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Urheberrecht 2.0: Diek- und Böhmermann gehen voran

Die kleine Debatte um das Bild aus Rostock, dessen unrechtmäßig Verwendung, die folgende Abmahnung und den Remix bekommt eine weitere Episode. Auf Twitter hat Kai Diekmann heute früh offen gelegt, dass auch er abgemaht wurde, für die Nutzung des Fotos:

Das ist deshalb erstaunlich, weil ich es als Beweis für die vergangene Woche aufgestellt These lese, dass die Möglichkeiten dessen, was man digital machen kann und die Kenntnis darüber was das Urheberrecht erlaubt, zuweit auseinander liegen: Die gesellschaftliche Debatte über eine Neuausgestaltung des Urheberrechts muss diesen Graben überwinden und alle Bereich der Gesellschaft einbeziehen. Insofern gehen Diek- und Böhmermann (der sich übrigens gerade nochmal auf FB geäußert hat) hier mit gutem Beispiel voran, in dem sie ihre eigene Unfähigkeit Unkenntnis im Umgang mit dem Urheberrecht offenlegen.

Bei Netzpolitik gibt es einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Debatte – mit Links auf den Gastbeitrag von Martin Langer, auf Felix Schwenzel, Robert Basic und irights.


PS: Es scheint übrigens geboten, darauf hinzuweisen, dass eine Auseinandersetzung über eine Reform des Urheberrechts nicht auf dem Rücken des Fotografen Martin Langer geführt werden sollte. Ihn anzugehen oder zu bedrohen, ist Schwachsinn!

Die Frage des Tages bei BILD

Was ist denn da passiert? Ein Foto von Til Schweiger auf der Seite eins der Bildzeitung, dazu eine Schlagzeile, die suggeriert, man könne mit dem Boulevardblatt aus dem Hause Springer sprechen, ihm zumindest antworten: „Hat Ihnen der tatort gefallen?“ fragt das Blatt neben dem grimmig guckenden Schweiger, der eine Pistole in blutverschmierter Hand auf den Leser richtet.

Seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es bei jetzt.de den so genannten Tagesticker. Ein Dialogformat, bei dem nicht der Autor eine Meinung verbreitet, sondern die Leser nach ihrer Einschätzung befragt. Unter anderem wegen solcher Formate gilt die Einschätzung: Digital ist Dialog, Analog ist Dokument.

Jetzt wählt die analoge Papier-Bild den Weg, eine offen Diskussionsfrage zur Cover-Zeile zu erheben; wohl gemerkt, an einem Tag, an dem Ex-Kanzler Schröder Bild-Exklusives sagt und eine – ebenfalls auf der Seite eins – Schneewalze über Deutschland rollt. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Man will sich bei der Bild nicht festlegen oder das Bedürfnis nach Dialog (=Digitalem) ist so groß, dass es tatsächlich funktioniert, in der Form Fragen auf den Titel zu packen.

#aufschrei – die journalistische Ebene

Der Satz, den alle lesen sollten, die sich für Journalismus in diesem Land interessieren, wurde heute Vormittag auf bild.de veröffentlicht. Er trägt einen Zeitstempel und entstammt einem „Protokoll“ genannten sehr eigenwilligen Text, der versucht aus einem Pressegespräch im Jakob-Kaiser-Haus ein Event zu machen („Bild.de war live vor Ort“).

10.39 Uhr: Himmelreich ist da, mit einem Kollegen! Sie trägt einen dunkelblauen Mantel, rotes Oberteil, grauer knielanger Rock, rote Wildlederstiefel.

Die Beschreibung bezieht sich auf Laura Himmelreich, Autorin des Porträts über Rainer Brüderle, das eine noch andauernde Debatte über Sexismus in Deutschland auslöste. Ich lag falsch als ich ihren Text vergangene Woche zum Beispiel für die Tatsache nahm, dass Journalistinnen und Journalisten die Rolle des Beobachters verlassen und zu Akteuren werden. Laura Himmelreich erlebt gerade die Steigerung dessen: Sie ist nun selber zum Gegenstand der Berichterstattung geworden. Sie sah sich diese Woche auf dem Cover der Bild-Zeitung abgebildet – neben Rainer Brüderle. Und das Land diskutiert plötzlich, ob der FDP-Spitzenkandidat sich bei ihr entschuldigen soll.

Natürlich geht es nicht nur darum: Die Diskussion um #aufschrei (hier ein paar Daten dazu) zeigt, dass der Text mehr ausgelöst hat. Ich glaube aber, dass er auch eine journalistische Ebene hat, die über die inhaltliche Debatte hinaus geht. Journalistinnen und Journalisten müssen sich überlegen, wie sich ihre Rolle, ihre Auftreten und ihr Anforderungsprofil ändert, wenn Geschichten wie die genannte häufiger werden (in der gleichen Woche war übrigens auf dem Cover der Zeit ein Journalist mit einem Kinderbild zu sehen – weil er seine eigene Geschichte erzählte).

Wie bereitet man sich auf die Folgen solcher Veröffentlichungen vor? Natürlich wird nicht jede und jeder erleben, dass ihr oder sein Text am Sonntag abend Thema der vermeintlich politischen Talkshow in der ARD wird. Aber die Frage: Muss ich meinen Text später erklären? scheint wichtiger zu werden. Muss die Journalistenausbildung darauf reagieren? Müssen Journalisten lernen, ihre Texte, Filme, Bilder zu erläutern? Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Redaktionen? Wie müssen sie ihre Autorinnen und Autoren vorbereiten und vielleicht auch schützen?

Wenn der merkwürdige wie sinnlose Graben der #aufschrei-Debatte überwunden wurde (Lektüre-Tipp: Kia Vahland in der SZ), wenn man mit Abstand auf diese Tage zurückblicken wird, wird man an den merkwürdigen Live-Ticker denken – und sich vielleicht daran machen, ein paar der genannten Fragen zu beantworten.

Präsidiales Gegenarbeiten

So weit ist es gekommen. Der Bundespräsident muss sich Ratschläge von Boris Becker erteilen lassen. Der twitternde Tennis-Star thematisiert etwas über Bande was der stellvertretender SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach in der morgigen Süddeutschen Zeitung so auf den Punkt bringt:

Jeder Lokaljournalist weiß, dass Abgeordnete oder Bürgermeister gerne anrufen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Doch die Mischung aus Naivität und Dreistigkeit, mit der Wulff agiert hat, bestürzt. Er ist nicht der Landrat von Osnabrück und auch nicht mehr Ministerpräsident von Niedersachsen, sondern das Oberhaupt des Staates. Dieses Amt aber ist für Wulff offenbar zu groß.

Das Erstaunliche daran ist aber nicht nur die demokratietheoretische Dimension des Anrufs. Erstaunlich finde ich, dass Wulff derart unpolitisch agiert. Man will sich gar nicht ausmalen, wie der Mann reagiert, wenn es mal um eine wirkliche Staatsaffäre geht, in der nicht bloß seine Finanzen, sondern das Wohl und Wehe dieses Landes verhandelt werden. Womöglich hätte dafür sogar Boris Becker mehr Gespür.

Dass das Erstaunliche in dem Fall aber offenbar Methode hat, zeigt sich, wenn man an diese Äußerungen des Bundespräsidenten aus dem Sommer 2010 erinnert. Damals hatte Wulff dem Deutschlandradio (MP3 nicht mehr verfügbar) gesagt, dass es ihm manchmal durchaus schwerfalle gelassen zu bleiben – wenn Zeitungen Berichte planen:

Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtig stellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen

Der Begriff des „Gegenarbeitens“ erscheint im Lichte der Meldungen des heutigen Tages in einem neuen Licht …

P.S.: Der Kollege Michalis Panteluris hat in seinem lesenswerten Post Kai Diekmann beschimpfen übrigens klar gestellt, dass Boris Becker vielleicht doch nicht ganz recht hat mit seiner obigen Einschätzung. Es lohnt sich, den Text zu lesen und diesen Beitrag aus der WDR5-Sendung „Politikum“ zu hören.

WDR5 Politikum – Der AB von Diekmann by Malotki

Danach bleibt eigentlich nur eine Frage: Wer hat in den letzten Tagen eigentlich alles bei Herrn Gauck angerufen? Dessen Mailbox würde ich jetzt gerne mal abhören …


Update: ich habe für jetzt.de ein Interview mit der Stimme von Christian Wulff geführt

„Ich rüge als Dummschwätzer des Jahres“

Der Bundesverteidigungsminister hat die Soldaten in Afghanistan besucht. Der Bild-Kolumnist Franz-Josef hat ihm daraufhin eine Post von Wagner geschrieben, in der er Karl-Theoder zu Guttenberg für diese Reise, die er mit seiner Gattin unternommen hat, lobt. Damit ist er anderer Meinung als der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, der wie auch andere diese Form der inszenierten Politik scharf kritisierte. Gabriel soll gesagt haben: „Ich finde, Frau Katzenberger fehlte noch beim Guttenberg-Besuch, dann hätten wenigstens die Soldaten noch was.“ Das findet Wagner empörend.

Deshalb setzt er zu dem folgenden offenbar als Gabriel-Kritik gemeinten Satz an, der in seiner sprachlichen Schlampigkeit zu inhaltlicher Größe und Wahrheit reift:

Ich rüge ihn als Dummschwätzer des Jahres.

Bild-Leser und der Bundespräsident

Man kann jede Menge über den Fall Sarrazin sagen. Man kann sich aufregen, schimpfen, widersprechen. Und man kann – ich hätte nicht gedacht, das mal zu schreiben – die Bild loben. Und zwar für diese Briefaktion, die man in der Online-Redaktion entwickelt hat. Weil sich Bundespräsident Wulff ohne Not und etwas frühzeitig in Sachen Sarrazin zu Wort gemeldet (und diesem damit noch mehr Don’t feed the trolls!-Aufmerksamkeit gebracht) hatte, steckt Wulff jetzt selber in der Debatte. Bild.de nutzt ihn deshalb als Projektionsfläche für einen Offenen Brief, den Bild-Leser an ihn schreiben sollen. Und zwar (u.a.) mit diesen Auswahlfeldern:

http://www.bild.de/BILD/politik/2010/09/08/bundespraesident-christian-wulff/formular-sarrazin/artikel.html

Bild macht sich so zum Anwalt seiner Leser und will dem Präsidenten die Briefe weiterleiten. Welche Ergebnisse dabei rauskommen, lässt sich erahnen, wenn man die Leserkommentare auf der Seite anschaut. Davon handelt mein Lob für die Aktion auch nicht, sondern von der handwerklich guten Einbindung der Leser. Auf einfache, aber konsequente Art wird so der Eindruck erweckt: Dieses Medium interessiert sich für meine Ansichten als Leser und leitet diese auch weiter. Mehr noch: Dieses Medium verleiht meiner Meinung sogar Gewicht, in dem es sie dem Bundespräsidenten zukommen lässt.

Natürlich ist mir der wahre Wert dieser Aktion bewusst, bemerkenswert finde ich dennoch, wie konsequent die Redaktion die Interessen des aktiven Rezipienten zu wecken weiß.

via

Was will eigentlich das Urheberrecht?

In den vergangenen Tagen war viel vom Internet und der Politik, vom Dritten Korb und von Obamas-Urheberrechtsstrategie die Rede. Da ich kein Jurist bin, treiben mich dabei immer eher praktische Fragen um (siehe dazu wie ich im vergangenen Sommer Opfer einer gewerblichen Urheberrechtsverletzung wurde), zum Beispiel jene, die ich mir stellte, als ich vergangene Woche in einem Münchner Drogeriemarkt Abzüge von Digitalbildern machen wollte. Bevor ich das tun konnte, wurde ich mit folgendem Urheberrechts-Hinweis konfrontiert (zum Vergrößeren drauf klicken):

Wie gesagt: Ich bin kein Jurist, aber die Einschätzung, dass ein Bild allein deshalb nicht vervielfältigt werden dürfte, weil es von einem Berufsfotografen gemacht wurde, erscheint mir juristisch nicht ganz wasserdicht (Was, wenn dieser es unter eine CC-Lizenz gestellt hat? Und: Ab wann ist man eigentlich Berufsfotograf?). Zudem: Wie soll ich denn bitte bestätigen, dass die von mir gemachten Bilder nicht urheberrechtlich geschützt sind? Das sind sie natürlich. Ich halte ein Urheberrecht daran. Trotzdem (bzw. gerade deswegen) möchte ich sie ja vervielfältigen.

Aber abseits der Formulierung: Was mich wirklich verwundert ist die Tatsache, dass man auf dem Kopierer für Fotos offenbar nicht für private Zwecke Bilder vervielfältigen soll. An einem klassischen Fotokopierer darf man ja durchaus urheberrechtlich geschützte Werke (z.B. Bücher) kopieren. Was man nicht darf: diese veröffentlichen oder verbreiten. Warum soll das bei Bildern nicht gelten?

Ich halte das Urheberrecht für eine gute und richtige Erfindung. Ich finde es richtig, wenn nach Strategien gesucht wird, wie das Urheberrecht auch in der digitalen Welt Anwendung findet. Problematisch finde ich es, wenn durch eine Überreglementierung Kreativität im Keim erstickt wird. Wenn Maßstäbe angelegt werden, die dem Grundgedanken des Urheberrechts (Kreativität fördern) zuwiderlaufen. Der Warnbild-Schirm im Drogeriemarkt ist ein besonderes Beispiel für diesen Regulierungswahn.

Im vergangenen Jahr habe ich ein längeres Gespräch mit dem Juristen Gerd Hansen aus Anlass der Veröffentlichtung seines Buches Warum Urheberrecht? geführt. Hansen stellt darin eine Legimationskrise des Urheberrechts fest. Grund dafür ist für ihn – unter anderem – die Überreglementierung:

Wir diskutieren inzwischen allen Ernstes über den urheberrechtlichen Schutz von Yogaübungen oder Kochrezepten. Dieses ständige Absenken der Schutzvoraussetzungen und die damit einhergehende Ausdehnung auf industriell geprägte Werkkategorien, bei denen der Investitionsschutz im Vordergrund steht, haben die überkommenen, allein urheberbezogenen Erklärungsmodelle an ihre Belastungsgrenze gebracht. Wenn wir nahezu alles schützen, müssen wir uns nicht wundern, wenn das traditionelle, auf den Poeten im stillen Kämmerchen zugeschnittene Urheberrechtssystem kollabiert.

Im Drogeriemarkt habe ich gemerkt wie recht er hat.

Update: Das ist das Tolle am Internet: ich bin gerade auf § 53 UrhG hingewiesen worden. Dort heißt es: Zulässig sind einzelne Vervielfältigungen eines Werkes durch eine natürliche Person zum privaten Gebrauch auf beliebigen Trägern, sofern sie weder unmittelbar noch mittelbar Erwerbszwecken dienen, (…) sofern dies unentgeltlich geschieht oder es sich um Vervielfältigungen auf Papier oder einem ähnlichen Träger mittels beliebiger photomechanischer Verfahren oder anderer Verfahren mit ähnlicher Wirkung handelt.