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Was wir meinen wenn wir voreilig über Infoflut sprechen

In der Dezember-Ausgabe von Brand eins gibt es ein Interview mit dem italienischen Physiker Carlo Rovelli. Darin wird er auch zur so genannten Info-Flut befragt. Ich finde bedenkswert, was er antwortet:

Die Menge an Informationen, die der Einzelne üblicherweise zu verarbeiten hat, ist größer geworden – vielleicht bringt uns das so in Atemnot?
Mag sein. Aber die Folge ist, dass die jungen Menschen heute viel mehr wissen als meine Generation damals. Sie überraschen mich mit ihren Kenntnissen, ihrem schnellen Denken, ihren Vorhaben und ihrer Offenheit. Sie haben mehr Mittel als wir damals, sie leben in einer größeren Welt. Das scheint mir sehr schön zu sein. Ich glaube auch nicht, dass das Internet die Fähigkeit vermindert, sich zu konzentrieren. Fernsehen und Zeitungen sind meiner Meinung nach schlimmer: Sie fördern eine passive Haltung – aber dafür ist der Mensch nicht gemacht, er will interagieren.

Sie denken also nicht, dass Twitter, Facebook und die anderen sozialen Netzwerke das Leben beschleunigen?
Das weiß ich nicht.

Dialog mit dem Leser als Reputationsgewinn

Der renommierte Zeit-Reporter Wolfgang Uchatius hat der Branchenzeitschrift Journalist ein Interview gegeben. Darin gibt er Einblick in die Hintergründe seiner Arbeit und erläutert, welche Qualitätsmaßstäbe er an eine gute Reportage anlegt. Das Gespräch ist über die Branchen-Grenze hinaus interessant, weil Uchatius auch auf die Konsumenten seiner Arbeit zu sprechen kommt: die Leser. Uchatius sagt:

Die Leser können dann gerne diskutieren, und das finde ich auch gut, aber warum muss ich mich da einmischen?

Diese Frage zu stellen ist in der Branche durchaus nicht unüblich. Denn erst seit das auf Vernetzung basierende Medium Internet aus Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich dieses Thema in dieser Form. Erstaunlich ist Uchatius’ (vermutlich rhetorische) Frage aber genau aus diesem Grund: Denn ziemlich genau seit das Internet aus der Rampen-Kommunikation eine Raum-Kommunikation gemacht hat, stellt sich auch ein anderes Problem ziemlich dringend: Wie finanziert sich Journalismus klassischer Prägung in diesem neuen Umfeld?

Man kann diese beiden Debatten der digitalen Kommunikation leicht verschneiden und wird dabei feststellen: womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Frage, wem Menschen Aufmerksamkeit, Vertrauen und Geld geben und der Frage, ob Journalisten mit ihren Lesern reden und auf deren Anmerkungen reagieren sollen. Das Blog von Stefan Niggemeier ist zum Beispiel nicht nur deshalb für viele Deutschlands bestes Medienblog, weil dort gute Inhalte stehen. Dieses Blog versammelt auch deshalb die Aufmerksamkeit vieler Menschen, weil Stefan Niggemeier sich die Mühe macht, seine Texte nicht einfach zu über den Lesern abzuwerfen oder loszulassen, sondern tatsächlich auf die Fragen und Anmerkungen seiner Leser zu reagieren. Auch deshalb finden sich in den Kommentaren in dem Blog Wortmeldungen wichtiger Medienmacher des Landes.

Uchatius konkretisiert seine Haltung im Folgenden. Er sagt:

Man muss auch mal loslassen können. Ich habe den Text ja unter anderen Bedingungen geschrieben als die Leser ihre Kommentare. Ich habe nachgedacht, ich hatte Zeit, das ist ja der Luxus, den wir hier bei der Zeit genießen. Das, was ich da geschrieben habe, ist das, was ich glaube, schreiben zu können, und wenn ich dem noch etwas hinzuzufügen hätte, hätte ich es geschrieben. Warum soll ich auf der Kommentarseite noch mal erläutern: Das habe ich so und so gemeint. Wenn der Leser anderer Meinung ist, dann muss ich das respektieren.

Erstaunlich daran finde ich zwei Aspekte: Zum einen schließt eine solche Haltung aus, dass ein Autor nach Veröffentlichung eines Texte schlauer werden kann. Hätte er noch etwas hinzufügen wollen, hätte er das getan – sagt Uchatius und erhebt damit die Beschränkung des Publikationsmediums Papier zu einer Art Qualitätsmerkmal. In den Jahrhunderten, in denen auf dem nach Veröffentlichung nicht veränderbaren Medium Papier publiziert wurde, gab es keine Alternativen zu dieser Haltung. Egal ob man will oder nicht, auf Papier kann man nichts mehr hinzufügen. In den Jahren, in denen wir die verflüssigten Publikationsformen des Digitalen kennen, kennen wir auch Alternativen: Inhalte sind nach Veröffentlichung veränderbar. Stefan Niggemeier hat gerade darauf hingewiesen, dass dies oftmals auch verbesserbar heißen kann. Ich glaube – deshalb habe ich ein Buch über die Verflüssigung von Inhalten geschrieben – dass es auch erweiterbar heißen kann. Digitales Publizieren ist eben nicht, wie Uchatius sagt, fertig und abgeschlossen. Im Gegenteil: Es beginnt mit dem Moment der Veröffentlichung.

Der zweite Aspekt, der mich an der Haltung interessiert, ist die Tatsache, dass Uchatius seinen Text für sich sprechen lassen will. Er will ihn nicht im Anschluss erläutern oder erklären. Das erscheint in sich stimmig, wirft aber die Frage auf: Warum erläutert er seine Arbeit dann in einem Interview mit einem Branchenmagazin?

Die Antwort zeigt das zentrale Problem im Umgang mit Lesern im deutschen Journalismus: Ein Interview in einem Branchenmagazin bringt Reputation. Auf Leserkommentare zu reagieren, Nachfragen zu beantworten oder Missverständnisse auszuräumen ist hingegen mit keinem Reputationsgewinn verbunden. Man sieht in Deutschland immer wieder in erstaunte Kollegen-Gesichter, wenn man berichtet, dass es dem sicher nicht gelangweilten Guardian-Chef Alan Rusbridger nicht nur möglich war, nach den Snowden-Enthüllungen in den Leserkommentaren beim Guardian zu diskutieren, sondern sich sogar dem Frage-Mob den reddit-Nutzer zu einem Ask me Anything zu stellen. Rusbridger tut dies, weil es ihm Reputation bringt.

Von Dieben lernen

Auf der Seite eins der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit befasst sich ein „Von Dieben lernen“ betitelter Kommentar mit den Acta-Protesten der vergangenen Tage und Wochen. Ich habe den Text mit Ärger, Erstaunen und nachhaltiger Erschütterung gelesen und will das hier festhalten für den Fall, dass in Zukunft mal wieder das Thema digitaler Graben aufkommt oder Medien sich (wie bei den Acta-Protesten vergangene Woche) plötzlich erstaunt fragen: Wo kommen denn all diese Demonstranten plötzlich her?

Der Text (online bisher nicht verfügbar) ist verfasst von Thomas Fischermann, der vor kurzem (mit Götz Hamann) das Buch Zeitbombe Internet veröffentlicht hat.

1. Ärger
Der Begriff des Diebstahl wird in dem Text unreflektiert und breitflächig eingesetzt. Auch das moralische Argument wird ins Feld geführt um zu erläutert, warum die so genannte „Null-Euro-Fraktion“ (Menschen, die Musik aus Tauschbörsen laden statt sie wie z.B. der Zeit-Autor für 21 Euro „bei einer Internet-Musikvertriebsfirma aus Glasgow“ zu kaufen) falsch liegt. Geärgert hat mich das, weil ich glaube, dass die unreflektierte Verwendung des Begriffs Diebstahls nicht richtig und dass die darauf aufbauende moralische Diskussion nicht zielführend ist.

2. Erstaunen
Trotz dieser sprachlichen Ungenauigkeit in dem Text argumentiert dieser nicht realitätsfern. Er stellt fest, dass „ausgerechnet das Internet neuerdings vielversprechende Geschäftsmodelle“ eröffne und zieht aus der Diebstahl-Annahme nicht den Schluss, die Vertreter der Null-Euro-Fraktion zu verdammen oder zu beschimpfen. Das hat mich positiv erstaunt – weil ich es nach der merkwürdigen Überschrift nicht erwartet hätte.

3. Erschütterung

Beendet habe ich die Lektüre des Textes dennoch mit nachhaltiger Erschütterung, denn in seiner gewählten Sprache bleibt er dann doch verräterisch. Zwar benennt er Argumente für diejenigen, die da auf die Straße gegangen sind. Er sagt aber sehr klar: Das sind nicht wir, das sind nicht die Leser dieser Zeitung, das sind die anderen. Konkret steht in dem Text – mit Bezug auf die Acta-Demonstranten:

Man kann mit denen jetzt hin und her diskutieren, welche Seite moralisch und juristisch recht hat. Man kann sich aber auch den Ärger sparen.

Im Kontext folgt dann der Hinweis darauf, dass sie womöglich doch bereit sind für Inhalte zu zahlen. Aber darum geht es mir gar nicht. Es geht mir um den Tonfall, der aus dem „mit denen“ und dem „hin und her diskutieren“ klingt. Dieser Tonfall schließt aus. So wie es den Cover-Themen der Zeit immer häufiger gelingt, einzuschließen („dieses Problem betrifft mich auch, ich gehöre dazu“), zeigt dieser Tonfall, wer eben nicht dazu gehört: die da. (Mal abgesehen davon, dass der „Ärger“ des Rumdiskutierens vielleicht gerade das ausmacht, was jetzt dringend notwendig ist: eine Debatte um ein zukunftsfähiges Urheberrecht)

Vielleicht ist dies lediglich ein sprachliches Detail. Vielleicht ist es aber auch ein kleiner Hinweis auf einen großen Bruch. Ein Zeichen dafür, dass die zumeist jungen Acta-Demonstranten hier offenbar keine publizistische Heimat haben. Dass man hier ihre Sprache nicht spricht (Raubkopierer), dass man sich hier von ihnen distanziert und sie (noch?) nicht als relevanten, gleichwertigen Debattenteilnehmer akzeptiert.

Die FAZ hat dieser Tage eine ganze Generation ausgerufen und den Text mit den Worten geschlossen:

Diese Geschichte begann mit einem Gesetz. Sie endet mit einer Revolution: Gegen die Twitter-Generation geht künftig nichts mehr.

Vielleicht ist es an der Zeit, diese Prognose nicht nur auf die politische Debatte zu beziehen, sondern auch auf die publizistische. Wenn das keine Herausforderung ist – nicht nur für die Zeit.

The Cake is big enough

Vor ein paar Tagen (sorry für die Verspätung) habe ich hier über die Veränderung des Journalistenberufs anhand des Beispiels Foodblogs geschrieben. Auslöser war ein Text über Foodblogs im Zeit-Magazin. Daraufhin meldete sich die in diesem Text von Wolfram Siebeck angesprochene Meeta K Wolff , die das Blog What’s For Lunch Honey? betreibt, bei mir. Ich zitiere hier aus ihre Mail, weil ich ihre Position sehr interessant finde:

Now that I have read Siebeck’s article I have to say it amuses me (and please do not take this as an arrogant comment) to read his thoughts on food blogs and food bloggers. It showed that unfortunately Mr. Siebeck did not do his research, very well, but chose to fall back on the typical clichés instead. Therefore, it really makes me happy to hear voices who take a different stand, like your own, and make their opinions heard.

(…) Mr. Siebeck’s comparison to the WWW being an electronic form of the Speaker’s Corner was spot on. And it is this corner that food bloggers have found to showcase their talent. When I first started, food blogging was a very small corner of the WWW, but five years later I see an immense shift and this corner has expanded into an extremely huge and valuable platform. Not only the food industry, but also magazines, ad agencies etc. have taken notice of this shift and have begun to use this platform for marketing an promotion purposes. Why? Because bloggers have a very strong voice, they are respected and they have the direct reach to the real „consumers“ – the target group companies want to reach out to. This is revolutionizing not only the food world but also the entire concept of marketing, advertising and promotion.

In his article, Mr. Siebeck generalizes and reduces blogging as a pastime for retired editors or bored and well situated housewives. I had to laugh at this as he uses this banal stereotype and yet contradicts his article by using two food blogs as examples which could not be furthest from his projected stereotype of blog writers. Firstly, many food bloggers have regular „real“ jobs – as lawyers, corporate managers, writers and in my own case I work at the Bauhaus-Universität Weimar working as a coordinator for PHD students in structured PHD programmes. A job that fulfills me on many levels. What I do on What’s For Lunch, Honey?, my writing, my photography and recipe developing, is my form of creative release. Some play golf I blog! If Mr. Siebeck had done his homework or even cared to interview me he would have realized this fact. Furthermore, he would also have been enlightened by the fact that I am indeed a trained hotelier and have trained and worked in the kitchen of one of the finest luxury hotels of the world.

Food bloggers do not see themselves in competition with the professional writers, journalists or photographers nor are they looking to replace such qualified professionals. What we do comes from our passion within rather than for monetary reasons. Food bloggers are real people, who have a lot of talent and blogging enables us to finally display this talent and creativity to a wider audience.

However, just like there are many professional writers, journalists and photographers and only a selective few make it to the top levels, in the same way there are countless number of food blogs, but only a few really move on to becoming recognized for what they do. Therefore, Mr. Siebeck’s generalizing of all food blogs is like comparing Jane Austin to Jackie Collins. It just does not work like that.

Professional writers, journalists and photographers specialize in their specific fields, which shapes what they do and how they do it and the same applies to food bloggers. Some are stronger writers, while others forte might be photography or recipe developing and this shapes the way their blog is oriented. So there are blogs that only specialize in recipes, others have long stories to tell and others focus on depicting their images and others still will review products.

Food bloggers rely on their skills to advance and find a standing on this platform. As a food blogger, I develop recipes, cook them, test them, then I move on to styling my own photographs and taking the pictures and then write a story that fits the mood and finally I market the blog and the post accordingly. I do not have the luxury of an entire team to do this for me.

Selecting Delicious Days and What’s For Lunch, Honey? as examples in his article was quite interesting because both are extremely popular and recognized blogs. Delicious Days author Nicky is successful and highly respected for what she does. Her blog was recognized by the Times as one of the coolest blogs and she has just completed her second book.

What’s For Lunch, Honey? has also made a successful niche for itself in the food blogging community. It was recognized as one of the world’s top 50 blogs by the UK Times in 2009 and was one of the top five finalists for Best European Blog at the Weblog Awards in 2010. Through the blog I am able to share the creativity I possess and my blog has helped me to develop and hone my photography and writing skills further. And what’s more I am giving back what I have learnt – I now speak at conferences in Europe on the topic of food photography and styling and this year, together with three other very talented food bloggers, we have organized a food photography and writing workshop to be held here in Weimar, Germany in May 2011. The workshop is sold out and bloggers from Canada, USA, South Africa UK and Europe will all be attending From Plate to Page to learn and improve their own skills.

My point with this is – for bloggers the moon is the limit. There are no constraints or deadlines to meet, we can allow our passion and talent to flow freely. Our blogs provide us the freedom to paint the picture we want to or write the story we choose to. The good and talented bloggers advance to becoming recognized, get cookbook deals or work on photography projects or plan workshops – there are many prospect channels for a blogger to enter.

Thankfully, the cake is big enough for everyone to grab a piece – if they want to.

Adressatenorientiertes Schreiben

An der VDZ-Akademie hat Andreas Lebert heute im Rahmen des Seminars „Best Ager & Silver Surfer! (Demographiefeste Strategien für Print&Online)“ über adressatenorientiertes Schreiben gesprochen. So würde ich jedenfalls die Gebote überschreiben, die ich via Twitter mitgeschrieben habe – und die keinesfalls nur für Best Ager gelten

1. Gebot: Sie müssen ein Thema haben!
2. Gebot: Du sollst Dich nicht anbiedern!
3.Gebot: Du sollst keine komischen Namen für Deine Zielgruppe erfinden!
4. Gebot: Du musst wissen wovon Du sprichst!
5.Gebot: Rechne nicht aus Deinem eigenen Leben ins Alter hoch!
6.Gebot: Vorsicht mit Formulierung von Strategien!
7.Gebot: Du sollst das Leben & die Welt draußen ernst nehmen, aber Dich nicht zu sehr!

Im Fluss: Alkohol für den Journalismus

Im Rahmen des World Editors Forum erklärte Giovanni di Lorenzo:

„Die Zeitung der Zukunft zeigt nicht den Informationsfluss, sondern die Ufer.“

Er hat dort wohl auch über „Ideologie des Internet“ gesprochen, aber mich interessiert hier die Metaphorik des Flusses sehr viel mehr. Denn die Berkman- und Microsoft-Wissenschaftlerin Danah Boyd hat ebenfalls in dieser Woche einen erstaunlichen Text zur gleichen Metaphorik unter dem Titel Flow of Information through Social Media veröffentlicht. Darin geht sie genau auf das Fluss-Bild ein:

The metaphor implied by „streams“ is powerful. The idea is that we are living inside the stream: adding to it, consuming it, redirecting it. The stream metaphor is about being in flow. It’s also about restructuring the ways in which information flows in modern society. Those who are most enamored with social media services like Twitter talk passionately about feeling as though they are living and breathing with the world around them, peripherally aware and in tune, adding content to the stream and grabbing content when appropriate. But this state is delicate, plagued by information overload and weighed down by frustrating tools.

Sie erläutert, worin die grundlegende Unterscheidung zwischen Broadcast-Medien auf der einen Seite und vernetzten Medien auf der anderen Seite besteht und beschreibt, wie mittels der Techniken des sozialen Web Information von einer Destination zu einem sich verflüssigende Gegenstand wurde. Das alles, schreibt sie weiter, scheint nicht neu, gelangt nun aber in den Mainstream:

But now that Web 2.0 is going mainstream, we’re seeing all sorts of folks get into the game. (…) If people are going to try to get in flow with information, we must understand how information flows differently today.

Darauf aufbauend entwickelt sie anhand von vier Schlagworten Thesen darüber, wie sich das vom „model of distribution to a model of attention“ verschiebende Nachrichtengeschäft verändern wird (ja, sie geht später auch aufs Geschäftsmodell ein, bitte weiterlesen!). Die Thesen lauten …

democratization; stimulation; homophily and power.

… und gehen indirekt sogar auf die unlängst hier besprochene Auseinandersetzung zwischen Malcolm Gladwell und Clay Shirky um die gesellschaftsverändernde Kraft von Twitter ein. Mit Hilfe der Thesen leitet Boyd Anforderungen an sozial versierte Journalisten ab (die die Techniken des Dialog-Web zu nutzen verstehen) und stellt Fragen an das Geschäftsmodell, das sich ebenfalls ändern muss:

Finally, we need to rethink our business plans. Frankly, I doubt the cultural shift we’re witnessing will be paid for by better advertising models. Advertising is based on capturing attention, typically by interrupting the broadcast message or by being inserted into the content itself. Being in flow with information is not about being interrupted. Advertising does work when it’s part of the flow itself.

Doch anders als Giovanni di Lorenzo spricht Boyd dann nicht von Paid Content, sie wählt stattdessen eine neue Metapher um herzuleiten, wo die Herausforderung für vernetzes Publizieren liegt. Sie vergleicht Medien hier mit den Betreiber von Bars und Restaurants, die ebenfalls soziale Räume zur Verfügung stellen ohne direkt für deren Nutzung bezahlt zu werden:

Think about how we monetize sociality in physical spaces. The most common model involves second-order consumption of calories. Venues provide a space for social interaction to occur, and we are expected to consume to pay rent. Restaurants, bars, cafes—they all survive on this model. But we have yet to find the digital equivalent of alcohol.

Eine spannende Aufgabe, diesen Alkohol für den Journalismus von morgen heute zu finden. Und wenn man sie mittels dieser Metapher beschreibt, wird sie vielleicht sogar sehr attraktiv – auch für jene, die dem Netz noch skeptisch gegenüber stehen.

Fußball-Helden

1990 sind elf Männer Fußballweltmeister geeworden. Hennign Sußebach hat sie für die Zeit besucht. Sein Text mit dem Titel Wir waren Helden ist jetzt online verfügbar:

Also kreuzt Brehme an diesem Nachmittag mit Hansi Müller, Dieter Eilts und Mario Basler übers Kleinfeld. Zwei Stunden lang hat er in einem Bierzelt auf den Anpfiff gewartet, hin und wieder ein Autogramm geschrieben und in Kameras gelächelt – seit zwanzig Jahren öffentliches Gut, von allen geduzt, der Andy. Basler saß da und rauchte, Müller schimpfte über den »weichen Platz«, Brehme hielt sich mit Espresso wach. Einmal fragte eine Hostess ihre Kollegin: »Weißt du, wer der Alte ist?« – »Kann ich dir auch nicht sagen.«

via

Der Mythos vom Straßenfußball

Die Panke ist einer von 30 Bolzplätzen hier im Viertel, einer von Hunderten in ganz Berlin. Diese Käfige sind Orte, um die sich Mythen ranken wie Unkraut um ihr Gitter. Maradona, der bei der Weltmeisterschaft in Mexiko in einem Lauf über das ganze Feld fünf englische Gegenspieler und am Ende den Torwart austanzte, hatte auf so einem Platz gespielt, in einem armen Vorort von Buenos Aires. Zidane ist groß geworden auf so einem Platz, zwischen grauen Plattenbauten in Marseille. Sie alle, Maradona und Zidane, Ribéry und Rooney, Genies und Wahnsinnige, haben in der Enge dieser Käfige gelernt zu fliegen. Hier entwickelten sie ihren Instinkt, einen ungezähmten, unberechenbaren Fußball, der die Verteidiger in den Vereinen überforderte und sie selbst zu Millionären machte.

Unter dem Titel Der Nabel ihrer Welt besucht Die Zeit den Bolzplatz im Berliner Bezirk Wedding, in dem die Boateng-Brüder das Fußballspielen gelernt haben. Kevin-Prince, der bei der WM im Kader von Ghana steht, hat heute übrigens deshalb Deutschlandweit Berühmtheit erlangt, weil er am Wochenende im Finale des britischen Pokals Michael Ballack so foulte, dass dieser Gipsverband und ruhig stellenden Spezialschuh tragen muss – und nicht das Trikot der Nationalmannschaft. Davon steht nichts in dem lesenswerten Text, aber von Gummistiefeln an den Füßen des siebenjährigen Kevin kann man lesen und von Problemen mit dem DFB:

Mit dem, was Boateng im Käfig an der Panke groß gemacht hatte, eckte er an in der hierarchischen Welt des DFB, die jemanden wie den Stürmer Kevin Kurányi für das Verlassen des Stadions während eines Länderspiels lebenslang ausschließt. Es ist eine Welt, deren Helden sein sollen wie der Teammanager Oliver Bierhoff, glatt geschliffen und geföhnt. Mit Anfang 20 sollen sie Playstation spielen, mit Mitte 20 ein Fernstudium absolvieren und mit Ende 20 an ihrem Golfhandicap arbeiten. Es ist eine Welt, in der es – anders als auf dem Bolzplatz – nicht reicht, einfach nur gut zu sein.

Das Thema Ballack findet in dem Text dann doch statt – in den Kommentaren unten drunter.

Zeit-Magazin in der Kritik

Während die Zeit über die vergangenen Jahre besser geworden ist – auch diese Woche wichtige, lesenswerte Artikel zum Atomendlager Asse oder zum skrupellosen Pharmakonzern Roche bringt – ist aus dem Zeit-Magazin ein recht selbstzufriedenes Blatt geworden, das in dieser Zeit nichts weiter zu bieten hat als geschmäcklerische Statements zu Mode- und Lifestylefragen.

Oliver Gehrs macht wieder Blattkritik – diese Woche fürs Zeit-Magazin.

(via)

Wie wird man Community-Manager bei Zeit-Online? Ein Interview

Die Kollegen von Zeit Online suchen einen Community Manager; jemanden, der oder die „bereits berufliche Erfahrungen in der Moderation von Online-Foren gesammelt“ hat und „über eine journalistische Ausbildung“ verfügt. Da ich mich hier und da bereits mit der Frage befasst habe, wie gutes Community-Management funktioniert und wie man es erlernen kann, habe ich Christoph Dowe (Geschäftsführender Redakteur und Stellvertretender Chefredakteur von Zeit Online) zu der Stellenausschreibung befragt. Denn zum einen kann man gerade in den Foren deutscher Print-Titel Defizite beim Community-Management erkennen und zum anderen halte ich viel von der These, dass gerade in ihrer Community die Zukunft der Zeitung im Netz liegen könnte.

Ihr seid auf der Suche nach einem neuen Community-Manager. Die wichtigste Frage (neben relevanten Details wie Bezahlung etc.) ist die nach den Erfolgsbedingungen. Damit der neue Community-Manager erfolgreich sein kann, muss er/sie wissen, was Ihr Euch von der Community erwartet. Deshalb: Warum gibt es eine Zeit-Community?
Zeit Online-Leser zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie meinungsstark und diskutierfreudig sind. Viele unserer Leser empfinden sich nicht als Zaungäste des Weltgeschehens, sondern als Menschen, die in ihrem Umfeld gesellschaftlichen Einfluss ausüben, egal wie groß oder klein. Sie wollen deshalb auch auf Zeit Online nicht nur passiv Nachrichten konsumieren, sondern eigene Perspektiven und Interpretationen einer Nachricht beisteuern. Als Redaktion profitieren wir oft davon. Die Rückmeldungen unserer Leser sind nicht immer angenehm, aber helfen uns jeden Tag, besser zu werden. Wir veröffentlichen deshalb auch regelmäßig Artikel unserer Leser und präsentieren Leserzitate auf der Homepage.

Welche Zielvorgaben leitet Ihr daraus fürs Community-Management ab?
Wir wollen, dass Zeit Online sich zu Deutschlands führender Plattform für gute Debatten entwickelt. Wenn man eine Debattenplattform betreibt, muss man sich ja entscheiden, weshalb man sie eigentlich betreibt. Will man maximale Reichweite und Pageviews oder maximale Qualität? Die beiden Ziele stehen in Widerspruch zueinander. Wer also primär eine Debattenplattform betreibt, um Reichweite aufzubauen, ist versucht, sehr lax bis gar nicht zu moderieren, wie es ja derzeit bei vielen großen Portalen zu beobachten ist. Wer dagegen maximale Qualität will, muss nicht nur straff moderieren und in gute Moderatoren investieren, sondern auch sicherstellen, dass die Redakteure genügend Zeit haben, um sich immer wieder an Debatten mit Lesern zu beteiligen. Von unseren Community-Managern erwarten wir, dass sie mit unseren Lesern auf Augenhöhe kommunizieren können, ohne sich anzubiedern oder belehrend aufzutreten. Gleichzeitig müssen sie auch bereit und in der Lage sein, im Umgang mit Extremisten oder Pöblern sofort die nötige Härte zu zeigen, damit die Debatte der anderen Leser keinen Schaden nimmt. Es hat sich auch bewährt, dass unsere Community-Redaktion die anderen Redakteure regelmäßig auf interessante Debatten hinweist und zur Teilnahme motiviert. Auch für unsere tägliche Themenplanung ist es wichtig, dass unser Community-Redakteur uns auf Anfragen, Kritik oder Themenvorschläge unserer Leser hinweist.

In der Ausschreibung wird vom „richtigen Ton“ gesprochen. Wie soll der klingen?
Die Community, aber auch die Redaktion, haben einen Anspruch darauf ernst genommen zu werden. Die Community-Redaktion muss sachlich, engagiert, intelligent, überzeugend und zum richtigen Zeitpunkt auch begrenzend auftreten. Man braucht ein dickes Fell und muss doch hochaufmerksam sein, um zum richtigen Zeitpunkt in Debatten einzusteigen. Keine leichte Aufgabe und ein seltenes Persönlichkeitsprofil.

Es gibt Menschen, die sagen: Wenn jeder Autor/Redakteur die Kommentare unter seinem Text im Blick behält, braucht man gar kein Community-Management. Warum stellt Ihr dennoch einen Mitarbeiter/in genau für dieses Themengebiet ein?
Ich sehe das ähnlich. Ohne debattierfreudige Redakteure wird man keine erfolgreiche Community aufbauen können. Aber: Die Arbeitsbelastung ist für Online-Redakteure sehr hoch. Es ist wichtig, die Redakteure durch einen kompetenten Community-Redakteur zu unterstützen, der viele unserer Leser kennt und einschätzen kann, der eigene Vorschläge für Leserdebatten macht und die Redaktion auf besonders gute Leserartikel hinweist. Gute Community-Redakteure beobachten auch immer wieder die Entwicklung und die Methoden anderer großer Online-Communities im In- und Ausland.

Ein Community-Manager wird in Konfliktfällen zwischen Redaktion und
Leserschaft stehen, wird er/sie bei Euch dennoch ein besseres Standing als ein klassischer Leserbrief-Redakteur haben? Und wenn ja: Wie ist das sicher gestellt?

Ein Community-Redakteur ist gleichberechtigter Teil einer Redaktion. Wir sprechen bei Zeit Online deshalb auch nicht von Community-Mangern, sondern von Community-Redakteuren, weil wir dieser Arbeit für eine genuin redaktionelle, journalistische Tätigkeit halten. Die offene Stelle ist eine Redakteursstelle.

Ein relevantes Themengebiet im Bereich Community-Management ist die
Arbeitszeit: Erwartet Ihr vom neuen Community-Manager, dass er/sie rund um die Uhr in Eurer Community unterwegs ist?

Community-Redaktion in einem nachrichtlichen Umfeld ist kein klassischer nine to five-Job. Das muss jedem bewusst sein, der eine solche Aufgabe übernehmen will.

Da Ihr einen neuen Mitarbeiter/in auf diesem Gebiet sucht, habt Ihr vielleicht einen genaueren Blick auf den Markt geworfen: Gibt es (auch international) Beispiele für besonders geglücktes Community-Management, an denen Ihr Euch bei der Auswahl orientiert?
Ja, ein paar Beispiele haben wir gesehen, aber die Voraussetzungen sind offenbar überall ein wenig anders. Dabei geht es eben nicht nur um die finanzielle Ausstattung, sondern auch um die Verbindung mit den Autoren und den Lesern, um die Integration in Arbeitsabläufe oder darum, mit welchen Nutzern man es so zu tun hat. Jede Community ist ein einzigartiges Ökosystem, das eigene Herangehensweisen verlangt. Das, was wir vorhaben habe ich so an anderer Stelle noch nicht gesehen.

Wer sich intensiver für das Thema „Community Management“ interessiert, dem empfehle ich das gleichnamige Seminar an der Akademie für Publizistik in Hamburg sowie das Weblog von Mathew Ingram (Community Manager bei der Globe and Mail in Kanada). Und ach ja: Der Job bei Zeit Online ist – soweit ich weiß – noch nicht vergeben!