture heute anschaut, versteht man, was Nachtwey meint: In 31 Bildern zeigt Big Picture, was die New York Times als In Congo, a Little Fighting Brings a Lot of Fear beschreibt: Im Osten des Kongo ist es erneut zu Kämpfen gekommen.