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Lob des Großraumbüros: Leben wir es als Lesesaal!

Bei Zeit-Online gibt es ein spannendes Interview mit David Heinemeier Hansson von Basecamp. Mit Jason Fried hat er gerade das Buch „It Doesn’t Have to Be Crazy at Work“ geschrieben, darüber spricht er in dem Interview. Von den beiden stammen auch die Bücher Rework und Remote und auch das aktuelle Buch scheint lesenswert zu sein (Grundthese: Arbeit ist nicht dann gut, wenn sie an die Substanz geht). Und doch muss ich dem Reflex nachgeben, einen Widerspruch-Blogpost zu dem Interview zu schreiben.

Denn DHH sagt in dem Interview diesen einen Satz, mit dem man auf billigste Weise Zuspruch in jedem Büro der Welt bekommen kann – und den ich dennoch für falsch halte:

Ein riesiger, offener Raum ist ein fürchterlicher Ort, um konzentriert zu arbeiten.

Das klingt irgendwie gut – und doch: Ich habe in diesem Jahr an keinem Ort so konzentriert gearbeitet wie in einem riesigen, offenen Raum in Anwesenheit von sehr vielen Menschen um mich herum. Als ich zu Beginn des Jahres für die Gebrauchsanweisung für das Internet recherchiert habe, habe ich stundenlang im Lesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek gearbeitet – in völliger Ruhe und hoher Konzentration. Denn obwohl Menschen sich anstellen mussten, um einen freien Platz in dem riesigen Raum zu bekommen, galt dort eine sehr einfach Regel: Nicht sprechen, wir sind in einem Großraumbüro einer Bibliothek (Foto: Robert Bye on Unsplash)

Wann immer irgendwer über einen Großraum schimpft, muss ich an diese Stunden der Konzentration denken. Denn räumlich unterscheidet sich ein Lesesaal in der Bibliothek nicht von einem Großraumbüro. Der Unterschied ist ein sozialer. Es gelten andere Regeln. Regeln, die nicht die Architektur vorgibt, sondern der Arbeitsmodus: Der Lesesaal ist ein Büro, das einem klaren Zweck gewidmet ist – dem konzentrierten Arbeiten.

Büros, die Menschen auf die Nerven gehen und so sind, wie DHH sie beschreibt, können groß oder klein sein. Ihnen fehlt stets die klare Ausrichtung auf eine Tätigkeit. Wir denken Büros als Räume, die man für alle unterschiedliche Tätigkeiten nutzt, die im Büroalltag so anfallen. Das ist das Bild des 20sten Jahrhunderts, wir gehen in ein Büro, setzen uns hin und machen alles an diesem einen Ort: Telefonieren, Besprechen, Lesen, Schreiben, konzentriert arbeiten.

Das muss schief gehen – völlig unabhängig von der Anzahl der anwesenden Personen. Es braucht Regeln – und ich glaube, dass ausgerechnet ein sehr großer Raum, nämlich der Lesesaal, vormacht wie diese umgesetzt werden. Wenn hier einer telefoniert, stört er alle anderen. Also sollte er das Telefonat in einem sehr kleinen Raum führen. Gleiches gilt für Gespräche und Meetings.

DHH erklärt das im Verlauf des Interviews auch sehr anschaulich. Er beschreibt die störende Kraft von Chatsystemen wie Slack (die man nur durch Regeln zähmen kann) und gibt dann den Ratschlag:

Wenn Sie sehen, dass Ihre Kollegin in die Arbeit vertieft ist, lassen Sie sie in Ruhe. Fast alles kann warten und Sie können in der Zwischenzeit an einer anderen Sache arbeiten und sie zwei Stunden später fragen.

Was er damit meint: wir brauchen soziale Konventionen um ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Und erstaunlicher Weise können wir diese Konventionen in Großraumbüros besonders gut begründen. Dabei gilt die Faustregel: Je größer der Raum ist umso kleiner muss die Anzahl an Gesprächen und umso geringer muss die Lautstärke im Raum sein. Und daraus ergibt sich die zweite Anforderung: Es braucht Raum für Gespräche, Besprechungen und Lautstärke. Großraumbüros sollten diesen Raum nicht bieten!

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Kann es sein, dass Angela Merkel mehr vom digitalen Denken verstanden hat als dein Chef?

„… dass wir vom Bürger her denken und nicht unsere Projekte so durchziehen wir wir das gewohnt sind.“

Mit diesem Worten beschreibt Angela Merkel in der Generaldebatte am 21.11. im Deutschen Bundestag (PDF des Protokolls) was für sie der zentrale Unterschied zwischen analogem und digitalem Arbeiten ist. Das ist ein erstaunliches Zitat weil viele bei Angela Merkel und Digitalisierung immer noch an das Neuland-Zitat denken – und sich dann wieder gemütlich zurücklehnen.

In Wahrheit hat die Bundeskanzlerin – dieser kurze Ausschnitt aus der Debatte beweist es – offenbar mehr von digitalem Denken verstanden als viele Projektplaner*innen, die immer noch denken ein gutes Projekt bestehe aus einem stabilen Konzept, aus Meilensteinen, ständiger Kontrolle und KPIs. Häufig sind das auch diejenigen, die den Begriff „agil“ für ein modernes Buzzword halten und es synonym zu „schnell“ oder „beweglich“ verwenden, ohne wirklich zu verstehen, was mit agilem Vorgehen gemeint ist. (via Johannes)

Am Beispiel des Bürgerportals beschreibt Merkel wie sie sich dabei digitales Denken vorstellt (kopiert aus dem Protokoll von bundestag.de) – und warum digitale Projekte nur gelingen, wenn sie an Nutzer-Bedürfnissen ausgerichtet sind:

Wir sind im normalen klassischen Denken gewohnt, ein Projekt zu planen, das gesamte Projekt dann schrittweise umzusetzen, während im digitalen Zeitalter eine völlig andere Art der Herangehensweise da ist und die Anwendungen Schritt für Schritt eingeführt werden müssen . Dieses richtige Denken beim Umsetzen des Bürgerportals wird sehr wichtig sein . Wir werden erste Funktionen, nämlich die des Bundes – das sind über 100 –, sehr schnell einführen . Wir werden dann mit den Ländern die anderen 400 Funktionen durchsetzen, sodass wir Ende 2022 wirklich den vollkommenen und kompletten Zugang – von Fahrzeuganmeldung über Elterngeldbeantragung, Steuererklärung, Gesundheitsakten und vielen, vielen anderen Dingen – digital schaffen. Das ist notwendig . Das ist kein Nerd-Projekt, wie man vielleicht sagen könnte; denn wenn die Bürgerinnen und Bürger diesen Zugang nicht bekommen, werden wir im digitalen Zeitalter nicht bestehen . Deshalb muss der Staat hier Vorbild sein .

Ist der Staat hier tatsächlich ein Vorbild? Man kann das mit Blick auf das methodische Vorgehen sehr leicht überprüfen, indem man sich z.B. fragt:

– Entwickeln wir in unserem Unternehmen Projekte in Bezug auf ein Nutzer-Bedürfnis oder weil es der Chef gut findet?
– Fragt jemand, bevor wir anfangen, welches Problem wir mit diesem Projekt am Ende lösen werden?
– Sind bei uns kurzfristige Reaktionen auf Veränderungen möglich oder befolgen wir vor allem einen mit Meilensteinen gefestigten Plan?
– Gibt es die Möglichkeit, schrittweise Bestandteile des Projekts zu veröffentlichen und zu messen?
– Geht es bei der Entwicklung um kleine Schritte (Iterationen) oder um das große Ganze?
– Arbeiten wir in kleinen selbstorganisierten Teams, die Verantwortung übernehmen oder gibt es eine klassische Hierachie?

¯\_(ツ)_/¯

Wer sich dafür interessiert: im Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ gibt es auch ein Kapitel über New-Work und Formen der Arbeitsorganisation wie Scrum und Ideenentwicklung wie Effectuaiton