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Bloss nichts falsch machen (Digitale November-Notizen)

Dieser Text ist Teil der November-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann!

Es gab diesen Moment im Wahlkampf 2017 als sich in meinem Timeline genannten Bekanntenkreis der Gedanke zu verfestigen begann, die FDP als wählbare Partei wahrzunehmen. Ob nicht deren sehr digital geprägte Kampagne, die das neue Denken in den Mittelpunkt zu stellen versuchte, genau auf uns zugeschnitten sei, fragte einer – und bekam nicht wenig Unterstützung für den Ansatz. Es wäre, bemerkte eine andere, ja genau jetzt Zeit für eine wirkliche liberale Politik. Eine, die die Freiheit nicht bloß als wirtschaftliche Kategorie versteht, sondern als Gegenmittel gegen die Vereinfacher und Prediger von allen Seiten.

Es war dann die FDP selber, die mit ihrer Tagespolitik in NRW der Hoffnung auf einen solchen liberalen Ansatz einerseits und der Option, sie für wählbar zu halten andererseits, die Grundlage entzog. Und das Ende der Jamaika-Verhandlungen in der Nacht zu Montag bestätigt diesen Eindruck noch einmal. Dass die offenbar seit Donnerstag vorbereitete Inszenierung politisch verantwortungslos und skandlös ist, hat Heribert Prantl sehr anschaulich kommentiert. Mich interessiert an dem Jamaika-Ende aber vor allem der Slogan, den die Partei dem ganzen gegeben hat. Denn damit ist der FDP – vermutlich ohne Absicht – ein Kunststück geglückt. Mir fällt kein Satz ein, der die Verzagtheit, die Vergangenheitsverklärung und Mutlosigkeit dieses Landes besser auf den Punkt bringen könnte als Lindners Motto:

Lieber nicht regieren als falsch

ist das innerhalb von Minuten zum politischen Klassiker gewordene Symbol für den Zustand dieses Deutschlands im Jahr 2017. Nie ist die Liebe zum Status Quo und die damit verbundene „Bloß nichts falsch machen“-Haltung besser auf den Punkt gebracht worden als in diesem Satz, von dem die FDP absurderweise auch noch glaubt, sie drücke damit Standfestigkeit aus (dass sie dafür aber auch Grundwerte benennen müsste, darauf hat Mario Sixtus richtigerweise hingewiesen). Dieser Satz ist zum Leitmotiv für eine Haltung geworden, in der Zukunft eher als Bedrohung denn als gestaltbarer Raum wahrgenommen wird. Dort gibt es kaum etwas zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren.

Von den taktischen Ränkespielen in Berlin verstehe ich zuwenig um einzuschätzen, was genau die FDP dazu trieb, sich in diesen Satz zu versteigen. Ich verstehe aber, dass dieser Satz genau das Gegenteil dessen ist, was im Wahlkampf Teile meiner Timeline dazu brachte, kurzzeitig positiv über die FDP zu denken. Der Gestus, den die FDP mit Slogans wie „Digital First – Bedenken Second“ oder „Schulranzen verändern die Welt – nicht Aktentaschen“ zu imitieren versuchte, richtet sich exakt gegen den Satz, den Lindner nun zum Parteimotto erhoben hat. Die Startup-Mentalität des Ausprobierens, eine positive Fehlerkultur und die Bereitschaft, Dinge „falsch“ zu machen – all dies sind Ideen, die diejenigen schätzen, auf die es die FDP-Kampagne abgesehen hatte. Es gibt keinen Satz, der ihnen klarer machen könnte, dass all dies nur gespielt war, als das Lindner Mantra vom „lieber nicht als falsch“. (Foto: via Facebook)

Das Merkwürdige an diesem Satz ist, dass er sogar von den anderen Jamaika-Verhandler unterschreibbar wäre. Johannes analysiert sehr treffend: „Hinter all den Streitthemen – Klima, Flüchtlinge, Energiepolitik, Finanzen etc. – sehe ich aus der Ferne immer ein bisschen diesen parteiübergreifenden bundesbürgerlichen Wunsch hervorlugen: einen Status Quo, der auch in der Zukunft funktioniert.“ Und man kann ergänzen: Martin Schulz hat heute bewiesen, dass auch von der SPD kaum Gestaltungswille zu erwarten ist. Der Mann, der im Wahlkampf kurz so tat als wolle er Angela Merkel ablösen, hat heute ohne jegliche Verhandlung, die Option einer neuerlichen Großen Koalition ausgeschlossen. Warum eigentlich hat er das nicht vor der Wahl getan? Und warum eigentlich geht die SPD nicht mit echten Forderungen jetzt in eine solche Verhandlung? Hätte Schulz nicht zum Beispiel anbieten können, dass er nur ohne Merkel über eine Große Koalition verhandelt? Lieber nicht – nachher legt das noch jemand als falsch aus…

Das Ärgerliche an dem Lindner-Motto ist aber vor allem, dass es ein gängiges Missverständnis von Demokratie offenlegt: Der Wettstreit von Ideen, als den wir Politik verstehen, zielt nicht darauf ab, nur das zu tun, was einer für richtig hält. Der demokratische Wettstreit von Ideen ist im Gegenteil genau darauf angelegt, etwas falsch zu machen. Kompromisse sind per se das, was eine Seite für „nicht richtig“ hält. Wer nur dann regiert, wenn er alles richtig machen kann, hat eine zutiefst undemokratische Vorstellung vom Regieren. Deshalb ist der Satz abseits all der mutlosen Verzagheit so ärgerlich, er ist demokratisch falsch. Jenny Kallenbrunnen hat dies an Beispielen illustriert…

… die man um „Bewegen“ erweitern kann. Es ist nämlich eben nicht besser sich gar nicht zu bewegen als sich falsch zu bewegen. Und Demokratie funktioniert wie ein Muskel. Sie wird unter Belastung stärker. Dafür muss sie aber trainiert werden. Wer jedoch vor lauter „Bloss nichts falsch machen“ in Bewegungslosigkeit verfällt, lässt den Muskel verkommen.

Deshalb kann man auf eine sehr ironische Weise der FDP heute dankbar sein. Sie hat darauf hingewiesen, dass dem Land eine Idee davon fehlt, wie man in diesem Land mit dem Neuen, dem Ungewissen und Unbekannten umgehen will – selbst dann, wenn es den Status Quo herausfordert. ¯\_(ツ)_/¯


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter sind z.B. erschienen: „Wir sind unbeugsam“ (Oktober 2017), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017) „Selbstverpflichtung gegen den Terror“ (August 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Was Medien vom Laufen lernen können“ (Mai 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017) „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017), „Digitaler Heimat- und Brauchtumsverein“ (Oktober 2016), „Ein Dutzend Ideen für die Journalistenausbildung“ (September 2016) „Kulturpragmatismus“ (Juni 2016), „Denke kleiner“ (Februar 2016 ) „Social-Media-Gelassenheit“ (Januar 2016).

#aufschrei – die journalistische Ebene

Der Satz, den alle lesen sollten, die sich für Journalismus in diesem Land interessieren, wurde heute Vormittag auf bild.de veröffentlicht. Er trägt einen Zeitstempel und entstammt einem „Protokoll“ genannten sehr eigenwilligen Text, der versucht aus einem Pressegespräch im Jakob-Kaiser-Haus ein Event zu machen („Bild.de war live vor Ort“).

10.39 Uhr: Himmelreich ist da, mit einem Kollegen! Sie trägt einen dunkelblauen Mantel, rotes Oberteil, grauer knielanger Rock, rote Wildlederstiefel.

Die Beschreibung bezieht sich auf Laura Himmelreich, Autorin des Porträts über Rainer Brüderle, das eine noch andauernde Debatte über Sexismus in Deutschland auslöste. Ich lag falsch als ich ihren Text vergangene Woche zum Beispiel für die Tatsache nahm, dass Journalistinnen und Journalisten die Rolle des Beobachters verlassen und zu Akteuren werden. Laura Himmelreich erlebt gerade die Steigerung dessen: Sie ist nun selber zum Gegenstand der Berichterstattung geworden. Sie sah sich diese Woche auf dem Cover der Bild-Zeitung abgebildet – neben Rainer Brüderle. Und das Land diskutiert plötzlich, ob der FDP-Spitzenkandidat sich bei ihr entschuldigen soll.

Natürlich geht es nicht nur darum: Die Diskussion um #aufschrei (hier ein paar Daten dazu) zeigt, dass der Text mehr ausgelöst hat. Ich glaube aber, dass er auch eine journalistische Ebene hat, die über die inhaltliche Debatte hinaus geht. Journalistinnen und Journalisten müssen sich überlegen, wie sich ihre Rolle, ihre Auftreten und ihr Anforderungsprofil ändert, wenn Geschichten wie die genannte häufiger werden (in der gleichen Woche war übrigens auf dem Cover der Zeit ein Journalist mit einem Kinderbild zu sehen – weil er seine eigene Geschichte erzählte).

Wie bereitet man sich auf die Folgen solcher Veröffentlichungen vor? Natürlich wird nicht jede und jeder erleben, dass ihr oder sein Text am Sonntag abend Thema der vermeintlich politischen Talkshow in der ARD wird. Aber die Frage: Muss ich meinen Text später erklären? scheint wichtiger zu werden. Muss die Journalistenausbildung darauf reagieren? Müssen Journalisten lernen, ihre Texte, Filme, Bilder zu erläutern? Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Redaktionen? Wie müssen sie ihre Autorinnen und Autoren vorbereiten und vielleicht auch schützen?

Wenn der merkwürdige wie sinnlose Graben der #aufschrei-Debatte überwunden wurde (Lektüre-Tipp: Kia Vahland in der SZ), wenn man mit Abstand auf diese Tage zurückblicken wird, wird man an den merkwürdigen Live-Ticker denken – und sich vielleicht daran machen, ein paar der genannten Fragen zu beantworten.

Der Journalist als Akteur

„Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert“, begann ich im November einen Eintrag über die Piraten im Spiegel. Damals ging es um die Blogeinträge von Marina Weisband und Merlind Theile und die Frage, wie deren Gespräch in einem Cafe in Münster nun genau gelaufen sei. Der Fall illustriert eine neue Anforderung an gegenwärtigen Journalismus: sich erklären, selber auftreten und Akteur werden. Im zitierten Fall ging es dabei darum, abseits des klassischen Artikels zu kommunizieren.

Diese Woche könnte man wieder einen Eintrag mit den Worten beginnen: „Wer wissen will, wie sich unser Beruf gerade verändert“. Fortsetzen muss man diesen Satz diesmal mit dem Bezug auf den Der Herrenwitz betitelten Text aus der aktuellen Ausgabe des Stern.

Dazu ist bereits sehr viel geschrieben worden. Von inhaltlichen Bewertungen und Zustimmung über die lediglich von der Sache ablenkende Frage des Zeitpunkts der Veröffentlichung bis hin zu einem eher missglückten Verkaufstext im Netz, der in einer ersten Version einen Bezug zu Brüderles Ehefrau herstellte.

Mich treiben nach der Lektüre des Textes und seiner Folgen zwei Fragen um: Zum einen wundere ich mich, warum im Stern nicht erwähnt ist, welche Stellungnahme die FDP bzw. Rainer Brüderle zu dem Text hat. Ist er nicht gefragt worden? Gehört das nicht zum journalistischen Handwerk?

Zum zweiten frage ich mich, was es bedeutet, wenn eine Journalistin in der Form persönlich die Bühne betritt und selber zum Beleg ihrer Geschichte wird? Wie verändert dies das Rollenbild? Welche (Schutz-)Funktion kommmt dabei dem Medienhaus zu? Und welche neuen Anforderungen erwachsen daraus für die Journalistin? Hinzu kommt die Tatsache, dass Laura Himmelreich – anders als Annett Meiritz unlängst auf Spiegel Online – nicht nur ein Prinzip kritisiert, sondern eine konkrete Person angeht.
Dabei geht es mir ganz und gar nicht um die Frage, ob dies berechtigt ist. Mir geht es darum, dass sich hier gerade etwas verändert in Bezug auf unseren Beruf. Vor fünfzehn Jahren wäre dies vermutlich so nicht möglich gewesen – technisch nicht und auch nicht aus dem Selbst- und Fremdverständnis der Medien. (Wer dazu mehr wissen will: Kurt Vonnegut hat Zeitungsjournalisten mal als „freaks in the world of writers“ bezeichnet, weil ihnen beigebracht werde, nichts von sich selber preis zu geben)

Laura Himmelreich hat auf Anfragen auf Twitter geantwortet. Überall – sogar in der mit dem durchaus fragwürdigen Sprachbild „kein Freiwild“ überschriebenen Antwort des Stern-Chefredakteurs – wird Laura Himmelreichs Twitter-Account verlinkt, es ist ihr Rückkanal für Nachfragen. Sie hat mit dem Deutschlandradio gesprochen und sich erklärt. Der zentrale Ansprechkanal ist aber Twitter. Wie lernt man, diesen zu bedienen? Welche Möglichkeiten kann man dort nutzen? Welchen Zwängen ist man ausgesetzt?

Ich glaube, dass der Fall in all diesen Bereichen notwendige und spannende Fragen aufwirft. Diese betreffen Selbstbild und Auftreten von Journalisten in einer sich wandelnden Öffentlichkeit. Darüber sollte man reden. Zunächst aber scheint eine Debatte über alltäglichen Sexismus ins Rollen gekommen zu sein, die überfällig ist.
Dass es dabei keineswegs nur um Rainer Brüderle geht, ist mir bei einem Blick in die Statistiken dieses Blogs aufgefallen. Dort tauchen immer wieder Suchanfragen auf, die zu einem Artikel aus dem Jahr 2010 führen. Dieser ist mit der Überschrift „Nackt auf dem Stern“ versehen und offenbar suchen Menschen nach diesen Worten.

Was sie dann finden? Den Hinweis auf die Cover-Gestaltung zum Thema „Vorsorge und Früherkennung“ bei einem bekannten deutschen Magazin. Zu sehen ist da eine nackte Frau, die verträumt (schlafend?) sich selbst mit einem Stethoskop untersucht. Das Magazin heißt übrigens stern.

Ebenfalls zum Thema Normal ist das nicht! bei kleinerdrei, Kein Kompliment, sondern eine Demütigung! bei Publikative, Ich hab keine Worte mehr… bei Frau Dingens

Wirtschaftsminister und Wickeltisch

Hier in der Fraktion können alle ihre Kinder mitbringen. Es gibt einen Wickeltisch, der nützt auch mir.

In der Süddeutschen Zeitung gibt es ein Gespräch mit dem neuen niedersächsischen Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der gerade Vater von Zwillingen geworden ist, und auf die Frage nach Vätermonaten so ausweichend antwortet, dass nicht nur ein Schelm nun denkt, Rösler nutze den Wickeltisch für eigene Belange.