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#fbm15: Sechs Dinge, die ich auf der Buchmesse gelernt habe

In Frankfurt endet an diesem Wochenende die Buchmesse. Eine Veranstaltung, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass unfassbar viele Papierbücher in unterschiedlicher Größe und Güte in Messehallen rein- und anschließend wieder rausgeschleppt werden. Allerdings frage ich mich jedes Jahr wieder: Warum eigentlich tut man das? Kaufen kann man die Bücher an den allermeisten Ständen jedenfalls nicht. Und so habe ich eine gewisse Sympathie für die Sage, es gehe eigentlich darum, sich Bücher klauen zu lassen – als Indikator fürs Publikumsinteresse. Ich kann das nicht beurteilen, bilde mir aber ein bei meinem (Kurz-)Besuch in diesem Jahr etwas gelernt zu haben. Deshalb hier sechs Dinge, die ich auf der #fbm15 gelernt habe:

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1. Wir könn(t)en Bücher anders denken
Es ist mir in diesem Jahr so sehr wie selten zuvor aufgefallen: Buch heißt für diese Messe fast überall Papierbuch-Messe. Das sagt niemand, aber man gewinnt auf Schritt und Tritt den Eindruck. Dabei erscheint es mir durchaus geboten, die Idee Buch vielleicht auch mal anders zu denken. Der Lichtblick des Jahres war für mich in diesem Bereich Logos – das Projekt von Volker Oppmann, das genau dies wagt: Bücher anders zu denken.

2. Google Books ist Fair Use
Das ist zwar keine Erkenntnis, die in den Messehallen ausgestellt wurde, sie erreichte mich aber während der Messe. Bei Netzpolitik schreibt Leonhard Dobusch: „Im Rechtsstreit zwischen Google und der US-Autorenvereinigung Author’s Guild hat auch das Berufungsgericht entschieden, dass der Dienst Google Books von der Fair-Use-Klausel des US-Copyrights gedeckt ist.“

3. Sascha Lobo ist eine Erfindung
Die hochanerkannte und unter Digital-Experten seit langem geschätzte Autorin Carol Felt („Cybris“) hat sich den Buchkritiker Sascha Lobo ausgedacht – und der Spiegel ist darauf reingefallen.

4. Wir können in Netzwerken denken
Christiane Frohmann und Leander Wattig haben es in diesem Jahr gezeigt: Ihr Orbanism Space war eine tolle kleine Messe in der Messe. Vor der Bühne, die die beiden aufgebaut hatten und auf der kein einziges Papierbuch rumstand, trafen sich meinem Eindruck nach irgendwann im Laufe der Messe all die Leute, die Bücher anders denken wollen.

5. Wir können Bücher anders (ver)kaufen
buchhandel Ich habe mich schon vor der Buchmesse gefragt, warum Verlage nicht eigentlich selber tun, was Amazon angeblich so gut macht: Bücher verkaufen. Dann stieß ich auf das Buch Philosophie des Laufens und stellte fest: es gibt Verlage, die das sogar besser machen. Beim Mairisch-Verlag konnte ich das Buch jedenfalls versandkostenfrei bestellen und sehr einfach per Paypal bezahlen. Das klingt sehr einfach, scheint für Verlage aber sehr schwierig zu sein: vielleicht sollten Buchhändler und Verleger sich mal austauschen.

Das haben sie offenbar für die App Buchhandel.de getan, die ebenfalls auf der Messe vorgestellt wurde – und den Buchkauf leichter machen soll. Mehr zum Thema Kaufen und Versenden auch in diesem Artikel aus der SZ.

6. Es gibt einen ungenutzten Bereich (Marktlücke?) zwischen langen Texten und kurzen Büchern
Ich selber war vor allem auf der Messe um unser kleines Projekt Langstrecke vorzustellen: „Journalismus, der fast schon Literatur ist“ gehört natürlich auf die Buchmesse. Und dabei ist mir etwas aufgefallen: das Versprechen, das mit den digitalen Verbreitungswegen auch Platz für neue Formen sei, ist bisher nur halb eingelöst. Denn verlegerisch wird die Möglichkeit bisher kaum genutzt, Bücher zu machen, die kürzer sind als Papierbücher und länger als journalistische Texte. Veröffentlichungen also, die ein mittleres Format haben. Dafür sehe ich einen Bedarf – auch wenn man sie nicht im nächsten Jahr in die Frankfurter Messehalle reinschleppen kann.

Was ist eigentlich ein Buch?

Amazon hat in der leider viel zu selten geführten Diskussion über diese Frage in diesem Monat einen interessanten Gedanken angestoßen. Der Kaufhaus-Verleger-Großkonzern hat angekündigt, ab 1. Juli sein Vergütungsmodell für Autoren im Pauschalmodell Kindle Unlimited zu verändern. Nicht mehr die Anzahl der Leihvorgänge, sondern die Anzahl der tatsächlich gelesenen Seiten soll künftig die Höhe der Ausschüttung an die Autoren bestimmen. Verkürzt wurde daraus: Autoren sollen nach gelesenen Seiten bezahlt werden, was anschließend vor allem von Leuten kommentiert wurde, die die Lesepauschale offenbar nicht nutzen.

Das tue ich auch nicht – ich habe aber zum Beispiel bei Johannes Haupt auf lesen.net nachvollzogen, warum diese Veränderung im Bezahlmodell in Kindle Unlimited – entgegen der ersten Annahme – eher Autoren von längeren Texten nutzen wird. Er berichtet von „einer Flut von relativ kurzen 99-Cent-Serial-Titeln, die bei der bisherigen Vergütungsstruktur gleich einen doppelten Vorteil hatten. Mit ihnen erreichten Autoren schneller die 10-Prozent-Marke (ab der vergütet wird), und durch das Serien-Prinzip kassierten sie bei der Lektüre des gleichen Buches durch den gleichen Leser gleich mehrfach. Lesern konnten die mehrfachen Downloads dank Flatrate egal sein; das Nachsehen hatten vor allem Autoren längerer Titel, die sich nicht auf das Splitting-Spiel einließen.“ Das will Amazon nun ändern – und eröffnete damit quasi nebenbei eine Kultur-Debatte über die Frage: Was ist überhaupt ein Buch? Die taz beklagt eine Schnipsel-Honorarmodell, die SZ sieht die Veränderung als nächsten Schritt „zum normierten Lesen“ und die NZZ fragt unkend, ob bei diesem Modell, „tatsächlich auch die beste Literatur die besten Chancen hat“.

Mich erinnerte diese Berichterstattung an die Szene, die der ehemalige FAZ-Autor Stefan Schulz Anfang Mai in seinem Vortrag Journalismus nach dem Text erzählte. Sie trägt sich in der Online-Redaktion der FAZ zu und handelt vom ehemaligen Herausgeber der Zeitung Frank Schirrmacher und von der Software Chartbeat, mit deren Hilfe man verfolgen kann, wie Webseiten genutzt werden – in Echtzeit. (Mehr über Chartbeat auch in der Arte-Dokumentation Die virtuelle Feder, in der die New Yorker Zentrale der Softwarefirma besucht wird) Chartbeat zeigt zum Beispiel an, an welcher Stelle im Text Leser aussteigen, Chartbeat macht sichtbar, wieviele Leser in einem Text sind, wohin zu klicken und woher sie kommen. „Dass es diese Software gibt und dass sie in der eigenen Onlineredaktionen den Alltag bestimmt„, erzählte Schulz, „überraschte Schirrmacher. Er rief daraufhin verantwortliche Feuilleton-Redakteure und diensthabende Online-Redakteure zu sich, um grundsätzlich zu klären, dass die Linie der Zeitung von ihren Herausgebern festgelegt wird und nicht von einer Software.

Ob und wie die Technologie genau dabei behilflich sein kann, wird in der lesenswerten Rede nicht weiter thematisiert. Wie auch in der Berichterstattung über Amazons Seiten-Vergütungsmodell kaum die Frage gestellt wurde, ob das nicht auch Verbesserungen für das Medium Text in sich tragen könnte. Stattdessen wird relativ viel Zeit darauf verwendet, eine Frisbee-Scheibe wie einen Ball zu werfen. Mit diesem Bild habe ich die Annahme versucht zu fassen, das Digitale stets so zu behandeln wie man es von analogen Medien kennt: eine Frisbeescheibe also nicht in aerodynamischer Kreiselbewegung zu drehen, sondern flach zu werfen wie einen Ball. Das eBook wird in dieser Vorstellung stets genau so behandelt wie eine gedrucktes Buch, das man nur anders distribuiert. Dabei könnte das eBook vielleicht viel besser fliegen, wenn man versuchte seine digitalen Flugeingeschaften zu nutzen – es also zum Beispiel in Versionen zu denken, es in seine Bestandteile (Seiten) zu zerlegen oder ganz allgemein den digitalen Klimabedingungen anzupassen.

Womöglich entwickelt sich über diese technischen Veränderungen eine Erzählkultur, die vergleichbar ist mit dem Prinzip der TV-Serien, das das filmische Erzählen des Kinos erweiterte und nun allüberall gefeiert wird. Vielleicht befördert eine Verknappung eine Kultur des pointierten Erzählens, das eine Dimensionen eröffnet, die an die Tradition der Aphorismen anknüpft. Ich glaube, es könnte sinnvoll sein, sich damit zu befassen – denn hinter der Ecke wartet schon die nächste Stufe der Verknappung. Mit Lesetechnologien wie Spritz ist es möglich, Bezahlmodelle nicht auf Seiten, sondern auf Satz- bzw. Wortbasis zu realisieren (Hintergrund dazu hier)

Und an der Stelle lohnt es sich, eine Sekunde innezuhalten und nicht dem Reflex nachzugeben, der eigenen Meinung zu dieser Veränderung Raum zu geben. Viel spannender als die Frage „Wer will das denn?“ ist die Frage: „Wie kann man diese Technologie nutzen, um zu bewahren was wichtig ist?“. Und diese Frage kann man nur beantworten, wenn man Klarheit darüber hat, was wichtig und bewahrenswert ist. Das muss – darauf hoffe ich – mehr sein als die bloße Gewohnheit, ein Spielgerät halt stets wie einen Ball zu werfen. Nur weil Bücher immer so und nicht anders gedacht und gemacht wurden, ist keine ausreichende Begründung dafür, dies im neuen Umfeld auch so zu denken und zu tun. Wenn Bücher die Gefäße für das Medium Text sind, lohnt es sich, diese in ihren Möglichkeiten genauer kennenzulernen – statt sich mit dem zufrieden zu geben, was schon immer so war.

Stefan Schulz lobt in seiner Rede das geschriebene Wort und sagt: „Wollte man tatsächlich über das demokratische, verlässlichste und zukunftsträchtigste Medium etwas sagen – muss man über Schrift sprechen.“ Damit Schrift auch im Digitalen heimisch werden kann, muss man ihr helfen, sich dort einzurichten. Sie muss sich an die klimatischen Bedingungen des neuen Umfeld anpassen können, um wachsen zu können. Nicht der schlechteste Ansporn, sich mit der Digitalisierung zu befassen.

Dieser Eintrag ist Teil der Juni-Ausgabe des Newsletters „Digitale Notizen“, für den Sie sich hier kostenfrei eintragen können

Crowdfunding-Ratgeber

Seit dieser Woche ist mein neues Buchprojekt „22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding“ verfügbar. Ein kleiner Crowdfunding-Ratgeber für digitale Lesegeräte – den man auf dem Kindle, iPhone/iPad und tolino lesen kann.

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Das Buch basiert auf meinen Erfahrungen beim „Eine neue Version ist verfügbar“-Projekt sowie auf den Lehren, die ich aus dem loading-Fragebogen gezogen habe. Angereichert wird das Buch durch zahlreiche Interviews mit erfolgreichen Projekt-Startern aus Deutschland, die erzählen wie sie ihr Fundingziel erreichten.

Das Buch erscheint bei Edition Octopus, die zum Verlag Monsenstein und Vannerdat gehört. Tom Hillenbrand stellte die Verbindung nach Münster her als wir mal über Selfpublishing sprachen (Tom ist einer der Drachenväter, die auch im loading-Fragebogen vorkamen) denn dort wird auch das Angebot ruckzuckbuch.de realisiert, das Selfpublishing zu (soweit ich das beurteilen kann) für Autoren guten Konditionen bietet. Die Gespräche mit Verlagschef Johannes Monse liefen jedenfalls von Anfang an sehr gut, so dass er mir recht früh das Angebot machte, an einer Kooperation mit dem Dortmunder Dienstleister readbox teilzunehmen. Dort zeigt mir nun Steffen Meier wie eBook-Publishing auch abseits von Amazon funktioniert. Die Antwort zu dem vorliegenden Buch steht aus deren lautstark angekündigtem Lektorat übrigens immer noch aus.*

Auf die Idee, ein solches Buch zu verfassen, kam ich übrigens weil sich Anfragen von Menschen häuften, die über Crowdfunding-Projekte nachdachten. In den meisten Fällen motivierte ich sie, die Ideen in die Tat umzusetzen – es fehlte aber ein Ratgeber, den ich mit meiner Motivation verbinden konnte. So bekamen einige (die ich damit jetzt halböffentlich unter Druck setzen will) das Manuskript zugeschickt. Alle anderen, die überlegen, ob sie ein Crowdfunding-Projekt starten wollen, können jetzt dieses Buch kaufen: 22 1/2 Schritte zu erfolgreichem Crowdfunding

*UPDATE HERBST 2017: Bis ich einen neuen Verlag gefunden habe, vertreibe ich es privat. Einfach eine Mail schreiben!

loading: „Die Vermessung meiner Welt“

Ein etablierter Autor, der sein neues Buch nur auf Amazon veröffentlicht? Christoph Koch versucht mit seinem eBook „Die Vermessung meiner Welt“ genau das. Ich habe dem ehemaligen jetzt.de-Kollegen (mit dem ich glücklicherweise auch privat sehr gut bekannt bin) den loading-Fragebogen geschickt, weil ich seinen Ansatz sehr spannend finde.

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Was machst du?
Ich arbeite als Journalist (u.a. für NEON, brand eins, GQ und SZ-Magazin) und schreibe Bücher. Drei davon habe ich beim Blanvalet-Verlag veröffentlicht. Mit „Ich bin dann mal offline“, über meinen Versuch, ohne Internet und Handy zu leben, bin ich sogar auf die SPIEGEL-Bestsellerliste gerutscht. Danach folgten „Sternhagelglücklich“ über die Suche nach dem Glück und zuletzt „Chromosom XY ungelöst“ über das Thema Männlichkeit.
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema „Quantified Self“, also der digitalen Selbstvermessung, die immer populärer wird. Menschen analysieren ihr Leben minutiös mit digitalen Hilfsmitteln und Smartphone-Apps und erhoffen sich daraus Erkenntnisse über ihr Leben. Zu diesem Thema habe ich jetzt zusammen mit Amazon ein eBook im Kurzformat „Kindle Single“ veröffentlicht. Dieses Format gibt es in den USA schon seit zwei Jahren, in Deutschland ist es Ende November gestartet.

Warum machst du es so?
Das digitale Kurzformat hat mich aus mehreren Gründen gereizt:

> Bei einem digitalen Thema wie Quantified Self verändern sich die Dinge manchmal sehr schnell. Ein gedrucktes Buch hat einen Vorlauf von sechs bis zwölf Monaten – ist also unter Umständen schon veraltet, wen es erscheint.
> Ein eBook lässt sich unkompliziert aktualisieren oder um ein neues Kapitel ergänzen – bei einem gedruckten Buch muss man die nächste Auflage abwarten.
> Das neue Format „Kindle Single“ erlaubt eine Länge auch unterhalb der klassischen 200 bis 300 Buchseiten. „Die Vermessung meiner Welt“ hätte als gedrucktes Buch etwa 60 Seiten. Das halte ich für eine dem Thema angemessene Länge. Niemandem ist damit gedient, wenn man etwas auswalzt, nur um auf Teufel komm raus ein Buch vollzubekommen.
> Für 99 Cent ist das Buch für den Leser sehr günstig – wer seine Seele ganz und gar Jeff Bezos verschrieben hat (also Kindle-Besitzer, die Mitglieder von Amazon Prime sind) kann das Buch sogar kostenlos ausleihen.
> Im Gegensatz zu reinem Self-Publishing musste ich mich nicht um einen Lektor und Korrektor kümmern und keinen befreundeten Grafiker anbetteln, damit dieser ein Cover für mich gestaltet. Ich musste nichts in irgendwelche eBook-Formate umwandeln. Darum hat sich Amazon gekümmert. Das ist für jemanden wie mich, der lieber schreibt und schläft, als derartige Sachen zu organisieren, sehr angenehm.

Wer soll das lesen?
Alle, die mehr über Self-Tracking und die Möglichkeiten dieser neuen Bewegung erfahren wollen. Alle, die sich für Big Data interessieren. Alle, die sich fragen, ob das nicht alles Irrsinn ist – diese digitale Nabelschau und ewige Selbstoptimierung. Alle, die sich Gedanken um Datenschutz machen, aber genug von Panikmache und Pauschalurteilen haben. Alle, die sich denken „Hey, der Typ sieht doch eigentlich ganz nett aus und für 99 Cent bekomme ich ja heutzutage nicht mal mehr einen Kaffee. Her mit diesem eBook-Schnäppchending!“ Alle, die einen Kindle im Nikolausstiefel oder unter dem Christbaum haben, und Lesefutter dafür suchen.

Wie geht es weiter?
Nach einer kurzen Phase, in der das Buch exklusiv bei Amazon verkauft wird, wird das eBook auch auf anderen Plattformen verfügbar sein. Aber um es ganz deutlich zu sagen: Ich bin mit meinem Verlag sehr zufrieden und möchte auch weiterhin Bücher nach dem ganz klassischen Verlagsmodell machen – gedruckt und digital. Mit dem Thema Quantified Self werde ich mich weiter beschäftigen – ich halte auch immer mal wieder Vorträge dazu, schaue mir neue Entwicklungen an und probiere Geräte und Apps aus.

Was sollten mehr Menschen wissen?

„Es gibt kein besseres Weihnachtsgeschenk als ein Buch von Christoph Koch“ (Wittgenstein)

„Manche Zitate, die man im Internet liest, sind ausgedacht.“ (Adorno)

Das Buch von Christoph Koch kann man hier bei Amazon kaufen!

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Unter dem Schlagwort loading stelle ich in loser Folge handgemachte bzw. Crowdfunding-Projekte vor, die spannend sind und/oder für eine neue Bezahlkultur stehen. Das mache ich (auch), weil mein aktuelles Buch ebenfalls über Crowdfunding verfügbar gemacht wurde. Man kann den loading-Ideen im Blog folgen (hier den RSS-Feed zum Schlagwort „loading“ in den Reader nehmen) oder einen Newsletter mit den Vorschlägen abonnieren:


Jeff Bezos kauft die Washington Post

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Im Dezember 2012 machte das Fortune Magazine den Amazon-Chef Jeff Bezos zur Businessperson des Jahres. Das Porträt von damals sollte man nochmal lesen, denn gerade vermeldet die Washington Post, dass Jeff Bezos sie gekauft hat. Keine Einzelausgabe, sondern die ganze Zeitung. Und nicht Amazon, sondern die Privatperson Jeff Bezos ist der Käufer:

The sale to Bezos involves The Post and its website (washingtonpost.com), along with the Express newspaper, the Gazette Newspapers and Southern Maryland Newspapers in suburban Washington, the Fairfax County Times, the Spanish-language El Tiempo Latino newspaper, and the Robinson Terminal production plant in Springfield. Bezos will also purchase the Comprint printing operation in Gaithersburg, which publishes several military publications.

250 Millionen Dollar kostet dieses Paket, eine Zahl, die in Euro fast fünf Mal in die 920 Millionen Euro passt, für die Springer unlängst einige seiner Titel an die Funke-Gruppe verkaufte. Was sicher Stoff für Kommentare bietet.

Noch interessanter finde ich allerdings, was es heißt, dass der Mann, der an die Idee des größten Buchladens der Welt glaubte, als kleine Buchhändler noch übers Internet schmunzelten, jetzt in eine Zeitung investiert. Andrian Kreye hatte Anfang des Jahres über ihn in der SZ geschrieben:

Jeff Bezos ist kein schlechter Mensch, sondern – genauso wie Steve Jobs – ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nur stammt Jeff Bezos eben nicht aus der Kultur der Verlage und Buchhändler, sondern aus der Welt der Hedgefonds. Die beobachten den Fluss des Geldes und suchen dort die geringsten Widerstände. Kultur ist dafür wie geschaffen. Denn Kultur basiert zuallererst auf der Leidenschaft am Werk, das Geschäftliche ist nachrangig. Das gilt selbst für die Schöpfer der ganz großen Erfolge – für J.K. Rowling etwa, für Madonna oder Steven Spielberg. da ist es ein Leichtes, in die Lücken zu stoßen, die jede Krise dort schafft.

Es scheint in der amerikanischen Zeitungsbranche also Lücken zu geben, die Krise ist da – und damit auch die Erwartungen an Bezos. Er wird die Zeitung übernehmen und alle, die sich für Medien interessieren werden beobachten, was er mit ihr macht – und einige werden sicher darauf hoffen, dass er eine Lösung findet. Zum Abschluss des Fortune-Porträts sagte er:

„I have realized about myself that I’m very motivated by people counting on me. I like to be counted on. I like to have a bunch of customers who count on us. I like being part of a team. We’re all counting on each other. I like the fact that shareholders are counting on us. And so I find that very motivating.“

Update: Stimmen zum Verkauf:

„We were certain the paper would survive under our ownership, but we wanted it to do more than that. We wanted it to succeed.”
Donald Graham

„The motivation of Bezos to buy a newspaper will, no doubt, be picked over in the financial pages, but this is not a business deal; it is a cultural statement. News is not the industry that it once was, or an industry at all. It is a cultural good, the format and delivery of which needs remaking for a different set of consumer needs and capabilities.“
Emily Bell

„The iceberg just rescued the Titanic“
Schlagzeile bei Salon.com

„In zwanzig Jahren wird es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wenn doch, vielleicht als Luxus-Artikel, den sich bestimmte Hotels erlauben, als extravaganten Service für ihre Gäste. Gedruckte Tageszeitungen werden in zwanzig Jahren nicht mehr normal sein.“
Jeff Bezos selber, in einem Interview mit der Berliner Zeitung aus dem Jahr 2012

Die Sache mit den Inhalten, dem Digitalen und dem Geldverdienen im Internet

In Artikel 11 des deutschen Urheberrechtsgesetz liegt im zweiten Satz der Grund für die aktuelle Debatte über das Urheberrecht. Dort hat der Gesetzgeber festgelegt, dass der Urheber

in seinen geistigen und persönlichen Beziehungen zum Werk und in der Nutzung des Werkes

geschützt ist. Außerdem beschreibt Artikel 11 den monetären Sinn des Urheberrechts:

Es dient zugleich der Sicherung einer angemessenen Vergütung für die Nutzung des Werkes.

Spätestens hier treffen sich die grundlegenden Veränderungen der Geschäftsmodelle mit den Debatten um ein zeitgemäßes Urheberrecht. Die Wir sind die Urheber-Aufruf-Unterzeichner leiten daraus die Aussage ab: „Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können.“

Dieser Zusammenhang trägt natürlich nicht ganz. Denn kein Urheberrecht der Welt kann einem Künstler helfen, wenn sich niemand für dessen Kunst interessiert. Oder wie es die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries im Rahmen der Berlin Music Week sagte:

„Es ist nicht Aufgabe der Politik, Geschäftsmodelle zu entwickeln“

Dass diese Geschäftsmodelle von anderen Menschen entwickelt werden als von denen, die Lobby-Arbeit in der Urheberrechtsdebatte machen, ist nicht neu. Erstaunlich ist jedoch, dass diese Geschäftsmodelle offenbar mit entgegensetzten Ansichten entwickelt werden. Als Jeff Bezos im Rahmen der Kindle-Präsentation am Donnerstag erklärte, wie die neuen Geräte des mittlerweile schon lange nicht mehr nur Online-Buchhändlers in deren Geschäfte passen, kam ich doch ins Stutzen. Amazon, das nur zur Erinnerung, ist das teuflische Unternehmen, so hatten es erst vor kurzem Maximilian Probst und Kilian Trotier in der Zeit erklärt, das daran arbeitet, „die Buchkultur, wie wir sie seit Gutenbergs Erfindung der Druckpresse kennen“ zu zerstören. Dieses gleiche Amazon querfinanziert nun also Endgeräte, damit die Kunden mit diesen Geräten bei Amazon einkaufen. Jeff Bezos erklärt das so:

„We want to make money when people use our devices, not when they buy our devices.”

Man kann das jetzt als Beginn eines Preiskriegs zwischen Amazon, Apple und Google werten. Man kann sich aber auch kurz die Augen reiben und bei Jeff Bezos nachfragen, ob er denn nicht wisse, dass man mit Inhalten im Digitalen doch gar nichts verdienen könne. Dass die Buchkultur genau wie die Popmusik ganz bald sterben müssen, weil diese ganze Kostenloskultur des Digitalen alle sinnvollen Geschäftsmodelle unmöglich mache. Ist das Lobby-Geklapper etwa nicht bis zu Bezos vorgedrungen? Der Mann, der immer so vorne dran sein will, hat tatsächlich nicht mitgekriegt, wie schlecht es um Inhalte im Digitalen steht?

Unfassbar!

Und vor lauter Ahnungslosigkeit baut dieser Jeff Bezos jetzt auch noch sein ganzes Geschäftsmodell darauf auf: Er zahlt drauf, damit die Leute seine Kindle-Endgeräte kaufen und wird dann ganz schnell Pleite gehen. Denn was soll er denn groß verkaufen auf diese Kindle-Geräte?

Genau: Bücher könnte er verkaufen, Zeitungen, Magazine, Filme oder Musik. Er könnte Computerspiele oder TV-Serien an den Mann bringen. Vielleicht auch kleine Computerprogramme so genannte Apps, die dem Nutzer helfen, weil sie wissen, wo der gerade ist und was er oder sie dort zum Beispiel sucht. Anders formuliert: Inhalte wird Jeff Bezos auf seine Kindle-Geräte verkaufen. Und er ist so überzeugt davon, dass Menschen sich für Inhalte begeistern und dafür zahlen, dass er sogar in Vorleistung geht.

Hier muss man eine Sekunde Pause machen um zu warten bis diejenigen sich gesammelt haben, die immer aufs Digitale schimpfen und die Unmöglichkeit beklagen, dort Geld zu verdienen. In dieser Sekunde gelingt es ihnen nämlich vom Schmipfen auf die Kostenloskultur umzuschwenken aufs Schimpfen auf Bezos und das teuflische Amazon. Denn natürlich will Bezos all die Vorleistung und Querfinanzierung jetzt wieder reinholen – auf Kosten der Künstler und Kreativen. Die müssen ihre Umsätze künftig mit Bezos teilen.

Ob das angemessen oder teuflisch ist, sollen andere beurteilen. Was ich beurteilen kann ist dies: Jeff Bezos und Amazon scheinen mehr an den Wert von Inhalten im Digitalen und an das Geldverdienen im Internet zu glauben als gar nicht mal wenige derjenigen Menschen, die diese Inhalte überhaupt schaffen.

Amazon Kindle: Der iPod der Buchwelt

“Turns out the Kindle is becoming the iPod of the book world.”

Wired.com zitiert Mark Mahaney (Citigroup Analyst), der sich mit Amazons elektronischem Buch „Kindle“ befasst hat, wie Reuters berichtet. Auch Jeff Gomez (Autor des Buchs Print is Dead) hat einen getestet. Sein Fazit:

It was a relief to see it and hold it, in person, and discover that — while not as ingenious as an iPod — the Kindle is a wonderful invention. And then, as I started to use the device itself, buying a few books, subscribing to some blogs and a newspaper — as well as e-mailing documents to myself — I must admit that I fell in love.

Das Papier von morgen

“Magazines have basically looked the same for 150 years. I have been frustrated with the lack of forward movement in the magazine industry.”

Der Mann, der hier schlecht über Magazine spricht, ist jemand, der Magazine macht: David Granger ist Chefredakteur vom Esquire und dessen September-Ausgabe („Hier beginnt das 21. Jahrhundert“) liefert eine Cover-Revolution: „elektronische Tinte“ auf einem Electronic Paper Display (EPD). Produziert wird das ganze von der Firma E Ink, die natürlich auch an Amazons Buch-Revolution Kindle werkelt. Mehr über das Electronic Paper kann man bei nxtbook lesen – und in der Technology Review haben sie den Kindle mal auseinander genommen. (via)

P.S.: Ja, Guardian-Chef Rusbridger hatte das hier vorausgesagt.