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Shruggie des Monats: das Web – Vague but exciting

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

In diesen Tage gab es einige Jubiläumsveranstaltungen und Veröffentlichungen mit dem Titel „30 Jahre Web“. Denn im März 1987 legte Tim Berners-Lee einen ersten Grundstein für das, was wir heute sehr selbstverständlich im Browser ansurfen: das World Wide Web. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass wir das seit 30 Jahren tun. Denn im März vor 30 Jahren reichte Berners-Lee einen ersten Vorschlag für ein Projekt ein, aus dem dann irgendwann mal das werden sollte, was wir als Web kennen. Bis eine erste Website online ging, dauerte es bis in den Dezember 1990 und erst im August 1991 wurde das Web einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass all das aber nicht der Geburtstag des Internet (die zugrunde liegende Infrastruktur) ist, sondern der Beginn einer von zahlreichen auf dem Internet basierenden Anwendungen (eben dem Web), kann man im Detail in der Gebrauchsanweisung für das Internet nachlesen, in der es auch eine Übersicht über die zahlreichen Jahrestage gibt, die man in Bezug auf das Internet feiern kann.

Am Forschungsinstitut Cern, wo Berners-Lee damals arbeitete, wurde der Jahrestag des ersten Forschungsanstrags in diesem Monat gerade mit einem Festakt begangen und in London feierte das Science Museum den berühmten Sohn der Stadt mit einer prominent besetzten Veranstaltung. Tim Berners-Lee hielt dabei (ab ca 1:15 Std) einen Vortrag, der sich inhaltlich deckt mit dem, was er in einem offenen Brief notierte, der dieser Tage in zahlreichen internationalen Medien veröffentlicht wurde.

In dem Vortrag zeigt er auch das erste handschriftliche Feedback, das auf seinen Vorschlag erhielt: „Vague but exciting“ ist so eine schöne (perfekt zum Shrugggie passende) Beurteilung für nahezu alles im Digitalen, dass man die handschriftliche Notiz mittlerweile sogar auf einem T-Shirt gedruckt kaufen.

Unklar, aber spannend – ist eine gute Beschreibung für die Herausforderung, vor die das Web uns stellt. Leider ist das Web und die neue Welt, die sie uns öffnet nicht einfach und eindeutig. Sie ist (wie vermutlich jede Zukunft zu jeder Zeit) ein Raum voller Unsicherheiten und Widersprüche, aber ein spannender Raum. Wir können und wir sollten sie gestalten.

Wie wir das tun, ist leider etwas untergegangen in der Berichterstattung der vergangenen Tage. Denn neben einer recht umfangreichen Analyse dessen, was unklar ist am Web, bringen die Jubliäums-Veröffentlichungen durchaus eine erkennbare Beschreibungen dessen, was digitale Bürger*innen tun können. In der deutschen Übersetzung des Contract for the Web heißt es, Bürger*innen sollten sich folgendes vornehmen:

Gestalter und Mitwirkende im Web sein
Damit das Web für jeden Menschen umfangreiche und relevante Inhalte bereithält.

starke Gemeinschaften bilden, die den gesellschaftlichen Diskurs und die Menschenwürde respektieren
Damit sich jeder Mensch online sicher und willkommen fühlt.

für das Web kämpfen
Damit das Web offen und eine globale öffentliche Ressource für die Menschen bleibt – überall, heute und in Zukunft.

Ich finde in diesen drei zunächst vage klingenen Vorsätzen für digtale Bürgerschaft, steckt ein spannendes Potenzial. Denn was bedeutet dies vor dem Hintergrund der Debatten und Demonstrationen um das Urheberrecht, die wir in der kommenden Woche erleben werden? Was bedeutet es in Bezug auf die Frage, wie wir mit gewaltverherrlichender Propaganda und den Regeln der Aufmerksamkeit zum Beispiel nach dem Terroranschlag von Christchurch umgehen?

Berners-Lees Antwort darauf: Wir sollten Verantwortung übernehmen – für unser Handeln, aber eben auch für das Web als offene Infrastruktur. „Denn das Wichtigste von allem: Bürger*innen müssen Unternehmen und Regierungen in die Pflicht nehmen, sich an die Versprechen zu halten, die sie gegeben haben. Sie müssen von beiden einfordern, dass sie das Web als globale Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger respektieren. Wenn wir keine Politiker*innen wählen, die das freie und offenen Web verteidigen, wenn wir nicht unseren Teil dazu beitragen, eine konstruktive und gesunde Debattenkultur zu pflegen und wenn wir einfach „Zustimmen“ klicken ohne für unseren Datenschutz einzutreten, dann laufen wir vor unserer Verantwortung davon, diese Debatten auf die Agenda unserer Regierungen zu heben.“

Das digitale Klima, die Gesundheit des Web sind bedeutsame Aufgaben für die Zukunft. Mir scheint, dass selbst an einem Festtag wie in dieser Woche das öffentliche Bewusstsein dafür nicht gerade ausgeprägt ist. Entweder weil Menschen das Web ohnehin für böse halten oder weil sie nicht bemerken, wie bedeutsam die Idee einer offenen Infrastruktur ist. Beides halte ich für kurzsichtig. Es ist möglich, einen offenen nicht euphorischen Blick auf das Web zu werfen und zu erkennen, welche demokratische Gestaltungsmacht in dem liegt, was Tim Berners-Lee vor 30 Jahren in einer ersten Idee formulierte. Dies kann gelingen, wenn wir Gestalter und Mitwirkende an diesem gemeinsamen Projekt werden, die Menschenwürde respektieren und für das Web kämpfen.

Jedenfalls kann man darauf im besten Shruggiesinn hoffen ¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Wer mehr über das Web und das Internet lernen will, kann dies in meinem Buch „Gebrauchsanweisung für das Internet“ tun.

Eine wichtige Waffe gegen den Terror: Deine Aufmerksamkeit

Kevin Roose nennt die Tat in der New York Times „an internet-native mass shooting“, Simon Hurtz beschreibt für die SZ „zwar vernetzen sich die Rassisten in den Nischen des Internets, suchen dann aber die größtmögliche Bühne für ihre Taten – und die finden sie in sozialen Medien“.

Es geht um den Terroranschlag von Christchurch am heutigen Tag und um die Frage, ob und wie das Internet solche Taten begünstigt. Die beiden eingangs verlinkten Texte beschreiben dies sehr anschaulich – und beide warnen davor, einfache Antworten zu finden und dem Internet schlicht Schuld zu geben. Sie stoßen vielmehr eine Debatte an, die ich so ähnlich im Sommer 2017 schon mal angeregt hatte: Eine Debatte um unsere Aufmerksamkeit als Waffe gegen den Terror. (Foto: Unsplash)

Simon schreibt: „Wer nicht will, dass Terroristen Aufmerksamkeit für ihre Verbrechen bekommen, sollte ihre Selbstinszenierung nicht verbreiten: keine Links auf ihre Manifeste, keine Ausschnitte aus ihren Videos, keine Bilder, am besten nicht einmal ihre Namen nennen. Mörder wie Anders Behring Breivik wollen zu Vorbildern werden und andere junge Männer anstiften.“ Ich stimme dem voll zu – und glaube, dass man diese Forderung auf zwei Ebenen umsetzen müsste.

Zunächst lohnt es sich, dass jede und jeder bei sich beginnt. Die Idee von fairerteilen und Gegen die Panik basiert auf der Erkenntnis, dass es eine Rolle spielt, wie jede und jeder sich verhält. Es lohnt sich, darüber nachzudenken und das eigene Online-Verhalten zu überprüfen: Wenn ich einen Link poste oder andere Inhalte veröffentliche, halten meine Freund*innen das für verlässlich. Das ist eine große Verantwortung. Ich bemühe mich, dem gerecht zu werden. Deshalb poste ich nur solche Links, die ich überprüft habe.

Auf der zweiten Ebene brauchen wir aber auch eine gesellschaftliche Antwort auf den Terror, der sich dem wichtigsten Gut im Web bedient: unserer Aufmerksamkeit. Ich glaube, dass eine Selbstverpflichtung gegen den Terror sinnvoll sein könnte oder eine Anleihe bei der Debatte über die Frage: „Soll man noch Musik von Michael Jackson hören?“ Zu der Frage hat Julian Dörr im SZ-Magazin etwas sehr Kluges geschrieben, was man auch auf all die Medien übertragen kann, die jetzt gegen die klare Bitte der Behörden in Neuseeland das Video weiterverbreiten: „Ich habe vor einiger Zeit beschlossen, dass ich meine Lebenszeit nicht mehr verschwenden möchte. Es geht hier aber nur in dritter Linie um die Ausgestaltung meiner begrenzten Freizeit und in zweiter Linie um Geld. In erster Linie geht es darum, dass ich meine Aufmerksamkeit oder eben Nicht-Aufmerksamkeit als politischen Instrument verstehe, das gesellschaftlichen Wandel bringen kann. Der alte Kalender-Spruch »Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst«, er bekommt in unserer Aufmerksamkeitsökonomie ein ganz neues Gewicht.

Wenn man die Tat von Christchurch und die Folge-Berichterstattung im Web aus der Perspektive betrachtet, kann der Einsatz der eigenen Aufmerksamkeit zu einer wirksamen Waffe gegen den Terror werden. Nach dem Terroranschlag von Barcelona im Sommer 2017 schrieb ich hier: „Wenn alle alles veröffentlichen können, braucht es Mittel und Wege, gerade im Nicht-Beachten und Nicht-Verbreiten seine Haltung auszudrücken. Von Christian Stöcker stammt der Begriff Ignorestorm, der den Versuch unternimmt, einer bewussten öffentlichen Provokation nicht auch noch dadurch zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, dass man sie thematisiert. Im Ursprung ging es dabei um Werbeformen, die absichtlich sexistisch oder rassistisch sind, um so auch die Aufmerksamkeit der Empörung und des Widerspruchs auf sich zu ziehen. Ich glaube, dass verantwortungsvolle Medien (und auch Menschen) genau hier vor einer zentralen Herausforderung im digitalen Zeitalter stehen – im Umgang mit Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit.“

Vielleicht ist es an der Zeit, einen Ignorestorm gegen den Terror zu starten…

Shruggie des Monats: Auf die Straße gehen

Der Shruggie des Monats ist eine von meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ inspirierte Rubrik meines monatlichen Newsletters (den man hier kostenlos bestellen kann). Darin beschreibe ich Personen, Ideen und Begebenheiten, die mir besonders passend zur Hauptfigur aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ erscheinen – dem ¯\_(ツ)_/¯.

„Wissen Sie,“ sagt Greta Thunberg im Gespräch mit dem Spiegel, „Ich darf nicht wählen, obwohl es hier um meine Zukunft geht. Und zur Schule muss ich gehen. Wenn ich dann schwänze, um gegen die Klimakrise zu protestieren, wird auf meine Stimme viel eher gehört.“ Greta Thunberg ist Vorbild für zahlreiche Schüler*innen und Student*innen, die europaweit freitags streiken. Statt zur Schule oder zur Uni gehen sie auf die Straße. Fridays for Future heißt die Aktion, die sich deutschlandweit vor allem über Dark-Social-Kanäle wie WhatsApp- und Telegram organisiert – wie einer der Mitorganisatoren in diesem Gastbeitrag auf Tagesschau.de erklärt (Details dazu auch in diesem Bento-Bericht)

Am 15. März wollen Klimaschützer*innen weltweit auf die Straße gehen – um für die Einhaltung der Pariser Klimaziele zu demonstrieren. Für acht Tage später ist eine Demonstration gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform geplant (Hintergründe hier). Beide Themen scheinen die Kraft zu haben, viele junge Menschen auf die Straße zu bringen – um dort ihre Meinung kundzutun. (Foto: Twitter/Adora Belle)

Aber bringt das überhaupt was? Wird sich dadurch die Politik ändern? Die Hauptperson aus dem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“ antwortet darauf mit einem unterstützenden Schulterzucken. Denn der Shruggie ist kein teilnahmsloser Zyniker, sondern jemand, der den demokratischen Impuls unterstützt, für die eigenen Interessen auf die Straße zu gehen.

„Wir sind keine Bots“, rufen diejenigen, die am Wochenende gegen die Urheberrechtspläne in Köln auf die Straße gegangen sind. Sie wollen damit deutlich machen, dass sie eigene Interessen vertreten und nicht im Auftrag von Plattformen handeln. Ein CDU-Abgeordneter hatte dies mit einem Tweet nahegelegt. Mit ihrem Protest bringen sie aber auch ihre Lebensrealität, ihren Alltag und ihre Sprache auf die Straße – wie dieses tolle Plakat zeigt (weitere Plakate hat Buzzfeed gesammelt) Zu sehen ist das Table-Flip Emoticon, das dem Shruggie allein deshalb gefällt, weil er aus der gleichen Welt kommt. Details findet man auf der Seite jemoticons, die Emoticons aus japanischen Schriftzeichen versammelt.

Der Table-Flip (rechts der Tisch, den die Figur links aus Protest umgeworfen hat) ist ein Zeichen des Protests – auf neue Art. Vermutlich gab es bisher keine Demonstration in diesem Land, auf der ein solches Symbol gezeigt wurde. Und das allein gefällt dem Shruggie an den Demos des Frühjahrs 2019: Sie werden von einer neuen Generation getragen, die ihre eigenen Symbole und Zeichen prägt. Und die vielleicht auch ein neues Denken verlangt.

Rund um die Schulstreiks junger Menschen hat sich eine Debatte über die Frage entzündet, ob es denn erlaubt sei, freitags einfach nicht zur Schule zu gehen. Verweise und mindestens unentschuldige Fehlstunden drohen. Torsten Beeck hat deshalb schon den Verdacht geäußert, dass diese Hinweise in Zeugnissen künftig als Ausdruck einer politischen Haltung gelesen werden können.

Mich erinnert der Schulstreik an die Wehrdienstverweigerer der Vergangenheit. Die junge Generation des Jahres 2019 verweigert nicht die Wehrpflicht, sondern die Schulpflicht – nicht in Gänze, sondern aus symbolischen Gründen jeden Freitag. Als Wehrdienstverweigerer musste man die eigene Entscheidung schriftlich begründen und einen (längeren) Ersatzdienst leisten. Vielleicht wäre dies auch ein Option für die streikenden Schüler*innen der Gegenwart: Sie können offiziell verweigern – und damit ihren Protest gegen die verfehlte Klimapolitik der Regierung Merkel zum Ausdruck bringen.

Bei der Wehrpflicht hatte diese Form der persönlichen Verweigerung langfristig bedeutsame politische Folgen. Und darum geht es doch, wenn man auf die Straße geht…

¯\_(ツ)_/¯

Der Shruggie des Monats ist eine Rubrik aus meinem Newsletter (den man hier kostenlos bestellen kann). Der Shruggie ist die Hauptfigur aus meinem Buch „Das Pragmatismus-Prinzip“, in dem ich zehn Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen versammle. Zum Thema Schulstreik empfehle ich den TED-Talk von Greta Thunberg aus dem August 2018 sowie die Übersichtsseite Fridays for Future. Bei Netzpolitik gibt es eine Übersicht der Demonstrationen gegen Artikel 13.

Wer nur am Rand hockt, braucht kein Wasser im Pool – vom Ende des freien Internet

Ist die Aufregung um den Urheberrechtskompromiss, der gestern in Brüssel ausgehandelt wurde, eigentlich berechtigt? Ist das freie Internet wirklich in Gefahr? Darüber wird gerade heftig gestritten und der Grund hat weniger mit dem etwas komplizierten juristischen Fachgebiet zu tun (zu dem ich btw. eine klare Meinung bereits vor Jahren geäußert habe: Wir brauchen Lösungen mit und nicht gegen die Kopie) als vielmehr mit der Frage, was eigentlich gemeint ist, wenn man vom „freien Internet“ spricht.

Es gibt da nämlich einen sehr bedeutsamen Unterschied in der Wahrnehmung, den man am besten mit dem Bild von einem Pool illustrieren kann (Foto: Unsplash): Dort gibt es schwimmende Menschen und solche, die nur am Rand sitzen. Beide mögen den Pool, aber Schwimmer*innen und Randsitzer*innen haben dennoch völlig unterschiedliche Wahrnehmungen dessen, was den Pool ausmacht. Die Frage, ob Wasser im Pool ist, spielt dabei nur für diejenigen eine Rolle, die auch reinspringen. Für sie ist es jedoch die zentrale Frage. Im Urheberrechtsstreit ist das Wasser das freie Internet. Der Pool verliert seinen Reiz, wenn er kein Wasser mehr hat. Wie soll man dann schwimmen? Menschen von der Randsitzer*innen-Fraktion verstehen diese Frage nicht, denn Wasser kennen sie kaum aus eigenem Erleben. Sie schwimmen nicht und sehen höchstens Mal die Wasserspritzer wenn einer der Schwimmer Arschbombe macht. Das ist dann vielleicht lustig, aber eine Ausnahme. Denn die Randsitzer*innen gehen nicht ins Wasser und verstehen deshalb auch nicht, warum die Schwimmer so einen Aufstand um das Wasser machen. Der Pool ist doch auch ohne Wasser schön – denken sie und wischen alle berechtigten Bedenken weg, die mit Uploadfiltern verbunden sind. Denn wer eh nichts hochlädt, kann sich vermutlich auch keine Probleme mit Uploadfiltern vorstellen.

Ich habe schon vor ein paar Jahren in einem SZ-Text über diesen digitalen Graben zwischen den aktiven und den passiven Internet-Nutzern geschrieben (hier kann man ihn nachlesen), doch jetzt droht dieser Unterschied zu einem Problem zu werden. Denn die Randsitzer haben ein Gesetz in Planung, das dazu führen könnte, dass das Wasser aus dem Pool verschwindet.

Simon Hurtz hat dazu gestern einen treffenden Kommentar geschrieben, der die zentralen Sorgen der Schwimmer*innen zusammenfasst, schon im Sommer hat Sascha Lobo auf den Punkt gebracht, dass der Glaube an „Erkennungsoftware“ den Verdacht nähert, dass hier jemand noch nie im Wasser war. Die Schwimmer*innen aller politischen Farben hingegen sind sich einig, dass Uploadfilter das Wasser im Pool bedrohen – und deshalb keine Lösung liefern.

Da sich im so genannten Trilog EU-Staaten, die Kommission und das Parlament gestern auf einen Kompromiss geeinigt haben, ist unwahrscheinlich, dass das Parlament, das darüber noch abstimmen wird, den Entwurf noch ablehnt. Es ist aber nicht unmöglich, darauf weist eine der Schwimmerinnen im EU-Parlament hin: Julia Reda hat heute einen Blogeintrag online gestellt, in dem sie beschreibt, was andere Schwimmer*innen jetzt tun können:

Die endgültige Abstimmung im Parlament findet nur wenige Wochen vor der Europawahl statt. Die meisten Abgeordneten – und jedenfalls sämtliche Parteien – würden gerne wiedergewählt werden. Die Artikel 11 und 13 werden dann fallen, wenn genug Wähler*innen sie zum Wahlkampfthema machen

Vielleicht besteht ein Ansatz für eine Lösung ja darin, die Randsitzer*innen mal zum Aufstehen zu bewegen und sie wie auf dem Bild oben an die Leiter am Pool zu begleiten. Wer dort steht, stellt schnell selber fest, dass es einen Unterschied macht, ob Wasser im Pool ist oder nicht wenn man gleich reinspringt!

Viel Spaß beim Schwimmen – so lange es noch geht

„Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original“ – Interview mit Florian Kuhlmann

Am Freitag lädt der Düsseldorfer Künstler Florian Kuhlmann zu einem metamodernen Ritual in die Galerie Falko Alexander nach Köln. Florian greift dabei auf Konzepte zurück, die mit der Idee von Kopie und Original in der digitalen Welt spielen. Deshalb habe ich ihm ein paar Fragen zu der Veranstaltung (1.2. 19 Uhr, Venloer Str. Köln ) gemailt.

Ihr plant ein metamodernes Ritual mit der Energie des Marktes. Erklär mal, was passieren wird: Was ist ein metamodernes Ritual?
Dirk, ich sag wie’s ist. Auch nach mehreren Jahren der intensiven Beschäftigung mit Metamoderne weiß ich nicht was das ist. Aber da ist eben nach wie vor das wirklich SEHR starke Gefühl, verbunden mit einer tiefen Ahnung, dass sie da ist und jetzt beginnt, die Metamoderne. Immer. Jetzt.
Und auch hier ganz ehrlich: ich mag das einfach, also den Glauben daran, dass etwas beginnt, etwas Neues und Großes anfängt, gerade jetzt und hier. Am besten eben eine neue Epoche. Das ist doch viel geiler als die dieser ganze reaktionär-depressive Post-Retro-Blick der mittlerweile so abgefeiert wird.

Um aber auf Deine Frage zurück zu kommen, ich weiß also nicht wirklich was ein metamodernes Ritual ist. Aber aus dem eben beschrieben schließe ich, dass das, was am Freitag passieren wird wohlzwangsläufig metamodern sein wird. Ich glaube da fest dran an dieses Bauchgefühl, weil fühlen ja auch einfach wieder viel wichtiger wird als wissen.
Wer sich dafür aber ernsthaft interessiert kann dazu gerne etwas mehr in meinem Buch ‚METAMODERNE WISSEN FÜHLEN SEIN‘ nach lesen.

Was den Ritual-Charakter angeht beziehe ich mich aber dann eben doch auf etabliertes Wissen und schlagen eine Brück in die Vergangenheit und moderne Gegenwart. In diesem Fall mit Hilfe von Walter Benjamin und sein bahnbrechenden Text ‚Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‘, den Du als Freund der Kopie natürlich kennst. Wer nicht, klickt hier bitte. Benjamin schreibt dort unter anderem „Mit anderen Worten: Der einzigartige Wert des »echten« Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte. Diese mag so vermittelt sein wie sie will.“
Bingo!

Und was hat das mit der Energie des Marktes zu tun?
Energie ist einfach überall und auf allen Ebenen relevant. Nicht nur mit Blick auf Strom, der sich über den Computer in Informationen, Daten, Bilder, Texte und wieder zurück verwandelt, der Sprache transportiert und zuweilen auch Gefühle, Stichwort Emojis.
Im Prinzip geht das aber natürlich weiter. Ökonomie ist ja im Grunde – George Bataille beschreibt das sehr schön in ‚Die Aufhebung der Ökonomie‘ – nichts anderes als ein permanente Transformation von Energienformen.

Nun ist der Markt, dieses mystisch metaphysische Wesen, dem wir mittlerweile übermenschliches Wissen und Weisheit zugestehen, derzeit die vorherrschende Metapher für ökonomische Prozesse. Und das wird auch so bleiben, solange Gesellschaft kapitalistisch organisierte ist und bleibt.

Aber dieser Kapitalismus ändert sich gerade mal wieder, Interwebs und Digitales spielen dabei eine zentrale Rolle, sie verändern die etablierten Energieströme, schaffen neue Verbindungen und neue Akteure betreten die globale Bühne. Zusätzlich sind wir, das Publikum, nun aber über das Netz und insbesondere die sozialen Netzwerke sowohl als Produzenten, als auch als Autoren und Distributoren viel stärker in diese Prozesse eingebunden.

Wodurch sich zwangsläufig auch die Nutzung von Bildern, Medien, Texten ändert und damit ganz selbstverständlich auch die Fragen und Antworten nach dem Umgang mit Original, Kopie und Unikat. Kontext und aktive Nutzung sind viel wichtiger geworden als die reine Betrachtung.

Kannst Du das Konzept von „Selling the“ mal im Detail erklären?
Es sind einige einfache Regeln, nach denen 16 gleiche Bilder die als 4×4 Tableau gehängt sind gehandelt werden. Das ganze basiert auf einem Projekt an dem ich die letzten Jahre gearbeitet habe, THE GIFT und dem daraus abgeleiteten Konzept sellingthe.net.

Während des Rituals wird die Edition aus 16 Bildern nach zwei festgelegten Regeln verkauft.
Regel Nr 1: der Preis für ein Bild verdoppelt sich jeweils zum vorherigen.
Regel Nr 2: der Käufer erhält sein Geld zurück erhält sobald ein weitere Käufer kauft.
Nach dem Kauf wird das Bild aus dem Rahmen entnommen, dem Käufer übergeben und zurück bleibt dort lediglich der Kaufbetrag und die Unterschrift von mir und dem Käufer.

Der Markt schreibt sich so über den Kaufprozess sukzessive in den Arbeit ein. Der Kaufprozess ist die einzigartige nicht reproduzierbare Handlung und definiert das Original. Am Ende des Projekts bleibt ein transformiertes Tableau zurück, in dem sich einige Bilder in Zahlen transformiert haben. Das ganze verweist damit auf ein Zitat von Guy Debord in ‚Die Gesellschaft des Spektakels‘: „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es zum Bild wird.“ Im Ritual machen wir dann quasi die Rückabwicklung des ganzen, also Bild wird Kapital, wird Zahl.
Und Zahlen sind bekanntlich das neue Kapital.

Was erwartest Du Dir von Freitag abend?
Eine gute Zeit. Bisschen gedanklichen Austauch mit anderen zu den Fragen der Ökonomie im Kontext von Kunst, Interwebs und Digital. Klar auch paar Scheine im Tausch für die Bilder. Mals ehen was passiert. Die ersten 7 bis 8 Bilder gehen erfahrungsgemäß ruckzuck weg. Danach wirds dann sehr schnell etwas teuer, mal sehen ob wir diesmal die Marke von 65.536 Euro knacken und alle Bilder in Zahl transfomiert bekommen.

Was sollten mehr Menschen wissen?
Wie eingangs gesagt, Nicht Wissen und vor allem Nix wissen müssen ist eh das neue Paradigma. Fühlen, ahnen und einfach Metamodern sein. Darum gehts doch. Der Rest erledigt sich eh von selbst. Liebe Grüße an den Shruggie!

Mehr über Florian Kuhlmanns Arbeit auf seiner Website. Mehr übers Kopieren in Zeiten der digitalen Vervielfältigung im Lob der Kopie

„Wir haben keine Schweigespirale, wir haben eine Meinungsspirale“

Ich habe Alf Frommer bestohlen. Der Creative Director aus Berlin hat in diesem Monat einen Begriff erfunden (und auf Facebook gepostet), den ich als Domain registriert habe. Ich möchte www.meinungsfreizeit.de ab sofort nutzen, um etwas Ruhe in besonders wilde Diskussionen zu bringen. Alf und ich kennen uns schon eine Weile – digital. Deshalb hat er mir den Diebstahl nicht nur gestattet, sondern auch ein paar Fragen zu der Wortneuschöpfung und zur Diskussionskultur im Netz beantwortet. (Freizeit-Symbolbild: Unsplash)

Wie bist du auf den Begriff Meinungsfreizeit gekommen?
Stefan Kretzschmar äußerte kürzlich, dass man nicht alles sagen darf in unserem Land. Die BILD sprang ihm bei und meinte, dass die Jury aus Sprachwissenschaftlern, die „Anti-Abschiebe-Industrie“ zum Unwort des Jahres wählte, im Grunde eine Sprachpolizei sei. Also eine Institution, die uns vorschreibt, was sagbar wäre oder nicht.

Aber eigentlich haben wir von allem zu viel Meinung. Es gibt keine Schweigespirale, sondern eine Meinungsspirale: zu jedem Thema werden auch die absonderlichsten Meinungen ausgedrückt. In letzter Zeit besonders von Journalisten: da ist dann „Nazis raus“ zum Beispiel grundgesetzwidrig oder man diskutiert das Pro & Contra der Menschenrettung im Mittelmeer.

Da dachte ich: Zeit für eine Auszeit von der Meinung. Jeder müsste das Recht haben, auch mal keine Meinung zu haben. Her mit der Meinungsfreizeit.

Du bist schon lange in sozialen Medien unterwegs. Welche Erfahrungen hast du da gemacht?
Es wird immer schwerer andere Meinungen zu respektieren. Ich merke das an mir selbst. Der Ton wird gleich rau oder man blockt Menschen mit anderen Ansichten. Wenn man mit denen an einem Tisch sitzen würde, könnte man da bestimmt ganz anders miteinander reden. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr bei „Deutschland spricht“ mitgemacht. Da konnte ich mit jemanden in Ruhe zwei Stunden sprechen, der teilweise vollkommen anderen Meinungen zu vielen Themen hatte. Die Akzeptanz ist da größer, als in den sozialen Medien. Das war richtig gut. Schließlich brauchen wir auch unterschiedliche Meinungen.

Unlängst hat Robert Habeck öffentlich seinen Abschied aus Twitter und Facebook verkündet. Kannst du das verstehen?
In seinem Fall ja. Schließlich ist Robert Habeck trotz seines Verzichtes ja nicht von Twitter und Facebook verschwunden. Der nutzt die Kanäle von Bündnis90/Die Grünen für seine Statements und Video-Botschaften. Er verliert also wenig und gewinnt noch die Filterfunktion seiner Berater. Ich denke zudem, dass er irgendwann zurückkehren wird.

Was könnte man tun, um die Debattenkultur auf FB und Twitter zu heben?
Debatten in sozialen Medien und gerade bei Twitter sind schwierig. Da haut man sich nur Slogans um die Ohren. Richtig diskutieren geht da nicht. Und wenn man mit manchen diskutiert, schalten sich deren Follower gleich ein: das können rechte Trolle sein, Netz-Feministinnen aber eben auch die Antifa. In dieser Kakophonie von Parolen wird jede Diskussion zu einem reinen Abwehrkampf.
Wahrscheinlich wäre daher ein Rückzug in den privaten Messenger bei Facebook oder in die DM-Funktion von Twitter sinnvoll. So kann man mit seinem Gegenüber reden und es schalten sich nicht gewollt oder ungewollt andere mit ein, die eine Debatte sofort zerstören. Wahrscheinlich schwierig umzusetzen.

Was würdest du jemanden raten, die oder der jetzt mit Social Media anfangen will?
Geh zu Instagram, da sind schöne Menschen und gude Laune. Scherz. Nichts bleibt so, wie es war. Was das heißt? Jetzt haben wir gerade eine angestrengte Stimmung auf Facebook und Twitter, aber das wird nicht so bleiben. Irgendwann ist die AfD-Erzählung, dass Geflüchtete unser schönes Deutschland zerstören auserzählt. Und eine immer noch größere Polarisierung mag ich mir nicht vorstellen. Selbst das nützt sich irgendwann ab.
Dann wird Twitter wieder zum neuen Instagram – mit guter Laune, aber weniger hübschen Menschen.

Hast du eine Follow-Empfehlung?
Mich. Noch ein Scherz. Aber mal zur Abwechslung ein guter von mir.
Ehrlich gesagt, gehört für mich der bekannte Netz-Denker und Journalist Dirk von Gehlen (kennst du den?) zu den absoluten Stimmen der Vernunft im Netz. Bestimmt steckt der auch in seiner Filterblase, aber die erscheint mir weniger polarisierend als viele andere. Und das ist doch heute schon wirklich viel wert.

Der Unterschied von Meinungsfreiheit zu Meinungsfreizeit besteht nur in einem Buchstaben. Das ist doch auch eine Twitter-Challenge, solche Wortpaare zu finden, oder? Hast du noch welche?
Globulisierung -> der Wunsch weltweite Probleme wie den Klimawandel durch Gegenmaßnahmen in homöopathischen Dosen zu lösen.

5% Würde, die -> scheitert die AfD trotz weit höherer Zustimmung bei Wahlen ständig dran

Müllenials -> die Generation Plastikmüll der um die 30-jährigen Deutschen, die ihren Müll trennt und dann nach Asien verschiffen lässt, damit es von dort im Meer landet.

Mehr über die Verwendung von Alfs Wortschöpfung unter meinungsfreizeit.de

Stellenausschreibung: Straßenbauer*in gesucht!

Ab sofort sucht die Aktionsgruppe Internetstraße Unterstützung bei dem Versuch, das Internet als menschheitshistorische Erfindung auf Straßenschildern zu würdigen (Foto: Unsplash)

Wir mögen das Internet als verbindendes Instrument der Völkerverständigung. Wir wollen nicht länger tatenlos zusehen wie das Image des Internet aus kommerziellen und politischen Interessen unterwandert wird. Wir wollen diesen Ort verteidigen und öffentlich seinen Wert sichtbar machen.

Dafür wollen wir das Internet auf Straßenschildern würdigen – in möglichst vielen Städten und Gemeinden soll es einen „Platz des Internet“, eine „Internet-Allee“ oder „Internet-Straße“ geben.

Diese Idee hat bereits erste Erfolge gezeigt, so dass wir sie jetzt weiter ausbauen wollen. Dafür suchen wir ehrenamtliche Unterstützung im Bereich Marketing und Kommunikation.

Hier das PDF der Stellenausschreibung runterladen – Hintergründe zum Projekt gibt es in dem Text Warum gibt es in Ihrer Stadt eigentlich keine Internetstrasse?

Dark Social Beratung

Dark ist englisch und heißt unbeleuchtet, dunkel. Als „Dark Social“ bezeichnet man seit dem Jahr 2012 jene Form von Social Media, die im Unsichbaren stattfindet: Alexix Madrigal schenkte der Welt damals den Begriff für die Interaktion in Newslettern und Messengern. Er wies damals darauf hin, dass die Verlinkung, die man in Facebook und Twitter macht, nur die Spitze des Eisbergs der sozialen Interaktion sei.

In den vergangenen Jahren widmete man dieser Spitze viel Aufmerksamkeit. Social Media galt vielen Menschen einzig als der Bereich, der sich in öffentlichen Netzwerken zuträgt. Dabei ist der weitaus größere Teil schon seit 2012 im Dunklen (Symbolbild: Unsplash). Damit ist keine Wertung gemeint, sondern lediglich die Tatsache, dass man in WhatsApp-Gruppen nicht reinschauen kann.

Dieser Teil der Social-Media-Kommunikation ist in den vergangenen Monaten nochmal angestiegen, sagen jüngste Studien. Was mich zu der Annahme verleitet, dass Dark Social ein wichtiger Trend des Jahres 2019 werden wird. Ich habe darüber unlängst in der SZ geschrieben und wurde zu dem Thema in den Zündfunk eingeladen. Der betreuende SZ-Kollege Jannis Brühl wies anschließend darauf hin, dass der meiste Traffic auf diesen Artikel über „dark social“ kam.

Ich glaube, dass wir uns auf zwei Ebenen mehr mit diesem Thema befassen müssen. Das bedeutet einerseits, dass wir Bewusstsein darüber schaffen, dass der vermeintlich private Austausch in Gruppen auch politische Wirkung haben kann. Und zum zweiten steckt auch für alle, die Öffentlichkeit suchen, in diesem Bereich eine große Chance. Denn der direkte Austausch zwischen Menschen (auf dem das Web ja im Kern basiert) ist ein bedeutsamer Faktor. Das kann man in Newsletter sehen (hier meinen zum Thema bestellen), aber eben auch in Gruppen in Telegram, WhatsApp, Threema oder Signal.

Ich mag Social-Media, Ihr kennt mich von meinen #GreatestHits „Das Land hat vielleicht eher ein Nazi- als ein Internet-Problem“

Das Jahr begann mit einer großen Debatte über all die negativen Seiten dessen, was man Social-Media nennt. Die Debatte über HateSpeech und schlechte Diskussionskultur bekommt viel mediale Aufmerksamkeit. Dass Social-Media auch sehr schöne Momente bereithält, merken die „Kritiker“ von außen häufig nicht.

Deshalb hänge ich mich heute kurz an das Meme #GreatestHits, das gerade durch Twitter läuft. Ausgehend vom angelsächsischen Sprachraum posten Nutzer*innen hier selbstironisch berufstypische Sätze (GreatestHits-Symbolbild: unsplash)

Das ist – ich sage das unironisch erfreut – ein großer Spaß. Denn auch prominentere Nutzer*innen springen auf das Meme auf und zeigen, dass sie durchaus Humor haben. Dorothee Bär, Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt, liefert zum Beispiel einen selbstironischen Beitrag (mit Spitze gegen ihren Parteikollegen Andreas Scheuer), auch Medien wie Deutschlandfunk Kultur melden sich auf humorvolle Weise zu Wort.

Ich finde das sehr lustig – und ich mag jeden weiteren Beitrag, der dazu kommt. Ja, auch dann wenn er „zu spät“ kommt und auch wenn er nicht mehr so cool ist, wie die Beiträge, die in den ersten Minuten kamen. Denn als Meme-Freund, der Social-Media mag, kommt man nicht umhin zu derartigen Wellen ebenfalls #GreatestHits zu sagen – sogar im Internet. Diese klingen dann so: „Nein, das wird nicht blöd, nur weil mehr Menschen mitmachen“ oder „Doch ich finde das lustig“ oder „Ja, das ist eigentlich bedeutungslos, aber eben deshalb toll“

Außerhalb des Internets klingen die #GreatestHits eines Internetfreundes eher so: „Das Land hat vielleicht eher ein Nazi- als ein Internet-Problem“ oder „Vielleicht werden gesellschaftliche Probleme durchs Netz eher sichtbar“ oder „Ja, ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was Facebook/Twitter macht“ und „Du weißt aber schon, dass das Internet mehr ist als Google, oder?“

Ich markier mir das jetzt mal – und verweise die Menschen darauf, wenn sie das nächste Mal darüber schimpfen wie schlimm alles ist im Internet. Bis dahin können sie ihre Zeit damit verbringen, sich an Quatsch-Memes wie den #GreatestHits zu erfreuen – oder zu verstehen, was der Unterschied zwischen Web und Internet ist….

„Wir möchten Ungewissheit und einen offenen Umgang mit Fehlern normalisieren“

Anfang des Jahres las ich im US-Magazin vox.com einen Bericht über die Leipziger Forscherin Julia Rohrer. Brian Resnik schrieb darin, sie wolle einen radikal neuen Ansatz zum Umgang mit Fehlern in der Wissenschaft etablieren. Denn Julia Rohrer hat mit einigen Kolleg*innen das Projekt Loss of Confidence ins Leben gerufen – in dem es um Ungewissheit in der Wissenschaft geht. Als Shruggie-Autor fand ich das so spannend, dass ich Julia Rohrer einige Fragen zu dem Projekt mailte, bei dem Wissenschaftler*innen noch bis 31. Januar Einsendungen tätigen können. (Unsicherheit-Symbolbild: Unsplash)

Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit, man hat das Gefühl, Menschen suchen mehr als je nach Gewissheit. Warum starten Sie genau einer solchen Zeit so ein Projekt?
Wir als Forscherinnen und Forscher streben natürlich danach, robuste Einsichten und Erklärungen zu generieren. Insofern ist Gewissheit natürlich eines unserer Ziele, aber der Weg dorthin ist voller Unsicherheiten: Messen wir tatsächlich das, was uns interessiert? Lassen sich die beobachteten Zusammenhänge nicht auch auf Alternativerklärungen zurückführen? Haben unsere Methoden systematische Probleme, die verhindern, dass wir die richtigen Antworten finden? Dieses kritische Hinterfragen ist ein wichtiges Werkzeug, damit man sich nicht selbst zum Narren macht.

Daran soll das Projekt erinnern?

In den letzten Jahren hat sich in der Psychologie die sogennante Replikationskrise entfaltet. Beispielsweise sieht es so aus, als würde die Wiederholung des möglichst exakt gleichen Experiments in vielen Fällen andere Ergebnisse liefern — das hat doch einige Leute eher überrascht. Wir haben eine Forschungskultur aufgebaut, in der Forschungsergebnisse, die mit großer Gewissheit präsentiert werden, höher geschätzt werden. So langsam lernen wir, dass das die falschen Anreize für die Wissenschaft setzt: Forscher werden belohnt, wenn sie die vielen Unsicherheiten des wissenschaftlichen Prozesses einfach verschweigen oder wenn sie sich selbst davon überzeugen, dass ihre Ergebnisse wasserdicht sind. Solche Angewohnheiten machen es schwerer, Fehler zu korrigieren oder aus ihnen zu lernen. So zu tun, als wären wir uns mit allem immer ganz sicher und hätten eh immer Recht kann also den unangenehmen Nebeneffekt haben, dass wir am Ende weniger wissen (und nicht mal merken, wenn wir daneben liegen).
Die Idee des Loss-of-Confidence Projects ist es, dagegen zu steuern. Wir möchten Ungewissheit und einen offenen Umgang mit Fehlern normalisieren.

Warum ist es wichtig, Unsicherheiten öffentlich anzusprechen?
Für mich gibt es mehrere Gründe, warum gerade Wissenschaftler und andere Personen, die Wissenschaft kommunizieren, in der Pflicht stehen, auch die Unsicherheit in den Ergebnissen öffentlich anzusprechen.
Erstens ist es nach meinem Verständnis schlicht und ergreifend Teil des Jobs: Forschung wird oft öffentlich finanziert, und damit entsteht eine Verpflichtung, die Öffentlichkeit angemessen zu informieren — und wenn man vor allem neuere wissenschaftliche Ergebnisse präsentiert, dann gehört da praktisch immer eine gewisse Unsicherheit dazu.

Und der zweite Grund?
Zweitens sehe ich auch durchaus, dass eine übermäßig enthusiastische und unkritische Darstellung von Forschungsergebnissen auch langfristig negative Folgen haben kann. Das klassische Beispiel dafür sind bestimmte Bereiche der Ernährungswissenschaften, die oft viel Medienaufmerksamkeit bekommen – nur leider widersprechen sich die Ergebnisse. Den einen Monat schützt Kaffee vor Krebs, den nächsten Monat verursacht Kaffee Krebs. Zumindest mir scheint es plausibel, dass manche Leute da auf die Idee kommen, dass Forscher sich ja eh nicht einigen können und man sie deswegen auch getrost ignorieren kann. Das hat das Risiko, dass gut fundierte wissenschaftliche Empfehlungen ignoriert werden. Dabei gibt es ja bei einigen Themen einen soliden wissenschaftlichen Konsens! Unsicherheiten kommen in unterschiedlichen Ausprägungen vor und wir müssen sicherstellen, dass das angemessen kommuniziert wird.

Wen wollen Sie mit Ihrem Projekt ansprechen?
In unserem Projekten bitten wir im Moment explizit nur um Einreichungen aus der Psychologie. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass wir in dem Bereich die Expertise haben, um die eingereichten Statements richtig einschätzen zu können. Da aber die zugrundeliegende Frage – wie gehen wir damit um, wenn Wissenschaftler selbst ihren eigenen Ergebnissen nicht mehr trauen? – auch andere Felder betrifft, hoffen wir, dass das Projekt auch für Nicht-Psychologen interessant ist.

Haben Sie bereits Einsendung erhalten? Wovon handeln diese?
In der aktuellen Version des Manuskriptes finden sich sechs Einsendungen; nachdem wir es online gestellt hatten haben wir aber noch ein paar weitere erhalten. Die Einsendungen kommen aus ganz unterschiedlichen Teilfeldern der Psychologie und sie bringen auch ganz unterschiedliche Themen auf. Dazu gehören konzeptuelle Probleme mit dem Design von Studien, ungeeignete statistische Analysen, das Verschweigen von unpassenden Ergebnissen.

Was passiert mit den Einsendungen nach Abschluss des Projekts?
Wir haben Ende letzten Jahres ein vorläufiges Manuskript online gestellt und erneut Psychologen aufgefordert, zum Projekt beizutragen falls es sie anspricht. Ende Januar werden wir die „Datensammlung“ offiziell beenden, uns in Ruhe anschauen was wir zugeschickt bekommen haben und dann das Manuskript nochmal überarbeiten und es bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift einreichen. Dabei werden alle Autoren von Einsendungen auch Autoren des Manuskriptes: Es ist uns wichtig, anzuerkennen, dass es eine Selbstkorrektur auch ein wissenschaftlicher Beitrag ist, der geschätzt werden sollte.

Mehr über das Projekt unter lossofconfidence.com – ich interessiere mich für diesen Umgang mit Fehlern und Ungewissheiten, weil mein aktuelles Buch davon handelt: ¯\_(ツ)_/¯