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Meinungsvirus: das bessere Bild für einen Shitstorm (Digitale Januar-Notizen)

Dieser Text ist Teil der Januar-Folge meines monatlichen Newsletters „Digitale Notizen“, den man hier kostenlos abonnieren kann.

Kennen Sie die „Warum wurde ich nicht gefragt?“-Theorie? Sie stammt aus dem Jahr 2011 und ich musste an diese Idee denken, als ich unlängst im Kino war. Ich schaute mir „Chaos im Netz“ an, der tatsächlich ein ziemlich gelungener Film über das Internet ist. Denn er ist voller guter Bilder für das, was man so schwer erklären kann: Im Internet sein! Für die Kinderzeitung der Samstags-SZ habe ich das an drei Beispielen beschrieben. Man könnte aber unzählige weitere ergänzen: Packet-Switching, den Unterschied zwischen Web und Internet, die Idee des Hyperlinks, das Konzept Algorithmus, Autovervollständigung, Dark Net und sogar Viralkultur werden in dem Film so kindgerecht ins Bild gesetzt, dass auch Erwachsene sich den Film anschauen sollten (für Details können Sie danach dann die Gebrauchsanweisung lesen).

Und im hinteren Drittel des Films gibt es auch ein Bild für jene Form der Empörungswelle, die man in Deutschland (und nur in Deutschland) Vulgär-Englisch Shitstorm nennt. Dieses Bild (Screenshot links) ist so gut, dass ich mir sogar vorstellen kann, dass es langfristig in der Lage wäre, den merkwürdigen Begriff Shitstorm zu ersetzen. Das Bild ist ein Meinungsvirus. Und dieser Meinungsvirus hängt sehr eng mit der eingangs zitierten „Why wasn’t I consulted?“-Theorie zusammen. Aber eins nach dem anderen.

Zum Abschluss des Films muss die Hauptfigur Randale-Ralph (der im ersten Teil namens Ralph reicht’s aus einem Computerspiel ausbricht) gegen ein Computervirus kämpfen. Er hat dieses Virus selber miterschaffen und in ein Computerspiel eingeschleußt. Herkunft und Details des Schadprogramms erspare ich aus Spannungsgründen, wichtig ist nur: Das Programm macht sich durch beständiges Kopieren selbstständig. Es dupliziert Randale-Ralph immer und immer wieder, so lange bis dieser sich zu einer riesigen bedrohlichen Figur aufgetürmt hat, die nicht nur den Ursprungs-Ralph, sondern das ganze Internet bedroht. Bis hierhin gleicht der überdimensionierte Angreifer eher einer DDOS-Attacke als einem Shitstorm. Doch dann wird ein winziger Aspekt ergänzt, der mit der eingans zitierten Theorie zusammenhängt und offenlegt: Der Angreifer ist ein Meinungsvirus.

Denn der Ursprungs-Ralph besiegt den Virus-Ralph am Ende durch einen simplen Trick: indem er sich seiner Unsicherheit stellt. Denn diese war der Auslöser für das Duplikations-Virus und erst als er sie anerkennt, wird der Angriff und das beständige Kopieren gestoppt. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Empörungswellen, die sich ebenfalls aufbäumen können wie das Virus im Film. Sie werden zu einer überlebensgroßen Bedrohung und vermehren sich auch immer weiter. Wie ein Meinungsvirus setzen sie den Angegriffenen unter Druck. Und wie im Film scheint die Lösung im Umgang mit Unsicherheiten zu liegen. Einerseits auf Seiten der Angreifer (Virus-Ralph) wie auf Seiten derjenigen, die vom Meinungsvirus bedroht werden (Ursprungs-Ralph).

Die Frage, wie man mit Unsicherheiten umgeht, scheint mir eine der zentralen der digitalen Gegenwart zu sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass in komplexen Situationen so genannte Masterpläne nicht mehr greifen. Es geht auch darum, wie Menschen damit umgehen, dass sie sich ungefragt fühlen. Schon 2011 stellte der NPR-Redakteur Paul Ford die These auf, dass die zentrale Frage des Web laute „Warum wurde ich nicht gefragt?“ Menschen fühlen sich übergangen – in banalen Entscheidungen (welchen Film soll ich mir anschauen?) wie in komplexen politischen Debatten. Das Gefühl nicht angemessen befragt und eingebunden worden zu sein, ist in sehr vielen Fällen von Meinungsviren der Ausgangspunkt für das, was sich dann zu dem auftürmt, was man früher einen Shitstorm nannte. Ford listet in seinem Text jede Menge auch positive Beispiele auf, die aus der Energie entstanden, die sich durch den WWIC-Impuls freisetzen kann. Es verschweigt aber auch die Aspekte nicht, die sich aus enttäuschten Erwartungen ergeben – und die sich mittlerweile zu handfesten gesellschaftlichen Problemen entwickelt haben (auch deshalb wählte die letzte Digitale-Notizen-Ausgabe die URL erwartungs-management.de).

Die Sorge nicht gefragt worden zu sein (oder in Zukunft an Bedeutung zu verlieren), ist einer der zentralen Treiber für das, was Online-Debatten heute so unschön machen. Selten sind Menschen emotionaler bei der Sache als in den Situationen, in denen sie das Gefühl haben, etwas nicht zu bekommen, was ihnen zusteht. Fast immer geht es um Zuneigung, aber manchmal drückt sich das auch in – im Verhältnis – so banalen Dingen wie Kindergeld aus, von dem man vermutet, andere könnten es zu Unrecht und damit auf „unsere Kosten“ beziehen. Es ist dies überhaupt die wirksamste Methode, um Menschen zu steuern: indem man ihnen das Gefühl gibt, irgendwer würde ihnen vorenthalten, was ihnen zusteht. Mir ist niemand bekannt, die oder der vor diesem Gefühl gefeit wäre. Nur wenn es poopulistisch ausgeschlachtet wird, kann es sich wie das Computervirus im Film zu einer echten Empörungswelle auswachsen: zu einem Meinungsvirus.

Das Bild vom Meinungsvirus ist deshalb so tauglich, weil es eine Option so zusagen ein Anti-Viren-Programm mitliefert. Leider ist dieses Gegenmittel aber viel schwerer in die Tat umzusetzen. Denn es besteht aus Empathie und Reflektion. Die Fähigkeit, die Shruggie-Frage zu stellen „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“, muss immer und immer wieder geübt werden. Wie schwierig es ist, digitale Empathie zu leben, hat Richard Gutjahr in seinen beeindruckenden Vorträgen der vergangenen Jahre demonstriert (wie hier beim Zündfunk Netzkongress). Richard hat aber auch bewiesen, wie wichtig diese Fähigkeit ist.

Ich habe die Hoffnung, dass ein Gegenmittel gegen die umgreifenden Meinungsviren auch in Reflektion liegen könnte. Deshalb habe ich in diesem Monat eine URL reserviert, die man sich für solche Situationen merken sollte, in denen Debatten sich auftürmen wie die Virus-Version von Ralph. Sie heißt meinungsfreizeit.de – und behauptet: Wenn eine Diskussion aus dem Ruder läuft, hilft manchmal eine Pause. Wie ein Timeout beim Sport: kurz unterbrechen, sich sammeln und reflektieren. Meinungsfreizeit will keine Diskussionen abbrechen, sondern Reflektion ermöglichen.

Wenn das gelingt, passiert vielleicht das gleiche wie mit dem Virus-Ralph im Film als der echte Ralph sich seiner Unsicherheit stellt: das Meinungsvirus bricht in sich zusammen.

Probieren Sie es aus – unter meinungsfreizeit.de


Dieser Text stammt aus dem monatlichen Newsletter Digitale Notizen, in dem man mir beim Denken zusehen kann.

In diesem Newsletter ging es in den vergangenen Monaten häufiger schon um das Thema Debattenkultur und Streit – z.B. „Was wäre, wenn Seehofer Recht hätte?“ (September 2018), Fünf Fitness-Übungen für Demokratie (Juli 2018), „Unser Land – unsere Regeln“ (September 2017), „Freiheit zum Andersdenken“ (Juli 2017), „Fairer Teilen“ (März 2017), „Streiten lernen – für ein besseres Internet“ (Januar 2017)

In Kategorie: DVG
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10 Dinge, die ich in „Chaos im Netz“ übers Internet gelernt habe

Es war im Jahr 1992 als die Autorin Jean Armour Polly für einen Artikel über das Internet nach einem Bild suchte. Sie entdeckte auf ihrem Mousepad das Motiv eines Surfers und nutzte es als Überschrift für ihren Text. Der „Information Surfer“ ist aber seit dem viel mehr: Surfen ist zu dem Symbol geworden für das, was man so schwer ins Bild setzen kann: im Internet sein.

Seit dieser Woche ist ein Film im Kino, dem das sehr gut gelingt. Er heißt „Chaos im Netz“ (im Original „Ralph Breaks the Internet“) und ist mehr als ein Disney-Kinderfilm. Denn dem Film gelingt es, das „Im Internet sein“ gut ins Bild zu setzen. Die Kolleg*innen der Kinderzeitung der SZ haben mich deshalb gebeten, über den Film und das Internet zu schreiben.

Die Bilder und Lehren, die man aus „Chaos im Netz“ ziehen kann, sind aber auch für Erwachsene äußerst interessant. Deshalb hier die zehn wichtigsten Erkenntnisse aus „Ralph Breaks The Internet“ – über das Internet:

1. Ohne Kabel geht gar nichts: Wie richtig dieser Satz ist, stellen gerade Menschen in Tonga fest. Ein Tiefseekabel ist zerstört worden und sie sind im Wortsinn vom Internet abgeschnitten. Im Film schlüpfen die Hauptfiguren Ralph und Vanellope durch die Kabel ins Internet. Die sehen aus wie Wasserrutschen und treiben sie in hohem Tempo immer tiefer rein ins Netzwerk. Wer sich dafür interessiert, wie diese Kabel außerhalb des Films aussehen, sollte sich das Buch Kabelsalat (von Andrew Blum) besorgen oder die Website wodasinternetlebt.de von Moritz Metz besuchen.

2. Das Zauberwort heißt Packet-Switching: Vanellope und Ralph werden bei der Reise durch die Kabel getrennt. Jeder reist für sich. Ich sehe darin ein (etwas weit hergeholtes) Bild für das grundlegende Prinzip des Packet-Switchings. Für die Datenübertragung übers Internet werden Informationen nämlich in kleine Teile zerlegt, die über unterschiedliche Wege versendet und erst am Ende wieder zusammengesetzt werden. Denn das Internet ist ein dezentrales Netzwerk, das auf eine zentrale Verteilstation verzichtet.

3. Das Internet ist nicht das Web:
Am Ende der Wasserrutschen Kabel landen Ralph und Vanellope in einer riesigen unübersichtlichen Stadt. Hier gibt es allerlei Firmen, die man so oder ähnlich auch aus dem echten Web kennt. Sie werden in dieser Stadt durch große Gebäude symbolisiert. Dieses Bild ist vermutlich ein wenig schief, richtig ist aber, dass das nicht das Internet ist. Diese unübersichtliche Stadt, in der kleine Figuren mit Schildern zwielichtige Angebote machen (JP Spamley), ist das Web. Dabei handelt es sich um eine Anwendung, die die Infrastruktur „Internet“ nutzt. Weitere Anwendung sind Mail oder FTP. Eine zentrale Rolle spielen dabei die so genannten Protokolle, die man sich ein wenig wie die Grammatik in der Sprache vorstellen kann. Sie regeln, dass die völlig unterschiedlichen Geräte und Systeme sich auch verstehen.

4. Links sind wie magische Züge: in der großen Web-Stadt gibt es einige tolle Besonderheiten. Am schönsten sind die magischen Züge, die plötzlich angerauscht kommen, wenn man irgendwo hinwill. Sie sind das Bild, das die „Chaos im Netz“-Erfinder für die wichtigste Grundlage des Web gefunden haben: den Link. Er verbindet Informationen, die vorher unverbunden waren. Das ist die Kernidee dessen, was Tim Berners-Lee in den 1990er Jahren das World Wide Web nannte.

5. Einen Algorithmus muss man sich wie eine sehr kluge Frau vorstellen: Das Web ist etwas anderes als das Internet und beides ist etwas anderes als Google oder Facebook oder eBay (das erstaunlich ausführlich beworben wird in dem Film). Dabei handelt es sich um Anwendungen, die im Web stattfinden. Die Google-Suche greift dabei auf Rechenanweisungen zurück, um festzustellen, welche Suchergebnisse wie wichtig sind. Man nennt diese Anweisungen Algorithmen. Im Film wird der Algorithmus im Bild einer sehr gewandten Chefin eines Unterhaltungskonzerns ausgedrückt. Die Figur Yesss berät Ralph und Vanellope als diese populäre Videos drehen wollen.

6. Autovervollständigung kann sehr lustig sein Wie ein Algorithmus arbeitet, zeigt der Film am Beispiel des Alleswissers, der in einer Bibliothek hockt und Fragen von Information Surfern beantwortet. Die Parallele zur Suchmaschine ist deutlich erkennbar – sie wird aber besonders dadurch betont, dass der Alleswisser wie die Autovervollständigung beim Tippen, stets versucht den Satz der Fragenden zu beenden. Das wirkt durch den Gesprächs-Charakter sehr lustig – und legt offen: das Ziel von Suchmaschinen ist nicht das Suchen. Sie wollen möglichst schnell und möglichst passend antworten. Manchmal sogar schneller als gefragt wurde.

7. Das Web schafft neue Geschäfsmodelle: Ralph und Vaneloppe nutzen die Viralkultur des Web (und die Hilfe von Yessss) um sehr schnell berühmt zu werden – und damit Geld zu verdienen. Wie aus der Popularität Geld wird, beschreibt der Film nicht. Dafür zeigt er, wie Popularität entsteht: Wenn viele Menschen auf einen Link klicken und ihn teilen. Mit Staubsaugern werden dann Like-Herzen eingesammelt, wenn Ralph wie eine Ziege singt. Das ist ein gutes Bild für die Aufmerksamkeits-Ökonomie des Netzes.

8. Meide die Kommentare: diesen Ratschlag gibt Yesss als sie gegen Ende des Films Ralph sucht und ihn in den Kommentarspalten seiner Videos findet. Dort wird er zum Teil übel beschimpft. Ralph macht das aber nichts aus – er ist Nutzer-Unmut aus seinem Computerspiele aus dem ersten Teil gewohnt. Dennoch schafft der Film in Sachen Kommentarkultur ein erstaunlich gutes Bild für das, was man bisher Shitstorm nannte: Ich nenne es den Meinungsvirus.

9. Das Darknet ist einfach nur eine Etage tiefer: Auf der Suche nach einem Virus, den Ralph benötigt, begeben sich die Filmfiguren auch ins Darknet. Dafür fahren sie in einem nicht näher definierte Aufzug sehr lange nach unten. Das ist nicht ganz falsch. Denn das Darknet nutzt die gleiche Infrastruktur wie das so genannte Surface Web. In seinem Buch „Darknet“ unterscheidet Stefan Mey das gute, das böse und das kommerzielle Darknet. Im Fim treffen die Hauptfiguren im Darknet auf den doppelköpfigen Charakter Double Dan, desssen Cousin Gord (ein Internet-Wurm) die Verbindung von Spam-Werbung ins Darknet hergestellt hat.

10. Das Internet ist ein Wunder: Als Ralph und Vaneloppe im Web angekommen, schauen sie auf das Gewusel und Vandeloope sagt: „This is the most beautiful miracle I’ve ever seen“ In der deutschen Übersetzung ist von dem wunderschönen Wunder allerdings nichts mehr übrig. In der gleichen Szene hört man im deutschen Film stattdessen den Netz-Skeptiker Ralph sprechen. Er sagt: „Heilige Scheiße, gehts hier ab“. Das ist nur eine sehr entfernte Übersetzung des gleichen Inhalts, es ist vor allem ein sehr schönes Bild für die unterschiedliche Wahrnehmung des Internets in den USA und in Deutschland. Aus der Begeisterung über das „schönsten Wunder, das ich je gesehen habe“, wird in Deutschland „heilige Scheiße, gehts hier ab“ eine skeptische Überforderung. Das ist schade, denn eine zentrale Erkenntnis des Films ist auch: Das Internet ist schon ein ziemlich tolle Sache!

Gerade ist die Gebrauchsanweisung für das Internet erschienen, „die allgemeinverständlich erklärt wie das Netz funktioniert“ – urteilt Spiegel-Online. Wenn man so will: Das Buch zum Film