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The Godfather-Notebook: Notizen der Entstehung

Vor vier Jahren startete ich ein Experiment, in dem ich die These aufstellte, dass die Digitalisierung uns dazu bringt, Kultur als Software zu denken. Eine neue Version ist verfügbar wurde ein Buch und der Beleg dafür, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch dessen spezifischer Entstehungsrahmen, also die Versionierung, Bedeutung haben kann. Steve Jobs-Biograph Walter Issaccson bewies bereits 2013 wie diese neuen Möglichkeiten, das Schreiben verändern können.

Dieser Tage nun wird ein Buch angekündigt, dass zeigt, dass die Entstehungsnotizen hoch interessant sein können: The Godfather Notebook kostet 50 Dollar und bringt dafür (im November) die Notizen des Pate-Regisseurs Francis Ford Coppola in Buchform.

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Mehr dazu in „Eine neue Version ist verfügbar“

Conditio digitala: die Messe der sozialen Bücher

In Frankfurt endet heute die #fbm13. Das Fazit des Bücher-Boulevards fällt danach (wie auch schon davor) eher feierlastig aus. Für mich wird diese Buchmesse aber vor allem als Messe der sozialen Bücher und weniger der feiernden Menschen in Erinnerung bleiben (obwohl metrolits book bistro super war). Sascha Lobo hat als aufmerksamkeitsstarke Leitfrisurfigur eine Entwicklung gebündelt, die auch abseits von sobooks (das mit dem heutigen Ende der Buchmesse in einer privat-beta startet) die Buchbranche in nahster bis naher Zukunft prägen wird: Bücher kommen im Netz an, sie werden sozial – und künftig unter digitalen Bedingungen gelesen und ganz sicher auch geschrieben.

Als ich vor ziemlich genau einem Jahr mit dem Crowdfunding zu Eine neue Version ist verfügbar begann, hätte ich nicht gedacht, dass die Entwicklung so schnell gehen würde. Die Debatten auf der Messe und vor allem medial drumherum zeigen aber: die Digitalisierung von Büchern ist weit mehr als ein neuer Verbreitungsweg über elektrisierte Lesegeräte. Es geht um einen anderen Aggregatzustand, wenn man so will um eine conditio digitala. (Da wir über die Hochmesse des geistigen Lebens dieses Landes reden, ist diese bildungsbürgerliche Wortwelt hier erlaubt) Für mich ist diese Grundbedingung des Digitalen der Dialog, daraus leite ich in Enviv die Suche nach dem unkopierbaren Erlebnis und die These ab: Kultur wird zu Software. Genau diesen Gedanken führt Volker Oppmann mit seinem Log.OS-Verein fort und versucht sich am Betriebssystem Buch:

LOG.OS steht sinnbildlich für ein zentrales Betriebssystem (OS = operating system) des »geschriebenen Wortes« (griech. »lógos«), das wir in Form einer gemeinnützigen, integrierten Online-Plattform entwickeln werden.

Für die Sobooks-Macher ist die Grundbedingung des Digitalen das Soziale, es verleiht ihren Büchern das SO im Namen: Social als Oberbegriff für die dialogischen Möglichkeiten (Notwendigkeiten?) des Digitalen

Domenique Pleimling, mit dem ich in Frankfurt auf einer Veranstaltung war, fasste das Social Reading vor einem Jahr so zusammen:

Im Zeitalter der Digitalisierung wird Lesen wieder sozialer und nähert sich damit der Situation vor der Leserevolution nur insofern an, als dass Texte wieder zunehmend gemeinschaftlich rezipiert werden – damals durch das Vorlesen in Gruppen, heute durch „Bücher mit Internetanschluss“. Social reading greift also in die Vergangenheit zurück und verbindet sie mit dem noch recht jungen Phänomen des stillen Lesens. Statt eines Kulturpessimismus – der in ähnlicher Form übrigens auch jene oben erwähnte Leserevolution begleitete und vor den negativen Auswirkungen massenhafter Lektüre warnte – wäre ein offener Umgang mit den neuen Möglichkeiten, aber auch den Herausforderungen für die Kulturtechnik des Lesens gewinnbringender und im Sinne einer wachsenden Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien förderlicher.

Ich leitet aus diesen neuen Möglichkeiten vor allem die Option ab, Social Reading auch als Social Writing zu interpretieren. Aber dieser zweite Schritt wird dann vor allem Thema auf der #fbm14, wenn die Dimension gemeinschaftlichen Lesens verbreiteter sein wird. Lesen, das ist die Annahme, die eine Plattform wie Sobooks umsetzen wird, ist nicht mehr nur ein einsamer Prozess, sondern ein Gemeinschaftserlebnis. Lesen bekommt eine greifbare soziale Ebene, eine Form der Teilhabe. Es kann wie ein Festival- oder Kino-Besuch eine kollektive Erfahrung werden.

socialreading

Bei Sobooks wird dies über eine Heatmap abgebildet. Diese zeigt in jedem Buch an, an welchen Stellen gerade besonders intensiv diskutiert oder markiert wird. Das Buch wird dadurch aus dem singulären Nutzungserlebnis heraus fortentwickelt zu einem halböffentlichen Raum – in dem die Leser sich als Gäste zu Wort melden, in dem aber auch der Autor selber als Gastgeber mitreden kann. So entstehen, das ist für mich das Zauberwort, (individualisierbare) Versionen von Büchern. Einerseits in der Rezeption und in der Debatte, aber – und diese Variante heißt dort dann CoBooks – auch im Umschreiben und Versionieren: Bücher werden von anderen Autoren in neue Kontexte gestellt, gesampelt, remixt oder um in der Textwelt zu bleiben: anotiert.

Langfristig liegt in dieser Ausprägung des Sozialen der wirkliche Sprengstoff in den neuen Ansätzen, die auf der Buchmesse vorgestellt wurden. Nach meiner aktuellen Einschätzung geht dabei Sobooks am weitesten und am richtigsten vor – aber auch Ansätze wie Log.OS, widbook oder hypthes.is – belegen die Entwicklung, deren Hintergründe und Grundlagen ich in „Eine neue Version ist verfügbar“ beschrieben habe: das singuläre Werkstück verschwindet nicht, es wird um Metadaten angereichert, die womöglich Mehrwert in sich tragen. Ich glaube, dass die #fbm13 gezeigt hat, welchen Weg die Branche in Richtung „social“ nehmen wird – und in Andeutungen lässt sich sehen, dass dahinter noch mehr Möglichkeiten liegen, in den Grundbedinungen des Digitalen: Neue Versionen werden verfügbar!

Mehr über Sobooks im Buchreport, im FAZ-, NZZ- und Zeit-Interview sowie bei t3n. Mehr zu Enviv auf enviv.de.

Enviv-Songs: 2. „Fluchtstück“

Am 9. September erscheint mein neues Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ im metrolit-Verlag. Möglich wurde dieses Buch durch die Unterstützung von 350 Leserinnen und Lesern, die es bereits kennen, weil sie es in seiner Entstehung unterstützt und mitgelesen haben. Bis es jetzt über diese Salon-Öffentlichkeit hinaus veröffentlich wird, stelle ich ab sofort hier jede Woche einen Song aus der enviv-Compilation vor, die eine Art Soundtrack zu dem Buch ist. Schon bei dem Vorgänger Mashup habe ich das so ähnlich gemacht – hier nun der zweite Song aus der Reihe: „Fluchstück“ von PeterLicht.


Über lange Zeit war das für die Medien Aufregendste an PeterLicht, das er sich einem ihrer zentralen Funktionsprinzipien entzog und keine Künstlerperson mit Gesicht und Eigenschaften sein wollte. PeterLicht trat 2007 beim Ingeborg Bachmann-Preis auf ohne in die Kamera zu schauen, er ließ sich nur von hinten filmen und bei der Verleihung des Publikumspreises für seinen Text „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ im Anschluss vertreten.

Der Song „Fluchtstück“ stammt vom Album „Ende der Beschwerde“ und verhandelt das Thema der Verflüssigung – nicht als Problem, sondern als Ausweg: „Ich verflüssige mein Festes / Ich verkauf meine Sachen / ich verflüchtige mich / Boote, Gräben, Luftschiffe / Gullideckel, Löcher im Zaun, Fluchttunnel / Mögen sie mich nach Draußen bringen“

Alle Songs sind auch im aktuellen metrolit-Magazin vorgestellt, für das ich die obigen Texte geschrieben habe:


Mehr über das Buch auf der Homepage enviv.de, im Twitteraccount @neueversion und bei metrolit.

Eine neue Version ist verfügbar

Heute ist ein besonderer Tag: mein Buchexperiment „Eine neue Version ist verfügbar“ startet in die so genannte Finanzierungsphase. Gemeinsam mit den Leserinnen und Lesern möchte ich ausprobieren, ob man Bücher nicht auch anders schreiben kann: gemeinsam, mit transparentem Entstehungsprozess und ohne großen Verlag (zum Hintergrund der Idee gibt es hier mehr)

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich dabei unterstützen und teilnehmen an einem besonderen Buchexperiment, das zeigt, wie die Digitalisierung Kunst und Kultur verflüssigt