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Das könnte ich sein! Warum die lustigen Kinder, die den Vater im Interview stören, eine politische Forderung illustrieren

Es ist über zehn Jahre her, dass der Begriff „Rush Hour des Lebens“ über Fachkreise hinaus bekannt wurde. Im Siebten Familienbericht der Bundesregierung im Jahr 2006 wurde jene Phase im Leben junger Erwachsener so beschrieben, in der sich zahlreiche wichtige Lebensentscheidungen ballen – und gleichzeitig die Anforderungen wachsen, Familie, Partnerschaft und Beruf miteinander in Einklang zu bringen.

Es ist erst wenige Stunden her, da sorgten Marion und James Kelly für die bestmögliche Bebilderung dieser Rush Hour des Lebens. Die beiden vier Jahre und neun Monate alten Kindern des Politik-Wissenschaftlers Robert Kelly sprengten ein Live-Interview, das ihr Vater der BBC gab. Während der Experte für koreanische Politik über die Amtsenthebung der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye sprach, tanzte erst Marion in einem leuchtend gelben Pullover ins Bild und wenig später folgte ihr kleiner Bruder. Ihr Auftritt wurde zu einem echten Phänomem!

Ein paar sehr sehr lustige Momente vergehen bis Kellys Frau Jung-a Kim ins Zimmer stürzt und die Kinder hektisch aus dem Home-Office-Raum und damit auch aus dem Bild zerrt. Auch das ist – bei aller Panik in ihrem Gesicht – sehr lustig. Robert Kelly entschuldigt sich und vielleicht muss er auch ein wenig schmunzeln, immerhin hört man im Hintergrund Kinderprotest. Marion und James wären offenbar lieber noch beim Papa geblieben.

Man kann diese Fernseh-Szene als Beweis für das Dilemma des Home-Office genannten Phänomens betrachten, dass immer mehr Menschen dort arbeiten wo sie auch wohnen (ist das vorne rechts eigentlich das Bett der Familie Kelly?). Ich finde aber, dass dieses Viral-Video vor allem die herausragend humorvolle Bebilderung der Situation ist, in der fast alle meine Freunde und Bekannte sind, die laut Familienbericht in der Rush Hour des Lebens stecken: Marion und James Kelly ist heute etwas geglückt, womit sich Parteien und Medien derzeit etwas schwer tun: Sie haben ein Bild geschaffen, mit dem sich eine ganze Generation identifizieren kann.

„Das könnte ich sein“, haben sich Menschen in sehr unterschiedlichen Kontinenten heute offenbar gedacht als sie die Szenen der gestressten Eltern sahen. Und ich habe in meiner Timeline von zahlreichen Bekannten gelesen, dass sie es nicht nur gedacht, sondern auch geschrieben haben.

Das ist einerseits sehr schön, weil die humorvolle Reflektion sicher hilfreich ist, besser mit Stress umzugehen. Es steckt andererseits aber in diesen Bildern und ihrer Timeline-Kommentierung auch eine politische Chance: Gifs können – das hat unlängst erst Barack Obama bewiesen – Politik bestimmen. Und die Gifs und Bilder, die Marion und James heute geliefert haben, sind die Grundlage für die Forderung, an der Situation der gestressten Rush-Hour-Elterngeneration politisch etwas zu ändern.

Denn die Szene ist deshalb so toll, weil keiner der Beteiligten alleine etwas ändern kann. Es ist ein strukturelles Dilemma, das hier illustriert wird (bezeichnenderweise in der als klassisch beschriebenen Geschlechter-Arbeits-Verteilung) – und nur wir als Zuschauer Gesellschaft können eine Lösung erarbeiten: Ich habe keinen einzigen Kommentar im Netz gefunden, der die Kinder als Störung beschrieben hat. In keiner Sprache, die ich verstehe, habe ich einen Vorwurf an die Eltern gelesen. Und nahezu niemand beschwerte sich darüber, dass hier doch die Arbeit (also die politische Kommentierung) nachhaltig Schaden nehme. Alle drei Punkte bekommen Eltern aber zu spüren (und manchmal sogar zu hören), wenn sie in der Rush Hour des Lebens in die wenig modernen Gassen klassischer Arbeitsstruktur einbiegen.

Wenn man die Straßen für die hohen Belastungen des Berufsverkehrs umgestalten will (und das sollte die Forderung sein, die man aus der Metapher ableitet), dann braucht man dafür ein höheres gesellschaftliches Problembewusstsein. Als bei der letzten Bundestagswahl der SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück dazu einen Anlauf unternahm, scheiterte er nicht nur damit. Robert Franken konstatierte Ende vergangenen Jahres:

Eine progressive, gegen alle Widerstände zielorientierte und kämpferische Personalabteilung muss man ebenso mit der Lupe suchen wie einen CEO, der Diversity und Gender Equality zu (seiner) Chefsache erklärt – und zwar jenseits bloßer Lippenbekenntnisse.

Vielleicht geht von den Bildern von Marion und James ja ein Signal für die kommende Bundestagswahl aus!